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archiv » Staatstheater Braunschweig (30)
Staatstheater Braunschweig

Wir wollen alle besoffen sein

von Jan Fischer

Braunschweig, 31. März 2017. Diese umhermäandernden Gespräche über das große Alles, an die man sich später nicht erinnert, die Menschen, die man geküsst hat, aber eigentlich nicht küssen wollte oder umgekehrt, die Wege, auf denen man sich torkelnd verlaufen hat und trotzdem irgendwie zuhause ankam.


Staatstheater Braunschweig

Der knallende Sound der Unschärfe

von Jan Fischer

Braunschweig, 25. September 2015. Der Chor, man kann das nicht anders sagen, knallt. Und "M(other) Courage" in Braunschweig besteht aus nichts anderem als Chor. 45 kurze Minuten, in denen größtenteils Bürgerinnen und Bürger der Stadt Braunschweig, unterstützt von sechs professionellen Schauspielern des Braunschweiger Ensembles, sich auf der Bühne in Sprachverschiebungen verausgaben.


Staatstheater Braunschweig

Die Welt, wie Max sie sah

von Michael Laages

Braunschweig, 16. Mai 2015. Alle Hürden sind aufgestellt; alle Komplikationen, die eine internationale und mehrsprachige Theater-Produktion naturgemäß so mit sich bringen kann, sind zu bewältigen, bevor dieses schwere Stück Arbeit zum Erfolg werden kann: Der Autor stammt aus Belgien, der Text ist ursprünglich französisch. Der Uraufführungsregisseur, ausgezeichnet beim Braunschweiger "Fast-Forward"-Festival vor bald zwei Jahren, ist ebenfalls Belgier, und das Stück, das er nun als Teil des Preises in Braunschweig inszeniert, soll nicht nur hier, sondern auch daheim in Lüttich am Theater gezeigt werden. Das Ensemble ist deutsch-belgisch gemischt, zweisprachig ist die Aufführung sowieso, sie braucht also zweierlei Übertitel; zur Struktur des Stückes gehört aber auch noch, dass (als Stück im Stück) eine dritte Sprache gesprochen wird: Englisch. Eine weitere Hürde für die "Szenarien" von Jean-Marie Piemme in Antoine Laubins Uraufführungsinszenierung.

Wie sich dann aber all das fügt zum Stück, von dem hier die Rede ist: das ist zum Staunen.


Staatstheater Braunschweig

Schrecklich verloren im digitalen Dschungel

von Alexander Kohlmann

Braunschweig, 23. April 2015. Wir haben uns in einem riesigen Wald verirrt. Erst sah er noch aus wie der Braunschweiger Stadtpark, aber inzwischen wuchert auf zwei Leinwänden auf der Bühne der kleinen Spielstätte Haus 3 ein immer dichter wachsendes Dickicht. Auch aus den Bodenluken holen die drei Schauspieler Pflanzen. Wie in "Die Welt ohne uns" sieht das aus, die Natur erobert die Bühne zurück.


Staatstheater Braunschweig

Im Papiergewitter

von Alexander Kohlmann

Braunschweig, 27. März 2015. Sie wollen sich ja so gerne assimilieren, die Menschen, die auf verschlungenen Wegen nach Deutschland gekommen sind. Wenn sie sich in deutsche Trachten schmeißen und sich Zuschauer zum Tanz greifen, ist in der volkstümlichen Deutschland-Folklore schnell vergessen, dass nichts von dem, was wir an diesem Abend sehen, echt ist. Denn die Migranten, die in "Fliehen & Forschen" von ihren Erfahrungen in Braunschweig berichten, sind keine Helden des Alltags, sondern Schauspieler.


Staatstheater Braunschweig

Geld oder Kinder?

von Jan Fischer

Braunschweig, 23. Oktober 2014. Die Hausbar ist – für alle, die nicht so oft im Staatstheater Braunschweig sind – nicht ganz einfach zu finden. Vier Treppen hoch zum zweiten Rang, einmal abbiegen, noch zwei Treppen hoch, der unscheinbare Eingang ganz rechts, irgendwo dort, wo es sich anfühlt, als sei das nun das Ende des Säulengebäudes, da ist sie.


Staatstheater Braunschweig

Bis die Kulisse in Fetzen hängt

von Jan Fischer

Braunschweig, 1. Oktober 2014. Am Anfang ist das Stroboskop. Helle, weiße Blitze, von der Decke kommen die Kostüme herunter gefahren, eine dreckig verzerrte Gitarre,
Ihr habt es nicht anders gewollt von Heisskalt. Alle ziehen sich in den Stroboskopblitzen Kostüme an, bemalen sich die Gesichter. Hamlet schaut nonchalant vom Bühnenrand aus zu.


Staatstheater Braunschweig

Kreisen um den dunklen Kern

von Jan Fischer

Braunschweig, 3. Juni 2014. Hitlerwitze gibt es genug, aber einen guten zu machen ist gar nicht so leicht. Denn obwohl die Figur Hitler an den Rändern ganz gut zur Witzfigur taugt – kleine Statur, dieser bekloppteste aller bekloppten Bärte, die öffentlichen epileptischen Schreikrämpfe – bleibt sie im Kern doch immer dunkel, psychopathisch, vernichtend.


Staatstheater Braunschweig

In Lügen lächeln

von Michael Laages

Braunschweig, 12. April 2014. Erstaunlich gut tut es an diesem Abend dem Ensemble und uns, dem Publikum, sich mal wieder wie zum ersten Mal einzulassen auf eines dieser Dramaturgie-Maschinchen, die in der Schreibwerkstatt von Henrik Ibsen gerattert haben müssen; gnadenlos und unausweichlich, nach Bau- und Schaltplänen, die nichts, aber auch gar nichts dem Zufall überlassen. Noch für das entlegenste Nebenröllchen findet sich gegen Ende ein anderer Baustein seinesgleichen – bis wirklich alles passt. Und gern steht dann am Ende – wie in "Die Wildente", entstanden vor 130 Jahren – die schlimmstmögliche "Lösung"; schon darum, weil sie keine ist.


Staatstheater Braunschweig

Unbezahlbarer Walzer der Liebe

von Alexander Kohlmann

Braunschweig, 20. März 2014. Am Ende bleibt oft nur noch die Musik. Wenn sich der Geist bereits tief in der Demenz verflüchtigt hat, sind alte Menschen immer noch empfänglich für Töne und Klänge. Sie sind noch da, aber sie sprechen nicht mehr unsere Sprache. Auf der Bühne des Staatstheater Braunschweig können die Alten nicht nur Musik hören, sondern auch mit Tönen kommunizieren. In ihren Rollstühlen spielen sie auf der Geige oder dem Cello. Sie zeigen mit zarten Harmonien, was sie immer noch empfinden. 


Staatstheater Braunschweig

Mister Fabulous

von Stephanie Drees

Braunschweig, 18. Januar 2014. Ach, Faber. Du hast es geschafft, du Teufelskerl. Gewiss: Du rauchst ein bisschen viel, und dein Teint war wohl auch mal frischer. Aber du bist ein echter Souverän deiner Zeit. Nebelschwaden kreisen um dich, und ein ganzes Horrorkabinett der Vergangenheit kommt aus den Löchern: Unten tragen sie Naziuniform, oben Zombie-Maske mit zerfressenem Kiefer. Besuch, der aussieht, als käme er direkt vom B-Movie-Set. Eine Dame trägt zum SS-Blazer Spitzen-Strapse, deinem verstorbenem Freund Joachim hängt ein Vorhang aus Bast vor dem vermodertem Gesicht. Und du bleibst cool.


Staatstheater Braunschweig

Migration in den Möglichkeitsraum

von Jan Fischer

Braunschweig, 12. September 2013. Draußen zieht die niedersächsische Ebene vorbei. Es ist dunkel. Vorhin, in Braunschweig, dachte ich zum ersten Mal in diesem Jahr: Herbst. Die ersten Blätter kleben auf dem nassen Beton.
Der Zug rollt, und während ich diese ersten Sätze schreibe, sehe ich schon die ersten Kommentare unter diesem Artikel vor mir: Was soll das? Was geht uns die Befindlichkeit des Kritikers an? Wo ist die Kritik?


Staatstheater Braunschweig

Hinter der Fassade

von Alexander Kohlmann

Braunschweig, 6. April 2013. In Braunschweig entpuppt sich die glorreiche Vergangenheit beim näheren Hinsehen manchmal als eine bloße Illusion. Ganz zu Beginn dieses langen Abends sehen wir auf der Bühne das alte Braunschweiger Stadtschloss. Irgendwann vor dem Zweiten Weltkrieg muss das Sepia-Dia aufgenommen worden sein, vor den verheerenden Zerstörungen und dem umstrittenen Abriss der immer noch ansehnlichen Ruine in den Nachkriegsjahren.


Staatstheater Braunschweig

Sumpf der großen Themen

von Stephanie Drees

Braunschweig, 14. März 2013. Plötzlich tauchen sie auf, erheben sich gemeinschaftlich aus ihrem nassen Grab. Da stehen sie nun und triefen. Ihr Meister Prospero ist aus seiner Lethargie befreit, hat seine Geister gerufen. Zwölf Jahre der aufgestauten Frustration hat er hinter sich und dürstet nach Taten. Der große Intellektuelle und Strippenzieher – auf einer abgelegenen Insel ist er in Hinsicht Machtausübung völlig unterfordert. Das äußere Erscheinungsbild des Zauberers und Phantasten Prospero aus Shakespeares "Sturm" kommt auf der Braunschweiger Staatstheaterbühne eher einem sozialverwaisten Bibliothekar als einem großen Herrscher nahe: Die Strähnen des lichten Haares eine Glatzendecke, die Hände in der Buntfaltenhose. So steht er am Rande, Herrscher über alle, die nun verschreckt aus dem Wasser ragen. Die Spiele können beginnen.


Staatstheater Braunschweig

Geschichtsreise aus der Music-Box

von Michael Laages

Braunschweig, 18. Januar 2013. Kein Stück ist das, nur ein Gedanke, nur der Entwurf davon, was ein Stück Theater werden kann. Das ist der entscheidende Charme, den "Das Ballhaus" nach einer Spiel-Idee von Claude Penchenat, Mitbegründer des Theatre du Soleil Mitte der 1960er Jahre und zehn Jahre später Leiter des Théâtre du Campagnol, des "Wühlmaus-Theaters" in Paris, besitzt.


Staatstheater Braunschweig

Karl der Käfer wurde nicht gefragt

von Jan Fischer

Braunschweig, 8. Dezember 2012. Braunschweig ist nicht Berlin. Was in diesem Fall wahrscheinlich auch nicht das schlechteste ist. Denn aus Berlin hört man ja – wie man eben immer diese Sachen aus Berlin hört –, dass alles schon wieder eine Stufe extremer ist, dass die Anti-Gentrifizierungsbewegung sich mittlerweile radikalisiert.


Staatstheater Braunschweig

Widersachertortenschlacht

von Tim Schomacker

Braunschweig, 11. November 2012. Im Grunde erfüllen die Texte von Elfriede Jelinek den mildernden Umstand der Notwehr. Was aus dem großen Da-Draußen an Schreck- und Wirrnissen heranschwappt an die stellvertretende Rezeptorin, ist in erster Linie Bild und Sprache. Und das muss sprachlich in Mangel und Schwitzkasten genommen werden. Darum auch die Kabarettismen im Wortwitz, derer man sich, zuschauend, gelegentlich mit einem leise gezischten "Autsch!" erwehren muss. Im Falle der "Kontrakte des Kaufmanns" müsste man sogar von Putativnotwehr sprechen. Denn das Trumm schreibt sich zwar von zwei österreichisch-finanziellen Real-Skandalen her, weist jedoch voraus auf reichlich Haupt- und Staatskrisen von Lehman Brothers bis Griechenland, von denen wir bisweilen glauben, sie lägen hinter uns. Nach einem Text über Förderungen (die von Öl nämlich, und wie man sie militärisch sichert: "Bambiland", 2003) entstand 2009 dieser über Forderungen. Fordern und Fördern.


Staatstheater Braunschweig

Der Clown ist fort

von Christian Rakow

Braunschweig, 6. Oktober 2012. Die Baubranche bringt sie alle auf Touren: Die Arme hochgekrempelt, packen ma's an, Jungs! Und Mädels! Mit Hochdruckreinigern säubern sie minutenlang den Leim von den Wänden, die eben noch durch schwarze Plastikbahnen verdunkelt waren (eine finstere Sackgasse hat Bühnenbildnerin Susanne Dieringer auf eine steil abfallende Spielfläche gebaut). Jetzt sollen die bunten Panoramalandschaftstapeten darunter wieder blühen, leuchten.


Staatstheater Braunschweig

Rockjunta auf Zypern

von Alexander Kohlmann

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Braunschweig, 17. März 2012. Wenn sich der eiserne Vorhang hebt, dringt gleißendes Licht in den Zuschauerraum. Irgendwo voraus, hinter den Nebelschwaden, liegt Zypern, die geschwungenen Formen eines Strandes (Bühne und Kostüme: Sigurður Óli Pálmason) kristallisieren sich heraus, ein Tür, ein Fenster, ein kleines Haus, an der fernen Künste – vielleicht.

Doch nicht mit Schiffen erreichen in Braunschweig Othellos Mannen den Ort der Tragödie, sondern mit einer Rockband, die in diesem Moment unüberhörbar ihre Segel setzt. Eine saufende und krakelende Truppe um ihren Anführer, den Schwarzen (Tobias Beyer), an dem nur Hose, T-Shirt und eine riesige Haarpracht schwarz sind.


Staatstheater Braunschweig
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Traumnovelle auf Speed

von Alexander Kohlmann

Braunschweig, 17. Dezember 2011. "Bitte achten Sie auf ihr Gepäck", schallt es zu Beginn immer wieder aus den Lautsprechern. Ein zurückgelassener Koffer an der Rampe hat die Aufmerksamkeit der Sicherheitsorgane erregt. Und mit unbeaufsichtigtem Gepäck spaßt man nicht in einer Zeit, in der gerne mal Bürgerrechte gegen die innere Sicherheit aufgerechnet werden. Das kann schnell teuer werden – weshalb Hans Adamski (Tobias Beyer), ein junger Yuppie-Unternehmer aus dem Hochglanzmilieu, sich dann beeilt, seinen Besitzanspruch durch zärtliches Streicheln deutlich zu markieren. Doch dass es in Marc Beckers neuem Stück bald nur noch am Rande um den Übergriff des allgegenwärtigen Sicherheitswahn auf unser Privatleben geht, zeigt sich spätestens, wenn wir erfahren, was sich im Inneren des Koffers verbirgt.


Staatstheater Braunschweig

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Amoklauf einer Pädagogin

von André Mumot

Braunschweig, 20. November 2011. Manchmal muss man auf den Wagen aufspringen, solange er noch richtig gut in Schwung ist. Wohl auch deshalb spielt das Staatstheater Braunschweig schon jetzt den durchschlagenden Theatererfolg der vergangenen Spielzeit nach, dessen Uraufführung noch in aller Munde ist. Eigentlich ist es ja sowieso kein Stück, sondern ein Phänomen, das alle Publikums- und Kritikernerven gleichzeitig in wohlwollende Wallung gebracht hat: "Verrücktes Blut", von Jens Hillje und Nurkan Erpulat geschrieben und von letzterem bei der Ruhrtriennale als Koproduktion mit dem Ballhaus Naunynstraße inszeniert, war jüngst in Mühlheim und beim Theatertreffen zu Gast, ist neben der Jelinekschen "Winterreise" von "Theater heute" zum deutschsprachigen Stück des Jahres gewählt worden – und darf jetzt, da die Hymnen noch nicht verklungen sind, zeigen, ob es auch in fremden Händen funktioniert.


Staatstheater Braunschweig

Die Tyrannei der Zärtlichkeit

von André Mumot

Braunschweig, 24. September 2011. Gesucht wird das ganz große Gefühl, eines das durch Mark und Bein geht, weil es wirklich echt sein könnte. Die gute Nachricht: Gegen Ende wird es dann gefunden. Es gibt da zum Beispiel eine Szene inmitten der tragischen Kabalen, die hauptsächlich pathetisch ist und die man selten hervorheben würde. Die Tochter gesteht ihrem Vater mit schwärmerischen Worten, dass sie vorhat, Selbstmord zu begehen, weil ihr Ferdinand sie für eine Hure hält.


Staatstheater Braunschweig
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Was stellst du dich so an, Elfriede?

von André Mumot

Braunschweig, 25. Mai 2011.  Es sind zwei rollbare Kleiderständer, die links und rechts den Bühnenraum begrenzen und sich feindlich gegenüberstehen: Auf der einen Seite, der männlichen, hängen bloß ein gelber Bauarbeiterhelm samt Werkzeuggürtel und eine Sammlung ineinander gesteckter roter Zwergenmützen. Auf der anderen aber, der weiblichen, drängen sich dicht an dicht die buntesten Kleider und Kostüme. Hier also soll das Schlachtfeld abgesteckt werden für die verfeindeten Geschlechter und überhaupt für alles Unvereinbare.


Staatstheater Braunschweig
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Und ewig lockt die Akustikgitarre

von Alexander Kohlmann

Braunschweig, 9. April 2011. Für einen Moment ist es ganz dunkel im Großen Haus des Braunschweiger Staatstheaters. Dann nämlich, wenn Medea den Koffer mit dem Goldenen Vlies öffnet, das wie eine hochgiftige Ladung Uran doppelt gesichert im Koffer und in einer eisernen Transportkiste liegt. In absoluter Dunkelheit erstrahlt ihr Gesicht in einem geheimnisvollen, gleißend-blauen Licht. Nur Sekunden später ist der Saal wieder hell und das dämonische Bild verschwunden, als wäre es nie da gewesen. Aber vielleicht – so denkt man – ist ja doch etwas dran an Medeas Zauberkräften, die in dieser nüchtern-sachlichen Inszenierung ansonsten ganz konsequent im Verborgenen oder eben eingesperrt in der Truhe bleiben.


Staatstheater Braunschweig

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Melodram im Freefall-Tower

von Alexander Kohlmann

Braunschweig, 22. Januar 2011. Warum sie sich nicht eine sichere Nummer heiraten würde? Einen, der einer geregelten Arbeit nachgeht und ihr Sicherheit zu geben vermag, fragt Julie ihre Freundin Marie in einer der Schlüsselszenen dieses Abends. Einen vielleicht, wie den in dieser Inszenierung omnipräsenten Friseur, der beharrlich um ihre Hand anhält und bereit ist, ihr eine solche sichere Existenz zu garantieren. Ja, warum nur, warum liebt Julie Liliom?


Staatstheater Braunschweig

Neuköllner Blutlustigkeit

von André Mumot

Braunschweig, 8. Oktober 2010. Uns kann es ja eigentlich schnurz sein, aber das Stück selbst stellt dann leider doch die Frage: Warum läuft der Lutz Amok? Das ist nämlich eigentlich ein ganz Lieber, der seine Flinten nur ehrfurchtsvoll sammelt, aber nie benutzen würde. Einer, der in Neukölln wohnt, und zwar im Erdgeschoss, und der Sozialwissenschaften studiert hat. Und weil das ja alles und nichts heißen kann, merkt sich das auch keiner, und selbst sein Kumpel Manni (Philipp Plessmann) bringt das immer durcheinander und behauptet, er habe Kulturwissenschaften studiert. Oder Medienwissenschaften. Oder Vergleichswissenschaften. Voilà: Der erste Running Gag.


Staatstheater Braunschweig

Identitätspiraten

von André Mumot

Braunschweig, 23. September 2010. Bevor dieser Abend zu sich finden kann, bevor er sich mit Wucht in seine Identitäts-Zerrüttungen wirft, will er erst einmal auf ziemlich fürchterliche Weise komisch sein. Vielleicht, weil sich seine Grundidee schon einmal als Komödienstoff bewährt hat: In "50 erste Dates" war es Drew Barrymore, die, mitten im goldigen Hollywood-Mainstream, ständig ihr Gedächtnis verlor, und um die Adam Sandler wieder und wieder neu werben musste.

In Anne Nathers Auftragswerk fürs Staatstheater Braunschweig, mit dem die neue Intendanz von Joachim Klement ihre erste Spielzeit eröffnet, geht es dem jungen, vom eigenen Werk angeekelten Schriftsteller Georg (Oliver Simon) nicht anders. Nach einer Preisverleihung, auf der er die ein oder andere Auster zu viel geschlürft hat, kommt ihm jedenfalls alle paar Minuten sein Kurzzeitgedächtnis abhanden. Und damit auch die Fähigkeit, zu schreiben.


Staatstheater Braunschweig

Das ist also Theaterspielen?

von André Mumot

Braunschweig, 8. Juni 2010. Wenn jemand im Publikum auch nur das leiseste Geräusch von sich gibt, unterbricht sich Bianca van der Schoot und schaut auf eine Weise auf, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Angeblich können Blicke ja nicht töten. Aber diese vielleicht schon, und deshalb halten alle Anwesenden vorsorglich den Atem an.


Staatstheater Braunschweig

Denkmalsockel unterm Arm

von Hartmut Krug

Braunschweig, 26. September 2008. Die Aufführung beginnt im Foyer mit einem seebärigen und zottelbärtigen Mann, der sich lautstark Gehör verschafft mit der Aufforderung, wir "Braven, Jungen, Kraftvollen" müssten stärker werden. Wenn er seine Pulloverärmel hinauf- und sein Hosenbein hochkrempelt, um stramme Bizeps und feste Waden zu zeigen, um gegen "labbriges Franzosenzeug" zu schimpfen und nach "Burschen, die Deutschlands Mönche sind, frisch, fromm, fröhlich und frei" zu rufen, dann ist dieser Streiter gegen Fürstenmacht vor allem eines: eine komische Figur.


Staatstheater Braunschweig

Fremdeln mit den Göttern

von Dirk Pilz

Braunschweig, 16. Februar 2008. Neunzig Minuten lang blieb der Saal hell erleuchtet, und dann, kurz vor Schluss: flusch!, große, tiefe Dunkelheit.

Na so was.

Da wurde anderthalb Stunden die Tragödie so ordentlich wie geschäftsmäßig verhandelt, hielten die Schlipsknoten und Frisuren, durfte die streng gescheitelte Botin zwar immerhin rauchen, aber nicht auf den Boden aschen, wurde Oedipus, er vor allem, auch schon mal laut, aber nie so, dass es unangenehm gewesen wäre, wurde also mitunter auch deftig geschrieen und hektisch über die leere Bühne gehastet, aber immer hübsch im Rahmen des Erträglichen und Nachvollziehbaren, nie maßlos, harsch, unbegreiflich.


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