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archiv » Theater Konstanz (30)
Theater Konstanz

Ade Tabu!

von Elisabeth Maier

Konstanz, 5. März 2017. Sie reden über Sex und Liebesspiele. Erotische Fantasien sprudeln nur so aus ihnen heraus. Nach sechs Ehejahren ist das junge Paar leidenschaftlich wie am ersten Tag. Tabus gibt es keine. Der Mann lässt sich den eigenen Samen auf der Zunge zergehen, der "wie Putzmittel" schmeckt. Nervös zupft die Frau im weißen Hochzeitskleid Blätter einer roten Rose ab. Bis ihr das Lächeln auf den kirschrot geschminkten Lippen gefriert, als sie von der Hochzeitsreise ins verschlafene US-Küstendorf Montauk redet. Da sind die Musterkinder des amerikanischen Traums bei einer Unfallflucht zu Mördern geworden.


Theater Konstanz

Mit Special Effect

von Elisabeth Maier

Konstanz, 8. Oktober 2016. "Nowhere Man" von den Beatles schallt aus einem nostalgischen Radiokasten. Ein Sprecher berichtet von den Truppen des Warschauer Pakts, die 1968 mit Panzern die Reformbewegung des "Prager Frühlings" niederschlugen. In diese zeitgeschichtliche Szenerie verpflanzt Neil LaBute Anton Tschechows "Onkel Wanja". Die russische Tragödie von Menschen in der Provinz inspiriert den in Europa wohl bekanntesten amerikanischen Dramatiker, über jüngere europäische Geschichte nachzudenken. Dieses "Umtopfen" hat etwas Erzwungenes. Denn LaButes Inszenierung bleibt trotz Retro-Stoffsesseln, Blumenkitsch und Geschichtsunterricht aus dem Lautsprecher vor allem eine psychologische Studie, wie die meisten Tschechow-Inszenierungen.


Theater Konstanz

Die Erotik des Hühnerschlachtens

von Elisabeth Maier

Konstanz, 9. April 2016. Vom Körper des Flüchtlings Mamal bleibt nichts als der Geruch saurer Gurken. Wie ein ausgestopftes Tier landet er in einem der Glaskästen auf der Bühne. Schnitt für Schnitt wird das, was von seinem Leben übrig bleibt, seziert. Der Autor und Übersetzer Mehdi Moradpour, der 2001 aus dem Iran floh und seitdem in Berlin lebt und arbeitet, erzählt in seinem Stück "Mumien. Ein Heimspiel" vom Verschwinden eines Menschen. Angst frisst sich in die Köpfe der Wegbegleiter, die sich an den Vermissten erinnern. Dabei erstarren sie selbst zum mumifizierten Präparat hinter sterilen Scheiben. Packend wie einen Thriller setzt der Andreas Bauer bei seiner Konstanzer Uraufführung den Text in Szene, bringt dabei aber zugleich dessen poetische Größe zum Tragen.


Theater Konstanz

Die Opfer der Medienschlachten

von Elisabeth Maier

Konstanz, 5. März 2016. Vor der Kamera zittert Judith, die den Feldherrn Holofernes töten und so ihr Volk retten will. Ein Reporter zerrt die sensible Frau in die Medienwelt. Er zwingt sie, innerste Gefühle zu offenbaren. Ein bisschen Emotionalität im Scheinwerferlicht sei normal, säuselt der Medienmann. Er ist bei Regisseur Thokozani Kapiri Dreh- und Angelpunkt des Geschehens. Er inszeniert Bilder, verkörpert in seinem Studio selbst etliche Rollen vom gescheiterten Liebhaber Ephraim bis zum Krieger. So stellt Kapiri, der Theatermann aus Malawi, der dort künstlerischer Leiter des Nanzikambe Arts Center ist, aus Hebbels Tragödie eine hoch aktuelle Studie über die Medialität von Krieg und Terror her.


Theater Konstanz

Faust zeigt Gefühle

von Elisabeth Maier

Konstanz, 27. November 2015. Das Böse steckt in Faust selbst, sagen Psychoanalytiker. Neu ist die Erkenntnis nicht. Wohl aber die radikal frische Art, wie die Konstanzer Oberspielleiterin Johanna Wehner Goethes Klassiker präsentiert. Der Gelehrte, der erkennen will, was die Welt im Innersten zusammenhält, wird von drei mephistophelischen Verführern verfolgt: Ganz im Sinne Freudscher Deutung streiten Es, Ich und Über-Ich um seine Seele. So viel Überbau könnte dröge werden, würden Wehner und ihr junges Team die Verse nicht grandios rocken. Zu Antonio Vecchios druckvollen elektronischen Soundfetzen tanzt Faust durch ein Labyrinth der Spaßgesellschaft.


Theater Konstanz

Der Aufbruch liegt im Suffkoma

von Elisabeth Maier

Konstanz, 3. Juni 2015. Ihre schriftstellerische Berufung habe sie durch die Maus Frederick aus dem gleichnamigen Kinderbuch gefunden, die das Sammeln von Gedanken schnöder Arbeit vorzog. Das behauptet die Schriftstellerin in Felicia Zellers "Einsam lehnen am Bekannten". Den selbstironischen Prosaband der in Stuttgart geborenen Autorin, die in Neukölln lebt, hat der ehemalige Ostberliner Punk und Regisseur Sascha Hawemann für das Theater Konstanz dramatisiert. 2011 hatte Regina Gyr das Ganze als "performativen Großstadt-Tingel-Tangel" im Heimathafen Neukölln uraufgeführt


Theater Konstanz

Konstanz liegt am Mississippi

von Thomas Rothschild

Konstanz, 12. April 2015. "Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie?", fragt Thomas Bernhard. Analog könnte man bei "F:inn" fragen: Ist das Theater? Die Frage ist ebenso unsinnig wie alle terminologischen Fragen, die sich als ontologische ausgeben. Am nächsten kommt "F:inn" jenen Ritualen, mit denen wir in meiner weit entfernten Jugend, also vor Erfindung der Nähmaschine, alljährlich am 16. Juni den Bloomsday begingen, indem wir reihum die Wiener Örtlichkeiten aufsuchten, die mit etwas Fantasie für die von Leopold Bloom frequentierten Dubliner Locations stehen konnten. Nur nannten wir das nicht Theater und erst recht nicht Reenactment, sondern Happening. Das Duo Kassettenkind, bestehend aus den Absolventen des Hildesheimer Studiengangs "Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis" Insa Schwartz und Lotte Schwarz, bezeichnet sein Stück, wie schon drei Vorläufer, als "Begehbares Hörspiel".


Theater Konstanz

Bruchlandung auf dem Mond

von Thomas Rothschild

Konstanz, 27. März 2015. Ein Scherzlied, das Jugendliche auf Klassenfahrten gerne singen, wenn die kollektive Hochstimmung über jeden intellektuellen Anspruch gesiegt hat, berichtet von einem "Mann, der sich Kolumbus nannt". Da heißt es unter anderem: "Das Volk am Land stand stumm und zag,/ Da sagt Kolumbus: Guten Tag!/ Ist hier vielleicht Amerika?/ Da schrien all Wilden: Ja!" Was man jetzt in der Spiegelhalle, der anmutig schäbigen Nebenspielstätte des Konstanzer Theaters, bestaunen kann, geht kaum über dieses Kinderlied hinaus.


Theater Konstanz

Wenn der Kotzbrocken tanzt

von Valeria Heintges

Konstanz, 30. Januar 2015. "Der Marsch der Kriege weicht dem Tanzschritt", prophezeit Richard, Herzog von Gloucester. Und dann beginnt er seinen Tanz der Gewalt. Es ist kein Friedenstanz, das merkt man sofort, so wie Ralf Beckords Richard da auf der Bühne des Konstanzer Stadttheaters steht, wie er jedes Wort genau setzt, sich seiner eigenen Fähigkeit zur Lüge und zur Täuschung voll bewusst. Das Wort "Friedenstrallalla" in der kalten, genauen Übersetzung von Thomas Brasch spuckt er aus wie etwas Faules, Ekelhaftes, Ansteckendes.


Theater Konstanz

Gläserne Menschen

von Elisabeth Maier

Konstanz, 1. November 2014. Der Krieg frisst sich wie ein Krebsgeschwür in den Alltag der Menschen in Tim Carlsons "Allwissen". Einen alles verschlingenden Überwachungsstaat zeigt das Stück des kanadischen Dramatikers und Mitbegründers der "Western Theatre Conspiracy" in Vancouver. Vor zehn Jahren wurde es uraufgeführt, damals reagierte Carlson mit dem auf den ersten Blick simpel gestrickten Drama auf die massiven Einschränkungen der Bürgerrechte, die die Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA und in Kanada nach sich zogen. Jetzt aber hat das dokumentarische Dialogstück seine wahre Aktualität gewonnen.


Theater Konstanz

Alptraumlandschaft Übersee

von Elisabeth Maier

Konstanz, 27. September 2014. Durch eine Alptraumlandschaft jagt Andrej Woron Karl Rossmann, den jungen Auswanderer aus Franz Kafkas Romanfragment "Amerika". Für den unvollendeten Text, in dem der Prager Schriftsteller Anfang des 20. Jahrhunderts ein geistiges Gefängnis kreierte, hat der polnische Bühnenbildner und Regisseur in der Spiegelhalle des Theaters Konstanz ein klaustrophobisches Zimmer konstruiert, unter dessen Decke ein schlichtes, schwarzes Holzkreuz hängt. Darin erlebt der 16-jährige Karl, den seine Eltern "wie eine Katze" verstoßen und mit dem Schiff nach Amerika schicken, die Kehrseite des amerikanischen Traums.


Theater Konstanz

Grenzgänge zwischen Himmel und Erde

von Elisabeth Maier

Konstanz, 27. Juni 2014. Weltgeschichte hat die kleine Stadt am Bodensee vor 600 Jahren mit dem Konzil von Konstanz (1414-1418) geschrieben, dessen Jubiläum sie jetzt feiert. König Sigismund und der so genannte Gegenpapst Johannes XXIII. wollten mit dem kirchenpolitischen Großereignis die Einheit der Kirche wiederherstellen. Während des Konzils wurde der böhmische Kirchenreformer Jan Hus 1415 in Konstanz mit seinen Schriften als Ketzer verbrannt.


Theater Konstanz

Immer unter Verdacht

von Thomas Rothschild

Konstanz, 7. Juni 2013. "Ich wähnte mich im äußeren Geltungskampf den auf der Bühne und in der Presse stets vorgezogenen jüdischen Schriftstellern mit meiner langsameren, tiefgründigeren, schwereren Art nicht gewachsen und hatte wie das hässliche graue Entlein das unbestimmte Gefühl, diese sogenannte 'moderne' Manier, mit der man dort den Erfolg machte, nicht zu können." So zitiert Ursula El-Akramy in ihrem Buch "Die Schwestern Berend. Geschichte einer Berliner Familie" Wilhelm von Scholz, der mit der jüdischen Schriftstellerin Alice Berend über Jahre hinweg befreundet gewesen war. Die Selbstaussage liefert einen aufschlussreichen Hinweis. Man musste und muss bis heute nicht von Haus aus ein überzeugter Antisemit sein, um antisemitische oder auch ganz allgemein fremdenfeindliche Maßnahmen zu begrüßen und zu unterstützen: Sie schaffen unliebsame Konkurrenz aus dem Wege.


Theater Konstanz

Sehnsüchte gefrieren im Packeis

von Elisabeth Maier

Konstanz, 15. Februar 2013. 39 Tage Dunkelheit brechen über die Menschen in einem verlassenen Dorf am Rande der Zivilisation herein. Nur die Alten sind geblieben. Sie dröhnen sich mit Fernsehflimmern zu. Die Jungen haben das ewige Eis längst verlassen. Allein die Verkäuferin Joana will nicht in die Stadt zurück.


Theater Konstanz

(Don't) help!

von Gerd Zahner

Konstanz, 8. Juni 2012. In Afrika ist die Zukunft gestorben. Entwicklungs-Hilfe, da sie in die Zukunft wirkt, ist also letztlich nur die Begräbnisfeier. Das wird auf der Konstanzer Bühne gespielt. Man war gespannt, ob man die Stimmen der afrikanischen Künstler heraushören könnte. Einen besonderen Ton. Oder eine neue Sicht. Drei Jahre hat das Theater Konstanz gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes und das Goetheinstitut mit Nanzikambe Arts (Blantryre, Malawi) zusammengearbeitet, herausgekommen ist am Ende der Versuch eines Stücks.


Theater Konstanz

altBlutiges Handygold

von Gerhard Zahner

Konstanz, 13. April 2012. Das Stück sollte immer mit folgender Vorgabe aufgeführt werden: Anstatt die Handys auszuschalten, sollten die Zuschauer aufgefordert werden, sie laut zu stellen, so dass jede Aufführung von Klingetönen zerrissen, das kontemplative Zuhören zerstört und der Genuss ein Theater zu besuchen grundsätzlich zunichte gemacht würde.


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Erziehung im winterlichen Schweden

von Gerd Zahner

Konstanz, 7. Oktober 2011. Und am Ende fällt tatsächlich Schnee aus feinen Papierschnitzeln auf die Bühne, nicht so weiß, wie der Schnee in Schweden und vor allem nicht so kalt. Genau diese Kälte ist es, die Portmanns Arbeit über Mankells Roman "Die rote Antilope" fehlt. Ein Kälte, wie das frühe Eis, durch das man noch hindurchschauen kann auf die fließende Welt, was diese noch dunkler und unendlich geheimnisvoller macht. Mankell hat für seinen Roman "Die rote Antilope" den Insektenforscher Hans Bengler, Kind des 19. Jahrhunderts, wie eine von Nietzsche gezeichnete Figur entworfen. Eine Figur, die an dem Bewusstsein der Gottlosigkeit verzweifelt und daher selbst beschließt, im Schöpferstatus Gottes zu sein.


Theater Konstanz
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Der Schauspieler als Regenmacher

von Gerhard Zahner

Konstanz, 16. Juni 2011. Es sind diese Nebensätze im Vorbeigehen, nach der Premiere, draußen auf dem Holzsteg, auf dem Weg zum Glasfoyer der Spiegelhalle. Die durchschnittliche Lebenserwartung in Malawi liegt bei 30 Jahren. Die Armut in diesem Binnenland im Südosten Afrikas ist unbeschreiblich.


Theater Konstanz
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Ein König im Kiesbett

von Gerhard Zahner

Konstanz, 20. Mai 2011. Wären wir Menschen geworden, hätte Shakespeare nie  den "Lear" geschrieben. So ist es irgendwie tröstlich, es nicht zu sein. Shakespeare sucht in seinen großen Stücken bekanntlich Sophokles' Nähe. Und so wie Aias, der aus dem Wahnsinn erwacht, muss auch König Lear zuerst aus dem Wahnsinn erwachen, um diese Welt und sich selbst erkennen zu können.


Theater Konstanz
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Wüste der Selbstbespiegelung

von Gerhard Zahner

Konstanz, 9. April 2011. Afrika macht man keine Geschenke. Das gilt auch für das Theater. Aber der Ort ist schön. Der Ausstellungsraum im Archäologischen Landesmuseum Konstanz dient als Bühne: eine hohe Glasfront und metallischer Fensterrahmen, dahinter liegen auf grauem Beton Schiffe aus dem Mittelalter, im Bodenseegrund aufgefunden. Und die Geschichte der Ausstellung erzählt, wie die Eichenschiffe, um Fracht zu tragen, immer bauchiger wurden, wie die Bootskunst wuchs am Marktbedarf, wie Efeu entlang einer Mauer, immer höher und dichter, und das Holz biegsamer werden musste.


Theater Konstanz
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Sich einem blind machenden Text verweigern

von Gerhard Zahner

Konstanz, 11. März 2011. Wann beginnt der Verrat an der Wirklichkeit? 2500 Jahre lang haben Dramatiker, Schriftsteller, die Geschichte nach Stoffen abgesucht, um sie, vor dem Abgrund stehend, als Beispiel zu inszenieren, für eine Welt im Beginnen oder Enden. Und irgendwann hat die Welt wohl selbst damit begonnen, nur noch diese Geschichten zu erzeugen, die inszenierungsfähig sind.


Theater Konstanz

An den Ufern der Lieder

von Gerhard Zahner

Konstanz, 4. Juli 2010. Jetzt also Albers. Hans Albers. Zuvor die Callas-Revue, die Knef, Piaf natürlich, Juhnke wäre offen, man sollte Belafonte, vielleicht sogar Jagger anschreiben, sie sollen sich beeilen. Das Publikum ist wie ein trivialer Orpheus, der in die Unterwelt steigt, und sich nach jedem Schatten umwendet, der schwerer als Erdenluft scheint. Es ist die neue Form von Totentanzreise. So auch in Konstanz.


Theater Konstanz

Ungerechtigkeit ist wie das Brot

von Gerhard Zahner

Konstanz, 2. Juli 2010. Konstanz glüht an diesem Juliabend. Draußen noch 28 Grad. Und dann betritt man den Saal, der Vorhang öffnet sich und ein kühler Stoß von Regenluft weht ins Publikum. Schwarz ist die Bühne. Der Regen fällt. Und es wird die Aufführung über regnen, regnen und regnen. Ja, davon erzählt dieses Stück, von denen, die im Regen stehen. 


Theater Konstanz

Im Haus des Missbrauchs

von Gerhard Zahner

Konstanz, 30. April 2010. Neil LaBute erzählt in "In a dark, dark House" vom Sterben der Seele. Vom Verlust der Kindheit und dem Verlust des Lebens. Er erzählt vom Missbrauch. In seiner Art.

Seine Dialoge sind rasch, beiläufig und die Ablenkung scheint die eigentliche Aufgabe von Worten. Aus dem Nichts brechen die Katastrophen ohne Vorwarnung herein. Die Figuren agieren mit Misstrauen, als würde ihnen augenblicklich in den Rücken geschossen, dabei ist man sich nie als Zuschauer sicher, wer schießt und wer getroffen wird. Nichts ist wahr. Nichts ist wiederholbar. Nichts kehrt zurück.


Theater Konstanz

Frau, Familie, Weltenbrand 

von Michael Laages

Konstanz, 29. November 2009. Der Trojanische Krieg findet statt. Und zwar in voller Länge – von kurz vor dem Anfang bis kurz nach dem Ende. Der flämische Dramatiker Tom Lanoye, der mit "Mama Medea" den Mythos neu beschrieb und einst die Vorlage lieferte für Luk Percevals legendäre Hamburger "Schlachten!"-Inszenierung (wofür er immerhin Shakespeares komplette "Rosenkriege"-Stücke in einen Theater-Tag zwang), hat einmal mehr eine monströse Masse an Material erzählerisch gebändigt.


Theater Konstanz

3:2 für den Kommunismus

von Michael Laages

Überlingen, 4. Juli 2009. Was für ein lieblicher Tod. Dona Cristina, der alten Lehrerin des kleinen Dorfes in der "Bassa", der italienischen Po-Ebene, ist es quasi mit dem letzten Atemzug gelungen, den ewigen Kampf zwischen Linken und Katholiken zu befrieden; allen im Dorfe hat sie ein Leben lang Lesen, Schreiben und ein bisschen Denken beigebracht, und nun nimmt sie den beiden Oberstreithähnen, dem Pfarrer und dem Bürgermeister, das Versprechen ab, von nun an gemeinsam für das kleine Gemeinwesen zu kämpfen.


Theater Konstanz

Die Revolution, die wir liebten

von Hartmut Krug

Konstanz, 9. Januar 2009. Die Beatles singen "A day in the life", und ein Mann – schwarze Hornbrille, Schnauzer, hohe Stirn, ernster Blick – gibt vor seinem bühnenhohen Foto und der Jahreszahl 1945 den Text seines Aufnahmeantrages für die Kommunistische Partei Italiens wieder. Trocken klingen die Worte, ernst ist der Sinn: Giangiacomo Feltrinelli, Sohn einer der reichsten Familien Italiens, will den Kampf der Arbeiterklasse gegen den Kapitalismus unterstützen.


Theater Konstanz

Am Rande der bewohnbaren Welt

von Michael Laages

Konstanz, 27. September 2008. Unpassender geht's eigentlich nicht – draußen am Hafen trägt der Spätsommerabend unübersehbar französische Farben: beim Pariser Volksfest ganz in rot und weiß und blau, mit Eiffelturm aus Neonlicht und Feuerwerk. Als das zum Finale über den See böllert, sind die beiden Toten längst von der Bühne geräumt – in der Spiegelhalle, wo mitten auf der Vergnügungsmeile des Konstanzer Seehafens das Junge Theater der Stadt zu Hause ist.


Theater Konstanz

Ein Schnitter namens Bürokrat

von Jürgen Reuß

Konstanz, 14. März 2008. Es geht familiär zu im Theater Konstanz. Lockere Sprüche zur spärlichen Beleuchtung im Klo, dass man den Strahl ja ertasten könne. Anschließend Händeschütteln. Man weiß, dass die beiden Plätze in der Vorderreihe leer bleiben, weil diese Abonnenten eh nie kämen. Selbst der Fremde erkennt gleich den Besucher wieder, der zuvor der einzige andere Gast im empfehlenswerten kleinen Restaurant mit Münsterblick gewesen ist. Später kam noch diese Familie mit dem seltsamen Zwölfjährigen dazu, der über seinen Parisaufenthalt dozierte wie ein Diplomatenkader von seiner fünfzehnten Auslandsstation


Theater Konstanz

Showdown mit Staatsfeindin

von Otto Paul Burkhardt

Konstanz, 28. Februar 2008. "S'schillert", heißt es momentan am Stadttheater. An drei Spielstätten läuft Schiller – ziemlich geballt und gezielt außerhalb der Gedenkjahre (nach 2005 steht 2009 schon der nächste Schiller-Rummel an) – das schärft den Blick.

Zum Beispiel "Maria Stuart" in der Spiegelhalle, einem Fabrikbau am Hafen. Britta Geister entrümpelt Schillers hochtrabendes Trauerspiel und kürzt das Personal auf die Hälfte – also nichts mit Amme, Kammerfrau, Arzt, Haushofmeister und dergleichen. Sie lässt eine skelettierte Strichfassung spielen, in der von Schillers fünfaktiger Haupt- und Staatsaktion nur ein knapp zweistündiges, konzentriertes Stück Sprechtheater übriggeblieben ist.

Ping-Pong der Worte

Die leere Bühne (Stephan Testi) ist eine längliche Kampfbahn, wie eine Planche beim Fechten. Die Zuschauer sitzen links und rechts davon. Wenn die oft an entgegengesetzten Enden stehenden Protagonisten sich ihre Gehässigkeiten in geschliffenen Dialogen an den Kopf werfen, wirkt das wie Wort-Ping-Pong – entsprechend pendeln die Köpfe der Zuschauer wie beim Tennis hin und her. Nur dass es hier nicht um Punkte, sondern ums Leben geht. Die letzte Begegnung zwischen Königin Elisabeth und ihrer seit 19 Jahren gefangen gesetzten Gegenspielerin Maria Stuart, der Königin von Schottland, findet also in einer Art Kampfarena statt. Als Wort-Duell. Als Showdown ohne Waffen.

Doch Britta Geister mischt die gewohnte Geschlechterkonstellation (zwei starke Herrscherinnen, umgeben von zwielichtigen männlichen Beratern) deutlich auf. In der Konstanzer Fassung sind drei Schiller-Figuren zu Frauen umgemodelt worden, so dass wir es nun mit einer Gräfin von Shrewsbury, einer Baronin von Burleigh und einer Staatssekretärin Davison zu tun haben. Kurz, auch die Einflüsterer sind nun mehrheitlich weiblich.

Maria als asketische Religionskriegerin

Britta Geister will offenbar weg von einer Lesart, die Mann-Frau-Gegensätze in den Vordergrund rückt. Sie inszeniert einen abstrakten Fall, der, aller zeitgebundenen Details entledigt, jederzeit auch heute so denkbar wäre. In Konstanz ist das alles nun als karges, konzentriertes, solides Schauspielertheater zu sehen. Zwar kann die Spannungshöhe nicht durchweg gehalten werden. Doch Britta Geisters Inszenierung überzeugt trotz einzelner Durststrecken letztlich durch ruhige, unbestechliche Genauigkeit in der psychologischen Personenführung. Und immer steht die Schiller’sche Skepsis im Zentrum, sein Zweifeln an der Möglichkeit moralischen, politischen Handelns. Geister stellt Menschen auf die Bühne, die eher Opfer als Beherrscher ihrer Leidenschaften sind.

Auch mit liebgewonnenen Klischees – hier die zugeknöpfte Elisabeth, dort die sinnliche Maria – will die Regisseurin nichts zu tun haben. Kristin Muthwill ist Maria Stuart – eine eher asketische Staatsfeindin in Schwarz, eine Ex-Mörderin und Religionskriegerin, in der ein Feuer brennt: der Hass auf das puritanische Herrscherhaus. Nur selten löst sich Muthwills Maria aus ihrem Märtyrerinnen-Gestus – etwa, wenn sie die Pumps wegwirft und sich um die eigene Achse drehend "frei und glücklich träumen" will.

Elisabeth mit eruptiver Erotik

Anders Anja Panse, sie zeichnet ihre Elisabeth mit langen blonden Haaren als respektgewohnte Lady im blauen Königinnen-Kostüm. Mit einer unterdrückten, aber eruptiven Erotik: Ihren Lover, den Grafen von Leicester, greift sie sich lustvoll in stürmischer Umarmung. Die finale Begegnung der beiden Königinnen läuft in Konstanz übrigens nicht als quotenbringendes Zickenduell ab: Anfangs streichelt Panses überlegene Elisabeth der Kontrahentin noch nachdenklich die Wange, doch am Ende siegt Muthwills Maria, die sich ihr Leiden aus der Seele brüllt.

Moderne Kostüme, aber keine wohlfeilen Aktualisierungen. Eine Staatsfeindin in der Gewalt des herrschenden Systems – eine Bedrohung, auf die der Staat mit der Einschränkung von verbrieften Rechten reagiert: Bezüge zu heute ergeben sich da sowieso wie von selbst.

Drehtüren und doppelte Moralbegriffe

Graf von Leicester ist bei Ingo Biermann ein aalglatter Opportunist, der selbst nach der Entdeckung seines riskanten Doppelspiels noch den seriösen Gentleman mimt. Theresa Berlages Hardliner-Baronin von Burleigh, Nico Selbachs hitziger Mortimer oder Jana Alexia Rödigers mit der Vollstreckung betraute und angesichts dieser Verantwortung völlig verängstigte Staatssekretärin Davison – Britta Geister karikiert nicht, sondern lässt jeder Figur ihre verletzliche Würde.

Am Rande der Kampfarena sind Drehtüren aufgebaut, die genauso flexibel rotieren wie die doppelten Moralbegriffe der Protagonisten. Und überall Spiegel, in denen sich alle irgendwann einmal betrachten, als müssten sie prüfen, ob ihnen ihr gesellschaftliches Rollenspiel auch einigermaßen gut steht. Oder als müssten sie prüfen, ob sie’s noch wirklich selber sind – nach all den Leiden und Kämpfen, Verbiegungen und Verletzungen.

 


Maria Stuart
von Friedrich Schiller
Regie: Britta Geister, Bühne: Stephan Testi, Kostüme: Justina Klimczyk.
Mit: Anja Panse, Ingo Biermann, Jana Alexia Rödiger, Kristin Muthwill, Nico Selbach, Otto Edelmann, Susi Wirth, Theresa Berlage.

www.theaterkonstanz.de

 
Kritikenrundschau

In der Thurgauer Zeitung (1.3.) schreibt Brigitte Elsner-Heller: "Die unbedingte Zuspitzung auf die beiden Frauen findet in der Konstanzer Inszenierung ihre Grenze in der Besetzung: so sind Elisabeths Berater Burleigh und Shrewsbury mit Schauspielerinnen besetzt, die allerdings «männlich» hart und verschlossen auftreten. Politisch korrekt mag es in der Gegenwart schon sein, die Rollen von Frauen und Männern innerhalb von Machtgefügen zu hinterfragen, dem Schillerschen Drama tut der Schachzug allerdings weniger gut." Und die beiden großen Frauenrollen? "Gross angelegt wurden sie in der Spiegelhalle durchaus, trotzdem bleibt das Spiel von Kristin Muthwill und Anja Panse merkwürdig kalt, der Zuschauer kann auf seinem Beobachterposten bleiben und ruhig dem Schafott entgegenblicken."

Man wisse nicht recht, schreibt Maria Schorpp im Konstanzer Südkurier (1.3.), "wieweit man psychologisch gestimmt sein soll, wenn man Britta Geisters 'Maria Stuart'-Inszenierung anschaut. Wie Anja Panse und Kristin Muthwill spielen, sind sie als Personen jedenfalls ausgefeilt. Weder ist Panses Elisabeth die reine kopfbestimmte Machtpolitikerin, noch hat Muthwills Maria wirklich das Zeug zur Königin der Herzen." Wie "Eruptionen" stiegen die Gefühle in den "von äußerer Beherrschtheit gezeichneten Figuren hoch", es seien "Ausbrüche, von denen sie überfallen werden", ein "aufregender Zweikampf zwischen Selbstkontrolle und Gefühlsausbruch". Viele "einzelne Denkansätze und Sichtweisen und ein gut gestimmtes Ensemble" gefielen in der Inszenierung. Einige "dunkle Stellen" finden sich in der Besetzung der Männerrollen mit Frauen: "Ganz davon abgesehen, dass Theresa Berlage und Susi Wirth die Politberater überzeugend mit dieser kalten Sachlichkeit ausstatten, weiß man nicht so recht, was die Regisseurin einem damit sagen will."


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