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archiv » PACT Zollverein Essen (13)
PACT Zollverein Essen

Schlimmer geht immer

von Dorothea Marcus

Essen, 28. April 2017. Es beginnt mit nichts weniger als gleich fünf Atomexplosionen. Und einem Autounfall. Und einem von der Brücke fallenden Zug. Forced Entertainment, jene Pioniere des europäischen Experimentaltheaters, forschen auch in ihrer neuen Arbeit an der Darstellbarkeit von Welt auf der Bühne durch Sprache plus reine Imagination des Zuschauers. Das absolut Verehrungswürdige an ihnen ist: Sie schaffen es mit schlichtesten Mitteln, den medial heruntergekommenen Zustand der Gesellschaft auf den Punkt zu bringen – und philosophische Diskursfeuerwerke im Zuschauerkopf zu entzünden. In der bizarren Game-Show Real Magic, mit der sie 2017 erstmals zum Berliner Theatertreffen eingeladen sind, erzählt ein Dauerloop aus sechs Dialogfetzen alles über Vergeblichkeit und die innere Gefangenschaft des heutigen Menschen, der sich zu Tode amüsiert.


PACT Zollverein Essen

Beckett meets Trash-TV

von Sascha Westphal

Essen, 4. Mai 2016. Mit der Magie ist es so eine Sache und mit dem Gedankenlesen erst recht. Aber eins steht außer Frage: Claire, Richard und Jerry geben sich die größte Mühe. Dazu zwingen sie allerdings schon die äußeren Umstände. Die drei sind nämlich in einer bizarren Game-Show gelandet, aus der es offensichtlich kein Entkommen gibt. Die ganze Welt schrumpft in "Real Magic" auf ein ziemlich schäbiges Bühnen- oder auch Fernsehset zusammen. Auf einem grünen Filzteppich steht ein einzelner Stuhl und daneben ein Mikrophon samt Ständer. Umgeben ist dieses Kunstrasen-Eiland von sechs an Ständern montierten Neonröhren, die eine Art Halbkreis um die Spielfläche bilden. Außerdem gibt es noch zwei weitere Stühle und ein paar Kostüme.


PACT Zollverein Essen

Lost in Amnesia

von Friederike Felbeck

Essen, 14. November 2014. Ein schlaksiger Mann tritt vor das Publikum und entschuldigt sich mit leiser Stimme. Er leidet an periodisch wiederkehrendem Gedächtnisverlust und kann den Vortrag des heutigen Abends nicht wie ursprünglich geplant halten. Er hält einen Programmzettel in den Händen, aus dem er vorliest. Der Text beschreibt eine Performance, die hätte stattfinden sollen. Ratlosigkeit steht auf seinem Gesicht, er verhaspelt sich, kratzt sich am Kopf, fährt mehrfach mit der Hand über seinen Mund und schlägt vor, man könne ja gemeinsam die Vorstellung rekonstruieren.


PACT Zollverein Essen

Kriegskinderbuchgeschichten

von Friederike Felbeck

Essen, 9. Mai 2014. Mitten in einem ungenannten Krieg setzt die eigene Mutter ihre beiden Zwillingssöhne bei der Großmutter ab. Die beiden Jungen landen in einem kleinen Ort, wo jeder jeden kennt. Die Großmutter nennt man dort nur "die Hexe", weil sie ihren Ehemann vergiftet haben soll, an dessen Grab sie täglich wacht. Die Jungen beschreiben die Topographie ihres neuen unwirtlichen Zuhauses, das ihnen alle Bequemlichkeiten der Stadt, aber auch die zärtliche Zuwendung ihrer Mutter entzieht. Bald härten sie sich selbst ab, körperlich wie mental, um die Unbill durchzustehen. Als die Schulen geschlossen werden, unterrichten sie sich im Selbststudium.


PACT Zollverein Essen

Vom Leid im Licht der Städte

von Sarah Heppekausen

Essen, 16. April 2013. Einmal bewegt sich ohne ein Zutun die Marshmallow-Tüte, sie rutscht ein wenig tiefer in sich zusammen. Völlig unspektakulär eigentlich. Ähnliches passiert im Alltag ständig und bleibt in der Regel unbemerkt. Nicht so bei Philippe Quesne. Da wird das kleine Knistern zu einem Ereignis, das Beachtung verdient. Zwei der Schauspielerinnen verharren kurz und regungslos in der Beobachtung dieser Tüte. Nicht, weil eine Dramaturgie das so vorgibt. Vielmehr, weil die Bühnenatmosphäre eben eine mit Aufmerksamkeitsüberschusssyndrom ist.


PACT Zollverein Essen

Im Nebel zu wandern

von Esther Boldt

Essen, 16. November 2012. Als der große Moment kommt, tritt ein leiser Seh-Schock ein. Bis dahin war alles Imagination, das Spektakel wurde vollständig ins Hirn des Zuschauers verlagert, während auf der Bühne nichts Derartiges geschah. Doch dann, nach fast 70 Minuten optischer Dürre, zieht Nebel auf. Hängt wie eine sachte Wolke mitten im Raum, sammelt sich zu kleinen Säulen unter den Scheinwerfern und verschluckt schließlich restlos die drei Performer für ihren großen Abgang.


PACT Zollverein Essen

alt

Alles für die Fiktion

von Sarah Heppekausen

Essen, 23. Mai 2012. Eine einzige Geschichte zu erzählen – eine Geschichte mit einem Charakter, der sich entwickelt und mit einer Handlung, deren Anfang und Ende klar definiert sind – das ist nicht die Sache von Forced Entertainment. Denken die britischen Performer um Regisseur Tim Etchells über eine Erzählung für die Bühne nach, dann wird das Erzählen selbst bühnentauglich. Die Frage ist nicht, welche Geschichte hier erzählt wird. Die Frage ist, was passiert, wenn jemand erzählt. Nicht der Inhalt macht dieses Theater, der Modus macht es.


PACT Zollverein Essen
alt

In der wunden Landschaft der Seele

von Sarah Heppekausen

Essen, 7. Juli 2011. Der süßlich-blumige Duft ist hartnäckig. Sie haben das Programmheft damit eingesprüht. Wer darin liest, wird so nicht nur intellektuell mit Informationen versorgt, sondern auch sinnlich gereizt. Violet – Veilchenduft. Von romantischer Süßlichkeit ist dieser Abend, ist die für ihre radikalen und schonungslosen Choreografien bekannte Meg Stuart allerdings weit entfernt. In der Aromatherapie heißt es, Veilchenduft wirke gegen Aggressionen und seelische Wunden. Das passt schon besser.


PACT Zollverein Essen

Verfangen in Tom-Waits-Melancholie

von Sarah Heppekausen

Essen, 29. Oktober 2010. Michael Laub hat ihnen eine Leinwand als Bühne gegeben. Den 17 Frauen, die er bei einem Casting in Istanbul aus 200 Aspiranten für seine Porträtserie ausgesucht hat. Eine Leinwand wie aus dem Fotostudio. Mal in Weiß, mal in Schwarz, Rosa oder Gold rollt die sich formgebend hinter und unter den Frauen wie ein Bilderrahmen um Familienaufnahmen. Nur macht ein Rahmen allein noch kein gutes Foto.


PACT Zollverein Essen

Tänzchen mit dem Leerverkauf

von Esther Boldt

Essen, 19. Mai 2010. Das Leben im Spätkapitalismus ist eine Party. Das Haar der Gäste ist verfilzt, ihre Kleider sind zu kurz, und ihre Stimmen gellen verfremdet aus dem Lautsprecher. Sie tanzen ekstatisch und erschöpfend zu japanischem Sixties-Pop, der wiederum US-amerikanischen Pop kopiert und so bizarr fremd-vertraut klingt: Die westliche Populärkultur, lost in translation.


PACT Zollverein Essen

Bohrung in 3500 Jahre Tiefe

von Ulrike Gondorf

Essen 22. Januar 2009. König Tut mit seiner goldenen Maske wird sich nicht verirren in diese weitläufige Industriehalle unter dem Förderturm der Zeche Zollverein. Für folkloristische Pharaonenspektakel sind offensichtlich keine Vorkehrungen getroffen. Die Spielfläche ist ein quadratisches Feld, belegt mit groben Schottersteinen, eingerahmt von Scheinwerfern und begrenzt von einer weißen Projektionsfläche. Auf einer Seite vier beleuchtete Stehpulte, auf der anderen haben die acht Musiker vom Ensemble Folkwang modern Platz genommen, für die Günter Steinke die Partitur zu "Osiris – mit den Toten reden" komponiert hat.


PACT Zollverein Essen

Das Haus mit vielen Talenten

von Esther Boldt

Essen, Dezember 2008. Zum Tanzen braucht es keine Bühne. Selbst wenn man sich im Moskauer Bolshoi-Theater befindet. Genauer: In dessen Keller, in den Igor Stromajer und sein Kompagnon Brane Zormann 2002 eingestiegen sind, um dort einen ebenso hingebungsvollen wie anarchischen Tanz aufzuführen. Fast tausend Zuschauer verfolgten dieses Tänzchen live übers Internet, ebenso wie andere Performances von "ballettikka internettikka". Wenn die beiden slowenischen Künstler sich legal oder illegal Zutritt zu Baustellen, Firmen- oder eben Theatergebäuden verschaffen, um dort zu performen, changieren ihre Projekte zwischen Netzkunst, Performance und Guerilla-Taktik.


PACT Zollverein Essen

Die Show findet nicht statt

von Esther Boldt

Essen, 15. Mai 2008. Der Tod trägt einen schwarzen Jogginganzug. Darauf ist ein weißes Skelett gemalt, am hinteren Hosenbund schaut demonstrativ das Schildchen raus. Er schlendert auf die Bühne, kratzt sich den wohlgenährten Bauch und erzählt erst einmal, dass die Atmosphäre nicht stimme. Die Anheizer hätten das Publikum schon mal in Stimmung bringen sollen, die Band sollte leise, aber hörbar aufspielen, die Erwartung solle langsam steigen, bis er, ja ER die Showtreppe herab komme. Manchmal wisse er selbst nicht, ob er der Richtige für den Job sei, und überhaupt: "What's the point of theatre?"


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