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archiv » Ruhrfestspiele Recklinghausen (68)
Ruhrfestspiele Recklinghausen

Tanz der Flachpfeifen

von Stefan Keim

Recklinghausen, 9. Juni. Vielleicht sollte man so tun, als hätte es diesen Abend gar nicht gegeben. Denn es tut weh, darüber zu schreiben, wie viel Begabung hier vergeudet wurde. Aber sie ist nun in der Welt, die Nicht-Aufführung von Elias Canettis "Hochzeit", die bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen Premiere hatte und ans Deutsche Theater nach Berlin weiter wandert.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Kapitalismus. Ein Kinderspiel

von Sascha Westphal

Recklinghausen, 1. Juni 2017. Amanda meint es gut. Eigentlich hat sie nur das Beste für ihren dahinsiechenden Großvater im Sinn. Während sich seine Kinder nicht einigen können, wer ihn während seiner letzten Tage bei sich aufnimmt, und ihn über ihre Diskussionen und Befindlichkeiten praktisch vergessen, ergreift seine 24-jährige Enkelin die Initiative. Amanda entführt ihren Opa kurzerhand und sucht Hilfe bei ihrer Cousine Lolo und ihren beiden Cousins, Carlo und Vince.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Der Fünfte stirbt

von Cornelia Fiedler

Recklinghausen, 31. Mai 2017. Nur zweimal wird das Schweigen gebrochen an diesem langsamen, dunkel meditativen Abend. Einmal durch ein iPhone. Es erzählt iPhone-Witze, und zwar spaßfrei, Beispiel: "Zwei iPhones sitzen an der Bar, den Rest habe ich vergessen." Das zweite Mal durch eine Kinderstimme aus dem Off, während sich die Erwachsenen zum Familienfoto aufstellen. Sie singt ruhig, fast monoton ein Lied, das nach dem klassischen Abzählreim-Prinzip funktioniert: "Der älteste Hase ist krank, der zweite kommt ihn besuchen" und so weiter. Dann allerdings ist es der fünfte Hase, der plötzlich stirbt. Sechs, Sieben und Acht begraben ihn. Unwillkürlich will das Gehirn dazu das dumpf rassistische Lied von den "Zehn kleinen N***lein" abspulen, oh nein, alles bloß das nicht! Also schnell ausgeblendet und aufs Stück konzentriert. Hier nämlich nehmen die Kinderverse, nachzulesen auf Handzetteln mit der deutschen Übersetzung, eine unerwartet liebevolle, melancholische Wendung: "Der neunte sitzt auf dem Boden und weint, der zehnte fragt ihn warum, der neunte sagt: der fünfte ist gegangen und kommt nie mehr zurück."


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Ich geh' keinen Schritt auf Eurem Nuttensteg

von Martin Krumbholz

Recklinghausen, 26. Mai 2017. In diesen Tagen jährt sich zum fünfzigsten Mal die Erschießung von Benno Ohnesorg – das Fanal der Studentenrevolte. Ein knappes Jahr später, 1968, geschah das Attentat auf Rudi Dutschke, der an den Spätfolgen ebenfalls starb. Bachmann, der Schütze, der Dutschke am Ku'damm vom Fahrrad schoss, war ein eifriger Leser der Bild-Zeitung. Dutschke besuchte den Mann in seiner Zelle.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Fight Club Wunstorf

von Friederike Felbeck

Recklinghausen, 25. Mai 2017. Wer kennt sie nicht die von grölenden Fans überbordenden Straßenbahnen und Regionalzüge des Ruhrgebiets, die ihre Anhänger vor den Vereinen der Region ausschütten und die vorab, seitdem in vielen Stadien ein Glas- und Alkoholverbot herrscht, "vorglühen" und sich so richtig schön warmlaufen. Ein zwar lauter aber heiterer Spaß, der nur manchmal umkippt und aus dem Nachmittagsvergnügen eine übergriffige, sexistische, ausländerfeindliche Gefahr werden lässt.


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Hänsel und Gretel in der Großstadt

von Sascha Westphal

Recklinghausen, 20. Mai 2017. Auf den Probenfotos, die das Deutsche Theater auf seiner Webseite und im Programmheft zu Alexander Riemenschneiders Inszenierung veröffentlicht hat, fallen einem sofort die großen roten Flecken auf Kotti Yuns und Thorsten Hierses Wangen ins Auge. Das dunkle Rot akzentuiert nicht nur die weiße Schminke, die ihre Gesichter bedeckt. Es weckt zudem Erinnerungen an die Masken der japanischen Nō-Spiel und an die Gesichter der Schauspielerinnen und Schauspieler im Kabuki-Theater.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Die Banalität gezielter Tötungen

von Sascha Westphal

Recklinghausen, 8. Mai 2017. Alles fängt ganz harmlos an. Die Stimmung ist ruhig und entspannt, etwas schummerig und ziemlich nostalgisch, wie es sich halt für einen gediegenen Club in New York gehört. Die besten Tage liegen allem Anschein nach hinter dem "Talk House". Die Zeit hat auch hier ihre Spuren hinterlassen, an den trübe werdenden Spiegeln, mit denen die runde Theke verziert ist, wie an den schweren Ledersesseln. Aber in der kleinen Welt des Clubs haben diese Spuren nichts Bedrohliches. Sie suggerieren vielmehr, dass alles halb so schlimm ist, dass – wie es mehrmals heißt – "die Welt sich weiter dreht". Und damit kann wenigstens Robert, der früher einmal Dramatiker war und nun als Head Writer einer Fernseh-Sitcom viel Geld verdient, sehr gut leben.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Der Augentrug

von Andreas Wilink

Recklinghausen, 3. Mai 2017. "Sköne Oke" – Schöne Augen. Darum geht es: Schöne Augen zu machen. Jemandem die Augen zu verdrehen. Zu sehen, wie man seinen Augen nicht trauen kann. Durch Liebe blind zu werden oder blind vor Liebe zu sein. Auch Robert Wilson ist ein Augentröster, der den trompe l'oeil-Effekt beherrscht. Ein Bildermacher, der uns in märchenhafter Vergangenheit die Augen übergehen ließ, den Blick neu ausgerichtet, unsere Wahrnehmung geschärft hat.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

In den Krieg reinfeiern

von Sascha Westphal

Recklinghausen, 2. Mai 2017. Die Situation ist ungewöhnlich. Die Tribüne, die ansonsten einen beträchtlichen Teil des Raums in der ehemaligen Industriehalle auf dem Gelände König Ludwig 1/2 ausfüllt, wurde abgebaut. Stattdessen gibt es an den Rändern der nun viel größeren Spielfläche einige kleine Tribünen mit jeweils mehreren Holzbänken. Von der im hinteren Drittel des Raums platzierten Bühne, die von drei als Triptychon angeordneten großen Leinwänden begrenzt wird, reicht ein breiterer Steg weit in den Raum hinein. Dessen Seiten sind als Tafel gedeckt, an der zumindest ein Teil des Publikums Platz findet.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Alpha und Omega

von Martin Krumbholz

Recklinghausen, 9. Juni 2016. Die Offenbarung des Johannes ist ein sprachgewaltiges Stück Literatur, das man ohne weiteres dem metaphysischen Horrorgenre zuschlagen kann. 22 Kapitel, knapp zwanzig eng bedruckte Seiten in der Lutherbibel voller Fratzen, Blut, Hurerei, Teufel, Buße und Nicht-Buße, Engel und Trompeten, und über allem die Metapher der Metaphern: die große Kelter des Zorns Gottes, in der die Trauben der Erde, nachdem der Engel mit seiner scharfen Hippe (Sense) sie geerntet hat, zermanscht werden – denn sie sind reif (14. Kapitel). 


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Die Schmerzen der Fantasie vom eigenen Leben

von Andreas Wilink

Recklinghausen, 8. Juni 2016. Der erste Satz lautet "Schön, dass es weitergeht". Das bezieht sich auf: alles. Auf ein bald zu erwartendes neues Leben. Auf einen Gedanken, der keimt und sich fortpflanzt. Ein Alter, der noch den nächsten Morgen erlebt, kann ihn sagen. Für einen Theatermenschen meint der Satz das jüngste Stück, den folgenden Akt, die abendliche Premiere.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Offline sterben wir

von Gerhard Preußer

Recklinghausen, 7. Juni 2016. Simulanten täuschen eine Krankheit vor, die sie nicht haben. Simulanten sind gesund. "Die Simulanten" heißt Philippe Heules Stück – doch die Jammerlappen, von denen es handelt, sind wirklich krank. Diagnose: Fernbeziehungsweh. Liebe in den Zeiten der globalisierten Marktwirtschaft, das Thema kennt man gut von René Pollesch. Doch ein Thema allein reicht nicht für den gewieften gegenwartsanalytischen Jungdramatiker. Privates und Politisches muss man doch zusammendenken. Die Klimakatastrophe und das Elend der Distanzliebe haben schließlich eine gemeinsame Ursache. Und im komplexen kreiskausalen Gefüge unseres Planeten heizen die hin-und-herjettenden Beziehungskörper auch noch die Atmosphäre zusätzlich auf.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Vergebliche Sehnsucht

von Dorothea Marcus

Recklinghausen, 4. Juni 2016. Erstmal einen Montepulciano. Oder eine Orangina, wie jene, bei der sie sich kennenlernten. Munter plaudernd wandert das verlobte Paar, Vincenzo und Ginetta, durch die Zuschauerreihen und schenkt Getränke aus. Doch was heiter beginnt, wird grausam enden. Als Viscontis große, traurige Filmlegende "Rocco und seine Brüder" mit dem umwerfend schönen Alain Delon als Rocco 1960 erstmals gezeigt wurde, warf man ihm Brutalität und Pessimismus vor. Dabei hat das ausweglose Gleichnis über eine Familie, die aus der Armut flieht und darüber zerfällt, viel Realitätsgehalt. Und ja, es ist auch eine Migrationsgeschichte. Bis zuletzt wird Rocco Sehnsucht nach den Familienwerten und Olivenhainen des Südens haben, zu denen er nie mehr zurückkehren wird.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Dürre im Dschungel

von Sascha Westphal

Recklinghausen, 2. Juni 2016. Eigentlich hätte es regnen müssen, nein, nicht nur einfach regnen, sondern so richtig schütten, aus allen Schleusen des Himmels. Einer dieser beinahe sintflutartigen Schauer, die in den Stunden und Tagen vor der Premiere des ersten Teils von Thomas Köcks "Klimatrilogie" über Teile des Landes hinweggezogen sind, hätte eine ideale Kulisse für diesen das Theater überflutenden Text abgegeben, der in seinen Bühnenanweisungen unter anderem ein "bühnenfüllendes schiffswrack" empfiehlt. Aber es fiel nur abendlich-milder Sonnenschein in die Halle König Ludwig 1/2.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Im falschen Film

von Andreas Wilink

Recklinghausen, 24. Mai 2016. Das Alphabet der Herren und Dame A, B, C kennt alle rassistischen Vorurteile, Befürchtungen, Angstlustfantasien, Panikszenarien vom schwarzen (islamistischen) Mann, seiner Gewalt, seiner Potenz, seiner schieren Präsenz. Frei Schnauze geben sie sie irgendwo im Nirgendwo von sich. Wobei sie im selben Atemzug ihre emotionale Bewegtheit und Betroffenheit, ihre identifikatorische oder ästhetisch abschätzige Haltung, ihre Selbstschutz-Blockaden reflektieren. Sie probieren, verwerfen, fordern ein, kosten aus und halten Gefühle auf Distanz.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Ein Song für jedes Unglück

von Sascha Westphal

Recklinghausen, 21. Mai 2016. Seit etwas mehr als drei Jahren hat Christian Schäfer jetzt gemeinsam mit Karin Sporer die künstlerische Leitung des Theater Gütersloh inne. In dieser Zeit ist es dem früheren Intendanten des Zimmertheater Tübingen gelungen, das Profil des Hauses, das bis dahin immer ein reines "Bespieltheater" war, zu erweitern. Seit der Spielzeit 2014/15 sind kleinere Eigenproduktionen ein fester Bestandteil des Gütersloher Spielplans. "Island One Way", die erste dieser eigenen Inszenierungen, hatte ihre Premiere im Mai 2014 bei den Ruhrfestspielen. In kurzen, von Live-Musik begleiteten Szenen zeichnete Schäfer, der diese teils absurde, teils boulevardeske Stationenkomödie unter dem Pseudonym Fink Kleidheu selbst geschrieben hatte, das Porträt zweier überforderter Kreativer, die ihre zerbrechende Beziehung während eines Urlaubs kitten wollen. Das Rezept war ebenso simpel wie erfolgversprechend. Ein bisschen Gesellschaftskritik, viel Musik und noch mehr Comedy bescherten dem Theater Gütersloh und den koproduzierenden Ruhrfestspielen damals einen veritablen Hit.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Die Asche unseres Vaters

von Martin Krumbholz

Recklinghausen, 15. Mai 2016. Schlichter kann ein Theaterabend nicht sein. Das karge Bühnenbild im Kleinen Haus der Ruhrfestspiele zeigt ein paar Stühle vor einer Wand, eine Vase mit Gladiolen, einen Tisch, auf dem eine Urne steht: ein Beerdigungsinstitut. Nur zwei Schauspielerinnen werden auftreten: Adriana Altaras und Daniela Morozzi. Sie spielen die Töchter von Agatino Rossi, der 1958 aus der Toskana nach Deutschland kam, um hier zu arbeiten, zunächst in Hamburg, dann in Wolfsburg bei VW. Carla, etwa fünfzig, hager und dunkelhaarig, ist eine Deutsche. Maria Grazia, zehn Jahre jünger, blond und füllig (es steht ihr gut), ist Italienerin. Sie streiten um die Urne, in der sich die Asche ihres Vaters befindet. Sie haben nichts voneinander gewusst.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Unser Meer, unsere Ertrunkenen

von Gerhard Preußer

Recklinghausen, 11. Mai 2016. Ohrenbetäubendes, schepperndes Getöse – so beginnt der Abend. Wir sitzen im Cockpit eines abstürzenden, führerlosen Flugzeugs, dessen Insassen Tiere sind, vom Kaninchen bis zum Walross, die uns anstarren. Mit Theaterdonner (genauer: Musik von Markus Steinkellner) und Alpträumen startet man in die Uraufführung von Sascha Hargesheimers "Die europäische Wildnis, eine Odyssee". Was folgt, ist aber eher die halbszenische Rezitation eines vielschichtigen Textes.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Leise Stimmen aus der Wirklichkeit

von Stefan Keim

Recklinghausen, 8. Mai 2016. Unaufwändiger kann Theater kaum sein. Fünf Schauspieler sitzen im Hintergrund der leeren Bühne. Jeweils einer kommt nach vorn und erzählt im Spot eine Geschichte. Zwischen den Monologen singt ein Musiker poetische Liedtexte aus Ägypten und begleitet sich auf der Oud. Die einfache Form ermöglicht absolute Konzentration auf das, was die Menschen auf der Bühne zu erzählen haben. Und das liefert berührende Einblicke in eine Gesellschaft, die Anfang 2011 auf der Kippe stand.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Die Luft ist heiß

von Martin Krumbholz

Recklinghausen, 3. Mai 2016. Immer wieder fällt mal ein Schuss in diesem "Diener zweier Herren", ins Leere freilich, von der einen oder anderen Scheibe abgesehen, die dabei zu Bruch geht. Christian Stückl hat Goldonis unverwüstliche Komödie von 1745 nicht in die unmittelbare Gegenwart, aber vielleicht in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts verlegt – die Mafia treibt irgendwo im Hintergrund ihr Unwesen, soweit eine Dramaturgie das zulässt, in der es eigentlich nur um drei Liebespaare, ein windiges Etablissement und einen durchgeknallten Dienstboten geht, dessen spontane Multifunktionalität in diesem Rahmen etwas riskanter erscheint als in der Vorlage (in der Truffaldino lediglich ab und zu etwas Prügel bezieht).


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Nazis mit Spendenbüchsen

von Dorothea Marcus

Recklinghausen, 4. Juni 2015. Zu Beginn wird auf der Bühne die Geschichte vom Band zurückgespult. Hektisch verrichten die 15 Figuren Alltagshandlungen rückwärts, während Radio-Fetzen durch den Raum hallen: von Lampedusa über Mogadischu und Ulbrichts Mauer-Rede bis zum Vorabend des Hitler-Regimes – 1932. Da hat Anna Seghers ihren Roman "Kopflohn" veröffentlicht: Das Schicksal des jungen Kommunisten Johann, der in einem rheinhessischen Dorf bei entfernten Verwandten Unterschlupf sucht, weil er angeblich bei einem Hungeraufmarsch einen Polizisten erstochen hat.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Fitness an der Rampe

von Martin Krumbholz

Recklinghausen, 3. Juni 2015. "Haben Sie den neuen Ionesco gesehen?" So steht's im Text, der Regisseur muss das nicht erfinden. So steht's sogar schon in der kurzen Erzählung, die dem Drama von 1959 vorausgeht und die Fabel entwickelt: Die Menschen einer ganzen Stadt verwandeln sich in Nashörner, in rasende, schnaubende, trampelnde Dickhäuter – ein Einziger, Behringer (im Prosatext der Icherzähler), versucht dem Irrsinn zu widerstehen. "Haben Sie den neuen Ionesco gesehen?" – so selbstbewusst konnte einer einst eine Marke etablieren; nicht mal Jelinek würde sich das heute trauen.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Fragmente aus dem abgründigen Künstlerleben

von Sarah Heppekausen

Recklinghausen, 30. Mai 2015. Milan Peschel steht da wie in einem Magritte-Bild. Im Anzug, die Melone vorm Gesicht, hinter ihm der Wolkenvorhang. Er sagt: "es ist ja ein stück über mich, also nicht ich, sondern ich als figur." Darüber müsste man jetzt eigentlich erst mal nachdenken. Über den Schauspieler als Abbild, über den Surrealismus und das Wundersame der Wirklichkeit, über Mensch-Sein und Rollen-Spiel.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Endstation Eckkneipe

von Friederike Felbeck

Recklinghausen, 29. Mai 2015. Was in Deutschland die kleine Kneipe an der Ecke ist, heißt in Österreich "Beisl", in der Schweiz "Beiz". "Dort fragt Dich keiner, was Du hast oder bist", sang schon Peter Alexander. Im abgedunkelten Intimabsackraum kommt ein eigentümliches Sonnensystem aus Stammgästen zusammen, die sich auf ihren Hockern festgesessen haben.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Mitlieben, nicht mithassen

von Dorothea Marcus

Recklinghausen, 21. Mai 2015. Es dampft auf der Leinwand, windet aus der Maschine, pfeift kalt vom Band. Die apokalyptische Wüstenlandschaft des Videokünstlers Tal Yarden erstreckt sich vor uns und erinnert eisig daran, dass der Mensch immer nur Bruchteile von der Bestie entfernt und eigentlich unendlich einsam ist. Eine kreisrunde, in die Leinwand geschnittene Riesenöffnung ist eine orange glühende Sonne oder ein kalter Mond – Jan Versweyveld hat da ein grandioses, geradezu atemlos machendes Bühnenbild geschaffen. Die Kunst des niederländischen Starregisseurs und Leiters der Toneelgroep Ivo van Hove ist es, klassische Bühnentexte so zu kondensieren, dass die Grundkonflikte unverstellt aufeinanderstoßen – im Grunde macht er es ähnlich wie Michael Thalheimer, nur auf viel pathetisch-poetisch ungebrochenere Weise. 


Ruhrfestspiele Recklinghausen

In Eleganz erstarrt

von Sascha Westphal

Recklinghausen, 3. Mai 2015. Soll das ein bürgerlicher Salon des 19. Jahrhunderts sein? Dieses leere, weite Rund, das nach hinten und zu den Seiten nur von einigen weißen, nicht sonderlich dicken Vorhängen begrenzt wird. Wo einstmals schweres Brokat und noch viel schwerere Möbel Lebensart und Reichtum demonstrieren sollten, herrscht bei Martin Kušej die reinste Abstraktion. Annette Murschetz' Bühnenminimalismus zielt dabei natürlich auf maximale Deutlichkeit: So war es damals im Paris des Second Empire. Der Prunk und der Protz der Stadt und ihrer Haute Bourgeoisie als Ausdruck größter emotionaler und gedanklicher Leere. Alle machen sie ihre Geschäfte, aber nichts macht mehr Sinn.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

In der Beschleunigungsspirale

von Sascha Westphal

Recklinghausen, 12. Juni 2014. Michel Decar hat einfach kein Glück mit den Uraufführungen seiner Stücke. So scheint es momentan zumindest. Schon vor einem halben Jahr konnte man in Bonn erleben, wie sich Markus Heinzelmann bei seiner Annäherung an Helmut Kohl läuft durch Bonn, diese wunderbar widerspenstige Historien-Groteske, die Decar zusammen mit Jakob Nolte geschrieben hat, in Inszenierungsverweigerung übte.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Trichter zur anderen Welt

von Andreas Wilink

Recklinghausen, 5. Juni 2014. In einem Gespräch, das Peter Staatsmann und Bettina Schültke als Herausgeber des Buchs Das Schweigen des Theaters – Der Regisseur Dimiter Gotscheff (2008) mit dem Regisseur aus Bulgarien geführt haben, berichtet er von einem Treffen mit Sepp Bierbichler, bei dem "Mitko" dem Schauspieler eine Geschichte erzählt habe, die er über Samuel Beckett gelesen hatte: "Als Beckett in der Résistance war, hatte er sich mit einem Freund zusammen versteckt, und sie waren im vierten oder fünften Stock, als die SS, die Gestapo die Treppen hochkam. Beide dachten, es ist aus. Und der Freund ist aus der vierten oder fünften Etage gesprungen, und seitdem hat Beckett kein Wort mehr politisch kommentiert."


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Was ist und was sein wird

von Martin Krumbholz

Recklinghausen, 5. Juni 2014. Etel Adnan, 1925 in Beirut geboren, hat eine faszinierende Biografie. Die Tochter eines syrischen Offiziers studierte an der Sorbonne und in Harvard Philosophie, unterrichtete dieses Fach in den USA, arbeitete vor dem Bürgerkrieg im Libanon als Feuilletonredakteurin, ging erneut nach Frankreich und in die USA; sie schrieb und malte, fand spät Anerkennung als Künstlerin, auf der Documenta 2012 war ihr eine beeindruckende Retrospektive gewidmet – eines der herausragenden Ereignisse dieser Ausstellung. Der Tanzabend, den Corinna Harfouch in Kooperation mit dem Berliner HAU bei den Ruhrfestspielen zur Aufführung brachte, basiert auf Adnans Text "In einer Kriegszeit leben" aus dem Buch "Im Herzen des Herzens eines anderen Landes".


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Das mögliche Monster

von Friederike Felbeck

Recklinghausen, 2. Juni 2014. Viel zu laut quillt stupide Popmusik aus den Boxen des Kleinen Hauses im Recklinghausener Festspielhaus. Piepsige und artifiziell klingende Kinderstimmen singen penetrante Refrains. Da kommt ein Mann in Anzug und mit Aktentasche eiligen Schrittes auf die Bühne. Weit kommt er nicht, denn er läuft in von allen Seiten gespannte Seile hinein, die eine Polizeiabsperrung um sein Haus markieren und ihn bald fesseln.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Die Ruhe vor dem Sturm

von Martin Krumbholz

Recklinghausen, 1. Juni 2014. Wann hat man je sympathischere Gesichter auf einer Bühne gesehen als an diesem Samstagabend in der Halle "König Ludwig" bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen-Süd? Johannes Zirner ist der Physikprofessor Lew Katz, ein feinfühliger, noch recht junger Mann, der seine Studenten über das unfassbare Wesen der Zeit belehrt, auch wenn er scheußlich gestreifte Pullover trägt. Nicht weniger angenehm Katrin Röver, seine Frau Anne, die sehr nah am Wasser gebaut hat, berufslos anscheinend. Dann Lukas Turtur, ein supersympathischer Kontrabassist, der vor seinem Auftritt an einen ebenso liebenswerten Rezeptionisten gerät, gespielt von Thomas Gräßle.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Alles verblüht

von Sascha Westphal

Recklinghausen, 28. Mai 2014. Blütenkelche, die sich im Zeitraffer öffnen. Zunächst noch in beschaulichem Tempo, dann immer schneller und schneller. Etwas Verzweifeltes scheint in diesen Videobildern zu liegen, die auf eine milchige Plastikfolie im Zentrum der Bühne projiziert werden. Ein Weltlauf gegen die Zeit und die Natur. Im Anfang liegt schon der Keim des Endes. Auf das Aufblühen folgt das Verblühen. Also löscht ein hell strahlender Scheinwerfer schließlich die Blütenvideos aus. Sie verschwinden im Licht. Dann wird die Folie weggerissen und ein sich nach hinten verjüngender schwarzer Kasten sichtbar, dessen Boden, Decke und Seitenwände der Bühnenbildner Beni Küng mit Silberfolie bedeckt hat.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Familienaufstellung im Politikerstadl

von Hartmut Krug

Recklinghausen, 22. Mai 2014. Nein, duzen kommt auch in der Gruppentherapie für Angela nicht infrage. Allenfalls darf der Leiter dieser merkwürdigen Zusammenkunft von vier deutschen Spitzenpolitikern sie mit dem Vornamen anreden. Angela ruht völlig in sich, schaut so aufmerksam wie unmerklich, dauernd schmallippig in die Runde und formt die Hände zur Raute. Die wunderbar genaue, aber nie kabarettistische Verkörperung Angela Merkels durch die Schauspielerin Nadja Robiné bewahrt das Stück "Mutti" von Juli Zeh und Charlotte Roos in der Uraufführung durch das Deutsche Nationaltheater Weimar bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen davor, zur komödiantischen Klamotte zu werden. Wie man es bei der Lektüre durchaus befürchten konnte.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Abfluss ohne Wiederkehr

von Andreas Wilink

Recklinghausen, 17. Mai 2014. Terry Eagleton bezeichnete in seinem Buch "Die Wahrheit über die Iren" (2001) das Land als "erste postkoloniale Gesellschaft der Moderne". Mit Sean O'Casey und seinem Stück "Purpurstaub" sind wir ein paar Jahrzehnte früher dran, aber der darin verhandelte Konflikt der britischen Herren und irischen Knechte ist in dem Sinn Vorspiel zu diesem komischen europäischen Sonderfall.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Kein Mitleid mit den Golden Girls

von Hartmut Krug

Recklinghausen, 8. Mai 2014. Schon wieder eine Uraufführung nach einem Roman. Grellrot türmen sich die Exemplare des im vorvergangenen Herbst erschienenen Werkes im Foyer des Theaters. Immerhin hat die Autorin Anita Augustin, die als Dramaturgin in Salzburg und am Deutschen Theater in Berlin gearbeitet hat, ihren Roman gemeinsam mit der Dramaturgin Alexandra Althoff selbst für die Bühne eingerichtet. Dabei ist zwar die Erklärung für den Titel verloren gegangen, aber das macht nichts, er klingt einfach witzig und geheimnisvoll.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Das Lachen im Angesicht des Abgrunds

von Sascha Westphal

Marl, 7. Mai 2014. Festivals versprechen Aufbrüche zu neuen Ufern und Ausbrüche aus dem Alltag, den es im Theaterleben eben auch gibt. Ihre Programme laden zu aufregenden Entdeckungen und ungewöhnlichen Abstechern ein. Insofern fordern sie Reisemetaphern geradezu heraus.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Höllengleichnis mit Leitern

von Andreas Wilink

Recklinghausen, 13. Juni 2013. Die Hölle ist nicht kalt oder heiß, sondern ein Wechselbad extremer Temperaturschwankung. Das teilt der Leibhaftige dem "Doktor Faustus" Adrian Leverkühn in Thomas Manns großem Teufelsgespräch als Spezialität des gottverlassenen Unortes mit. Auch in Samuel Becketts Prosatext "Der Verwaiser" begegnen wir dem Wandel von Kälte und Glut, Licht und Finsternis. Der kühn kurzen Strichfassung in Peter Brooks szenischer Lesung fällt diese atmosphärische Einzelheit zum Opfer oder wird nur ahnungsweise durch die Beschreibung ausgetrockneter Schleimhäute aufgerufen.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Regionaler Ungehorsam

von Friederike Felbeck

Recklinghausen, 7. Juni 2013. Hitler schwebt als Deus ex machina aus einer schwarzen Kiste empor: Ein Hubpodium, dessen Motor leise im Hintergrund summt, hebt den Rollstuhl und seinen Fahrer auf eine zwei Meter hohe Empore. Von dort richtet sich der Demagoge mit vertraut krächzender Stimme an eine Menge mit zahllos ausgestreckten Armen und verkündet die neue Regierungsbildung. Auf der gegenüberliegenden Seite der weiträumigen Vestlandhalle in Recklinghausen versammelt sich die Kommunistische Partei Mössingen. Die Menge, an die hundert Bürger und Bürgerinnen, einheitlich schwarz-weiß gekleidet, läuft geschlossen mal nach rechts, mal nach links, mal zum einen, mal zum anderen Redner über. Gespielt werden sie vorwiegend von Laien aller Altersgruppen – die Aufführung beginnt augenzwinkernd mit dem Kopf an Kopf des größten und des kleinsten Ensemblemitgliedes. Ein Jugendsinfonieorchester untermalt mit Originalkompositionen, als gelte es, einen Film von Sergei Eisenstein zu vertonen.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Gefährliche Gefühle

von Martin Krumbholz

Recklinghausen, 5. Juni 2013. Auf der Bühne von Jonathan Mertz schmelzen die Eisquader im Hintergrund Stück für Stück dahin und verwandeln sich in das Wasser, auf das auch der Titel von Maria Milisavljevic' erstaunlicher Arbeit anspielt – die 1982 im sauerländischen Arnsberg geborene, heute in Toronto lebende Autorin hat mit "Brandung", wohl ganz zu Recht, den diesjährigen Kleist-Förderpreis gewonnen.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Krawattenträume vom Übermenschentum

von Martin Krumbholz

Recklinghausen, 3. Juni 2013. Lauter verblüffende Ähnlichkeiten. Der Spießbürger Theobald Maske, der seiner Frau den Hintern versohlt, weil sie bei einer kaiserlichen Parade ihre Hose (ihre Unterhose!) verloren hat, ähnelt dem Proleten Paul Schippel, der von den Bürgern verachtet wird, aber gleichwohl als wahrer Heldentenor einspringt und beim Wettsingen die Ehre des Herrenquartetts rettet.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Anatol und die süßen Mädel

von Martin Krumbholz

Recklinghausen, 29. Mai 2013. Über die heruntergelassene Hose wird zu sprechen sein. Zunächst jedoch eine allgemeinere kulturgeschichtliche Anmerkung. Die Zeit um 1968ff. mit ihrer "Umwertung aller Werte", der Politisierung des Privaten, der Hinterfragung der Geschlechterverhältnisse etc. pp. ist heute – "gefühlt", wie man sagt – fast so weit entfernt wie die Epoche Arthur Schnitzlers, das Fin de Siècle. In seinem Jugendwerk "Anatol" (1892 uraufgeführt) erzählt der Wiener Komödienautor von einem Mann, der die Frauen liebt; und er erzählt, mit unendlicher Melancholie und zugleich mit Humor, von der Paradoxie eines Mannes, der an maßloser Eifersucht leidet, obwohl er selbst keineswegs treu ist. Symptomatisch ist die Szene, in der Anatol einem seiner (notorisch begriffsstutzigen) "süßen Mädel" klarmacht, dass er sie schon bald – spätestens in einem Jahr, vielleicht aber auch in acht Tagen – werde verlassen müssen: um zu heiraten. Selbstverständlich standesgemäß.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Ausdruckstanz im Schützengraben

von Friederike Felbeck

Recklinghausen, 23. Mai 2013. Gerade noch hängt der junge Mann, Schmähschilder um den Hals, geknebelt und mit verbundenen Augen an einem Baum. Das Mädchen vor ihm, rote Kappe, roter Rock, ist in Deckung gegangen, als sich ihre feixenden Begleiter endlich erbarmen, den Gefolterten loszuschneiden. Dann heften sich ihre Blicke aufeinander, Musik erklingt und sie sinkt wie eines der vergoldeten Modelle Gustav Klimts – vom Liebesblitzschlag getroffen - in seine Arme.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Vom Streichen des Füllworts

von Martin Krumbholz

Recklinghausen, 19. Mai 2013. Was für ein erfreulicher Abend draußen in Recklinghausen-Süd, in einem aufgelassenen Industrie-Areal, das sich ausgerechnet nach dem bayerischen König Ludwig nennt und wie eine heruntergekommene Filmkulisse wirkt; verwitterte Schilder werden nie abmontiert werden ("Warenannahme", "Verwaltung"), an Kränen und Zuleitungen frisst der Rost – eine neue Spielstätte der Ruhrfestspiele. Doch in unmittelbarer Nähe haben sie nach dem Krieg überhaupt zum erstenmal für Kohle Kunst gemacht.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Auf der vergeblichen Suche nach dem neuen Menschen

von Sascha Westphal

Recklinghausen, 9. Mai 2013. Die Katastrophe ist nicht nur eine Möglichkeit, sie ist die eine Gewissheit, die der Menschheit noch bleibt. Ein Sturz ist unvermeidlich. Nur der Zeitpunkt lässt sich nicht voraussagen. Damit bleibt jedem die Hoffnung, vielleicht doch noch einmal davon zu kommen. Also machen sie immer weiter und weiter, auch noch nach dem größten anzunehmenden Unglücksfall.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

alt

Das kontrasexuelle Geschlecht

von Dina Netz

Recklinghausen, 1. Juni 2012. Der kleine Thilo und seine siebenjährigen Freunde im Internat wollen Sex mit Hefeteigfiguren haben. Nur haben Thilos Freunde welche mit einem Dreieck unten gekauft (das einen Rock darstellt), Thilo aber eine männliche Figur, in die er ein Loch gebohrt hat. Obwohl er der Meinung ist, "es muss sich doch nur gut anfühlen", verspotten ihn die anderen von jetzt an als "kleine schwule Dreckschwuchtel" (und schlimmer). Davon hat Thilo einen Knacks weg, und deshalb hat er später als Erwachsener den umstrittenen Bestseller "Das kontrasexuelle Geschlecht" geschrieben, in dem er das Arschloch als eigentliches Lustzentrum postuliert.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

alt

Nebeneinander ist auch nicht zusammen

von Sarah Heppekausen

Recklinghausen, 26. Mai 2012. Kevin Rittberger ist ein Sammler. Seine Stücke sind Konvolute literarisch zusammengefügter Dokumentationen. Sie sind dramatische Textverarbeitung von Theorien und politischen Phänomenen. Schon der Titel seines neuen Stücks "Lasst euch nicht umschlingen, ihr 150 000 000!" ist ein Verweis, und zwar auf ein Gedicht Majakowskis von 1919 zur russischen Revolution. Und dem Programmheft hat der Autor eine DVD beigefügt, eine zwanzigminütige Videodokumentation aus Tunis, offensichtlich Teil seiner Recherchearbeit.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Unter Pelzscheuklappen

altvon Guido Rademachers

Recklinghausen, 3. Mai 2012. VIP-Alarm vorm Festspielhaus. Schwere Limousinen verstopfen die beschaulichen Seitenstraßen mit dem vielen Grün und den zurückgesetzten Einfamilienhäusern. Die besonders schweren Gefährte mit Chauffeur parken direkt auf dem Vorplatz und sorgen für Stress bei den Ordnern. Im Foyer dringen Gesprächsfetzen ans Ohr wie: "Der konnte leider nicht kommen. Muss Wahlkampf machen in Dort... nein, äh, Düsseldorf."


Ruhrfestspiele Recklinghausen
alt

Ende einer Kaffeefahrt

von Sarah Heppekausen

Recklinghausen, 10. Juni 2011. "wir äh sie", "hab, ich meine hatte" – die Figuren in Dirk Lauckes neuem Stück kommen durcheinander: mit ihrer eigenen Rolle in der Geschichte, mit Vergangenheit und Gegenwart, mit Schuld und schuldloser Verwicklung. Sie alle haben sich eingerichtet in der Opferrolle. Der Ex-IM Lennert, der heute seine singende Tochter und Schlagerfahrten managt. Marie, die Tochter, die sich genötigt fühlt, auf Gartenparties und bei Eisdielen-Eröffnungen zu singen. Martha, die Witwe eines SS-Soldaten. Sie will die Urne ihres Mannes in Glogau bestatten. Die Grottenolmforscherin Antonia, die in Stasi-Haft saß. Und der Journalist Torsten, der Enthüllung und Anklage zu seiner Berufung erklärt hat.


Ruhrfestspiele Recklinghausen
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In der Profiküche

von Regine Müller

Recklinghausen, 1. Juni 2011. Es gibt Stücke mit eingebauter Regie-Falle. Die zuverlässig und unbarmherzig zuschnappt, wenn ein Regisseur frei Haus gelieferten Pointen die Ambivalenz opfert. Und es sich bequem macht in der wie von selbst abschnurrenden Dynamik eines gut gebauten Textes. Edmond de Rostands "Cyrano de Bergerac" gehört zu diesen Risiko-Kandidaten.


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Verherrlicht durch mich die Theaterfamilie!

von Guido Rademachers

Marl, 31. Mai 2011. Es muss eine Herzensangelegenheit gewesen sein. Einmal außerhalb der üblichen Produktionszwänge zu arbeiten. Und ganz ohne Regisseur. "Ein absolut befreiender und schöner Vorgang, der jedem Beteiligten eine Selbständigkeit gibt, die man nicht gewohnt ist", wird Edgar Selge in einem Vorbericht zitiert. Er selbst gönnt sich in Goethes "Iphigenie auf Tauris" vier und damit gleich alle männlichen Rollen. Seine Frau Franziska Walser begnügt sich mit der Iphigenie.


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Die zehn Gebote des guten Sprechens

von Sarah Heppekausen

Recklinghausen, 26. Mai 2011. Die drei alten DDR-Damen sind jung geworden. Trude, Elly und Lotte sind die Heldinnen in Einar Schleefs Tetralogie "Totentrompeten 1-4". Im thüringischen Provinzdorf Sangerhausen – Schleefs Heimatstadt – sind sie sehnsüchtig auf der Suche nach Männern, Geld und neuen Welten. Der vierte Teil "Gute Reise Auf Wiedersehen" spielt nun nach der Wende. Aber Regisseur Ernst M. Binder hat die drei gealterten alten Schachteln mit recht jungen Darstellerinnen besetzt. Als Träumende von großen Reisen und neuer Freiheit haben sie sich verjüngt.


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Die Welt im Wassertropfen

von Dorothea Marcus

Recklinghausen, 14. Mai 2011. Wenn in China ein Sack Reis umfällt, ist das schon lange nicht mehr egal. Doch weltumfassende Konsequenzen von kleinen Ereignissen gab es auch schon vor rund 500 Jahren. Etwa, als Fernao de Magelhaes, genannt Magellan, vor den portugiesischen König trat und ihn um eine Flotte zur Entdeckung eines Süddurchgangs durch Amerika zu bitten. Heraus kam nach der Ablehnung: die Weltumsegelung unter spanischer Flagge. Wahrscheinlich hätte sie unter portugiesischer besser geklappt.


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"Volker, hör die Signale!"

von Sarah Heppekausen

Recklinghausen, 10. Mai 2011. "In die Zeit gefallen: Schiller" hat Festivalleiter Frank Hoffmann als Motto über die diesjährigen Ruhrfestspiele geschrieben. Für Albert Ostermaier ist der junge Schiller dieser "in die Zeit Gefallene". Der politische Schiller, der gegen Fremdbestimmung und für Freiheit anschreibt. Der 1779/80 seine "Räuber" im moralisch-sittlichen Impetus gegen den Absolutismus richtet. Beim Personal für sein Stück "Aufstand" hat Ostermaier sich unüberlesbar bei den "Räubern" bedient.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Live-Effekt im Krieg der Welten

von Sarah Heppekausen

Recklinghausen, 10. Juni 2010. Der Krieg ist ein akustisches Phänomen. Bombenhagel, Schüsse, Pferdegalopp und Hundegebell werden von den Schauspielern am Mikrofon imitiert. Im weißen Hemd und schwarzen Frack sitzen sie als Chor der Geräuschemacher auf der Bühne. Zu hören ist die Schlacht vor Troja. Dort kämpfen Griechen, Trojaner und die Amazonen. Kleist lässt seine Figuren in Botenbericht und Teichoskopie davon erzählen. Roger Vontobel fügt der verbalen noch eine klangliche Mauerschau hinzu.


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Am Ende muss gestorben werden

von Klaus M. Schmidt

Recklinghausen, 2. Juni 2010. Vom Programm der Ruhrfestspiele sieht uns seitengroß die junge Schauspielerin Hendrike Johanna Jörissen an. Sie gibt die Titelfigur in Kevin Rittbergers Inszenierung von Kleists "Die Marquise von O.". Vom Programmhefttitel des koproduzierenden Frankfurter Schauspiels dagegen schaut Andreas Uhse als Kleist, und das passt besser. Mit der Kleist-Figur hebt die Inszenierung an, sie bleibt ständig auf der Bühne präsent, und versetzt dem Stück und seiner Titelrolle schließlich auch das tödliche Ende.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Vom ewigen Leid mit der Lust

von Sarah Heppekausen

Recklinghausen, 29. Mai 2010. "Mein 'Was ihr wollt' war immer eine Reise in die Vergangenheit", schreibt Armin Holz. Sein eigener, kurzer Text ist der einzige im Programmheft. Ansonsten füllen (neben der Besetzung) Inszenierungsfotos die Seiten. Bilder der Darsteller, denn die machen schließlich das Theater aus. Was als Aussage generell auf die Arbeit vieler Regisseure zutreffen mag, hat in diesem Fall doch einen besonderen Reiz. Holz wählte für sein "Was ihr wollt"-Ensemble ausschließlich Schauspieler der älteren Generation aus: "Ich habe die Figuren immer alt gesehen: sehr kostbar, sehr delikat."


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Mit Eisenstangen auf die Bürofinger

von Kerstin Edinger

Recklinghausen, 18. Mai 2010. Autor Oliver Kluck (Jahrgang 1980) muss im Alltag ein guter, ein stiller Beobachter sein. So leise und sacht wie er seinen Text entfaltet, so bestechend authentisch formuliert er seine Gedankenflüsse. Er schreibt schön, um dann hinterrücks auszuholen und dem Zuschauer verbal mit aller Wucht eins überzubraten. "Freundlich sein, grüßen, lächeln, nachfragen, zuhören, ihnen mit Eisenstangen auf die Fingergelenke schlagen, ihnen von hinten in den Nacken boxen, in die Knie treten."


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Philologische Butterfahrt in Dichters Unterbewusstsein

von Sarah Heppekausen

Recklinghausen, 3. Mai 2010. Dieser Guiskard ist eine Kopfgeburt. Kleist zerrt den Normannenherzog, dessen Kampf um Konstantinopel und gegen die Pest, aus seinem Innersten wie ein Geschwür. Der Dichter sitzt in seiner kerzenbeleuchteten Schreibstube, stottert, ringt um Worte und verzweifelt am Versmaß. Der Guiskard steckt ihm wie ein Kloß im Hals, an dessen tragischer Größe er zu ersticken droht. Wolfram Koch spielt diesen Kleist, der dem Wahnsinn so nah ist wie dem genialen Werk, bis er das Fragment schließlich verbrennt und plant, in Krieg der französischen Armee gegen England zu sterben.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

For now, this is her voice

von Kerstin Edinger

Recklinghausen, 9. Juni 2009. "Ich dachte, Großbritannien sei ein guter Ort. Ein Land, wo die Menschen sich grüßen. Ein Land mit vielen Möglichkeiten. Landschaften wie im Bilderbuch. Schafe, Gras, Kühe." Die drei adrett gekleideten jungen Frauen lesen den Text von Visitenkarten ab, als hätten sie sich das Gesagte wie Journalistinnen notieren müssen, um es nicht zu vergessen.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Séancen mit Rockstar

von Stefan Keim

Recklinghausen, 5. Juni 2009. Um den Tod Kurt Cobains ranken sich eine Menge Legenden. Keine klingt zu absurd, um geglaubt zu werden. Seine Frau Courtney Love soll einen Auftragskiller bezahlt, ein Stück seines Schädels gehortet, seine Asche in einer Tasche bei sich zu Hause gehabt haben, bis sie Jahre später geklaut wurde. Und was waren das für seltsame Magenschmerzen, die den Sänger quälten und deren Ursache kein Arzt ergründen konnte?


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Utopisch, skeptisch, energetisch

von Dorothea Marcus

Recklinghausen, 4. Juni 2009. Länger hat es gebraucht, bis Darja Stocker ihr zweites Stück geschrieben hatte - länger als üblich unter hochgelobten Nachwuchsautoren, besonders wenn sie erst 26 Jahre alt sind. Ein Jahr brauchte sie ihr erstes zu schreiben: Mit "Nachtblind", einem Stück über Gewalt von Jugendlichen aus scheinbar intakten Familien, hat sie 2005 den Heidelberger Stückemarkt gewonnen und wurde gleich zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Die Liebe in den Zeiten der BRD

von Kerstin Edinger

Recklinghausen, 22. Mai 2009. Es wird viel geraucht auf der Bühne, als wäre irgendwo hinter den Nebelschwaden vielleicht doch die alleinige Wahrheit zu finden. Der Industrielle Alexander von Brücken lässt kurz vor seinem Tod einen etwas abgehalfterten Schriftsteller zu sich kommen, um ihm die Geschichte von Sofie zu erzählen. Es ist die Geschichte ihres Lebens und die Geschichte seiner unerfüllten Liebe zu ihr.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

So aber leben sie hin

von Regine Müller

Recklinghausen, 12. Mai 2009. Das Drama findet nicht statt: Hedda Gabler spielt fahrig mit ihrer Pistole und kichert irre. Und raucht lieber eine, statt sich zu erschießen, wie es bei Ibsen geschrieben steht. Als Farce endet bei Alice Buddeberg in Recklinghausen der Amoklauf der Generalstochter Hedda, die aus halbherzigem Kalkül eine Versorgungs-Ehe einging und schon nach den Flitterwochen am Mittelmaß und den sie umgebenden Lebenslügen erstickt.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Röcke rauschen, Kragen schwitzen

von Regine Müller

Recklinghausen, 3. Mai 2009. Es dürfte ein Abend im Sinne des Bundespräsidenten gewesen sein: Im Schiller-Jahr weiland hatte Horst Köhler während einer Matinee-Veranstaltung des Berliner Ensembles vehement der Werk- und Texttreue das Wort geredet und dem Regietheater eine deutliche Abfuhr erteilt. Zur Eröffnung der traditionsreichen Ruhrfestspiele reiste er nun mit allem sicherheitstechnischen Pomp an, um sich an jenem angeblich texttreuen Theater zu ergötzen, das hierzulande doch ach so rar geworden ist. Statt beim Berliner Theatertreffen die – durchaus streitbare – Auswahl von Spitzenproduktionen der deutschsprachigen Theaterlandschaft zu beehren, zieht der Bundespräsident es also vor, eine international koproduzierte Inszenierung zu besuchen, die auf großer Tour ist und sich mit glamourösen Hollywood-Namen ziert.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Irgendwann unsterblich sein

von Christian Rakow

Recklinghausen, 10. Juni 2008. In NRW werden gerade die Zelte aufgeschlagen. In Mülheim, am Ufer der Ruhr, siedelt noch bis Mittwoch René Pollesch mit seinem Berliner Volksbühnen-Wanderzirkus und verhandelt dort gewissermaßen saisongerecht das ebenso fußballtaugliche wie Fassbinder-kritische Motto: "Der Star ist die Mannschaft". Von weiter her, doch gleichfalls als Team-Player reisen die Akteure an, die man im Theaterzelt der Ruhrfestspiele Recklinghausen erleben kann, im Rahmen des hiesigen "Fringe Festivals".


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Weltreise für ein bisschen Müll

von Dorothea Marcus

Recklinghausen, 8. Mai 2008. Die Ruhrfestspiele Recklinghausen haben eine rührende, lange Geschichte: Einst wurden sie gegründet, weil die Recklinghauser Zeche König Hamburger Theatern im Hungerwinter 1946/47 mit Kohle aushalf und diese fortan aus Dankbarkeit für die Kumpels spielten. Seit 2005 vom profitbewussten und erfolgsorientierten Luxemburger Ex-Intendanten Frank Hoffmann geleitet, ist das Festival zur kräftig geförderten Institution mit hohem Promifaktor geworden. In diesem Jahr ist Hollywood besonders gut vertreten: zur Eröffnung standen Kevin Spacey und Jeff Goldblum auf der Bühne, nun hatte die erste Inszenierung der Oscar-Gewinnerin Cate Blanchett von David Harrowers "Blackbird" Europa-Premiere - dass ihr Mann, der Dramatiker und Drehbuchautor Andrew Upton,  mitinszeniert hat, fiel bei der PR-Abteilung der Festspiele ein wenig unter den Tisch.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Hollywood-Stars zeigen Alptraumseiten der Traumfabrik

von Ulrike Gondorf

Recklinghausen, 3. Mai 2008. Speed the Plow – man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist. Und das Eisen, das der mittelmäßig erfolgreiche Drehbuch-Agent Fox da für den mittelmäßig einflussreichen Produzenten Gould ins Feuer gelegt hat, ist rot glühend: ein Superstar, ein Kassenmagnet, ein Erfolgsgarant will den Film machen, den Fox ihm vorgeschlagen hat. Und Goulds Studio kann in das lukrative Geschäft einsteigen. Das wird sie beide dahin bringen, wohin sie immer schon wollten: an die Spitze, wo ungezähltes Geld und schrankenlose Macht auf sie warten.


Ruhrfestspiele Recklinghausen

Die poetische Dimension der Zeit

von Dorothea Marcus

Recklinghausen, 3. Mai 2007. Schon in der Schule haben wir gelernt, dass die Mathematik die Mutter der Kunst sei. Wie eine Schulstunde eröffnet Regisseur Simon McBurney auch die ehrwürdigen Ruhrfestspiele Recklinghausen:


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