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archiv » Biennale Wiesbaden (8)
Biennale Wiesbaden

Esperanto braucht Speed

von Wolfgang Behrens

Wiesbaden, 30. August 2016. Für ihren Titel hätte die Wiesbadener Biennale, wie sie bis vor zwei Jahren stattfand, nie einen Originalitäts-Blumentopf gewinnen können: "Neue Stücke aus Europa" hieß sie – as unsexy as possible –, und man konnte auf ihr, Überraschung!, neue Stücke aus Europa kennenlernen. Das allerdings war ein Konzept, wie man es auf der deutschsprachigen Theaterlandkarte sonst nicht fand.


Biennale Wiesbaden

Blut wischen

von Shirin Sojitrawalla

Wiesbaden, 21. Juni 2014. So ein Stück wünschte man jedem Land an den Hals. Ein Stück von politischer Tragkraft und gesellschaftlicher Relevanz. Ein Stück, das nicht locker lässt und seine Zuschauer bombardiert. Ein Stück wie ein Schrei. Ein Stück, das das Theater als moralische Anstalt begreift. Ein Stück, das vielleicht gar kein Stück ist, sondern eine Abrechnung mit theatralischen Mitteln. Ein Weg der Vergangenheitsbewältigung, der Aufarbeitung und Abarbeitung. Der kroatische Theatermacher Oliver Frljić, der zu den eigenwilligsten in Europa zählt, und sein Ensemble widmen sich in ihrem 2012 in Belgrad uraufgeführten Theaterprojekt der Ermordung des serbischen Ministerpräsidenten Zoran Đinđić im Jahr 2003. In unterschiedlichen Tonlagen, mal als veritable Publikumsbeschimpfung, mal als Totenmesse, mal rotzfrech, mal aufrichtig betroffen gehen sie dieses nationale Trauma an.


Biennale Wiesbaden

Ich rufe Inspektor Clouseau

von Shirin Sojitrawalla

Wiesbaden, 19. Juni 2014.Was sich eben noch kraftvoll, unbedingt, rasant und witzig las, wirkt auf der Bühne nur noch lauwarm und na ja: Theateralltag und zum Auftakt der 12. und letzten Theaterbiennale Neue Stücke aus Europa in Wiesbaden trotzdem ein bisschen schade. Aber nur ein bisschen, denn zumindest spricht in diesem Falle vieles für das Stück, wie es sich für ein Autorenfestival gehört.


Biennale Wiesbaden

Afrika gegen Budenzauber 1:0

von Shirin Sojitrawalla

Wiesbaden/Mainz, 24. Juni 2010. Manchmal sind es die kleinen Momente, die von einem Theaterfestival übrig bleiben: Während Deutschland sich seinen Weg ins Achtelfinale bahnte, nahmen die Schauspieler der albanischen Produktion "Allegretto Albania" im Kleinen Haus des Mainzer Staatstheaters den Schlussapplaus der nicht eben zahlreich erschienenden Zuschauer entgegen. Manch einer der Akteure hat Tränen in den Augen und der Schauspieler Mirush Kabashi, der in dem Stück die Rolle des Vaters übernimmt, hält seine rechte Hand aufs Herz, klopft dann sachte darauf, so als wolle er sich und uns mit einer einzigen Bewegung seinen Dank erweisen.


Biennale Wiesbaden

Melodisches Schmelzen der Eisblöcke

von Shirin Sojitrawalla

Wiesbaden, 17. Juni 2010. Wunder gibt es immer wieder. Könnte man zumindest meinen, wäre man nicht so furchtbar aufgeklärt. Vielleicht säße man dann auch mit am Tisch und erzählte, was die Blauberger Marta einem Gutes getan hätte. Aber leider glauben die meisten von uns ja nicht mehr an Mächte, die höher reichen als ihr Verstand. Marienerscheinungen? Davon mögen andere schwärmen.


Biennale Wiesbaden

Wie europäisches Theater auf die Pelle rückt

von Shirin Sojitrawalla

Wiesbaden, 18. Juni 2008. Wie immer, wenn Wiesbaden zur Theaterbiennale "Neue Stücke aus Europa" pfeift, treten zeitgleich die besten Fußballspieler Europas oder gar der Welt gegeneinander an. Das führt zu manch schöner Überschneidung und schweren Entscheidung. Theater oder Fußball? Die Spiele auf dem Rasen indes lassen sich noch bis in die Nacht hinein nachverfolgen, die 26 Theatergastspiele aus 24 europäischen Ländern nicht. Dabei ist es schon mehr als ausgleichende Gerechtigkeit, dass gerade diejenigen Nationen, die diesmal bei der EM-Qualifikation patzten, sich nun zwischen manch einem schwächelnden Kandidaten der Theaterbiennale als glänzend aufgestellt erweisen: Großbritannien und Ungarn gehören zweifellos zum Favoritenkreis.


Biennale Wiesbaden

Ulrike Meinhof fast-forwarded

 von Esther Boldt

Wiesbaden, 12. Juni 2008. Vor Beginn der Aufführung geht per stille Post der aktuelle EM-Spielstand durchs Publikum, 2:1 für Kroatien, rote Karte für Schweinsteiger. Ist das denn die Möglichkeit! Bei der Rückfahrt redet dann eine Gruppe junger Frauen darüber, bei welcher Nationalmannschaft sie mitfiebert – Türkei? – "Hast du keinen deutschen Pass, oder was?!" Wenig später haben drei junge Herren dasselbe Problem: "Was bist du?" – "Kroatisch-englisch." – "Krass! Ich bin nur Deutsch-italienisch."


Biennale Wiesbaden

Zwischen den Balken

von Shirin Sojitrawalla 

Wiesbaden, 12. Juni 2008. Die junge kroatische Dramatikerin Tena Štivičić (Jahrgang 1977) hält in ihrem Stück "Krijesnice" (Funkenflug) eine Handvoll Paare und Passanten auf einem Flughafen, also im Nirgendwo, fest. Draußen herrscht Schneechaos, nichts geht mehr, und Warten scheint beinahe die einzige Alternative. Lebensklug, mit feinen Pointen und souveräner Personenführung fängt das Stück nonchalant auch ein irgendwie urbanes Lebensgefühl ein: das Leben als Dauer-Check-in.


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