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archiv » Nibelungenfestspiele Worms (8)
Nibelungenfestspiele Worms

Deutschland sucht den Super-Siegfried

von Alexander Jürgs

Worms, 15. Juli 2016. Der Applaus ist gewaltig, lauter Jubel ist zu hören. Ein Junge rennt los, mit dem Smartphone in den Hand. Doch ein Ordner drängt ihn ab. Der, den er erreichen will, posiert jetzt für die Kameras. Jogi Löw ist nicht der einzige Prominente, der bei der Uraufführung von Albert Ostermaiers neuem Stück dabei sein will. Ein braungebrannter Mario Adorf sitzt am Biertisch und plaudert, Marie-Luise Marjan ("Mutter Beimer") hält für die Fotografen das Programmheft in die Luft. Ein paar Meter daneben wird Julia Klöckner von Frauen in Abendkleidern umringt, die die CDU-Politikerin zu einem Selfie überreden wollen. Es gibt Winzersekt und Schokolade. Die Yellow Press ist gegenüber der Theaterkritik eindeutig in der Überzahl.


Nibelungenfestspiele Worms

Trieb-Spektakel mit doppeltem Boden

von Steffen Becker

Worms, 31. Juli 2015. In der alten Kaiserpfalz hat man keine Kosten und Mühen gescheut, frischen Glanz auszustrahlen. Der Filmproduzent Nico Hofmann tritt an als Intendant, Albert Ostermaier schreibt die Nibelungensaga um. Mario Adorf sitzt im Kuratorium und im Publikum – letzteres mit Joachim Krol, Henry Maske, Peter Altmaier, Roland Koch, Roberto Blanco, Harald Glööckler u.a. Gigantisch, dieses "Gemetzel", das bei den Nibelungenfestspielen vor dem Dom zu Worms angerichtet wird. Sieht man auch am Bühnenbild von Aleksandar Denić, der ja sonst oft mit Frank Castorf arbeitet: Zwei miteinander verbundene Türme, die aussehen wie die Belagerungsapparate aus Herr der Ringe, inklusive Totenschädel und Elfenbeinstoßzähnen. Dazu spielt eine Live-Band und der fernseherfahrene Regisseur Thomas Schadt überschreitet Genre-Grenzen, indem er wesentliche Teile der Siegfried-Sage durch eine Tanzcompagnie umsetzen lässt.


Nibelungenfestspiele Worms

Im Netz des Todes

von Harald Raab

Worms, 18. Juli 2014. Vor der Nordfassade des Wormser Kaiserdoms lodern Flammen aus Ölfässern. Qualm dringt aus einem vergitterten Schacht. Was im Inneren passiert, sieht man auf einer Videoleinwand: High-Tech-Krieger irren durch rauchende Trümmer. Sie schießen auf alles, was in den blauen Kegel der Zielscheinwerfer ihrer automatischen Gewehre kommt. Leichen säumen ihren Weg. Großes Schlachtenszenarium á la asymmetrischer Krieg unserer Tage. "Im Kampf da ist der Mann noch 'was wert, da wird das Herz noch gewogen . . .", singen die dem Untergang Geweihten. Landsknechtsmentalität mit Todessehnsucht – Als Nibelungentreue wird derlei Macho-Gehabe glorifiziert, ein anscheinende unausrottbarer Mythos, der längst keine historische deutsche Spezialität ist.


Nibelungenfestspiele Worms

Im Schlamm

von Hartmut Krug

Worms, 5. Juli 2013. Alles beginnt in Dieter Wedels neuer Nibelungenversion nach Friedrich Hebbel am Ende – mit Siegfrieds Tod. Durch den schweren Matsch auf der Bühne schreitet der schwarze Hagen zum Slogan "Kämpft bis zum letzten Mann" hin zum tödlichen Showdown für Siegfried. Ein Priester, schwarzumrändert die Augen, schleppt das christliche Kreuz voran, das Brunhilds den alten Göttern anhängende Amme Frigga, ganz im drohenden Rot und ebenfalls mit wirr heftigem Gebaren, ihm entreißt und ins Feuer wirft. Das brennt auf kleiner Flamme vor einem dreigeschossigen, offenen Holzturm, von dem herab Brunhild dem Geschehen folgt.


Nibelungenfestspiele Worms

altDen Galgen immer im Blick

von Marcus Hladek

Worms, 25. Juni 2011. Ein Empörter mit Woyzeck-Touch, der mehrfach gegen die hohen Herren aufbegehrt und in der Schänke vor sich hinbrütet. So zeigt uns Johannes Brandrup seinen Landpächter Demler bald drei Stunden lang. Dann geben Gutsherr von Creg (Philipp Otto) und Sturm von den adligen Landständen (André Eisermann) die unerhörte neue Steuer des neuen Finanzrats und Fürstenfreundes Joseph Süß ans Volk weiter, vergewaltigen und ermorden Demlers hübsche Tochter (Valentina Jimenez Torres als Babette), streuen gezielt Gerüchte über Ritualmord. Und schon wird aus dem aufmüpfigen Revoluzzer, der es besser wissen müsste, ein Zeter und Mordio schreiender Antisemit – ein von Lynchmordrufen aus dem Off begleiteter Wandel, dem emblematisch ein paar stumme Sekunden aus Veit Harlans "Jud Süß"-Film folgen.


Nibelungenfestspiele Worms

Wenn in des Sultans Harem die Mädels mit den Hüften kreisen

von Harald Raab

Worms, 16. Juli 2010. Was haben die Salzburger, das die Wormser in der schönen deutschen Pfalz nicht haben? Der spätromanische Kaiserdom St. Peter am Rhein ist eindeutig die gewaltigere Kulisse als das barocke Dingsda an der Salzach, das obendrein nur den rangniederen Heiligen Rupert und Virgil geweiht ist. Und was ist schon das moralinsauere Jedermann-Spektakel gegen den Psycho-und-Sex-Krimi der Nibelungen-Sippschaft.


Nibelungenfestspiele Worms

Das ganze Heldenlied und so weiter

von Esther Boldt

Worms, 31. Juli 2009. Eigentlich haben sie beide eine andere Mission: Seefred soll Indien entdecken und beweisen, dass die Erde sich um die Sonne dreht. Kriemhild will internationales Recht studieren und später die Macht übernehmen. Aber da sie beide zur falschen Zeit am falschen Ort sind, können sie sich nicht zu Höherem aufschwingen, sondern nur einen Bauchplatscher ins Gewöhnliche hinlegen. Gewöhnlich? Diese Liebe? Entstanden unter dem rotgoldenen Mond über Worms, vor der imposanten Kulisse des Kaiserdoms? Eine Liebe mit blutigem Ende, Eifersucht und Intrige? Aber diese Fehlplatzierung hat Methode.


Nibelungenfestspiele Worms

Mutter Beimer, Beck und Burgund

von Hartmut Krug

Worms, 2. August 2008. Das eigentliche Theater beginnt bereits Stunden vor der Aufführung. Ein roter Teppich führt für die VIPs hinauf zum Händedruck mit dem Oberbürgermeister, während sich die Einheimischen hinter Absperrgittern drängeln. Kurt Beck hält eine kurze Ansprache und Mutter Beimer alias Marie-Luise Marjan im Blitzlichtgewitter Hof. TV-Moderatoren und Soap-Sternchen setzen sich in Szene und verblasste Unterhaltungsstars wie Dunja Rajter und neue wie ein Juror nebst Model von "Germany's Next Top Model" flanieren im Park zwischen den Zelten von so genannten "Mastersponsoren" umher.


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