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archiv » Theater Chemnitz (23)
Theater Chemnitz

Signale aus der Filterblase

von Lukas Pohlmann

Chemnitz, 28. April 2017. Der Sound ist schon da als das Publikum die kleine Bühne im Ostflügel des Chemnitzer Schauspielhauses betritt. Eine säuselnde Stimme aus dem Off begrüßt die Zuschauer und dankt ihnen für ihre Anwesenheit. Trotz der widrigen Bedingungen. Widrige Bedingungen? Es gibt doch einen tollen Anlass! Der Förderverein des Theaters stiftet seit einigen Jahren einen Preis für Junge Dramatik inklusive Uraufführung. Gewinner diesmal: InnerOuterCity von Azan Garo. Untertitel: "Dramatische Anrisse einer allgemeinen Verunsicherung in 29 Szenen." Die Verunsicherungen werden Programm.


Theater Chemnitz

Die Puppe spricht

von Lukas Pohlmann

Chemnitz, 2. November 2016. Frau Zschäpe ist ja nicht so fürs Reden. Jedenfalls, seitdem die Uwes nicht mehr sind und die ganze Welt sich Antworten von ihr erhofft. Muss sie ja auch nicht. Vor Gericht muss ja nichts gesagt werden, was zur Selbstbelastung beitragen könnte. Also wird Schweigen Programm. Und Beate zur Projektionsfläche. So sehr Projektionsfläche wie etwa die rohe, schwarze Rückwand der kleinen Bühne im Chemnitzer Theater-Ostflügel. Da flackern im Einlass zur Uraufführung von "Beate Uwe Uwe Selfie Klick" die pressebekannten Fotos aus dem privaten Trio-Glück des NSU.


Theater Chemnitz

Ein Mordstheater

von Matthias Schmidt

Chemnitz, 5. März 2016. "Bleiben Sie ruhig sitzen, Sie sind Gast hier", sagt Caligula leise, als er seinen Platz im Publikum sucht. Halb flüsternd, exakt auf dem Grat zwischen leicht verstört und vollkommen besonnen, spricht er die Sätze, für die Camus' Schauspiel so berühmt ist, vom Unglück der Menschen, ihrer Unfreiheit, dem Mangel an Wahrheit, dem Tod. Dann setzt er sich, Reihe 12, Sitz 214. "Das ist mein Platz!"


Theater Chemnitz

König Krabat kämpft um Sachsen

von Hartmut Krug

Chemnitz, 10. Dezember 2015. Ein Fernsehmoderator stimmt sich auf seine Sendung ein und probt seine Posen, Positionen und Texte. Die Bierdose wird aufgerissen, die Beine werden auf den Studiotisch gelegt, und dann wird cool nachgedacht. Hier soll es um das Minsker Friedensabkommen gehen und um den "Kampf der Kulturen", den der Politologe und damalige außenpolitische Berater der Regierung in Washington Samuel Huntington Mitte der 1990er Jahre "treffend beschrieben" habe. Natürlich soll vor allem über die Aktualität seiner damals heftig umstrittenen These diskutiert werden, nicht Ideologien, sondern Kulturen bestimmten die Weltordnung.


Theater Chemnitz

Nickymaus wohnt hier nicht mehr

von Michael Bartsch

Chemnitz, 18. Juni 2015. Der sprichwörtliche Vorführeffekt steht in Technik oder Handel für die Macht des Zufalls, des Unwägbaren. Nicht anders im Zwischenmenschlichen. Angeblich entscheiden die ersten Sekunden der Begegnung mit einem Unbekannten über Sympathie, Akzeptanz oder bleibende Distanz. Selbstvorführungen etwa bei Vorstellungsgesprächen haben das so an sich, um wie viel mehr die Präsentation der neuen Flamme vor Freunden oder gar der großen Liebe vor der elterlichen Prüfungskommission.


Theater Chemnitz

Wer ist das Volk?

von Ute Grundmann

Chemnitz, 14. Februar 2015. Kurgäste in Bademantel und mit Drink in der Hand schlappen durchs Foyer, folgen den Zuschauern in den Saal. Die Treppenlandschaft auf der Bühne (Frank Heublein) ist mal Zeitungsredaktion, mal Kurpromenade mit Wasserhähnchen fürs heilbringende Nass. Schauspieldirektor Carsten Knödler, der im Theater Chemnitz Henrik Ibsens "Ein Volksfeind" inszeniert hat, variiert im ersten Teil der Aufführung das Thema "Kurbad" auf allerlei Arten. Fast jeder der Akteure hat mal Bademantel und Schlappen an, Handtücher werden dekorativ geschlungen, Aslaksen und Stockmann tummeln sich im dampfenden Thermalbad, ohne nass zu werden.


Theater Chemnitz

Gut, dass wir geredet haben

von Ute Grundmann

Chemnitz, 21. Februar 2013. Markus war am Montag bei Sarah. Sagt Robert. Und der muss es eigentlich wissen, denn er ist Sarahs Mann und eifersüchtig. Doch beider Freund Donald behauptet beharrlich, das könne nicht sein, weil Markus genau an diesem Tag bei ihm gewesen sei. Scheinbare Beweise beider Seiten zerplatzen, das Trio kommt vom eigenen Durcheinander auf das in der Welt zu sprechen und doch immer auf dieselbe Frage zurück: Wer war wann wo? Das ist der Kern des neuen Stücks von Iwan Wyrypajew, das in der kleinen Spielstätte des Chemnitzer Schauspiels, dem "Ostflügel", uraufgeführt wurde.


Theater Chemnitz

Das Leben, ein Trauerspiel

von Hartmut Krug

Chemnitz, 1. Dezember 2012. Ein Herzschlag pocht aus dem Lautsprecher, wenn man in den Zuschauerraum kommt. Geht das Licht aus, tritt ein Mann im Krankenhaus-Schlafanzug barfuß auf die Bühne, nachdem der lange Summton einer Behandlungsmaschine verkündet hat: dieser Mann ist tot. Sein Herz ist stehengeblieben, wie die slowenische Regisseurin Mateja Koležnik im Programmheft erklärt. Und während sein Bewusstsein durch den sogenannten "Tunnel des weißen Lichts" rast, versucht die Inszenierung ihn zu reanimieren. Mit allem tiefen Ernst, da mag der Stücktitel noch so deutlich von Komik sprechen. In Chemnitz findet das Stück im Kopf des Mannes statt. Als existenzielles Denkspiel.


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Spielzeug kaputt

von Ute Grundmann

Chemnitz, 12. Mai 2012. An Herodes' Hof ist die Spaßgesellschaft eingezogen. Anything goes, jeder darf, will und nimmt sich alles, nur die kleine Prinzessin bekommt nicht, was sie will, da kann sie noch so sehr mit dem Fuß aufstampfen. Sie selbst aber, Salome, wird zum Wunschbild aller Männer, das aus ihrem (Kinder-)Zimmer auf die Rückwand des Thronsaales projiziert wird wie bei einer Peepshow.


Theater Chemnitz

Schweben in Sprachlosigkeit

von Ute Grundmann

Chemnitz, 16. März 2012. Magda muss ein Ereignis gewesen sein, in diesem Dorf am Ende der Welt. Vier Männer erinnern sich an sie, erzählen knapp und lakonisch, was die Frau tat und wie sie, die Männer, darauf reagierten, kommentierten, Annäherungen versuchten. So beginnt Johanna Kapteins kleines, feines Stück "Die Geschichte von St. Magda", das im Schauspiel Chemnitz in einem besonderen Rahmen Premiere feierte. Vier Stücke junger Autoren an einem Abend, inszeniert und in Szene gesetzt von jungen Theaterleuten, dazu ein Treffen von Nachwuchsautoren, die sich und ihre Texte dem Publikum vorstellten. Und zu "4 + 1" zählte auch eine Uraufführung: "Die Handgriffe der Evakuierung" von Susanna Mewe.


Theater Chemnitz
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Theoretische Sommernachtsträume

von Ralph Gambihler

Chemnitz, 29. September 2011. Wenn es so einfach wäre mit der "wahren Liebe", hätte diese sanfte Komödie nicht geschrieben werden können. Man hätte von einem Irrtum sprechen können und der Fall wäre erledigt gewesen. Der russische Theatergründer, Regisseur und Dramatiker Iwan Wyrypajew, 1978 geboren und hierzulande mit seinen Dramen "Sauerstoff" und "Juli" kein Unbekannter mehr, hat es sich aber nicht so einfach gemacht. Sein Vier-Personen-Stück "Illusionen" schreitet unbekümmert einen Kreis aus, in dem die Kategorien "Wahrheit" und "Liebe" schroff aufeinander treffen. Und nicht nur das: die Menschen, die Wyrypajew ins Rennen schickt, fragen auch noch treuherzig und hartnäckig nach der "wahren Liebe". Etwas anderes interessiert sie gar nicht mehr.


Theater Chemnitz

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Museale Verheerung

von Ralph Gambihler

Chemnitz, 18. Juni 2011. Der alte König in seinem Leid ist bald ein nackter Mann. Noch vor der Pause reißt er sich die Kleider vom Leib, es kann gar nicht schnell genug gehen mit dem Ausziehen und man versteht das wirklich gut in diesem Moment. Seine Verzweiflung, seine Empörung, seine Verletztheit über den Undank der Töchter Goneril und Regan und die Ungerechtigkeit der Götter sind so elementar, dass etwas geschehen muss, und wenn er nun hastig alle Kleider ablegt und damit in einen Zustand bloßer Kreatürlichkeit flieht, ist dies Ausdruck seiner tiefen Bestürzung, zugleich aber auch ein symbolischer Akt zur Wiederherstellung seiner Würde. Im Grunde setzt sich Lear, der berühmteste König ohne Königreich, die Krone der Hilflosigkeit auf.


Theater Chemnitz
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So ist sie eben, die Gesellschaft

von Hartmut Krug

Chemnitz, 18. Februar 2011. Wieder so eine Textfläche. Keine klaren Figuren, keine deutliche Handlung, aber viele Gedanken und Worte. Es geht um einen Amoklauf an einer Schule. Nicht der Täter wird beschrieben, analysiert, kategorisiert und erklärt, sondern die Überlebenden werden beschrieben und beschreiben sich selbst. Nicht die Tat wird im Rückblick geschildert, sondern Menschen machen sich in ihren Reaktionen kenntlich.


Theater Chemnitz

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Ein Egoist zum Verlieben

von Matthias Schmidt

Chemnitz, 27. Januar 2011. Der Schreck dauert ein paar Minuten. Ein hagerer, klamaukig wirkender Mann in Hochwasserhosen kommt zögerlich von der Hinterbühne nach vorne. Betont wirr und unbeholfen spricht er von norwegischen Böcken und den Ausmaßen ihrer Hörner. Peer Gynt oder Piet Klocke, das ist hier die Frage. Gelächter kommt auf und wird noch stärker, als Peers Mutter Aase (Ellen Hellwig) den trotteligen Sohn aus dem Zuschauerraum einen Versager schimpft, sich in der ersten Reihe eine Zigarette schnorrt, und dann erst richtig loszetert.


Theater Chemnitz

Hilflos geheimnislose Menschen

von Hartmut Krug

Chemnitz, 3. Dezember 2010. Erst einmal erfüllt die Bühne ein weißes, flimmeriges Rauschen. Es gibt noch kein Bild, noch kein Leben, nur unwirkliche Figuren ganz in Weiß, mit Mikrophonen in den Händen. Sie sind nicht Individuen, sondern nur Stimmen oder dramaturgische Konstruktionen. Dann läuft ein Film ab: eine merkwürdige Frau schlurft, Brot aus ihrem Netz werfend, gebückt durch eine Stadt, die schön abgerissen aussieht, mit Graffitis und Leerstand. Dann huscht sie auch über die Bühne, über den schmalen Streifen, den die kommentierenden, erklärenden, sich einmischenden, antreibenden Figuren den Rollenspielerinnen im Stück von Johanna Kaptein lassen.


Theater Chemnitz

Zu Wasser, zu Lande, im Kopf

von Hartmut Krug

Chemnitz, 6. Februar 2010. Ulrike Syha hat in unserer globalisierten Welt ein Lebensgefühl entdeckt, das sie ihren Figuren als eine Art aufmerksamer Beweglichkeit einschreibt. Ein frühes Stück der Autorin heißt "Nomaden", und in Privatleben, ihrer letztjährigen Chemnitzer Uraufführung, zeigte sie Menschen im Büro, die, von der Unstetigkeit und Hektik ihrer Arbeit geprägt und gefordert, sich zugleich bei ihren Beziehungsversuchen emotional verhedderten.


Theater Chemnitz

Sprachfestspiel im Seelengefängnis

von Ralph Gambihler

Chemnitz, 14. November 2009. Wer Elektra auf die Bühne holt, die ewig Hassende, im Hass Gefangene, muss gute Gründe haben. Durch den Mythos der Atriden weht ein Geist, der uns Abendland-Menschen entrückt, teilweise auch recht deutlich entwischt ist. Sippenhaft und Blutrache zum Beispiel sind keine lauteren Motive mehr, sondern Fälle für die Justiz. Und die Götter der Antike fallen als kultureller Bezugsrahmen und höhere Instanz so gründlich aus, dass sie nicht einmal mehr zur Metapher taugen.


Theater Chemnitz

Arbeit, Arbeit über alles

von Ute Grundmann

Chemnitz, 2. Mai 2009. Max würde wahrscheinlich auch seine Seele verkaufen, wenn er dafür einen Job oder wenigstens Geld kriegen würde. Um zu (über-)leben, verkauft er erst Gespräche an Einsame, dann echte Identitäten an solche, die keine haben. Solche "prekären Geschäfte" macht er zusammen mit seinem Kumpel Alex, bis der ihm abhanden kommt – durch einen Job und durch die Liebe.


Theater Chemnitz

Mordspiel in ferner Märchenwelt

von Dirk Pilz

Chemnitz, 21. März 2009. Der Wahnsinn kennt ja bekanntlich verschiedene Formen. Lady Macbeth zum Beispiel hat es derart getroffen, dass sie in einer wilden Szene mit Vorschlaghammer und Schutzhelm auf einen wehrlosen Bierkasten eindrischt, der rasch auch seinen Widerstand aufgibt und geräuschvoll zerbirst. Sie sieht danach rechtschaffen gebeutelt aus, was wir ihr sofort glauben, denn dieser Wahnsinn muss anstrengend sein.


Theater Chemnitz

Endstation Sehnsucht auf russisch

von Ralph Gambihler

Chemnitz, 24. Januar 2009. Die Inszenierung beginnt mit einer "Pause". Soeben hat Ferapont, der schwerhörige alte Diener, eine Schubkarre von links herein geschoben und die Ladung wie einen Haufen Gartenerde auf die Rampe gekippt, allerlei hübsch verschnürte Geschenke, darunter auch der berühmte Samowar. Nun sitzt er rastend vor dem Publikum, packt Stulle und Thermoskanne aus und fängt an, vom Stück zu erzählen. "Drei Schwestern" kennt er nämlich, das hat er schon mal gesehen: "In Moskau. Das war toll! Toll!"


Theater Chemnitz

"Jetzt mach mal authentisch, Muddi!"

von Ralph Gambihler

Chemnitz, 22. November 2008. Es gibt einen jungen Mann in diesem Drei-Personen-Stück, der zuhause ziemlich viel Stress macht. Das kann man gut verstehen. Der junge Mann, Michael heißt er, steht unter Druck. Er hat sich an einer Filmhochschule beworben und ein erstes positives Gespräch geführt. Den Film, den er nun einreichen muss, hat er allerdings noch nicht gedreht. Immerhin steht das Genre fest. Eine "Familiendoku" soll es werden, ein ungeschönter Blick in die Welt, die er am besten kennt.


Theater Chemnitz

Operation am offenen Herzen der Geschichte

von Dirk Pilz

Chemnitz, 4. Oktober 2008. Das ist jetzt nicht so einfach, wie es ausschaut. Thomas Bischoff, der einstmals viel beachtete und zu Zeiten auch an der Berliner Volksbühne beschäftigte Regisseur, der nun aber seit Jahren schon an den Rändern der überregionalen Aufmerksamkeit entlang inszeniert und zuletzt am Deutschen Theater Göttingen eine knifflig intelligente "Faust"-Inszenierung herausbrachte, dieser Regisseur hat in Chemnitz jetzt eine "Emilia Galotti" gebastelt, die komplizierter wird je länger man darüber nachdenkt.


Theater Chemnitz

Im Glauben an die Illusion

von Ralph Gambihler

Chemnitz, 3. Oktober 2008. Es werden vermutlich noch nicht viele Programmhefte gedruckt worden sein, von denen man sagen kann, dass sie eine ganze Passage aus Margaret Mitchells Südstaaten-Epos "Vom Winde verweht" enthalten. Man fahre also nach Chemnitz und lese! "Mit dem Trotz ihrer Vorfahren, die auch nie eine unausweichliche Niederlage hinnahmen, warf sie das Kinn empor."


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