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archiv » Hans Otto Theater Potsdam (40)
Hans Otto Theater Potsdam

Der Engel der Geschichte

von Esther Slevogt

Potsdam, 7. April 2017. Auf der Dachterrasse mit dem Panoramablick auf die Stadtsilhouette von Potsdam sind die Fünf nur ein einziges Mal. Gleich am Anfang, wenn die Malerin Lotte Laserstein dort im Spätsommer 1929 ihr ikonografisches Bild komponiert, dessen Rückkehr nach Berlin die damals fast Vergessene 2010 schlagartig zu einer bedeutenden Protagonistin der Kunst der Weimarer Republik machte.


Hans Otto Theater Potsdam

Der geile Sound des Krieges

von Wolfgang Behrens

Potsdam, 3. Februar 2017. "Wer bist du, doppeldeutiges Geschöpf?" fragt Jason einmal, und das ist noch untertrieben. Denn Medea ist vieles: Königstochter und Barbarin, Mitleidige und Hexe, Liebende und Kindsmörderin. Und natürlich ist sie auch eine Geflüchtete, die mit Jason aus ihrer Heimat in Kolchis am Schwarzen Meer nach Griechenland geht, um dort an der korinthischen Stadtgesellschaft brutal abzuprallen. Denn für die Korinther ist sie in all ihrer Doppel- und Vieldeutigkeit von Anfang an eindeutig festgelegt: Sie ist eine Fremde. Sonst nichts.


Hans Otto Theater Potsdam

Im Darknet der Willkommenskultur

von Sophie Diesselhorst

Potsdam, 9. Juni 2016. Das Wort AfD fällt kein einziges Mal an diesem Abend im Hans Otto Theater Potsdam, der den Rechtspopulist*innen eine erhöhte Aufmerksamkeit zu verdanken haben dürfte: Im Mai forderte die AfD-Fraktion der Potsdamer Stadtverordnetenversammlung die Absetzung der Inszenierung des Stücks "Illegale Helfer" von Maxi Obexer, weil darin "Gesetzesbrüche honoriert und für gut befunden" würden. Im – durch den AfD-Vorstoß explizit gemachten – Theater als Schutzraum setzt Yvonne Gronebergs Inszenierung des größtenteils dokumentarischen Stücks über Fluchthilfe in der Grauzone zwischen Menschenrechten und Nationalrechten der Erregungslogik der AfD konzentrierte Konkretion entgegen.


Hans Otto Theater Potsdam

Surfen im Weltenschlund

von Christian Rakow

Potsdam, 23. April 2016. Die blonden Perücken lassen diese Norweger wie Wikinger ausschauen. Schulterlange Haare, gewellt und ungewaschen. Blass leuchten sie inmitten eines tiefschwarzen Raumes, den Ausstatter Wolfgang Menardi ins Potsdamer Hans Otto Theater gezimmert hat: eine wuchtige Bühnenschräge aus Bohlen, gesäumt von dunklen Plastikplanen. In der Mitte steht eingangs noch eine Bretterwand, die später gen Schnürboden entschwindet, sodass nurmehr ein friedloses Loch zwischen den Spielern gähnt. Eine Zeitlang ist es mit schwarzen Luftmatratzen gefüllt, wie zur Seenotrettung.


Hans Otto Theater Potsdam

Suppe und Rausch

von Michael Wolf

Potsdam, 15. Januar 2015. Holger Bülow geht an die Rampe und guckt ins Gegenlicht. Das kennt der Kritiker schon. Holger Bülow muss an diesem Abend oft und lange an der Rampe ins Gegenlicht gucken, während die anderen hinter ihm Monologe vortragen. Am Anfang guckt Bülow dabei etwas trottelig, in der Mitte traurig und schließlich sehr betroffen.


Hans Otto Theater Potsdam

Nach Menschenart

von Hartmut Krug

Potsdam, 10. April 2015. "Jetzt malt er ein ganzes Volk" schrieb Alfred Kerr, als Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" 1931 am Deutschen Theater uraufgeführt wurden. Die Menschen in diesem Stück haben ein sentimentales Sehnen nach dem Leben und zugleich ein Sentiment nach dem Tod. Von Angst umgetrieben, wollen sie im Leben etwas ganz für sich erleben. Marianne, seit Kindesbeinen dem jungen Fleischhauer Oskar versprochen, dessen Küsse ihr weh tun, verfällt dem Rennplatz-Hallodri Alfred. Mit ihrer Unbedingtheit überrennt sie Alfred, der sich bisher von der älteren Witwe und Trafikantin Valerie aushalten ließ. Doch Arbeit und Geld hat das junge Paar nicht, worauf Alfred Marianne verlässt und Alfreds Oma das Kind der beiden in der Wachau sterben lässt. Was bleibt für Marianne, ist die zupackend erdrückende Liebe des Fleischhauers.


Hans Otto Theater Potsdam

Narziss im Spiegelwald

von Christian Rakow

Potsdam, 30. Januar 2015. Im Sounddesign, ja da liegt's. Diese eisig rieselnden Einsamkeitsnoten, die sich in endlosem Elektro-Hall verlieren, diese fragmentierten Akkordfolgen – sie haben ihr Geheimnis. In minimalistischer Schönheit entrückt Klangkünstler Malte Preuß die Szenen, reißt ganze Weltenahnung auf, so zwischen Ton und Ton.


Hans Otto Theater Potsdam

Und ewig nölt der Frauenflüsterer

von André Mumot

Potsdam, 11. April 2014. Er ist ja ganz patent, dieser Fremde in der engen Hose. Seinen letzten Job hat er auch nur verloren, weil er so viel Quatsch erzählt hat. Dafür spielt er dufte Gitarre und macht jedermann wuschig, der ihm über den Weg läuft. Die neue Chefin jedenfalls moniert seinen koketten Hüftschwung und wirft ihm etwas verklemmt vor: "Alles, was du tust, erinnert einen ... daran!" Spätestens in diesem Moment aber schaut man vom Potsdamer Zuschauerraum aus noch einmal genauer hinauf zum Bühnenrund, wo sich der junge Mann in seiner Schlangenlederjacke verbiegt und nölt und sich nicht gerade aufreizend gebärdet, eher wie ein Schluck Wasser in der Kurve, und ratlos kratzt man sich am Kopf.


Hans Otto Theater Potsdam

Landgut, alles gut

von Simone Kaempf

Potsdam, 7. Februar 2014. Die Fortschreibung klassischer Dramen ist schon eine Kunst für sich. Die Figuren in neue Zeiten und andere Verhältnisse versetzen, ihre alten Konflikte unter zeitlichem Abstand neu betrachten, ein Echo auf das alte Stück mitliefern – und das, ohne sich allein bei der Prominenz des Ursprungsstoffs unterzuhaken? John von Düffel, als Dramaturg der emsigste Bearbeiter großer Stoffe, hat vor Jahren, als er seine dramatische Bearbeitung der "Buddenbrooks" vorlegte, den Ton von Thomas Mann so gut getroffen, dass man glauben konnte, der Schriftsteller habe sie selbst geschrieben.


Hans Otto Theater Potsdam

Eine Seele in zwei Brüsten

von Wolfgang Behrens

Potsdam, 24. Januar 2014. Wer schon immer einmal wissen wollte, aber nie zu fragen wagte, was den Doppelgänger vom Zwilling unterscheidet, der kann bei Heimito von Doderer in der Strudlhofstiege nachschlagen. Einen Zwillingsbruder haben sei, so heißt es dort, "etwas beinah nur Materielles und Physisches. Der Doppelgänger aber – das ist unser Schlechtestes, das Unterste, das Unbeherrschteste in uns, worüber wir die Gewalt verloren haben. Es hat sich selbständig gemacht. Es ist objektiv geworden. Es geht herum und tut in unserem Namen, was wir tun könnten, aber nie tun würden."


Hans Otto Theater Potsdam

Laute Bitterkeit

von Nikolaus Stenitzer

Potsdam, 13. Juni 2013. "Vor vielen Jahren lebte in Zuchnow ein Mann namens Mendel Singer. Er war fromm, gottesfürchtig und gewöhnlich, ein ganz alltäglicher Jude."
Mit diesen Sätzen beginnt "Hiob", Joseph Roths "Roman eines alltäglichen Mannes", und mit ihnen beginnt auch die Aufführung der dramatisierten Fassung im Potsdamer Hans Otto-Theater: Dunkel ist die Bühne wie Mendel Singers Stube am frühen Morgen; durch ein kleines Fenster in der Fassade einer angedeuteten Behausung (Bühne und Kostüme: Barbara Steiner) werden Lichter angezündet, während eine Stimme aus dem Off (René Schwittay) von Mendel Singer erzählt, dem Lehrer, der mit seiner Frau und seinen drei Kindern ärmlich im Zuchnower Schtetl lebt und Kinder die Bibel unterrichtet: "Hunderttausende hatten gelebt und unterrichtet wie er."


Hans Otto Theater Potsdam

Wie das wogt

von Georg Kasch

Potsdam, 22. März 2013. Nanu, wo sind sie denn, die titelgebenden Wellen? Auf der Bühne des Hans Otto Theaters jedenfalls nicht: Die schräge Parkettfläche mit ihren wenigen Showstufen am vorderen und am hinteren Ende, den paar Plastikstühlen, Tischplatten und ‑böcken, zwei roten Kordeln sowie einem etwas versteckten Flügel wirkt eher, als sei sie nie übers Probenstadium hinausgekommen. Auch die Kostüme: eine Skizze, eine Vorstudie bestenfalls, hier ein flüchtig angehefteter Cul de Paris, dort ein paar knallige Farbtupfer, Glanzleggins unterm Jackett, ein Bikini mit riesiger Schleife überm Po.


Hans Otto Theater Potsdam

Geweihte unter Geweihen

von Sophie Diesselhorst

Potsdam, 28. September 2012. Schwarz glänzt der Bühnenboden. Könnte glatt sein. Die Schauspieler bewegen sich aber mit Sicherheit auf ihm. Gefallen wird nicht in Stefan Ottenis Inszenierung von Uwe Tellkamps 2005 erschienenem Debütroman "Der Eisvogel". Höchstens ganz am Ende, aber wie Mauritz seinem Freund Wiggo da aus den Armen rutscht, das hat nichts mit dem Boden zu tun, denn einen Moment vorher hat Wiggo Mauritz erschossen.


Hans Otto Theater Potsdam

altVon der Schwierigkeit adäquat zu handeln

von Simone Kaempf

Potsdam, 14. Juni 2012. Der Fremde ist der eigene Bruder. In bester dunkelgrundierter Komödienmanier taucht er plötzlich bei seiner Schwester und ihrem Ehemann auf: ungebeten, zur Abendessenzeit, blutverschmiert. Er sieht aus, als sei er draußen in ein Verbrechen geraten. Oder war es doch ein Unfall? Notwehr? Schließlich benutzt er den Haustürschlüssel, den er einst für Notfälle bekommen hat. Schnell stehen auch der Zweifel und die Frage im Raum, wessen Blut das eigentlich ist, mit dem Liams Pullover verschmiert ist.


Hans Otto Theater Potsdam

altDen Verstand gesunden

von Eva Biringer

Potsdam, 23. März 2012. Wovon lebt der Mensch? Vom körpereigenen Natrium-Kalium-Verhältnis? Vom russischen Birkenpilz? Vom Prinzip Hoffnung oder dem Prinzip der politischen Gesinnung? Alexander Solschenizyn, 1918 geboren, gestorben 2008, handelt die Frage aller Fragen an einer Handvoll Krebskranker ab, weil diese Todgeweihten radikaler antworten als die Lebenden. Tobias Wellemeyer, Intendant des Hans-Otto-Theaters, inszeniert in Potsdam die Uraufführung der "Krebsstation", Solschenizyns in den 1960er Jahren erschienenem Roman.


Hans Otto Theater Potsdam

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Fritz, der Klamottenkönig

von Hartmut Krug

Potsdam, 12. Januar 2012. Er kommt aus dem dröhnenden Nebeldunkel, den Dreispitz auf dem Kopf und den Stock in der Hand: Fritz, der tote König von Preußen. Gespielt von einer Frau, der famosen Rita Feldmeier, tritt er ans Mikro an der Rampe und singt sich sein fragendes "Happy Birthday" zum 300. Geburtstag selbst. Und stellt die Frage, die immer noch aufs Neue gestellt wird: Wer war Friedrich der Große? Also: "Verächter der Frauen, Räuber Schlesiens, Brudermörder, Verschwender, fürstlicher Ausbeuter, kranker Geist, Wegbereiter Hitlers, zerstörte Seele." Oder: "Ruhmreicher Schlachtenlenker, Retter des Oderbruchs, Philosoph auf dem Thron, der Folter und Zensur abschafft, der mit Voltaire debattiert, sogar Johann Sebastian Bach inspiriert. Komponist, Dichter, Architekt."


Hans Otto Theater Potsdam
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Bombenstimmung

von Matthias Weigel

Potsdam, 30. Juni 2011. Eine richtige Gaudi da im Hans-Otto-Theater in Potsdam! Wirklich lustig, es ging um Familie, tjaha, da kann's ganz schön zugehen. Und einen echten Schauspiel- und Fernsehstar gab es zu sehen, Tina Engel! Und irgendwie gesellschaftskritisch war’s auch, na, was will man mehr.


Hans Otto Theater Potsdam

Erst kommen die Götter, dann die Hausmannskost

von Matthias Weigel

Potsdam, 6. März 2011. Ein Stück über Identitätsfindung und -verlust, über die Suche nach dem eigenen Ich, über Selbstgewissheit und Selbstzweifel: Dies und ähnliches wird über "Amphitryon" gesagt, wenn es um – Achtung! – Heinrich von Kleists Tragikomödie geht, eine Übersetzung und Bearbeitung von Molières Gesellschaftskomödie, die wiederum auf der griechischen Mythologie basiert.


Hans Otto Theater Potsdam

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Li-hie-bes-Slapstick an Philosophiegeschnetzeltem

von Elena Philipp

Potsdam, 28. Januar 2011. Unbedingte, romantische Liebe. Hach! Ihr Idealbild: Romeo und Julia. Ein katholischer One-Night-Stand mit vorheriger Hochzeit, befindet der Schauspieler und Regisseur Bruno Cathomas; als reines, großes Wahngefühl leider nicht alltagsfähig, und so konfrontiert er Shakespeares Tragödie bei seiner zweiten Inszenierung in Potsdam mit dem Konzept der Liebe im Zeitenwandel. Die Zitate, von Pater Lorenzo (René Schwittay) frontal ins Publikum gesprochen, reichen vom Korintherbrief bis zu Roland Barthes und Richard David Precht, vom Verlust des natürlichen Einsseins durch die Vertreibung aus dem Paradies bis hin zu den miesen kleinen Beziehungsproblemen von Heute: "Vielleicht kommen Sie noch mit rauf und wir nehmen einen Drink?"


Hans Otto Theater Potsdam

Von unserer Unfreiheit am Hindukusch

von Simone Kaempf

Potsdam, 12. Januar 2011. Zeitungsausschnitte hängen ringsherum an den Wänden, Aktenschränke und Tische stehen seitlich, als sei diese Bühne ein großes Büro. Oder ein Zelt, mit hohen Stangen auf die Bühne gestellt. In der Mitte eine Leinwand, auf der bereits bevor es losgeht Bilder aus einem ganz anderen Teil der Welt zu sehen sind: Steppe, Pferde, ein Mann in afghanischen Gewändern.


Hans Otto Theater Potsdam

Hell erleuchtete Gefühlsräume

von Hartmut Krug

Potsdam, 27. November 2010. Nebelschwaden ziehen durch einen dunklen Stangenwald, und Lektor Meno sucht sich seinen Weg mit der Taschenlampe, wartend auf seinen Neffen. Schüler Christian kehrt zum 50. Geburtstag seines Vaters in das Dresdner Villenviertel über der Elbe zurück. Christoph Hohmann spielt diesen Meno als eine Art Zeremonienmeister. Er bringt die Menschen zusammen, doch leider schleudert er dabei mit aufgedreht lauter Bedeutungshuberei und monotonem Pathos Tellkamps Texte hinaus.


Hans Otto Theater Potsdam

Der alte Traum vom schnellen Geld

von Claudia Klupsch

Potsdam, 24. Oktober 2010. Am Broadway fiel "Enron" durch. Nach wenigen Vorstellungen war Schluss. Vermutlich bereitete die Satire über den gescheiterten amerikanischen Traum eher Unbehagen denn Vergnügen. Wie dem auch sei, in England verbuchte das 2009 uraufgeführte Stück der jungen britischen Autorin Lucy Prebble Publikumserfolge. Erstmals ist es nun auf Bühnen hierzulande zu sehen. Nach der Premiere am Staatstheater Nürnberg am Sonnabend schloss sich tags darauf der Ring deutschsprachiger Erstaufführungen am Hans Otto Theater Potsdam.


Hans Otto Theater Potsdam

Und weil der Aff' ein Aff' ist ...

von Georg Kasch

Potsdam, 18. Juni 2010. Ach, er ist zum Lausen, dieser Affenzirkus: Sieben Schimpansen tummeln sich auf einer Bühne und sagen Elfriede Jelinek auf. Dieser Witz hat keine Pointe? Das ist auch das Problem von Lukas Langhoffs "Kontrakte des Kaufmanns"-Version in der Reithalle, der Nebenspielstätte des Hans-Otto-Theaters in Potsdam.


Hans Otto Theater Potsdam

Außenseiter, Ausgestoßene sind sie alle

von Simone Kaempf

Potsdam, 12. März 2010. Ihr Trinkgelage sieht aus, wie man es sich bei der Bundeswehr vorstellt. Der Schwächste, Woyzeck, muss das Bier selbst besorgen, das ihm dann Flasche für Flasche eingeflösst wird. Angefeuert durch die Rufe des Tambourmajors: "Ein Mann muss saufen". Geifernd beobachtet vom Doktor, der auf das Ergebnis seines Menschenversuchs wartet. Ausgelacht vom Hauptmann, als der abgefüllte Woyzeck an einer Hundeleine und mit heruntergelassenen Hosen wie ein Viech über die Bühne gezerrt wird.


Hans Otto Theater Potsdam

Wo die wilden Gartenmöbel wohnen

von Christian Rakow

Potsdam, 23. Januar 2010. Eine breite, teils mit olivgrünen Jalousien verhängte Rückwand einer Fabrikantenvilla halbiert die Bühne des Hans Otto Theaters. Hinten stehen Gartenmöbel; im Vordergrund, wo der Gartensalon ist, stehen sie auch. Über die Durchgänge durchschreitet man also die immergleiche Welt, außen und innen, nah und fern – Leben und Tod. Der Bühnenraum von Iris Kraft lässt die Figuren im Dasein pendeln. Am äußersten Rand, wo man die Brandmauer vermuten darf, gähnt ein schwarzes Nichts.


Hans Otto Theater Potsdam

Mühselige Mythen

von Michael Laages

Potsdam, 6. November 2009. Eigentlich folgt das Theater dem Grundgedanken, auf den sich der frankokanadische Autor, Regisseur und Theaterleiter Olivier Kemeid stützt, gern: Einen der großen mythischen Stoffe der klassischen Antike nachzuerzählen und neu zu erfinden als Geschichte des ewigen Flüchtens und Vertriebenseins, durch alle Zeiten hindurch und damit natürlich ganz handfest aktuell im Hier und Jetzt.


Hans Otto Theater Potsdam

Der Stimme beraubt, als die Stummheit endete

von Esther Slevogt

Potsdam, 5. November 2009. Fast wäre die friedliche Revolution, deren entschlossene Sanftmut vor zwanzig Jahren das marode Staatswesen der DDR in sich zusammenfallen ließ, doch noch in Gewalt umgeschlagen: als im Januar 1990 aufgebrachte Demonstranten die Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit in der Normannenstraße stürmten. Erst waren es Hunderte, die sich gewaltsam Zutritt verschafft hatten, bald Tausende, die der blinde Zorn über jahrzehntelange Bespitzelung und Unterdrückung nach Lichtenberg trieb, während in Pankow die Protagonisten des Wandels, unter ihnen die Bürgerrechtler Konrad Weiß und Rainer Eppelmann, am Runden Tisch schon über den demokratischen Umbau der DDR verhandelten, die dann aber nicht mehr zu retten war.


Hans Otto Theater Potsdam

Bauhaus-Traum-Aus

von Christian Rakow

Potsdam, 8. Oktober 2009. Die heidnische Kultstätte Stonehenge wollte Architekt Leo Black in seiner 70er-Jahre-Hochhaussiedlung "Eden Court" nachempfinden: sechs wuchtige Wohnblöcke im Kreis angeordnet und durch Brückengänge verbunden. Ein Lebensraum für ein gemeinschaftliches Miteinander sollte es werden – und nebenher eine Selbstbestätigung des Architekten: "Wir träumen diese Bauten."

Hans Otto Theater Potsdam

Fleischbeschau unter Frauen

von Wolfgang Behrens

Potsdam, 15. November 2008. Was steht da eigentlich auf dem Spiel, wenn die beiden Königinnen sich begegnen – das eine, einzige Mal im dritten Akt? Geht es, wenn doch die eine die Gefangene der andern ist, noch um Macht? Geht es um Schuld und Gnade? Um den moralischen Triumph des besseren Arguments? Oder geht es vielleicht – um Sex?


Hans Otto Theater Potsdam

Das Reden der anderen

von Esther Slevogt

Potsdam, 18. Oktober 2008. Die Verhaftung fand auf offener Straße statt. Oder früh morgens, als man noch im Bett lag. Man wurde beim Versuch festgenommen, illegal die Grenze zu überqueren. Oder musste sich "zur Klärung eines Sachverhalts" zur Polizei zu begeben, von wo es dann für viele Jahre kein Zurück ins Leben mehr gab. Am Anfang steht nur ein einsamer Maultrommelspieler auf der leeren Bühne und spielt sein unheimliches Instrument. Immer kommt dann ein Mensch hinzu, spricht und bleibt. Schließlich sind es fünfzehn Menschen. Sie werden in den nächsten zwei Stunden erzählen, wie sie in die Fänge der Staatssicherheit gerieten.


Hans Otto Theater Potsdam

Wenn ich ein Raumschiff wär' 

von Hartmut Krug

Potsdam, 17. Oktober 2008. Ein Mann sitzt am Bühnenrand, stellt sich vor, erzählt seinen Lebenslauf und bittet "um schnellste Hilfe." Denn er ist in einer Nervenklinik, obwohl er beteuert: "Ich bin ein völlig normaler Mensch." Dann versammeln sich in einem riesigen, schäbig-düsteren Raum mit vier Türen auf jeder Seite die Klinikinsassen auf einer großen Matratze zur Feier des 18. Jahrestags der DDR. Sie singen an gegen den Stillstand und sehnen sich hinaus mit "Flieg, Gedanke" (Verdis Gefangenenchor aus Nabucco) und mit DDR-Liedchen, die vom Fliegen erzählen.


Hans Otto Theater Potsdam

Zwiegespräche über das vergehende Leben

von Simone Kaempf

Potsdam, 19. Juli 2008. Eine Frau, ein Wippstuhl und ihre Stimme, die vom Vergehen der Zeit erzählt. Davon, dass die Mutter in ihrem Stuhl wippte und wippte, bis sie schließlich starb. Während die Schauspielerin Hayley Carmichael spricht, fängt sie selbst sachte an zu schaukeln, als habe sie, die Tochter, soeben den Platz der Mutter eingenommen – eine kreislaufhafte Bewegung, die zugleich Stillstand, Zeitvertreib, Wiegenlied bedeuten kann.  


Hans Otto Theater Potsdam

Ein Mensch lebt so: Siehst du, so lebt er

von Lena Schneider

Potsdam, 26. April 2008. Glück gehabt: Doch kein Trabi. Während auf den Flyer-Fotos das Ensemble des Potsdamer jungen Theaters keck in und um einen Trabant drapiert ist, hat man allzu eindeutige (auch scheinbar ironische) Fingerzeige in die Nostalgie-Ecke auf der Bühne unterlassen. Statt also im Retro-Vehikel vorzufahren, nähern sich die fünf Schauspieler zu Fuß, schlendern über eine kurzgeschorene Wiese und betreten das "Amphitheater", eine kleine Openair-Bühne vor dem Bürgerhaus.


Hans Otto Theater Potsdam

Ergründe die Gottesnatur!

von Dirk Pilz

Potsdam, 30. März 2008. Es ist nichts passiert. Keinerlei Zwischenfälle, keine Kundgebung. Die Polizei schlich unauffällig ums Haus, Taschen durften nicht mit in den Zuschauerraum genommen werden. Das war's. Noch nicht einmal Buh-Rufe am Schluss. Soviel vorab.


Hans Otto Theater Potsdam

In des Alltags grauer Not ist Zufriedenheit der Tod

von Anne Peter

Potsdam, 30. März 2008. Das Leben ist ein Rummelplatz. Oder könnte einer sein. Ein nackter Mann, am ganzem Körper zum Zebra geschminkt und mit hoch aufstehender Irokesenmähne versehen, sitzt weit zurückgelehnt mit genießerisch nach hinten gestrecktem Kopf auf der Zebrafigur eines Karussells, das sich kirmesmäßig zum Vicky Leandros-Schlager dreht: "Ich frag dich: / Was kann mir schon geschehn? / Glaub mir, ich liebe das Leben. / Das Karussell wird sich weiterdrehn / auch wenn wir auseinandergehn."


Hans Otto Theater Potsdam

Die komische Maske des Rigorismus

von Anne Peter

Potsdam, 3. Februar 2008. "In Ihrem Kampf gegen die menschliche Natur / Wurden Sie selbst schon zur komischen Figur." Philinte, Pragmatiker der Umgangsformen, reimt diese Wahrheit zusammen. Er will Alceste das menschliche Maß lehren. Denn Alceste, der Molièresche "Menschenfeind" , ist in der Tat maßlos in seiner idealen Heuchelfreiheit, ein Extremist der Ehrlichkeit, ein Authentizitäts-Apostel. Ein Wahnsinniger, wenn man so will.

Hans Otto Theater Potsdam
Paul war irgendwie auch dabei

von Wolfgang Behrens 

Potsdam, 17. Januar 2008. Wer – wie ich – Anfang der 90er Jahre aus Westdeutschland nach Berlin kam, der wurde spätestens nach zwei Monaten von irgendjemandem in das kleine Kino Börse am Hackeschen Markt geschleppt, in dem jeden Abend nur ein einziger Film lief: "Die Legende von Paul und Paula". Indem der Westler den 70er Jahre-DEFA-Kultfilm der Ostler kennenlernte, brachte man damals die Wiedervereinigung ein kleines Stück voran.


Hans Otto Theater Potsdam

Aus der Versehrtheit geboren 

von Anne Peter

Potsdam, 9. November  2007. Der Schnupperphase sind Wajdi Mouawads "Verbrennungen" schnell entwachsen. Das in dieser Saison landauf und landab gespielte Stück des 1968 im Libanon geborenen Frankokanadiers (wir berichteten hier und hier ), in dem ein Zwillingspaar sich, dem Testamentswunsch der Mutter folgend, widerwillig aus Montreal auf die Suche nach Vater und Bruder in den Libanon aufmacht, ist in Phase II angekommen. und


Hans Otto Theater Potsdam

Torte, Tote, Tränendrüsen

von Anne Peter

Potsdam, 7. Oktober 2007. Auf der Damentoilette liegen sich zwei Frauen in den Armen. Die eine hebt ihr verweintes Gesicht, wischt sich die roten Augen und versucht, sich wieder zu fangen. Auswirkungen der eben zu Ende gegangenen Premiere? Könnte durchaus sein. Denn Petra Luisa Meyer drückt in der Inszenierung des von ihr selbst zusammengetragenen, sich dokumentarisch gebärdenden Stücks "Putin hat Geburtstag" am Potsdamer Hans Otto Theater hemmungslos auf die Tränendrüse.


Hans Otto Theater Potsdam

Hüllenlos in einem Meer von Schaum

von Wolfgang Behrens

Potsdam, 20. September 2007. Warum muss die schöne Jüdin Rahel sterben? In Franz Grillparzers historischem Trauerspiel "Die Jüdin von Toledo" ist die Gemengelage komplex. Da spielt zum einen der mit Aberglauben vermischte Judenhass im von den Mauren bedrohten Spanien eine Rolle, der jedoch als Motivation seltsam im Hintergrund bleibt.


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