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archiv » Landesbühne Nord Wilhelmshaven (12)
Landesbühne Nord Wilhelmshaven

Moral durch die Hintertür

von Andreas Schnell

Wilhelmshaven. 21. September 2013. Schon bei der Uraufführung stieß "The Faithmachine" von Alexi Kaye Campbell nicht nur auf Begeisterung. Viele Kritiker bemängelten, er habe sich bei seinem dritten Stück schlicht zu viel vorgenommen. Da ist was dran. Das Stück beginnt am 11. September 2001, als das Liebespaar Tom und Sophie sich darüber streitet, ob Tom einen Job als Werbetexter bei einem Pharma-Konzern annehmen darf, der nicht genehmigte Medikamente an Kindern in Uganda testet, mit tödlichen Folgen. Tom argumentiert ökonomisch, Sophie moralisch. Sie kommen nicht überein – und in den Jahren, die folgen, nicht so recht voneinander los.


Landesbühne Nord Wilhelmshaven

Die Schwachen sind die Atomkraftgegner

von Tim Schomacker

Wilhelmshaven, 9. März 2013. Und dann gibt es doch noch einen dieser kleinen Momente. Der Staatsträger Sarkis wischt ganz beiläufig mit gekreuzten Fingern über ein Kreidewort an der Wand, während er dem Wissenschaftler Chervat zu Leibe rückt, der lange Zeit bereitwillig dem privilegiengefütterten Ruf der Macht gefolgt war und nun qua Gewissensbiss abtrünnig, also staatsfeindlich, zu werden droht. Er tippt erneut an die Wand, mit zwei Fingerspitzen diesmal. Plötzlich steht da "Der Bund der Schwächen" – die beiden Punkte über dem "a" ändern den Satz fundamental. Eine Armbewegung reicht aus, das Aufbegehren der Schwachen zu tilgen.


Landesbühne Nord Wilhelmshaven

Beziehungsstatus: kompliziert

von Andreas Schnell

Wilhelmshaven, 4. November 2012. Beziehungsstatus: Es ist kompliziert. Zwischen Deutschland und Polen, nach all dem Leid: Krieg, Zerstörung, Konzentrationslager. Ein Theaterstück, das dieses Verhältnis untersucht, kann da kaum einfach sein. Sicher ist es gut, beide Seiten zu hören. "Bromberg / Bydgoszcz" leistet das als gemeinsame Produktion der Landesbühne Nord und des Teatr Polski Bydgoszcz.


Landesbühne Nord Wilhelmshaven

It ain't gotta swing

von Benno Schirrmeister

Wilhelmshaven, 3. November 2012. Bei seinen Stücken sei ihm die Musikalität wichtig, sagt der französische Dramatiker und Komponist David Lescot. Also die Rhythmen, die Tonlagen und, im Falle seines Biografie-Dramas "Das System Ponzi", vor allem der Chor als Träger der Bühnen-Erzählung. Und wer das weiß, der ahnt gleich zu Beginn der deutschen Erstaufführung, die Olaf Strieb an der Landesbühne Nord in Wilhelmshaven besorgt hat: Hier läuft was gründlich schief. Denn der Chor, dem die erste Szene gehört spricht weder chorisch noch mit Gefühl für den Swing der Wörter, also die lyrischen Qualitäten dieses Textes. Und das liegt ganz eindeutig nicht an Uli Menkes fein timbrierter Übersetzung.


Landesbühne Nord Wilhelmshaven

Afrikasehnsucht? Lieber nicht

von Andreas Schnell

Wilhelmshaven, 6. September 2012. Statt Paletten gibt es Gummireifen. Das, weil "Atalanta" auch in Afrika aufgeführt wird. Und da, genauer in Tansania, ist es laut Jens-Erwin Siemssen, Kopf der Theatergruppe "Das Letzte Kleinod", eine leicht verfügbare Requisite. Aber wie schon zuletzt in der Inszenierung Filchner-Barriere zu sehen war, wo Industriepaletten die einzigen Requisiten waren, lässt sich auch mit auf den ersten Blick ganz untheatralischen Gegenständen eine Menge anstellen. In "Atalanta", der neuen Produktion des Letzten Kleinods, stehen die Reifen für Waffen, Schwimmwesten, Brotteig, Helme; sie sind Boote, Geldkoffer und vieles mehr.


Landesbühne Nord Wilhelmshaven

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Du bist zu reich, du Spast!

von Andreas Schnell

Wilhelmshaven, 5. Mai 2012. Wo Lion Feuchtwanger in seinem historischem Roman "Die Jüdin von Toledo" nicht zuletzt Aufarbeitung jüdischer Geschichte betreibt, interessiert sich Kristo Šagor in seiner neuen Bühnenfassung des Romans mehr für allgemeinere Fragen zu Herrschaft, Gewalt, dem Verhältnis von Privatem und Öffentlichem.


Landesbühne Nord Wilhelmshaven
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Per Anhalter durch die Marktwirtschaft

von Andreas Schnell

Wilhelmshaven, 29. Oktober 2011. "Verkäufer": Der Titel des Werks von Edoardo Erba steht in seiner Abstraktion für die kapitalistische Durchdringung aller gesellschaftlichen Regungen in der modernen westlichen Gesellschaft. Auch wenn an manchen Stellen spezifisch Italienisches anklingen mag, ist die Story ohne Umstände auf deutsche Verhältnisse übertragbar. Und sie traf offenbar direkt den Nerv des Premierenpublikums, das Ensemble und Regie begeistert feierte.


Landesbühne Nord Wilhelmshaven
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Goethe is a DJ

von Andreas Schnell

Wilhelmshaven, 13. August 2011. Regisseur Jan Steinbach erinnerte sich in einem Interview vorab, er habe Goethes "Iphigenie" zu Schulzeiten langweilig und naiv gefunden. Und erst später die spannenden Seiten des Stücks entdeckt. Wollte man gemein sein, könnte man sagen, dass oft der erste Eindruck stimmt.


Landesbühne Nord Wilhelmshaven

Zur See für Deutschland – aber warum eigentlich?

von Michael Laages

Wilhelmshaven, 8. Juni 2010. Nur zur Erinnerung - der bis vor kurzem noch diensthabende oberste Repräsentant dieser Republik stolperte unter anderem deshalb aus dem Berliner Schloss Bellevue hinaus, weil er eine Lanze brechen wollte für (zum Beispiel) die "Schlicksoldaten". Auch sie, die Marine-Mitstreiter vom Bundeswehr-Militärstützpunkt in Wilhelmshaven, stehen (zum Beispiel am piratenverseuchten Horn von Afrika) für das, was Horst Köhler in einem Radio-Interview auf dem Rückflug aus Afghanistan als Aufgabe der Bundeswehr definierte: die Verteidigung "unserer wirtschaftlichen Interessen" fern der Heimat.


Landesbühne Nord Wilhelmshaven

Die Hybris der Helden

von Tim Schomacker

Wilhelmshaven, 25. September 2009. Der Superheldencomic hat nichts Episches an sich. Der monatlichen Erscheinungsweise geschuldet, muss die Welt auf wenigen Seiten bedroht und auch gerettet werden. Zeiten und Räume sind schnell zu überbrücken, Konstellationen klar herauszumeißeln. Ein Blick in die frühen handschriftlichen Fassungen der Vers- und Heldenepik von Roland über Hildebrand bis zu den Nibelungen verrät eine alte Tradition des text-bildlichen Erzählens.


Landesbühne Nord Wilhelmshaven

Hintertürchen und so weiter

von Andreas Schnell

Wilhelmshaven, 14. März 2009. Ein "Spiel", wie der Autor es nannte, uraufgeführt 1963 im Theater am Geländer in Prag, der Eiserne Vorhang zwischen ihm und uns – und mittlerweile natürlich auch das Ende des real existierenden Sozialismus. Rennt man damit heute noch Türen ein? Wohl kaum. Als letzter Teil einer Trilogie über die Bürokratie, inszeniert vom scheidenden Oberspielleiter der Landesbühne Nord, Christof Meckel, geriet Václav Havels "Gartenfest" dennoch zum Erfolg.


Landesbühne Nord Wilhelmshaven

Wo die Moral endet, beginnt die Politik

von Michael Laages

Wilhelmshaven, 6. Dezember 2008. Aufstieg und Sturz eines Sonderlings – gerade hat Heinrich Albertz, der neue Innensenator in der Stadtregierung des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Willy Brandt, mit der DDR die ersten weihnachtlichen Passierscheine ausgehandelt, die den West-Berlinern zwei Jahre nach dem Bau der Mauer erstmals wieder den Besuch von Verwandten im Ostteil der Stadt ermöglichen, als die Geschichte von "Albertz" beginnt, dem neuen Stück der jungen Berliner Dramatikerin Tine Rahel Völcker.


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