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archiv » Landestheater Linz (24)
Landestheater Linz

Schubladen, die die Welt bedeuten

von Martin Thomas Pesl

Linz, 13. April 2019. Da liegen sie in großen Schubladen, hart beleuchtet und starr, wie tote Käfer in der Vitrine oder archivierte Dokumente. Von Anfang an beweisen die sieben Studierenden der Anton-Bruckner-Universität Disziplin, während das Publikum gar langsam ins Studio der Kammerspiele des Linzer Landestheaters tröpfelt. Zehn Minuten dauert es, bis sie erstmals aus den Laden auf die Laden, die Mira Königs durchaus originelles Bühnenbild sind, klettern dürfen.


Landestheater Linz

In Linz, da stinkt’s

von Martin Thomas Pesl

Linz, 22. Februar 2019. Die VOEST als Thema eines Theaterabends – warum erst jetzt? Bedeutung und Thema des "Mythos VOEST" für die Stadt Linz liegen ja auf der Hand. Während der erste Teil der dokumentarischen Stückentwicklung von Regine Dura und Hans-Werner Kroesinger in den Kammerspielen des Landestheaters läuft, fragt man sich allerdings das Gegenteil: Den Linzer*innen von der VOEST erzählen, heißt das nicht Eulen nach Athen tragen? Die wissen das doch alles. Sebastian Hufschmidt muss sich nur eine Brille aufsetzen, schon lacht der halbe Saal, weil er ihn als Dr. Eder erkennt, den aktuellen Vorstandsvorsitzenden. Die Rede Hermann Görings zur Eröffnung der zunächst nach ihm benannten Stahlwerke wird angeblich sogar in Oberösterreichs Schulen durchgenommen.


Landestheater Linz

1A Theaterabend

von Theresa Luise Gindlstrasser

Linz, 12. Oktober 2018. Ein Karussell-Dach schwebt schwer. Das "Münchener Oktoberfest, und zwar in unserer Zeit" hat zur einzigen Attraktion ein unbefahrbares Ringelspiel. Rot und blau, mit bunten Glühbirnen und vielen Neon-Röhren fungiert's halb und halb als Leuchtkörper und Sehnsuchtsobjekt, als Regenschirm, Zirkuszelt und Zeppelin. Die Drehbühne darunter dreht sich. Bühnenbildner Aurel Lenfert hat Biertische und Bänke zu einer Skulptur arrangiert. Ein großes, grünes Krokodil fährt unmotivierte Kreise. Alles ist unbrauchbar. Den Handlungszusammenhängen enthoben. Die Dinge treten in scharfer Schönheit hervor. Dazwischen schlendert Alexander Julian Meile als Kasimir und kuschelt einen weißen Tiger um seinen Körper herum.


Landestheater Linz

Verwurstende Verwurstungslogik

von Theresa Luise Gindlstrasser

Linz, 9. Juni 2018. Die Puppe Brecht wünscht "viele Erkenntnisse" und "viel Spaß". Black, Trommelwirbel, Spot: Die Drehbühne dreht sich, der Glitzervorhang glitzert, eine Show-Treppe steht rum – das ist der sogenannte "theatralische Teil" des Abends. Denn, "in der Show schaut das Theater zurück". Da wird sich das Publikum als gut gelauntes Show-Publikum performen sollen, damit wir nachher sagen: "Es war eine tolle Show".

Apropos "es", also "das Es", das Unbewusste und Ungewusste ist's, nach dem "Kuttners Hitlershow. Am Tag, als Adolf Hitler starb" in den untiefen Untiefen der massenmedialen Inszenierungen angelt.


Landestheater Linz

Süße Mädel kontern messerscharf

von Reinhard Kriechbaum

Linz, 1. Dezember 2017. "Die Weiber lügen nicht … die Wahrheiten wechseln nur für sie", sagt Anatol mit Kennermiene. Er, der selbst trickst und betrügt wie ein Teufel, hält das andere Geschlecht zu nicht mehr als zu Fake News fähig. Ein Widerling sondergleichen, der nur "unter der rot-grünen Bumslaterne" zur Vollform aufläuft, wie es Freund Max mal so ironisch wie anschaulich beschreibt.


Landestheater Linz

Wir müssten reden

von Reinhard Kriechbaum

Linz, 23. September 2017. "Im Halsumdrehen stehst du himmelhoch über dir." Das verspricht Moritz, der Selbstmörder. Als Wiedergänger will er seinen Schulfreund Melchior zum Suizid bewegen. Ein Lichtblick in einem sonst knochentrockenen Wort-Gestocher, das einen wie viele andere Szenen in Frank Wedekinds "Frühlings Erwachen" ziemlich mutlos machen könnte.


Landestheater Linz

Der Tod lauert in der Damentoilette

von Reinhard Kriechbaum

Linz, 2. Februar 2017. Kurt Palm und das Linzer Theater Phönix, sie haben eine gemeinsame Geschichte. 2009 war Linz Kulturhauptstadt Europas, und viele freie Kulturschaffende waren damals vor den Kopf gestoßen, weil sie sich viel zu wenig eingebunden fühlten ins offizielle Programm. Damals hat man den Schriftsteller und Theatermann Kurt Palm (in Österreich eine erste Adresse für Satire in Faustschlag-Dimension) ins Theater Phönix eingeladen, ein möglichst ätzendes Stück zu schreiben.


Landestheater Linz

Vergangenheit erben

von Veronika Krenn

Linz, 13. Mai 2016. "Wie zwei Veteranen im Morgengrauen, was?" sagt der 80-jährige Patriarch Stefan Riedl (Stefan Matousch) zu einem noch unsichtbaren Gesprächspartner. Es antwortet ihm nur die Katze mit einem metallischen Schnurren, das von Störgeräuschen einer defekten Lüftung stammen könnte. Die Drehbühne fährt unaufhörlich ihre Kreise, während der alte Mann in Katzenjammer ob seiner aufflackernden Erinnerungen an Krieg und Vertreibung verfällt. Es soll an diesem Abend, an dem acht Familienangehörige anlässlich seines Geburtstags zusammenkommen, nicht der einzige Katzenjammer-Moment bleiben.


Landestheater Linz

Die Abschaffung des Inneren

von Reinhard Kriechbaum

Linz, 5. Dezember 2015. "Arbeit ist heutzutage ein Privileg. Ein Privileg will verdient sein. Das ist Demokratie." So denkt Blocq, der Chef, der von allen als der große Brutalo wahrgenommen wird. "Es sind die Ideen in seinem Kopf, die schlecht sind, nicht er." So tickt Estelle, die noch beim Putzen des WC von den Sternen träumt und nicht eine Sekunde zaudert, wenn sie irgendjemandem Gutes tun zu können glaubt. Aber: Ist nicht womöglich diese Gutmenschin aus fanatischer Leidenschaft eigentlich die allerärgste aller vorstellbaren Gesinnungstyrannen? Mit dieser Ambivalenz spielt Joël Pommerat, wie überhaupt er in seinem Stück "Mein Kühlraum", das in Linz seine österreichische Erstaufführung erlebt, eine Menschengruppe aufstellt, die man charakterlich nicht so leicht zuordnet.


Landestheater Linz

Eine Runde durch die Familien-Geisterbahn

von Reinhard Kriechbaum

Linz, 10. Oktober 2015. In Rom tagen gerade die katholischen Bischöfe zum Thema Familie. Angeblich sind ja in dieser kleinsten gesellschaftlichen Einheit alle Positiva des Humanum zu fokussieren. Wie arm wäre das Theater, wenn dem auch nur annähernd so wäre! Regisseur Armin Holz lässt uns aber ganz beruhigt zurück: Der Tanz der Gespenster, die aus verqueren Beziehungen herauswachsen, geht so rasch nicht zu Ende. Zwischendurch darf man schon den Atem anhalten in dieser Familien-Geisterbahn. Gespenster, wohin man schaut, bei Henrik Ibsen, bei Virginia Woolf und bei Komponist Paul Abraham und seinen Textdichtern der Zwischenkriegszeit.


Landestheater Linz

Vom Fremdsein in der eigenen Haut

von Reinhard Kriechbaum

Linz, 21. Februar 2015. Eine vornüber hängende Wand aus altem Karton. Das Haus der Singers im Schtetl hat die Anmutung einer Favela. Die paar Sessel stehen im Wasser. Zehn Zentimeter sind es vielleicht, aber in Wahrheit steht es der jüdischen Familie bis zum Hals.


Landestheater Linz

Theater gegen Schicksal

von Reinhard Kriechbaum

Linz, 29. November 2014. "Lerne lesen, lerne schreiben, lerne reden, lerne denken." Die Großmutter hat dies der jungen Frau mitgegeben auf ihren Lebensweg. Und das alles hat Nawal auch wirklich gelernt. Als erste Frau im Dorf hat sie den Namen aufs Grab der Großmutter zu schreiben gewusst. Die Tragik dieser Gestalt: dass ihr das Lesen, Schreiben, Reden, Denken letztlich überhaupt nicht genutzt hat; das sie dann ausgerechnet dem Reden über sich selbst hat abschwören müssen.


Landestheater Linz

Dauer-Loop am Wirtshaustresen

von Reinhard Kriechbaum

Linz, 16. Mai 2013. Persönlichkeitsspaltung im fortgeschrittenen Stadium, ein Fall von theatraler Verhaltensauffälligkeit? In Linz hat man vor ein paar Wochen das neue Musiktheater eröffnet, ein riesiges Opernhaus in Bahnhofsnähe. Zur Eröffnung hat man sich eine uraufzuführende Oper von Philip Glass nach Peter Handke ("Spur der Verirrten") vorgeknöpft und man baut eine eigene Musical-Sparte auf. Ab Herbst gibt's Wagners "Ring".


Landestheater Linz

Hasse die Provinz wie dich selbst

von Reinhard Kriechbaum

Linz, 20. April 2013. "Die Basis ist die Mittelschicht", sagt einer der Dreißigjährigen, "davon hängt alles ab. Vor allem bei Cremetorten." Irgendwie gehören sie alle dieser Mittelschicht an, die da bei Hannes und Heidi eingetrudelt sind. Auf der Baustelle, wo irgendwann ein schmuckes Einfamilienhaus entstehen wird als endgültiges Zeichen des Angekommenseins und des eigenen Platzes, den die beiden im Leben gefunden haben. Aber derweil ist dort nur ein Aushub. Ein großes Loch. Hannes, der Gastgeber, ist vor allem mit Erdeschaufeln beschäftigt. Und mit sich selbst.


Landestheater Linz

Den Anschluss haben wir durchgekaut

von Reinhard Kriechbaum

Linz, 16. März 2013. Eigentlich ist es ja genau so, wie es Franzobel in seinem Text "Die Zischsuppe" en passant einen der beiden "normalen" Österreicher sagen lässt: "Zum Anschluss ist alles weggesagt." Dass Österreich vor exakt 75 Jahren, am 12. März 1938, als Hitler kam und so furchtbar viele ihm auf der Straße zujubelten, das erste "Opfer" Nazi-Deutschlands gewesen sei, ist längst weggeschrieben. Von anderen, aber auch von Österreichern selbst.


Landestheater Linz

alt

Mit Sorgen-Rucksack in den Biergarten

von Reinhard Kriechbaum

Linz, 28. April 2012. Noch mehr menscheln könnte es eigentlich nur beim Frisör, wo Menschen angeblich so gerne alle ihre Nöte und Sorgen abladen. Als Psycho-Depot eignet sich auch gut eine Bierstube. Dort siedelt Christoph Nußbaumeder sein 2010 in Köln uraufgeführtes Stück an. Ideal, wenn in einem solchen Etablissement ein weiblicher Engel wie Sigrid seine seelenhygienischen Dienste (und nicht nur diese) anbietet.

Landestheater Linz

altGoldrahmenerinnerungen

von Reinhard Kriechbaum

Linz, 19. Januar 2012. Ein saftiges "Ich" wäre endlich mal gefragt, aber sie sagt: "Wir sind bereit". Und so kommt es schon am Beginn genau so, wie es kommen muss und wie es bisher immer gekommen ist: Die Frau wird nicht vom Dach springen, weil die Seelen, ach, in ihrer Brust sich zu Wort melden. Dort ringen nicht deren zwei, sondern gleich drei. Plus fünfzig Prozent gegenüber dem guten alten Goethe also. Eine Frau – und erst eine Frau der Postmoderne – ist etwas entschieden Komplexeres als der vergleichsweise simpel gestrickte Faust. Das weiß der 1978 geborene Jonas Hassen Khemiri.


Landestheater Linz

alt

Im Echoraum des Trash-TV

von Steffen Becker

Linz, 13. Mai 2011. Kindesmisshandlung, Drogenmissbrauch, verzweifelte Hausfrauen, das Jugendamt. Mit heutigen Nachmittags-TV-Augen betrachtet wäre Gerhart Hauptmann ein toller Autor für skripted reality. In "Die Ratten" ist alles drin, was das Publikum auch hundert Jahre später noch zu fesseln vermag.


Landestheater Linz

Man ist wie ein Tier ... man versteckt sich

von Reinhard Kriechbaum

Linz, 29. Mai 2010. Er ist ein Ex-Langzeit-Arbeitsloser zum Vorzeigen, dieser Pierre Delile, der die meiste Zeit nichts sagt, weil ohnedies seine Frau die Befindlichkeit hinausposaunt, die seine und die ihre. Genauer gesagt: Man schweigt sonst, weil da ist "nichts um uns herum, nicht einmal die Schande", vertraut sie jenen beiden jungen Damen an, die Pierre jetzt fürs Fernsehen gecastet haben. Pierre soll vorgeführt werden als Positivbeispiel für einen, der den Wiedereinstieg geschafft hat. Jetzt arbeitet er wieder. Zwar erst seit gestern und nur "als Ladendiener mit Kappe im Baumarkt", wie der Sohn verächtlich sagt. Aber immerhin.


Landestheater Linz

Der böse Mensch von Yokohama?

von Reinhard Kriechbaum

Linz, 5. Dezember 2009. "Erwarten Sie keine Worte aus meinem Mund, ich habe nur Zähne darin", wird Shlink einmal sagen - jener aus Yokohama stammende "Mann mit der anderen Haut", der diese seine Haut viele Szenen vorher als zu dünn für diese Welt beschrieben hat. Muss man sich also in der "Großstadt Chicago", wo das Verhängnis 1912 seinen Anfang nimmt, tatsächlich frühzeitig eine dicke Haut wachsen lassen?


Landestheater Linz

Ein Volkseintopf

von Reinhard Kriechbaum

Linz, 19. September 2009. Flott kommt es daher, das Zwölfer-Grüppchen in roten Fahrrad-Dressen mit den Buchstaben "ÖGB" (Österreichischer Gewerkschaftsbund) auf der Brust: eine Art Antiken-Chor heutiger Betriebsräte. Keine Schauspieler, die so tun als ob, sondern echte "kleine Männer" (und Frauen). Menschen "von der Straße", dahergefahren mit Fahrrädern. Aber die stehen bald still, so wie die Räder der imaginären Firma. Hinter einem holzvertäfelten Bühnen-Rahmen sieht man die nackte Maschinerie der Linzer Kammerspiele.


Landestheater Linz

Donaudampfschiffreise mit Schlagseite

von Reinhard Kriechbaum

Linz, 13. März 2009. Jedem Kind in Österreich ist einmal das Wortungetüm "Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän" untergekommen. Auch ein solcher meldet sich mal zu Wort im Laufe des Abends: "Die Donau-Navigation", holt er versonnen-melancholisch mit tiefgründigem Unterton aus und erklärt, wie er früher eine jede Sandbank im Verlauf der 2400 Kilometer zwischen Kehlheim und Ismail mit Bleistift in die Flusskarte eingezeichnet hat. Das ist ein wenig Bildungsprogramm zur Binnenschifffahrt von der Kommandobrücke (sprich: dem Beleuchter-Balkon) herunter. Der Kapitän schaut aus wie von der Iglu-Werbung abgekupfert. Sein weißer Bart ist aberdeutlich kürzer als jener der Witze in dem Stück von Verena Koch.


Landestheater Linz

Und etwas schnippisch doch zugleich

von Reinhard Kriechbaum

Linz, 10. Januar 2009. Kein Gretchen-Dummerchen auf der Bühne des Linzer Landestheaters, sondern eine moderne junge Frau. Vielleicht weiß sie nicht so genau was, aber sehr wohl wen sie will. Pubertär linkisch, gar tölpelhaft hat Faust sich ihr das erste Mal genähert. So als ob ihm seine junge Gestalt erst vertraut werden, als ob er sich erst in der neuen Hülle zurechtfinden müsste. Aber dieses Gretchen ist ja so zaghaft nicht, und sie hat all das Schüchterne mehr gewohnheitsmäßig auf den Lippen, sagt’s oder singt’s vor sich hin wie Schlagertexte, die sie eigentlich nichts angehen.


Landestheater Linz

Kleider machen Liebe

von Reinhard Kriechbaum

Linz, 22. November 2008. Eine liebesgenerierte Beinahe-Apokalypse: Die drei sitzen da, und keiner von ihnen weiß weiter. Sie sehen einander nicht an, schon gar nicht in die Augen. Olivia ist vor den Kopf gestoßen, hat ihr der junge Mann, den sie immer noch für Cesario hält, doch die Ehe versprochen. Orsino ist natürlich entrüstet, scheint doch Cesario die Gunst der Stunde für sich selbst ausgenützt zu haben, anstatt sich für den Herzog einzusetzen. Und Viola alias Cesario? Die als Mann verkleidete Frau, die doch selbst den Herzog liebt, weiß in dem Moment am allerwenigsten, wie ihr und was rund um sie geschieht. – An dieser Stelle lässt Regisseur Gerhard Willert all das Temperament, all die ungezügelte Spielfreude, an der es dieser Aufführung von "Was Ihr wollt" fürwahr nicht mangelt, urplötzlich einfrieren.


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