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archiv » Pfalztheater Kaiserslautern (11)
Pfalztheater Kaiserslautern

Trompeten der Endzeit

von Dorothea Marcus

Kaiserslautern, 13. April 2017. In Kaiserslautern dröhnen die Militärflieger in kurzen Abständen über der Fußgängerzone. Es könnte kaum etwas besser passen zur Uraufführung von "Beben" von Maria Milisavljevic, junge Dramatikerhoffnung, die damit den Autorenpreis des Heidelberger Stückemarkts und den Else-Lasker-Schüler-Stückepreis gewann, und in diesem Fall die Uraufführung in Kaiserslautern erlebt, direkt neben Ramstein, größtem US-Militärstützpunkt außerhalb der USA.


Pfalztheater Kaiserslautern

Die Katastrophe kommt bestimmt

von Martin Krumbholz

Recklinghausen, 12.Juni 2016. Schauplatz sind die Dolomiten. Vier Menschen haben eine Bergtour gebucht, mit Risiken, sie wollen sich etwas beweisen. Sie haben Verluste erlitten, eine Lebensgefährtin oder einen Job verloren. Oder sie wissen einfach nicht, wo sich ihre Zukunft abspielen soll, in Zürich, Berlin oder Moskau. Oder sie fühlen sich zum Schriftsteller berufen, schreiben gern was in ihr kleines Notizbuch, sind sich aber nicht sicher. Im Hochgebirge, unter Extrembedingungen ist das Gefühl der Unsicherheit elementar. Man könnte abstürzen, zum Beispiel auf einer Hängebrücke, die Wolf, einer der beiden Guides, angeblich selbst zusammengesteckt hat. Wandern und klettern im Hochgebirge, das heißt: Man muss Vertrauen haben, sich auf den anderen verlassen können. Ob man das aber tatsächlich kann, ist fraglich, die Vier kennen einander kaum. Während Wolf und Marie, die beiden Guides, vertraut miteinander zu sein scheinen, sind Emmy, Joe, Hans und Caspar alles andere als das.


Pfalztheater Kaiserslautern

Betroffenheitsrituale

von Harald Raab

Kaiserslautern, 7. Januar 2016. "Scheiße, Scheiße, Scheiße. Leid tut es mir trotzdem." Wütend auf sich selbst ist der ausgemusterte Afghanistan-Krieger Daniel C. Mit dem traumatisierten Bundeswehrler hockt Isabelle H., geflüchtet von irgendwo, in einer ausrangierten Lagerhalle am Rande einer deutschen Autobahn und lamentiert: "Das ist aber auch ein Dreck hier, jetzt schon wieder Wüste, Leichen, Berge, Sand und Tote Hosen. Und wir beide mittendrin." Auch sie ein Opfer, zerrüttetes Selbstwertgefühl, dem Wahnsinn nahe. So viele Tote in einem Schleuser-Lastwagen. Darunter ein verstümmeltes, lebloses Kind. Ihr Baby?


Pfalztheater Kaiserslautern

Auf dem Präsentierteller der Illusionen 

von Harald Raab

Kaiserslautern, 20. September 2015. Déjà-vu in der Werkstattbühne des Pfalztheaters Kaiserslautern. In Anne Leppers Stück "Käthe Hermann" – 2012 in Bielefeld uraufgeführt – spielt die einzige real-verlässliche Hauptrolle ein Zimmer, ein letzter, jedoch vom Abriss bedrohter Rückzugsort für Menschen auf der Verliererseite. Die agierenden Figuren, eine Mutter mit ihren zwei Kindern, oszillieren zwischen Schein und Sein, zwischen Hoffen und Bangen. Sie wagen ein Tänzchen auf schwankendem Boden, reden sich die reale Existenz schön. Sie haben sich aus ihr längst verabschiedet. Man wartet auf ein Wunder.


Pfalztheater Kaiserslautern

Das Kreuz mit dem Bruch

von Dennis Baranski

Kaiserslautern, 1. Februar 2014. Feuerzeuge genügen als Lichtzeichen und zeigen den erfolgreichen Feldzug an: Troja ist gefallen. Trauer brachte der Krieg über Griechenland. Klytaimestra formuliert nun für alle Zurückgebliebenen die Kunde, die für sie selbst keine frohe ist. Auf der Bühne des Pfalztheaters Kaiserslautern kämen diese jedoch ohnehin nicht über Wehrtauglichkeitsgrad fünf hinaus; Gefahr droht der Königin allein im eigenen Herrschergeschlecht.


Pfalztheater Kaiserslautern

Der Tanz der Unheilskünderin

von Harald Raab

Kaiserslautern, 31. Januar 2014. Ein Mensch allein kann diese Last des Schicksals nicht tragen, dem Leiden nicht in allen Facetten Ausdruck verleihen. Kassandra hat im Pfalztheater Kaiserlautern ein Alter Ego. Sie selbst gibt dem gerade noch Sagbaren Stimme und Gestalt – die Stimme der gemarterten Kreatur. Ihre gesteigerte emotionale Dimension wird getanzt. Zwei Seiten einer hochkomplexen Existenz: Das Drama der Frau in der Männergesellschaft des Krieges. Archaischer Geschlechterkampf wie vor 2500 Jahren, so auch heute.


Pfalztheater Kaiserslautern

Prolos gucken

von Harald Raab

Kaiserslautern, 22. März 2013. Nori ist Stricherin. Ihr Produktionskapital, das macht sie drastisch klar, ist zwischen ihren Beinen angelegt. Dope hält sie einsatzfähig. Ihr testosterongesteuerter Lover Toni verprügelt seine "Nutte" nach Lust und Laune, weil die es nach seinem Macho-Verständnis halt so braucht. Außer starken Sprüchen und Hieben bringt er wenig auf die Reihe. Noris Mama Lisa ist gleichfalls polymorph süchtig, von Whisky bis Morphium und im übrigen hat sie 'nen Krebs am Arsch. Das ist samt dem Stotterer Henning und seiner Mami Lore das Mietkasernen-Personal in Nina Büttners neuem Stück "Schafinsel". Uraufführung im Pfalztheater Kaiserslautern.


Pfalztheater Kaiserslautern

Zwischen Türkentaschen

von Rainer Petto

Kaiserslautern, 13. Januar 2011. Die Bühnenfigur Fatma und die Autorin, die Regisseurin und die Bühnenbildnerin – keine ist älter als 29. Allerdings hat das junge Uraufführungs-Team am Pfalztheater in Kaiserslautern schon einige Preise verliehen bekommen, Azar Mortazavi für "Todesnachricht" den Else-Lasker-Schüler-Stückepreis (d.i. der Förderpreis), Antje Schupp den Debütförderpreis der Landeshauptstadt München und Evi Bauer den Offenbacher Löwen für Bühnenbild. Eine Garantie für einen gelungenen Theaterabend ist solch geballte Nachwuchsaufmerksamkeit natürlich nicht.


Pfalztheater Kaiserslautern

Die warme Waffe Glücksversprechen

von Anna Hahn

Kaiserslautern, 10. Dezember 2009. Am Schluss platzt der bis dahin so beherrschten Ellen dann doch der Kragen: "Eine gute Freundin weiß, wann sie die Beine zusammenhalten muss. Und wenn das nicht klappt, wann sie den Mund zu halten hat", wirft sie Mara an den Kopf. Der Attackierten ist weder das eine noch das andere gelungen. Nicht nur, dass Mara ein Kind bekommen hat von Tom, mit dem Ellen seit 20 Jahren verheiratet ist. Jetzt ist sie auch noch beim Versuch, reinen Tisch zu machen, gründlich gescheitert.


Pfalztheater Kaiserslautern

Im Versagen sind alle gleich

 von Anna Hahn

Kaiserslautern, 15. Mai 2009. Egal, welche guten Vorsätze er auch fassen mag:  Am Ende ist der Mensch doch immer wieder zum Scheitern verurteilt. Da nützen hehre Ziele nichts, wenn individuelles Machtstreben sich Bahn bricht und der eine am anderen schuldig wird. Genau das passiert in Tankred Dorsts "Merlin oder Das wüste Land".


Pfalztheater Kaiserslautern

Ein Törleß im Supermann-Kostüm

von Anna Hahn

Kaiserslautern, 12. Dezember 2008. Wie alles im Leben bergen auch unsere Kommunikationsmedien Chancen und Risiken in sich. Handys lassen sich nutzen, um überall erreichbar zu sein. Aber auch missbrauchen, um peinliche bis demütigende Fotos von Anderen zu machen und unkontrolliert im Internet zu verbreiten. "Happy Slapping" heißt dieses Phänomen. Jugendliche quälen ihre hilflosen Opfer, meist Gleichaltrige, und halten mit den Minikameras ihrer Mobiltelefone drauf.

Diese Gewalt, die nur ihre Aufnahme bezweckt, dient Almut Baumgarten als Aufhänger für ihr Erstlingsstück "Tank", das mit dem Else Lasker-Schüler-Stückepreis des Pfalztheaters 2008 ausgezeichnet und dort uraufgeführt wurde.

Brutale Spielchen

Minni (Brigitte Urhausen: ein Albtraum in Rosa) und Lizzi (Sara Nunius als schrille Gothic-Braut) heißen die beiden Teenager, die sich mit brutalen Spielchen die Zeit vertreiben: Sie bringen Penner zu Fall, greifen Passanten an, misshandeln Kinder. Der 18-jährige Tank beobachtet das von bedrohlich pochenden Elektroklängen (Björn Büchner) atmosphärisch aufgeladene Treiben der Zwillingsmädchen gleichermaßen fasziniert wie abgestoßen. Björn Büchner spielt die titelgebende Figur als einen Halbwüchsigen mit Supermann-Umhang, ein zweiter Törleß, der zwar nicht aktiv an den Quälereien teilhat, aber gerade durch seine Passivität die Mädchen anstachelt.

Den Jugendlichen stehen Tanks Eltern (Hannelore Bähr, Rainer Furch) und der Liebhaber der Mutter gegenüber. Auch sie beschäftigt das Thema Gewalt, wenngleich in subtileren Formen. Der Vater drillt seinen Körper wie den eines Hochleistungssportlers, ständig den eigenen Puls messend, immer bereit für das Startsignal zum nächsten Sprint. Die Mutter flüchtet sich aus der ehelichen Leere in die Arme eines Lehrers, den Henning Kohne mit Strickpulli und Indianer-Amulett um den Hals als gutmütigen Trottel gibt. Von Anfang an aber ist klar, dass es Baumgarten nicht um ein realistisches Szenario geht. Die Autorin bemüht keine halbgaren Erklärungsmuster, die die sich entladende Gewalt deuten könnten.

Sprachbilder von befremdlich schöner Poesie

Ähnlich wie in den Stücken einer Elfriede Jelinek sind die Figuren Textträger, die existieren, solange eine akribisch konstruierte Sprache durch sie hindurch fließt. Mit dem Unterschied, dass Baumgarten nicht wie die österreichische Nobelpreisträgerin überwiegend sprachliche Konventionen aus Alltag und TV auseinanderpflückt und neu collagiert, sondern ganz eigene Sprachbilder von mitunter befremdlich schöner Poesie generiert. "Sie schuf ein Ornament, ein Muster, ein Mandala", beschreibt etwa Minni einmal, wie Lizzi einen Jungen quält.

Am Beispiel dieser beiden Figuren wird auch das sprachliche Muster des Stücks sehr deutlich. Der Text, verteilt zwar auf zwei Figuren, strömt bei den Mädchen wie aus einem Mund, mit genau kalkulierten Pausen und Wechseln innerhalb eines Syntagmas. Ergebnis ist ein monotones Staccato, das auf Dauer zunehmend schrill und unangenehm erscheint. Kommunikation, das verdeutlicht das frontale Sprechen ins Publikum, ist nicht mehr möglich, auch wenn bis auf den Vater alle Figuren im gesamten Stück auf der Bühne verweilen.

Der Wirklichkeit entfremdet

Das artifiziell Übersteigerte der Vorlage greift sowohl die Inszenierung von Thilo Voggenreiter als auch das Bühnenbild von Dorothee Curio (auch Kostüme) auf. Alles wird ein bisschen zugespitzt und so der Wirklichkeit entfremdet. Im Wohnzimmer von Tanks Eltern hängt allerlei kaputtes Mobiliar an seidenen Fäden von der Decke herab. Aus einer Stellwand, die die Spielfläche nach hinten abgrenzt, ragen nur wenige Schrägen und Vorsprünge, die den Figuren ebenso wie die Sprache kaum Halt bieten können. Mittig gähnt ein großes Loch den Zuschauer an. Die Bombe ist längst explodiert, soll das wohl heißen. Während des Stücks erscheint immer wieder Tanks Gesicht auf einer Leinwand hinter dieser klaffenden Lücke, mal in Echtzeit aufgenommen mit der Kamera, mal eingefroren.

Damit knüpft die Inszenierung an ein weiteres Thema des Stücks an: die Beweiskraft, ja unsere Sucht nach alles bezeugenden Bildern, und damit verbunden auch die Frage, was man in unserer Mediengesellschaft denn noch so glauben darf. Das alles lässt den Zuschauer aber nach einer guten Stunde Spieldauer seltsam unberührt zurück. Der Schrecken, der auf der Bühne erzählt wird, verliert sich fast unmerklich in der Künstlichkeit der Figuren. Sie liefern keine emotionalen Fixpunkte, nichts, was das Publikum über den Theaterabend hinaus betroffen machen könnte. Die sichere Distanz bleibt gewahrt – mitleiden oder fürchten wird sich niemand vor Tank, Minni oder Lizzi. Anders als bei den realen Opfern und Tätern.

Tank (UA)
von Almut Baumgarten
Regie: Thilo Voggenreiter, Bühne und Kostüme: Dorothee Curio, Musik: Björn Büchner.
Mit: Hannelore Bähr, Sara Nunius, Brigitte Urhausen, Björn Büchner, Rainer Furch, Henning Kohne.

www.pfalztheater.de

 


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