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archiv » Deutsches Theater Göttingen (33)
Deutsches Theater Göttingen

Die Möglichkeit eines Happy Ends

von Jan Fischer

Göttingen, 24. Februar 2017. Eurydike, die Demagogin, tritt in den Raum, den kleinen Saal des Deutschen Theaters Göttingen. Sie hat ihre Familie im Schlepptau, Kreon, Haimon und die anderen Kinder. Sie wühlen sich durch das noch stehende Publikum, lächeln, schütteln Hände. Dann betritt Eurydike in ihrem wollenen Machtmenschenköstum das Rednerpult, die Familie ist fotogen um sie herum drapiert. In einer flammenden Rede verkündet sie ihre Executive Order: Polyneikes soll nicht bestattet werden. Man klatscht. Antigone und ihre Schwester verlassen wutentbrannt den Saal. Es werden Häppchen und Getränke gereicht.


Deutsches Theater Göttingen

1+1 = Revolution

von Cornelia Fiedler

Göttingen, 22. Dezember 2016. Von der "gläsernen Decke", an der sich hochqualifizierte Frauen heute kurz vor der obersten Führungsetage den Schädel blutig stoßen, können Sofja, Anjuta und Julija nur träumen. In ihrer Welt ist die Decke aus Stein, eine Karriere jenseits von Brautkleid und Babybauch nicht vorgesehen und Denken ein überflüssiger Luxus im hübschen Köpfchen. Und doch spuken 1868 unerhörte revolutionäre Hirngespinste durch diese Welt, bis hinein in die tiefste russische Provinz. Wirre Ideen von sogenannter, äh, individueller Freiheit und von der Gleichheit aller Menschen, aller, ja, sogar dieser, naja, dieser weiblichen! Folglich bildet sich die gerade mal 17-jährige Sofja doch tatsächlich ein, studieren zu wollen, nur weil sie von klein auf eine geradezu nerdige mathematische Begabung aufwies. Autorin Anne Jelena Schulte und Regisseurin Antje Thoms finden am Deutschen Theater Göttingen lässige, patinafreie Bilder für die Geschichte der weltweit erste Professorin für Mathematik: Sofja Kowalewskaja.


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Hinter jeder Tür eine Intrige

von Jan Fischer

Göttingen, 19. November 2016. Man möchte ihn schütteln, den Infanten. Um ihn herum explodiert ein buntes Feuerwerk höfischer Intrigen. Und er? Don Karlos, Kronprinz des spanischen Weltreiches? Sitzt träge in der Ecke, während traurige Singer-Songwriter Musik läuft und er sich in seiner unglücklichen Liebe zu seiner angeheirateten Mutter wälzt. Aber Liebe macht nun einmal blind, und Liebeskummer offenbar auch. Dem leidenden Emo-Prinzen stellt Maik Priebe in seiner Inszenierung des Don Karlos am Deutschen Theater in Göttingen einen Marquis von Posa zur Seite, der von Typ her ein wenig wie ein abenteuerlustiger Backpacker wirkt. Die Bromance der beiden ist stark, auch wenn sie im Laufe der Inszenierung ein wenig bröckelt. Die Tragödie jedenfalls beginnt mit ihr, und trauriger Musik.


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 Die letzten der weißen Männer

 von Jan Fischer

Göttingen, 30. September 2016. Wir befinden uns in einer nahen Zukunft. Die letzten der weißen Männer, Akteure des "letzten deutschen Volksaufstands" rollen auf elektrischen Rollstühlen durch einen klinisch weißen Raum. Hin und wieder krakeelen sie durch den Nebel ihrer Altersdemenz "Deutschland erwache!", oder murmeln etwas davon, dass sie Reichsbürger seien.


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"Das ganze Unglück kommt von den Fremden"

von Andreas Wicke

Göttingen, 4. Juni 2016. "Polen. Russen. Rumänen. Es werden täglich mehr. Die wollen unser Deutschland zerstören. Die wollen uns Deutschland wegnehmen. Wenn wir nicht aufpassen." Die Ideologie der Figuren in Klaus Pohls "Die schöne Fremde" passt auf einen Bierdeckel, ist parolenhaft und stammtischkompatibel. Schnell ist man sich einig in jenem Kleinstadthotel in irgendeinem Provinznest. Die Männer, die sich hier betrinken, sind hasserfüllt, gewaltbereit und dauergeil, solange es nicht um die eigene Frau geht. Die Brüder Maul nennen die Hundezucht ihr Hobby, können "das Wort sozial nicht mehr hören" und kümmern sich darum, dass Falschparker getötet werden, zumindest wenn sie den eigenen Wagen zuparken und aus Polen stammen.


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Lasst stumme Hühner um mich sein!

von Elisabeth Michelbach

Göttingen, 23. Januar 2016. Lange bevor die Germanen kommen, ist das Landhaus des letzten römischen Kaisers eine Ruine: ein in sich zusammengesacktes Häusergerippe im Kunstnebel, dessen Strohdach über den Boden fließt. Am höchsten Punkt thront noch die stolze Fahne mit dem goldenen Lorbeerkranz, der Kranz des Kaisers Romulus hat indes schon sehr gelitten: Nur noch vier Blätter sind dem Taugenichts geblieben, der sich der Hühnerzucht verschrieben hat, die Ratschläge seiner Minister konsequent ignoriert und in seiner 20-jährigen Amtszeit Rom kein einziges Mal betreten hat. Nun sind die Germanen weit in sein Reich vorgerückt, doch er weigert sich, Schritte gegen die drohende Übernahme einzuleiten oder auch nur den Boten mit den neuesten Nachrichten von der Front anzuhören.


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Auf der Suche nach dem endgültigen Geschlechtsakt

von Andreas Wicke

Göttingen, 20. November 2015. Die Phallen? Die Phalli? Die Phalusse? Alle drei Pluralbildungen lässt der Duden zu, und bereits zur Beschreibung des Plakats, mit dem das Deutsche Theater Göttingen für Rebekka Kricheldorfs "In der Fremde" einlädt, braucht man eine dieser Formen. Apropos Formen, auf den zweiten Blick erkennt man dann auch noch umgedrehte Herzchen. Liebe oder Sex? Während die Dichter der Romantik unter dem Titel "In der Fremde" die grundsätzliche Unbehaustheit des Menschen diskutieren, erkundet Rebekka Kricheldorf die Fremde als einen Ort, an dem sich sexuelle Identitäten und Hierarchien neu definieren und dechiffrieren, aber auch neu perspektivieren lassen.


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Werktätige Zombies

von Elisabeth Michelbach

Göttingen, 13. Juni 2015. Mit Pauken hebt sich der Vorhang zum "heißen Herz der Erde", wo am "offenen Donnerstag" einmal pro Monat alle Armen, Ausgestoßenen und Aussätzigen auf die Hilfe des freigebigen Milliardärs hoffen können. Mit Klavier- und Geigenklängen, unzähligen Perkussionsgeräuschen und gar dem Katzenjammer eines Theremins (das ist, wie mir ein kundiger Sitznachbar zuflüstert, ein Instrument, das ohne Berührung eines Klangkörpers gespielt würde und welches durch die "StarTrek"-Serie einige Berühmtheit erlangt habe) geht es weiter – und um die Musik für einmal gleich zu Beginn zu ihrem Recht kommen zu lassen: Was der Theatermusiker und Multiinstrumentalist Martin Engelbach aus seinem Ein-Mann-Orchestergraben in Maik Priebes Inszenierung von Georg Kaisers Gas-Triptychon in Göttingen hören lässt, ist unglaublich!


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Der explosive Duft der Freiheit

von Jan Fischer

Göttingen, 18. April 2015. Schon wenn das Publikum den Saal betritt, steht er da, Gottlieb Biedermann, in seiner spakeligen Pracht. "Der beste der Menschen" würde dort präsentiert, sagt eine Stimme aus dem Off auf Englisch. Der beste der Menschen steht auf einer gigantischen Parfumflasche, mit hohen Absätzen, ganz in rosa, und betreibt Tai-Chi. Zwei Brandstifter schleichen sich von hinten an ihn heran und äffen seine Bewegungen nach. Biedermann bemerkt es nicht. Sobald das Publikum sitzt, mündet die Elegie auf den "besten der Menschen" nahtlos in eine Parfumwerbung: "Freedom. The New Frangrance by Gottlieb Biedermann."


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Unterm Bett liegt der digitale Strand

von Jan Fischer

Göttingen, 7. März 2015. Was du hörst, wenn du das Ohr dicht an den Router legst, ist keine Fehlfunktion. Was du hörst ist das Rauschen der gescheiterten Revolutionen. Derjenigen damals auf dem Tahrir-Platz. Das, was von Julian Assanges Versprechen von Transparenz übrig geblieben ist. Die leisen Echos von Edward Snowdens Enhüllungen. Die Reste der Versprechen der europäischen Piratenparteien, die mittlerweile mehr Splittergruppen gebildet haben, als es Mitglieder gibt.


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Fegefeuer der Euphemismen

von Jan Fischer

Göttingen, 3. Oktober 2014. Die Göttinger Innenstadt ist plakatiert: "Neu" steht da, nur dieses eine Wort, in leicht runder, angeschrägter Schrift, die wie dahingepinselt wirkt, darunter, etwas kleiner, das Logo des Deutschen Theaters Göttingen.


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Lustig, das Zigeunerleben

von Stephanie Drees

Göttingen, 20. Juni 2014. Carmen wirft das Haar in den Nacken. Carmen stampft auf. Carmen springt auf den Tisch. Wie sie ihren roten Rüschenrock in den Händen rafft, wie sie jauchzt, wie sie mit dem Zeigefinger alles Männliche um sich herum heranlockt – diese Frau ist eine wandelnde Geste. "Ja, die Liebe hat bunte Flügel", singt sie im roten Lichtkegel und umkreist ihren Offizier.


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Johanna, das heilige Spielkind

von Jan Fischer

Göttingen, 22. März 2014. Spielkinder, allesamt. Die Witzfigur von Karl VII., der versucht, die letzten Schmuckstücke seiner Geliebten Agnes ans Publikum zu verpfänden, um seinen aussichtslosen Krieg gegen die Engländer zu finanzieren ("Aber nur geliehen, die Requisite macht mir sonst die Hölle heiß"). Johannas Vater, der versucht, sie mit jemandem aus dem Publikum zu verheiraten ("Hier, der da hinten hat zwar nicht mehr so viele Haare, aber der lacht so nett").


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Goodbye, ihr Normopathen

von Stephanie Drees

Göttingen, 22. Februar 2013. Ein Gespenst geht um in diesem Stück. Es heißt Christopher. Christopher ist eine der Hauptfiguren, eine wahrlich stille, denn kein einziges Mal betritt er die Bühne. Es gibt ihn nicht als körperliche Erscheinung, dafür ist er in den Köpfen der Anwesenden umso präsenter. Er hat ein Schicksal erlitten, das seine Ex-Kollegen fürchten wie der Hedgefonds-Manager den Börsencrash: Aus seiner alten Firma wurde er rausgeworfen. Nun häkelt er Handytaschen oder so was Ähnliches, genau wissen es die Hinterbliebenen seiner Jobexistenz auch nicht.


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Liebe, Macht, Geld, Sex

von Jan Fischer

Göttingen, 28. September 2013. "Faust" geht eigentlich immer. Steckt ja alles drin. Lässt sich drehen oder wenden in diese oder jene Richtung. In Göttingen, soviel vielleicht vorweg, entscheidet sich der Regisseur Mark Zurmühle für eine sehr klassische, man könnte auch sagen: bewährt-solide Auslegung des palimpsestischen Über-Dramas: Es geht um den Menschen – exemplarisch gezeigt an, klar, Faust – und wie er sich selbst immer wieder kaputt macht, egal, was er anfasst. Liebe, Macht, Geld, Sex: Alles immer nur ein Zeitvertreib, während wir auf den Tod warten. So ist in Göttingen der Dreh- und Angelpunkt von Zurmühles Inszenierung auch ein Sandsack, der von Mephisto gleich zu Beginn angestochen wird, sich während der folgenden vier Stunden als Sanduhr langsam leert und einen beeindruckenden Haufen auf dem Boden formt, in dem letztlich Fausts Grab geschaufelt wird.


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Handzahme Huren

von Jan Fischer

Göttingen, 6. April 2013. "Ich bin eine Hure", sagt Gerda, die zweitälteste aus der Truppe. Sie mag das Wort, sagt sie, sie habe es sich angeeignet, es habe einen schönen Klang. "Manchmal nenne ich mich auch Sexualbegleiterin", sagt sie, dreht sich kurz Richtung Publikum, und dann: "Pah!"


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War's das?

von Michael Laages

Göttingen, 9. Februar 2013. Zugegeben – wer, sagen wir mal, kurz vor Mauerfall geboren ist, wird zu Beginn des neuen Historien-Spektakels von andcompany&Co. am Deutschen Theater in Göttingen womöglich einige Schwierigkeiten mit dem Personal bekommen. Klar, John Lennon ist eine der ewigen Ikonen des vorigen Jahrhunderts und auch nach seiner Ermordung vor bald 33 Jahren allemal wiedererkennbar; auch wenn gegen Ende keine Yoko Ono neben ihm sitzt beim friedensfördernden "bed in" anno 1969 in Amsterdam, sondern ein junger Mann, der den ganzen Abend als "Rudi Dutschke" ausgewiesen wird. Rudi who? Klar – die Kino-Schauspielerinnen Brigitte Bardot und Jeanne Moreau leben beide noch, 80 wird Bardot im nächsten Jahr, 85 Moreau in diesem; aber dass Louis Malles Film "Viva Maria" von 1965 Dutschkes Lieblingsfilm war auf dem Weg der deutschen Revolte vor 1968: wer weiß das schon?


Deutsches Theater Göttingen

Die Stunde der Totentänzer

von Andreas Wicke

Göttingen, 15. Dezember 2012. Laute Beats, vier Stühle, vier Personen auf der kargen Bühne. Vom Seeblick ist nichts geblieben als das leuchtende Wort auf der kahlen, schwarzen Wand. Die zwei Paare unterhalten sich, aber sie können nicht miteinander reden, schauen sich nicht an. Die Kommunikation ist gestört, Sätze werden abgebrochen, Vortragsmodus: staccato. Die Stühle dienen nicht als Sitzmöbel, sondern werden über die Bühne getragen, Gemütlichkeit sieht anders aus.


Deutsches Theater Göttingen

Im Schlaglicht der Erinnerung

von Stephanie Drees

Göttingen, 17. November 2012. Es ist wirklich unausweichlich: Uns erwartet das Zeitalter der Alten. Dabei hat der demographische Wandel seinen Status als feuilletonistisches Multifunktionswerkzeug längst überschritten und ist zum Quell kreativer Kraft geworden. Die Alten rücken auf, und zwar nicht nur quantitativ. Ihre Lebenswelt ist von Interesse. Also: Schluss mit sozialmoralinsauren Zwangsparolen! Nehmt die Alten ernst! Bereitet ihnen eine Bühne!
Insofern ist das Projekt von Michaela Dicu und Anna Gerhards am Deutschen Theater in Göttingen eine sehr zeitgeistaffine Sache.


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alt

Mit Blut, ohne Tränen

von Andreas Wicke

Göttingen, 5. Mai 2012. Eine festliche Tafel beherrscht die Bühne, sie steht auf einer schiefen Ebene im sonst nackten Raum. Um die Tische stehen Stühle für rund dreißig Personen, aber nur vier sind besetzt: Phädra, Hippolytos, Arikia und die Amme Önone. Es herrscht Katerstimmung in Troizene, und Hippolytos braucht lange, bis er mühsam und stockend die ersten Worte von sich gibt: "Mein Entschluss steht fest", sagt er, aber man nimmt es ihm nicht ab. Erst ganz allmählich wird es heller, nur sehr langsam lösen sich die Anwesenden aus ihrer Starre, endlich erhöht sich die Sprechlautstärke, auch die Sphärenklänge im Hintergrund werden lauter, schließlich steigen Phädra und Arikia auf den Tisch. Deutlicher kann man kaum demonstrieren, was mit einer steigenden Handlung im Drama gemeint ist. Und die Situation ist in der Tat verfahren, Phädra liebt nicht ihren Gatten Theseus, sondern den Stiefsohn Hippolytos, dieser hingegen ist in Arikia verliebt, auch das eine verbotene Liebe, denn Arikia entstammt einem verfeindeten Teil der Familie.


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Krieg macht Krüppel. Aus allen.

von Michael Laages

Göttingen, 24. Juni 2011. Das fühlt sich fast an wie zu Hause – wenn im Kasino Rauchverbot herrscht, und keiner hat den Mumm und setzt es durch. Und es fühlt sich ganz und gar nach fremder Hölle an – wenn draußen Menschen als lebende Zeitbomben herum laufen und sich mit allem in die Luft sprengen wollen, was deutsch aussieht und nach Soldat. Krieg herrscht in Afghanistan, Deutsche sind seit zehn Jahren dabei.


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alt

Sitzen zwei auf dem Meeresgrund

von André Mumot

Göttingen, 30. April 2011. Ein Goldfisch müsste man sein. Findet Ida. So ein Goldfisch lebt nämlich ausschließlich im Augenblick und schwimmt wieder und wieder gegen sein Goldfischglas, weil er sich nicht erinnern kann, das ihm das schon so oft passiert ist. Den Menschen aber geht es genauso – und das, obwohl sie sich erinnern. Eigentlich eine verlockende Stück-Prämisse, dieses trotzige Nicht-Klug-Werden. Ließe sich durchaus auf die Bühne bringen, gibt ja genug alltägliche Beispiele. Sollte man meinen.


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Beschreibung einer aktuellen Kampfsituation

von Hartmut Krug

Göttingen, 2. April 2011. "Giganten" steht in Spiegelschrift über der offenen schwarzen Bühnenrückwand, und ein geheimnislos brav wirkendes Paar steht Hand in Hand vor dem Publikum: Sie das getürmte Blondhaar überm blauen Kleidchen, er den untersetzten, kräftigen Körper kriegerisch schwarz gepolstert. Dann gehen die beiden, die später als Penthesilea und Achill um- und gegeneinander kämpfen, erst einmal ab. Und eine der Amazonen, auf Highheels und überm hautfarbenen, körperengen Body eine schwarze Federboa, erzählt uns, was im Original eigentlich Penthesilea viel später Achill vom Schicksal der Amazonen berichten würde. Daraufhin brüllen alle wild durcheinander und aufs Publikum ein und begeben sich in eine abgezirkelte Kampfchoreographie.


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Hallo, Deutschland

von André Mumot

Göttingen, 12. März 2011. Und dann wird Peter Alexander auf die Bühne getragen. Klingt schlimmer als es ist, es handelt sich nämlich nur um einen Pappaufsteller, und einer der Schauspieler hat ihn sich unter den Arm geklemmt. Vorne aber steht ein anderer (Wojo van Brouwer) und liest einige der Worte vor, die Joachim Fuchsberger kürzlich zum Ableben des Entertainers eingefallen sind: "Ein Stück der guten alten Zeit ist tot. Eine Zeit, in der Tugenden wie Fleiß und Bescheidenheit nach dem schrecklichen Krieg die Motoren des Wiederaufbaus waren." Das ist ein ziemlich garstiger Moment, denn im Stück wird gerade ein Ex-Nazi und ewiger Opportunist begraben. Nein, so rosig waren sie dann doch nicht, jene 50er Jahre.


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Am Tag als der Grabplatten-Regen kam

von Michael Laages

Göttingen, 9. Oktober 2010. "Der Turm", Uwe Tellkamps Tausend-Seiten-Wälzer über das Vor-Wende-Leben des gut situierten Großbürgertums im Dresdner Stadtteil "Weißer Hirsch", ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis 2008, ist auf schnellst-möglichem Weg ins Theater gelangt. Gleich zwei szenische Bearbeitungen spüren inzwischen der Theatralik im Roman nach. Und Wolfgang Engels Uraufführung vor zwei Wochen am Tat- und Roman-Ort Dresden galt obendrein weithin als Ereignis. Julia Francks Roman über "Die Mittagsfrau", "Turm"-Vorgänger im Buchpreis-Jahrgang 2007, wäre vermutlich eher vergessen worden als Material für die Bühne, verfolgte nicht der Regisseur Volker Hesse mit beträchtlicher Beharrlichkeit Julia Francks literarischen Weg.


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Sing ich von Deutschland in der Nacht

von André Mumot

Göttingen, 29. Mai 2010. "Die Deutschen nämlich", ätzt Werner Bräunig, "sind ein sangesfreudiges Volk, und gar hoch achten sie die kernige Poesie ihrer neueren Volkslieder." Eines davon, aus der "Dichterliebe", gibt Philip Hagmann an diesem Abend von sich. Nackt ist er dabei und bedeckt krampfhaft seine Scham. Eben haben ihn noch die Nazi-Matronen herumgeschubst, eben ist er noch erniedrigt und verhöhnt worden. Und nun spuckt er bitter Heines Worte aus, und man weiß: Nicht an irgendeine Liebste sind sie gerichtet, sondern an Deutschland selbst: "Ich sah dich ja im Traum/ und sah die Nacht in deines Herzens Raum." Und dann wieder und wieder, schneller und schneller, der konvulsivische, kaum glaubhafte Refrain: "Ich grolle nicht. Ich grolle nicht."


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Das Verhängnis wummert Grau in Grau

von André Mumot

Göttingen, 1. Mai 2010. Schlimm ist dieser "Verbrechen und Strafe"-Abend. Und lang. Lang genug, um ausgiebig darüber nachzudenken, was man ganz persönlich eigentlich am Schlimmsten findet. Da böte sich zum Beispiel die Musik an, die FM Einheit, früherer Schlagzeuger der "Einstürzenden Neubauten" eigens hergestellt hat, damit es im Hintergrund stets was zu Wummern gibt. Immer wenn sich auf der Bühne also Schicksalhaftes ereignet oder jemand ganz besonders böse guckt, ertönen hochfrequente Tinitus-Töne oder artifiziell schepperndes Blechgewitter. Und Herzschläge aus der Mottenkiste der Klangavantgarde verkünden dazu dröhnend und plump: Achtung, Achtung - das Verhängnis naht.


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Im Tränenteich

von André Mumot

Göttingen, 6. März 2010. Wie schön, dass er nicht sein muss, wie Schiller ihn haben wollte. Eigentlich ist der Hofmarschall von Kalb bloß eine parfümierte Knallcharge, eine schrill kreischende Schranze, die im Kabalenablauf lediglich eine kurze und unrühmliche Rolle spielt. Hier aber darf er vorerst werden, was er nie zu träumen wagte: der Held des Abends.


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Der Schlaf der verlorenen Unschuld

von André Mumot

Göttingen, 13. Februar 2010. Man kennt das ja: Eben knuddelt man noch aufs Unschuldigste im Kinderzimmer den Teddybär, und im nächsten Moment hat einen die böse Welt am Kragen gepackt und verdorben. So geht's uns allen, aber so geht's auch Rula (Nora Decker), die einmal kurz nicht aufpasst und sich holterdipolter als Profi-Anheizerin beim Pornofilm wiederfindet. Wenig später wird sie selbst Mutter, erkrankt an irgendetwas Unheilbarem und sieht sich aus Geldnot gezwungen, ihr Sterben ans Privatfernsehen zu verkaufen.


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Die dummen Streiche der Reichen

von André Mumot

Göttingen, 10. Oktober 2009. Die Stimmung ist gut. Es ist so eine Schmunzel- und Kicherpremiere, vor allem deshalb, weil der alte Lear immer so schön schimpft, über die Frauen zum Beispiel: "Drüber sind sie Gottes Erbe, drunter gehört alles dem Teufel!" Und dann macht er "Pfui, pfui, puuh, ihh, ihgitt!" und meint natürlich insbesondere seine beiden raffgierigen älteren Töchter. Die Regan (Marie-Isabel Walke) und die Goneril (Gaby Dey) sind aber auch zwei Bilderbuchzicken, und wenn sie einander schließlich gegenüberstehen, verschlägt es ihnen glatt die Shakespearsche Sprache und sie können sich nur noch zähnefletschend ankeifen. Wieder so ein Lacher, vermutlich ein geplanter. Aber es gibt auch ungeplante. Das sind die schlimmeren.


Deutsches Theater Göttingen

... weil wir gottgleich sind

von André Mumot

Göttingen, 20. September 2009. Man wünschte sich, es wäre nicht so. Aber das, was sich im klaustrophobischen Studio des Deutschen Theaters Göttingen an diesem Abend abspielt, ist offenkundig das Stück der Stunde. Schließlich findet beinahe zeitgleich mit der Premiere ein Gottesdienst statt, bei dem über tausend Menschen im bayerischen Ansbach für einen jugendlichen Täter und die Opfer beten, die er lebensgefährlich verletzt hat.


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Heimweh im Etagenbett

von André Mumot

Göttingen, 20. Mai 2009. Eines wird von Anfang an klar gemacht: Der Zuschauer soll kein Zuschauer sein, sondern Insasse. An diesem Abend setzt man erst einmal voraus, dass sich nur das wirklich nachvollziehen und mitempfinden lässt, was man am eigenen Leib erfahren hat. Und weil es um die Geschichte eines deutschen "Grenzdurchgangslagers" geht, werden die Premierenbesucher schon zu Beginn namentlich erfasst, willkürlich in einzelne Gruppen eingeteilt und zum anwesenden Arzt geschickt.


Deutsches Theater Göttingen

Alle sind gleich. Alle sind schlecht.

von André Mumot

Göttingen, 18. April 2009. Gewiss, es hätte nahe gelegen. Aber vielleicht wäre es auch die banalste Lösung gewesen, das Stück schlicht ins Heute zu ziehen, es mit den einschlägigen Bildern aus der Gegenwart unserer Krisengebiete zu illustrieren. Denn "Die Familie Schroffenstein", Kleists ungestümes, im Mittelalter angesiedeltes Frühwerk von 1803, scheint sich perfekt dafür anzubieten.


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