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archiv » Theater St. Gallen (13)
Theater St. Gallen

Ein Lügengespinst in Nahaufnahme

Von Valeria Heintges

St. Gallen, 7. Juni 2019. Suchend tastet eine Hand, von der Kamera begleitet, die Schränke entlang. Sie zittert leicht, da sucht jemand regelmäßig das Vergessen. Blanche Dubois genehmigt sich ein Glas Whisky. Und wird später noch eines trinken. "Nie mehr als ein Glas", wird sie beim zweiten behaupten. Es ist einer ihrer ersten Sätze. Sie wird noch viele sagen, Blanche Dubois redet gern und viel und nur über sich. Der Satz ist eine Lüge. Auch die erste von vielen.


Theater St. Gallen

Die kapitalistische Idee

von Thomas Rothschild

St. Gallen, 12. April 2019. Einer der ergreifendsten Schlüsse der Dramengeschichte wurde gestrichen. Die Türen werden von außen versperrt, Firs (Bruno Riedl) betritt die leere Bühne und schweigt. Seinen Monolog – "Sie haben mich vergessen" – hat man sich in St. Gallen gespart. Als sich Andrea Breth kürzlich mit den "Ratten" vom Burgtheater verabschiedete, raunten die ewigen Vereinfacher mit den griffigen journalistischen Formeln, sie sei die letzte Schauspielregisseurin eines psychologischen Naturalismus gewesen. Damit prolongieren sie eine patriarchalische Geschichtsschreibung, die einer ganzen Riege von Regisseurinnen dreier Generationen von Barbara Frey über Karin Henkel, Friederike Heller, Tina Lanik, Nora Schlocker, bis zu Mélanie Huber die präzise Arbeit mit Schauspielerinnen und Schauspielern abspricht.


Theater St. Gallen

Wen Gott liebt, den züchtigt er

von Thomas Rothschild

St. Gallen, 26. Mai 2018. Die Bühne ist leer. Über ihr befindet sich eine zweite, nach hinten ragende Ebene, auf der größtenteils agiert wird. Weit und breit keine stille Straße im achten Bezirk und auch keine Wachau. Dort beginnt Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" und auch die Inszenierung in St. Gallen. Das bestimmt die Perspektive. Alfred, ein Typ, den man in Wien einen Strizzi, einen Hallodri oder auch ein Gigerl nennt oder vielmehr früher einmal genannt hat, wird eingeführt, ehe der Zuschauer die Menschen aus der "stillen Straße", unter ihnen Marianne und ihr Verlobter Oskar, kennenlernt.


Theater St. Gallen

Die Logik der verletzten Seelen

von Elisabeth Maier

St. Gallen, 12. Januar 2018. Am frühen Morgen reißt das Klingeln des gigantischen Telefons den behäbigen Wachtmeister Studer aus dem Schlaf. Der Stumpenraucher wird zu einem Kriminalfall in die psychiatrische Heilanstalt nach Randlingen bestellt. Der Direktor ist verschwunden, ein Patient ausgebüxt. "Matto regiert" ist ein Schlüsselwerk des psychisch kranken Autors Friedrich Glauser. Mit seinem Wachtmeister Jakob Studer, Hauptfigur in einer Reihe von Fällen, ebnete der Autor dem Schweizer Kriminalroman in den 1930er-Jahren den Weg. Regisseurin Christina Rast hat am Theater St. Gallen mit ihrer Schwester Franziska als Bühnen- und Kostümbildnerin das psychedelische Universum in Szene gesetzt.


Theater St. Gallen

Aufstand der Kühe

von Peter Surber

St. Gallen, 15. Dezember 2016. 2004 hat der Fotograf Christian Schwager "falsche Chalets" dokumentiert – täuschend hausähnlich bemalte Bunker, die es in den Alpen und in Grenznähe noch immer zu Hunderten gibt. Die putzige Mimikry wurde rasch als symbolträchtig zumindest für die Betonfraktion im Lande empfunden. Jetzt ist ein solcher Chaletbunker Kulisse für gleich fünf Stücke, die das Theater St.Gallen unter dem Obertitel "Das Schweigen der Schweiz" an einem Abend in der Lokremise zur Uraufführung bringt.


Theater St. Gallen

Liebe im Versuchslabor

von Elisabeth Maier

St. Gallen, 19. Dezember 2015. Die Angst ihrer Generation vor dem körperlichen Verfall lässt die englische Dramatikerin Lucy Prebble in ihrem Stück "The Effect" durch Sätze und Szenen geistern. Da nehmen zwei Menschen an einem Medikamentenversuch teil. Eingesperrt in ein Labor, finden sie die Liebe. Mit dem beklemmend aktuellen Stück feierte die 1981 geborene Autorin 2012 am Londoner National Theater Erfolge. In der Lokremise des Theaters St. Gallen hat nun Regieassistentin Melanie Osan die Schweizerische Erstaufführung auf die Bühne gebracht. Den ironischen Biss dieser verzweifelten Romanze in der Zentrale eines Pharmakonzerns erfasst ihr zaghafter Zugriff auf den Text nur bedingt.


Theater St. Gallen

Durchschnitt ist die einzige Provinz

von Gerd Zahner

St. Gallen, 11. Februar 2015. Sie saugen sich die gesunde Provinzluft im Frühling in die Lungen, diese durchschnittlichen "Sieben" um die 30 und jünger. Der Sommer dann lässt die Hoffnung reifen, aber ohne sie zu ernten; und im Winter – der Schnee fällt früh, dort im Alpenvorland – diskutieren nur noch sechs der Freunde, wie ohne Spuren zu sterben sei, weil Heidi in Brüssel, in der besseren Erde, aufgegeben hat.


Theater St. Gallen

Vernebelter Theaterdonner

von Gerd Zahner

St. Gallen, 17. April 2013. Die Lokremise in St. Gallen, dieser schöne, hohe Raum, ist wie geschaffen für ein Fehmengericht. Ein unterirdischer Raum der Einfälle könnte es sein. Eigentlich liegt alles parat, die Skeletttürme aus Stahl und die Lichter in den Bodenkästen, wie Scharten nach draußen, schwarze Netze auf dem Boden, darin eingewoben die Geschicke des Stückes.


Theater St. Gallen

altZeichen von Liebe und Tod

von Charles Linsmayer

St. Gallen, 26. Mai 2012. Was einem ganz sicher in Erinnerung bleibt von dieser Inszenierung, sind die erste und die letzte Szene, die einen starken inneren Bezug zueinander haben. Am Anfang steht eine rein pantomimische, ballettmässige Liebesszene auf der schräg gestellten leeren Bühne. Desdemona wartet unter intensivem Schneefall auf Othello, der von weit her auf sie zukommt und ein Liebesspiel mit ihr beginnt, das schliesslich in einen Pas de deux übergeht.


Theater St. Gallen
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Totentanz im Lokschuppen

von Charles Linsmayer

11. November 2011. Draußen fahren die Züge vorbei, und die vom Theater St. Gallen als zweite Spielstätte genutzte Lokremise beim Bahnhof eignet sich hervorragend, um den unfertigen Rohbau jener Villa zu evozieren, in die Privatdozent Jörgen Tesman die ihm angetraute Generalstochter Hedda Gabler nach der Hochzeitsreise heimführt. Anstelle von Zwischenwänden hängen lange Plastikbahnen von der Decke, der Boden ist erst teilweise betretbar. Auf einem provisorischen Tisch nimmt ein Architekturmodell den Endzustand des Gebäudes vorweg, und fertig sind eigentlich erst die bis zur Decke ragenden Büchergestelle, in die Tesman, von Matthias Abold mit einem Stich ins Karikaturistische als in punkto Frauen vollkommen ahnungsloser, einzig um seine akademische Karriere besorgter Fachidiot verkörpert, seine Bücher einordnet.


Theater St. Gallen
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Explosionen in Fernwelten

von Gerhard Zahner

St. Gallen, 2. Juni 2011. Bevor das eigentlich Stück beginnt, stehen zwei schwarz gekleidete Schauspieler auf der Bühne in St. Gallen, kluge Clowns als Aufwärmer, und üben mit dem Publikum für den großen Cäsar den Applaus ein. Und als der bestellte Applaus zu mager brandet, sagte der größere von den Herren Einübern: "Das war höchstens für Sepp Blatter der Applaus." Und alle lachen. Und unwillkürlich fällt einem bei dem Namen Blatter jener Shakespeare-Satz ein, "von welchem Fleisch nährte sich dieser Mann, dass er so groß wuchs."


Theater St. Gallen

Nah am Think Tank

von Gerhard Zahner

St. Gallen, 8. Januar 2011. Die Frage ist so alt wie das Theater selbst. Gibt es für ein bestimmtes Theaterstück den idealen Ort? Einen Ort, wo ein Stück für immer aufgehoben und gespielt werden sollte. Vielleicht um dem Anspruch des Theaters ans Erzieherische zu genügen, mit der Maßgabe, dass an diesem Ort die größtmögliche Wirkung auf das Publikum ausgeübt werden kann. Elfriede Jelineks "Die Kontrakte des Kaufmanns" hat vielleicht einen solchen Ort gefunden.


Theater St. Gallen

Unter Nordmännern und Indianern

von Charles Linsmayer

St. Gallen, 5. Juni 2009. Während sonstwo der Trend in Richtung Hiphop und Rap oder brandneue Aktualisierung geht, führt der Isländer Thorleifur Örn Arnarsson Shakespeares "Romeo und Julia" in St. Gallen auf eine exzessiv-einfallsreiche Weise zurück ins Archaische, ins Elementare und vielleicht sogar mitten in einen theatralisch auftrumpfenden nordischen Götterhimmel hinein.


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