zurück zur Übersicht

archiv » Schaubühne Berlin (116)
Schaubühne Berlin

Alle sind Schweine

von Michael Wolf

Berlin, 3. Juni 2017. Der Penis ist schuld am Klimawandel. Mit dieser These machten sich kürzlich zwei Wissenschaftler einen Spaß. Sie erfanden eine Studie, laut der das männliche Glied den Planeten zerstört, und siehe da: Gutachter lobten den Artikel und veröffentlichen ihn


Schaubühne Berlin

Das muss man doch ändern!

von Gabi Hift

Berlin, 3. April 2017. "Demokratie und Tragödie" heißt das Motto des diesjährigen Festivals für Internationale Neue Dramatik F.I.N.D. an der Schaubühne. Nach einem scheußlich verpatzten Auftakt mit Angélica Liddells Toter Hund in der chemischen Reinigung (so langweilig und hohl, dass es einem körperlich weh tat) wurde es in den Tagen drauf besser und besser. Ein Drittel des Festivals ist gelaufen, es gab bisher mehrere interessante Produktionen, eine außerordentliche und eine zutiefst erschütternde.


Schaubühne Berlin

Ihr seid verloren

von Sascha Ehlert

Berlin, 30. März 2017. Die vierte Wand hält. Das Ensemble müht sich, sucht nach dem Brüchigen, veranstaltet dabei allerlei Unfug, bemüht die Schriften Rousseaus und Diderots, flucht und rennt und flucht, übt sich in übelster Publikumsbeschimpfung, dennoch steht am Ende zermarternder zweieinhalb Stunden ein ernüchterndes Fazit: Wie beim Squash fliegt jeder geschlagene Ball umso schneller zurück in Richtung Spieler. Das Publikum sitzt notorisch distanziert hinter einer Plexiglaswand, ist vielleicht verwirrt, vielleicht überfordert, vielleicht genervt – aber höchstwahrscheinlich nicht berührt. 


Schaubühne Berlin

Liebe Liebe!

von Simone Kaempf

Berlin, 28. Januar 2017. Was wäre eine Jugend in den 80er Jahren ohne die Disco-, Sehnsuchts-, Herzschmerz-satten Popsongs! Pet Shop Boys, Whitney Houston, George Michael, all das "I want your sex" und "The greatest love of all". Botschaften, mit denen man dann auszog, seine Pop-Kitsch-genährten Liebessehnsüchte zu erfüllen.


Schaubühne Berlin

Michael Thalheimer möchte nicht, dass wir lachen

von Michael Wolf

Berlin, 18. Januar 2017. Sagt ein Theaterbesucher zum anderen: "Also, lustig war das ja nicht." Sagt der andere: "Aber klar, stand doch Komödie dran." So belauscht nach der Premiere von Molières "Der eingebildete Kranke" an der Berliner Schaubühne.


Schaubühne Berlin

Wollen Sie sich das nicht noch mal überlegen?

von Georg Kasch

Berlin, 17. Dezember 2016. Professor Bernhardi denkt. Auch wenn die Kamera sein Gesicht vielfach vergrößert auf die weiße Bühnenrückwand wirft, ist kaum wahrnehmbar, wie es in Jörg Hartmanns Gesicht arbeitet. Ein leichter Schatten hier, ein minimales Kopfschütteln da, mehr innere Anspannung als Mimik. Es ist faszinierend, dem zuzusehen. Weil da einer – bei allen Ironieregistern zwischen trocken, beißend, leise, bitter – kombiniert, begreift, seine Schlüsse zieht.


Schaubühne Berlin

Im Lichtkäfig

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 13. November 2016. Es war die Hitze. Sie hat Meursaults Sinne vernebelt. Mehr kann er nicht sagen dazu, warum er den "Araber" am Strand erschossen hat. Ohne Mordmotiv, ohne Anlass. So dass das Gericht ihn am Ende auf Basis seiner vermeintlichen Gefühllosigkeit nach dem Tod seiner Mutter als Mörder verurteilt.


Schaubühne Berlin

Rosamunde Pilcher auf dem Horrotrip

von Michael Wolf

Berlin, 28. September 2016. "Fuck!", flucht Orpheus, als er seinen Fehler bemerkt. Es war doch an sich keine schwere Aufgabe für einen Halbgott. Einfach runter in die Unterwelt, die Geliebte schnappen, und mit ihr wieder hoch. Einzige Bedingung für die Rückkehr zu den Lebenden: Schau Eurydike nicht an, bis ihr wieder oben seid! Das hat auch gut funktioniert. Aber dann wollte die nicht. Dann wollte die lieber weiter tot sein. Und dann hat er sich halt doch umgedreht. Und verloren war die Liebe seines Lebens. Für immer. Da darf man ruhig mal ausfallend werden. "Fuck" also.


Schaubühne Berlin

Der feuchte Schwamm der Geschichte

von Christoph Fellmann

Zürich, 1. September 2016. Wir sahen in eine piefige Stube in Belgien und in ein armes Büro in Bosnien. Diesmal geht der Blick in eine überstellte Küche in Al-Qamishli, einem Ort in Syrien nahe der türkischen und der irakischen Grenze. Es sind drei kleinbürgerliche Räume, aus denen heraus Milo Rau und sein International Institute of Political Murder (IIPM) in der Trilogie von The Civil Wars (2014), The Dark Ages (2015) und nun "Empire" ihre Geschichte von Europa erzählen. Es ist eine Geschichte von Krieg, Sadismus und Migration, die sich zu reproduzieren scheint. "Und dann? Dann beginnt die Tragödie": Das sind die zwei letzten Sätze der Trilogie, nach rund sechs Stunden Theater in drei Stücken. Sie gehören dem griechischen Schauspieler Akillas Karazissis, nachdem er, schon ausserhalb der Bühne, ein paar Zeilen von Agamemnon gesprochen hat. "Oh dieses Menschenleben! Im Unglück wischt ein feuchter Schwamm darüber, und das Bild, die Schrift, verlöscht."


Schaubühne Berlin

Was muss

von Dirk Pilz

Berlin, 5. Mai 2016. Nebel zu Beginn. Dunkelheit, dann Dröhnen. Matte, trübe Lichtschimmer kämpfen sich durch die Düsternis. Ein halber Gaul hängt an den Vorderläufen vom Himmel. Blut'ge, entblößte Menschen drängen sich um ihn, beißen hier hinein, hängen dort sich an seinen Kopf. Eine Schar Geschlagene, Verzweifelte, Ausgeglühte. Sie wühlen im toten Tierleib nach Leben und finden nichts als Verderben. Und neben ihnen, in einem schlichten Holzlehnstuhl: Wallenstein, der Herzog zu Friedland, kaiserlicher Generalissimus im Dreißigjährigen Kriege. Sitzt, stiert, schweigt. Die linke Hand baumelt über der Armlehne, an der Uniformjacke Orden (ja, richtige Orden!), der Kopf gesenkt wie Stiere es tun, kurz bevor sie ihren Feind bestürmen. Zwei Stunden wird er so hocken, und wenn er sich erhebt, wird sein Weg sofort an die Rampe führen. Die Beine breit, die Hände in den Taschen, der Blick stramm. Diesem Wallenstein kann keine Hilfe werden, keine Zukunft; er ist zur Unveränderlichkeit verdammt.


Schaubühne Berlin

Denkste, Puppe!

von Esther Slevogt

Berlin, 9. April 2016. Einmal flackert auf der Leinwand, die wie eine Schultafel am rechten Rand der Szene steht, für wenige Augenblicke eine ikonografische Szene aus dem Bilderfundus der 1968er-Bewegung auf: Der als Spaßguerilla in die Annalen der Bewegung eingegangene Dieter Kunzelmann, der auch als Initiator eines missglückten Bombenanschlags am Jahrestag der Novemberpogrome von 1938 auf das Jüdische Gemeindehaus in Berlin im Jahr 1969 gilt, springt im Nachthemd in einem Pappsarg auf und wirft Flugblätter in die umstehende Menge.


Schaubühne Berlin

Glotzt nicht so romantisch!

von Anne Peter

Berlin, 14. Februar 2016. Es war einmal eine Politikerin, die wurde nicht vom Machthunger, sondern von Idealen, Zielen, hehren Visionen angetrieben, wie ihr Land aussehen könnte – auf dass möglichst viele Menschen in ihm glücklich würden. Sie gehörte keiner abgehobenen Elite an, sondern war ein Mensch mit Kindern, Gefühlen und ein paar Kilo mehr auf den wahlkampfgeplagten Hüften. Selbst nach einem Jahr als Premierministerin an der Rampe der Realpolitik, nach diversen faulen bis sehr faulen Kompromissen und einer im Eiltempo zerrütteten Ehe, bewahrte sich diese Frau ihren "Kern von Idealismus", wie ihn ihr Erschaffer, der Drehbuchautor Adam Price, nach Selbstaussage in die Figurenseele gemeißelt hat.


Schaubühne Berlin

Europa, du In-Kontinent!

von Sascha Ehlert

Berlin, 16. Januar 2015. Ursina Lardi hat Pippi in den Augen. Sie rafft ihr Kleid, schaut konzentriert ins Bühnenrund, und dann: ein Rinnsal. Sie erzählt aus einem Alptraum, die Pfütze zwischen ihren Beinen allerdings, die ist echt. Jene Szene, in der die als idealtypische Vertreterin der herrschenden Klasse treffsicher besetzte Schaubühnen-Darstellerin im strengen blauen Kleid davon erzählt, wie sie ihrer afrikanischen Freundin auf den Kopf uriniert und anschließend einen grausamen Tod sterben lässt, markiert den späten Wendepunkt einer Inszenierung, die bis dahin kaum überraschte. Vor allem deshalb, weil das Vorabrauschen im Blätterwald so laut gewesen war, dass man zwangsläufig wusste, worum es an diesem Abend gehen würde, bevor man überhaupt am Lehniner Platz stand.


Schaubühne Berlin

Mitleid im Kaffeehaus

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 22. Dezember 2015. Huch, hat Katie Mitchell die Hälfte ihrer Ausrüstung auf der Bühne vergessen? Und die Schaubühnen-Schauspieler*innen auf Autopilot gestellt? Virtuos ergänzen sie einander im Stummfilm-Spiel und der Synchronisation per Mikrophon; ja, bisweilen tritt sogar eine*r aus dem Off mit einer kleinen Kamera an die heran, die gerade im Spotlight in einer dramatischen Stefan Zweig-Szene zerfließen und zoomt auf die Gesichter, um die jeweiligen Seelen unters Mikroskop zu halten. Insgesamt ist es aber doch eher ein Live-Hörspiel als ein Mitchell'scher Live-Film, was Simon McBurney aus Zweigs "Ungeduld des Herzens" gemacht hat; ein Roman, den Zweig 1938 im Exil verfasste, dessen wesentliche Handlung aber vor dem Ersten Weltkrieg spielt.


Schaubühne Berlin

Du Opfer!

von Esther Slevogt

Berlin, 8. Dezember 2015. Das ist natürlich eine schöne Idee: Hamlets Monologe auf Kassette, diesem kleinen Tonbandformat, das man von den 1970er bis 1990er Jahren zur analogen Audioaufzeichnung verwendet hat. Täglich bekommt Ophelia so eine Kassette mit einem Hamlet-Monolog. Die steckt sie dann in einen Radiorekorder, der auf einem schäbigen Schränkchen in ihrem Zimmer steht und aus dem bald Hamlets Stimme dringt: wie er ihr erst noch Liebeserklärungen von herzzerreißender Schönheit macht.


Schaubühne Berlin

Lachen über Pegida

von Georg Kasch

Berlin, 25. Oktober 2015. "We are the others", sagt Frank Willens zum Schluss, wir sind die Anderen. "Ich weiß, es klingt pathetisch." Stimmt. Es sieht auch so aus: Da haben sich die Schauspieler auf der Schaubühnen-Bühne längst in ihre Prinzessinnengarten-Oase mit transportablen Tomatenpflanzen, Erbsen und Möhren zurückgezogen, singen Sufjan Stevens und feiern ihre Individualität.


Schaubühne Berlin

Kanalratten

von Leopold Lippert

Berlin, 6. Juni 2015. Ganz unten, da ist nur mehr ein dreckiges Kanalrohr, ohne Ausgänge, bloß ein kleiner Spalt an der Oberseite. Nach und nach plumpsen die Schauspieler*innen auf die Bühne, wie frisch den Abfluss hinuntergespült, rappeln sich auf, suchen nach Halt, rutschen auf der Scheiße aus und starren erschöpft ins Leere. Das quergezogene Bühnenbild von Olaf Altmann kennt kein Außen: dieses "Nachtasyl" ist Klaustrophobie im Breitwandformat. Und auch dem monotonen Gewummere von Bert Wrede entkommt niemand: Der über neunzig Minuten fast durchgängige auf- und abschwellende Gitarrensound ist, gelinde gesagt, nervtötend.


Schaubühne Berlin

Verlängerung des Kults

von Simone Kaempf

Berlin, 2. Juni 2015. Kritik an Putin ist in Russland nicht erwünscht, man weiß es natürlich. Offiziell ist das Zensurgesetz seit etlichen Jahren abgeschafft. In der Praxis haben sich längst subtilere Repressionen entwickelt. In Moskau bekommt das vor allem das Teatr.doc zu spüren, das beispielhaft in die Schusslinie geraten ist. Der freien Gruppe wurde im Herbst der Mietvertrag gekündigt, seitdem zirkulieren die schlechten Nachrichten: Im Januar räumte die Polizei das Theater wegen einer angeblichen Bombendrohung, der neuen Spielstätte droht schon wieder das Aus, das wurde vor einigen Tagen bekannt. Brandschutzvorschriften seien nicht eingehalten, lautet die Begründung, auch wurden die beiden künstlerischen Leiter aus allerlei ungereimten Gründen mehrmals vor die Staatsanwaltschaft zitiert.


Schaubühne Berlin

Das macht man einfach nicht

von Christian Rakow

Berlin, 16. Mai 2015. Nein, das macht man nicht. Stellen Sie sich vor, die weltgrößte lebende Dramatikerin, also Yasmina Reza, bietet Ihnen an, ein Stück zu schreiben, exklusiv für Ihr Haus, also die Berliner Schaubühne. Und Sie empfangen das Ergebnis, "Bella Figura" betitelt: Ein Pärchen trifft sich zum Seitensprung. Sie, Andrea, ist alleinerziehende Apotheken-Assistentin mit leichter Tablettensucht und etwas Maßlosigkeit, sobald der Champagner perlt; und er, Boris, müsste eigentlich gegen den nahenden Bankrott seiner Glaser-Firma ankämpfen, aber bitte, ein One-Night-Stand, wenn die Ehefrau verreist ist, darf schon noch drin sein. Leider rasseln die Zwei just bei dem Restaurant, in dem sie sich anwärmen wollen, in die beste Freundin von Boris' Ehefrau (Françoise) samt Mann (Eric) und dessen muttersöhnchenzart verhätschelter Mama (Yvonne).


Schaubühne Berlin

Die Erkenntnis kommt zum Nachtisch

von Leopold Lippert

Berlin, 26. April 2015. 2. November 2010, 11. September 2011, 6. November 2012, 22. November 2013. Die vier Teile von Richard Nelsons "Apple Family Plays" wurden am New Yorker Public Theatre jeweils an dem Datum uraufgeführt, an dem sie auch spielen. Für Teil 1 "That Hopey Changey Thing") ist das der Tag der Midterm Elections 2010, die Andrew Cuomo zum Gouverneur von New York machten, für Teil 2 ("Sweet and Sad") der zehnte Jahrestag der 9/11-Terroranschläge. Teil 3 ("Sorry") spielt am Tag der Wiederwahl Barack Obamas zum Präsidenten, und Teil 4 ("Regular Singing") schließlich am fünfzigsten Jahrestag der Ermordung John F. Kennedys.


Schaubühne Berlin

Action-Painting mit Putzfrau

von Simone Kaempf

Berlin, 25. April 2015. Irgendwann erreicht man einen Status, in dem man eine Haushaltshilfe engagiert. Das Berufsleben kostet sowieso schon zu viel Anstrengung, zu Hause hat man das gute Recht die Füße hochzulegen – und das bitteschön in behaglicher Umgebung. In der Theorie ist das ein sehr angenehmer Gedanke. In der Praxis zaubert auch die Haushaltshilfe nicht die ersehnte Ordnung herbei, sondern strapaziert gehörig das moralische Koordinatensystem: Welcher Stundenlohn ist gerecht, wie freundschaftlich darf man werden, soll man als Frau des Hauses abgetragene Kleidung weitergeben?


Schaubühne Berlin

Wer hat mich geschossen?

von Leopold Lippert

Berlin, 25. April 2015. Wenn sich die chilenische Theatertruppe La Re-sentida in "La imaginacíon del futuro" die Zukunft vorstellt, schweift sie erst einmal in die Vergangenheit. Am Schreibtisch im Präsidentenpalast in Santiago nimmt Salvador Allende (Rodolfo Pulgar) gerade seine berühmte letzte Rede auf, kurz vor dem Militärputsch 1973, der ihn das Leben und Chile die Demokratie kostete. Doch die hysterische Ministertruppe, die kreischend um ihn herumscharwenzelt und mit allerlei PR-Tipps aufwartet, wirkt seltsam gegenwärtig: "Relaxen Sie, tragen Sie nicht so dick auf!" rufen sie dem alternden Allende zu. "Bleiben Sie cool cool cool!" Und weil der Señor Presidente noch immer viel zu steif rüberkommt, wird blitzschnell das Szenario ausgetauscht: Der langweilige Nadelstreif und der bürokratisch-bedrohliche Schreibtisch mit dem roten Krisentelefon müssen weg, stattdessen gibt’s Rollrasen! Schulkinder! Parklandschaft! Trainingsanzug! Das kommt gut an, das ist wahre Volksnähe!


Schaubühne Berlin

Toga und Tränengas

von Simone Kaempf

Berlin, 6. März 2015. Kirchenglocken läuten, im mittelalterlich-fahlen Licht werden Kerzenhalter nach vorne getragen. Eine Gruppe Nonnen rollt einen Sarg mit einer toten Schwester nach vorne, um den letzten Segen zu erteilen. Ihre lateinischen Gesänge füllen den großen Schaubühnensaal, aber auch süßlich-schwerer Duft, der aus einem geschwenkten Weichrauchgefäß aufsteigt und durch die Nase direkt in die Synapsen geht in Romeo Castelluccis Berliner "Ödipus"-Inszenierung.


Schaubühne Berlin

No-man-show

von Anne Peter

Berlin, 7. Februar 2015. Das Mediengesumse war groß. Lars Eidinger auf allen Kanälen. Vorberichte vom Spiegel bis zum ZDF. Menschen mit "Suche Karte"-Schildern vor der Schaubühne. Die Vorstellungen bis Ende März sind jetzt schon ausverkauft. Alle wollen den sehen, der über 230 Mal "Hamlet" war und jetzt "Richard III." ist. Die Messlatte liegt weit oben.


Schaubühne Berlin

Die Mauer-Fakire

von Simone Kaempf

Berlin, 13. Januar 2015. Das Bühnenbild ist schon mal ein Statement! Eine lange, flache Mauer führt wie ein Laufsteg durch den Saal, trennt die Zuschauerreihen auf beiden Seiten in zwei Blöcke: A und B, oder Ost und West, daran denkt man natürlich sofort. Dieser Catwalk dient als Hauptspielfläche von Armin Petras' Inszenierung "Der geteilte Himmel", nach jener Erzählung von Christa Wolf, die im Jahr des Mauerbaus spielt und in der sich nicht nur das Land, sondern mit ihm auch die Lebens- und Liebesansprüche der Protagonisten spalten. Bis die Mauer schließlich wie ein Messer durch ihre Leben geht.


Schaubühne Berlin

Horváth, Hipster, High-Heels

von Esther Slevogt

Berlin, 6. November 2014. "Fräulein! Die Menschen sind weder gut noch böse. Allerdings werden sie durch unser heutiges wirtschaftliches System gezwungen, egoistischer zu sein, als sie es eigentlich wären." – Es sind Sätze wie diese, denen Ödön von Horváths berühmte Liebesgeschichte vom Münchner Oktoberfest anno 1929 ihre andauernde Beliebtheit verdankt. Gerade steht sie eigentlich so ungefähr auf jedem besseren Spielplan: weil sich daran wunderbar vorführen lässt, wie das praktisch funktioniert mit der viel beschriebenen Durchökonomisierung aller Beziehungen durch die Ideologie des Neoliberalismus, der inzwischen noch bis in die letzten Winkel unserer Herzen gedrungen ist. So wie in das Herz von Karoline, die feiern will, auch wenn ihr Freund Kasimir gerade seine Arbeit verloren hat.


Schaubühne Berlin

Die ruhelosen Seelen

von Simone Kaempf

Berlin, 9. September 2014. Da ist er wieder, der krisengeschüttelte Mensch. Eine von den eigenen Ansprüchen erschöpfte Großstadt-Existenz. Sich biegend zwischen Sehnsüchten, Bindungswillen und regressiven Bindungsängsten. Er redet – wie der von seinen smartphone-fixierten Studenten frustrierte Hochschullehrer – monologisch auf einen leeren Stuhl ein, aber gibt den Übungsversuch eines Liebesgesprächs bald türknallend wieder auf. Oder er zählt – wie der verlassene Familienvater – seine Verluste auf: Frau, Kind, Türschlüssel, Festplatte, alle Daten futsch.


Schaubühne Berlin

Der König von Scheißegalien

von Matthias Weigel

Berlin, 4. September 2014. Voilà, der neue Patrick Wengenroth: Gepflegter Hipster-Haarschnitt, souveräner Popstarauftritt und die Inszenierung eines echten Klassikers: "Leonce und Lena" von Georg Büchner. Früher stürzte er sich mal als bärtiger Zottelbär an theoriegeladenen Abenden in selbstauferlegte Peinlichkeiten. Heute aber schwappt die "Fame"-Leuchtschrift auf dem T-Shirt des schauspielenden Regisseurs Patrick Wengenroth gar nicht so selbstironisch über, in der Berliner Schaubühne am Lehniner Platz.


Schaubühne Berlin

Startrek Troopers

von Wolfgang Behrens

Berlin, 28. April 2014. Das Buch gehörte wohl schon früh zu den wichtigen, aber ungelesenen. Bereits 1934, im Jahr nach seinem Erscheinen, führte es etwa der Literaturnobelpreisträger Sinclair Lewis bei einer Umfrage der Zeitschrift New Republic an, in der nach ebensolchen Büchern gefragt wurde. Wie alle wichtigen, aber ungelesenen Bücher darf sich freilich auch Rudolf Brunngrabers "Karl und das zwanzigste Jahrhundert" glücklich schätzen, alle paar Dezennien wiederentdeckt zu werden. Es landet dann in den Bücherregalen solcher Leute wie mir: Ich nämlich kaufte es, als es vor gut 25 Jahren in der von Hans Magnus Enzensberger herausgegebenen Anderen Bibliothek herauskam. Selbstverständlich habe ich es damals nicht gelesen, hielt aber immer das Bewusstsein wach, welch wichtiges Buch da in meinen Regalen schlummert.


Schaubühne Berlin

If you like the reflection

von Georg Kasch

Berlin, 3. April 2014. Angel sehe ich zum ersten Mal im Spiegel. Er wiegt sich geschmeidig, zeigt seine sonnenstudiogebräunten Muskeln, lächelt mir zu, probiert meine Brille aus, grinst. In einer Ecke des Zimmers liegt apathisch ein Typ mit absurder Frisur auf einem Bett, wo sich die Kuscheltiere stapeln. Angel preist meine Augen, ich plaudere mit ihm über das Woher und Wohin. Auf Facebook heißt er Jimmy Johnson, wir sind dort jetzt Freunde.
Befreundet bin ich auch mit Daniello, jenem Gogo-Tänzer aus dem Stripclub mit den wahnsinnig kräftigen Beinen, der mich irgendwann ins Separee schleppt, mir ziemlich tiefsinnige Fragen über mich stellt und mit mir rumknutscht, bevor er mir bedeutet, dass jede weitere Minute einen Euro kostet. Womit er übrigens genauso teuer ist wie die Massage, die man im Nagelstudio buchen kann. Wenn man für all das noch ein Zimmer braucht: Im Hotel kostet die halbe Stunde zehn Euro.


Schaubühne Berlin

Auf dem Laufband durch Raum und Zeit

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 3. April 2014. Der Applaus zur zweiten Pause ist eher zaghaft – man klatscht ja auch eigentlich keiner Machorunde Beifall, die frauenfeindliche Witze erzählt. Noch nicht einmal besonders witzige dazu. Lachen sie selber nicht, weil kein neuer dabei ist? Nur beim Stichwort "Herdanziehungskraft" keckert es kurz aus dem Typen mit dem Cowboyhut.


Schaubühne Berlin

Fast schon Hermeline

von Christian Rakow

Berlin, 18. Januar 2014.Wenn Herbert Grönemeyer im Theatersaal Platz nimmt, weiß man, dass Nina Hoss auf der Bühne steht. Das war bislang am Deutschen Theater der Fall und ist jetzt so an der Schaubühne. Intendant Thomas Ostermeier hat die Staraktrice des DT (und des deutschen Films) unlängst an sein Haus gelotst. Ein veritabler Coup. Jetzt bringen sie mit Lillian Hellmans "Die kleinen Füchse" ihre erste gemeinsame Arbeit am Lehniner Platz heraus. Und weil der Promifaktor zum Debüt auch sonst auffallend hoch war (selbst Bürgermeister Klaus Wowereit gab sich die Ehre), fühlte man sich für Momente an Glamour-Premieren erinnert, wie sie einige hundert Meter den Boulevard runter im Theater am Kurfürstendamm die Regel sind. Die Assoziation sollte auch im Folgenden nicht vollends trügen.


Schaubühne Berlin

Hirte findet Herde

von Wolfgang Behrens

Berlin, 20. Dezember 2013."So. Jetzt werd ich aber elementar." Nein, das ist kein Zitat aus "Tartuffe", sondern ein Satz des Kasimir aus Horváths "Kasimir und Karoline". Er könnte wie ein Motto über Michael Thalheimers Regieschaffen stehen: Wenn Thalheimer ein Stück auf die Bühnenbretter rammt, dann wird's eben elementar – kahl und groß stehen Figuren und Konflikte da, wuchtig die Bilder. Es ist nur folgerichtig, dass sich ein Regisseur mit solchem Zugriff überwiegend im Tragödienfach tummelt. Denn die Komödie bezieht ihren Witz meist gerade nicht aus dem Elementaren, sondern aus einer verschwenderischen Fülle, aus einem konkreten Milieu, aus lebensprall gezeichneten oder überzeichneten Typen und Charakteren. Und auch wenn Herbert Fritsch derzeit allerorten das Gegenteil zu beweisen scheint, ist es vermutlich schwerer, eine Komödie auf ihre nackten Elemente zu reduzieren als eine Tragödie.


Schaubühne Berlin

Mit'm Radl da

von André Mumot  

Berlin, 30. November 2013. Über den Klimawandel, ja, über den müssen wir reden, das stimmt. Schließlich baumelt der als Damoklesschwert über unseren Köpfen und scheint, trotz aller Pol-Schmelze und Tsunami-Überschwemmungen, sehr weit weg zu sein. Immerhin: Die Schaubühne arbeitet jetzt an der Verbesserung ihres ökologischen Fußabdrucks, oder, genauer gesagt, sie lässt das von Videowunderwerkerin Katie Mitchell erledigen. Und diese hat, wie schon in ihrer letzten, gerade erst vor ein paar Tagen uraufgeführten Arbeit in Hamburg, die viel geliebten, Strom fressenden Kameras demonstrativ zu Hause gelassen.


Schaubühne Berlin

Macht euch zum Affen

von Anne Peter

Berlin, 31. August 2013. Brrr, wie komisch das alles! Es ist, als sei die Schaubühnentruppe in den Kostümfundus eines betagten Filmstudios eingebrochen, habe nach Herzenslust herumgekramt und sich für den Saisonauftakt zu einer Strand-und-Palmen-Mottoparty mit Gruselfilmausflug, einem Karaokewettstreit mit Hochkultureinsprengseln verabredet. Im Hintergrund flimmern Uralt-Filmbilder exotischer Landschaften, Meeresbuchten, Urwald, Dinosaurier oder auch Vampir-trächtiges Friedhofssetting. Davor hat eine Horde Schauspieler in Kindergeburtstagslaune anscheinend großen Spaß dabei, sich in neonpink-leuchtender Orchestermuschel zum Tarzan, zum Tiger, zum Affen zu machen.


Schaubühne Berlin

Schneewittchen ist pleite

von Simone Kaempf

Berlin, 10. August 2013. Kurz vor Ende, wenn die Sonne endgültig untergegangen ist, zeigt der Wald in der Dunkelheit seine romantisch-düstere Seite. Tote Baumstümpfe ragen im fahlen Licht aus dem Sumpf, grauer Dunst liegt über dem Gehölz. Und totes Laub bedeckt auch jetzt, Mitte August, die Lichtung, auf der Constanza Macras die letzte Szene von "Forest: The Nature of Crisis" spielen lässt. Ein Finale, in dem die Tänzer noch einmal mit voller Energie allein oder zusammen auftreten; getanzte kleine Kämpfe mit sich oder dem anderen Geschlecht, das Ganze in morbider Stimmung endend.


Schaubühne Berlin

Zerrüttungsstudie unter Singles

von Christian Rakow

Berlin, 14. Juni 2013. An einem Opernhaus hätten sie aber Szenenapplaus bekommen: die Sänger Maraike Schröter und Gyula Orendt für packend dargebotene Arien aus Tschaikowskis "Eugen Onegin" und den Liedauftakt von Schuberts "Winterreise". Und der Schaubühnen-Schauspieler Franz Hartwig, der einmal wie ein wildgewordener Entertainer einen Endlosfragenkatalog aus dem eDarling-Universum auf die Bühne hämmert. Oder Helgi Hrafn Jónsson, der seine auf der E-Gitarre locker hingezupften Songwriter-Einwürfe eng am Elektro-Pop von Radiohead entlangschlenzt. Und der Tänzer Franz Rogowski, der eine Minute oder länger einen Handstand auf die Bühne zaubert. Wohlgemerkt mit angewinkelten Armen. Es steckt wahrlich Kraft in dieser groß angelegten Crossover-Produktion "For The Disconnected Child".


Schaubühne Berlin

Mein erstes Mal

von Anne Peter

Berlin, 17. April 2013. Illusionen darüber, was Mann und Weib im Schilde führen, wenn sie von Liebe säuseln, sind nach diesem Abend nicht mehr möglich. Wer es bis heute noch nicht wusste, weiß es jetzt: Sex ist es und nichts als Sex, auf was es die Damen und Herren abgesehen haben. Mit dieser bahnbrechenden Erkenntnis hält Lars Eidingers Version von "Romeo und Julia" an der Schaubühne nicht hinterm Berg. 


Schaubühne Berlin

Terror-Blick nach Innen

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 18. März 2013. Der Grat zwischen Erhabenheit und Lächerlichkeit ist schmal. Aber ist "Grat" überhaupt das richtige Bild? Erhabenheit und Lächerlichkeit als zwei steile, in entgegengesetzte Richtungen strebende Abhänge? Wenn Hyperion auf dem schmalen Grat ausrutscht und auf die eine Seite fällt, dann ist er für die andere verloren?


Schaubühne Berlin

Mit terroristischem Selbstmitleid

von Esther Slevogt

Berlin, 15. Februar 2013. Am Anfang über der Szene eine kurze Videosequenz: Albernd springt ein junges Paar auf einer winterlichen Straße herum. Die Frau hat ein Baby auf dem Arm, immer wieder wird demonstrativ in die Kamera gewinkt. Irgendwann bemerkt man eine weitere Frau, die der Gruppe apathisch hinterher geht, einen Kinderwagen schiebend. Ehe man weitere Gedanken an sie verschwenden kann, ist das Bild wieder weg.


Schaubühne Berlin

Mangelnder Schillerfaktor

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 25. Januar 2013. Nicht Schmetterlinge, sondern Hühner, ganze Hühner hat der Oberst (Ulrich Hoppe) in seinem Bauch, in den man hineinschauen kann, denn er ist nicht mit Haut, sondern mit transparenter Plastikfolie bespannt. Und in den Taschen hat er auch welche, die wirft er den dunklen Gestalten in zu weiten Mänteln hin, die sich wie die Spatzen drum balgen. Dann plötzlich einen Chor formieren und dem mit seinen gesunden, weißen Zähnen an einem weiteren Brathuhn reißenden, schmatzenden Dickwanst ihr Leid zu klagen beginnen.


Schaubühne Berlin

Bedrohliche Soundscapes in der Hotelhalle

von Wolfgang Behrens

Berlin, 12. Januar 2013. Gustav Aschenbach oder von Aschenbach, wie amtlich sein Name lautet, teilt seinen Vornamen und sogar seine Physiognomie mit Gustav Mahler, dessen "fürstliches Sterben" Thomas Mann zu einer seiner Inspirationsquellen für die 1911 entstandene Novelle "Der Tod in Venedig" wurde. Für seinen gleichnamigen Film von 1971 hat Luchino Visconti diese Tatsache ausgiebig genutzt, aus dem Schriftsteller Aschenbach einen Komponisten gemacht und den Film mit dem (nicht zuletzt deswegen berühmten) Adagietto aus Mahlers 5. Symphonie zugeschmiert.


Schaubühne Berlin

Endstufe Kunst

von Esther Slevogt

Berlin, 22. Dezember 2012. Am Beginn werden Getränke verteilt: Wodka, Orangensaft und am Anfang auch noch Rotwein. Doch den dürfen später nur noch die Akteure trinken, die jetzt noch zwischen einem Sammelsurium aus Instrumenten, alten Möbeln und Lampen, sowie einem nicht unerheblichen Kabelsalat umhergehen und -stehen. "Gefahr-Bar™" heißt die erste Ausgabe dieses Unternehmens an der Berliner Schaubühne, eine Art postdramatische und irgendwie auch postpopkulturelle Jam-Session des Regisseurs Nicolas Stemann und seiner Band, der ja, wie man weiß (u.a. aus seiner berühmten Kölner Jelinek-Inszenierung Die Kontrakte des Kaufmanns) auch ein ziemlich guter Livemusiker ist.


Schaubühne Berlin

Im Tag-Asyl

von Georg Kasch

Berlin, 14. Dezember 2012. Ziemlich elegant muss es hier mal zugegangen sein, vor der Revolution. Jetzt klettern an den Wänden des Jugendstilsaals die Pflanzen hoch, bricht sich das Licht trübe im bemoosten Oberlicht, hängen provisorisch angebrachte Kabel wie müde Girlanden von der Decke. Die Scheiben sind zerborsten, absurd verlaufende Rohre lassen ahnen, was das Haus im Sozialismus überstanden hat. Um das zentrale Schlafsofa aus den 50ern schichten sich niedergetrampelte Bücher, rechts steht eine alte Badewanne, dazwischen Stühle, Kartons und viel Dreck.


Schaubühne Berlin

Im Beat der Finsternis

von Matthias Weigel

Berlin, 24. November 2012. Friederike Hellers Arbeitsbeziehung zur Hamburger Band Kante währt nun schon etliche Produktionen lang. Nach Der gute Mensch von Sezuan und Antigone tritt die aktuell fünfköpfige Band einmal mehr bei Heller in der Berliner Schaubühne auf: "The Black Rider" ist angesagt, und das legendäre Musical von William S. Burroughs (Text), Robert Wilson (Uraufführungs-Regie) und Tom Waits (Musik) lässt einen insgeheim auf einen Höhepunkt dieser Zusammenarbeit hoffen.


Schaubühne Berlin

Gut gegoogelt

von Christian Rakow

Berlin, 8. September 2012. Oh, Mann, ey, wenn's doch nur ewig so sein könnte. Alle noch so jung, im Hobbyprobenkeller, die Wände mit irren Brainstorming-Skizzen voll gekritzelt, Rotweinflaschen auf einem langen Kreativdenkertisch. Dort am Drum-Computer trommelt Katrine (Eva Meckbach), und Billing (Moritz Gottwald) schrubbt die E-Gitarre. Hovstad (Christoph Gawenda) kitzelt Sounds aus seinem Laptop und Thomas (Stefan Stern) schwelgt am Mikro in David-Bowie-Tunes: "Time may change me". Und ja, die Zeit wird zupacken.


Schaubühne Berlin

alt

"Glück habe ich genug"

von Simone Kaempf

Berlin, 2. März 2012. Erst einmal wird ein Huhn ausgenommen, säuberlich der Hals mit einer Stahlklinge durchtrennt und die Fußkrallen abgeschnitten. Eine Hand tastet in der Bauchhöhle nach den Innereien, die gallertartige Masse landet in der Chromspüle, wo das Blut und die Gedärme ihre Spuren hinterlassen und der Wasserstrahl die blutigen Schlieren langsam wieder verwässert.


Schaubühne Berlin

alt

Spiritual-Pop

von Matthias Weigel

Berlin, 29. Februar 2011. Der Extremismus, der böse, kennt viele Gesichter. Links, rechts, islamistisch, christlich, und so weiter. Der, der Extremismus sagt, ist aber vielleicht selbst der Böse, weil er davon ausgeht, dass es eine normale Mitte und extremistische Ränder gibt. Womit wir auch schon in den Grauzonen der Demokratie angelangt wären, bei Partei-Verboten oder illegalen Glaubensgemeinschaften.


Schaubühne Berlin

alt

Was bleibt

von Wolfgang Behrens

Berlin, 18. Februar 2012. Mangelnde Ambition ist wohl das Letzte, was man David Marton nachsagen könnte. Es gehört schon ein gerüttelt Maß an Selbstbewusstsein dazu, einen Theaterabend "Das wohltemperierte Klavier" zu nennen, nach jenen zwei Sammlungen von 24 Präludien und Fugen also, mit denen Johann Sebastian Bach eine Art lexikalisches Kompendium aller auf dem Klavier denk- und darstellbaren Dur- und Molltonarten vorlegte. Das WTK (wie man in Musikerkreisen abkürzend und liebevoll zu sagen pflegt) ist so etwas wie ein Heiligtum, nach einem Wort Hans von Bülows das Alte Testament der Klaviermusik.


Schaubühne Berlin

alt

Schalala-Lou

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 16. Januar 2012. Ach, so war das! Bevor der Friedrich Nietzsche den Zarathustra geschrieben hat, war er in die Lou Salomé verliebt. Und hat seinen Freund Paul, also Paul Rée, gefragt, ob er die Lou fragt, ob sie ihn heiraten will. Und die Lou hat nein gesagt. Und dann hat die Lou noch mal nein gesagt. Und dann hat der Friedrich Nietzsche, wie gesagt, den Zarathustra geschrieben.


Schaubühne Berlin
alt

Männerknast für Hochgebildete

von Christian Rakow

Berlin, 17. Dezember 2011. "Oh jammervoll das Land, wo Lords Hof halten und Könige in Haft genommen sind!", beklagt der Graf von Kent das Schicksal seines Halbbruders König Edward II., der soeben abgedankt hat und nun seinen letzten Weg nach Berkeley Castle antritt, wo er den Meuchelmördern des Reichsverwesers Roger Mortimer zum Opfer fallen wird. Das höfische Jammertal in Christopher Marlowes Königsdrama – seinem letzten Stück (1591–1592), ehe auch er gewaltsam vor seiner Zeit starb (1593) – hat kurze Wege: Kaum ein Steinwurf trennt den Thron von Kerker und Schafott.


Schaubühne Berlin

alt

Wie Kunst die Bilder des Menschen formt

von Simone Kaempf

Berlin, 25. November 2011. Zwei Ankleidehilfen holen Wäschestapel aus einem schweren alten Kleiderschrank. Dann geht es los. In die Stoffkorsette werden lange Bänder eingezogen und eng am Rücken zusammengeschnürt, darüber spitzenbesetzte Unterhosen mit Öffnungen im Schritt, Kleider mit Rüschen und Raffungen. Und auch die Männer verwandeln sich optisch in Bewohner St. Petersburgs der 1820er Jahre, mit hohen Hemdkragen, steifen Gehröcken, Kniebundhosen, weißen Strumpfhosen. Kleidung, die für die Inszenierung detailgenau rekonstruiert wurde, bis hin zu den Steppnähten der Korsette.


Schaubühne Berlin
alt

Unter Dauerstrom

von Matthias Weigel

Berlin, 24. September 2011. Es ist eine Szene, die nur sie spielen können. Jeder wohlstandsdeutsche Schauspielschulspieler hätte sich bei dem blamiert, womit die jungen Palästinenser des Freedom Theatre Jenin einen kalten Schauer über die Rücken der Zuschauer jagen: Gleich zu Beginn ihres Gastspiels an der Berliner Schaubühne lassen sie einen Bombenhagel niederprasseln. Unter ohrenbetäubenden Explosionen krümmen sich in grellen Lichtblitzen sieben muskulöse, schwarzgekleidete Männer vor Schmerz. Hilflos winden sie sich, sie müssen es ausweglos über sich ergehen lassen. Effektgeladener Eröffnungsdonner, der aber bei ihnen deshalb nie anmaßend wirkt, weil die Spieler von Gewalt erzählen, die sie selbst erlebt haben – in ihrer Heimat im Westjordanland. Sanfter oder friedlicher wird es zwar das ganze Stück über kaum werden. Trotzdem zeigt die Inszenierung noch eine erstaunliche und ermutigende Wende.


Schaubühne Berlin
alt

Grob durchgemacht

von Matthias Weigel

Berlin, 18. September 2011. Der talentierte Mr. Ripley aus Patricia Highsmiths gleichnamigen Roman von 1955 hat vor allem Talent darin, andere Menschen und Unterschriften nachzumachen. So versucht er sein hölzernes Leben dadurch aufzumotzen, dass er nach dem Mord an einem befreundeten Schnösel einfach dessen charismatische Persönlichkeit annimmt und fortan versteckspielend, identitätsvermischend und spurenverwischend durchs schöne Italien schlawenzt – alles reichlich psychopathisch gefärbt.


Schaubühne Berlin
alt

Entleert und fest gekachelt

von Christian Rakow

Berlin, 4. September 2011. Eine "Gramfalte" hat Johannes auf der Stirn. Vom Alleinsein, wie es heißt. Dabei ist er gar nicht so oft allein, sondern eigentlich bestens umsorgt. Von seiner Mutter, die als Dauergast unter seinem Dach logiert und die Johannes' melancholischem Weltengegrübel stets einen frommen Glaubenssatz entgegenzuhalten weiß. Und von seiner Ehefrau Käthe, die ihn mindestens so zärtlich in den Armen wiegt wie ihren frischen Nachwuchs Philippchen. Allerdings tragen auch Mama und Käthe neuerdings Gramfalten – seit die Studentin Anna im Haushalt eingezogen ist und nun Johannes ordentlich den Kopf verdreht.


Schaubühne Berlin
alt

Fünf vor zwölf ist anderswo

von Michael Laages

Berlin, 1. September 2011. Glücklicher Buddha! Vom ewig lächelnden Bauch-Gott ist nicht bekannt, dass er die Anhägerschaft die Welt erobern lassen wollte. Auch schwarze Witwen mit umgeschnallten Sprengstoffgürteln sind in seinem spirituellen Umfeld noch nicht unangenehm aufgefallen. Vieles läuft schief in den Reichen, deren Bewohner sich zu ihm bekennen – aber ein Kriegsgott ist er nicht. Glückliche Buddhisten – sie können sich am "Day before the Last Day", am vorletzten Tag also vor "Doomsday", dem Tag des Jüngsten Gericht, in der Berliner Schaubühne gemütlich und buddhagleich lächelnd zurück lehnen, denn sie sind nicht gemeint.


Schaubühne Berlin
alt

Das Prinzip schlechtes Gewissen

von Simone Kaempf

Berlin, 21. Mai 2011. Der Mensch krabbelt hier durch lange Höhlengänge, gebückt oder auf allen Vieren durch zwei Tunnel, die in eine Schlafstube führen. Rattengänge könnten das sein. Gänge, die symbolisch für beengte Verhältnisse stehen. Und ja, man fühlt sich natürlich ein wenig erinnert an Michael Thalheimers Inszenierung von Gerhard Hauptmanns Die Ratten, in der die Figuren sich duckten, bückten und unter einer tief hängenden Massivholzplatte nicht aufrecht gehen konnten, und doch alles im Vergleich noch stilisiert freundlich-melancholisch wirkte.


Schaubühne Berlin
alt

"... man muss auch ab und zu den Pförtner grüßen!"

von Anne Peter

Berlin, 13. April 2011. Berlin ist eine Stadt voller Verrückter. Das sieht jeder, der einmal wachen Auges durch diese Stadt gelaufen ist. Im Grunde reichte es, sich selbst genau zu beobachten. Irgendeine, zwei, drei Neurosen werden sich da sicher finden.

Constanza Macras, diese genau hinschauende Sammlerin von Alltagsskurrilitäten, jedenfalls hat zahlreiche von ihnen aufgespürt. In ihrer neuesten Arbeit "Berlin Elsewhere" für die Berliner Schaubühne hat sie sie auf vergleichsweise puristischer, von drei großen Schaumstoffhochhäusern dominierter Bühne zu einer Collage von Verrücktheits-Szenen ineinander gepuzzelt.


Schaubühne Berlin
alt

Bitterfelds Weg

von Wolfgang Behrens

Berlin, 9. und 13. März 2011. Auftritt Heine-Mareine Bitterfeld. Eine behördenmäßig blasse Type ist das – sie könnte aus einer Marthaler-Inszenierung entflohen sein –, die sich den Anwesenden auf Morris Schimmels Verlobungsfeier umständlich vorstellt, jedem Einzelnen, und dabei immer wieder diesen albernen Namen wiederholt: Heine-Mareine Bitterfeld. Sonst hat er nichts zu sagen. Obwohl, so merkt ein Gast an, sein Name doch so große Erwartungen wecke, dass man gehofft habe, Heine-Mareine Bitterfeld werde alle Probleme lösen. Heine-Mareine Bitterfeld aber sagt und löst gar nichts.


Schaubühne Berlin

alt

Goya- und Disney-Fratzen, Beethoven und Bärenfell

von Georg Kasch

Berlin, 5. März 2011. Früher wollte man noch mit einem Taxi nach Paris. Heute, da Träume der Finanzlage angepasst werden, muss ein bisschen Cruisen durch Madrid reichen. Oder durch Neukölln, ist ja fast das gleiche. Jedenfalls spielen Taxis eine nahezu schicksalhafte Rolle in zwei der drei Uraufführungen, mit denen F.I.N.D. 2011, das Festival Internationale Neue Dramatik an der Berliner Schaubühne, gerade startete. Beide haben es in sich. Praktisch, dass sie ins Repertoire übernommen werden.


Schaubühne Berlin
alt

Götterkrach im Haus der Sprache

von Christian Rakow

Berlin, 4. Februar 2011. "Io!" – ist es der markerschütternde Klageschrei, den man uns heute entlockte? Nein, nicht "Io!". Sondern: "Yo!" sagen wir zu dieser "Antigone" und ihrem Chor, der war wie lange keiner. Yo! Zwei Schlagzeuge wuchten die Hölderlin'schen Chorverse voran, vom Hämmern zweier Klaviere gesäumt. Der Abend führt durch ein Spalier aus Sound und Licht und Nebel; die harten Breaks der Songs sind Spießroutenstöße. "Thebe erschütternd, herrsche der Bacchusreigen!"


Schaubühne Berlin

Auf dem Trödelmarkt der Gefühle

von Wolfgang Behrens

Berlin, 22. Januar 2011. Nach einer knappen Dreiviertelstunde taucht er erstmals auf, der abwesende Herr Odysseus. In einem kleinen Gelass, das sich über dem Bühnenhalbrund in der Rückwand auftut, gibt er für eine junge, sichtlich faszinierte Dame den abgezockten Kriegsveteranen, der schon alles erlebt hat. Abgeklärt und vielleicht etwas zynisch. Doch noch ehe er seine Heldentaten vor ihr zum Besten gibt, schaut Ernst Stötzner, der Odysseus-Schauspieler, etwas irritiert aus dem Gelass heraus und stellt eine ziemlich zentrale Frage: "Sag mal, was ist das hier eigentlich?"


Schaubühne Berlin

Im Winterwonderland

von Simone Kaempf

Berlin, 15. Dezember 2010. Die Spielfläche ist warmweiß beleuchtet und leer wie ein unbeschriebenes Blatt, auf das zu Beginn vorne an den Rand jene peinigende Gleichung gemalt wird: 2+2=4. Die Spielfläche also hell, die Schrift schwarz, als sei das hier ein Diapositiv einer flach liegenden Schultafel, auf der wir den ehemaligen Kanzleibeamten und verkrachten Literaten aus Fjodor Dostojewskis "Aufzeichnungen aus dem Kellerloch" erleben, und erstmal denkt man, dass das ein ganz passendes Bühnenbild ist für einen Text, der sich in den Laufe der Dinge einmischen will, genüsslich alte Gewissheiten zerlegt und mit der Lüge ein doppelbödiges Spiel betreibt.


Schaubühne Berlin

Erschlaffendes phallisches Gemüse

von Esther Slevogt

Berlin, 11. Dezember 2010. Zuerst muss man natürlich sagen: Wir haben uns köstlich amüsiert. Auch rundherum im Zuschauerraum der Schaubühne gluckste und gluckerte es vergnügt, als zum Beispiel der vor Erregung beinahe berstende Eduard Schwarz alias Sebastian Nakajew immer lauter stöhnte und die engelgleiche Laura Tratnik in ihrem fleischfarbenen Plisseekleidchen als Lulu nichts weiter tun musste, als ihm mit treuherzigem Blick die Hand sanft aufs Gemächt zu legen. Und als Schwarz dann schließlich am Höhepunkt seiner verkrampften Glücksexplosion mit brechendem Blick tarzanartige Urlaute ausstößt, da hält es die Schenkelklopfer kaum vor Zuschauervergnügen.


Schaubühne Berlin

Sex mit Elchen und anderen Dinosauriern

von André Mumot

Berlin, 20. November 2010. "Ihr wollt wohl gar kein Thema auslassen heute Abend", sagt Judith Engel einmal stoßseufzend und erntet einverständiges Gekicher aus dem Publikum. Ja, das ist so ein Satz, der passt wie die Faust aufs Auge. Schließlich ist zu diesem Zeitpunkt schon mehr als genug passiert in der behaglichen Kulisse dieses Schaubühnenwohnzimmers, dessen Panoramafenster tolle Ausblicke gewährt auf sommerliche Hochhausidyllen oder winterliche Feriennatur mit Schneemann – je nachdem, welche Seite des Vorhangs aufgezogen wird.


Schaubühne Berlin

Rettungsschirme für geschundene Seelen

von Anne Peter

Berlin, 27. Oktober 2010. Protest wird seit den jüngsten Ereignissen im Südwesten der Republik nicht mehr unbedingt mit Jugend assoziiert. Und auch in der Berliner Schaubühne ist es der altehrwürdige Erhard Marggraf, der als so fragil schutzbedürftiges wie eigensinniges Störelement nicht nur mit der Jungkörperdominanz bricht, sondern auch den zähesten Widerspruchsgeist beweist.


Schaubühne Berlin

Blut ist am Stuhl

von Christian Rakow

Berlin, 25. September 2010. Kurz vorm Finale im Morgengrauen, als nur die Scham sie noch überleben soll, greift Fräulein Julie bei Strindberg zu einem wundersamen Trick. Weil ihr Bediensteter und mittsommernächtlicher Fehltritt Jean ihr den Todesbefehl verweigert, beginnt die hohe Tochter vom Theater zu erzählen: Hypnotiseure gebe es dort, die Probanden unwillkürliche Taten einträufelten. Julie dämmert sprechend weg und gerät in spiritistische Verzückung. Jean aber schlüpft unumwunden in die imaginierte Rolle des Hypnotiseurs, reicht ihr sein Rasiermesser und flüstert die todbringenden Worte ein. Ein seltener Fall von Ping-Pong-Suggestion.


Schaubühne Berlin

Die Liebe in Zeiten der Ex-und-Hopp-Mentalität

von Anne Peter

Berlin, 19. September 2010. Würstchen im Allerwertesten. Das hatten wir so noch nicht. Lars Eidinger, der an der Schaubühne als Experte fürs Maßlose ja schon einige Matsch-und-Pansch-Aktionen bewältigt hat, hält sein Lebensmittel-bewehrtes Hinterteil in die Kamera. Zuvor hat er auf Haupt und Haaren bereits Schokosoße, Sahnetorte und Spaghetti verteilt. So inszeniert, so zelebriert dieser Alceste seinen Weltekel, sein Scheiß-auf-alle. So suhlt er sich in seinem Anders-Sein, das vom Heucheln und Schmeicheln der Mitmenschen nichts wissen will. Schließlich steckt Eidinger sich noch ein ordentlich phallisches Baguette in die Hose – ist Molières "Menschenfeind" doch beides: Ehrlichkeits-Extremist ebenso wie Trieb-Getriebener, radikaler Idealist und unvernünftig Verliebter.


Schaubühne Berlin

Wie wir alle ums Geld-Kalb hampeln

von Anne Peter

Berlin, 27. April 2010. Da sitzt sie, die Gier. Beim Gelage, in sechsköpfiger Ausführung. An einer langen Tafel, elegant gekleidet, zerschneidet ab und an eine der Kleinigkeiten auf ausladendem Teller, pickt auch mal einen Happen auf und schlürft Wein dazu. Lächelt leicht in Richtung Publikum. Und erklärt, die Fingerspitzen aneinander tippend, dass die Wirtschaft doch schließlich immer in Schwierigkeiten stecke. Oder dass das wenige, was wir einst hatten, nicht mehr uns gehört, sondern ihr, also den "Eigentümern seit jeher", "für uns arbeitet ja Ihr Geld, für das Sie gearbeitet haben". Freilich, wir könnten es jederzeit besuchen, unser Geld. Na, dann ist ja gut.


Schaubühne Berlin

Brecht? Öh, ähm, naja!

von Wolfgang Behrens

Berlin, 21. April 2010. Nach dem vornehmsten Gebot befragt, soll Jesus zuerst – lange ist's her! – mit dem Gebot der allgemeinen Gottesliebe geantwortet haben, um dann noch ein zweites nachzuschieben: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Ganz einfach also! Man müsste nur diesem Gebot folgen, um ein gutes Leben zu führen und ein guter Mensch zu sein.


Schaubühne Berlin

Mit dem Brustton der Überzeugung

von Anne Peter

Berlin, 25. März 2010. Ist es nicht purer Einfühlungsschmelz, wenn die italienische Diva wie hingegossen vom "Surabaya-Johnny" singt, der endlich die Pfeife aus dem Maul nehmen soll? Und zwischen dem Refrain mit hassliebenden Empörungsblicken gegen den See-fahrenden Liebhaber aufbegehrt?


Schaubühne Berlin

Alice im Wörterland

von Elena Philipp

Berlin, 6. März 2010. Ein Feuerwerk der Metafiktion brennt Rafael Spregelburd in "Die Paranoia" an der Berliner Schaubühne ab. Als argentinischer Gast mit seiner Truppe zum Festival Internationaler neuer Dramatik F.I.N.D. geladen, zeigt er, wie wildes Erzählen funktionieren kann. Doch von vorne, auch wenn Spregelburd alles tut, um im sechsten Teil seiner "Heptalogie des Hieronymus Bosch" die aristotelische Einheit von Raum, Zeit und Handlung zu durchbrechen.


Schaubühne Berlin

Abwehrzauber auf ollem Sofa

von Simone Kaempf

Berlin, 19. Februar 2010. Kaum ein Dramatiker, der seine Stücke so kontinuierlich mit ausholenden Erklärungen, Bedeutungen, Weltdeutungen begleitet wie Edward Bond. Als ihm Leander Haußmann vor zehn Jahren mit seiner Erstaufführung von "Das Verbrechen des einundzwanzigsten Jahrhunderts" in Bochum noch einmal einen großen Auftritt beschert hatte, saß Bond in Haußmanns Büro, arbeitete Interviews ab, nicht müde, immer wieder zu erklären, worum es gehe: Gewalt auf der Bühne nicht zu protokollieren, sondern ihre Bedeutung aufzuzeigen. Gewalt nicht zu benutzen, sondern gewalttätige Vorgänge auszustellen.


Schaubühne Berlin

Umzingelt von Anzeigetafeln

von Elena Philipp

Berlin, 16. Januar 2010. Ein trister Hinterhof unter einer Straßenlaterne mit zwei garagenähnlichen Bauten aus verschmutztem Beton. Davor die Reste eines Umzugs - Bananenkisten, Altkleider, Zivilisationsmüll. Das ist das Bühnensetting. Rechts vorne auf der Bühne wird mit sechs Telefonbuchsen ein Call Center angedeutet, als Verbindung mit dem Rest der globalisierten Welt.


Schaubühne Berlin

Ausgestöpselt

von Christian Rakow

Berlin, 14. Januar 2010. Man kennt das Phänomen aus Action-Trilogien. "Matrix" zum Beispiel. Da gib es eine große erste Erzählung, die eine Welt schöpft, Formen definiert, einen eigenen "kultigen" Stil kreiert und so unmittelbar gemeindebildend wirkt. Diesem Originalwerk folgen dann zwei kassenfüllende, aber gedanklich kaum mehr tragfähige Teile, in denen endlose Actionsequenzen ein knorriges Erzählgerippe zukleistern.


Schaubühne Berlin

Die im Saallicht sieht man nicht

von Esther Slevogt

Berlin, 13. Dezember 2009. Das Bild ist stark. Und doch fragt man sich von Anfang an, ob seine Wirkung nicht zu kalkuliert, seine Metaphorik nicht zu simpel ist: der Boden des schwarzen Theatersaals der Berliner Schaubühne ist voller glitzernder Geldmünzen, die beim Darüberlaufen ein ungemütliches Knirschen erzeugen. Eine flächendeckende Geld-Schicht mit Dagobert-Duck-Anmutung – die höchste Lust der berühmten Comicfigur von Carl Barks ist bekanntlich, in seinem Geldspeicher in Goldmünzen zu baden. In Leuchtbuchstaben steht hoch über der Szene das biblische Gebot geschrieben: "Du sollst nicht stehlen." Bald aber tritt der Abend den Versuch des Beweises an, dass man sich leider nicht daran halten kann: denn die berühmten Verhältnisse, die sind nicht so.


Schaubühne Berlin

Leerstunde

von Hartmut Krug

Berlin, 7. Dezember 2009. "Matsch" ist das erste Wort, und dann geht es weiter, mit "fick" und "fettig", mit "Fotze" und "Scheiße". Der auftrumpfende Jargon, mit dem sich die Jugendlichen in der fast 30 Jahre alten Schaubühnenfassung von Nigel Williams "Klassen Feind" mehr bekämpfen als verständigen, ist von gestern und wirkt auch so. Diese Sprache ist ein theatrales Beeindruckungsinstrument und ein realistisches Kunstprodukt, wie die sogenannte Kiezsprache, über die heute in den Medien viel gesprochen wird.


Schaubühne Berlin

Ich-Insel im großen Gewässer 

von Wolfgang Behrens

Berlin, 26. November 2009. Lange hat er auf seine Fesselung warten müssen, fast 20 Jahre. Denn Anfang der 90er Jahre war Ernst Stötzner schon einmal Prometheus, damals aber waren ihm in Heiner Goebbels' und Heiner Müllers Musiktheater "Die Befreiung des Prometheus" die Fesseln abgenommen worden. Müller wäre freilich nicht Müller gewesen ohne ein gerüttelt Maß an Pessimismus: Gebrochen von 6000 Jahren Qual, verteidigte Prometheus "brüllend und geifernd, mit Zähnen und Klauen seine Ketten gegen den Zugriff des Befreiers". Der von Herakles befreite Gott war im Kopf unfreier denn je.


Schaubühne Berlin

Vom Regime des Pillers

von Christian Rakow

Berlin, 9. November 2009. Da sind wir also zurück, im Studio der Schaubühne beim Großzeremonienmeister des doppelbödig poppigen Serientheaters. Im schwarzen Adidas Anzug, wie beim Auftakt vor knapp zwei Monaten, eröffnet Patrick Wengenroth diesen zweiten Teil seiner Theater-und Gesellschaftstheorie-Reihe nach Schiller. Wieder mit Apple-I-Book. Doch etwas ist neu: Der Meister trägt eine Spange im Haar und gibt damit gleich einen Wink auf das Anliegen dieses Abends.


Schaubühne Berlin

Ob du gehst oder bleibst, das ändert nichts

von Simone Kaempf

Berlin, 10. Oktober 2009. Es gibt kein Festhalten. Nicht in den Tanzszenen, wenn Arme in ausholenden Gesten zugreifen und die Körper der anderen doch nur für Momente halten können, bevor sie sich entwinden und wieder entgleiten. Nicht in den Texten von Falk Richter, wo der Satz "Lass uns einfach alles so lassen, wie es ist" immer dann die Runde macht, wenn eine Beziehung nur noch Fiktion ist, sich der Status quo also längst verändert hat.


Schaubühne Berlin

Weg vom Rockzipfel des Regievaters

von Christian Rakow

15. September 2009. Man hatte sich im Sommer ja schon gefragt: Wen meinte Erfolgsautor Daniel Kehlmann eigentlich in seiner Salzburger Rede, als er gegen die Bühnen aufbegehrte, auf denen ständig "Spaghettiessen" zu sehen sei? Immerhin sind die großen Spaghettischlachten im Hause Castorf schon geraume Zeit vorüber. Und die Ekeltheaterdebatte vor bald vier Jahren hat sich auch abgeschliffen. Doch siehe! Im Studio der Schaubühne erscheint Lars Eidinger in Unterhose mit einem – Teller Spaghetti.


Schaubühne Berlin

Viel Blut um Nichts

von Esther Slevogt

Berlin, 13. September 2009. Der Stoff ist sehr blutig und sehr deutsch. Und wer die mörderische Geschichte der Nibelungen bis zu ihrem Untergang erzählt, kommt selten ohne Referenz auf die mörderische Geschichte der Deutschen aus. Ohne Paraden arischer Helden, Nazi-Symbole, verklemmte Adolfs in spe oder blutrünstige Walküren. Das führt dann oft zu eindrucksvollen, wenn auch vorhersehbaren Ergebnissen.


Schaubühne Berlin

Als stochere man nach Dämonen

 von Simone Kaempf

Berlin, 14. Mai 2009. Iphigenie hockt im Gras und hat ihr Kleid tief über die Knie zum Boden gezogen. Der Stoff umhüllt sie wie ein Schutzwall. Und tatsächlich gilt es nicht nur die schönen Worte abzuwehren, mit denen Thoas sie umgarnt. Blitzschnell berührt seine Hand kurz ihr Haar, streift er einen Schritt zu dicht an ihr vorbei. Umkreist er sie mit einer Anspannung, jederzeit dazu bereit, körperlich zuzupacken.


Schaubühne Berlin

Was passiert, wenn Blanche die High Heels auszieht 

von Christian Rakow

Berlin, 30. April 2009. Die letzte Tür, nachdem der Einlass beendet ist, schlägt Jule Böwe alias Blanche DuBois zu. Und zwar eine Liefertür in der Bühnenrückwand, durch die wir eben noch auf den Ku'damm spähen konnten. Geschlossene Gesellschaft also. Kontextfrei soll es werden. Man entsagt dem sozialen Psychodrama samt der Unterschichtenjungfamilie (Stella und Stanley, der "Polacke"), die sich an einer nervösen, depravierten Bildungsbürgerin (Blanche) reibt. Stattdessen führt der Weg in die Theaterselbstbesinnung: Endstation Lehniner Platz.


Schaubühne Berlin

Kuchen ist alle – gebt Brot!

von Christian Rakow

Berlin, 26. März 2009. Die Kaczyński-Brüder machen es einem ja wirklich nicht leicht. Und über die Debatte um Vertriebenenbundpräsidentin Steinbach hätte man es letzthin beinah völlig vergessen. Aber natürlich: Auch unsere östlichen Nachbarn kennen Humor und Selbstironie, wenn es um die nationale Identität geht!


Schaubühne Berlin

Franz, wo ist dein Bruder?

von Anne Peter

Berlin, 23. März 2009. Wenn man dieses Stück liest, meint man, Großbritannien läge nicht bloß jenseits des Ärmelkanals. Sondern noch viel weiter weg von Deutschland. Man vermutet, der Autor des Stückes sei noch nie hier gewesen, und wenn, dann höchstens in den frühen Neunziger Jahren zu einer Stippvisite.

 


Schaubühne Berlin

Du sollst nicht vergleichen

von Esther Slevogt

Berlin, 20. März 2009. Am Anfang kommt Niels Bormann. Nicht nur, dass er seinen Nachnamen mit einem berüchtigten Nazi teilt: Seine gesamte einsneunzig große Erscheinung drückt das Unbehagen darüber aus, ein Deutscher zu sein. Jedenfalls wenn Niels Bormann Niels Bormann spielt. Dieses verdruckste, trotz locker wehrmachttauglichem Bodymaß immer eine Spur zu naiv Tuende: ein säuselnder Schuldkomplex auf zwei Beinen, schwul zudem, um auch den letzten Rest des Martialisch-Maskulinen zu tilgen. Bis plötzlich doch irgendwelche fiesen rassistischen Ressentiments aus ihm herausbrechen.


Schaubühne Berlin

Ätzendes Gesellschaftsbild

von Wolfgang Behrens

Berlin, 6. März 2009. Es ist noch keine zwei Monate her, da rief Rüdiger Schaper im Berliner Tagesspiegel die Komödienkrise aus. Comedy, aber hallo!, die sei überall. Wo jedoch, fragte der verzweifelte Kritiker, sind in diesen harten Zeiten die Komödien? Denn Komödien und Comedy, das seien schließlich zweierlei Paar Schuhe: Echte Komödien nämlich wollten am Ende nicht nur komisch sein.


Schaubühne Berlin

Ausnutzung der Inselbegabung

von Christian Rakow

Berlin, 23. Februar 2009. Wenn das nicht eine Vision von Orwellschem Format ist! Da hockt ein Autist in seinem Rollstuhl, weltarm, aber hochbegabt in Sachen Töpferkunst. Und von seinem Gehirn verlaufen Drähte zum Kopf einer Französischlehrerin, die für die Dauer dieses Experiments an seinem Geschick teilhat und nun also töpfert wie eine Schwester Pygmalions.


Schaubühne Berlin

Endkampf der Gefühle im Nebel

von Simone Kaempf

Berlin, 14. Januar 2009. Das Parkett glänzt spiegelglatt, das Wohnzimmerfenster ist deckenhoch verglast, ein schicker, aber kein behaglicher Raum. Durch die Ritzen zieht es ungemütlich: Bodennebel kriecht durch die Spalten nach vorne bis vor die Füße der ersten Zuschauerreihe. Genauso lautlos steht die Ella der Angela Winkler plötzlich im Wohnzimmer. Mädchenhaft wirkt sie, den Mantel hält sie schützend vorm Körper. Ein leiser Eindringling, deren untergründige Wut sich allerdings unnachgiebig offenbaren wird, sich ihrer Sache und Mittel absolut sicher.


Schaubühne Berlin

Unrechtsgefühle aus der Windmaschine

von Anne Peter

Berlin, 2. Dezember 2008. "Dies Bißchen Leben – dürft ich es hinhauchen in ein leises schmeichelndes Lüftchen, sein Gesicht abzukühlen! – Dies Blümchen Jugend – wär es ein Veilchen, und Er träte drauf, und es dürfte bescheiden unter ihm sterben!" Wie bitte? Kann man diese selbstverleugnenden, recht anachronistisch anmutenden Sätze Luisens, jener Luise Miller aus Schillers "Kabale und Liebe", diesmal inszeniert von Falk Richter, hier und heute wirklich mit dem allerernstesten Brustton der Überzeugung dahinseufzen? Man möchte meinen, das sei – so als Frau von heute – schlechterdings unmöglich. Aber nein! – nicht so an der Schaubühne.


Schaubühne Berlin

Kein Land in Sicht

von Elena Philipp

Berlin, 8. November 2008. Ein schmaler Gang voll zerfetzter Bücher, eine Wand, an der ein grauhaariger Mann kauert – von fern das Grollen detonierender Granaten. Der Mann wagt nicht, sich den ersehnten Morgenkaffee aufzubrühen. Als er sich schließlich doch der Küche nähert, wirft eine Detonation ihn in den Gang zurück. Scheinwerfer leuchten ein Quadrat in eine weite, schwarze Fläche. Ein Häuserblock, ein Käfig? Der Mann, allein auf der Bühne, haut und sticht sich in einem imaginären Kampf den Weg frei, seinen Pullunder wie eine Sturmmaske über das Gesicht gezogen. Ein Schauspieler auf dem Weg zu seiner Vorstellung: "Warum kämpfe ich mich ins Theater durch, wenn das Drama draußen stattfindet?"


Schaubühne Berlin

Du böse Liebe, du!

von Dirk Pilz

Berlin, 1. November 2008. Anatol ist eine Frau. Das aber spielt keine Rolle. Denn der Mensch ist, was er ist: treulos, liebesbedürftig, erbärmlich, größenwahnsinnig, eitel, lächerlich, schwach und sterblich. Mann oder Frau, es sind am Ende alle gleich, jedenfalls an diesem bemerkenswert kurzen Abend.


Schaubühne Berlin

Thebens Kapuzenpulliträger

von Anne Peter

Berlin, 24. Oktober 2008. Ai ai ai! O ihr griechischen Sagengestalten! Du, Agenor, ballst die Faust und schiebst dein Kinn ingrimmig-verbittert vor, wenn du deine Söhne auf die Suche nach der entführten Tochter Europa schickst. Du, Hippodameia, springst resolut vom Sofa auf, um deinen Zorn über den Ehemann herauszuschreien, der seine verstorbene Ex-Frau mehr liebte als dich und nur Augen hat für seinen Sohn Chrysippos, der ihr wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Dir, Pelops, zittern Finger und Stimme, wenn du dich bereitest, deine Flüche über den auszustoßen, der deinen geliebten Sohn entführt und missbraucht hat. Und du, Ödipus, fingerst nervös-gespannt an deinen Lippen, wenn du auf die Antwort des Orakels wartest, das neben dir mit haarverhangenen Augen im Rollstuhl kauert.


Schaubühne Berlin

Unwissende raus!

von Barbara Behrendt

Berlin, 23. September 2008. Wir sitzen in Berlin. 60 Frauen und 41 Männer, wie man uns sagt. An langen Tafeln mit Tischdecken im 60er Jahre Schick, vor uns Pappkartons, gefüllt mit Post-Its, Stiften und diversen Bastelmaterialien. Auf der Bühne vier Mikrophone und ein weißes Board zum Anpinnen von Zetteln, von Meinungen, Wünschen und Fakten. Eine Parteikonferenz könnte das sein, an deren Ende die große Wahlparty steht. Bevor der Sekt allerdings geöffnet werden darf, muss eine Frage einvernehmlich geklärt werden: Wer ist das, dieses "Wir", das sich an den Tischen gegenüber sitzt und zur Gruppenarbeit verdonnert wird?


Schaubühne Berlin

Wie war es wirklich?

von Eva Maria Klinger

Salzburg, 31. Juli 2008. Häuser bergen Geschichten und Geschichte, und manchmal verbergen sie das Rätsel der Vergangenheit. Ein Haus in Dresden, das zwischen 1933 und 1993 dreimal die Besitzer wechselte, hat der Dramatiker Marius von Mayenburg gewählt, um die bedeutungsschwangere Familiengeschichte "Der Stein" am Faden der Erinnerung aufzudröseln.


Schaubühne Berlin

Lautsein oder Nichtsein

von Hartmut Krug

Athen, 7. Juli 2008. Thomas Ostermeiers zweite Shakespeare-Inszenierung (nach seinem von Constanza Macras' Choreographie geprägtem "Sommernachtstraum", der vor einem Jahr ebenfalls in Athen Premiere hatte), findet beim Athens Epidaurus Festival in einer riesigen Fabrikhalle in Peiraios vor mehrheitlich recht jungem Publikum statt.


Schaubühne Berlin

Das Zeug zum Töten 

von Lena Schneider

Berlin, 25. Mai 2008. Sechs schmale Neonstelen bohren sich in den Bühnenraum. Dazwischen gefräßiges Schwarz. Wie Wegweiser, die den Informationsgehalt verweigern, stehen sie da, oder wie eine sechsspurige Straße ins Nichts. Lange lässt Benedict Andrews zu Beginn von "Der Hund, die Nacht und das Messer" die Bühne mit sich allein und den Zuschauern damit die Möglichkeit, sich mit Hilfe dieser blindgängerischen Zeichen und des knarzenden Sounds in eine geradezu hypnotische Starre einlullen zu lassen.


Schaubühne Berlin

Kleindramatisches Diskursgut

von Nikolaus Merck

Berlin, 11. April 2008. Nummer 16, 17 und 18. Uff, das wär' geschafft. Die Deutschlandsaga der Berliner Schaubühne  auf der Zielgeraden, 18 Kurzstücke in einem halben Jahr. Ur-auf-füh-rungs-werk-statt. Und wir mitten drin. "Wo sin'n hier die Faschos?", brüllt Niels Bormann von unten, street-fightin'-man-gerecht in Kapuzenpulli und militantem Schwarz. "Kann nix sehn!" brülllt Ina Tempel von oben zurück, wenn schon nicht mit dem Kopf in den Wolken verschwunden, so doch immerhin zwischen der Deckenverkleidung im Vorraum der Studiobühne. Dirk Laucke trifft im "Stück gegen sich selbst" den aufgeregten Ton der ewig militanten Schwaben aus Kreuzberg und Friedrichshain haargenau.


Schaubühne Berlin

Die Ehe im Zeitalter fortschreitender Gesellschaftsdämmerung 

von Anne Peter

Berlin, 21. März 2008. Paare haben Probleme. Ehepaare insbesondere. Das ist zwar nichts sonderlich Neues, liefert dem Theater aber immer wieder Stofffutter und Virtuosenvorlagen. In der Berliner Schaubühne kommen diese Probleme meist von außen hereingekrochen ins traute Heim, von der Gesellschaft her, die nicht selten ein wenig in die Zukunft verlegt ist, wo die heutigen Verhältnisse verschärft, die Konsequenzen sichtbarer sind.


Schaubühne Berlin

Exzellent eingesprungene Rollenwechsel

von Anne Peter

Berlin, 17. März 2008. Inbrünstig ehrfurchtet Niels Bormann den auf ihn gerichteten Scheinwerfer an: "Eure Deutschheit, Eure Exzellenz, Eure exzellenteste Deutschheit." Er spricht vom toten Feind, der einen am Leben hielt, vom Licht, das das Dunkel braucht, von Angst und vom Antichristen. Dabei trägt Bormann Kardinalskluft, klappt gelegentlich die aneinandergelegten Bethandflächen auseinander, lässt die Innenseiten in priesterhafter Gestik vom Theaterlicht bescheinen. 


Schaubühne Berlin

Das Lied von der Stagnation 

von Lena Schneider

Berlin, 23. Februar 2008. Dass es ein schwieriges, oft schwammiges Unterfangen ist, ein Jahrzehnt in einem Abend zu fassen, hat die Schaubühne seit der Premiere der "50er Jahre" gezeigt – und tut es weiter. Auch die "Achtziger" haben Lücken: Das Aufkommen von Aids, die ersten Computer, die Grünen. Dennoch offenbarte sich ein Vorteil der wacker weiter walzenden Chronologie: Mit jedem Jahrzehnt scheinen sich die jungen Autoren der eigenen Zeit, sich selbst, zu nähern. Während sie bisher über Erzähltes schrieben, betreten sie jetzt vertrautes Terrain.


Schaubühne Berlin

Wo Sprache tropft, da lass dich nieder

von Petra Kohse

Berlin, 21. Februar 2008. Kleist zeigt Schlimmeres als einen Alptraum. Er zeigt, wie der Augenblick der Hingabe, der dem Begehren folgt, als Vernichtung ausgelebt wird: Vernichtung des Begehrens und Vernichtung des Begehrten. Er zeigt den blinden Fleck in der Seele der Frau und Königin. Und wie dieser sie nicht nur beherrscht, sondern auch verschlingt. "Denn jetzt steig ich in meinen Busen nieder, / Gleich einem Schacht, und grabe, kalt wie Erz / Mir ein vernichtendes Gefühl  hervor...".


Schaubühne Berlin

Flucht aus Freiburg

von Nikolaus Merck

Berlin, 30. Januar 2008. Seltsam, dass Jungdramatiker immer Terror, Terror denken müssen, wenn sie nach den siebziger Jahren in Deutschland gefragt werden. Frauen-, Öko- und Friedensbewegung; Innerlichkeitswahn und Konsumismus; antiautoritäre Erziehung, Landkommunen; Honecker, Biermann und Weltjugendfestspiele in Berlin-Ost – das alles zählt nichts, jedenfalls nicht für die drei großen L‘s, die in der Schaubühne die Deutschlandsaga, Abteilung 70er Jahre bestreiten. Für Claudius Lünstedt (geboren 1973), Philipp Löhle (1978) und Lorenz Langenegger (1980) besitzt, wie es scheint, nur der "Mensch-oder-Schwein-Du-musst-Dich-entscheiden"-Terror den nötigen Glamfaktor.


Schaubühne Berlin
alt

Rich Is The New Cheap

von Simone Kaempf 

Berlin, 29. Januar 2008. Eigentlich hätte es so etwas wie eine Gazprom-Variante des "Kirschgarten" werden sollen. Eine Agentur, die auf Wirtschaftstexte spezialisiert ist und schon für den russischen Erdgas-Konzern gearbeitet hat, wurde beauftragt, Tschechows Stück für die Schaubühne neu zu übersetzen. Aber dann erwies sich die Version doch als kaum spielbar und Falk Richter legte am Text selbst noch einmal kräftig Hand an. So bleiben einem russische Oligarchen zwar erspart, aber vom Geld ist in diesem "Kirschgarten" an der Berliner Schaubühne dennoch viel, sehr viel die Rede.  


Schaubühne Berlin

Das große Google-Hupfen

von Anne Peter

Berlin, 3. Januar 2008. Eigentlich wollen wir doch alle lieber in den Sechzigern leben, oder? In diesen irgendwie bewegten Zeiten, in denen es nicht nur tolle Musik, sondern Politiker wie Kennedy und Brandt gab und ein Schritt von Armstrong noch einen Fortschritt der Menschheit suggerieren konnte. Stattdessen können wir uns den Glanz nur aus den Augen von Mama und Papa abgucken.


Schaubühne Berlin

Vom Tanz der Paranoia

von Anne Peter

Berlin, 14. Dezember 2007. Purer Zufall, sagt die Schaubühne. Purer Zufall, dass sich sowohl Haus- und Autorregisseur Falk Richter als auch Stamm-Choreographin Constanza Macras dem Phänomen der so genannten Gated Community, der behütet eingepferchten Mittelstands-Wohnsiedlung annehmen. Purer Zufall, das suggeriert natürlich: da ist was dran, an diesem Thema.


Schaubühne Berlin

Ein Land und sein Lover

von Anne Peter

Berlin, 5. Dezember 2007. Wenn sich das Auge wenigstens ans Bühnenbild hängen könnte, während man wartet. Doch da ist alles mit einem Blick erfasst: ein hellgrün gewandetes Hotelzimmer hinter Plexiglas, ein Bett links, ein Schrank, ein Schreibtisch, ein Fernseher rechts, dazwischen zwei Stühle vor nichts sagendem Vorhangmuster. Keine Pappelbaum'sche Edelglanz-Kühle, sondern austauschbarer Aufenthaltsraum ewigreisender Workaholics, wie er fader nicht sein könnte – womit Magda Willi dem Abend sein treffendes Design verpasst.


Schaubühne Berlin

Im Minimundus der 50er Jahre

von Esther Slevogt

Berlin, 29. November 2007. Vermutlich muss man das erst mal so zur Kenntnis nehmen: dass jungen, in den 70er Jahren geborenen Dramatikerinnen und in den 80er Jahren geborenen Regisseuren kaum Konkreteres zum Deutschland der 50er Jahre einfällt als merkwürdig steife Benimm-Direktiven für Frauen aus dem Fundus früher Werbespots, die ihnen helfen sollen, trotz Unterdrückung die Kontenance zu wahren; als hysterisch-suizidale Teenager mit Sehnsucht nach dem ganz Anderen: nach Sex mit Elvis nämlich; als der grotesk-gruselige Biedermann-Humor der Edgar-Wallace-Krimis; als kriegsversehrte Männer und ein verstümmeltes Land. Und eine irgendwo tief vergrabene und nicht wirklich greifbare Katastrophe mit Millionen Ermordeten, deren Organe nun irgendwie im Design wiederkehren: als millionenfach reproduzierter Nierentisch.


Schaubühne Berlin

Am Kamin

von Wolfgang Behrens

Berlin, 6. November 2007. "Im traurigen Monat November war’s, die Tage wurden trüber …" So wie Heine einst das winterliche Deutschland bereiste, so reist Falk Richter schon seit vielen Jahren durch den Winter der menschlichen Herzen. In seinen Stücken herrscht klirrende soziale Kälte, die bis in die Stücktitel hineinkriecht: "Unter Eis" hieß 2004 sein bislang größter Erfolg.


Schaubühne Berlin

Hoch- und Höchstkunstansprüche

von Dirk Pilz

Berlin, 31. Oktober 2007. Die ersten acht Vorstellungen waren bereits vor der Premiere ausverkauft. Wegen Kurt Krömer, dem Kleinkunstpreisgewinner mit eigener ARD-Show aus Berlin-Neukölln. "Ick erzähle keine Witze, ick bin der Witz!" Das ist Kurt Krömer. Wer ihn mag, mag ihn sehr. Seit "Na, du alte Kackbratze" mögen vor allem die Berliner KK – die Schnoddrigkeit passt irgendwie in die Stadt. Zumindest nach Neukölln.


Schaubühne Berlin

Und alles so schön authentisch hier

von Anne Peter

Berlin, 2. Oktober 2007. Das ist alles ganz echt. Ehrlich jetzt. Kein Scheiß. Mit eigenen Augen. Nämlich: "Alles, was in dem Stück erzählt wird, basiert auf tatsächlichen Ereignissen. In Wirklichkeit wurden nicht alle Erfahrungen von derselben Person gemacht, aber für sich genommen ist alles wahr." Das schreibt der dänische Autor Thor Bjørn Krebs an den jungen Regisseur Benedikt Haubrich, während dieser gerade mit drei Schauspielern an der deutschen Erstaufführung von Krebs’ Stück "Tommy" probt.


Schaubühne Berlin

Wo haben die sich hinverfickt? 

von Anne Peter

Berlin, 28. April 2007. Sie sucht Augenkontakt, fixiert einzelne Gesichter. Lea Draeger hält dem Berliner Schaubühnen-Publikum als Ältere Schwester eine Eintrittskarte zur Steinigung ihrer jüngeren Schwester Mary hin: das vermutlich ausverkaufte Spektakel "Stoning Mary".


Schaubühne Berlin

Rotkäppchen lebt hier nicht mehr

von Esther Slevogt 

Berlin, 28. März 2007. Es ist im Grunde die alte Geschichte: drei junge Leute suchen das Glück und finden es nicht. Stattdessen geraten sie auf die schiefe Bahn, in eine Gewaltspirale mit tödlichem Ausgang. Als es noch Märchen gab, hätte das Abkommen vom Weg vielleicht ein gutes Ende genommen.


Schaubühne Berlin

An den Rändern der Vernunft

von Dirk Pilz

Berlin, 20. Februar 2007. Ein großer runder Edelholztisch, versehen mit Mikrofonen, platziert auf einem lila ausgepolsterten Podest. Das ist der Ort des Geschehens. Er hat symbolischen Charakter: der Tisch als Hort eines rationalen Diskurses.


Schaubühne Berlin
zurück zur Übersicht