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archiv » Wuppertaler Bühnen (21)
Wuppertaler Bühnen

Höllentrip ins Ich

von Dorothea Marcus

Wuppertal, 19. Dezember 2016. Kurz vor der wie jedes Jahr hektisch erwarteten Geburt Christi in die Hölle abzusteigen, das zeugt von einem von religiöser Sentimentalität ungerührtem Gestaltungswillen. Oder ist es ironisch gemeint? Allerdings verläuft der Weg ins Inferno am Theater Wuppertal auf- und nicht abwärts. Denn ausgerechnet Susanne Abbrederis, jene Intendantin, die im Oktober vorzeitig ihren Vertrag löste, weil ein Gutachten mehr Vorstellungen, vor allem im Opernhaus, bei gleichbleibender Ensemblestärke und eingefrorenem Etat anmahnte, hat kurz vor ihrem Abtritt in Wuppertal eine neue Spielstätte entdeckt: die Saaldecke in der Kuppel des ehrwürdigen, denkmalgeschützten Jugendstilbaus von 1905.


Wuppertaler Bühnen

Schau und Spiel

von Sascha Westphal

Wuppertal. 9. April 2016. Beinahe zwei Jahre ist es her, dass Christian von Treskows Inszenierung von William Shakespeares stürmischer Komödie Viel Lärmen um Nichts im Wuppertaler Opernhaus Premiere hatte. Es war ein Abend des Abschieds. Die letzte große Produktion der kurzen und auch ziemlich stürmischen Ära von Treskows sollte zugleich auch noch die letzte Schauspielinszenierung sein, die an diesem traditionsreichen Ort, der Bühne des Opernhauses, stattfand. Für das zur Saison 2014/15 noch einmal empfindlich verkleinerte Ensemble und seine Schauspieldirektorin Susanne Abbrederis sollte fortan das kleine, recht versteckt liegende Theater am Engelsgarten ausreichen.


Wuppertaler Bühnen

Eine Tanzstundenliebe

von Martin Krumbholz

Wuppertal, 11. September 2015. Die Sehnsucht nach einem "anderen" Theater, frei von den Errungenschaften der offiziellen Szene, frei von Interpretation und Dekonstruktion, frei von boshaftem, ja bösartigem Intellekt, treibt bisweilen bizarre Blüten. Da haben sich in Wuppertal ein paar offenbar Gleichgesinnte zusammengetan, Robert Sturm, ein früherer Mitarbeiter von Pina Bausch, und Tony Cragg, der renommierte, im Tal ansässige Bildhauer, haben eine Halle und Sponsoren gefunden, sich zudem der Unterstützung der Wuppertaler Bühnen versichert, um mit einem zusammengewürfelten Ensemble aus Ehemaligen und Zukünftigen einen Shakespeare auf die Bretter zu zaubern. Und, siehe da, es gibt dafür eine Menge Applaus, Ovationen geradezu.


Wuppertaler Bühnen

Viel abgelassenes Wasser

von Regine Müller

Wuppertal, 26. April 2014. Auf der Bühne des Wuppertaler Opernhauses ist ein Schwimmbad aufgebaut. Aus dem Off tönt aber nur von Ferne üblicher Schwimmbadlärm, derweil eine vollbusige Putzkraft den Wischmopp und das kurze Röckchen tanzen lässt. Eigentlich gibt es im Schwimmbad aber gar nichts mehr zu wischen. Das Wasser im auf Parkettebene hochgefahrenen Orchestergraben ist abgelassen. Und die Uhr ist auf fünf nach zwölf stehen geblieben. Das darf man leider sehr wörtlich verstehen. Denn für die Wuppertaler Bühnen ist in ihrer bisherigen Struktur die Zeit tatsächlich abgelaufen.


Wuppertaler Bühnen

Geschichte einer Auslöschung

von Sascha Westphal

Wuppertal, 21. Februar 2014. Wieder und wieder treten die Bühnenarbeiter aus den Seitengängen heraus. Ungerührt von dem Geschehen um sie herum, bauen sie Pia Maria Mackerts faszinierend gestaffelte Bühne nach und nach ab. Zunächst sind es die größeren Requisiten. Etwa der Schreibtisch, an dem der elfjährige JR Vansant (Andreas Helgi Schmid) sein Firmen- und Finanzimperium ersonnen hat, oder die Couch, auf der gerade noch der dem Alkohol verfallene Möchtegern-Schriftsteller Jack Gibbs (Markus Haase) lag. Auch der Stuhl, den Rhoda (Julia Wolff), die einmal davon träumte, Supermodel zu werden, kurz zuvor hereingebracht hat, wird sofort wieder abgeräumt.


Wuppertaler Bühnen

Die Menschen könnten auch anders

von Sascha Westphal

Wuppertal, 25. Januar 2014. Drei Texte aus drei Epochen. Der eine, Robert Walsers rätselhafter Entbildungsroman "Jakob von Gunten", stammt noch aus der Zeit vor dem ersten Großen Weltkrieg. Der andere, Ernst Tollers seelenwunde Tragödie "Der deutsche Hinkemann", aus den leidvollen Jahren nach seinem Ende. Und der dritte, Anne Leppers atemlose Szenenfolge "Oh ist das Morrissey", aus dem vergangenen Jahr. Drei Betrachtungen über das Wesen des modernen Menschen und drei Haltungen, die kaum unterschiedlicher sein könnten.


Wuppertaler Bühnen

Die Entdeckung der Stille

von Sascha Westphal

Wuppertal, 22. Juni 2013. Stille und Stillstand. Der Blick kann schweifen, von links nach rechts, von rechts nach links. Nichts lenkt ab von dem begrenzten und doch offenen rechteckigen Raum, den die Bühnen- und Kostümbildnerin Alexandra Süßmilch mittels großer, aber leerer Holzrahmen geschaffen hat. Auf der linken Seite stehen vier Stühle direkt nebeneinander, auf denen Ariel Garcia, Gregory Stauffer, Irena Tomažin und Ivan Fatjo Chaves nahezu reglos sitzen. Daneben eine kleinere Holzbox, ein Plexiglas-Cube mit Schiebewänden links und rechts, in dem der Fünfte im Bunde, Gregor Henze, Platz genommen hat. Die Blicke der fünf Performer sind mehr oder weniger starr nach vorne gerichtet, direkt auf die Zuschauer.


Wuppertaler Bühnen

Worte für die unbehausten Seelen

von Sarah Heppekausen

Wuppertal, 22. März 2013. In "Licht frei Haus" hausten die Randexistenzen noch in einer Hinterhofgemeinschaft. Jetzt sind die Figuren auch räumlich weiter an die Grenze der Großstadt geraten. Im dritten Teil seiner "lockeren Lichthaus-Trilogie" schickt Thomas Melle sie in den Speckgürtel. In der Peripherie Berlins wollen Birger und Kevin, ein "schwules (...), altersdifferentes Paar", ihr amöbenhaftes Dasein zurückgezogen und in Ruhe vor Diskriminierung leben.


Wuppertaler Bühnen

Pomp auf Pump

von Dorothea Marcus

Wuppertal, 11. Oktober 2012. Proteste zu ignorieren, braucht Zeit. Aber es ist verlässlich: Wenn ein Aufstand lästig ist, muss man ihn einfach nur aussitzen. Denn Energien können nur punktuell mobilisiert werden. In Wuppertal ist kaum vorstellbar, dass erneut, wie vor zwei Jahren, ein bundesweit beachteter Theaterkampf losbrechen wird, flankiert von Promis und solidarischen Ensembles, getragen vom Theater und Bürgern. Dabei wäre er jetzt genauso nötig. Denn was damals im Raum stand, wird heute umgesetzt. Die Spielstätte Schauspielhaus wird im nächsten Jahr geschlossen, das Ensemble halbiert, der Intendant Christian von Treskow wurde soeben nicht verlängert, angeblich, weil keine Zuschauer mehr kamen – was ja auch an den ständigen Schließungsdiskussionen liegen könnte. Ein kleines Flugblatt bekommt man am Theater-Eingang in die Hand gedrückt. Was 2010 mobilisiert wurde, wird so wohl nicht wiederholbar sein.


Wuppertaler Bühnen

"... und 5 Minuten später ist man asozial"alt

von Sarah Heppekausen

Wuppertal, 22. Juni 2012. Ihr Lichtkegel ist winzig, aber die kleine Lampe schwenkt eifrig und beharrlich im Bühnendunkel. Es hat etwas Rührendes, dieses Anfangsbild in Eike Hannemanns Inszenierung von Thomas Melles "Licht frei Haus", und zugleich etwas Bezeichnendes. Diese Lampe und ihr Licht sind mickrig, behaupten aber große Signifikanz. Vielleicht präsentieren sie die Sonne von ihrem Aufgang bis zum Untergang, vielleicht den steten Wechsel der Jahreszeiten oder "ein wenig Licht für unseren Hinterhof!", wie es Hausbewohner Moritz im Stück fordert. Aber der Lampe Schein, ihr So-tun-als-ob, ist allzu offensichtlich.


Wuppertaler Bühnen

altZurück zur grünen Wiese!

von Dorothea Marcus

Wuppertal, 16. März 2012. Wer dem Theaterbetrieb abspricht, zeitnah auf aktuelle Ereignisse zu reagieren, hat keine Ahnung. Wie sonst ist zu erklären, dass exakt zwei Tage nach dem Jahrestag von "Fukushima" an den Wuppertaler Bühnen bereits ein Stück Uraufführung hat, das die japanische Atomreaktorkatastrophe im Titel führt? "Der Blitz (Fukushima Sunrise)" wird "Dramma giocoso", sprich: "lustiges Drama oder heitere Oper" untertitelt und stammt aus der Feder eines gewissen Dramatikerneulings Fred Hundt, ein Pseudonym, dessen wahre Identität von den Wuppertaler Bühnen nicht preisgegeben wird. Das Stück ist auf den ersten Blick: eine Ansammlung von Politikerzitaten zu Ereignissen von vor einem Jahr, die heute unvorstellbar fern scheinen – und dennoch in Deutschland in atemberaubender Geschwindigkeit zum epochalen Ausstieg aus der Atomenergie führten, als sei's ein Sonntagsspaziergang. Das hört sich nicht gerade theatralisch an und liest sich äußerst mühsam, man kann sich nicht vorstellen, dass Begriffe wie "Biodiversitätsschutz" oder "Evakuierungsradius" poetische Kraft entfalten.


Wuppertaler Bühnen

altPrekariatsfantasie und Traumweltflucht

von Sarah Heppekausen

Wuppertal, 24. Februar 2012. In Wuppertal wird noch immer auf den Ratsbeschluss gewartet, der über die Zukunft des Schauspielhauses entscheidet. Die Stadt ist hoch verschuldet, die Zuschüsse für das Theater sollen um zwei Millionen Euro gekürzt werden. Das würde das Aus für diese Sparte der Wuppertaler Bühnen bedeuten. Seit über zwei Jahren harrt das Ensemble in prekärer Lage. Die großen Premieren finden im Opernhaus statt, weil der Saal im Schauspielhaus zu marode und geschlossen ist. Wuppertals Theater befindet sich im Schwebezustand.


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Solness oder Ein Puppenheim

von Klaus M. Schmidt

Wuppertal, 2. Juli 2011. Oh, diese Stimmen in meinem Kopf. Das denkt er vielleicht einmal zwischendurch. Nein, eine Handlung findet hier nicht mehr statt. Baumeister Solness (Thomas Braus) geistert, tigert durch eine weiße Gummizelle ohne Ausgang. Es ist die zentrale Kammer in einem Riesen-Puppenhaus, mit dem Ausstatterin Pia Maria Mackert die Wuppertaler Bühne gefüllt hat. In den weiteren Kammern drumherum hocken die anderen Figuren. Sie sind höchstens einmal zwanghaft mit Requisiten beschäftigt. Ansonsten sind sie in Marcus Lobbes' Inszenierung nur Stichwortgeber für Solness, der die Jugend als Konkurrenz fürchtet und am Ende an seiner Sehnsucht nach ihr zugrunde geht.


Wuppertaler Bühnen
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Liebe Gäste, begreift doch!

von Sarah Heppekausen

Wuppertal, 5. Februar 2011. Am Anfang ist die Ankunft der Fremden noch recht amüsant. Angezogen wie Safari-Touristen und bewaffnet mit Wurfzelten, Klappstühlen und Mini-Fernseher fallen die Griechen in Kolchis ein. Angesprochen werden sie auf Türkisch, beschimpft als Interessenvertreter und eingelullt mit Bauchtanz. Auch Jasons Eintreffen im Land der Barbaren spielt sich eher auf der Ebene bunter Bühnenzauber denn hoher Tragödienton ab. Auf klobigen Kothurnen wankend, veralbert der Argonautenführer die erste Liebesszene zwischen ihm und Medea mit Seifenblasen, Konfetti und Gitarrenklängen.


Wuppertaler Bühnen

Unstillbare Karrieresucht und Geistestod

von Sarah Heppekausen

Wuppertal, 18. September 2010. Beschwingt betreten Macbeth und seine Gattin den Bühnenraum und schütteln freundlich Hände der Zuschauer. Als wären wir ihre Gäste und die Publikumsbänke eine lückenlose Fortführung der dunkelgrünen Polstergarnitur ihres Wohnzimmers. Im "Kleinen Schauspielhaus" – eine Spielstätte im Foyer, denn das Wuppertaler Schauspielhaus wartet auf seine Sanierung – muss weder das Ehepaar Macbeth noch die mögliche Identifikation mit ihnen eine große Rampe überwinden.


Wuppertaler Bühnen

In der Monster-Maschinerie

von Kerstin Edinger

Remscheid, 9. April 2010. Der Alptraum beginnt mit dem Erwachen. Josef K. wird ohne Nennung von Gründen verhaftet. Zwei monsterartige Wächter erscheinen, schleichen wie Raubtiere mit weit aufgerissenen Mäulern um ihn herum. Für ihre Inszenierung von Kafkas "Prozess", die als Produktion der Wuppertaler Bühnen in Remscheid ihre Premiere feierte, haben Sybille Fabian und Bühnenbildner Herbert Neubecker, der auch für die Bühnenfassung des Romans verantwortlich ist, die komplette Szenerie in die Farben Schwarz und Weiß getaucht.


Wuppertaler Bühnen

Weder Blut noch Tränen

von Regine Müller

Wuppertal, 12. Februar 2010. Die Bühne ist ein weißer, nur ein paar Schritte tiefer Kasten, der von oben bis unten gepflastert ist mit dünn bedruckten Papierseiten. Gefledderter Dramentext? Auf der Rückwand ist quer über die Seiten mit hellrot fluoreszierenden Lettern "Leer" geschrieben. Nicht "Lear", sondern "Leer".


Wuppertaler Bühnen

Lebende Last im Gepäcknetz

von Sarah Heppekausen

Wuppertal, 2. Januar 2010. Eine Frau nutzt die Stille am Ende der Vorstellung während des kurzen Blacks: "Dafür braucht Wuppertal kein Schauspielhaus", ruft sie. Tosender Applaus ist die Antwort der anderen. Im Foyer geht die Diskussion im kleinen Kreis, aber doch hörbar, weiter. Ein engagierter Verteidiger der Inszenierung beendet sie mit: "Dann fahren Sie doch nach Düsseldorf." Wären die Fakten nicht so bitter, könnte man sich glatt freuen über soviel verlautbarte Theaterleidenschaft. Einsparungen in Höhe von zwei Millionen Euro sollen laut Haushaltssicherungskonzept verordnet werden, Nicht-Sanierung des derzeit geschlossenen Schauspielhauses und eine komplette Schließung bis 2012 drohen.


Wuppertaler Bühnen

Ort der Verrottung

von Regine Müller

Wuppertal, 6. November 2009. Dass Ersatzspielstätten und kleine Nebenbühnen reserviert sind fürs Experimentelle und Uraufführungen junger Autoren, ist man gewohnt. Dass aber eine Uraufführung von Peter Hacks, dem zeitweise meistgespielten deutschsprachigen Dramatiker nicht auf der großen Bühne, sondern im Ausweichquartier stattfindet, verwundert zunächst.


Wuppertaler Bühnen

Bloß keine Identifikation

von Sarah Heppekausen

Wuppertal, 10. Oktober 2009. "Ja, ich bin hier jetzt auch mal der Arme", beharrt Shlink trotzig, aber wohlüberlegt auf seinem Recht als Besitzloser, auf Mitleid und Unterschlupf im Hause Garga. Eben hat der Holzhändler seinen Betrieb dem Sohn George Gargas überlassen, jetzt sitzt er eingequetscht in einem Wäschekorb im Wohnzimmer und lässt sich vom verwunderten Rest der Familie streicheln.

 


Wuppertaler Bühnen

Die schönen Tage des Geschlechterkampfes sind nun zu Ende

von Regine Müller

Wuppertal, 12. Juni 2009. Die Bühne ist eine weiße Fläche, glatt und aufgeräumt. Nach einer Weile bekommt die kühle Glätte jedoch fast unmerklich feine Risse. Wie bei auseinander driftenden Eisschollen wachsen aus den Rissen rasch kantig gähnende Spalten. Ist der Klimawandel im Geschlechterverhältnis angekommen? Schmilzt endlich das Eis oder ist und war es immer schon gefährlich dünn?

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