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archiv » Theater Heilbronn (12)
Theater Heilbronn

Die Fremde hinter dem Vorhang

von Steffen Becker

Heilbronn, 19. März 2017. "Türkische Männer machen sich keine Gedanken über die Gefühle von Frauen" – ein Satz, der im Publikum des Theaters Heilbronn breites Gelächter auslöst. So hat man es ungefähr schon immer geahnt, und wenn's denn wie hier sogar eine türkische Figur sagt... Aber Sinan Ünels Stück "Pera Palas" hat eine ganze Menge mehr zu bieten als Klippklapp-Wahrheiten aus dem Klischee-Magazin.


Theater Heilbronn

Im multimedialen Bienenstock

von Elisabeth Maier

Heilbronn, 3. Juni 2016. In ihren dunklen Fantasien wünscht sich die Schülerin Ida, den Vater mit Honig einzuschmieren und bewusstlos unter einen Bienenstock zu legen. Für den Allergiker würde das den sicheren Tod bedeuten. "Voll schlimm" ist ihr einziger Kommentar. Das Computersystem "Iris" zeichnet die Rebellion des Mädchens mit dem Pickelgesicht auf. Keine geheime Fantasie entgeht dieser Spionage-Software, der drei Teenager in Tim Staffels Jugendstück "Im Netz" ausgeliefert sind.


Theater Heilbronn

Vom Wohlstand kalt gemacht

von Elisabeth Maier

Heilbronn, 25. April 2015. Die Zuschauer spiegeln sich in einer großen, schräg über der Bühne hängenden Wand. Sie sind im Licht ausgestellt wie die Figuren in Dea Lohers "Unschuld" – eine traurige Groteske in 19 Szenen, eine Verdichtung der Schicksale von Menschen, die sich schuldig machen. In Heilbronn lässt Esther Hattenbachs klug komponierte Regiearbeit die Schauspieler immer wieder in den Zuschauerraum ausbrechen und den Blickwinkel verschieben. Hattenbach spitzt Dea Lohers gesellschaftskritischen Seiltanz zwischen Leben und Tod auf eine starke Bildersprache zu, geht dabei aber nicht immer so konsequent in die Tiefe, wie es die existenziellen Fragen, die die Autorin aufwirft, erfordern.


Theater Heilbronn

Wirtschaftsnachrichtenporno

von Steffen Becker

Heilbronn, 25. Januar 2014. Ich bin 33 Jahre alt. Seit einem halben Jahrzehnt liegt mir meine Mutter in den Ohren, dass ich mich um meine Altersvorsorge kümmern soll – nicht so schlimm-peinlich wie in der Sparkassen-Werbung, aber nahe genug dran, um ab und an halbherzig zu recherchieren, welche Möglichkeiten es gibt. Ergebnis: Es gibt kein Angebot, in das ich investieren will – alles wirkt zu kompliziert, zu intransparent, macht zu viel schlechtes Gefühl, dass nur die Bank/die Versicherung gewinnt.

Einen möglichen Grund für solches Unbehagen gibt auch der Stoff, der jetzt am Theater Heilbronn inszeniert wird. "Enron" von Lucy Prebble beschreibt den finanztechnisch spektakulären Aufstieg und Fall des US-Energie-Riesen Enron, einen "Wirtschaftsbetrug, der das Ende des 20. Jahrhunderts markierte und einen Schatten auf das 21. warf", wie es ein Anwalt im Prolog formuliert.


Theater Heilbronn

Vineta darf nicht untergehen

von Dennis Baranski

Heilbronn, 28. Februar 2013. Schicksale gibt's, so aufregend und schillernd, wie sie höchstens kühne Phantasie, ganz sicher aber nicht das Leben schreibt, und andere, so spröde und alltäglich, dass schlicht niemand davon hören will. In ihrer zweiten Auftragsarbeit für das Theater Heilbronn bedient Autorin Anna Katharina Hahn beide Extreme: Ihre "Schatzsucher" formieren sich aus klassischen Vertretern letzterer Kategorie, den in finanzielle Nöte geratenen Reihenhausabstotterern Elli und Tom, und einem namenlosen Biographienerfinder mit Hang zur Übertreibung. In den Kammerspielen trug Intendant Axel Vornam persönlich für die Uraufführung der "komischen Tragödie" Sorge.


Theater Heilbronn
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Finger in Europas Wunden

von Katja Schlonski

Heilbronn, 23. April 2011. Die Wutbürger tragen rote Mützen und wollen die Aristokraten an die Laternen hängen: "Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit", diese Ideale der Französischen Revolution gelten als Gründungsmythen unserer neuzeitlichen Demokratie. Noch hat sie keiner ernsthaft in Frage gestellt. Doch das Wesen des Theaters ist es, Fragen zu stellen und das Glück des Theaters ist es, Fragen nicht immer beantworten zu müssen.


Theater Heilbronn

Das Glück ist die härteste Droge

von Harald Raab

Heilbronn, 11. November 2010. Es ist eine alte Geschichte - und doch ist sie immer wieder neu. Tragödie und Komödie in einem: Wie wird man erwachsen und sagt den Helden und damit den Allmachtsphantasien seiner Jugend ade? Werther, Karl Moor und Winnetou, Superman und Batman. Sie alle müssen sterben, damit ein selbständiges Individuum seinen Platz in der Gesellschaft finden kann. Und wehe, wenn das nicht gelingt.


Theater Heilbronn

Heimkehr und Flucht des Käthchen von Heilbronn

von Katja Schlonski

Heilbronn, 15. Juli 2010. Man hat ihm die Haare in festen Zöpfen gebändigt und es in ein blau-weißes Kleid gesperrt. In seiner Heimat, in der kleinen schwäbischen Großstadt Heilbronn ist das Käthchen eine echte Marke! Bei allerlei folkloristischen Anlässen tritt es gleich mit zwei Stellvertreterinnen auf, und manchmal gar als kompletter Hochzeitszug! In den Konditoreien finden sich seine Zöpfe aus Schokolade gegossen. Und der Kulturbürgermeister wird nicht müde zu erwähnen, dass "uns das Kleist'sche Geschöpf unauslöschlich den Platz in der Literaturgeschichte gesichert hat".


Theater Heilbronn

Und die Welt schaut tatsächlich zu

von Katja Schlonski

Heilbronn, 9. Januar 2010. Wer Flüchtling ist, der ist erwachsen. Zwangsläufig. Die 15jährige Arigona Zogaj hat ihre Kindheit schon mit fünf Jahren eingebüßt. Seither lebt sie in Österreich, und zum 14. Geburtstag erhielt sie den Abschiebungsbescheid: Vater und Geschwister wurden in einer Nacht- und Nebelaktion in den Kosovo gebracht. Arigona und ihre psychisch kranke Mutter waren nicht zuhause und entgingen so diesem Schicksal.


Theater Heilbronn

Einer von uns Golfspielern, Fettabsaugern und Cabriofahrern

von Tomo Mirko Pavlovic

Heilbronn, 11. Juli 2009. Wer hätte gedacht, dass eine Midlife-Crisis in Heilbronn so heftig verlaufen kann. Am Anfang hört man plötzlich eine Kuckucksuhr piepen, tumbe Schreie erklingen, der Verkehr lärmt gnadenlos im Ohr, auf dass einem der Intellektuellenschädel platzen möchte. Man spürt die Geheimratsecken unter den panisch tastenden Händen pulsieren, sieht alles Grau in Schwarz, das winzige Leben, den unendlichen Makrokosmos gar.


Theater Heilbronn

Trauer auf der langen Bank

von Otto Paul Burkhardt

Heilbronn, 13. Juni 2009. Eine riesige, ehrwürdige, aber auch abweisende und übermächtige Wand, voll mit Akten und drapiert mit respektheischenden Gipsköpfen. Gerichts-Atmosphäre. Himmelhoch ist diese Wand, die Menschen sehen klein vor ihr aus. Ja, so könnte leicht verfremdet die stumme, abwesende Staatsmacht aussehen, von der sich Dr. Richard Zurek, Vater des zu Tode gekommenen Terroristen Oliver Zurek, eine vernünftige Aufklärung des Falls erhofft – wie eine Klagemauer, aber mehr noch wie eine Mauer des Schweigens.


Theater Heilbronn

Gaben für die Schwaben

von Arnim Bauer

Heilbronn, Dezember 2008. In der schwäbischen Kreisstadt Heilbronn, etwa 50 Kilometer nördlich von Stuttgart, passieren Dinge, die einem vorkommen wie ein Weihnachtsmärchen. Aber was am dortigen Stadttheater passiert, ist Realität: Dieses Theater erwacht aus einem jahrelangen Koma. Der Therapeut, der diese Wiedergeburt in die Wege geleitet hat, heißt Axel Vornam und ist seit dieser Spielzeit der neue Intendant des Theaters mit einem Großen Haus (702 Plätze), dem 2002 eingeweihten Logentheater Komödienhaus (300 Plätze) und den Kammerspielen (120 Plätze).


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