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archiv » Theater Rampe Stuttgart (15)
Theater Rampe Stuttgart

Schlüssel zum Glück

Von Steffen Becker

Stuttgart, 12. Juli 2017. Schluck! Schluck! Schneller! Komm ja nicht auf die Idee, dass ich was Positives schreibe, wenn du nicht... Na also, geht doch. Tanja Krone schlägt ihren Konkurrenten beim Melonen-Wettessen im "European House Of Gambling" des Stuttgarter Theater Rampe. Mit ihr, der Initiatorin dieses "Casinos für alle", habe ich aufs richtige Pferd gesetzt. Wette gewonnen, Einsatz verdoppelt, Adrenalin halbiert – zurück zur nüchternen Beschreibung: Auf dem Stuttgarter Marienplatz hat ein Bretterbudenzauber aufgemacht. Nach Abgabe einiger persönlicher Daten betritt man das Casino, mit einem Schwung Schlüssel als Startkapital – Briefkasten-, Haustür- oder Autoschlüssel als Eintrittskarte und Währung für eine utopische (Spiel-)Welt.


Theater Rampe Stuttgart

Tanz den IBM

von Steffen Becker

Stuttgart, 24. März 2017. Ein Brief von Star-Architekt Egon Eiermann: Er stichelt gegen das Ansinnen der IBM-Oberen, seinem Gebäude Vorhänge zu verpassen. Die Geschäftsleitung wolle wohl vermeiden, beim In-der-Nase-Popeln oder beim Zeitunglesen gesehen zu werden. Vorhänge vermitteln eine wohnliche Atmosphäre, die Eiermann für ein Bürogebäude unpassend findet. Er empfehle daher Rollos. Ob die Direktoren von IBM bei der Einrichtung ihrer Deutschland-Zentrale diesem Ratschlag von Eiermann gefolgt sind, ist heute nicht mehr ersichtlich.


Theater Rampe Stuttgart

Zerfallende, wirre Welt

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 12. März 2016. Als regieführender Mensch hat man's heute nicht immer leicht: Die Autor*innen schieben einem gerne einen Haufen zunächst mal theaterfernes Prosamaterial zu, und dann muss man halt schauen, was daraus erwachsen kann. Marie Bues, Intendantin des Stuttgarter Theaters Rampe, ist das gewohnt: gemeinsam mit der Dramaturgin Martina Grohmann Material erst einmal zu bändigen und zu strukturieren. Die Rampe spielt ausschließlich Zeitaktuelles, ob als Autorentheater oder Performance. Weswegen sich ihr Publikum radikal verjüngt hat.


Theater Rampe Stuttgart

Wider die Schubladen im Kopf

von Steffen Becker

Stuttgart, 3. Juli 2015. "Was machen die Hells Angels auf dem Marienplatz", fragt die BILD-Zeitung. Auch die Polizei schaute beim Happening des Theaters Rampe vorbei, als sich sieben Mitglieder der Rockerbande für eine Stunde auf einem Podest in der Stuttgarter City lümmelten. Ergebnislos. Die verbotenen Abzeichen der Gruppe trägt ihr Boss Lutz Schelhorn dafür auf der Bühne des Theaters. Dort steigt die Show "Display!" als Finale einer Doppelpass-Kooperation zwischen der Rampe und dem Künstlerkollektiv Monster Truck. Unter dem Motto "Sortiert euch!" waren Menschen eingeladen gewesen, sich auf einer Theatertribüne auf der Straße unter einem Label zusammenzufinden.


Theater Rampe Stuttgart

Die Welt wird schwarz

von Steffen Becker

Stuttgart, 12. Dezember 2014. "I have a dream, Malcolm X, Patrice Lumumba: was kann ich sagen: I have a guilt - als weißer, heterosexueller deutscher Mann, der als solcher nie um seine Identität kämpfen musste?" Antworten auf seine Frage nach der Schuld gibt der Schauspieler Lorenz Leky in der theatralen Fallstudie KoNGOland - als Brunnenbauer, Expat, NGO-Mitarbeiter, Entsendeorganisation, Aussteiger und Kulturbotschafterm, alles in einer Person.


Theater Rampe Stuttgart

Fressen, Ficken, Schlafen

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 8. Oktober 2014. Hermi gebärt Sprache. Hermi tanzt und rappt. Hermi heult. Hermi wird beguckt. "Zwischen den Beinen" ist "es" halt anders. Es ist ja ein Hermaphrodit. Vereint beide Geschlechter, Frau und Mann. Hermi wird am Ende des Abends von der haarigen Amazone zu "das Gott" erhoben. Beginn eines neuen Zeitalters. Verordnete Geschlechtsneutralität als Antwort auf die Jahrtausende währende brutale sexuelle Unterdrückung der Frauen. Mehr ist nicht drin. Katja Brunners neuester Theatertext, "Die Hölle ist auch nur eine Sauna", jetzt uraufgeführt am Stuttgarter Theater Rampe, ist wütend, wild, wirr und wortgewaltig.


Theater Rampe Stuttgart

Im Widerstands-Planschbecken

von Elisabeth Maier

Stuttgart, 7. Juni 2014. Vagabunden hatten in der englischen Gesellschaft des 15. Jahrhunderts einen schweren Stand: Man brannte ihnen ein V auf die Stirn. Mit diesem drastischen Bild beginnt der Vortrag von John Jordan, Künstler und Kommunarde, den die britische Polizei einen "heimischen Extremisten" schilt. Via Skype ist der Kunstaktivist und kreative Kopf der Rebel Clown Army, der mit Aktionen wie einer rebellischen Floß-Regatta gegen die Schließung eines Kohlekraftwerks von sich reden machte, in die Herberge des Stuttgarter Theaters Rampe zugeschaltet. Drei Wochen arbeiten dort Performance-Künstler und Theoretiker aus aller Welt zusammen. Sie bewegen sich in den Spuren von Gregor Gog, der an Pfingsten 1929 500 Landstreicher, mittellose Künstler und Obdachlosen auf dem Stuttgarter Killesberg um sich versammelte. Kurz vor der Weltwirtschaftskrise erkundeten diese Heimatlosen, die sich selbst "Kunden" nannten, neue Lebensformen.


Theater Rampe Stuttgart

Und überall nur Scheinheiligkeit

von Kathrin Kipp

Stuttgart, 8. Mai 2014. Zwangsarbeit, Theaterlandschaft, Ausbeutung, Total-Ökonomisierung, Autorsein, Automobilindustrie, Bertolt Brecht, Ferdinand Porsche, lahme Phrasen, miese Ausreden, allgemeine Scheinheiligkeit: Der Shitstorm von Schlechte-Laune-Missionar und Nestbeschmutzer Oliver Kluck ist ein Rundumschlag gegen alles. Und zwar von allen gegen alle, denn auch der Sprecher der Weltanklage lässt sich nicht genau identifizieren.


Theater Rampe Stuttgart

Ich stress' dich, du Zuschauer!

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 20. März 2014. Ich hasse Kopfhörer. Sie sind lästig. Die Kabel verheddern sich gerne nicht nur mit dem Gerät, an das sie angeschlossen sind. So auch im Stuttgarter Theater Rampe, wo man sich jetzt vor Betreten des Zuschauerraums eine Audio-Funk-Garnitur abholen und umhängen und als Pfand auch noch seinen Pass abgeben muss.


Theater Rampe Stuttgart

Theatraler Selbsterfahrungstrip

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 30. Januar 2014. Er folterte, er mordete. Und wenn er über seine "Arbeit" sprach, lachte er sich scheckig: Siegfried Müller, genannt Kongo-Müller. Deutscher Söldner in Afrika, weil die Bundeswehr den kriegsversehrten, ehemaligen Wehrmachtssoldaten nicht wollte. Mitte der 1960er Jahren an der Niederschlagung des Simba-Aufstands im Kongo beteiligt. Weltberühmt als grausame und tumbe Hauptperson von Kriegsreportagen. Ließ sich gerne im Kampfanzug samt Eisernem Kreuz interviewen. Parlierte etwa im DEFA-Doku-Film "Der lachende Mann" betrunken: "Ich gehe nicht nur ins Goethe-Institut, ich kille auch Neger."


Theater Rampe Stuttgart

Wie Afrika wirklich ist

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 16. April 2013. "Kein Mitleid, sondern Arbeit", hat sich der umtriebige österreichische Regisseur Stephan Bruckmeier auf seine Fahne geschrieben, als er 2009 in Kenias Hauptstadt Nairobi mit Jugendlichen aus den Slumvierteln das Hope Theatre gründete. Im letzten Jahr kam die Truppe mit der Produktion "The dream of getting a job" erstmals auf Tournee nach Deutschland: Darin ging's um die Problematik der hohen Jugendarbeitslosigkeit in den Armenviertel Nairobis. Jetzt hatte das zweite Projekt am Stuttgarter Theater Rampe Premiere.


Theater Rampe Stuttgart

Raskolnikow hat vier Bewährungshelfer

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 13. Juli 2010. Beim Verlassen des Stuttgarter Theaters Rampe pfiff man an diesem Abend ausgerechnet Bachs gefühliges "Erbarme dich, mein Gott" aus der Matthäus-Passion vor sich hin. Aber nicht in schwermütiger Stimmung, die die Thematik des Theaterabends eigentlich in einem hätte hinterlassen müssen, sondern eher in fröhlicher. Grund dafür war wohl die Leichtigkeit, mit der sich das freie Theaterlabel TART-Produktion auf der Bühne seines Kooperationspartners Theater Rampe an den schwergewichtigen Roman "Verbrechen und Strafe" (früher besser bekannt als "Schuld und Sühne") von Fjodor Dostojewski herangewagt hatte.


Theater Rampe Stuttgart

Lied von der sinnlosen Qual der Multioptionalität

von Christina Kirsch

Stuttgart, 18. Juni 2010. Stellen Sie sich vor, Sie fahren zur Arbeit. Und da sehen Sie mitten im Berufsverkehr eine Frau auf einem Brückengeländer stehen. Steht da und ... Ja was eigentlich? Gerd rennt hin und spricht die Frau an. "Alles in Ordnung?" Nichts ist in Ordnung in dem neuen Stück "Alles in Ordnung" von Andreas Sauter und Bernhard Studlar, das im Theater Rampe in Stuttgart uraufgeführt wurde.


Theater Rampe Stuttgart

Der zynische Kreislauf des Lebens und Sterbens

von Arnim Bauer

Stuttgart, 2. April 2010 . Das Stuttgarter Theater Rampe gilt als Spezialist für neue deutschsprachige Dramatik und so ist es kein Wunder, dass die kleine, aber schlagkräftige Crew um Intendantin Eva Hosemann immer wieder mit sehr viel Mut sich auch an risikobehaftete Experimente wagt. Auch "Friss und stirb" von Christina Rast und André Becker gehört eindeutig in diese Kategorie.

Denn die Thematik ist zwar topaktuell, aber nicht ganz neu. Es geht darum, dass die Nahrungsmittel für die Menschheit ebenso knapp werden wie das Wasser, und immer mehr in die Hände von Großkonzernen geraten, die diesen Mangel aus Profitgier gnadenlos ausschlachten. So weit, so gut. Wie aber kann man dieser Thematik auf dem Theater noch neue Aspekte abgewinnen, auch in ästhetischer Hinsicht? Christina Rast, die auch die Regie übernommen hat und ihre Schwester Franziska, die für die Ausstattung zuständig ist, haben sich einiges einfallen lassen, damit der Abend tatsächlich ungewohnte Perspektiven zeigt.

Es war einmal in einer überbevölkerten Stadt

Sie siedeln das Geschehen in der fiktiven Stadt Soylent City an, deren Name auf einen berühmten amerikanischen Science-Fiction-Film von 1973 anspielt. Dort sind die Verhältnisse klar geregelt, wie der Zuschauer schon beim Betreten des Raumes feststellen kann: Drei

größere und ein kleineres Podest in den Ecken und an der Seite des Raumes. Dazwischen Bürodrehstühle, auf denen die Zuschauer Platz nehmen dürfen und so bequem das Geschehen verfolgen können, egal, wo es gerade spielt.

Damit jeder weiß, was Sache ist, markieren Schilder die territorialen Claims: "Die Firma" steht auf dem größten Podest, wo Platz und bequemste Sessel und vier Monitore gleich klarstellen, dass hier sich das Zentrum der Macht befindet. Das zweite Podest, mit einer Couch bestückt, auf dem auch zwei Zuschauerinnen Platz nehmen durften, ist laut Hinweis das "Luxusappartement" für die Oberschicht der Bevölkerung von Soylent City. Ein weiteres Schild kennzeichnet den Rest des Raumes, wo auch die Zuschauer sitzen, als "Masse". Firma, Oberschicht und Masse haben dabei jeweils einen lautstarken Vertreter.

Soylent Grün ist Menschenfleisch!

So erfährt das Publikum bald um die Verhältnisse in Soylent City. "Die Firma" stellt eine Art Kekse her, deren grüne Version besonders beliebt ist, und verteilt sie als die einzige Nahrung, die es für die Masse überhaupt noch gibt. Allmählich wird jedoch klar, dass diese Kekse, makaber, makaber, aus Menschen hergestellt werden, die mehr oder minder freiwillig auf dem dritten Podest in eine Maschine steigen, die wie eine Sonnenbank aussieht, um dort weiter verarbeitet zu werden.

Es geht auch ums Wasser, und je nach Status im Kastensystem von Soylent City fallen die Statements der drei Sprecher natürlich recht unterschiedlich aus. Der Chef der Firma lobt die Effizienz und die Wohltäterschaft seines Konzerns in dieser Hinsicht, die Oberschicht gibt sich blasiert zurückgezogen, während die Masse Revolution fordert, um die Verhältnisse zu ändern.

Macht, Besitz, Überlebenskampf – auf der Bühne heißt das, Theaterherz was willst Du mehr, natürlich Remmi-Demmi. Fast übertreibt Christina Rast das wilde Treiben, manchmal fürchtet man, dass ihr Wollen zu viel ist und das zügig dahin eilende Theatergefährt aus der Kurve getragen wird. Aber sie hält letztlich, trotz des einen oder anderen Schleuderns, doch den Kurs.

Eine Veränderung findet nicht statt

Am Ende verschärft sie noch einmal den Ton, indem sie zeigt, dass der Revolutionär, kaum ins Luxusappartement aufgerückt, gleich ganz anders redet als vorher, der ehemalige Chef, nun in die Masse abgestiegen, gleich wieder nach Profit zu streben beginnt, und auch die Luxusklasse plötzlich anders spricht, kaum dass sie die Firma übernimmt

Die Floskeln, mit denen jeder sein Tun unterlegt, klingen stark nach denen heutiger Politiker und Wirtschaftsführer, die Wendehalsmentalität kommt einem ebenfalls sehr bekannt vor. So gelingt es den Machern und ihrem Stück, gleich mehrere Themen in einem unaufdringlichen, weil vordergründig ziemlich fiktiven und grellen Spiel mit sehr viel Tiefgang zu bearbeiten.

Dass dies auch noch recht überzeugend geschieht, ist auch den drei Darstellern Johanna Niedermüller, Alexander Merbeth und Volker Muthmann zu danken.


Friss und stirb (UA)
nach einer Idee von Christina Rast und André Becker
in einer Spielfassung des Ensembles
Regie: Christina Rast Bühne und Kostüme: Franziska Rast, Dramaturgie: André Becker.
Mit: Johanna Niedermüller, Alexander Merbeth und Volker Muthmann.

www.theaterrampe.de

 

Kritikenrundschau

In der Stuttgarter Zeitung (6.4.2010) schreibt Adrienne Braun: Die Uraufführung "Friss und Stirb" sei eine theatrale Neuauflage des Sci-Fi Klassikers "Soylent Green" von 1973. Ein "Zukunftsszenario" könne man den Plot nicht mehr nennen. Sowohl das Jahr 2022 wie die Themen "Kommerzialisierung der Wasserrechte, Kontrolle des Saatgutes und Ernährungskartelle" seien "verdächtig nah gerückt". Christina Rast habe "eine Art interaktives Theaterstück" inszeniert. Das Publikum sitzt auf Drehstühlen "als Masse ohne Macht", ausgeliefert "den Machenschaften der Industrie". Im "Luxusapartment mit Ausblick auf den letzten Rest Natur" residiere Johanna Niedermüller. Die "Firma" wird vom "Phrasendrescher" Alexander Merbeth geführt. Der "einsame Kämpfer" Volker Muthmann rufe zur Revolution auf. "Scharf" würden die drei Positionen "gegeneinander geschnitten". Ergebnis sei ein "unkonventionelles Szenario voller Querverweise und Anspielungen". Der Kampf werde "linear" erzählt, "aber durch den Einsatz unterschiedlicher Medien mehrdeutig". Die Aufführung sei als "theatrales Experiment kurzweilig und inspirierend" - und in ihrer Thematik "beunruhigend".

In den Stuttgarter Nachrichten (6.4.2010) schreibt Horst Lohr: Dass die Zuschauern auf Drehsesseln auf der Bühne sitzend sich nur um sich selbst drehen können, empfinde er als "starkes visuelles Zeichen", wie wir uns "als Betroffene der drohenden Umweltkatastrophe" (...) "nach wie vor im Kreislauf des Verdrängens bewegen". Den "Überlebenskampf" der Einwohner von Soylant City beobachte Regisseurin Christina Rast mit "sarkastischem Blick". Zwar wirke "manche Szene zu kurzatmig" und von "missionarischem Eifer überfrachtet", doch "insgesamt" überzeuge die Aufführung durch die "Präsenz der drei Schauspieler" und mit "eindringlichen Bildern einer von Zynismus gezeichneten Gesellschaft".

 


Theater Rampe Stuttgart

Abschiedsessay an den Vater

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 7. Juli 2009. "Alle seid ihr Löschblätter. Löschblätter. Lösch-blät-ter. Saugt. Saugt. Saugt. Alle." Snezhina Petrova artikuliert "Löschblätter" so, als handele es sich dabei um ein widerliches Insekt. Das Publikum zuckt zurück: Die Protagonistin quetscht mit diesen Worten ihre lang unterdrückten Hassgefühle, ihre Verletztheit, ihre ganze Lebensenttäuschung aus sich heraus.


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