zurück zur Übersicht

archiv » Thalia Theater Hamburg (144)
Thalia Theater Hamburg

Arbeit für'n Arsch

von Christian Rakow

Hamburg, 27. Mai 2017. Wozu eigentlich dieses verdruckste Reden von "unterprivilegierten Schichten" oder "den sozial schlechter Gestellten"?  Dank Kornél Mundruczó wissen wir wieder, wie es am unteren Ende der Wohlstandsskala wirklich ausschaut: Lumpen sind's, Pauper! Typen in Baseball-Jacken lungern umher und stammeln sich eins, dass man froh ist, dass ihre wortähnlichen Rülpser geflissentlich übertitelt werden.


Thalia Theater Hamburg

Eine Fest für zwei

von Stefan Schmidt

Hamburg, 20. Mai 2017. Der Sarg des Odysseus ist von Beginn an leer. Zumindest fast. Irgendwann im Laufe dieses Premierenabends im Hamburger Thalia an der Gaußstraße werden sie den Deckel anheben, und ein weißer Luftballon wird aus der schwarz lackierten Pressholzkiste aufsteigen. Falls das die Seele des berühmten mythischen Kriegers sein sollte, überlebt sie die Befreiung aus dem Totenreich nicht lang. Einer der Söhne des Odysseus schießt den Ballon kurzerhand mit einer Pistole ab. Übrig bleibt eine Botschaft in einem Kuvert: ein übergroßer Penis auf einem DIN-A-4-Zettel. Zeit für den Schwanz-Vergleich!


Thalia Theater Hamburg

Angst sells

von Stefan Schmidt

Hamburg, 22. April 2017. Erschreckende Dinge erfahren wir an diesem Abend im Hamburger Thalia Gaußstraße: Wenn etwa der Boden der Studiobühne nachgeben würde, könnte am Ende das gesamte Ensemble samt Publikum sechs Meter hinab in die Tiefe stürzen. Denkbar ist das. Ein Statiker hat die Nebenspielstätte jedenfalls angeblich schon lange nicht mehr durchgeprüft. Alternativ könnten wir von einem Scheinwerfer erschlagen werden. Oder eine Möwe könnte hereinfliegen und jemandem ein Auge aushacken. Es gibt schließlich Möwen in Hamburg.


Thalia Theater Hamburg

Wir sind die Fäden im Teppich

von Katrin Ullmann

Hamburg, 8. April 2017. Sie hält inne und steht einfach nur da. Traurig. Die Schultern hängend. Die Haare zu langen Zöpfen geflochten, die Augen voller Lebenswissen, die Stimme voll ruhiger Verzweiflung: "Ich habe nichts halten können, alles ist mir entglitten, wie durch ein Sieb mit zu großen Löchern, verschwunden." Die fast 100-jährige Stasia spricht diese Worte, als sie von Miqa erfährt. Als sie erfährt, dass er im Koma liegt. Nachdem er verhaftet worden war. Verhaftet, weil er einen Film gedreht hatte. Einen über seine Großmutter Sopio, eine Dichterin, die einst in Dissidentenkreisen verkehrte.


Thalia Theater Hamburg

Träumen unterm Lebensbaum

von Michael Laages

Hamburg, 18. März 2017. Shakespeare hin, Molière her – kaum jemals sonst taucht das Theater derart tief ins vorvorvorgestern ein wie gerade mit diesem klassischen Stoff: mit der träumerischen Märchenfabel um "Cyrano de Bergerac", den Edmond de Rostand 1897 dem tatsächlichen französischen Landedelmann aus dem 17. Jahrhundert nachempfand und als sehr speziellen Sonderling auf die Theaterbühne schickte. Dieser Cyrano nämlich ist ein ziemlich zerrissenes Wesen – einer körperlichen Besonderheit wegen (die Nase ist übermäßig groß) bleibt sein Werben um die schöne Cousine Roxane unerhört; die einen jüngeren und exzeptionell dümmeren Mann erhören will. Dieser Christian hat zwar einen schönen Körper, kann dafür aber weder gut reden noch gar gut schreiben. So leiht der Titelheld diesem perfekten Körper den eigenen perfekten Geist – und weil das natürlich praktisch sehr komisch ist, muss es tragisch enden. Die Wahrheit, unabweisbar spätestens im Tode, macht alle zu Betrügern und Betrogenen zugleich.


Thalia Theater Hamburg

Draußen tobt die Hölle

von Falk Schreiber

Hamburg, 24. Februar 2017. "Du musst anständig werden!" Kufait kommt aus dem Gefängnis, er hatte Geld unterschlagen, ein Fehltritt. Aber noch einmal auf die schiefe Bahn will er nicht geraten. Besonders hoch sind seine Ansprüche an die Zukunft auch nicht. "Man hat sein Zimmer, sitzt warm durch den Winter, vielleicht mal Kino", das muss doch machbar sein. Hauptsache aber: anständig werden.


Thalia Theater Hamburg

Gefühlschoräle mit Gewusel

von Katrin Ullmann

Hamburg, 27. Januar 2017. "Nehmt's mich mit!" ruft sie am Ende. Der Krieg geht schließlich weiter und damit auch das Geschäft. Kreuz und quer durch Europa hat Mutter Courage ihren Karren gezogen – allzeit bereit für einen Handel. Auch nach fast 20 Jahren ist sie's noch, als sie ihre drei Kinder an den Krieg verloren hat und auch ihre Hoffnung. Doch dass die Protagonistin am Ende nicht zur Einsicht kommt, nichts "lernt aus ihrem Elend", gerade das sei "die bitterste und verhängnisvollste Lehre des Stücks", bemerkt Bertolt Brecht in seinen Notaten.


Thalia Theater Hamburg

Wir sind hässlich

von Stefan Schmidt

Hamburg, 18. Dezember 2016. Die ganze Menschheitsgeschichte in anderthalb Stunden – da muss man schon etwas raffen. Angesichts dieses Mammutunterfangens lässt sich Regisseur Ersan Mondtag in seiner Hamburger Uraufführungsinszenierung von Michel Decars "Schere Faust Papier" zu Beginn erstaunlich viel Zeit. Minuten, in denen es schummerig düster und wabernd neblig zugeht im Thalia Gaußstraße. Sphärische Gesänge sind zu hören, ein Klangteppich, aus dem heraus dann Barack Obamas Stimme "Yes, we can" ruft.


Thalia Theater Hamburg

Wir Kinder vom Bahnhof Zero

Von Falk Schreiber

Hamburg, 27. November 2016. "Schön habt ihr es hier", nickt die reiche Tante anerkennend. "Ganz nach meinem Geschmack!" Was eine ziemliche Gemeinheit ist, weil Karin Neuhäuser die Tante als jemanden darstellt, auf deren Geschmack man nicht wirklich viel geben sollte: als herrische Schabracke auf atemberaubenden Absätzen, mit Schwarzfuchs um den Hals und der Fähigkeit, die gesamte Belegschaft innerhalb von Sekunden nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen.


Thalia Theater Hamburg

Wann kommt die Flut?

von Stefan Schmidt

Hamburg, 25. November 2016. Es gibt Schlimmeres, als Barbara Nüsse beim unheilvollen Sterben zuzusehen. Zumindest wenn klar ist, dass das alles nur gespielt ist. Muss die arme Frau aber deshalb in diesem "Schimmelreiter" am Hamburger Thalia Theater gleich sieben (!) Mal das Zeitliche segnen? Wohl kaum.


Thalia Theater Hamburg

Fiesling auf der Trommel

von Stefan Schmidt

Hamburg, 29. Oktober 2016. Der Hamburg Dungeon, eine Mischung aus kompaktem Freizeitpark und Gruselkabinett, kündigt dieser Tage eine neue Horrorshow aus den Tiefen der Stadtgeschichte an: Die Rache einer Gequälten soll den amüsierwilligen Besuchern dargeboten werden, ein Fluch aus der Vergangenheit, der nachhallt in die Gegenwart. Eine andere Gespenstergeschichte mit historischen Bezügen hat jetzt schon ein paar Tage vorher am Thalia Theater Premiere gehabt: Shakespeares "Richard III." in der Regie von Antú Romero Nunes.


Thalia Theater Hamburg

Der Beat des Untergangs

von Falk Schreiber

Hamburg, 16. September 2016. Es ist etwas passiert. Ein Terroranschlag vielleicht, ein Unglück oder ein Amoklauf, jedenfalls ist die Leuchtschrift "Happy New Year" auf die leere Bühne gestürzt, und Karin Neuhäuser muss ein Tatort-Absperrband aufwickeln. Und Neuhäuser wickelt. Und wickelt. Es ist etwas passiert, aber jetzt passiert erst einmal fast nichts mehr, Neuhäuser wickelt ein Band auf und spricht dazu einen typischen Jelinek-Text: eine Suada, die vom Hölzchen aufs Stöckchen kommt beziehungsweise vom Ressentiment auf die Wut und von der Wut auf den Hass. Fast zwanzig Minuten dauert dieser Motzmonolog, ein endloses Reinsteigern in die eigene Übermenschlichkeit, getragen von Selbstüberschätzung bei gleichzeitigen Minderwertigkeitskomplexen: "Wir wollen Veränderung für dieses Land … Nationales Interesse, ohne nationalistisch zu sein, das dürfen wir nicht ...", Motzmotzmotz, ewig so weiter.


Thalia Theater Hamburg

Mittendrin im Zweifel

von Katrin Ullmann

Hamburg, 15. September 2016. Schrecklich eng stehen die Darsteller. Dicht gedrängt in einem Loch im Bühnenboden. Zu fünft haben sie sich dort hineingequetscht. Körperkontakt ist unvermeidlich. Es herrscht Gedränge in der Pariser Metro: "Der Waggon war überfüllt. Ich stieß an den Rücken des Mannes vor mir. Kaum habe ich ihn berührt … Ich kenne den Mann nicht, aber er hat mich wiedererkannt."


Thalia Theater Hamburg

Man kann es nicht besiegen

von Katrin Ullmann

Hamburg, 4. Juni 2016. Ein Schaf, ein Huhn, ein Vogelkäfig: Dazu und dazwischen eine Handvoll bizarrer Gestalten mit herausgestülpten, überdimensionalen Körperteilen. Mattrosa Hängebäuche, verfilzte Haare, die Gesichter mehr Maske als Mimik. Ihre Blicke misstrauisch, die Bewegungen verdruckst. Es ist eine degenerierte, bleiche Gesellschaft in einem namenlosen Dorf, inzestiös und debil. Ein grausamer Alptraum. Und doch gibt es einen, der – aller Feindseligkeit zum Trotz – dazugehören möchte: Herr K.


Thalia Theater Hamburg

Im Loch

von Falk Schreiber

Hamburg, 16. April 2016. Blanche DuBois ist entsetzt. "Dass du in solch einem Loch leben musst!", schleudert sie ihrer Schwester Stella entgegen. Deren beengte Wohnsituation ist nicht standesgemäß für die Familie DuBois, alte Südstaaten-Aristokratie, längst verarmt zwar, aber trotzdem. Wobei das mit dem Loch im Hamburger Thalia Theater nicht einmal metaphorisch gemeint ist: Florian Lösches Bühne ist nämlich tatsächlich ein Loch, eine schwarze Wand direkt an der Rampe, aus der ein riesiges Loch herausgebrochen ist. Wie das Negativ einer Gipsfigur, das innen mit weichem Schaumstoff ausgekleidet ist, über den sich beeindruckend tanzen, hüpfen, stürzen lässt. Eine Nicht-Bühne also, eine großartige, vieldeutige Lösung.


Thalia Theater Hamburg

Das Grauen im Gruselidyll

von Jens Fischer

Hamburg, 19. März 2016. Hin und her taumelt eine sich ewig jung dünkende, agile, leicht mondäne Bussigesellschaft im Partymodus auf einer bürgerlich getäfelten Halfpipe. So stumm wie einsam. Als hätten sich Schrillschrauben aus einem Herbert-Fritsch-Tollhaus in Pina Bauschs "Kontakthof" verlaufen. Sie tanzen grotesk ihre Eitelkeiten und Spleens mit- und umeinander. Was so puppenlustig emotionsfrei geschieht, dass es nie schmerzhaft wirkt, wie alle einander ständig verfehlen. Dabei entwickeln sie eine erstaunliche Dynamik – jede mimische, gestische, körperliche Bewegung verändert stets minimal die rotierende Choreografie des Beziehungsgeflechts.


Thalia Theater Hamburg

Sneaker in Denkerpose

von Stefan Schmidt

Hamburg, 27. Februar 2016. Gestern Abend haben sie wieder "dummes Zeug" geredet, die absurden Clowns von Samuel Beckett. "Machen wir ja immer, seit einem halben Jahrhundert", sagt einer von ihnen, Estragon, irgendwann in dieser Hamburger Inszenierung. Stimmt. Und diese gefühlt lange Theatergeschichte der endlosen Warterei auf einen ominösen Godot hat dazu geführt, dass die Textvorlage aus der Mitte des 20. Jahrhunderts für manchen schon musealen Charakter angenommen hat. Der damalige Intendant des Bochumer Schauspielhauses, Matthias Hartmann, hat Becketts Stück etwa schon 2002 in einen ebenso ausstellungsreifen wie statischen Goldrahmen verfrachtet (und mit Harald Schmidt auf der Besetzungsliste zu einem Medienereignis degradiert). Im Grunde konsequent. Schließlich weiß doch inzwischen so gut wie jeder eifrige Theatergänger, dass Godot niemals kommen wird. Möglicherweise existiert er ja noch nicht einmal. Die Sinnlosigkeit des Wartens ist altbekanntes Programm.


Thalia Theater Hamburg

Postmodernes Mysterienspiel

von Tim Schomacker

Hamburg, 25. Februar 2016. Schließlich sitzen sie da. Alle sieben am langschwarzen Tisch. Alle in der gleichen strähnig zerbeulten, ausladenden hellen Perücke, im gleichen langen Gewand, das als semidurchsichtiges Feinnetz-Shirt beginnt, unterhalb der Taille dann schwarz aber luftig ausläuft mit Saum auf Sohlenhöhe. Sie schauen, eine langsame Folge stummer Blicke und Kopfneigungen, das in ein Streichen über die Tischfläche ausläuft, als wären Krümel wegzuwischen. Eine Sequenz, die sich wiederholt, auch als die ersten Grüppchen auf der Publikumstribüne zaghaft zu applaudieren beginnen. Bis zum schlussendlichen Black.


Thalia Theater Hamburg

Jenseits des Regenbogens

von Falk Schreiber

Hamburg, 23. Januar 2016. Zur Eröffnung der diesjährigen Lessingtage lädt das Hamburger Thalia Theater zum "Bürgergipfel". Hamburger und Neuhamburger treffen sich zum Mittagessen und diskutieren Themen wie Arbeit, Wohnen, Glauben und Bildung; Themen, die die Stadt umtreiben, Themen, die sich auf den Nenner "Wie wollen wir unser Zusammenleben organisieren?" bringen lassen. Arbeit, Wohnen, Glauben und Bildung, das sind auch die zentralen Themen in John Steinbecks Roman "Früchte des Zorns" von 1939, der die Familie Joad begleitet auf ihrer Wanderung aus der Armut in Oklahoma nach Kalifornien, wo sie auf eine Zukunft hoffen und doch nur Missgunst, Fremdenfeindlichkeit, Ausbeutung finden. Die Joads sind also: Wirtschaftsflüchtlinge.


Thalia Theater Hamburg

"Ich hatte eine Kuh!"

von Michael Laages

Hamburg, 3. Dezember 2015. Was wohl wirklich wichtig ist bei dieser Beschwörung, dieser Erinnerung an eine der grausigsten Schlächtereien in der Welt-Geschichte jüngerer Bürgerkriege? Dass so viel fehlt. Im Grunde wird in der Garage des Thalia an der Gaußstraße so gar nichts von dem zum Thema, was normalerweise Erinnerung stiftet: Politik zum Beispiel; oder wie und warum sich die Teil-Staaten der lange Zeit so stabil wirkenden Republik Jugoslawien des Partisanen-Generals Josip Broz, genannt Tito, so untrennbar feindselig ineinander verbissen hatten bald nach dem Tod dieses Garanten halbwegs friedlichen Zusammenlebens im Vielvölkerstaat... Auch von den verschiedenen Religionen ist nur im Vorübergehen die Rede. Und wer war eigentlich dieser Izetbegović, von dem da plötzlich kurz die Rede ist im "Srebrenica"-Projekt von Branko Šimić und Armin Smailovic? Und wer waren die anderen handelnden Politiker: Mladić? Karadžić? Tuđman? Schon mal gehört?


Thalia Theater Hamburg

Wenn der Himmel so schön schweigt

von Jens Fischer

Hamburg, 26. November 2015. Mit zauberischem Funkeln locken sie von fern, bescheren beim Heranschreiten ein glitzerndes Glühen und spiegeln das umgebende Lichtermeer. Weihnachtsbaumkugeln faszinieren als Traumblasen oder Illusionsbälle – derzeit direkt neben dem Thalia Theater. Dank Florian Löscher auch in aufgeblähten Varianten über seiner Bühne. Als Christbaumschmuck für das kalte, gottlose Universum: Gestirne im leeren, schwarzen Raum. Ein Luftschiff imaginieren die Schauspieler hinein und blicken wunschbeladen hinauf. Der silbrig bunt changierende Schimmer wirkt weihnachtlich verheißungsvoll. Hilft aber nicht weiter.


Thalia Theater Hamburg

Was die Taliban gemacht haben

von Falk Schreiber

Hamburg, 25. Oktober 2015. A. serviert Tee. Würzigen, stark gesüßten Tee, ich mag keinen Tee, aber ich bekomme das Glas in die Hand gedrückt, und ich weiß nicht, ob es grob unhöflich wäre, abzulehnen. Es ist nicht leicht, irgendwo anzukommen, wo man die Konventionen des Miteinander nicht versteht, also macht man erstmal mit. A. lächelt mir aufmunternd zu, ich lächle unsicher zurück, A. telefoniert, ich höre: Er kommt aus Afghanistan, die Taliban haben sein Dorf drangsaliert, seit einem Jahr ist er in Hamburg, er geht zur Berufsschule.


Thalia Theater Hamburg

Mit dem Flügelschlag der Lebenslügen

von Jens Fischer

Hamburg, 17. Oktober 2015. Es war einmal ein Engel in Amerika. Tony Kushner fantasierte ihn in seine "schwulen Variationen über gesellschaftliche Themen". Fünfzehn Jahre vor der Jahrtausendwende sollte er mit lässigem Flügelschlag die Lebenslügen von den Lebensängsten wirbeln und als Bote der Hoffnung von einem großen Werk künden, das bald beginnen würde. Nachdem aber die epiphanischen Worte landauf, landab auch in Deutschland abgefeiert und die Silvesterfeuerwerke 2000 verpufft waren, galt es zu konstatieren, dass weder die Apokalypse entzündet noch das Jüngste Gericht einberufen wurde.


Thalia Theater Hamburg

Die Aufstiegs-Monologe

von Katrin Ullmann

Hamburg, 13. September 2015. An diesem Abend wird ein Kinderschokoriegel auftreten, ein Parfümflakon und ein Karriere-Coach. Da wird eine Trauung vollzogen und Bargeld geklaut, ein Arbeitssuchender abgefertigt, Eifersucht geschürt und – statt eines Sommerhauses – Tafelsilber vererbt. Zusammengehalten von der Frage nach dem Wert des Geldes, hat Jonas Hassen Khemiri ein Stück über fünf unterschiedliche Figuren geschrieben. Sie alle bewegen sich am (ökonomischen) Rand der Gesellschaft. Alle haben ungefähr die gleichen schlechten Perspektiven, alle träumen von einem anderen Leben, einem Leben mit mehr Anerkennung, einem Leben mit einer stärkeren Kaufkraft.


Thalia Theater Hamburg

Und Olaf Scholz lächelt

von Falk Schreiber

Hamburg, 13. September 2015. Auftritt der Autor. Jörg Pohl schlappt als Brecht über Florian Lösches Bühne: Blaumann, Schiebermütze, Nickelbrille. Und baut aus dem Geist des epischen Theaters eine Szene. Das Büro Peachums, eine leere Bühne, die Pohl mit Requisiten vollschwadroniert, ein Stuhl, ein Schrank. Und ebenso verwandelt sich Brecht in Peachum, der einen armseligen Bittsteller (Paul Schröder) in die Kunst des Bettelns einweist: "So, so, und gleich nochmal von vorn". Eine Szene wird geprobt, und genau so legt Antú Romero Nunes auch seine Neuinszenierung von Brecht / Weills Abonnentenschmeichler "Dreigroschenoper" am Hamburger Thalia Theater an: als große, kluge Probe.


Thalia Theater Hamburg

An der Klagemauer

von Falk Schreiber

Hamburg, 30. April 2015. Die Agora ist schonmal weg. Schrieb zumindest Moritz Schuller am Premierentag im Berliner Tagesspiegel, in einem Abgesang auf den öffentlichen Raum namens "Bühne ohne Volk": "Jene Orte, die traditionell Gemeinschaft schufen, haben diese Funktion verloren", heißt es da. "Die Ausdifferenzierung der Gesellschaft macht den Raum, den alle gemeinsam haben, kleiner. Selbst das Einkaufen findet nicht mehr auf dem Markt, sondern im Internet statt – ohne soziale Interaktion." Ein Befund, der unbeabsichtigt auch Peter Handkes "Die Stunde da wir nichts voneinander wußten" trifft, jene fast ein Vierteljahrhundert alte Szenenfolge von einem namenlosen, belebten Platz in der Großstadt. Wo aber kein Leben mehr stattfindet, haben auch die Plätze keine Bedeutung mehr, wie das Theater: "Die Gesellschaft ist kein Theater mehr, sie hat sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen; umgekehrt ersetzt das Theater die Gemeinschaft nicht mehr."


Thalia Theater Hamburg

Kunstblut unter Kokospalmen

von Falk Schreiber

Hamburg, 26. April 2015. Mit die skurrilste Variante des deutschen Rechtsradikalismus repräsentierte der vergangenen Juli gestorbene Dr. Axel Stoll. Im Internet kursieren unzählige Videos, in denen der promovierte Geologe über Reichsflugscheiben oder Chemtrails schwadroniert. Stoll war unappetitlich, aggressiv, antisemitisch; ein unterhaltsamer, aber gefährlicher Spinner, der in seine kruden Vorträge immer wieder die besserwisserische Floskel "Muss man wissen!" einflocht.


Thalia Theater Hamburg

Im Schonwaschgang

von Falk Schreiber

Hamburg, 28. März 2015. Wenn es im Ensemble des Hamburger Thalia Theaters jemanden gibt, dessen Erscheinung denkbar weit davon entfernt ist, wie man sich Günter Grass' Blechtrommler Oskar Matzerath vorstellt, dann ist das Barbara Nüsse: 72 Jahre alt, dünn, hochgewachsen, abgeklärter, dunkler Blick. Das absolute Gegenteil eines Teenagers, der sich in früher Kindheit entschieden hat, nicht mehr zu wachsen, und der seine Abgeklärtheit angesichts Weimarer Republik, NS-Herrschaft und Zweitem Weltkrieg hinter der Maske des kleinen Jungen versteckt.


Thalia Theater Hamburg

Stoffschablonen für Großstadtneurotiker

von Katrin Ullmann

Hamburg, 21. Februar 2015. "Ein großes historisches Ritterschauspiel in fünf Akten" versprach Heinrich von Kleist im Untertitel seines 1810 uraufgeführten Stücks, ein massiver, effekt- und wendungsreicher (Sprach-)Brocken ist das "Käthchen von Heilbronn" für die Bühne. Naiver Liebeswahn, Traumdeutung oder Schicksal – was treibt die Hauptfigur an, diesem Graf Friedrich von Strahl so hemmungslos nachzulaufen und bei jedweder Gelegenheit in Ohnmacht zu fallen?


Thalia Theater Hamburg

Verpönte geköpfte Könige

von Falk Schreiber

Hamburg, 7. Februar 2015. Abstrakter kann man das Macbeth-Schloss kaum darstellen. Annette Kurz hat ein riesiges Mobile aus Stahlrohren gebaut, dazu wabert ein wenig Bühnennebel, und im Bühnenhintergrund fällt Licht durch ein riesiges Tor. Ein Tor, durch das nach und nach alle Protagonisten auftreten und fortan keinen Ausweg mehr finden: Willkommen in Inverness. Beziehungsweise in St. Petersburg, am Baltiysky Dom Theater, wo Luk Percevals Shakespeare-Inszenierung im Mai 2014, parallel zur Eskalation der Ukraine-Krise, Premiere hatte.


Thalia Theater Hamburg

Unsere Lieblingsdinge

von Katrin Ullmann

Hamburg, 26. Januar 2015. Am Ende von Pascal Ramberts "Eine (mikro)ökonomische Weltgeschichte, getanzt" greift Johanna Link zur Gitarre und singt: "Knockin' on Heavens Door". Ein Chor mit 50 Laiendarstellern stimmt mit ein. Es ist ein Gänsehautmoment. Nicht etwa, weil er berührt, sondern weil sich die ganze körpereigene Wahrnehmung sträubt gegen diese geballte Plumpheit, gegen diese schlimme Rührseligkeit, gegen dieses schlechte Pathos.


Thalia Theater Hamburg

Lost in Jelinek

von Katrin Ullmann

Hamburg, 18. Januar 2015. Fünf Frauen recken sich, fünf Frauen in weißen schulterfreien Kleidern mit zarten Hochsteckfrisuren und niedlichen Löckchen: beschützenswerte Wesen im Biedermeierstil (Kostüme: Silja Landsberg). Kindlich – auch weil das Piano auf Stelzen übergroß daherkommt – greifen fünf Hände in die Tasten. Spielen stockend ein paar Takte und sprechen dann im Chor.


Thalia Theater Hamburg

Ein Traum von einer Oper

von Falk Schreiber

Hamburg, 18. Januar 2015. In zeitgenössischen Heldenerzählungen ist meist der zweite Teil am spannendsten. "Star Wars", "Herr der Ringe", die zweite Staffel von "Game of Thrones": Da leisten sich die Drehbücher Abschweifungen, da werden die Helden brüchig, da kann noch einmal alles umgeschmissen und neu erzählt werden, außerdem muss man in zweiten Teilen so wenig ein Setting aufbauen wie man Handlungsstränge zu einem Ende führen muss. Wenn man also bei Wagners "Ring des Nibelungen" "Das Rheingold" als Vorabend sieht und "Die Walküre" als ersten Tag, dann darf man den zweiten Tag, "Siegfried", als zweiten Teil sehen. Und kann sich entsprechend freuen auf "Der Ring 2", den zweiten Teil von Antú Romero Nunes' "Nibelungen"-Verknappung am Hamburger Thalia, deren erster Teil Ende Oktober noch ein wenig ziellos im Popmythologischen waberte.


Thalia Theater Hamburg

Stürzende, schiebende, rutschende Körper

von Katrin Ullmann

Hamburg, 22. November 2014. Nasser Sand und schwere Brandung, angriffslustige Lachmöwen und der Rhythmus der Dünung. Da ist ein Gewitter über dem Meer, da fallen Bomben in die See, pfeift der Wind über den Deich: In dem fiktiven Dorf Rugbüll irgendwo in Schleswig-Holstein spielt der großartige und wohl bekannteste Roman des Anfang Oktober verstorbenen Siegfried Lenz: die "Deutschstunde" aus dem Jahre 1968. Der Regisseur Johan Simons, Intendant der Münchner Kammerspiele und außerdem Deich liebender Niederländer, hat den Roman am Hamburger Thalia Theater auf die Bühne gebracht. Ganz ohne Sand, Brandung und Gewitter. Ganz ohne Meer, Wind und Bomben. Nur ein bisschen Möwengeschrei, knarzende Bohlen und Windmühlenschlag sorgen (akustisch) für küstennahe Atmosphäre.


Thalia Theater Hamburg

Am Arsch der Welt

von Falk Schreiber

Hamburg, 8. November 2014. Im Foyer der Hamburger Thalia-Außenstelle Gaußstraße ist ein Boot aufgebockt. "Hoffnung" heißt es, und Julian Greiß, Nicki von Tempelhoff, Pascal Houdus und Camill Jammal sitzen drin. Erwartet wird noch ein weiterer Schauspieler, um den einleitenden Monolog von Wolfram Lotz' "Die lächerliche Finsternis" zu sprechen: die Verteidigungsrede eines somalischen Piraten vor dem Internationalen Seegerichtshof. Allein – der Kollege taucht nicht auf. Weswegen Greis sich ans Publikum wendet: "Ob hier vielleicht jemand so freundlich wäre ..." Es erbarmt sich: Katinka, 34, die auf Nachfrage zugibt, kürzlich erkältet gewesen zu sein. Woraufhin sich Greis sicherheitshalber einen Mundschutz überzieht, man weiß ja nie, in Zeiten von Ebola. Angesichts dieses Prologs ist jedenfalls klar: Die "Neger aus Somalia" (O-Ton Lotz), das sind wir selbst!


Thalia Theater Hamburg

Willkommen im Neandertal

von Falk Schreiber

Hamburg, 25. Oktober 2014. Stumpf starrt die Horde vor sich hin. Mal grunzt einer, mal faucht eine zurück, aber viel ist nicht zu erwarten von diesem Haufen. Und als sich endlich die Erkenntnis verbreitet, nutzen die Figuren das neu gewonnene Wissen als erstes, um einander an die Gurgel zu gehen. Respekt: So schlüssig wie Antú Romero Nunes hat wohl bislang noch niemand die Anfangsszene von Stanley Kubricks "2001" in Richard Wagners "Ring des Nibelungen" hineininterpretiert. Keine Götter und Halbgötter agieren hier, sondern Neandertaler, die sich 30 Minuten lang nicht einmal halbwegs zu artikulieren verstehen – und deren Persönlichkeitsentfaltung als Sprachfindung schon die Richtung der Inszenierung vorgibt.


Thalia Theater Hamburg

Es gibt keine Morde im heiligen Krieg

von Jens Fischer

Hamburg, 26. September 2014. Wie kommt man aus der Nummer wieder raus? Gebatikte Kleidchen für die Damen, Rauschebärte, Wuschelperücke, Sonnenbrillen, fransende Lederjacken für die Herren. Randvoll mit Flower Power betankt, blickt das Ensemble glücksrosa durchs wüstengelbe Ambiente: Death-Valley-Zierrat schmückt die Rockkonzertbühne. Zur Feier eines populären Mythos. Neue Werte, Lebensformen, kulturelle Ausdrucksformen braucht das Land. Vom Aufbruch ins Unbekannte wird erzählt, von einem Dasein in friedvoller Freiheit einer Gruppenehe, gesättigt mit drogenberauschter Liebe und ernährt aus den Mülleimern der Überflussgesellschaft. Volle Hippiedröhnung im Thalia Theater.


Thalia Theater Hamburg

Autsch, Liebe

von Katrin Ullmann

Hamburg, 6. September 2014. Zunächst steht da nur einer inmitten der Dunkelheit. Ganz in schwarz und ganz allein. Am Bühnenrand. Einer mit seiner E-Gitarre. Zwei Akkorde sind es nur, die Anton Spielmann stetig wiederholt, zwei Akkorde, für eine Liebe, zwei Akkorde eines lonesome Cowboys. Einsam, traurig und allein.


Thalia Theater Hamburg

Er sagt, sie sagt

von Falk Schreiber

Hamburg, 27. April 2014. Das Ende einer Liebe ist eigentlich kein Stoff fürs Theater. Wenn die Liebe zu Ende geht, dann ist das unspektakulär und traurig, aber es ist im Grunde banal. Ein alltäglicher Weltuntergang. Zudem ist das Liebesende eine zutiefst ernste Angelegenheit und kollidiert entsprechend mit der ironischen Grundhaltung, die sich auf den deutschen A-Klasse-Bühnen durchgesetzt hat, einer Haltung, die auch am Hamburger Thalia auf fruchtbaren Boden fällt. Was nicht zuletzt an Ensemblemitglied Jens Harzer liegt, dessen Spiel mittlerweile so von Trauer über die Mittelmäßigkeit der Welt angefüllt scheint, dass man sich den 42-Jährigen gar nicht mehr anders vorstellen kann als mit hoffnungslos ätzender Ironie die Bühne überziehend.


Thalia Theater Hamburg

Nah bei Gott?

von Katrin Ullmann

Hamburg, 13. April 2014. Vielleicht sollte man sich diesen Abend betrunken ansehen. Oder verkatert. Zumindest mit etwas Alkohol im Blut. Das könnte helfen. Dann würden all diese pathetischen Allgemeinplätze und Sinnfälligkeiten, die ganzheitlichen Aussagen und Absagen, die überschwänglichen Gefühle nicht so schwer im Raum hängen. Sondern, gemeinsam mit dem Alkohol, nach und nach verdunsten.


Thalia Theater Hamburg

Stahl auf Stahl

von Falk Schreiber

Hamburg, 22. März 2014. Ein Konzert. Neun Notenständer sind an der Rampe im Hamburger Thalia Theater aufgestellt, Bierkisten als Sitzgelegenheiten. Im Hintergrund ein Gebilde, das sich im Laufe des Abends als riesiges stählernes Schlagwerk entpuppen wird. Ein Trompetensignal hebt an. Das Ensemble betritt die Bühne, gekleidet in neutrales Schwarz, stellt sich in Position, lässt seine Instrumente erklingen: seine Stimmen. Es ist ein Textkonzert, die Partitur ist Sprache.


Thalia Theater Hamburg

Geldsorgen der anderen Art

von Katrin Ullmann

Hamburg, 13. März 2014. "Hey du, ich mag dich, ja, wirklich. Ich mag, wie du denkst, wie du lachst". So flirtet sie mit dem Publikum. "Willst Du mein Freund sein? Wollen wir Freunde sein?" Ihre Stimme ist sanft, lockend. Verraucht. Auch weil sie raucht. Sie lehnt lässig auf einer Schaukel, schwingt, lockt und lacht. In Overall, mit Sonnenbrille, ihre Haut vergoldet. Ja, klar! Freunde sein. Mit dieser exzentrischen, schillernden Person da auf der Bühne, gespielt von Anne Ratte-Polle. Wer möchte das in diesem Moment nicht? Doch dann bricht sie ihr Angebot mit einem harschen "Es wird nicht funktionieren." Warum? "Es wird unsere Freundschaft zerstören, weil du kein Geld hast. Und weil ich all dieses ererbte Geld habe."


Thalia Theater Hamburg

Der lächelnde Schmerz

vom Jens Fischer

Hamburg, 23. Februar 2014. Bastian Kraft ist von seinen zu inszenierenden Stoffen (Felix Krull, Orlando, Axolotl Roadkill) manchmal so trunken, dass er Figuren doppelt, dreifach, vierfach sieht – und mehrere Darsteller für eine Rolle braucht. Oder er ist so verkatert nüchtern, dass er alle Figuren (als Projektionen, Gedanken) in einer konzentriert – und so Kafkas Amerika oder Hugo von Hoffmansthals Jedermann als Schauspielsolo für Philipp Hochmair inszeniert. Und dabei gern Licht, Text, Spiel, Musik und Video mit- und nebeneinander ausprobiert, ihre Gleichwertigkeit für den Bühneneinsatz behauptet. All diese Mühen des Bewusstseinsstromtheaters nahm ihm jetzt am Thalia Theater die Vorlage ab. "Die Sehnsucht der Veronika Voss" hat Rainer Werner Fassbinder bereits als Kopfkunstkino angelegt.


Thalia Theater Hamburg

In der Komfortzone

von Katrin Ullmann

Hamburg, 22. Februar 2014. Im dritten Akt kommt sie in Sweatshirt und Jeans. Mittelgrau, dunkelgrau. Ihr Blick irrt wie ihre Hände. Ihre Finger suchen vorsichtig fahrig nach Halt. An der Stuhllehne, am Haar, am Tisch. Schließlich knibbelt sie an ihren Fingerkuppen, genau dort wo die Nerven enden. Birte Schnöink spielt Nina, "die Möwe" in Tschechows gleichnamigem Stück. Sie spielt sie leise und groß zugleich, existenziell und verloren, fragil und klar. In der Inszenierung am Hamburger Thalia Theater trägt sie den stärksten Moment des Abends: ihre Wiederbegegnung mit Konstantin Treplew (Sebastian Zimmler). Dieser ist mittlerweile ein erfolgreicher Schriftsteller und noch immer unglücklich in sie verliebt. Sie ist eine gescheiterte Schauspielerin mit Auftritten in der Provinz und einem verlorenen Herzen, verloren an den Schriftsteller Trigorin (Jens Harzer).


Thalia Theater Hamburg

Im Aquarium

von Falk Schreiber

Hamburg, 19. Januar 2014. Familie Hipster unterm Weihnachtsbaum: Opa hört nicht mehr so gut, Mama ekelt sich vor Papa, Tochter Debbie ist schwanger und verrät nicht, von wem, aber, hey!, auf dem Tisch stehen Gänsebraten und Rotwein, und unterm Tisch gibt es noch eine Flasche Hochprozentiges sowie was zu rauchen, da lässt man sich doch nicht das Fest der Liebe von ein paar unbequemen Wahrheiten kaputt machen!


Thalia Theater Hamburg

Duell der (Un)glaubwürdigen

von Katrin Ullmann

Hamburg, 17. Januar 2014. "Es ist doch alles gespielt, es darf nur keiner was merken", sagt Jette John (Lisa Hagmeister) ganz zum Schluss. Ihre Welt war, nein: schien, für kurze Zeit perfekt. Mann, Kind, Einbauküche. Sie schien den Aufstieg geschafft zu haben in ein ganz normales Leben. Doch die Hochglanzküche entschwebt bald wieder in den Bühnenhimmel, aus dem sie kam, ihr Mann Paul (Jörg Pohl) verlässt sie, und das Kind war sowieso geklaut. Vom Dienstmädchen Pauline (Maja Schöne).


Thalia Theater Hamburg

Gestrandet in Dänemark

von Falk Schreiber

Hamburg, 14. Dezember 2013. Dänemark stinkt. Die Gülle stinkt, die die Bauern auf ihren Feldern ausbringen. Die Räume der Asylbewerberunterkunft stinken, in denen der Inder Hanuman und der Russe Sid die Langweile wegkiffen. Die Körper stinken, seit Tagen nicht gewaschen. Nach Amerika wollten Hanuman und Sid, jetzt hängen sie in der stinkenden Provinz, ihre Ansprüche haben sie längst runtergeschraubt. Lolland soll auch schön sein, ebenfalls Provinz, klar, aber, hey!, "Lolland, wo sich halbnackte Mädchen im Pool aalen wie Robben", wie Hanuman in einem Anfall von Selbstsuggestion ausruft. Sie werden es auch nicht nach Lolland schaffen.


Thalia Theater Hamburg

Katharine Hepburn im norwegischen Unglück

von Katrin Ullmann

Hamburg, 23. November 2013.Ein herrschaftlicher Salon, luftdicht tapeziert mit dunkelbraunem Brokat, Kerzenwandleuchter, ein Streichquartett, schwere dunkelrote Vorhänge, kein Außen: Stephane Laimé hat die Bühne entworfen und skizziert mit diesem generischen bürgerlichen Ambiente des 19. Jahrhunderts das Zuhause von Henrik Ibsens "Hedda Gabler". Jan Bosse hat das Stück, uraufgeführt 1891, am Hamburger Thalia Theater inszeniert. Es erzählt von einem Ehemodell, das nicht aufgeht, einer Karriere, die nicht fortschreitet, einer Liebe, die nicht ge-, und einem Leben, das nicht belebt wird.


Thalia Theater Hamburg

Rollmöpse rein, Rollmöpse raus

von Falk Schreiber

Hamburg, 5. Oktober 2013. Der Intendant macht einen Witz. "Einer der begabtesten Komödienregisseure seiner Generation wird Michael Frayns 'Der nackte Wahnsinn' inszenieren", kündigt Thalia-Hausherr Joachim Lux auf der Spielplanpressekonferenz an. Pause. "Luk Perceval." Gelächter unter den Medienvertretern, Pointe gelungen. Perceval, der Chefgrübler des zeitgenössischen Theaters, der in seiner eindrucksvollen Vita hauptsächlich schwere und schwerste Stoffe stehen hat, Dostojewski, Gorki, Fallada, immer wieder Shakespeare – der versucht sich an Frayns viel gespieltem Meta-Boulevard, der die Entstehung einer Tür-auf-Tür-zu-Klamotte mit den Mitteln der Tür-auf-Tür-zu-Klamotte zur Theatersatire erweitert. Na, das kann was werden.


Thalia Theater Hamburg

Ein Dach über dem Kopf

von Falk Schreiber

Hamburg, 21. September 2013. Vergangenen Winter tauchten sie plötzlich in Hamburg auf: rund 250 Schwarzafrikaner, niemand weiß genau, wie viele sie sind, niemand weiß genau, wer sie eigentlich sind, "Lampedusa-Flüchtlinge" nennt man sie. Gastarbeiter aus Zentralafrika in Libyen, die als Gaddafi-Kollaborateure verdächtigt nach Norden flohen, zunächst auf die italienische Insel Lampedusa, dann, ausgestattet mit Papieren zur freien Bewegung im Schengen-Raum und etwas Geld, nach Deutschland. Nach Hamburg.


Thalia Theater Hamburg

Der Walkampf

von Falk Schreiber

Hamburg, 6. September 2013. "Was siehst du?" Ich denke, eine Böe kommt auf." Nackt ist Matthias Kochs Bühne im Hamburger Thalia Theater, nackt bis auf ein paar Windmaschinen und unzählige Wasserkanister. Nichts zu sehen. Und wo es nichts zu sehen gibt, da plaudert man eben darüber, was man nicht sieht: Eine Böe kommt auf. Willkommen auf der Pequod, dem Walfangschiff, mit dem Kapitän Ahab Jagd nach dem legendären weißen Wal "Moby Dick" macht.


Thalia Theater Hamburg

Wund vor Liebe

von Katrin Ullmann

Hamburg, 16. August 2013. "Ich will zu Hause sein. Ich will eine Haftpflichtversicherung und Urlaub in Spanien. Ich will ein Reihenhaus, eine Frau und zwei Kinder. Ich will Müsli am Morgen, Abendbrot und eine Katze." Janik (Sven Schelker) steht am Bühnenrand und ruft seine gesamte Heimwehsehnsucht in den Raum. Er ist haltlos wie ein kleines Kind und weint. Er ist am Ende. Am Ende seiner Reise ins Erwachsenwerden am Ende seiner Reise nach Istanbul. Gemeinsam mit seinem Freund Samuel hatte er sie unternommen. Nach dem Abi, auf zu den Ufern des Bosporus.


Thalia Theater Hamburg

Die große Ausuferung

von Katrin Ullmann

Hamburg, 30. April 2013. Wenn Bernd Grawert als Dimitrij Karamasow zwischen seinen beiden Geliebten hin und her hetzt. Wenn er stolpert, taumelt, Glück verspricht und Geld. Wenn er zwischen dem Liebeswahn von Katerina Iwanowna (Alicia Aumüller) – "Ich will ein Möbelstück sein. Der Teppich unter Ihren Füßen" – und dem wortlos provozierenden Beinballett von Patrycia Ziolkowska als Gruschenka um eine Entscheidung ringt. Wenn Grawert mit erregter Stimme und Katerinas Geld zu Gruschenkas Held werden kann. Wenn er rennt, bebt, schwitzt und seinen schweren Militärmantel (Kostüme: Ilse Vandenbussche) doch nicht ablegt.


Thalia Theater Hamburg

"Wer auf dich baut, wird untergehen!"

von Falk Schreiber

Hamburg, 13. April 2013. Die Bühne ist leer. Einzig ein Faltgebilde hat Jakobus Durstewitz in den Theaterraum des Hamburger Thalia gestellt, ein riesiges Buch vielleicht, einen Ordner oder ein Album. Papieren sieht es jedenfalls aus, und wo man schon an Papier denkt, tritt auch gleich Christina Geiße auf, holt ein dünnes Diogenes-Bändchen hervor und beginnt vorzulesen: "Die Ehe des Herrn Mississippi. Von Friedrich Dürrenmatt." Ein arg trockener Brocken scheint da zu warten, zumal in der Folge umfangreiche Regieanweisungen verlesen werden. Beschrieben wird ein "spätbürgerlicher Salon", von dem man erstmal nichts zu sehen bekommt, was gleich zu Beginn die eherne "Show, don't tell"-Regel bricht.


Thalia Theater Hamburg

Müller-Mischung mit Tischfeuerwerk

von Rudolf Mast

Hamburg, 24. Februar 2013. Aus Berlin ist Trauriges zu vermelden: Im Deutschen Theater hatte Ende November 2012 eine Inszenierung von Dimiter Gotscheff Premiere, in der zahlreiche Stücke Shakespeares zur Sprache kommen. In der ersten Szene stellt Shakespeare. Spiele für Mörder, Opfer und Sonstige die Frage, was nach dem "Tod des Königs" passiert. Die folgenden gut drei Stunden befassen sich folgerichtig mit der Frage nach der Legitimation von Macht und deren Ausübung. Die Leistung der Inszenierung ist, dass sie dem Thema mit intellektueller Durchdringung, vor allem aber mit spielerischen Mitteln nachgeht und deshalb politisch ist, ohne je ideologisch zu werden. Genützt hat es ihr wenig: Die Kritiken waren ablehnend, das Publikum blieb aus, am 5. März läuft die letzte Vorstellung.


Thalia Theater Hamburg

Ich habe das Mammut gemolken

von Matthias Weigel

Hamburg, 23. Februar 2013. Nur allzu oft verlässt man das Theater mit der Frage, warum dieses oder jenes Stück nun überhaupt aufgeführt wurde. Wieso dieser Autor noch gespielt werde, was uns diese Thematik heute noch erzählen könne, was denn die Regie daran interessiert hätte. Wenn diese Fragen auftauchen, dann deshalb, weil sie der Abend nicht beantworten konnte.


Thalia Theater Hamburg

Jenseits der Realitätsgrundlage

von Katrin Ullmann

Hamburg, 26. Januar 2013. Informationsauftrag oder Sensationsjournalismus? Im Juli 2012 hatten der französische Fernsehsender TF 1 und die Zeitung "Libération" die Gespräche zwischen dem Attentäter von Toulouse und der Polizei publik gemacht. Der Attentäter von Toulouse, der Motorroller-Mörder, wie er in Frankreich genannt wird, das war Mohammed Merah. Er hatte sieben Menschen getötet, darunter drei jüdische Kinder. Aus religiöser Überzeugung, wie er behauptet hat, der Überzeugung eines streng gläubigen Salafisten. "Man kann nun wirklich nicht behaupten, dass ich Unschuldige getötet habe. (...) Das, was ich getan habe, ist Selbstverteidigung." Merah hatte sich in seiner Wohnung in Toulouse verschanzt, dort wurde er nach 32-stündiger Belagerung am 22. März 2012 von Polizisten der Eliteeinheit Raid erschossen.


Thalia Theater Hamburg

"Ich versuch' gerade, sexy auszusehen"

von Falk Schreiber

Hamburg, 25. Januar 2013. Die Bühne ist dunkel und leer, nur ganz hinten leuchtet eine Tür. Eine Tür, durch die Leporello tritt, Mirco Kreibich als charmant derangierte Rokokogestalt, Perücke, Puder, leicht runtergerittener Rock. Kreibich schlendert an die Rampe, und dort macht er sich erstmal locker: Er trällert. "Blablablablabla … Flaflaflaflafla", Stimmübungen zur Melodie von "Reich mir die Hand, mein Leben", dann fordert er das Publikum auf  mitzusingen, und dann dirigiert er einen riesigen Chor. Zehn Minuten geht das so, und das ist ungefähr neun Minuten über die Nervgrenze hinaus.


Thalia Theater Hamburg

Wo Gier und Tränen tropfen

von Falk Schreiber

Hamburg, 24. November 2012. Ach, man möchte gar nicht aufhören, diese Körper zu bewundern. Wie Titania (Sebastian Rudolph) als streng geschnürter Engel der Dunkelheit über die Bühne schreitet. Wie der Knabe (Florian Weigel) goldenes Haar und goldenen Slip präsentiert. Und wie Marina Galic ganz reizend die Schenkel spreizt, ein Bild, so campy, als wär's eine fotografische Inszenierung von Pierre et Gilles. Regisseur Stefan Pucher, längst dem Poptheater enteilter Spezialist für den coolen Subtext von Tschechow bis Shakespeare, scheint am Hamburger Thalia Theater seine Vorliebe für Figurentableaus entdeckt zu haben. Auf den ersten Blick.


Thalia Theater Hamburg

In Alltagsschluchten

von Daniela Barth

Hamburg, 13. Oktober 2012. 60 Jahre nach seinem Tod, Anfang vergangenen Jahres, avancierte Hans Falladas Roman "Jeder stirbt für sich allein" in erstmals unveränderter Ausgabe zum internationalen Bestseller. Es ist der erste Widerstandsroman eines nicht emigrierten Schriftstellers, verfasst gerade mal in vier Wochen, nach einem wahren Fall. Für Regisseur Luk Perceval, der mit seiner Fallada-Adaption des Romans Kleiner Mann – Was nun? 2010 zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde, birgt dieser Stoff "utopische Sprengkraft", weshalb er ihn – von ihm selbst und Dramaturgin Christina Bellingen bearbeitet – jetzt auf die Bühne des Thalia Theaters bringt.


Thalia Theater Hamburg

Übertechnifiziert

von Katrin Ullmann

Hamburg, 22. September 2012. Der Anfang ist klug. Ist schlicht und ergreifend. In einem rosaroten Patchworkoutfit (Kostüme: Inga Timm) steht Birte Schnöink als Eve vor dem Eisernen Vorhang und erzählt, was und wie ihr geschah. Sie erzählt vom Dorfrichter Adam, der ihr einen Deal angeboten, der sie erpresst hat. Um ihren Verlobten Ruprecht vom vermeintlich fernöstlichen Fronteinsatz freizustellen, könne er ihr für diesen ein Attest besorgen, Beziehungen habe der Richter genug. Eine kleine "Liebenswürdigkeit" wäre doch sicherlich möglich?


Thalia Theater Hamburg

Misere der Dauercamper

von Falk Schreiber

Hamburg, 1. September 2012. "Und?" fragt Nikolaj Iwanowitsch. "Langweilig!" stöhnt Anna Petrowna, "Jetzt schon!" Nach gerade mal fünf Minuten. Raffiniert nimmt Jan Bosse den Kritikern den Wind aus den Segeln, den Kritikern, die bemängeln, dass sein "Platonow" am Hamburger Thalia durchaus Längen hat: Das hier ist Tschechow! Natürlich ist das langweilig, was erwartet ihr denn? Und immerhin ist das uferlose Frühwerk des erst 18-jährigen Dramatikers von über sieben auf gute vier Stunden zusammengekürzt, da braucht man sich wirklich nicht über Langeweile zu beschweren.


Thalia Theater Hamburg

Mäuse auf der Probebühne
oder Dinge tun, die man zuhause nicht macht

von Simone Kaempf

Hamburg, 31. August 2012. Der Musiker Neil Young kommt in Navid Kermanis maßlosem 1200-Seiten-Roman "Dein Name" schon ziemlich oft vor, gute drei Dutzend Male, zum ersten Mal auf Seite 53, und schließlich irgendwo im letzten Drittel in einer Szene, zu der Carl Hegemann seine eigene Version zu erzählen hat. Der Dramaturg sitzt in der Küche im labyrinthischen Inneren der Thalia-Probe- und Studiobühne in der Gaußstraße mit sechs Besuchern am Tisch.


Thalia Theater Hamburg

alt

Eeeeh ... Makarenko!

von Falk Schreiber

Hamburg, 26. April 2012. Der Titel ist schon mal klasse. "Fuck your Ego!", das geht aggro in die Fresse, "Nimm dich mal nicht so wichtig!", und verschleiert in seiner Schnoddrigkeit charmant, dass das Ficken des Ego eben auch bedeuten würde, das Selbst zu verleugnen, sich einzuordnen ins Kollektiv. Und das klingt dann schon nicht mehr so schnoddrig, sondern mit einem Schlag gefährlich schillernd.


Thalia Theater Hamburg

alt

Auf dem Todesstern

von Falk Schreiber

Hamburg, 21. April 2012. Was für ein Einstieg. Das Volk tobt, Gitarre und Sampler dröhnen, die Revolutionäre stolpern über die Drehbühne, ackern, prügeln, wärmen sich am offenen Feuer. Und im Hintergrund rotiert eine mehrere Meter hohe Bühnenskulptur, eine Mischung aus Klettergerüst, Todesstern und Firmenlogo (Bühne: Florian Lösche). Minutenlang geht das so, und als endlich die ersten Worte mehr gestammelt als gesprochen werden, hat man kapiert: Wenn Jette Steckel am Hamburger Thalia Büchners "Dantons Tod" inszeniert, wird einem nichts geschenkt. Weder den Zuschauern noch den Darstellern – noch bevor das Stück richtig begonnen hat, schwirrt den einen schon der Kopf und sind die anderen schweißgebadet.


Thalia Theater Hamburg

Kein Garten, kein Haus – kein Rein, kein Raus

von Rudolf Mast

Hamburg, 3. März 2012. Zu den Theaterstücken, die unabhängig von ihrem Alter zu fast allen Zeiten gespielt werden, gehört "Der Kirschgarten". Tschechows letztes Stück behandelt den Zusammenfall von ökonomischer Krise und sozialem Niedergang, und weil dieses Verhältnis derzeit besonders virulent ist, hat der "Der Kirschgarten" an deutschen Bühnen Hochkonjunktur. Doch wie vieles, was wie die Faust aufs Auge zu passen scheint, drohen die Inszenierungen langweilig zu werden, weil sie Bekanntes mit anderen Mitteln wiederholen. Dass es auch einen anderen aktuellen Zugang zu dem Stück gibt, ist in Luk Percevals Inszenierung zu erleben, die am Samstag Premiere hatte.


Thalia Theater Hamburg

altDie Unsterblichkeit des Handschuhs

von Katrin Ullmann

Hamburg, 18. Januar 2012. Ein Bild soll entstehen, eine Erinnerung bleiben. An eine Person, die verschwunden, vielleicht gestorben ist, an eine junge Frau. "Können Sie sie sehen? – Strengen Sie sich an" – heißt es immer wieder im Stücktext, einem "Theatertext in Gegenständen". Darin ruft die Autorin Katharina Schmitt die Abwesenheit jener einen Person durch die Anwesenheit verschiedenster Gegenstände in Erinnerung. Ob Vierfarbenstift, Handschuh, Stulpen, Spiegel, Schlüssel, Regenmantel oder Lippenstift: Sie alle erzählen einen Teil der Biografie jener Abwesenden und werden zu Erinnerungsstücken einer Ausstellung.


Thalia Theater Hamburg

alt

Erlebnistourismus im Außen-Innen-Raum

von Katrin Ullmann

Hamburg, 14. Januar 2012. Orson Welles starb, bevor er sein Projekt vollenden konnte, Terry Gilliams Vorhaben wurde von katastrophalen Drehbedingungen torpediert: Beide Regisseure wollten "Don Quijote" auf die Leinwand bringen – ohne Erfolg. Auch Stefan Puchers Version des spanischen Ritterromans droht noch vor der Premiere am Thalia Theater zu scheitern. Das Inspizientenpult ist defekt, der theaterinterne Aufnahmeleiter damit außer Gefecht gesetzt. Intendant Joachim Lux spricht ein paar erklärende Worte vor dem Eisernen Vorhang, bittet um Verständnis, warnt vor etwaigen technischen Ungenauigkeiten und lässt die Vorstellung (dennoch) beginnen. Und sie scheitert nicht. Dass hinter den Kulissen während der folgenden zwei Stunden ein organisatorisches Meisterwerk stattfindet, muss man sich regelmäßig in Erinnerung rufen, denn auf der Bühne dreht und flimmert es ungemein bunt und reibungslos.


Thalia Theater Hamburg
alt

Auf schwankendem Grund

von Rudolf Mast

Hamburg, 18. November 2011. Herbert Fritsch als Newcomer zu bezeichnen wäre deplatziert. Fritsch ist Jahrgang 1951 und seit Jahrzehnten ein gefragter Schauspieler und Filmemacher. Zudem sorgt er seit dem Jahr 2000 mit hamlet_X, einem "intermedialen Kunstprojekt", für Furore. Als Theaterregisseur aber ist er einem größeren Publikum erst seit dem Frühjahr ein Begriff, als er mit gleich zwei Inszenierungen zum Theatertreffen eingeladen war. Kamen diese beiden Arbeiten noch aus der vermeintlichen Provinz, so stehen ihm nun die großen Bühnen in den großen Städten offen.


Thalia Theater Hamburg
alt

Nachvollzug eines Lebenswegs

von Rudolf Mast

Hamburg, 28. Oktober 2011. Wenn die Bretter des Theaters die Welt bedeuten, ist die Welt dann eine Scheibe? Diese Frage stellt sich dem, der am Freitag zur Premiere von "Der Fremde" nach Albert Camus die kleine Spielstätte des Thalia Theaters in der Gaußstraße betritt und als Spielfläche eine Scheibe erblickt. Die Vorankündigung hatte leise Zweifel an dem Unterfangen geweckt, weil sie Camus' Roman als "Schlüsselwerk der Philosophie des Absurden" preist. Und auch wenn diese Einschätzung ein Werk der Prosa wohl etwas überfrachtet, bleibt die Erfahrung, dass die Welt ziemlich flach werden kann, wenn das Theater sie zu erklären versucht.


Thalia Theater Hamburg
alt

Kleider tragen Menschen

von Elske Brault

Hamburg, 1. Oktober 2011. Ein Mann, der durch die Jahrhunderte geht und dabei zur Frau wird, ein Spiel mit Geschlechterrollen und Identitäten: "Orlando" ist eine Steilvorlage für Regisseur Bastian Kraft und seinen Bühnenbildner Peter Baur. Beide haben bereits einen ähnlich gelagerten Roman als opulent ausgestattetes Vexierspiel auf die Bühne gebracht: Helene Hegemanns Axolotl Roadkill. Auch in "Orlando" geht es – zumindest in der Fassung, die Dramaturgin Beate Heine gemeinsam mit Kraft aus dem Roman destilliert hat – um das Verhältnis von Kunst und Leben, von Pose und Persönlichkeit, von Sinneseindrücken und ihrer gedanklichen Verarbeitung. Mit der Biographie der Romanfigur Orlando stellt Virginia Woolf die Frage, wie überhaupt aus einem realen Leben ein Buch werden könne. Auf der Bühne blättern die wechselnden Erzähler die Seiten eines Bilderbuchs um – ein Kunstwerk für sich.


Thalia Theater Hamburg
alt

Tickende Weltuhr im Bauch

von Georg Kasch

Hamburg, 3. September 2011. Am Anfang dreht sich nur ein Baum auf der dunklen Bühne, aus dessen wackelnder, klingelnder Krone zwei Narren purzeln, spielbereit. Am Ende liegt die Bühne wieder wüst und leer, nicht mal ein Baum schüttelt sich – aber die zwei Clowns sind immer noch da. "Ich will nicht mehr spielen, es ist doch alles sinnlos", jammert er. Und sie? Zirpt im kindlich süßesten Quengelton: "Trotzdem spielen". Bis das Licht verlischt.


Thalia Theater Hamburg
alt

… und unterm Dach das Paradies

von André Mumot

Hamburg, 28. April 2011. Die Welt wird sein, wie sie immer ist – ziemlich unromantisch und brutal. Aber immerhin geht sie ihren Gang irgendwo weit unten, wo wir ihr nicht zuschauen müssen. Nur eine Bodenluke öffnet sich, und das Ensemble verschafft sich Zutritt zu dem zweistöckigen Dachboden, der die Bühne des Thalia Theaters einnimmt: Spitz zulaufende Schrägen und schwere Holzbalken, all das schummrig beleuchtet, voller dunkler Winkel und Gerümpel, das sich zusehends vermehrt.


Thalia Theater Hamburg
alt

Schatzischmatz sucht die Revolution

von Elske Brault

Hamburg, 9. April 2011. Faust hatte nur zwei Seelen in der Brust. Der arme Wicht. Wo doch heute jedes Kind weiß, dass man seine Persönlichkeitsaktien auf verschiedenen Banken anlegen muss.


Thalia Theater Hamburg
alt

Wovon man nicht sprechen kann, muss man singen?

von Katrin Ullmann

Hamburg, 2. April 2011. Es ist ein Konzert. Und es ist Borchert. Felix Knopp spielt, nein: singt darin den Beckmann, jenen Kriegsheimkehrer, der nicht heimkehren kann. Beckmann ist ein Mann ohne Identität, ein Soldat, ein vom Krieg Traumatisierter. Er ist einer, der nach Schuld und Verantwortung fragt, er ist Mörder und Opfer und vor allem ist er einer, der draußen bleibt, "draußen vor der Tür" der Gesellschaft. Borchert schrieb das Stück 1946 zunächst als Hörspiel. Er schrieb es – so heißt es – in nur wenigen Tagen. Ein Jahr später erfuhr es seine Uraufführung an den Hamburger Kammerspielen.


Thalia Theater Hamburg
alt

Was machen wir jetzt hier?

von Elske Brault

Hamburg, 30. März 2011. Das Körber-Studio Junge Regie ist ein Treffen der Nachwuchsregisseure – und ein Wettbewerb: Der Regisseur der besten Inszenierung darf an einem Staatstheater seine nächste Produktion herausbringen. Aber der diesjährige Gewinner Gernot Grünewald will das womöglich gar nicht – einen literarischen Text zu inszenieren, kommt für ihn nicht in Frage.


Thalia Theater Hamburg
alt

Die Talente von morgen

von Elske Brault

Hamburg, 25. bis 27. März 2011. Auf der Bühne geht nichts mehr, wenn Laura Linnenbaum von der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt/Main ihre Fassung des Erfolgsromans "Schlafes Bruder" beginnt. Die Bühne nämlich ist so vollgestellt mit Lautsprechern und einem Keyboard, dass die beiden Darsteller ausweichen müssen auf den Zuschauerraum. Da scheinen sie anfangs einer von uns zu sein, Besucher wie wir: Sie kichern, prusten, amüsieren sich darüber, dass auf der Bühne nur Nebelschwaden wallen und im Übrigen nichts passiert.


Thalia Theater Hamburg
alt

Gewalt ist eine Schönheit

von Katrin Ullmann

Hamburg, 19. März 2011. Zwei Tote, die Projektion unzähliger (Atom)Explosionen auf einer rechtzeitig heruntergelassenen Leinwand und ein teilnahmslos abgehender Nikolai Stawrogin: Das ist das Ende, das Ende von Kornél Mundruczós "Dämonen"-Bearbeitung am Thalia in der Gaußstraße. Im Original, in Dostojewskis Roman von 1871/72, gibt es ebenfalls ein paar Tote, darunter auch Stawrogin: Er erhängt sich an einer Seidenschnur.


Thalia Theater Hamburg
alt

Die Tragödie als Orgelspiel

von Simone Kaempf

Hamburg, 25. Februar 2011. Sand fliegt in die Höhe. Mit beiden Armen durchpflügt Antigone den schwarzen Erdhügel und stößt so markerschütternde wie fremdländische Klageschreie aus, deren Echohall effektvoll verstärkt ist. Ihre Knie rutschen im Sand, die Hände werfen den Sand, die Augen sind orangeschattig ummalt, und es ist nicht nur Trauer, es ist allem voran Wahnsinn, der ihr in den Glieder zu stecken scheint.


Thalia Theater Hamburg
alt

Von russischer Schauspielwucht

von Daniela Barth

Hamburg, 31. Januar 2011. Volleyball. Männer und Frauen spielen sich eine Zeit lang wortlos über ein Netz einen Ball zu. Dann erscheint eine kleine, ältere Frau, die im zwar abgeklärten, aber doch tragischen Ton über ihre Vernichtung berichtet. Das wird sich wie ein roter Faden durch die ganze, dreieinhalbstündige Inszenierung ziehen. Wie auch das "Netz", das im Laufe des Abends als Absperrgitter von sibirischem Gulag wie auch deutschem KZ dienen wird. Das "Kleine Schauspielhaus" (Maly dramatitscheski teatr) aus St. Petersburg gibt sich auf Thalias Brettern die Ehre.


Thalia Theater Hamburg
alt

Wikileaks lässt grüßen

von Daniela Barth

Hamburg, 22. Januar 2011. Ein großer Abend. Ein langer, fast vierstündiger Abend. Ein verstörend ambivalenter Abend – verstörend, weil aufrührerisch, aber dabei so unaufdringlinglich (soweit man das im Theater behaupten kann). Ein Abend voller Knutschereien, Kabbeleien, mit Tränen, Blut und einem bunten, wilden, schillerschen Salat voller Intrigen. Jette Steckels "Don Carlos"-Inszenierung im Thalia Theater gerät zum Ereignis besonderer Güte und zur wunderbaren Einstimmung auf das zweiwöchige internationale Theaterfestival "Um alles in der Welt – Lessingtage", dessen Programmheft eine Vielzahl von interessanten Ein- und Ausblicken zu bieten verspricht.


Thalia Theater Hamburg
alt

Der Charme des Fragmentarischen

von Katrin Ullmann

Hamburg, 21. Januar 2011. Irgendwann im Jahr 2004 entdeckt Don DeLillo das Foto. Die Aufnahme zeigt einen Mann, der nach dem 11. September 2001 durch die Straßen irrt. Er ist voller Asche und Staub, er trägt eine Tasche. Don DeLillos Hauptfigur in seinem Roman "Falling Man" (erschienen 2007) gibt es da bereits. Doch bis dahin ist es nur eine Figur in DeLillos Kopf. Sechs Jahre arbeitet DeLillo an seinem Roman, liest, schreibt und recherchiert. Bei seiner Recherche entdeckt er jenes Foto und fragt sich "Wer ist dieser Mann? Was ist seine Geschichte? Was hat es mit dieser Tasche auf sich?" – und begibt sich fortan "wie ein Detektiv in meine eigene Handlung."


Thalia Theater Hamburg

Quote mit Shakespeare

von Rudolf Mast

Hamburg, 27. November 2010. Über Theater wird wieder geredet! In Kantinen, auf Podien und im Feuilleton, über Städte wie Dessau und Halle, Leipzig und Wuppertal. Leider geht es dabei nur ums Geld. Anlass sind zum wiederholten Male Sparmaßnahmen, die viele Theater in ihrer Existenz gefährden. Der Tenor ist dabei stets derselbe: "Finger weg von unseren Bühnen!" Der Aufschrei ist berechtigt, denn zwar stimmt, dass vor allem die Kommunen, die ja die meisten Theater unterhalten, sparen müssen. Fakt ist aber auch, dass es gute Gründe gibt, die deutsche Theaterlandschaft zu erhalten.


Thalia Theater Hamburg

Durchs Kinderzimmer am laufenden Band

von André Mumot

Hamburg, 21. November 2010. Manchmal wirkt ein bisschen Abstand Wunder. Deshalb ist es ein Segen, dass der Fall Hegemann samt Skandal längst abgeschlossen ist. Und vielleicht ist es auch ganz gut, dass die erste ernst gemeinte Dramatisierung von "Axolotl Roadkill" (nach der Puppenparodie von "Das Helmi") nicht am Ort der Handlung über die Bühne geht und Berlin somit keine Gelegenheit bekommt, sich selbstverliebt in abgefuckter Ödnis zu suhlen.


Thalia Theater Hamburg

In Gottes totem Winkel

von Ulrich Fischer

Hamburg, 20. November 2010. Das Luminato Festival im kanadischen Toronto hatte in diesem Sommer einen Schwerpunkt auf das Thema Arm und Reich gesetzt. Die Leitung bat namhafte Dramatiker aus der Dritten und Ersten Welt, Stücke zum Thema einzureichen, als Deutschen Roland Schimmelpfennig. "Peggy Pickit Sees the Face of God" wurde im Juni in Toronto uraufgeführt. Einen Tag nach der deutschsprachigen Erstaufführung im Deutschen Theater in Berlin kam nun Wilfried Minks' Inszenierung in Hamburg, im Thalia raus. Thalia, Deutsches Theater, Toronto – Schimmelpfennig genießt offenbar Vertrauen.


Thalia Theater Hamburg

Vom affigen Kriegskasper gebissen

von Daniela Barth

Hamburg, 30. Oktober 2010. Willkommen in der Talkshow. Thema: Der Krieg der Kulturen. Oder: Das Leben ist ein Witz. Und: Ja. Griechenland... und ja, Troja... Vier Männer haben sich aus den Stuhlreihen - das Bühnenbild ist ein Zuschauerraum - erhoben, in denen sie zuvor lässig lümmelten, bauen sich vorm Auditorium auf und quatschen erstmal locker drauf los. "Helena denkt, oh Mann, jetzt steh' ich in 'ner toten Möwe, das geht ja gar nicht", Julian Greis schüttelt kokett seine blonde Lockenperücke, spielt mit seinen Fingern und parliert dann weiter: "Wär' ich ein räudiger Kadaver - und nicht ich / wär' ich ein stinkendes Stück Dreck - nicht Helena / Helena - ich?"


Thalia Theater Hamburg

Durch des Stemanns holden belebenden Blick

von Katrin Ullmann

Hamburg, 22. Oktober 2010. Zuletzt hat sich Peter Stein daran gewagt. An den ungekürzten Faust, Teil I und II. 2000 war das. Für die Expo in Hannover. 30 Millionen Mark, so heißt es, kostete die Produktion für die Stein eine eigene Firma mit über 80 Mitarbeitern gründete. 35 Schauspieler bestritten die insgesamt 22 Stunden währende Aufführung. Bruno Ganz gab den Faust, Johann Adam Oest und Robert Hunger-Bühler den Mephisto, Dorothee Hartinger das Gretchen. Bis zur Ermüdung werktreu war diese Inszenierung, auch wenn Peter Stein die Zuschauer gelegentlich zwischen den Spielstätten hin- und herwandern ließ. Pathetisch, poetisch und bis ins allerletzte Detail genau.


Thalia Theater Hamburg

Musikalisierung eines verunglückten Lebens

von Michael Laages

Hamburg, 2. Oktober 2010. In ein paar wenigen Jahren ist es dem ungarischstämmigen Musiker David Marton ja tatsächlich gelungen, so etwas wie ein eigenes Genre zu kreieren. Ausgehend von den Berliner Sophiensälen erobert er mit den extravaganten Kreationen aus der eigenen Werkstatt mittlerweile die eigentlich musiktheaterfremden Schauspielbühnen: zuerst die Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, dann das hannoversche Schauspielhaus, im folgenden das Wiener Burgtheater, Det Kongelige Teater in Kopenhagen und nun das Thalia Theater in Hamburg. Dabei ist er noch immer ein Fall für Spezialisten und eine Produktion mit ihm alles andere als eine sichere Sache.


Thalia Theater Hamburg

Sein oder Sein oder was? 

von Rudolf Mast

Hamburg, 18. September 2010. "Mehr Inhalt, wen'ger Kunst." Gibt man das "i" hinzu, das Schlegel in seiner Übersetzung von 1843 dem Versmaß opferte, dann ist in diesem längst zum Sprichwort gewordenen Zitat aus Shakespeares "Hamlet", noch einmal 250 Jahre älter als die Übersetzung, ziemlich genau die Erwartungshaltung formuliert, die das Publikum, aber auch die über Subventionen entscheidende Politik, an das zeitgenössische Theater heranträgt. Welterklärung, Bildung und Orientierung stehen noch immer auf dem Auftragszettel.


Thalia Theater Hamburg

Diva an Deck

von André Mumot

Hamburg, 4. September 2010. Irgendwann fragt man sich nur noch: Wann kommt sie denn nun endlich, die Flut, und macht Schluss mit all dem Bühnenelend? Oder immerhin: Wann kommt Nadja? Das könnte zumindest Walter Giller durch den Kopf gehen, der an diesem Abend in einer der ersten Reihen im Thalia-Theater-Zelt sitzt. Denn natürlich ist er hier, weil die Frau, mit der er seit 1956 verheiratet ist, in der neuen Revue von Schorsch Kamerun einen kleinen Auftritt hat. Der erfolgt erst gegen Ende – lässt dafür aber in Sachen Pomp und Umstand und Trara nichts zu wünschen übrig. Nadja Tiller, die bereits als anrüchiges Freudenmädchen des Wirtschaftswunder-Kinos eine abgeklärte Grande Dame war, wird auf einer Tingeltangel-Sänfte ins Bühnenrund getragen: eine hoheitsvolle Senioren-Cleopatra, standesgemäß eingekleidet in schwarzem Abendkleid und Goldcape, zugleich eine morbid bedrohliche Königin der Nacht.


Thalia Theater Hamburg

Kabumm Bumm Morgentau

von Daniela Barth

Hamburg, 13. Mai 2010. Die "Bin Sa'at LTD. Import Export" hat sich im Thalia Theater in der Gaußstraße eingenistet: In dieser Firma mit dem Tiger als Emblem dient eine Garage zugleich als chaotisches Flüchtlingslager, Airport und unaufgeräumte Schauspielerwerkstatt. Darsteller Felix Knopp schlägt den Gong: Seine drei Kollegen treten an die Lesehilfen und typisieren zur Erhellung des Premierenpublikums ihre Figuren. Das übliche Werkzeug (Geste, Mimik, Kostüm, Sprache) dient hier der überspitzten Handhabung - und entbehrt einer gewissen Komik nicht.


Thalia Theater Hamburg

Im Lagerhaus der Emotionen

von Rudolf Mast

Hamburg, 23. April 2010. Am Thalia Theater geht die erste Spielzeit der neuen Intendanz zu Ende, und ein Programm auf die Beine zu stellen, dem Haus ein anderes Gesicht zu geben, das ist für alle Beteiligten ein Kraftakt. Am Ende dieses ersten Jahres steht nun eine Premiere, die auch an den Beginn gepasst hätte: "Große Freiheit Nr. 7" nach Helmut Käutners Film, der 1943 gedreht, 1944 nach der Uraufführung zensiert und erst ab 1945 ein Erfolg wurde, ist neben vielem anderem eine Liebeserklärung an Hamburg.


Thalia Theater Hamburg

Und beim Engtanz sehen wir uns nicht

von Katrin Ullmann

Hamburg, 24. März 2010. Schwermütig stimmt er eine russische Weise an. Singt und dreht sich im Kreis. Dann beginnt er sich auszuziehen, tanzt wild und wilder, sein Gesang wird verrückter. Die Arme wie Vogelflügel ausgebreitet. Gleich vergräbt er sie wieder tief in seiner Unterhose und zieht auch diese aus. Er nimmt sich den ganzen Bühnenraum und tanzt seinen durchgedrehten Tanz – bis er gewaltsam von der Bühne getragen wird.


Thalia Theater Hamburg

Hans Christian, der Freak

von Rudolf Mast

Hamburg, 6. März 2010. Wer Luk Percevals Salzburg-Berliner Inszenierung Molière von 2007 gesehen hat, wird lebhaft in Erinnerung haben, wie die denkwürdige Aufführung aus Werk und Leben eines Autors eine Art kollektive Biographie formte, um damit etwas über das Leben heute zu erzählen.


Thalia Theater Hamburg

Der Elendsfluß der Welt

von Rudolf Mast

Hamburg, 23. Januar 2010. "Football is coming home" grölen sogenannte "Fans" rund um den Globus. Anlass und Berechtigung dazu haben jedoch allenfalls die Einwohner Englands: Denn dort wurde nicht nur das Lied, sondern auch der Fußball erfunden, und, der Logik gehorchend, nur dorthin kann er heimkehren.


Thalia Theater Hamburg

Die schwarze Wahrheit unterm gelben Sack

von Simone Kaempf

Hamburg, 4. Dezember 2009. Dimiter Gotscheff und Heiner Müller sind selbstredend eine besondere Verbindung. Ihre Beziehung reicht weit zurück bis in die späten 60er Jahre, und irgendwann hat Gotscheff das Bild in die Welt gesetzt, dass er Müllers Texte immer wieder in den Gedärmen rumoren fühlt. Wenn es nicht gleich ein Müllerstück ist, montiert Gotscheff eben Müllersätze in Stücke wie in Ben Jonsons "Volpone" oder Alfred Jarrys "Ubukoenig", um das Ausmaß der Macht-, Mord-, Geld- und Staatsverhältnisse mit wohlgewählten Zitaten zu bereichern.


Thalia Theater Hamburg

Männer unter sich

 von Michael Laages

 Hamburg, 19. November 2009. Seit Elfriede Jelinek sich diesen spielerischen, kleinen Text aus ziemlich weit entfernter Zeit vorgenommen hat, und seit sich deren Übersetzung durchaus als Nach-Dichtung lesen und inszenieren lässt, stößt Oscar Wildes "Bunbury" wieder auf stark gestiegenes Interesse in den Theater-Dramaturgien; und nachdem das Stück bis dahin in den Spielplänen ein eher kümmerliches Dasein gefristet hatte, vorzugsweise als Bewährungsprobe für Regie-Nachwuchs und Assistenten, nahm sich auch Falk Richter in Wien dieses Nebenwerks im Sprachkosmos der Nobelpreisträgerin aus Mürzzuschlag an.

Thalia Theater Hamburg

Solo eines Selbstmitleids

von André Mumot

Hamburg, 15. November 2009. "Erzählen wir uns von Königen und wie sie traurig starben." Das schlägt Richard II. sich selbst vor. Wem auch sonst? Schließlich ist er, der ehemals so prunkvolle Regent, gerade entmachtet worden, sitzt im Kerker und hat nur noch die eigene Stimme, der er lauschen kann. Das tut er dann allerdings sehr ausgiebig und verzückt. Vor allem, weil ihm so klangvolle Verse einfallen, um seinen Kummer in Worte zu kleiden. "Auf nackte Erde schreibt weinend mit den Tränen das Wort Trauer", haucht er und stellt kurz darauf fest: "Ach, wär ich selbst nur so groß wie mein Gram."


Thalia Theater Hamburg

Marx under construction

von Michael Laages

Hamburg, 31. Oktober 2009. Je öfter sich Theatermacher an Romanvorlagen versuchen, desto regelmäßiger drängt sich die Frage auf, ob das denn sein muss – denn Glücksfälle wie ehedem Frank Castorfs Dostojewski- und Bulgakow-Phantasien oder in jüngster Zeit "Rummelplatz", nach dem Roman von Werner Bräunig erarbeitet von Armin Petras sind ja eher rar. Da hilft es offenbar auch nicht viel, wenn die Romanvorlage aus fremdsprachiger Literatur-Moderne stammt, wie in Hamburg "Die Marx-Saga" des Spaniers Juan Goytisolo.


Thalia Theater Hamburg

Die Stehpulte des Stemanns

von Katrin Ullmann

Hamburg, 3. Oktober 2009. Groß und Gelb wie der Mond ist er. Gleitet langsam vom Schnürboden hinab und verharrt mittig und zentral: Der Lautsprecher, das ist schnell klar, spielt die Hauptrolle an diesem Abend. Gegeben wird Lessings "Nathan der Weise" – am Hamburgischen Thalia Theater. Den Grund dafür gibt Intendant Joachim Lux: Er will Gotthold Ephraim Lessing, seine Stücke, seine "Hamburgische Dramaturgie" – kurz: seinen Einfluss – stärker ins Bewusstsein heben. Denn: "Lessing ist der Aufreger, der Stachel (nicht nur) in unserer Stadt."


Thalia Theater Hamburg

Das Leben ist ein Pappkarton

von Michael Laages

16. September 2009. Als es ans Sterben geht (und der magisch-mystische "Knopfgießer" kommt, um den eher missratenen Lebensentwurf des Sterbe-Kandidaten "umzuschmelzen" zu etwas nützlicherem), da lässt Henrik Ibsen den faustischen Helden Peer Gynt ein immergültiges Bild finden für das Leben an sich – es gleiche einer Zwiebel. In immer neuen Häutungen müssten kurz vor Schluss die Hüllen und Verpackungen weggerissen werden, bis irgendwann (und unter Tränen, es ist ja eine Zwiebel!) "der Kern" zum Vorschein komme, das ICH, das Unverwechselbare und Einmalige, das, wofür gerade dieses Leben gut und gemacht war.


Thalia Theater Hamburg

Verrat im Plattenbau

von Katrin Ullmann

Hamburg, 5. September 2009. Jonas P. Lang wollte schon immer Theater machen. Er hätte nicht Regisseur werden sollen, sagt allerdings seine Mutter einmal, lieber Biologielehrer. Doch Jonas wurde Regisseur, gründete eine eigene Theatergruppe und hatte Erfolg. Und der Erfolg hat seinen Preis. Diesen – einen Regiestuhl mit seinem Namen auf der Lehne – hat Jonas gerade verliehen bekommen, begleitet von einer Eloge voller Lügen. Höchst empört ist er darüber, ist schlechter Dinge und hat nun Magenschmerzen.


Thalia Theater Hamburg

Geiseln des Schicksals

von Daniela Barth

Hamburg, 4. September 2009. Richtig spannend wird Theater, wenn es von der Realität – der wirklichen Wahrheit sozusagen – eingeholt wird: Während der letzten Proben zur Uraufführung vom "The truth about The Kennedys"- Projekt, dessen Premiere gestern die Spielzeit im Hamburger Thalia Theater endgültig eröffnete, verstarb der letzte Patriarch des Kennedy-Clans, Edward "Ted" Kennedy, der jüngste Bruder des ermordeten Präsidenten JFK.


Thalia Theater Hamburg

Du bist Theater

von Simone Kaempf

Hamburg, 3. September 2009. Es gab also die singende Grundschulklasse, womöglich wars eine 2 b, die plattdeutsche Kleindarstellerin namens Frau Petersen, eine jugendliche Ausdruckstänzerin, eine verführerische Frau im geschlitzten schwarzen Kleid, ein Mann mit Schirmmütze, der in mehreren Sprachen deklamierte, eine lateinamerikanische Einwanderin, die "Schein oder Nicht-Schein" fragte, drei Schwarze, zwei Rollstuhlfahrer, zwei Seniorinnen, noch mehr Schulklassen, zwei Aktionsgruppen mit gesellschaftsrelevanter Botschaft. Eine repräsentative städtische Mischung eigentlich, wären da nicht auch noch die Clowns, plattdeutschen Bauerntölpel und Marlene-Jaschke-Verschnitte, von denen im Laufe des Abends etliche auftauchten und die dem Ganzen doch kaum Buntes verleihen konnten.


Thalia Theater Hamburg

Denk ich ans Thalia, dann denke ich an...

von Daniela Barth

Hamburg, 9. Mai 2009. Die Nacht steht für das Irrationale, das Geheimnisvolle, die Vergänglichkeit, den Abschied. Sie kann idyllisch sein oder martialisch. In nächtlich-diffuser Dunkelheit mutiert manch' bei Tageslicht analytischer Diskurs zur sentimentalen (Nacht-)Schwärmerei, erblühen manch' abstruse Phantasien zur bizarren Realität. Die Nacht ist eine Gauklerin. Im Thalia Theater war sie gestern außerdem über fünf Stunden lang ganz prosaisch die Arbeitszeit von Theatermachern.


Thalia Theater Hamburg

Im Regen stehengelassen

von Katrin Ullmann

Hamburg, 25. April 2009. Die tatsächliche Rührung kommt erst ganz zum Schluss. Nach dem Applaus. Wenn Intendant Ulrich Khuon die Bühne betritt und eine kleine Eloge hält auf Armin Petras, den Regisseur des Abends. Vor über acht Jahren hat Petras die kleine Spielstätte des Thalia Theaters eröffnet, war hier über all die Jahre prägend, war das "künstlerische Rückgrat". Dass ein starker Autor einen starken Regisseur brauche habe er immer wieder gezeigt, und umgekehrt ein starker Regisseur einen starken Autor.

 


Thalia Theater Hamburg

Mehr Mensch

von Simone Kaempf

Hamburg, 15. April 2009, 11 Uhr. Joachim Lux hat für seinen Start am Thalia Theater einen Wunsch: "Den Ball flachzuhalten"; es beginne etwas Neues, so Lux "das wird hoffentlich schön; das Alte war schön". Zu sagen, alles vorher war schrecklich, jetzt geht es erst richtig los, nein, das sei nicht seine Art. Und weil es auch keinen Grund dafür gibt, lautet das unausgesprochene Wort auf der Pressekonferenz im Malsaal des Thalia Theaters: Weiterentwicklung.


Thalia Theater Hamburg

Wo die Kauflust rauscht

von Kartrin Ullmann

Hamburg, 21. März 2009. "Ich will es ein bisschen so, wie es sein soll, ich will es ein bisschen wie im Fernsehen", sagt Jess (Susanne Wolff) gegen Stückende. Da ist sie frisch verheiratet, glücklich und vor allem zuversichtlich. Dieses Ende ist der Beginn, ist der glückliche Anfang einer Beziehung, deren Liebe am (fehlenden) Geld scheitern wird. Tatsächlich erzählt der britische Dramatiker Dennis Kelly in "Liebe und Geld" die Geschichte von David und Jess nur ein bisschen rückwärts, das kapitalismuskritische Krisendrama ist voller Zeitsprünge. Sicher ist nur: Das Glück steht am Ende, der Schrecken am Anfang.


Thalia Theater Hamburg

Célimènes fischteichgrüne Kontaktlinsen 

von Katrin Ullmann

Hamburg, 19. März 2009. Sie lieben, spielen und betrügen, sie lügen, lästern und begehren. Die Figuren in Molières "Menschenfeind" sind alles andere als integer, sie sind verlogen, durchtrieben und unmoralisch: Sie sind ein bitterböser Spiegel der Gesellschaft. Alceste, ein fanatischer Verteidiger von Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit, kann einfach nicht anders, er wird zum Menschenfeind. Zutiefst verachtet er Heuchelei und Lügen, Worthülsen und Schmeichelei.


Thalia Theater Hamburg

Ein Ringkampf des Fleisches

von Simone Kaempf

Hamburg, 7. März 2009. Das Licht ist Schlafzimmer-verdunkelt. Die vielen Betten sind zerwühlt. Zigarettenenden glühen in der Dunkelheit auf. Die Zigarette danach, mit der dieser Thalheimer-Abend beginnt, ist im Sinne des Liebesreigens und Wechsels von einem Geschlechtspartner zum nächsten die Zigarette davor. Wenn es jetzt los geht, ist die Stimmung bereits erhitzt, und die Dirne und der Soldat vorne an der Rampe kommen so schnell zur Sache, dass gleich die erste Szene eher einer Vergewaltigung gleicht.


Thalia Theater Hamburg

Bekannte Fratzen, gemischte Diskurse

von Michael Laages

Hamburg, 28. Februar 2009. Anno 1996 bemüht sich der auf hintergründige, oft entlarvende Interviews spezialisierte Journalist André Müller um ein Gespräch mit der deutschen Oberfeministin Alice Schwarzer. Das heißt: Er hat dieses Interview dem Wochenblatt "Die Zeit" versprochen und trifft sich nun mit ihr, um mit ihr "ins Gespräch" zu kommen. Vier Stunden lang. Der Versuch misslingt, das Gespräch wird erfolglos abgebrochen.


Thalia Theater Hamburg

No way out

von Susann Oberacker

Hamburg, 7. Februar 2009. "Wizdoaf" hat ein Witzbold mundartlich auf eine schwarze Wand geschrieben. Gemeint ist Witzdorf, der Ort des Geschehens in Gerhart Hauptmanns Drama "Vor Sonnenaufgang". Das 1889 uraufgeführte Werk hat David Bösch im Hamburger Thalia Theater inszeniert.


Thalia Theater Hamburg

Zwei Fäuste und kein Halleluja

von Daniela Barth

Hamburg, 16. Januar 2009. Mondlicht. Durch einen winzigen Spalt fällt ein gleißender Lichtkegel auf die stockdustere Bühne des Thalia-Theaters. Kleine, alte Hände schieben sich vor und baden darin. Minutenlang. Die Zeit steht still und wird zum Gemälde. Andreas Kriegenburg ist ein Bühnen-Poet, einer, der Illusionen hintupft mit scheinbarer Leichtigkeit, die derart kraftvoll sein können, dass einen vor Freude und Rührung schauert: Dass so was heute noch möglich ist. Kriegenburg ist einer, der sein theatralisches Zauber-Handwerk versteht und nicht scheut – der immer wieder mit Vergnügen seine Möglichkeiten ausschöpft, mit artifiziellen Kleinigkeiten Großartiges zu bewirken.


Thalia Theater Hamburg

Ehekrieg im Wohnmobil

von Susann Oberacker

Hamburg, 14. Januar 2009. Kollege Stephan Kimmig hatte es an den Münchner Kammerspiele vorgemacht: Hatte dort eine fulminante Inszenierung von Tom Lanoyes Stück "Mamma Medea" hingelegt, die auch bei den Autorentheatertagen im Hamburger Thalia Theater gezeigt wurde. Besser geht's nimmer, dachte der geneigte Zuschauer damals. Nicht besser, aber auch nicht schlechter und vor allem ganz anders hat nun Jorinde Dröse dasselbe Stück auf der Studiobühne, dem Thalia in der Gaußstraße, inszeniert. Während bei Kimmig Sandra Hüller als Medea im Mittelpunkt der Inszenierung stand, serviert uns Jorinde Dröse Szenen einer Ehe.


Thalia Theater Hamburg

Nabelschau im Holzkabuff

von Susann Oberacker

Hamburg, 14. Dezember 2008. Am Anfang ist Dunkelheit. Dahinein schlägt ein Herz, atmet ein Mensch. Die Klangkulisse steigert sich zu einem wilden Rhythmus, der an das Rattern eines Presslufthammers erinnert. So ohrenbetäubend beginnt in Hamburg Jette Steckels Inszenierung von Ulrich Plenzdorfs "Die neuen Leiden des jungen W." im Thalia in der Gaußstraße. Plenzdorf adaptierte in den 70er Jahren Goethes Briefroman "Die Leiden des jungen Werthers" von 1774, um die Geschichte eines Jugendlichen in der DDR zu erzählen. Die 1982 geborene Regisseurin Steckel adaptierte nun die Adaption, um eine Geschichte von heute zu erzählen. Und das ist ihr gelungen.


Thalia Theater Hamburg

Ganz schön fett für Afrika 

von Simone Kaempf

Hamburg, 18. November 2008. Die Bausünde ist verschwunden. Regisseurin Corinna Sommerhäuser hatte in ihrer Vorab-Inszenierung bei der 8. Langen Nacht der Autoren im vergangenen Sommer noch einen großen runden Maschendraht-Verschlag auf der Bühne stehen. Mal saß dahinter im Wohnzimmer Moritz, seine Mutter und ihr Ex-Mann, mal hockte Mehdi wie ein Gefangener hinter Gittern, und oft rüttelten der algerische Flüchtling und der deutsche Mustersohn laut an den Stäben.


Thalia Theater Hamburg

Wüstenritter in der Hochhaussiedlung

von Katrin Ullmann

Hamburg, 5. November 2008. "Später will ich ein Star werden mit Privatjets und Luxuslimousinen  – oder zumindest Multimillionärin. Oder einfach nur glücklich". Die junge Frau ist Anfang 20, hat viele Träume, Wünsche und Hochglanzvorbilder. Sie ist eine von uns und doch eine andere. Eine mit Migrationshintergrund, mit einer fremdartigen Herkunft und mehreren Heimaten. Sie ist eine der sieben Jugendlichen, die Anukamis Geschichte erzählen. In Nuran David Calis' jüngstem Stück "Einer von uns".


Thalia Theater Hamburg

Oktoberfest, das war einmal

von Susann Oberacker

Hamburg, 1. November 2008. "Ich hab' doch nur ein Eis essen wollen…". Karoline ist ehrlich erstaunt, wohin sie ihre kleine Sehnsucht geführt hat. Denn nach der harmlosen Eisesslust steht sie am Ende der Geschichte vor den Trümmern einer Beziehung. Zu besichtigen ist solch menschliche Tragödie im Thalia Theater in Hamburg. Hier hat Stephan Kimmig Ödön von Horváths "Volksstück" "Kasimir und Karoline" inszeniert.


Thalia Theater Hamburg

Erinnerung an den Sumpf

von Katrin Ullmann

Hamburg, 1. Oktober 2008. Eigentlich hat jeder eine. Und liebt sie wie keine andere, besucht sie oft, verbringt zeitvergessene Nächte, diskutiert sich heiser, philosophiert, trinkt, singt, tanzt. Es mag nach nassem Hund riechen, nach Klostein, zu viel Mensch und kaltem Rauch: Die Lieblingskneipe ist Rückzugsort und Ersatzzuhause, ist (über)lebenswichtig, unersetzbar und manchmal sogar Kult.


Thalia Theater Hamburg

Was man hegt, das wälzt man nicht

von Susann Oberacker

Hamburg, 20. September 2008. "Gute Schauspieler, schlechtes Stück." Der Zuschauer in Reihe zwölf hatte sein Urteil ebenso rasch wie präzise gefällt. Der Tatort: Das Hamburger Thalia Theater. Die Tat: "Happiness" – eine Bühnenbearbeitung nach dem gleichnamigen Film von Todd Solondz. Die Täter: Die Regisseurin Alize Zandwijk und der Autor John von Düffel. Wenn es doch so einfach wäre! Wenn man den "nachtkritik"-Kollegen salopp von Hamburg nach Berlin schreiben könnte: "Kinners, ich brauch nur eine Zeile."


Thalia Theater Hamburg

Der Sturm ist aus

von Daniela Barth

Hamburg, 11. September 2008. Wanderprediger-Atmosphäre im Thalia in der Gaußstraße. Eine kleinwüchsige Frau mit Kopftuch bespritzt die Hereinströmenden zu Orgelmusik mit "Weihwasser", die Hände werden mit Frotteewaschlappen sauber gerieben. Ein paar Grabkerzen flackern. Ein dürftiger Versuch, der gezimmerten "Aushilfskirche" einen sakralen Schein zu verleihen. Jeden Augenblick vermutet man den Auftritt eines Augen rollenden und irgendwie diabolisch grinsenden, in Verzückung sich windenden Predigers, der die Arme nach oben reißt und die Massen mit: "Jesus liebt euch! Yeah! Yeah!" in Ekstase versetzt.


Thalia Theater Hamburg

Volk im Schlafsack

von Daniela Barth

Hamburg, 6. September 2008. Reclams Schauspielführer von 1953 ist immer für eine Pointe gut. Denn der versteht sich wirklich noch als solcher – als Führer nämlich – und gibt auch gerne subtile Hinweise zur Regie. Zu Georg Büchners satirischem Lustspiel "Leonce und Lena", das aus heutiger Sicht hart am Absurden vorbei schrammt, aber dem es genau deshalb an aktuellen Parallelen nicht mangelt, ist beiläufig bemerkt: "Ein äußerst feines Stilgefühl beim Regisseur ist unbedingte Voraussetzung für die Wirkung des Stückes auf der Bühne."


Thalia Theater Hamburg

Papiergoldkrone und Weltbelehrung

von Dirk Pilz

Hamburg, 14. Juni 2008. Am Schluss lässt es sich Stefan Bachmann dann nicht nehmen, hinter seine legere Inszenierung einen dicken Moral-Doppelpunkt zu setzen. Held Sigismund schreitet als glücklich Geläuterter von der Bühne und verkündet dem verdutzten Personal: "Seid edelmütig! Übt Nachsicht!"


Thalia Theater Hamburg

Junge Dramatik macht Lust auf mehr

von Simone Kaempf

Hamburg, 6. Juni 2008. Vier neue, bisher noch ungespielte Stücke werden in vier Werkstattinszenierungen vorgestellt – so simpel könnte man die Lange Nacht der Autoren am Hamburger Thalia Theater beschreiben, zumindest ganz von außen betrachtet. Aber so simpel ist die Grundidee natürlich nicht oder besser: nicht mehr. Im Laufe der vergangenen acht Jahre ist der Marathon-Abend am Thalia Theater (und zuvor bereits am Schauspiel Hannover) zu einem Spektakel für alle geworden: für die Zuschauer als Abschluss der Autorentheatertage, an denen zwei Wochen lang Inszenierungen zeitgenössischer Stücke gastieren; für Dramaturgen, Regisseure, Journalisten zeigt der Dramatikerwettbewerb – der die Lange Nacht in ihrer Organisationsform auch ist –, wie die Stücke, die aus der Menge geschriebener Dramen herausragen, auf der Bühne funktionieren könnten.


Thalia Theater Hamburg

Alles aus Liebe

von Katrin Ullmann

Hamburg, 21. Mai 2008. Gleich am Anfang, bevor das Theaterlicht angeht, ruft er die Polizei. Leise spricht er in ein Mikrofon, stottert und stockt. Erstattet Anzeige. Mit einem knappen Telefonat denunziert Heinrich die jahrzehntelang untergetauchten (Ex)-Terroristen, verrät ihr Versteck in der "Villa Stahl". Sein Motiv? Die Liebe. Doch die ist danach weg. Mit einer Szene, die in Christian Petzolds Film "Die innere Sicherheit" gegen Ende vorkommt, beginnt Frank Abt den Theaterabend und erzählt die Ereignisse rückwärts.


Thalia Theater Hamburg

Tschechows traurige Clowns

von Susann Oberacker

Hamburg, 3. Mai 2008. "Stille." Mit diesem Wort beginnt im Hamburger Thalia Theater Anton Tschechows "Onkel Wanja". Stille wird auch am Ende dieser Inszenierung von Oberspielleiter Andreas Kriegenburg herrschen. Dazwischen liegen vier Akte unerfüllter Sehnsüchte. Für die hat Kriegenburg, Regisseur und Bühnenbildner in einer Person, ein traumhaftes Theaterland geschaffen. Eine Welt, in der Tschechows leblose Menschen wie traurige Clowns aussehen. In der ein Birkenwald in raschelnden Stoffbahnen vom Bühnenhimmel hängt. In der zu den Worten "ein Gewitter ist im Anzug" ein Blitz als gezackter Pfeil auf die Bühne getragen wird. Eine Welt, in der alles behauptet werden darf.


Thalia Theater Hamburg

Zwischen Trash, Komik und Gewalt

von Katrin Ullmann

Hamburg, 7. April 2008. "Man darf sich nicht beklagen. Man darf sich nicht beklagen. Es geht uns gut." Wie ein Mantra sprechen die Figuren diese Worte immer und immer wieder. Als ob die Wiederholung sie zu einer wirksamen Zauberformel machen könnte. Als ob sich dadurch das behauptete "Es geht uns gut" in ein glaubwürdiges "Wir sind glücklich" verwandeln könnte. Doch das wird nicht funktionieren.


Thalia Theater Hamburg

O, schmölze dieser allzu Feste

von Susann Oberacker

Hamburg, 5. April 2008. Der Rest ist Schweigen in Shakespeares "Hamlet". Im Thalia Theater in Hamburg ist auch der Anfang Schweigen. Regie-Minimalist Michael Thalheimer platziert zu Beginn seiner "Hamlet"-Interpretation die sechs Hauptfiguren auf einem Podest dicht an der Rampe. Dort hocken sie wortlos mehrere Minuten lang. Eine Besichtigung der Personage – unterbrochen nur vom Husten einiger Zuschauer.


Thalia Theater Hamburg

Glückssucher im Überlebenszelt

von Katrin Ullmann

Hamburg, 2. April 2008. Dunkel ist die Welt, unmenschlich und lebensfeindlich. Die Temperatur hat sich auf 60º Celsius eingependelt, die Sonne ist verschwunden und ins Freie kann man nur noch mit Schutzanzug. So sieht die Zukunft aus im Jahre 2175. Zumindest hat sie die Dramatikerin Anja Hilling in ihrem jüngsten Stück "Nostalgie 2175" so ausgemalt. Hilling, 2005 wurde sie zur "Nachwuchsautorin des Jahres" gekürt, hat es als Auftragswerk für das Thalia Theater geschrieben. Dort, am Thalia in der Gaußstraße, hat es Rafael Sanchez nun uraufgeführt.


Thalia Theater Hamburg

Suche nach der eigenen Handschrift

von Susann Oberacker

Hamburg, 20. März 2008. Was macht eine Inszenierung zu einer guten Inszenierung? Im Thalia in der Gaußstraße traf sich der Theater-Nachwuchs beim Körber Studio Junge Regie, mittlerweile bereits zum fünften Mal. Und weil der Mensch in seiner Natur ein Wettkämpfer ist, wurde am Ende dieses Treffens ein Sieger gekürt, wählte eine Jury aus drei Dramaturgen, einer Intendantin und einem Kulturjournalisten die beste Nachwuchsregisseurin. Heike Marianne Götze heißt sie. Geboren 1978 in Osnabrück. In der Schweiz studierte sie Regie – an der Zürcher Hochschule der Künste, im Departement Darstellende Künste und Film. Inszeniert hat sie "Spieltrieb" – nach dem gleichnamigen Roman von Juli Zeh, bearbeitet von Bernhard Studlar.


Thalia Theater Hamburg

Emotionale Wasserschäden

von Simone Kaempf

Hamburg, 23. Februar 2008. Wenn Blanche aus dem Badezimmer kommt, dann sieht man erst einmal ihr ausgestrecktes Bein. Ein makelloses Bein, eigentlich, das sich lang in die Luft streckt. Und doch ein Fremdkörper vor der Kulisse schwarzer Plastikbauplanen, mit denen der Raum verhängt ist. Anfangs rinnt ein Regenguss laut plätschernd wie eine sommerliche Gewitterfront die Planen herunter.


Thalia Theater Hamburg

Im Kupferstollen verschütt gegangen

von Katrin Ullmann

Hamburg, 20. Februar 2007. Ein Unglück kommt selten allein. Das weiß eigentlich jeder. Und wenn alle Unglücke irgendwann beisammen sind, ist man – zumindest in der deutschsprachigen Gegenwartsdramatik – mit Sicherheit in Deutschlands Osten. Denn im Osten gibt es noch immer nicht viel Neues und damit ausreichend Stoff für bühnentaugliche Hoffnungslosigkeit. Im Osten ist die Arbeitslosenquote schrecklich hoch, die Zukunft gänzlich abgebaut und die Gegenwart tatsächlich hart. 


Thalia Theater Hamburg

Berückende Agonie des Alltags

von Frauke Hartmann

Hamburg, 26. Januar 2008. Manchmal nimmt das Leben einen nicht ernst. Ein Kind stirbt. Und Gewalt breitet sich aus wie Wellen von einem Stein, der ins Wasser gefallen ist. Eine allumfassende Bewegung der Oberfläche, des Sichtbaren, entsteht. Unwillkürlich überträgt sich die Gewalt auf das Schicksal derer, die beteiligt sind. Bis auch wir im Publikum Beteiligte sind.


Thalia Theater Hamburg

Sternschnuppen über Mansfeld

von Katrin Ullmann

Hamburg, 13. Januar 2008. Er habe beim Schreiben immer ein Theaterstück im Kopf gehabt, nie ein Drehbuch. "Ich find' Theater geil", schwärmt Dirk Laucke im Programmheft-Interview, "wenn das ganz klar ist: Hier wird gespielt – und trotzdem packts einen! Das ist vielleicht Lego für Große."


Thalia Theater Hamburg

Wen liebt Mutter?

von Simone Kaempf

Hamburg, 22. November 2007. Fast könnte man meinen, es ist wie früher. Zwischen den Szenen läuft Popmusik, die einem sofort vertraut vorkommt, wie in den Fernsehserien, die man auch immer gleich an der Titelmusik erkennt. Da ist die Bühne fröhlich-bunt zugebaut, mit einer Küchenzeile im Vordergrund, an der sich die Figuren treffen zum neurotischen Schnellsprechen. Und diese Küchengespräche beginnen stets mit dem unverkennbaren "Ja gut". "Ja gut, ich bin deine Mutter und wir bewegen uns hier zuhause auf einer außerökonomischen Matrix."


Thalia Theater Hamburg

Unter Hip-Hop-Kiddies

von Katrin Ullmann

Hamburg, 6. November 2007. "Ich strick dir'n Pullover", sagt Pam einmal zu Len. Da rudern sie – eine umgedrehte Parkbank dient als Boot – über einen imaginären See, essen Schokolade, und die Welt scheint in Ordnung. Len (Ole Lagerpusch) sinniert über seine liebste Pulloverfarbe und Pam (Lisa Hagmeister) über ein möglichst einfaches Strickmuster. Wieder und wieder streicht sich Pam dann über ihre weißen Schienbeine und hat mit "Ich strick dir'n Pullover" den wahrscheinlich zärtlichsten Satz aus Edward Bonds "Gerettet" gesagt.


Thalia Theater Hamburg

Das soll Sittenverfall sein?

von Anne Peter

Hamburg, 27. Oktober 2007. "Ääähm... Maß für... ähh... Maß", stellt Lucio nach der ersten Szene noch mal klar, was hier gespielt wird. Fettige Haarsträhnen hängen ihm durchs Gesicht bis auf das ranzig grüne Samtjackett, in dem schlaff die langen Arme baumeln. Später lacht er dann bei jedem Auftritt ein schmieriges Lachen. Das klingt auch so: "Ähe ähe ähe". Ein müde dreckiges Lachen, in dem von Lust nichts zu spüren ist.


Thalia Theater Hamburg

So sieht Leben aus in der Discounter-Branche

von Katrin Ullmann

Hamburg, 6. Oktober 2007. Am Ende sind die Väter schuld. Die, die abwehrend die Hand erhoben haben, wenn der ungeratene Sohn mit einer neuen Lebensidee oder Weltweisheit anrückte. Am Ende, wenn Peter Vischer seinen perfekten Selbstmord beschreibt, den ohne Zeugen und ohne Vorwurfsnummer, dann findet er die Anerkennung seines Lebens, dann hört er seinen Vater "Hast Du gut gemacht" sagen.


Thalia Theater Hamburg

Viel Mensch, wenig Mythos

von Dirk Pilz

Hamburg, 22. September 2007. Am Ende dann wird Iphigenie einfach zur Tür hinausmarschieren, als sei sie mal eben auf eine Tasse Kaffe vorbeigekommen. Und Thoas, König auf Tauris, setzt sich an einen kleinen Quadrattisch, nimmt das Messer in die Hand, schaut auf seine Hände und ins Publikum: "Nun. Was ich damals verkehrt gemacht, das mach' ich jetzt wieder gut."


Thalia Theater Hamburg

Vergeblich am Haus der Liebe geklettert

von Stefanie Waszerka

Hamburg, 19. September 2007. Leise, fast unmerklich erscheinen blassgesichtige Gestalten, deren lange, weiße Haare kunstvoll zum Zopf gebunden sind oder offen über die Schulter fallen, auf einem Plexiglaslaufsteg. Dieser Laufsteg mit schmiedeeiserner Verzierung verläuft halbmondförmig über den Köpfen der Zuschauer im Foyer des Thalia Theaters in der Gaußstraße. Die Gestalten in barockanmutenden Kostümen grüßen fröhlich ins Publikum hinunter. Sie betreiben munter Konversation und erinnern an die Untoten aus Roman Polanskis "Tanz der Vampire" – ungemein elegant, stilvoll, schön, aber eben tot. Tot und gefährlich, denn dieser Chor der Blutlosen ist mit Schlagstöcken und Pistolen bewaffnet.


Thalia Theater Hamburg

Spiel über Bande draußen im Weltall

von Peter Hartwig

Hamburg, 16. Juni 2007. Statistiker wissen, dass ein Angler zehn Mal seinen Haken ins Wasser werfen muss, um einen Fisch an der Angel zu haben.
Als Finale seiner Autorentheatertage präsentierte das Thalia Theater Hamburg vier Werkstattinszenierungen von noch unaufgeführten Stücken.


Thalia Theater Hamburg

Ganze Arbeit, Null Null Smilla!

von Simone Kaempf 

Hamburg, 13. April 2007. Beim Spielen ist der Junge vom Dach des Wohnblocks gestürzt. Ein tragischer Unglücksfall, glaubt die Polizei. Nichts weist auf Mord hin. Wozu auch Mord an einem kleinen Jungen grönländischer Herkunft? Smilla aber kombiniert aus den Spuren im Schnee und den dunklen Machenschaften, zu denen sie bald führen. Dubiose Pathologen und redselige Angestellte durchschaut sie wie James Bond und Sherlock Holmes in Person, um am Ende nicht nur die Hintergründe des Mordes aufzudecken, sondern auch die geheime Existenz eines Meteorits, der in der Arktis eingeschlagen hat. Ganze Arbeit, Null Null Smilla.


Thalia Theater Hamburg

Und jetzt erzählen sie wieder

von Georg Kasch

Hamburg, 5. April 2007. Wie eine Barrikade liegt der Baumstamm quer auf der Bühne. An ihn lehnen sich die sechs jungen Menschen Anfang zwanzig, die im Mai 1968 in einer kommuneartigen Gemeinschaft leben. Ihn berührend singen sie Revolutionslieder, auf ihm balancieren sie, hier umarmen sie sich kollektiv.


Thalia Theater Hamburg

Abschied von den Prinzipien

von Dirk Pilz

Hamburg/Berlin, 24. Februar 2007. Als ein "dramatisches Gedicht", das "den Menschen zu rechtfertigen" versucht, wollte Schiller "Don Karlos" verstanden wissen. Nicolas Stemann hat mit seiner jüngsten Inszenierung am Berliner Deutschen Theater den Menschen nicht gerechtfertigt, sondern als unbegreiflich vorgeführt. Stemanns "Don Karlos" zeigt keinen Konflikt verschiedener Herrschaftsprinzipien, sondern unterschiedliche Spielarten des einen Menschenschlages. Alles überforderte Zeitgenossen, die auf der hell erleuchteten Drehbühne von Katrin Nottrodt zappeln. Getrieben von seelischer Unordnung sind sie, keine Träger von sicheren Idealen.


zurück zur Übersicht