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archiv » Theater Plauen-Zwickau (8)
Theater Plauen-Zwickau

Im Helikopter zu Helios

von Kornelius Friz

Plauen, 11. März 2017. Für ihren Göttergatten Iason, den Argonauten-Führer, hat Medea ihre Familie verraten und betrogen. Das Goldene Vlies haben sie ihrem Vater gestohlen und sich auf der Argo, einem sagenhaft schnellen Schiff, auf den Weg nach Korinth gemacht, wo sie zunächst Asyl finden. Nun muss und kann die "Medea", die Intendant Roland May am Theater Plauen/Zwickau auf Kiel gelegt hat, keine Argo sein. Und kleine Schiffe müssen sich, so der Volksmund, stets am Ufer halten. Diese Produktion lässt sich allerdings auch mit größter Mühe kaum aus dem Brackwasser der Vogtländer Weißen Elster bewegen.


Theater Plauen-Zwickau

Die Wucht aus dem Nachlass

von Tobias Prüwer

Plauen, 21. März 2015. Etwas muss dran sein an diesem Klassiker. Münchner Kammerspiele, Schauspiel Leipzig, Schauspiel Hannover; die Serie von "Maria Stuart"-Inszenierungen an deutschsprachigen Theatern allein in den letzten Wochen ist lang. Und nun Plauen. Hier macht mit Roland May der Intendant des Theaters Plauen-Zwickau selbst die Probe aufs Exempel, wie sich Schillers Werk im Spannungsfeld von Kanonanspruch für Schulklassen/Schillerfans und freimütigem Regiezugriff in die Gegenwart einfügen lässt.


Theater Plauen-Zwickau

Epigonen einer Revolution

von Michael Bartsch

Plauen, 2. Oktober 2014. Es geht deftig los auf der Kleinen Bühne neben dem Plauener Stadttheater. Der Bildschirm fängt ein, wie drei einsame Demonstranten mit Plakaten "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" auf der Straße von drei leichten Damen weggefangen werden. Unmittelbar darauf sieht man alle sechs Akteure live bei schwülem Licht in einem Etablissement wieder, das mindestens eine GoGo-Bar vorstellt. Aha, das ist also der berühmte "Auftrag" Heiner Müllers von 1979, inszeniert im postrevolutionären Zeitalter. Erst im Lauf der knapp eineinhalb Stunden wird die Sinnfälligkeit dieses Einstiegs, ja der immer wiederkehrenden Laszivität der drei Frauengestalten klarer. Seit der paradiesischen Sündenfall-Geschichte gilt das Weib als verhängnisvolle Verführerin, und auch hier steht es synonym für den verlockenden Verrat, für die Abkehr von der Idee, für den Triumph des Gewöhnlichen. Eifersucht auf die "Hure Revolution" beherrscht diese Frauen, die ihrerseits die Männer zu beherrschen suchen.


Theater Plauen-Zwickau

Widerruf mal, Marx!

von Matthias Schmidt

Plauen, 3. November 2013. Nach 20 Minuten gab es den ersten Szenenapplaus, und nach 45 klatschte das Publikum bereits rhythmisch mit. Man hatte nun im Wesentlichen zwei Möglichkeiten. Die einfache lautete, und die meisten entschieden sich dafür: mitmachen, die bunte Show genießen und sich daran erfreuen, dass das Große Haus des Vogtlandtheaters ausverkauft und offenbar glücklich ist. Das soll nicht immer so sein. Die zweite war, sich um Contenance zu bemühen, denn ein Großteil der Texte dieser als Schauspielpremiere stattfindenden Musical-Uraufführung waren, um es mal vornehm zu sagen, von einer solchen Schlichtheit, dass man es nicht für möglich gehalten hätte, sie mal auf einer Theaterbühne zu hören.


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Der Hummer in der Textilrevolte

von Tobias Prüwer

Plauen, 16. Mai 2013. "Das dürfen die nicht, oder?" Der Satz einer High-Society-Lady angesichts der aufständischen Textilarbeiter, die die Party stören, könnte auch an Marie Bues gerichtet sein. Denn die Regisseurin reißt im Plauener Theater "Die Weber" in eineinhalb Stunden herunter. Mit ordentlich Tempo und Furor geht es durch alle fünf Akte. Bevor Puristen aufstöhnen: Ihre Version bleibt erstaunlich nah am Werk und fällt doch ganz anders aus als das klassische Bühnenwerk. Denn Bues übt sich nicht nur in radikaler Reduktion, sondern mixt Gerhart Hauptmanns Sozialdrama mit einer Gegenwartskritik ausbeuterischer Textilherstellung.


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Platzangst im sozialen Raum

von Tobias Prüwer

Plauen, 3. Dezember 2011. Wenig behaglich zeigt sich die offene Bühne, als das Publikum seinen Platz findet. Im weitgehend leeren Raum dräut im Hintergrund zwischen Nebelschwaden eine Stapelarbeit aus farblosen Quadern. Die Kastenkonstruktion aus dunklem Holz, grauer Sichtbetonanmutung und Lochblechfassade erinnert an die Stadthäuser, die mehr und mehr die urbanen Räume bevölkern. Dann rollt das sechsköpfige Darstellerensemble eine Gangway herein. Es nimmt die Treppe ein und gibt als mehrstimmiger Chor den Schmerzensmann Harry Haller, der die zum Normalzustand erklärte Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben nicht hinnehmen mag. Nach diesem Prolog splittert die Gruppe auseinander und zieht in die quadratische Wohnstruktur ein – das Spiel, das Haller seinen Kopf kosten wird, beginnt.


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Vom Kaff der guten Hoffnung

von Ute Grundmann

Plauen, 9. April 2011. Von Hollywood träumen und am offenen Fenster Luckies rauchen. Das erscheint den drei Mädchen als der Inbegriff von Freiheit und Abenteuer, die sie in ihrem kleinen Ort wohl niemals finden werden. "Kaffstadt" heißt dieser Ort in Oliver Schmaerings neuem Stück "Trailer für die nahe Zukunft", als Sinnbild und Symbol für viele Kleinstädte, wie auch Plauen im Vogtland eine ist. Hier ziehen die jungen Leute, vor allem die jungen Frauen weg, weil es keine Jobs, keine Aussicht, nicht mal mehr ein Kino gibt. Rund um dieses Thema – Weggehen oder Bleiben – gab das Theater Plauen-Zwickau beim Berliner Autor ein Stück in Auftrag. Herausgekommen ist "Trailer für die nahe Zukunft" über Provinz und weite Welt, Träume und Ängste, die Sehnsucht auszubrechen, aber auch die nach Heimat.

Ausbrechen wie King Kong

Die Kleine Bühne des Theaters Plauen ist ein fast quadratischer, schwarzer Raum. In ihn hat Floor Savelkoul (Ausstattung und Kostüme) Sitzreihen aus Getränkekisten bauen lassen, an zwei Wänden entlang und in der Mitte des Raumes. Die Zuschauer sitzen teils mitten im Geschehen, das um sie herum spielt, zu Beginn aber fast wie ein Hörspiel daherkommt. Denn da stehen Julia Bardosch, Angelina Häntsch und Else Henning auf einer Empore, die nicht von allen Seiten einzusehen ist und sprechen die ersten Zeilen über "Downtown Kaffstadt". Mit solchen Zwischentiteln hat Schmaering sein Stück strukturiert, das aber keine herkömmliche Handlung bietet, sondern, in 30 Abschnitte gegliedert, mal allein, mal zu zweit, mal im Chor gesprochen und gespielt wird.

Der Beginn auf der Empore wird mit einer Kamera auf Monitore unter der Decke und an die Wand projiziert. Die Bilder verdoppeln und verfremden die Szene der drei Frauen, die in Kleidchen und Frisuren wie aus "Denver" oder "Dallas" ausstaffiert sind. Sie beklagen den Moloch, die "Fertighausmesse", in der sie leben müssen und in der sie die Wahl zwischen "Opfercasting" und "Mülltrennungspraktikum" haben. Also nichts wie raus da und nichts wie hin nach Hollywood und sei es nur im Traum. King Kong und die Weiße Frau werden zu (Kino-)Bildern und Metapher für's Zerstören ebenso wie für eine neue Welt.

Einsteigen wie Madonna

Und nun wechseln der starke, bildhafte, mal ironische, mal melancholische Text und Marie Bues' Inszenierung zwischen Kleinstadthorror und Kinoträumen: zwischen Disco-Tanz mit Wunderkerzen und Silvester in Kaffstadt, in dem die Jungs in der Pizzeria auf Italiener machen, weil das exotisch sein soll. Die Mädchen philosophieren über die "Falschheit des Weggehens" und die guten Männer, die es nur in Hollywood gibt. Bittere Beschreibung – Kaffstadt als Umzugswagen, der viel zu lange an der Raststätte parkt – wechselt mit treffender Beobachtung, wie das Geglotze der Jungs von der Mutter zur Tochter wechselt. Es gibt Madonna als Sehnsuchtsfigur, aber auch das "Projekt Abgang" – das Nichts-wie-weg, dem zwei Mütter verständnislos gegenüberstehen.

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Das alles ist relativ textlastig, teils im Schnellsprechton abgeschossen, mal real gespielt, mal mit der Videokamera auf die Wand projiziert. Wie ein Kinotrailer die besten Ausschnitte des Hauptfilms herzeigt, so geht Schmaerings Stück die einzelnen Stationen von Hoffnung, Ängsten, kichernden Mädchen-Träumen und schmerzhaftem Abschied entlang. Eine lange, fast zu lange Szene zerbricht dann am Ende alle Hollywood-Klischees in der Figur der saufenden, alternden Hollywood-Diva. Ein Schicksal, das auch den drei Mädchen blühen könnte, wenn ihr (Alp-)Traum wahr würde – also doch lieber in Kaffstadt bleiben?

Nach 100 Minuten langer Beifall für Autor, Regieteam und, vor allem, die Schauspielerinnen.


Trailer für die nahe Zukunft, UA
von Oliver Schmaering
Regie: Marie Bues, Bühne/Kostüme: Floor Savelkoul, Dramaturgie: Ulrike Carl.
Mit: Julia Bardosch, Angelina Häntsch, Else Hennig.

www.theater-plauen-zwickau.de

 

Kritikenrundschau

In Schmaerings "Stück ohne festen Handlungsstrang" reihten sich "Facetten von Lebenshoffnungen, Zukunftsängsten und Weltekel" zu "zornigen Meditationen, zum lautstarken Nachsinnen über das Hineingeworfensein in ein Leben am ungeliebten Ort", schreibt Lutz Kirchner in der Freien Presse (11.4.2011). Marie Bues habe Schmaerings Text "wie mit einem Turbo beschleunigt: Schnell, heftig, aufgeladen mit Videosequenzen und verblüffenden Bildern brachte sie das Textkonvolut um das Leben am fiktiven Ort Kaffstadt" auf die Bühne. "Was die Darstellerinnen Julia Bardosch, Angelina Häntsch und Else Hennig offerierten, hatte es in sich, steigerte sich zum Ereignis des Abends: Ohne feste Rollen surften sie von einem Charakter zum nächsten, waren Kleinstadtgören, Hollywood-Vamps, Melancholikerinnen, verkörperten Männer, Frauen, Kinder. Blickwechsel, kurze Gesten genügten." Die Aufführung jedenfalls empfehle das Stück zum Nachspielen.


Theater Plauen-Zwickau

Die Revolution verschreckt ihre Kinder

von Dirk Pilz

Plauen, 9. Oktober 2009. Das führt zu nichts. Diesen Abend so zu nehmen, wie er einem entgegentritt, in all seiner Drastik und Derbheit, mit dem lauten Trommelgetöse und zudringlichen Figurenherausbrüllen, diesem dauernden Sätzeschleudertum und Zeichengebrüll, das lässt einen bereits nach zehn Minuten innerlich auf Durchzug schalten. Hilfe!, denkt man unweigerlich, geht es nicht ein bisschen subtiler? Leiser wenigstens? Offenbar nicht.


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