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archiv » brut Wien (14)
brut Wien

Die Verbindung ist schlecht

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 11. Mai 2017. Anfangen tut's mit einem Video. Projiziert auf weißen, raumhohen Vorhang. Eine ästhetische Heldenerzählung mit Nahaufnahmen, Zigarrenrauch und Holzmobiliar. Kommentiert von einer satten, seriösen Stimme. Love Prenner, "neither man, nor woman", arbeitete als Anwältin "in a man's world". Prenner lacht, weint, lacht, weint und singt pompös. Prenner öffnet Waschmaschinen, isst Kuchen und rezitiert Gedichte. Dann ist's Video aus, der Vorhang geht auf.


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Der Superganove und die leeren Rahmen des Regimes

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 16. Dezember 2016. Von wegen Louis de Funès. Fantomas, das ist nicht nur Jean Marais mit ungesunder Gesichtsfarbe gejagt vom konfusen Kommissar Juve in den Filmen von André Hunebelle aus den 1960ern. Fantomas, das ist zuerst die Hauptfigur in über 40 von Pierre Souvestre und Marcel Allain zwischen Februar 1911 und September 1913 produzierten Kriminalromanen. Fantomas, das ist auch die utopische Figur in Julio Cortázars Erzählung "Fantomas gegen die multinationalen Vampire" aus 1975. Unter dem Eindruck des Mitte der 1970er abgehaltenen 2. Russell-Tribunals über Menschenrechtsverletzungen in Lateinamerika und Südafrika lässt der argentinisch-französische Schriftsteller seine eigene Reise nach Paris mit dem Inhalt eines Fantomas Comic-Heftes zur Auseinandersetzung mit Verantwortung verschwimmen.


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Die Bedingungen des Tinder-Matchs

von Kai Krösche

Wien, 17. Dezember 2015. Es ist schon verflixt mit der Liebe. Alle sprechen von ihr, fast alle haben eine Vorstellung davon, und fast keine dieser Vorstellungen deckt sich so ganz mit der der anderen. Dass da Missverständnisse vorprogrammiert sind, zeigt nicht nur ein kurzer Blick in das Themenrepertoire der Kunst-, Musik-, Literatur-, Film-, Theater- und Etceterageschichte, sondern werden die meisten wohl auch selbst (mal mehr, mal weniger schmerzlich) an der eigenen Seele erfahren haben. Da hilft kein Wehen und kein Klagen: "Liebe" passiert und folgt ihren eigenen, unerklärlichen Gesetzen.


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Verwirrende Softness

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 18. November 2015. "Thumbs up?", fragt sie mich. "Yes", sage ich und fühle mich überfragt. Am Ende der Performance "2 become 1" steht nämlich das intimste aller Publikumsgespräche ever. "Yes", füge ich ein wenig sinnfrei noch hinzu und lächle die drei Performenden an. Die drei, das sind: Marino Formenti, Pianist und Dirigent, Noline, Ann Liv Youngs Assistent und Sherry Vignon, Ann Liv Youngs Alter Ego. "Yes", hätte ich noch anfügen können und also auf drei Ebenen geantwortet gehabt. Als eine, die eine Performance erleben will, als eine Kritikerin und als outside eye im Entstehungsprozess einer resümierenden Performance, die am 12. Dezember im Wiener Brut gezeigt werden wird.


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Volkstanztrance

von Kai Krösche

Wien, 9. April 2015. Vor Beginn der Performance steigt bei mir die Nervosität: "hoat anda gödan / en hoat anda he" steht vorne auf dem Programmheft. Und weiter: "daxdn fan schredagram / fauzn fuada anu ble". Als zugewanderter "Piefke" in Österreich verstehe ich nur Bahnhof – und bin erleichtert, als mir mein österreichischer nachtkritik-Kollege, der heute auch dort ist, versichert, dass er ebenso ratlos sei. Eine Kunstsprache vielleicht? Eine beliebige Aneinanderreihung verschiedenster Mundart-Vokabeln? Oder vielleicht sogar wirklich ein konkreter Inhalt – aber einer, der sich verschließt? Eine Reduktion des Dialekts auf seine Laute, seinen Rhythmus und eine vom Inhalt unabhängige Essenz?


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Der heterosexuelle weiße Mann im Käfig

von Martin Pesl

Wien, 6. November 2013. Am Höhepunkt des multimedialen Rauschs sieht Performer Max Mayer aus wie der in seiner "Truman Show" gefangene Jim Carrey, der um seine Freiheit fleht. Sogar ein Not-Aus-Knopf ist im Inneren der Zentrifuge für ihn eingerichtet, weil dieser Schwindel wohl gefährlich werden kann – obwohl er sich selbst nicht bewegt, nur das ihn Einschließende um ihn herum. Dann ist die Klimax erreicht und dieser Funke einer Runduminstallation auch schon fast wieder vorbei, der Schauspieler so mitgenommen, dass er für die letzten Sätze das Skript hervorholen darf, um sich an etwas festhalten zu können.


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Sein und Nichtsein

von Martin Pesl

Wien, 5. April 2013. Haben Sie mal einen deutschen Text in ein englisches Sprachausgabeprogramm eingegeben? Das ist lustig, weil die Software auf einen für sie völlig sinnfreien Text einprogrammierte Phonetik anwendet, die blecherne Stimme dabei aber die gleiche Mischung aus Gleichmut und Engagement an den Tag legt wie sonst.


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Katholizismus mit Kürbissen

von Leopold Lippert

Wien, 14. Februar 2013. Dass Religion und Theater noch nie allzu weit voneinander entfernt waren, ist bekannt. Und dass in Wien eh nur Leute vom Land leben, bei denen die katholische Erziehung und der Gebirgstaldialekt immer ein bisschen zu viel durchschimmern, weiß auch jeder. Und doch reichen diese Erkenntnisse den fünf Rabtaldirndln, ein Performerinnenkollektiv aus dem (fiktiven!) gleichnamigen steirischen Tal, um darauf ihren "Einkehrtag" im Brut Wien aufzubauen.


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Einen Meta weiter

von Martin Pesl

Wien, 10. Mai 2011. Wie bringt man Publikum mit möglichst wenig Aufwand zum Nachdenken? Oder anders: Wie erfüllt eine Performerin am einfachsten den Stückauftrag eines Festivals? Oder wieder anders: Was mache ich hier eigentlich? Solche Fragen muss sich Ivana Müller mit dem Auftrag zu ihrer neuesten Performance-Arbeit "60 Minutes of Opportunism" in der Tasche gestellt haben, und um sie zu beantworten, brachte sie sie schlichtweg auf die Bühne.


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99.9% Stupid (aus der Zukunft betrachtet)

von Georg Petermichl

Wien, 25. März 2011. Bisher wurde "Nachhaltigkeit" im Theater z.B. mit der Anzahl der Festivaleinladungen beziffert. Oder: mit dem Potential für Wiederaufnahmen, Zeilen in der Presse-Berichterstattung. Die Wiener Off-Theatergruppe toxic dreams hat nun allerdings den "ökologischen Fußabdruck" für ihre neueste Performance-Produktion adaptiert. – Unsere Bedürfnisse verbrauchen ungemein viel Energie, und dieser Wert wird in Hektar Land pro Person ausgedrückt: Das Land, das benötigt wird, um zu pflanzen, zu züchten, zu produzieren, zu leben und um freigesetztes Kohlendioxid wieder zu binden. Pro Person sind das in etwa fünf Hektar im deutschsprachigen Raum: Wir leben ganz schön über unseren Verhältnissen.


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Dieselben Eltern, dieselbe Kindheit, dieselben Idole

von Stefan Bläske

Wien, 21. Oktober 2010. Jetzt mal ehrlich: Waren Sie mehr der Typ für Winnetou und Terence Hill? Oder für Rambo, Rocky und Schwarzenegger? James Bond? Chuck Norris? Karate Kid? Die meisten pubertierenden Jungs brauchen ihn: ihren First Action Hero. Zachary Oberzan, Performer aus New York City, war leidenschaftlicher Fan von Jean-Claude Van Damme. Er ist es noch, und steht dazu. Das Besondere an seiner Jungenphantasie: Zachary Oberzan hat die Van Damme'schen Schlachten weder brav mit Playmobil noch handfest im Pausenhof geschlagen, sondern mimetisch-theatral zuhause - mit seinem großen Bruder und einer Videokamera. Lange bevor durch "Be Kind Rewind" das "schweden" von Filmen zur Mode wurde, haben die beiden Brüder ihre liebsten Action- und Horrorfilme nachgedreht. Ein bisschen Parodie, ein bisschen heiliger Helden-Ernst.


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Spiel gegen Null reduziert

von Thomas Askan Vierich

Wien, 11. Februar 2010. Was bleibt vom Theater übrig, wenn man aufs Bühnenbild verzichtet, auf Requisiten, Schauspieler und gesprochene Sprache? Und nahezu auf jede Interaktion und Bewegung? In While We Were Holding It Together, mit dem Ivana Müller vor drei Jahren im Wiener brut gastierte, wirkten die Schauspieler eingefroren wie in einem tableau vivant. Sie bewegten sich nicht, aber sie sprachen immerhin. Und das oft recht witzig.


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Wie stirbt man Tschechow richtig?

von Stefan Bläske

Wien, 25. November 2009. Den ganzen Abend liegt er nur im Bett. Bedeckt von weißen Laken. Sein Kopf schaut raus, und alles dreht sich stets um ihn. Wir hören ihn gurgeln und husten, Sekt schlürfen und seine letzten Sätze ausstoßen. Tschechow liegt im Sterben, und wir sollen Experten dieses historischen Moments werden. Dafür wird er uns wieder und wieder vorgespielt, in allen überlieferten Varianten. Und derer gibt es viele.


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Gut bestallt und schlecht behaust

von Georg Petermichl

Wien, September 2007. Im vergangenen Jänner, Haiko Pfost und Thomas Frank waren da gerade erst als Leitungsduo für die Zukunft des Wiener dietheater Künstlerhaus installiert, wurden sie nach ihrer Wahrnehmung der Wiener Theaterszene gefragt. "Wenig Durchlässigkeit zwischen Hoch- und Offkultur", das war ihre knappe Antwort im gift, der Publikation der Interessensgemeinschaft für freie Theaterarbeit (IGFT).


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