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archiv » Schauspiel Stuttgart (132)
Schauspiel Stuttgart

Schöner untergehen

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 13. April 2017. Die Abreise kommt vor der Ankunft. Denn dieser "Kirschgarten" beginnt mit dem letzten Akt: Lethargische Stimmung herrscht auf der Bühne. Die Entourage der Gutsbesitzerin Ranjewskaja döst vor sich hin, auf blankem Boden liegend, barfuß, die Körper ineinander verräkelt. Links eine leere Sektpulle, rechts ein Grammophon. Die einen küssen sich, schmusen, ein anderer ist mit seinem Mobiltelefon beschäftigt. Derweil balanciert die Ranjewskaja in blutrotem Hosenanzug den Rampenrand entlang, wo auch der alte Diener Firs sitzt und schweigt. Der Gitarrist Philipp Weber zupft sachte Klänge zu glockigem Sampling, und jemand summt leise eine kleine Melodie (meditative Zwei-Akkordmusik wird den ganzen Abend unterlegen).


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Auf dem Band

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 11. März 2017. Matti Krause läuft und läuft und läuft. Stoisch, gleichmäßigen Schrittes. Auf dem Laufband mitten auf der Bühne, einem quadratischen, von weißen Vorhängen umschlossenen Tanzsaal im Fünfziger-Jahre-Design, der sich immer wieder rasant um sich selbst dreht, auch manchmal von stürmischen Wetterverhältnissen durchpustet wird, die die Vorhänge zausen. Krause ist Hans Beumann, einer der vier Protagonisten in Martin Walsers erstem, 1957 erschienenen sozialkritischen Roman "Ehen in Philippsburg", der jetzt – erstmals für die Bühne bearbeitet – im Stuttgarter Schauspiel Premiere hatte.


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Auf dem Albtraum-Dampfer

von Steffen Becker

Stuttgart, 18. Februar 2017. Das Dienstmädchen breitet seine Arme aus, schaut verträumt in die Ferne, hinter ihr baumelt ein Rettungsboot der SS Titanic. Aber es erschallt ein Nebelhorn und nicht Celine Dion. Nicht Leonardo di Caprio hält sie in den Armen, sondern ein kaputter Trinker. Und die dunkle Schiffswand ist "nur" ein Symbol für Ausweglosigkeit: Am Ende "Eines langen Tages Reise in die Nacht" ist die Familie Tyrone ertrunken im Meer ihrer Traumata.


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Melancholie und Schmiere

von Steffen Becker

Stuttgart, 18. November 2016. Theater als Spiegel der Gesellschaft, Theater als Ort der progressiven Formen, die tradierte Sehgewohnheiten brechen und Denkmuster in Frage stellen? Hmmm, Frage in die Runde: Hat da jemand Bock drauf? Ach Quatsch, schieben wir diesen verquasten Feuilleton-Mist mal beiseite, fühlen uns in rüschigen Kostümen wohl, toben über die Bühne und machen die Zuschauer glücklich. Das in Kurzform ist der Eindruck, den gewinnen kann, wer Sebastian Hartmanns Interpretation des Schwanks "Der Raub der Sabinerinnen" in Stuttgart beiwohnt.


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Überall Kindfrauen?

von Steffen Becker

Stuttgart, 3. November 2016. Der Tag beginnt mit der Lektüre einer Schlagzeile über Kinderehen. Der Abend startet mit einem blonden Mädchen in kurzen Jeans, Mickey-Mouse-Shirt und Zopf, das eine Fanta trinkt. Hinter ihr – auf der Bühne der Stuttgarter "Lolita"-Inszenierung – steht ein sie anstarrender Mann. Er strahlt sexuelle Energie aus, er ist noch nicht alt, er sieht gut aus – und ist so fixiert auf das Mädchen, dass man im Publikum fürchten muss, dass er sich jeden Moment den weißen Anzug vom Leib reißen und sie sich nehmen werde.


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Schwabo-Comedy zu heiß gewaschen

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 29. Oktober 2016. Der Matthias geht zur Bundeswehr, der Devid wird ein "Radikalidingsda" und geht zum IS, und der Flüchtlingsjunge Rashid ist glücklich, dass er eine Lehre beim Waffenhersteller "Lecker & Loch" bekommen hat. Von der Arbeit bei "Lecker & Loch", das eines der weltweit meistverkauften Sturmgewehre herstellt, lebt ein ganzes schwäbisches Dorf. Aus dem stammen auch Devid und Matthias. Und in einem Land im Nahen Osten, aus dem Rashid einst floh, stehen sich Devid und Matthias dann gegenüber, mit Waffen aus "hiesiger" Produktion, der Firma, in der Rashid gerade seine Lehre macht. Und zufällig erschießen sich Matthias und Devid an der Front gegenseitig, ohne sich erkannt zu haben.


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Ich bin ein Anschluss-Fehler

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 1. Juli 2016. Autokino? Kenne ich nur aus dem Film. Aus "Grease", wo John Travolta sich an Olivia Newton-John ranmacht und sie vor ihm flieht. Autokino spielte in meiner Jugend keine Rolle. Wir gingen lieber ins richtige Kino. Ich käme auch heute nie auf die Idee, in ein Autokino zu fahren. Ich besitze weder einen PKW noch einen Führerschein, wofür ich hier in Stuttgart gelegentlich angeguckt werde, als sei ich ein exotisches Insekt.


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Am wärmenden Fegefeuer

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 11. Juni 2016. Eine hübsche Nase hatte Kleopatra, groß und spitz. In den Asterix-Comics jedenfalls geriet Cäsar darüber in Verzückung. Und auch Wolfgang Michalek am Staatstheater Stuttgart steht seine auffällige Nase nicht schlecht. Er steckt sie sich als Tschitschikow gleich zu Beginn ins Gesicht: Riesig ist sie und sehr krumm, eben genauso markant wie das Spiel des großen Verwandlungskünstlers. Als er sie am Ende zum Verbeugen absetzt, fehlt etwas. Michalek hat sich in den Papp-Zinken hineingespielt. Diese Reminiszenz an Gogols Erzählung "Die Nase" von einem, der selbige verlor, ist nett. Und Gogols Antlitz selbst soll ja auch ein übermäßig langer, spitzer Gesichtserker geziert haben.


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In Anmut sterben

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 7. Mai 2016. Nein, das verkündet wahrlich nichts Gutes: der dunkelrote Vorhang im Bühnenhintergrund, der sich Millimeter um Millimeter bedrohlich nach vorne schiebt, begleitet von flüsternden, metallisch sirrenden Elektroklängen. Dann sieht man plötzlich nackte Füße, die unterm Vorhang hervorlugen, und langsam schält sich ein großer, kräftiger Mann heraus, der, ansonsten nackt, in einem mehrlagigen, schwarzen Tüllrock steckt, der ihn wie einen Schutzwall umgibt: Peter Kurth alias Willy Loman, der gescheiterte, lebensmüde Vertreter einer New Yorker Firma, dem Arthur Miller schon im Titel das baldige Ende voraussagte. So beginnt Robert Borgmanns Inszenierung des US-amerikanischen Bühnenklassikers von 1949 "Tod eines Handlungsreisenden" im Stuttgarter Schauspielhaus.


Schauspiel Stuttgart

Kein Frieden, nirgends

von Steffen Becker

Stuttgart, 17. März 2016. "Nathan der Weise", DAS Plädoyer für Toleranz, feiert Premiere am Schauspiel Stuttgart. Auf dem Weg ins Theater wartet schon die erste Übung auf das Bildungsbürgertum. Er führt vorbei an rumänischen Familien, die im Schlosspark campieren. Die sind für die Stadt Stuttgart zu einem Problem geworden, das zu lösen (und sie loszuwerden) bereits der rumänische Konsul zum Gespräch gebeten wurde.


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In Trümmern von Liebe und Krieg

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 11. März 2016: Als wäre es eine Szene aus dem Kult-Gangster-Film "Außer Atem": Auf der Leinwand sieht man ein Liebespaar knutschen: er mit Hut, sie mit großen, verträumten Augen. Alles in edlem Schwarz-Weiß. Die machen was her, in ihrer hippen Ästhetik: die vielen Filmeinblendungen, die den Abend takten. Und dazu hört man stilecht Miles Davis' Trompetenspiel.


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Frieden? Wie langweilig!

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 20. Februar 2016. Eine Paraderolle für Astrid Meyerfeldt: die Klytaimnestra. Erschreckend, wie sie im Streit plötzlich auf ihre Tochter Elektra zuschießt wie eine Klapperschlange, scharfe Zischgeräusche durch ihre Zahnlücke presst und daraus eine pudrige Wolke aus feinsten Spucketröpfchen erwächst, die ihr nunmehr vorauseilt. Grandios wie sie – zierlich, in schwarzen Gummistiefeln, das rote Kleid geschürzt, mit blutverschmiertem, schwerem Hackebeil, das sie kaum tragen kann – die Plastik-Leichensäcke ihres Gatten Agamemnon und seiner trojanischen Geisel Kassandra auf die Bühne schleift und triumphierend deklamiert: "Meisterlich gelang das Werk!" Aber hallo. Daran zweifelt niemand in diesem Augenblick.


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Der König ist tot. Es lebe die Königin?

von Steffen Becker

Stuttgart, 5. Februar 2016. Als meine Mutter mehrere Jahre nach dem Tod meines Vaters einen neuen Lebensgefährten gefunden hatte, fragte sie mich (mehrmals), ob ich etwas dagegen hätte. Ich fand das irritierend – warum sollte ich opponieren, wenn sie nicht mehr allein und wieder glücklich war. Erst später kam ich auf den Gedanken, dass sie die Frage vielleicht gar nicht an mich gerichtet hatte, sondern über mich an ihn – den König.


Schauspiel Stuttgart

Hirschgeweih auf der Dornenkrone

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 31. Januar 2016. Ausziehen, anziehen, umziehen! Männer rein in die Frauenklamotten: Stilettos, Perücken, Röcke. Frauen raus aus denselben bis auf die Unterwäsche. Dann alle rein ins Tier-Outfit, ob Fuchs, Wolf oder Vogel. Hirschgeweih aufgesetzt! Eine Affenhorde stürmt die Bühne. Hauptsache animalisch. So ist sie halt, die Sexualität. Calixto Bieito inszeniert am Stuttgarter Schauspielhaus Henry Purcells Semi-Oper "The Fairy Queen" von 1692 – frei nach Shakespeares "Sommernachtstraum" – als ein grell-buntes, schön obszönes Musical-Theater – wie es seine Art ist. Fröhlich werden Kostüme und damit Identitäten gewechselt. Wer ist wer? Wer treibt's mit wem? Wer hat die reizendste Unterwäsche und wer den schönsten Arsch? Egal. Sie küssen sich, jeder jeden, sie zittern vor Lust, fallen übereinander her, sie kopulieren, sie prügeln sich.


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Prosperos Pranke

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 11. Dezember 2015. Am Ende muss Prospero, der Zauberer, doch auf der Insel bleiben. Die Personage der dekadenten Neapolitaner und Mailänder, aber auch Prosperos Tochter werden, wie auf einer Scholle sitzend, von der Windmaschine Ariels einfach weggeblasen. Der Zwischenvorhang senkt sich, und Prospero rennt gegen Wände. Ist es ein Albtraum? Wirklichkeit? Machtlos ist Prospero, kann nicht mehr zurück in seine alte Welt.


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Lokomotive der Geschichte

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 22. Oktober 2015. Eklig: Matti Krause als fette Kakerlake fällt über Johann Jürgens' Bein her, haut seine Zähne ins Gliedmaß, das eh schon ziemlich blutig ist, auch weil es zuvor (oder war es danach?) von Astrid Meyerfeldts Messer operativ bearbeitet wurde. Jedenfalls hat Meyerfeldt Blutspritzer im Gesicht. Und wieder einmal an diesem Abend wurde ganz real und bildlich der sprichwörtliche Finger in die Wunde gelegt: in die Wunde der "Revolution", des "Kommunismus" oder was sonst noch so zu den Themen passt, die Andrej Platonows Roman "Tschewengur" aufwirft.


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Übereinander-Rutschen auf glitschigem Grund

von Steffen Becker

Stuttgart, 2. Oktober 2015. Anton Tschechow erreichte seinen Durchbruch als Theaterautor, weil seine Werke als "melancholische Stimmungsdramen" inszeniert wurden. Glücklich war er mit dieser Interpretation nicht. "Dazu habe ich sie nicht geschrieben. Stanislawski war es, der sie so rührselig gemacht hat. Ich wollte etwas ganz anderes. Ich wollte einfach und ehrlich sagen: schaut euch an, seht doch, wie schlecht und langweilig ihr euer Leben führt!", klagte er in einem Brief.


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Im Kloster der unbarmherzigen Brüder

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 11. Juli 2015. Es riecht nach Moder. Die dunklen Mauern, die matt glänzen wie Schiefertafeln, umschließen nicht nur die Bühne, sondern auch die Zuschauerreihen. Die fünf Schauspieler waten, stehen, liegen, springen, tollen in knöchelhohem Wasser. Sie schlucken es und spucken es wieder aus, prügeln sich darin, vollführen exaltierte Tänze und Huckepack-Spiele, hüpfen kopfüber hinein, um einige Meter auf dem Bauch zu schliddern, oder bleiben plötzlich wie Tote drin liegen. Nur wenn sie am Rand, auf dem kleinen Mauervorsprung, balancieren, stehen sie im Trockenen.


Schauspiel Stuttgart

Wirf Dich in alle Häute

von Steffen Becker

Stuttgart, 20. Juni 2015. "Wer bin ich und wenn ja, wie viele", lautet eine aktuelle populärphilosophische Frage. Henrik Ibsen hat sie mit "Peer Gynt" schon vor fast 150 Jahren gestellt. Christopher Rüping beantwortet sie in seiner Inszenierung am Schauspiel Stuttgart mit "5 Frauen und ein Promi". Entgegen den Geschlechterhöflichkeiten erwähnen wir ihn zuerst. Edgar Selge spielt die Hauptfigur (die meiste Zeit zumindest) und zunächst denkt man, der Beginn der Aufführung sei der Huldigung an den Star geschuldet. Attraktive, junge Frauen hauchen ehrerbietig "Peer Gynt" ins Mikro und eine Wand nach der anderen wird beiseite geschoben. Bis schließlich ein laut Regieanweisung "kräftig gebauter Mensch von Anfang 20" die Bühne betritt.


Schauspiel Stuttgart

"Wir akzeptieren die Änderung!"

von Steffen Becker

Stuttgart, 14. Mai 2015. "Was bleibt übrig?", lesen wir Zuschauer laut von einer Leinwand ab. "Das ist die erste Produktion, in der man meinen Namen kennt", antwortet eine Mitwirkende am Ende der Performance "Einige von uns", die das Performance-Kollektiv She She Pop mit MitarbeiterInnen des Staatstheaters Stuttgart auf die Bühne gebracht hat. Im Dunkeln des Bühnenrandes kann man leider nicht erkennen, wer spricht. Aber es klingt wie die Stimme der Dramaturgin. Sie hatte zuvor offenbart, dass sie ihren Bekannten erklären müsse, wozu man eine Dramaturgin überhaupt braucht – zum Beispiel, um aus einem 800-Seiten-Roman ALLE Stellen in direkter und indirekter Rede rauszusuchen, damit daraus eine Bühnenfassung wird. In Rezensionen liest man davon nie etwas. Das ist ungerecht, denkt sich der Rezensent und schämt sich. Er wird aber im nächsten Moment schon von der Diskussion abgelenkt, ob er als Teil der "Zuschauerschaft" erschossen werden sollte.


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Friedhof mit Meeresblick

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 10. Mai 2015. Wellenbrecher, grau in grau, türmen sich auf. Abweisend und militant wirken diese Tetrapoden: Betonblocksteine, die sich zum Schutz der Küste in den Sand krallen, um die Kraft der Meereswellen, die gegen das Ufer schlagen, zu entschärfen. Auf der Bühne des Staatsschauspiels Stuttgart, wo jetzt Lars von Triers preisgekrönter Film "Breaking the waves" von 1996 in einer Adaption gezeigt wird, besitzen die hässlichen Ungetüme allerdings nicht die bewährte dreiarmige Gestalt, sondern die Form von Kreuzen. Drüber wabert Nebel. Ein einfaches, wirkungsvolles Bild, bedrückend und düster, das Bühnenbildner Falko Herold und Regisseur David Bösch eingefallen ist, um darin das Drama von Bess zu implantieren, der jungen Frau, die in einer militant-religiösen, inzestuösen Gemeinde an der Küste Schottlands an ihrem Umfeld, den Ereignissen und ihrer großen Liebe zugrunde geht.


Schauspiel Stuttgart

"Gott ist tot. Sex lebt"

von Steffen Becker

Stuttgart, 18. April 2015. Achtung: Parental Advisory! Sie wissen schon, dieser Aufkleber auf Tonträgern, wenn in einem Lied das Wort "fucking" vorkommt. Für diesen Text über Sebastian Hartmanns Stuttgarter Inszenierung des Clemens Meyer-Romans "Im Stein" gilt der Hinweis "ungeeignet für Minderjährige" in verschärftem Maße.


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Scheiße, Scheiße, Scheißkrieg!

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 6. März 2015. Auf der Bühne wartet schon ein Kaninchen: in Gestalt der Tänzerin Brit Rodemund, die in einem weißen Bunnyoverall steckt. Das Kaninchen performt dann mit traurigem Gesicht eine Mischung aus Zittern, Zucken, Zappeln. Wer sich den Plot des Dramas "Mord" vorher vergegenwärtigen konnte – im Programmheft des Stuttgarter Staatsschauspiels ist solch Nützliches wie so oft nicht zu finden –, kann es sich denken: Das Karnickel – als Symbol der Unschuld und des Beuteopfers – muss der Palästinenserjunge sein, der gleich von drei israelischen Soldaten getötet wird. Warum dieses Angsttanz-Intro so lange dauert, mindestens zehn Minuten, will sich freilich nicht erklären. Schon bevor der Abend richtig anfängt, schläfert er sich selbst ein. Dabei folgt dann doch noch eine ziemlich schrille Revue.


Schauspiel Stuttgart

Wunder sind nicht zu erwarten

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 28. Februar 2015. Sie quarzen, was das Zeug hält. Vor allem der todkranke Ippolit raucht eine nach der anderen. Das ganze Theater ist zudem eine einzige mit Kunstnebel befeuerte Dunstwolke, und später kommt noch ein qualmendes Öfchen dazu. Dostojewski selbst soll beim Schreiben ja auch eine Zigarette nach der anderen geschmaucht haben. Die verbliebenen elf Protagonisten von Dostojewskis Roman "Der Idiot" in der Stuttgarter Inszenierung und Bühnenbearbeitung von Martin Laberenz umweht also so etwas wie der Urnebel ihrer Schöpfung.


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Im Weltenwahnsinn

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 18. Januar 2015. "Ich kann mir nicht vorstellen, wie ein Mensch so töricht sein kann, sich zu erschießen." Wäre ja auch ein Wunder, wenn der gefühlskalte, skrupellose Albert das verstünde. Werthers bis zum Hals bewaffneter Konkurrent in Sachen Liebe knallt, während er's spricht, ganz nebenbei Elefanten, Kängurus und allerlei seltsames Gefieder ab (gespielt vom skurril kostümierten Ensemble). Werther steckt sich die Waffe lieber in den eigenen Mund: Das bisschen Verstand, das ein Mensch habe, zählt eben wenig, "wenn Leidenschaft wütet und die Grenzen der Menschheit einen drängen".


Schauspiel Stuttgart

"Antigoneeeee – wo biiiiist duuuuu?"

von Steffen Becker

Stuttgart, 10. Januar 2015. "Im Theater muss man die Räume wieder instabil machen (...) Wir wollen uns mit dieser Arbeit fragen, wie weit man mit dem Theater als Live-Medium gehen kann (...) Der Text muss dem Schauspieler fremd bleiben." Der Regisseur und Choreograf Laurent Chétouane kündigt im Programmheft zu seiner Antigone an, dass am Staatstheater Stuttgart keine Tragödie aufgeführt wird, sondern eine Grenzüberschreitung. Dazu gehört, dass es keine Antigone gibt in "Antigone".


Schauspiel Stuttgart

Musik im Geisterhaus

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 20. Dezember 2014. Klar, berühmte Pianistin ist gleich Rabenmutter. Liegt in der Natur des Berufs. Wen wundert's? Häufige Abwesenheit, hartes Training, ständiger Erfolgsdruck, künstlerische Egomanie. Nur wenn's bei der Arbeit nicht mehr läuft, muss die Familie herhalten. Und dann Gnade ihr Gott.


Schauspiel Stuttgart

Im Wirbelwind der Lüste

von Thomas Rothschild

Stuttgart, den 12. Dezember 2014. Eine junge Frau im strengen schwarzen Kleid mit weißem Krägelchen, wilder Mähne und einer Plastikreisetasche an der Schulter wie eine Touristin aus Osteuropa kommt mit ihren zwei Brüdern nach Paris. Es ist Denise Baudu, und weil ihr Onkel keine Arbeit für sie hat, sucht sie eine Anstellung im Warenhaus "Paradies der Damen" gleich gegenüber, wo sie erst einmal von ihren Kolleginnen getriezt wird. Sandra Gerling spielt diese Denise, und sie ist das Abenteuer des Abends. Sie beherrscht die Meisterschaft der Andeutung, ist bis zur Pause der ruhende Pol inmitten grotesker Übertreibung.


Schauspiel Stuttgart

Dieses düstre Industriezeitalter

von Steffen Becker

Stuttgart, 15. November 2014. Ein Intendant ist ein armes Schwein: Für alles verantwortlich (gemacht) – für die Inszenierungen seines Hauses, den Etat, das Interieur, die Ausstattung der Bar... Dass er auch noch für Schauspieler in die Bresche springen muss, gehört dagegen nicht unbedingt zum Anforderungsprofil. Doch in Stuttgart zwingt ein Bühnenunfall (Anm. d. Red.: von Wolfgang Michalek; am 21. November gibt das Staatsschauspiel Stuttgart bekannt, dass Michalek auf "für eine längere und momentan noch nicht absehbare Zeit" nicht spielen können wird) am Tag vor der Premiere Armin Petras auf die Bühne seiner Inszenierung von Wilhelm Raabes Roman "Pfisters Mühle". Über Nacht war kein Ersatz zu bekommen. Da steht er nun – ohne Schauspielausbildung, eine Premiere für ihn im doppelten Sinne. Und sie gelingt.


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Wegschauen, weghören, wegducken

von Adrienne Braun

Stuttgart, 8. November 2014. Es macht "pardauzawummpeng" – und schon hat Rainer eine Faust im Gesicht. "Zack" – und sein "schöner Secondhändglascouchtisch" ist zerhauen. Später drücken die drei Jungs ihre Kippen auf ihm aus, sodass Rainer zuckt wie ein "Hoppelhäschen". Pennytüte über den Kopf und zugedrückt. Und der Kanister mit dem Benzin, den haben sie auch dabei. Danny, Rille und Micha im Einsatz gegen das Unrecht. Denn Rainer, da sind sie sicher, hat bei "irntwelchen Wänstern in der Hose" rumgewühlt, rumgefühlt. "Hängt hier aufm Spielplatz rum", sagen sie, "und dann spielter an dem Klein seim Pimmel rum". Kein Zweifel: Rainer ist ein "Kinderficker".


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Vertrautes Terrain

von Thomas Rothschild

Stuttgart, 5. Oktober 2014. Der Titel erweckt Erwartungen: "Du weißt einfach nicht, was die Arbeit ist." Er wird an diesem Theaterabend vier Mal so oder so ähnlich gesprochen. Wer nun aber hofft, auf die implizierte Frage eine Antwort zu erhalten, kennt René Pollesch nicht. Einmal setzt Astrid Meyerfeldt zu einer Erklärung dafür an, was die Arbeit ist: "Wissen wies geht, und nichts dazu machen."


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So sterben Arschlöcher

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 26. September 2014. "Was gibt's Neues in unserem Wackelstaat?", fragt Lord Hastings (Elmar Roloff), bevor er, wie die meisten anderen, sterben muss. Ach so, jetzt schnackelt's beim Zuschauer in Sachen Bühnenbild – gespielt wird durchweg auf einer runden, langsam rotierenden, blutroten Fläche, die mal nach hinten, mal nach vorne kippelt: In Englands Gesellschaft ist halt der Wurm drin. Die Machtverhältnisse ändern sich von Tag zu Tag, immer entlang einer fetten Blutspur.


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Aua, das tut weh, das Leiden

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 12. Juli 2014. "Literaturwürste" und "Schimmelbilder", "Köttelkarnickel"-Skulpturen aus Hasenmist, Gartenzwerge einbetoniert in verrottende Schokolade: Dieter Roths Fantasie in Sachen Irritation durch Kunst war unerschöpflich. Und natürlich widmete sich der fleißige Aktionskünstler – überdies Musiker, (Selbst-)Verleger, Architekt, Filmemacher, Designer – dem Schreiben. Auch fürs Theater: 2012 sorgte Herbert Fritschs Inszenierung von Roths Murmel Murmel von 1974 an der Berliner Volksbühne für Furore: ein Werk, das auf 176 Seiten ein einziges Wort manisch wiederholt: "Murmel!" Es geht bei Roth natürlich nie um die Sprache als Bedeutungsträger und Sinnstifter, sondern immer um die Sprache selbst – und das im durchaus körperlichen Sinne: Um ihren Klang, ihre grafische Darstellung, ihre Struktur. Der Un-Sinn seiner Texte bringt sie in die Nähe des Dada.


Schauspiel Stuttgart

Nachrichten aus der ideologischen Antike

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 12. Juni 2014. "Und der Haifisch, der hat ..." Hundertfach gehört. Die Brecht-Weill'sche "Dreigroschenoper": beliebtestes Theaterstück aller Zeiten. Abgedudelt, abgenudelt inklusive ihrer Sentenzen: "Erst kommt das Fressen ..." – "Denn die Verhältnisse, die sind nicht so ..." Ihre Songs umkreisen seit der Uraufführung 1928 die Unterhaltungsbranche wie Satelliten. Wie bringt man das heute noch glaubhaft auf die Bühne, diesen Spagat zwischen witziger Opernparodie und gesellschaftskritischem Lehrstück über Gier, Gewalt und Korruption?


Schauspiel Stuttgart

Die weichen Lippen des Faschismus

von Steffen Becker

Stuttgart, 22. Mai 2014. Konformität! Danach streben wir. Fast alle. Immer. So legt es jedenfalls das Begleitheft zur Inszenierung der Novelle "Mario und der Zauberer" von Thomas Mann nahe und fordert zu einem Gedankenexperiment auf. Weil wir Menschen uns nicht von Moral leiten lassen, sondern viel stärker von dem Gedanken, Normen nicht zu verletzen, soziale Anerkennung nicht zu riskieren – würden wir also als Soldaten in ein Dorf einmarschieren und Einwohner selektieren, wenn wir nur so vor anderen gut dastehen? Der Text des Soziologen Harald Welzer sagt Ja. Das Zuschauer-Ego wehrt sich. Ist zu sehr vom Ende her gedacht. Und das, bevor der Abend begonnen hat.


Schauspiel Stuttgart

Das löchrige Wort Sehnsucht

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 10. Mai 2014. – Sagt der Delinquent, als er am Montag zur Hinrichtung geführt wird: "Na, die Woche fängt ja gut an." Sigmund Freud schrieb über solcherlei (Galgen-)Humor, er habe etwas "Großartiges", das in der siegreich behaupteten Unverletzlichkeit des Ichs liege: "Das Ich verweigert es, sich durch die Veranlassungen aus der Realität kränken, zum Leiden nötigen zu lassen, es beharrt dabei, daß ihm die Traumen der Außenwelt nicht nahegehen können, ja es zeigt, daß sie ihm nur Anlässe zu Lustgewinn sind."


Schauspiel Stuttgart

Wahrheit ist Arbeit

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 20. April 2014. "Jede Familie hat ein Geheimnis", lautet der Untertitel von Thomas Vinterbergs und Mogens Rukovs Film "Das Fest" von 1997, Gründungsdokument des dänischen Dogma-Handkamera-Kinos. Es geht darin um den sexuellen Missbrauch eines Vaters an seinen Kindern, der unter den Teppich gekehrt wurde wie in so vielen Familien – nach wie vor ein brisantes gesellschaftliches Thema. Die Dunkelziffern sind hoch. Befragungen, die nicht angezeigte Fälle betreffen, kommen stets zu katastrophalen Ergebnissen und besagen, dass 15 bis 30 Prozent aller Mädchen und 5 bis 15 Prozent der Jungen in ihrer Kindheit Opfer von sexuellem Missbrauch wurden. Kindesmissbrauch kommt in allen Gesellschaftsschichten vor und betrifft somit die gesamte Bevölkerung.


Schauspiel Stuttgart

Dalí lebt!

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 29. März 2014. Kennen Sie den? Kommt ein Autofahrer in eine Polizeikontrolle: "Ich habe nur Tee getrunken." Sagt der Polizist: "Ja, dann haben Sie jetzt genau 1,8 Kamille." Oder den: Geht ein Cowboy zum Friseur. Als er rauskommt, ist sein Pony weg.


Schauspiel Stuttgart

Hol mir den Mond, du Pferd!

von Steffen Becker

Stuttgart, 15. März 2014. Caligula – ein Name mit starken Assoziationen. Der römische Kaiser machte sein Pferd zum Senator, gab sich unglaublichen sexuellen Ausschweifungen hin, war besonders blutrünstig. Ältere Bildungsbürger erinnern sich in diesem Zusammenhang gerne an den Skandal um den Intellektuellen-Porno mit Malcolm McDowell und Helen Mirren. Dieses Geschichtsbild musste in jüngerer Zeit korrigiert werden. Die Handlungen des "verrückten" Herrschers folgten einer Logik – das Pferd und der Sex mit Senatoren-Frauen demütigten die alte Oberschicht, die exzessive Gewalt sollte eine absolute Herrschaft festigen und das Volk unterhalten.


Schauspiel Stuttgart

Zärtlichen Gefühlen ausgesetzt

von Steffen Becker

Stuttgart, 28. Februar 2014. Der Tod ist ein Problem. Vor allem, wenn er so gewaltsam kommt, wie er im eigenen Werk zigfach ausgemalt wird. Sarah Kane hat sich mit 28 Jahren erhängt. Eine Methode, die kein schnelles Ende bringt und keine ansehnliche Leiche hinterlässt, gewählt von einer von Depressionen gequälten Frau. Und aus dieser Perspektive schaut man sich nun ihren ersten Erfolg an, "Zerbombt" am Schauspiel Stuttgart, inszeniert von David Bösch. Wo zeigt sich das Irre in ihrem Stück, wo versteckt sich die gequälte Seele in den knappen Dialogen, der fragmentarischen Sprache? Mit einem "sanften" Tabletten-Suizid wäre das wahrscheinlich nicht passiert. Mist, das ist ein zynischer Blick und gegen den Vorwurf, mit einem solchen die Welt zu betrachten, hat sich Sarah Kane immer verwahrt. Sorry.


Schauspiel Stuttgart

Kohlenmunk is coming home

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 22. Februar 2014. Umsonst ist nix im Leben. Erst recht nicht der Reichtum. Wilhelm Hauffs Kohlenmunk, der im Märchen "Das kalte Herz" auszieht, sein tristes, armseliges Köhlerdasein zu beenden und endlich zu den Reichen und damit Mächtigen zu gehören, muss es wissen. Mit ehrlicher Arbeit nicht zu schaffen, denkt er und wendet sich an die Waldgeister. Da hat er im sagenumwobenen, finsteren Schwarzwald der Romantik die Auswahl: Zunächst soll ihm das Glasmännlein helfen, doch er verspielt seine Chance. Dann der böse Holländermichel. Der überschüttet ihn mit Geld, aber dafür muss er ihm sein Herz lassen und bekommt eines aus Stein verpasst.


Schauspiel Stuttgart

Parallelwelt

von Steffen Becker

Stuttgart, 11. Januar 2014. Was für ein Kind waren Sie? Eines dieser coolen Kids, die die Reclam-Literatur der Romantik entweder "voll schwul" (Jungs) oder "super-kitschig" (Mädchen) fanden. Dann bleiben Sie weg aus Stuttgart. Oder waren sie jemand, der Dark Wave hörte, die Computerspiele von American McGee mochte und fest überzeugt war, dass die guten Freunde der Eltern in Wahrheit böse sind? Die Anreise für das Stück "Doppelgänger" könnte sich lohnen. Regisseur David Marton spielt darin mit E.T.A Hoffmann, Klängen von Robert Schumann und anderen sowie einer Misch-Besetzung aus klassischen Schauspielern und Musikern. Eine Geschichte erzählt er nicht. Anhand von Motiven der Romantik in Hoffmanns und Schumanns Werken erforscht er die Gedankenwelt der Epoche.


Schauspiel Stuttgart

Seitensprünge ohne Risiken

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 14. Dezember 2013. Er war einer der größten Theaterskandale aller Zeiten: Arthur Schnitzlers 1920 in Berlin uraufgeführter "Reigen", der zehn Menschen unterschiedlicher Gesellschaftsschichten in einem erotischen Bäumchen-wechsel-dich-Spiel paarweise aufeinandertreffen und die sozialen Unterschiede unter der Gewalt des Sexus verschwinden lässt. Es ging Schnitzler um die "unerbittliche Mechanik des Beischlafs". Hure trifft auf Soldat. Soldat trifft auf Dienstmädchen. Dienstmädchen trifft auf bürgerlich-wohlhabenden Jungspund undsoweiter. Wobei der eigentliche Geschlechtsakt immer ausgespart bleibt. Es geht ums Davor und Danach. Kleider machen Leute, aber legt man die Hüllen ab, fällt mit ihnen auch der Stand. Wie beim Sterben. Anspielungen auf Totentanz-Darstellungen sind im "Reigen" omnipräsent, die Sehnsucht nach dem, was der Autor bewusst ausklammerte, nach der wahren Liebe und dem wahren Leben nämlich, ebenso. Der "Reigen" ist ein starkes Stück.


Schauspiel Stuttgart

Film ist Leben

von Thomas Rothschild

Stuttgart, 4. Dezember 2013. Jean-Luc Godards "Week End" handelt von einer gewalttätigen Gesellschaft und von revolutionärer Gegengewalt. Davon handeln, unter anderem, auch "Dantons Tod", Bertolt Brechts "Tage der Commune", "Die Gerechten" von Albert Camus oder Tankred Dorsts "Toller". Mit Godards Film aber haben sie nichts gemein. Die Form ist mehr als ein Gefäß, in das ein Inhalt gegossen wird.


Schauspiel Stuttgart

Landleben in Slow-Motion

von Wolfgang Behrens

Stuttgart, 27. Oktober 2013. "Die deutschen Bühnen sollten" – so schrieb es ihnen einst Karl Kraus nicht ohne spottenden Unterton ins Album – "bei den Naturalisten bleiben. Mit dem in Deutschland naturalisierten Shakespeare ist's nichts." So lange dieser Rat auch her sein mag, die deutschen Bühnen scheinen ihn beherzigt zu haben. Studiert man etwa die Einladungslisten der vergangenen Jahrzehnte zum Berliner Theatertreffen, so wird man dort eine deutliche Schlagseite hin zu Autoren wie Ibsen und Tschechow finden. Und auch wenn es unter einer neuen Intendanz gilt, neues Repertoire aus dem Boden zu stampfen, dürfen Ibsen oder Tschechow nicht fehlen. Im dreitägigen Eröffnungsreigen des frischgebackenen Stuttgarter Schauspielintendanten Armin Petras ist es jetzt Tschechows "Onkel Wanja", dem diese Stelle zukommt.


Schauspiel Stuttgart

Sie können zusammen nicht kommen

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 26. Oktober 2013. Der Weg ist lang und schmerzhaft: Marianne, die passive Ehemannsbewunderin und Kinderversorgerin mutiert in Ingmar Bergmans "Szenen einer Ehe" von 1973 mehr und mehr zur selbstbewussten, selbstbestimmten Frau, die die Scheidung fordert. Sie kann die Dauer-Affäre ihres lebenskrisengeschüttelten Ehegatten mit einer 22-Jährigen nicht mehr ertragen. Liv Ullmann brauchte für diese Wandlung knapp 300 Minuten, in der Kinokurzfassung der sechsteiligen Fernsehserie immer noch 169. Astrid Meyerfeldt gelingt dies in Jan Bosses Inszenierung am gerade wiedereröffneten Stuttgarter Schauspielhaus in gerade mal 105 Minuten.


Schauspiel Stuttgart

Halbwertszeit 5 Minuten

von Andreas Jüttner

Stuttgart, 26. Oktober 2013. Das Konzept klingt viel versprechend: Völlig unvermittelt wird in einer Stadt Katastrophenalarm ausgelöst. Und weil kein eindeutiger Auslöser und somit kein klarer Feind erkennbar ist, schlagen sich die Menschen nicht auf die eine oder andere Seite, sondern entwickeln Strategien, um zu überleben – was ihrer schalen, eigentlich schon toten Existenz plötzlich wieder Sinn gibt.


Schauspiel Stuttgart

Tanz den Berlichingen!

von Andreas Jüttner

Stuttgart, 25. Oktober 2013. Volker Lösch steht nicht mehr auf dem Stuttgarter Spielplan, aber im nun endlich wiedereröffneten Schauspielhaus rumort sein Geist des aufklärerischen Anklagefurors munter weiter: "Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter fünf Jahren" oder "60 Millionen Tonnen Plastik werden jährlich in Europa produziert" tut der Titelheld in Goethes "Urgötz" kund, und sein Kontrahent Weislingen wirbt für ein kaiserliches Vorgehen gegen den aufmüpfigen Götz mit dem Argument, dieses garantiere "Wirtschaftsaufschwung und Vollbeschäftigung in einem Jahr".


Schauspiel Stuttgart

Tote Katze, Hitler, LSD

von Steffen Becker

Stuttgart, 25. Oktober 2013. Bewusstseinsstrom – Erzähltechnik, die in ungeordneter Folge Bewusstseinsinhalte einer oder mehrerer Figuren wiedergibt. Bernward Vesper hat so geschrieben – über Drogen, seinen Sohn, seinen Vater, seine Freundin Gudrun Ensslin, "aber Gudrun soll heute keine Rolle spielen". Lüge! Natürlich ist sie da, in Stuttgart, da spielt doch auch eine Frau mit (Svenja Liesau). Ach so, die ist auch Bernward, wie auch die anderen vier Männer, sogar der alte Sack (Peter René Lüdicke). Lacher, als er sagt, er wolle mit 30 Jahren eine Biografie schreiben und sie "Hass" nennen. "Überhaupt, wer nennt sein Kind eigentlich Bernward?". Zum Namen kommen dann noch Nazi-Papi, schwer lastende Hakenkreuzdecken als Bühnendeko, Drogen, die RAF-Frau (auch wenn sie nicht da ist).


Schauspiel Stuttgart

Wenn der Körper abhanden kommt

von Steffen Becker

Stuttgart, 7. Juni 2013. Als mein Vater ins Koma fiel, waren wir ihm dankbar für sein Patiententestament. Das Abschalten der Maschinen konnten wir so als seine ureigene Entscheidung ansehen, die wir nur ausgesprochen hatten.

Als Maria-Cristina Hallwachs betäubt in der Klinik lag, nachdem sie aus Übermut in ein Nichtschwimmerbecken gesprungen war und sich das Genick gebrochen hatte, mussten sich die Mediziner streiten, die Eltern quälen und alle warten, bis sie sich selbst entscheiden konnte. Über 20 Jahre später rollt sie über die Bühne des Schauspiels Stuttgart und berichtet in der Produktion "Qualitätskontrolle" des Theaterkollektivs Rimini Protokoll wie sie die Ethikkommission, das Mitleid, die Prognosen, die Gutachten und ein rätselhaftes Koma überlebte.


Schauspiel Stuttgart

Sparendopolos! Versprocholos

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 1. Juni 2013. Knallrot ergießt sich das Theaterblut über die elegant ineinander verknoteten nackten Körper König Agamemnons und seiner Sexsklavin Kassandra – gemeuchelt in der Badewanne, von Agamemnons Gattin Klytaimnestra und ihrem Lover Aigisthos. Der suhlt sich im Blut, haut seine Zähne gierig in die Körpermitte des toten Kontrahenten und spuckt dann etwas Undefinierbares aus. Das Publikum jault leise auf: Igitt. Agamemnons Sohnemann Orest, der die hochdekorierte Uniform des Vaters nicht ausfüllen kann, mordet daraufhin im Gegenzug – heißhungrig mehr nach Macht und Geld als nach Rache – Klytaimnestra und Aigisthos, spielt mit ihren übereinanderliegenden Körpern lechzend noch einmal den Geschlechtsakt nach.

orestie1 560 matthiasdreher uAn Kunstblut wird nicht gespart: Volker Löschs Version der "Orestie" in Stuttgart.
© Matthias Dreher
Blutrachefluch hin oder her – die Familie der Atriden hat einen gehörigen Knall: läuft aufgedreht, wild und meist blutbesudelt durch die Gegend und leckt an scharfen Klingen. Volker Lösch hat Aischylos' Tragödien-Trilogie "Die Orestie" als kurzweilige Eineinhalb-Stunden-Farce inszeniert, für das große Abschiedstheaterfest "Aus die Faust!" zum Ende der Ära Hasko Weber am Stuttgarter Schauspiel.

Viva la Schauspiel!

Die Fete fand im zugigen Staatstheater-Probenzentrum im Norden Stuttgarts statt, weil die Sanierung des Schauspielhauses noch immer nicht abgeschlossen ist. Ein quirliges Volksfest bot sich im "Nord". Das Straßenfest war nach drinnen verlegt worden, weil der Himmel derzeit nun mal eben eine alte Heulsuse ist.

Vorbei an sehr langen Würstchen- und Bierbuden-Schlangen, an TV-Geräten mit Menschentrauben davor, die das Pokalendspiel mitverfolgten, an Staatsschauspiel-Fanartikel-Stand und Kinderaufbewahrung quetschte man sich durch das Menschengewühl, um in die theatral bespielten Räumlichkeiten zu gelangen: Zum "Faust-Club" etwa, in dem fünf Stunden nonstop Highlight-Szenen aus einigen der gut 250 Inszenierungen der letzten acht Jahre zu sehen waren. Oder zu Christian Weises buntem Abend "Viva la Schauspiel", in dem Haus und Theater ordentlich auf die Schippe genommen wurden: im Crashkurs Bühnenslapstick zum Beispiel, in der Lesung der Schauspielhaus-Baumängelliste (Stand 28. Mai), oder bei der genauen Anpassung der Nacktkostüme im Zimmer der Gewandmeisterin.

"Liebe Hellenen, macht mal eure Hausaufgaben"

Und auf der großen Bühne dann zweimal "Die Orestie": Erst die Premiere, gleich danach die Dernière. Es war vorerst der letzte Lösch in Stuttgart. Und wie gewohnt holte er den mörderischen Mythos in die Gegenwart. Ins heutige Griechenland, dem Merkel und Schäuble einen Urlaubsbesuch abstatten, um den Menschen dort zu zeigen, "dass wir für sie da sind", und um ihnen mitzuteilen: "Liebe Hellenen, macht mal eure Hausaufgaben."

Kodderschnauze Rahel Ohm merkelt herrlich, reißt in Kumpanei mit Markus Lerch alias Schäuble, der nicht wirklich in seinem Rollstuhl sitzen bleiben will, am laufenden Band zynische Witze: Wie grillt man auf griechische Art? "Ohne Kohle." Wie antwortet ein Bankomat, der kein Geld mehr auszuspucken hat? "Auf Griechisch."

orestie 560 matthiasdreher uVerkrampftes Fähnchenschwenken hinter Athene-Merkel und Appolon-Schäuble.
© Matthias Dreher

Auf Akropolis-Tour mit Merkel und Schäuble

"Wie hängen die denn hier rum?", frotzelt Ohms Merkel, als die Akropolis in Sichtweite gerät und sie dort mit ihrem eigenen Klischeewitz konfrontiert wird: mit einer brachliegenden Baustelle und Griechen, die sich in weiße Manteltücher gehüllt in Sonnenstühlen fläzen und Merkelbildern Hitlerbärtchen anmalen. Volkes Stimme formiert sich immer wieder zum zornigen BürgerInnenchor, der fordert, kommentiert, als vielstimmige Person Dialogpartner ist und sich am Schluss in schwarze, bedrohliche Attentätermaskerade wirft, um als Erinnyen Orest zu verfolgen und seinen Tod zu fordern.

Am Ende wird Pallas-Athene-Merkel den Griechen das atridische Gesetz vom "Auge um Auge, Zahn um Zahn" austreiben und die Demokratie bringen: Orest wird mit Apollon-Schäuble als Rechtsanwalt an der Seite und per Geschworenengericht freigesprochen. Ordnung und Recht haben ein neues Gesicht. Und das heißt "sparendopolos", so Merkel, ihr Athenemäntelchen abwerfend. Und das mit den Hitlerbärtchen soll das Volk bitte mal lassen und endlich seine Zinsen zahlen. "Versprocholos", beschwichtigt der griechische Ministerpräsident Andonis Samaras, und alle Griechen schwenken brav und verkrampft die Fähnchen. Die Deutschen sollten endlich anfangen, nicht mehr deutsch, sondern wie Europäer zu denken, mahnte eine hungrige Griechin zu Beginn des Stücks.

Lösch, Pollesch, Weise – und die Schauspieler!

Keine Frage, Volker Lösch hat als Hasko Webers Hausregisseur dessen Intendanz, die gleich in der Eröffnungsspielzeit 2005/06 mit der Auszeichnung zum "Theater des Jahres" belohnt wurde, entscheidend mitgeprägt. Das Emblem des Hauses, die geballte Faust, die für Kampf, Aufbruch und Aktion stand, dürfte vor allem mit seinem politischem Chor-Theater assoziiert werden. Dieses auf regionale und globale Missstände direkt reagierende Gesellschaftsanalysetheater holte gern das "Echte", Volkes Stimme, in Gestalt von Laien-BürgerInnenchören auf die Bühne – ob gebürtige Schwaben oder Menschen mit Migrationshintergrund – und mischte sich natürlich auch massiv in die Stuttgart-21-Diskussion ein.

Ob Klassiker, Bühnenadaptionen von Kinofilmen oder Romanen, ob Uraufführungen oder die Förderung jüngerer Regietalente – Hasko Weber hat sein zu Beginn angekündigtes Ziel, politisch engagiertes und vom Ensemblegeist befeuertes Theater in die Stadt zu tragen, durchweg engagiert verfolgt. Und dabei geschickt der politischen Relevanz immer auch Sprachkunst und gute Unterhaltung zur Seite gestellt – ob René Polleschs fremde Geisteswiesen abgrasendes Wortwurfmaschinen-Theater oder Christian Weises anarchisches, Slapstick- und Travestie-verliebtes Komödiantentheater. Vor allem aber dem hervorragenden, perfekt aufeinander eingespielten Ensemble wird so manch einer Tränen nachweinen.

 

Die Orestie
nach Aischylos
Regie: Volker Lösch, Bühne: Carola Reuther, Kostüme: Teresa Grosser, Chorleitung: Bernd Freytag, Dramaturgie: Beate Seidel.
Mit: Markus Lerch, Rahel Ohm, Katharina Ortmayr, Toni Jessen, Florian von Manteuffel, Nadja Stübiger, Bijan Zamani, Jan Jaroszek, Dorothea Arnold, Chor der BürgerInnen.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause.

www.schauspiel-stuttgart.de

 

Kritikenrundschau

"Mit der Urtragödie um Tochteropfer, Gatten- und Muttermord mit anschließendem Volksgericht plus Gottesurteil ist es bei Lösch nicht getan", schreibt Barbara Miller in der Schwäbischen Zeitung (3.6.2013). Die familiären Massaker würden selbstverständlich im wahrsten Sinne des Wortes ausgeschlachtet. In der Reihenfolge ihres Auftretens nähmen die Figuren Blutbäder. "Der zurückkgehrte Trojakämpfer ist ein Operettengeneral, die treulose Gattin eine Schlampe in Nilgrün und der Rächer Orest zunächst ein ziemlicher Milchbubi (Jan Jaroszek)." Aber darauf komme es der Regie offensichtlich nicht so sehr an. Wichtiger sei die Einbettung in eine muntere Conference von Angela Merkel und Wolfgang Schäuble. "Nachtigall: Es geht um Griechenland."

Als "grotesk verzerrt" beschreibt Adrienne Braun diese Orestie in der Süddeutschen Zeitung (3.6.2013). Volker Lösch führe seine Strategien noch einmal exemplarisch vor: "Ein klassischer Theaterstoff wird in den Kontext jüngster Politik gerückt, es gibt einen Laienchor auf der Bühne, und Blutorgien gibt es auch." Es sei eine Inszenierung, der man stellenweise ansehe, dass sie unter Zeitdruck gestemmt werden musste – "aber doch ein versöhnlicher Abschied von Volker Lösch". Zum Abschluss der Weber-Intendanz schreibt Braun: "Stuttgart wird heute von einem grünen Oberbürgermeister regiert und hat sein Image grundlegend verändert hat – woran auch das Schauspiel seinen Anteil hatte." Die Ära von Hasko Weber werde weniger wegen der überregionalen Erfolge in Erinnerung bleiben. Aber: "Die geballte Faust, die als Motto zunächst nur die erste Spielzeit zum Auftakt mit Goethes 'Faust' illustrieren sollte, ist zum Symbol der sich empörenden Stadtgesellschaft geworden."

"Die letzte Premiere dieser Intendanz wird aber auch ein wenig Löschs Digest, denn noch einmal wird dem Publikum alles geboten, womit der Regisseur in Stuttgart in den vergangenen Jahren ein kleines Stück Theatergeschichte geschrieben hat", so Tim Schleider in der Stuttgarter Zeitung (3.6.2013). Da sei der Bürgerchor aus perfekt geschulten und choreografierten Laien, der ästhetische Mix aus grellbunten Uniformen und Abendkleidern, "und noch einmal sein scharfer Kontrast zwischen dem hohen Tragödienton und den grotesken Plattheiten einer offiziellen Politik und all ihrer Machenschaften, die Lösch nun mal nicht anders sehen kann denn als Ansammlung von Lug und Trug im Interesse des großen Kapitals." Was die Tragödie angehe, gelingen Lösch in der "Orestie" starke Bilder. Was die Groteske angeht, verleitet er Rahel Ohm als Angela Merkel und Markus Lerch als Wolfgang Schäuble zur Comedy-Klamotte.

Mit "seinem pragmatisch-nüchternen Elan und sportlichen Mannschaftsgeist" habe Intendant Hasko am Schauspiel Stuttgart "tatsächlich eine kleine Revolution vollbracht", so reflektiert Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (4.6.2013) die Leistung des Schauspielchefs. Er stand "linkes, politisch engagiertes Theater und buchstabierte Werte wie Solidarität und 'gesellschaftliche Relevanz' auf seine eher leise, unaufgeregte Weise sehr bestimmt." Die finale Inszenierung von Volker Lösch – "mit seinen Bürgerchören so etwas wie der Markenkern und Muhammad Ali der Ära Weber"– sei "eine Politfarce am Rande der Selbstparodie: kurz, hart, schrill. Blut muss fließen, wenn sich auf einer – tadellos funktionierenden – Drehbühne die Geburt der europäischen Demokratie aus dem Geiste altgriechischer Splattermythen vollzieht."


Schauspiel Stuttgart

Der Schuhverkäufer als Serienkiller

von Thomas Rothschild

Stuttgart, 14. April 2013. Aus Johann Peter Hebels "Kannitverstan" haben wir gelernt, dass man "auf dem seltsamsten Umwege ... durch den Irrtum zur Wahrheit und zu ihrer Erkenntnis" kommen kann. So meldeten die Nachrichtendienste dieser Tage, der russische Präsident Putin sei wegen seiner Verbindung zum Motorradclub "Nachtwölfe" versehentlich auf eine finnische Verbrecher-Liste gelangt. Versehentlich? Durch Irrtum zur Wahrheit! Am Stuttgarter Schauspiel sollte die Intendanz Hasko Weber mit einer Großinszenierung des Hausregisseurs Volker Lösch beendet werden. Das Debakel um die Sanierung des Theaters hat einen Strich durch die Rechnung gemacht.


Schauspiel Stuttgart

Finales Schwadronieren

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 12. April 2013. Im neuen Pollesch spielt eine Drehbühne mit. Mal zickt sie herum, mal kreist sie elegant um sich selbst. Eine echte Diva eben. In der Interimsspielstätte Nord des Staatsschauspiels Stuttgart, wo dieser neue Pollesch "Die Revolver der Überschüsse" jetzt uraufgeführt wurde, ist das ein guter Witz: "Wir können nicht bei jeder Krise einfach nur ins Theater gehen." Nee, geht in Stuttgart bald wirklich nicht mehr: Die Sanierung des Schauspielhauses zieht sich hin, weil die neue Drehbühne noch immer stottert. Weil ein Spielort fehlt, wird die laufende Saison demnächst abgebrochen, der Beginn der kommenden ist gefährdet.


Schauspiel Stuttgart

Katastrophengebiet Welt

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 23. März 2013. Angst geht um in Europa: Angst vor Europa. Irrationale Angst, ausgelöst durch die Finanz-, Euro- und Schuldenkrise, deren Zusammenhänge offenbar nicht einmal Experten wirklich erklären können. Das mühsam Ersparte droht neuerdings sogar, Opfer von Enteignung zu werden, um den Staat und damit die Banken zu retten. Oder umgekehrt? Dabei sollte es doch eigentlich das Altern sichern, riet einst der Staat, der Renten und Löhne schmelzen lässt. Was bleibt, ist hilflose Wut, die kaum ein Ventil findet.


Schauspiel Stuttgart

Gleichnisleere Welt

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 21. Februar 2013. Auf dem Balkon einer fensterlosen, nachtschwarzen Wand in einem Labyrinth zeigt sich ein zotteliges Wesen in Unterhosen, halb Mensch, halb Tier. Doch ist es nicht Minotaurus, der verbannte und in ein Monster verwandelte Nachkomme des Zeus, der rollenden Auges sein Elend, seinen Schmerz beschreit, sondern der bedauernswerte Sigismund, der von seinem Vater, dem Polen-König Basilius, in einen Turm gesperrt wurde. Der alte Narr glaubt an die Sterne, die ihm weissagten, sein Sohn werde sich dereinst zum Tyrannen aufschwingen.


Schauspiel Stuttgart

Die Getreuen des ästhetischen Radikalismus'

von Thomas Rothschild

Stuttgart, 12. Januar 2013. Nach der Finanzkrise – die Offenbarung des Johannes. Nach der Beschränkung auf das Dokumentarische – die Verschränkung mit einem kanonisierten Text. Nach Andres Veiels Himbeerreich – Ulrich Rasches "Die Apokalypse".


Schauspiel Stuttgart

Von prallen Geldkammern künden

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 11. Januar 2012. Alle fühlen die Bedrohung, aber wer versteht sie schon, die globale Finanzkrise, die die hart erarbeitete europäische Einheit gefährdet? Wer hat wirklich Einblick in die komplexen Zusammenhänge, die Staaten in den Bankrott treiben, unsere gemeinsame Währung gefährden oder das mühsam Ersparte verschlingen? Kein Nichtexperte ist in der Lage, sich die Mechanismen vollends zu erklären, die diese Krise auslösten und sie jetzt weiter befeuern. Nichtwissen aber gebiert irrationale Angst. Das Theater schreit deshalb geradezu nach Projekten, die sich über die Gründe der Krise Gedanken machen, was ein heikles Unterfangen bleibt angesichts der Komplexität des Themas.


Schauspiel Stuttgart

Ein Himmel voller Kabel

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 28. November 2012. Auf die Frage, warum seine Filmfiguren stets Höllenqualen ertragen müssen, antwortete der dänische Regisseur Lars von Trier einmal: "Ein Film muss weh tun wie ein Stein im Schuh. Es gibt doch keinen anderen Grund, ins Kino zu gehen. Wenn man was Schönes erleben will, ist Sex dazu besser. Oder Kanufahren." Höllenqualen erleidet auch Selma in Lars von Triers von Musik- und Tanzszenen durchzogenem "Dancer in the Dark" aus dem Jahr 2000: Die erblindende Fabrikarbeiterin sammelt ihren kargen Lohn in einer Keksdose, um die Augenlicht rettende Operation ihres geliebten Sohns zu finanzieren, dem sie ihre Krankheit vererbte.


Schauspiel Stuttgart

Schändende, geschändete Familie

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 26. Oktober 2012. Wie eine Raubkatze den Dompteur belauert sie ihn, schleicht sie entlang eines unsichtbaren Käfigs aus unüberwindbaren Worten, Vorwürfen, Erinnerungen. Sie schiebt den Unterkiefer vor, fixiert ihn aus den Augenwinkeln, presst die blutroten Lippen aufeinander, wenn er mal charmierend, mal aufbrausend auf sie einredet, um Kontrolle wiederzuerlangen. Doch hat er längst die Macht über sie verloren, das weiß er, das spürt er. Er ist alt geworden. Und als die Tochter ihren Vater auffordert, seine Hose herunterzulassen, wie er es damals tat, als sie noch ein Kind war, verstummt er. Sie fragt: "Das möchtest du? Mich ficken, – deine Tochter?" Und er stammelt nur noch ein leises "Ja", während auch sie ihre Kleider ablegt. Und sie fragt nochmals: "Wirklich, Albert?" Und er antwortet: "Ja".


Schauspiel Stuttgart

Nur wer schreibt, bleibt

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 22. September 2012. Es dauert eine halbe Ewigkeit, bis Nimrod seinen sonnenverbrannten Kopf durch den Türrahmen steckt. Nimrod, der Fleischer. Er trägt weiß, starrt Löcher in Menschen und keckert wie ein Frettchen. Wenn er nicht gerade von Haus zu Haus schleichend Bücher anpreist, bedankt er sich per Handschlag bei den Zuschauern in der ersten Reihe oder klagt Schweine an. Sein Chef hatte eigentlich eine Ladung argentinischen Kalbfleischs bestellt, aber der Transporter war voller Nobelpreisträger. Deswegen die Bücher.


Schauspiel Stuttgart

altIm tiefen Tal der Banalität

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 15. Juni 2012. Der Bräutigam weiß nicht, woran er ist, aber er walzt schon mal voraus: mit sich selbst. Die Braut ist unsichtbar, irgendwie da und doch schon weit weg. Die anderen um ihn herum wissen es längst besser, sie grienen und höhnen in ihren schwarzen Anzügen und den Blümchen in den Revers, bilden einen Kreis, machen fiese Mienen zum bösen Spiel, das ein guter Deal scheint, für wen auch immer. Der Bräutigam jedenfalls soll teuer bezahlen für die Fusion mit einer Phantasmagorie.


Schauspiel Stuttgart

altDie Liturgie des Protestes

von Dennis Baranski

Stuttgart, 20. Mai 2012. Verbarrikadierte Nobel-Boutiquen, menschenleere Straßenzüge und Heerscharen von Polizisten – beeindruckende Bilder erreichten uns dieser Tage aus dem deutschen Finanzzentrum Frankfurt. Statt farbenfroher Proteste der "Occupy"-Bewegung stand hier eine anschauliche Vorführung der Staatsgewalt auf dem Programm, statt Volksfest herrschte Ausnahmezustand. Doch unterm Strich ward das erklärte Ziel erreicht: Geschlagene vier Tage fand sich die Metropole des Geldes blockiert und belagert.


Schauspiel Stuttgart

Demokratie für Dödel

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 19. Mai 2012. Ein Handvoll Menschen vor einer schwarzen Wand. Kein Vorhang, keine Tiefe, kein Ausweg – den fünfen bleibt nur die Flucht nach vorn: hinein in die Tat. Und raus aus dem Text, aus Albert Camus' "Die Gerechten". Über ihnen die Parole: "endlich handeln". Sie leuchtet zum ersten Akt.


Schauspiel Stuttgart

alt

Im Glaskasten des eiskalten Engels

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 15. April 2012. "Man versteht überhaupt nichts mehr. Diejenigen, die gegeneinander kämpfen müssten, kämpfen nicht mehr. Niemand weiß, an wen die Stadt fällt", sagt Habib. "Schatila 1982" heißt die Szene, in die gerade "hineingezappt" wurde. Schatila: das palästinensische Flüchtlingslager in Beirut, wo eines der vielen furchtbaren Massaker stattfand, die an diesem Abend thematisiert werden. Und wie Habib, der nichts mehr versteht, ging es wohl vielen Zuschauern bei der gestrigen Premiere im Schauspielhaus des Staatstheaters Stuttgart, wo eine Bühnenadaption von Mathias Énards Roman "Zone" zur Aufführung kam.


Schauspiel Stuttgart

altDie Lebensgier einsamer Menschen

von Verena Großkreutz

Stuttgart, den 13. April 2012. "Abgebaut" sei er, sagt Kasimir, "abgebaut": Eine Vokabel für den Verlust der Arbeit, die man, als die soziale Marktwirtschaft noch funktionierte, in Spezialwörterbüchern nachschauen musste, wenn man Horváth-Stücke las. Heute, da das "Soziale" der Marktwirtschaft verblasst ist, weiß jeder, was das bedeutet, "abgebaut" zu sein. Der "Abbau" hängt wie ein Damoklesschwert über unserer Arbeitswelt, es kann so gut wie jeden treffen. Insofern ist Kasimir einer von uns, obwohl er die Hauptperson eines Stückes ist, das 1932, während der Weltwirtschaftskrise und kurz vor Beginn der NS-Barbarei, uraufgeführt wurde.


Schauspiel Stuttgart

Freiheit ist nichts für feige Naturen

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 18. Februar 2012. Wie frei ist der Mensch? Jean-Paul Sartre beschäftigte diese Frage lebenslang. "Der Mensch ist dazu verurteilt, frei zu sein", schrieb er 1948, "verurteilt, weil er sich nicht selbst erschaffen hat, und dennoch frei, weil er, einmal in die Welt geworfen, für all das verantwortlich ist, was er tut". In seinem literarischen Werk stellte Sartre seine existenzialphilosophischen Gedankengänge in spielerischen Experimenten auf die Probe: Welche Möglichkeiten zur freien Entscheidung haben Menschen in Extremsituationen? In seinem 1947 von Jean Delannoy verfilmtem Drehbuch "Das Spiel ist aus" erhalten der Arbeiter und Revolutionsführer Pierre Dumaine und Eve Charlier, reiche Dame der höheren Gesellschaft und Ehefrau eines Regierungsangehörigen, eine einmalige zweite Chance. Die beiden lernen sich im Totenreich kennen: Er wurde am Vortag der Revolution von einem Verräter erschossen, sie zur gleichen Zeit von ihrem habgierigen Gatten vergiftet. Weil Gott tot ist und die Geschicke der Menschheit von einer recht bürokratischen Rechenzentrale organisiert werden, passierten Fehler: Eigentlich waren die beiden für einander bestimmt und hätten sich schon im Leben treffen müssen.


Schauspiel Stuttgart

altDer Menschheit große Gegenstände

von Otto Paul Burkhardt

Stuttgart, 17. Februar 2012. "Der Aufstand beginnt als Spaziergang": Ein weiß geschminkter Clown im Rollstuhl berichtet da vom "Ruf nach Freiheit", von Steinwürfen, von Panzern, vom Drama "auf beiden Seiten der Front". Und wie aus einer völlig anderen Zeit steht Don Karlos neben ihm, der spanische Kronprinz mit republikanischen Sympathien, und balanciert, schwankt, taumelt. Oder ist es nicht eher so, dass er tanzt?


Schauspiel Stuttgart
alt

Ein Schelm im Freiheitswunderland

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 17. Dezember 2011. Das waren noch Zeiten, als die feministisch ambitionierte Rockröhre Gianna Nannini 1979 auf dem Cover ihrer "California"-LP die Fackel der amerikanischen Freiheitsstatue durch einen Vibrator ersetzte und damit im katholischen Italien einen Skandal landen konnte. Zumal sich auf der Scheibe auch der Song "America" befand, der die sexuelle Befreiung der Frau durch die Genüsse der Selbstbefriedigung hochleben lässt.


Schauspiel Stuttgart
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Hoppe, hoppe, Herrenreiter

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 26. November 2011. Isabella versteht kein Wort, nichts. Vor ihr windet sich Angelo, ein Mann mit Föhnwelle auf dem Kopf und dem Teufel im schwitzenden Leib. In Reiterhose, Stiefeln und Bauschehemd sieht er aus, als sei er geradewegs zur Erol-Flynn-Kostümparty unterwegs gewesen, als ihm die eigene Lust in die Quere kam. Isabella fleht um das Leben ihres Bruders Claudio, der nebenan im Joch seinen Henker erwartet, das Gesetz verlangt es plötzlich wieder so: Todesstrafe für außerehelichen Sex. Angelo will aber ausnahmsweise Gnade vor hartem Recht ergehen lassen, wenn Isabella, die Nonne, ihren zugeschnürten Körper mal frei macht. Doch wie sagt er's?


Schauspiel Stuttgart
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Die Verheißung des Echten

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 12. November 2011. Madame Irma hat es geschafft. Die elegante Frau mit dem schimmernden Oberteil und dem marmorbleichen Hals, der von dunklen Haarwellen umspielt wird, sieht nicht aus wie eine Puffmutter, eher wie die vorzeigbare Gattin eines angesehenen Großbürgers, die in ihrer reichlich bemessenen Freizeit von einer nervösen Erotik umweht bella figura macht. Doch schimmert sie nun in einem Salon voller Spiegel, wo gewöhnlich ihre Kunden von ihren Mädchen bedient werden – und das Theaterpublikum, das ausnahmsweise auf der Bühne Platz nehmen durfte. Weiter oben verjüngen sich die Spiegel, sie werfen Irmas zuckende, schmale Glieder, ihren flackernden Blick vielfach zurück, in alle Richtungen, wie in einem Kaleidoskop. Dann ruft Madame erneut, sich um die eigene Achse windend, dass sie es geschafft habe, "dieses Haus von der Erde zu lösen: Alles schwebt." Für Augenblicke leuchtet aus Irmas Augen das Glück.


Schauspiel Stuttgart
alt

Stell dir vor, es ist Krieg

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 14. Oktober 2011. Alles rot. Blutrot. Die Hände, die Körper, alles. Im glitschigen Gekröse der Toten greift Achilles nach dem Leib seines Erzfeindes Hektor. Er betatscht den Leichnam wie es ein Schimpanse mit seinem leblosen Artgenossen tut, der den Tod nicht begreifen will. Achilles Pranken sind überall, er wirft Hektors Kopf hin und her, schaut ihm in die Zähne, hebt seine Glieder, lässt sie in die Lache zurückklatschen. Achilles' Zorn ist endlich gestillt. Und der Krieg um Troja nimmt nach langen zehn Jahren ein Ende.


Schauspiel Stuttgart

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Und blieben keene Narben

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 28. September 2011. Die Endfünfzigerin Mechthild Huschke steht noch ganz unter dem atemberaubenden Eindruck einer wilden Liebesnacht mit einem jungen Studenten, den sie über eine "Annongse" kennengelernt hat. Dabei törnte sie die gestelzte Ausdrucksweise des Akademikers in spe eigentlich zunächst ziemlich ab: "Ich war so trocken, dass er mir aufn Hintern hätt klatschen könn, und ich hätt gestaubt!", frotzelt sie. Der Student hat ihr ein Liebesgedicht dagelassen. "Wo du bist, öffnen sich Muscheln", heißt es darin. Mechthild lacht sich kaputt. Das Publikum auch.


Schauspiel Stuttgart
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Widerstand und Recht und Freiheit

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 23. September 2011. Ein älterer Mann schält sich aus dem Dunkel des Raumes, ein Würdenträger im schwarzen Ornat, vielleicht ein Hohepriester. Totenbleich erstrahlt er in der Bühnenmitte, das Licht wirft einen Schatten, so als stünde dieser namenlose Herr in einer Kirche und durch ein einziges Fenster weit oben fällt der erste Morgenstrahl auf sein kahles Haupt. Dann beginnt er mit einem Vortrag, ernst, bestimmt, jedes Wort wie ein eiskalter Luftzug. Er spricht zum Publikum über die Angst des Einzelnen. Über den Krieg aller gegen alle und wie dieser Naturzustand mit Hilfe eines Gesellschaftsvertrages überwunden werden kann. Thomas Hobbes, der "Leviathan" (1651). Stocksteif steht Elmar Roloff da, nur seine linke Faust verrät die Anspannung. Es ist eine politische Predigt – ohne das Pathos eines Politikers.


Schauspiel Stuttgart
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Achtung für den Versager

von Thomas Rothschild

Stuttgart, 4. Juni 2011. Was für geniale Theatersätze: "When I was seventeen, I walked into the jungle. And by twenty-one, I walked out. And by God, I was rich!" Dieses Konglomerat aus großsprecherischem Pathos und Poesie! Diese Einheit von Realität – der Dschungel Afrikas – und Metapher – der Dschungel des Raubtier-Kapitalismus, zugleich eine Reverenz an Upton Sinclair! Willy Lomans Bruder Ben, eine Fantasiegestalt vom Format John Waynes, die wie eine mythologische Figur und gleichzeitig wie eine Karikatur wirkt, spricht diesen Satz.


Schauspiel Stuttgart
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Wo bitte geht’s nach Ulm?

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 21. Mai 2011. Unter Umweltaktivisten stellt man sich heute gut organisierte, gezielt und pragmatisch vorgehende Greenpeacer vor. In den 70er Jahren war das offenbar noch anders. Die vier Ökoterroristen im Roman "The Monkey Wrench Gang" des US-Amerikaners Edward Abbey, erschienen 1975, sind eine durchgeknallte, sich gegenseitig pausenlos anbrüllende Chaotentruppe, deren Wege leere Bierdosen pflastern und die, sobald sie ein Lenkrad zwischen die Hände kriegen, zu nervenden Rasern mutieren.


Schauspiel Stuttgart
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Tanz den Tankstutzen-Mambo

von Otto Paul Burkhardt

Stuttgart, 4. Mai 2011. Wie lebt es sich in Autostädten? Wie geht es den Menschen in Benz-Town Stuttgart und Seat-City Barcelona wirklich? Zwei neue Stücke tasten sich an das Thema heran und wagen den schwierigen Eiertanz ums Auto. Denn das Kaa-Eff-Zett ist vieles: Umweltgift und Arbeitsplatzgarant, Benzinschlucker und Spaßgerät, abwrackprämiengestütztes Auslaufmodell und ökologischer Spätzünder. Eine heikle Sache, denn im Südwesten, wo der 125. Geburtstag des Automobils besonders innig gefeiert wird, genießt des Schwaben "heilix Blechle" oberste Priorität. Da wundert es nicht, dass der designierte Grünen-Ministerpräsident wegen seines Plädoyers für "weniger Autos" jüngst von der Kfz-Lobby rüde abgekanzelt wurde und formulierungstechnisch zur Förderung "zukunftsfähiger Autos" zurückrudern musste.


Schauspiel Stuttgart
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Die Treppe und der Steilwand-Blues

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 30. April 2011. "Es gibt kein Ort zum Rückkehren", heißt es in Tena Štivičić' "Fragile!". Tiasha sagt das zur Sozialarbeiterin Gayle, nachdem diese Tiashas Hoffnung auf Asyl mit einem unverbindlichen "Ich kann nichts garantieren, aber wir tun unser Bestes" einen verbalen Faustschlag versetzt hat. Tiasha ist eine Zwangsprostituierte aus Osteuropa, die nach London geflohen ist, wo sich ihre Wege mit denen fünf weiterer Einwanderer kreuzen: in der muffigen Kellerbar des Bulgaren Michi.


Schauspiel Stuttgart
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Homo Malus

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 16. April 2011. "Ich glaube nicht an Fügung und Schicksal, als Techniker bin ich gewohnt mit den Formeln der Wahrscheinlichkeit zu rechnen." So nüchtern antwortet der Ingenieur Walter Faber auf alle Unberechenbarkeiten des Lebens. Dabei hat dieser Seelenmathematiker gerade eine Notlandung in der mexikanischen Wüste überlebt.


Schauspiel Stuttgart

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Der Mensch als Klecks

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 19. März 2011. "Die Luft hat's in sich, die Luft holt's her, die Luft gibt's heraus". Es ist der Lieblingsspruch des blauen Boll, der so heißt, weil er den Alkohol liebt, bisweilen ultramarin anläuft, überhaupt sich am Leben krankgesoffen hat und nun am Schlagfluss leidet – wie auch an sich selbst. Boll, der reiche Gutsbesitzer, raunt diesen nichtssagenden wie hellsichtigen Satz immer wieder den Menschen seines norddeutschen Kaffs ins Gesicht, den Philistern und Heuchlern, dem Bügermeister, Schuster Holtfreter, Uhrmacher Virgin genauso wie seiner Ehefrau Martha, die allesamt jede Änderung scheuen.


Schauspiel Stuttgart
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Soll man Mörder trösten?

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 15. Februar 2011. Die Romanisierung der deutschen Bühnen ist nicht aufzuhalten. Fallada hier, Gontscharow dort. Überall keimen und sprießen sie auf den Brettern, die die Welt bedeuten: die Dramaturgen-Adaptionen berühmter Prosawerke, ob alt oder neu, ob Hochliteratur oder leichte Kost. Als hätte die heutige Autorengeneration das Dramenschreiben verlernt. Am Stuttgarter Staatstheater gibt's jetzt sogar einen Bestseller-Krimi aus Italien zu sehen.


Schauspiel Stuttgart
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Von Pontius bis Pilates

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 12. Februar 2011. Michail Bulgakow wurde die Ungnade des frühen Künstlertodes zuteil. Zuvor litt er, der ehemalige Erfolgsautor der Moskauer Theaterszene, unter stalinistischer Zensur und Publikationsverbot. Den Erfolg seines großen Romans "Der Meister und Margarita" verpasste er um 26 Jahre. Dessen Veröffentlichung im Jahr 1966 war eine literarische Sensation, nicht nur in der von politischen Frühlingsbrisen durchwehten Sowjetunion. Die Rolling Stones ließen sich von Bulgakows satirischem Text inspirieren. Und der Song "Sympathy for the devil" bringt es eigentlich ganz gut auf den Nenner, worum es Bulgakow in diesem Werk vor allem ging: um eine literarische Abrechnung. Um Genugtuung durch einen luziferischen Rachegeist. So viel Biographismus darf sein: Bulgakow lässt auf dem Papier den Teufel tüchtig aufräumen mit der Borniertheit in einem erstarrten System, wo Denunzianten, Parteibonzen und Kunstfunktionäre seit den späten 1920er Jahren Stalins Doktrin bis zur Lächerlichkeit perpetuieren.


Schauspiel Stuttgart

Die Marktwirtschaft? Ein Sadomaso-Trip!

von Otto Paul Burkhardt

Stuttgart, 15. Januar 2011. Überall Absperrgitter. Wie bei einer Massenveranstaltung, bei der Ausschreitungen befürchtet werden. Irgendwo hinten in der weitläufigen Arena, einer der Ausweichspielstätten des Stuttgarter Schauspiels, wird denn auch ein Stoßtrupp Gewalttätiger in einen Käfig gesperrt. Und während Wang, der Wasserverkäufer aus "Der gute Mensch von Sezuan", seinen Prolog in einem Boxring beginnt, johlt und tobt die Bande hinter Gittern wie eine Horde Affen im Zoo. Oder lacht höhnisch, wenn Wang von "unvorstellbarer Armut" zu erzählen beginnt.


Schauspiel Stuttgart

Zwei Liebende im Herzensbürgerkrieg

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart,17. Dezember 2010. Dieser Romeo ist kaum zu stoppen. Er läuft und läuft. Über Mauern, durch Baumkronen. Als wäre der Raum ein Käfig mit unsichtbaren Gitterstäben und Romeo ein gefangenes Tier. Und dann, plötzlich, als dieser Dauerläufer auf seinen Zickzackmärschen die Liebe findet, den vermeintlichen Fluchtweg, kommt er für Augenblicke zu sich, liegt er gekrümmt wie ein Embryo da. Ein kantiger, körper- und trotzschäumender Wildling windet sich auf dem Boden. "Ich will leiden", nuschelt Romeo, dieses pulsierende zerzauste Menschlein in Sneakern und Jeans und seine Freunde Mercutio und Benvolio lachen nur. "Lad' dir einen Porno, hol dir einen runter," empfehlen sie ihm, dem "Melancholeriker" und Romeo lacht nun auch mit und er singt und er läuft und läuft als könne er seinem Schicksal, seinem Namen und Heimatstadt tatsächlich entkommen.


Schauspiel Stuttgart

Spielwütig im Paradies

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 23. November 2010. Zehn Männer sitzen in einer Reihe auf der Bühne, splitternackt, mit traurigen Gesichtern. Spielen auf Gitarre, Melodica, Rohrblattflöte schwermütig eine traurige Weise, bis einer aufsteht, sich einen dunkelroten Morgenmantel überwirft: Es ist Orsino, Herzog von Illyrien: "Das Lied noch mal, es starb so schön dahin", entfleucht es gebieterisch seinen Lippen. Wie wahr!

Schauspiel Stuttgart

Held für einen Tag

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 20. November 2010. Zeit vergeht, bis der Kassierer sein erstes Wort spricht. Fünfzehn Minuten sind im Theater eine Ewigkeit, doch im Leben des Bankangestellten der kleinen Stadt W. ist es nur ein Augenblick wie so viele. Zeit vergeht – und wenig geschieht, in einem leeren, weißen Raum drumherum. Der Schaltermensch halbrechts im zwickenden Anzug wird degradiert zu einer zappelnden Zählmaschine. Im Rhythmus eines fernen monotonen Akkords sortieren, stapeln, fühlen die schmalen Kassiererhände das Geld der anderen, viele Scheine, die fremdes, wundervolles Leben verheißen, in dem diese Hände nicht losgelöst vom Kopf etwas tun, in dem der Mensch wieder ein Ganzes, Großes ist. Dann erscheint eine Schönheit aus dem Süden mit einer verdächtigen Zahlungsanweisung. Geblendet von den Brillanten und der seideknisternden Blasiertheit verlangt der Kassierer stammelnd ein Glas Wasser, plündert spontan die Bank, ruft nach dem Leben, greift durstig nach ihm mit beiden Händen, mit allen Sinnen.


Schauspiel Stuttgart

Vier Frauen und ein haariger Affenmensch

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 30. September 2010. Während im Stuttgarter Schlosspark Volkszorn auf Staatsmacht traf, tausende von Demonstranten friedlich, aber aufgebracht des Augenblicks harrten, da hinter Absperrzäunen und mehrfach abgesicherten Polizeiketten das Fällen der steinalten Bäume beginnen würde, um Platz zu schaffen für die Baustelle Stuttgart 21, nahm auch Staatsschauspiel-Intendant Hasko Weber vor Beginn der Premiere eine klare Position ein: "Wir, das Ensemble des Schauspiel Stuttgart, sind bestürzt und zornig über die Eskalation der Gewalt gegen friedlich demonstrierende Stuttgarter Bürger". Denn ein Tag ging zu Ende, an dem die einst so braven Schwaben am eigenen Leib erfahren hatten, dass man kein "Chaot", kein Pflastersteinewerfer sein muss, um staatliche Macht in Gestalt von Gummiknüppeln, Wasserwerfern und Reizgas zu spüren zu bekommen. Da reichte schon die Teilnahme an einer Sitzblockade oder die bloße Anwesenheit vor Ort.


Schauspiel Stuttgart

Fünf Personen suchen (k)eine Sprache

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 26. September 2010. Woody Allens 1997 gedrehter Kinofilm "Deconstructing Harry" erzählt von einem Mann, der von anderen Menschen nur noch "unscharf" wahrgenommen wird. Die Filmkamera macht das Spiel mit. Was bei Woody Allen visuell geschieht, lässt René Pollesch in seinem neuen Stück "Drei Western", das gestern – wie immer in eigener Regie – in der Interimsspielstätte "Werkhalle" des sich gerade im Umbau befindenden Stuttgarter Staatsschauspiels seine Uraufführung erlebte, der Sprache angedeihen: Sie ergießt sich orgiastisch, fließt und sprießt, wie Öl aus der Quelle spritzt, aber der Gedanke mag sich noch so sehr an die Buchstaben klammern: Die Sprache bleibt unscharf – ein Jargon der eigentlichen Uneigentlichkeit, oder umgekehrt.


Schauspiel Stuttgart

Der Mensch in der Mission Impossible

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 26. September 2010. Barka tanzt. Mit seiner Schubkarre, als wäre sie eine Braut. Einhändig, beidhändig, er führt sie souverän, und lässt sie durch die Luft schwirren, ganz leicht. Dieser Brigadier mag den Geruch von Stahl und Beton, er hat Kraft im drahtigen Leib, er ist ein Mann, der seine Arbeit liebt, weil sie ihm Lust verschafft. Und dann, wenn Barka nicht mehr weiß wohin mit sich und seiner Proletarierpotenz, legt er sich einfach vor den Augen seiner grienenden Arbeiter auf die geklauten Zementsäcke und lässt die Hüften kreisen.


Schauspiel Stuttgart

Der eidgenössische Kreidekreis

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 2. Juli 2010. Es ist ein Abend der schweren Verluste. Gleich zu Beginn erinnert sich der dunkelhäutige Politkommissar auf dem Stuhl sitzend, aus der Nacht allmählich hervorscheinend, wie er einst in seiner afrikanischen Heimat zum Schweizer wurde. Nach einem entbehrungsreichen Marsch zur Westflanke des Kilimandscharo hatte man als junger Offizier einer eidgenössischen Truppe von Fremdenlegionären zum ersten Mal Schnee gesehen. Schnee gegessen, ihn geleckt. Gebadet im "ephemeren Etwas", dem Taufelement des Schweizers.


Schauspiel Stuttgart

Tödliche Sippentreue, blutiger Untergang

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 26. Juni 2010. Am Ende sind sie alle tot: König Gunther, seine Brüder Gernot und Giselher, der Intrigant Hagen. Wie alle Nibelungen. Opfer von Kriemhilds Rache und der eigenen starren Verhaltensregeln, die zu Gefolgsschaftstreue und hirnfreiem Blutvergießen zwingen. Nein, frei isser nicht, der Germane. Christian Weise hat den Tod der Nibelungen still inszeniert. Ohne Theaterblut und großes Geschrei. Die roten Striche fügen sich die Männer selbst zu: Einmal mit dem Lippenstift über die nackte Brust, dann sinkt man geschmeidig zu Boden. Hagen, den Mörder ihres geliebten Siegfrieds, nimmt sich Kriemhild persönlich vor. Da reicht ein leichter Tritt, und er kippt um. Er will sowieso nicht mehr.


Schauspiel Stuttgart

Geld allein macht noch nicht ungesund

von Tomo Mirko Pavlovic

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Volpone, Stuttgarter Version © Cecilia Gläsker

Stuttgart, 29. Mai 2010. In der katholischen Kurklinik von Chefdoktorin Fliege zuckt ein prominenter Patient im mintfarbenen Schlafanzug: Volpone ist es, der ergraute Fuchs, der das Geld wie einen Gott anbetet, dabei Champagner schlürft und in egomanischen Monologen den moralischen Verfall der Menschheit räsoniert. Seinen Reichtum verdankt er Discountern, wo sich eine angegreiste, unfruchtbare Gesellschaft an der Schnäppchenkasse Linderung verspricht. Und während Volpone philosophisch vor sich hin merkantilisiert, das deutsche Krankheitssystem als eine gewinnmaximierende Praxis des "Zutodepflegens" brandmarkt, kommt ein Erbschleicher nach dem anderen ans Simulantenbett. Jeder will seinen eigenen Namen in Volpones Testament. Dafür regnet es spontan Scheine, teuren Fingerschmuck, gar einen polnischen Knackpopo, alles wird dem grienenden Geldsack reingestopft, bis er am Ende dank Flieges intriganter Assistenz unterschriftslos den Silberlöffel abgibt.


Schauspiel Stuttgart

In der Monster-Miele-Folterwaschmaschine

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 2. Mai 2010. "Hugahuga Ha Huga Ha Hugahuga". Nachdem er sich mit ausdauernden Schmatzern von den sauber abgetrennten Köpfen seiner Brüder Marcius und Quintus verabschiedet hat, springt Lucius auf die Arbeitsplatte einer überdimensionierten Küchenzeile und macht sich - zum Racheaffen. Blutbesudelt, mit baumelnden Armen nimmt der allerletzte Überlebende von 25 Söhnen des glorreichen Feldherren Titus die Witterung der gotischen Truppen auf, die vor den Toren Roms den Eintritt mit Lucius' Beistand in unser Küchenreich begehren.


Schauspiel Stuttgart

Phänomenale Unordnung des Denkens

von Ralf-Carl Langhals

Stuttgart, 11. April 2010. "Ich habe diese Aufzeichnungen wiedergefunden und kann mich nicht erinnern sie geschrieben zu haben." Schon zu Beginn ihres aus Tagebuchaufzeichnungen entstandenen Prosatextes "Der Schmerz" scheint sich Marguerite Duras bereits eigentümlich von ihm zu distanzieren. Corinna Harfouch hat ihn mit dem Hinweis "ein offenes Spiel" für das Schauspiel Stuttgart eingerichtet. In schlichtem Schwarz sitzt sie auf einem der unzähligen schwarzen Pappwürfel im Stuttgarter Kammertheater der Staatsgalerie und liest den Passus in gänzlich undramatischem und höchst sachlichem Ton aus der Vorlage.


Schauspiel Stuttgart

Das kann doch eine Ratte nicht erschüttern

von Otto Paul Burkhardt

Stuttgart, 20. März 2010. Alle haben ein Problem: Sie arbeiten, bemühen sich redlich, dies auch gerne zu tun, und verpassen dabei ihr Leben. Später kommen die Krankheiten: Infarkt, Osteoporose und so weiter. Womöglich ein Unfall, der Tod der Partnerin. Arbeitslosigkeit. Und entsprechend lautloses, sozialverträgliches Ableben. Um all das geht's in Sibylle Bergs neuestem Stück "Hauptsache Arbeit!" – wobei das tapfer gut gelaunte Ausrufezeichen beredt Auskunft gibt über den Gemütszustand der Beteiligten: Normalität und nackte Verzweiflung liegen ziemlich dicht beieinander.


Schauspiel Stuttgart

Verschluderte Sinnsuche

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 11. März 2010. Ohne Frage ist Carole Kings "So far away" eine feine Popballade. Sie handelt von unstillbarer Sehnsucht und Einsamkeit. Das Leben ist schließlich kein Hollywood-Film, in dem der geliebte Mensch immer zur richtigen Zeit vor der Türe steht und seine Arme öffnet - ohne viele Worte. Im wahren Leben muss man dafür ackern. Ja, "So far away" ist ein guter Song. Doch reicht er aus, um einen Theaterabend von knapp einer Stunde am Laufen zu halten?


Schauspiel Stuttgart

Welt aus Blei

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 19. Februar 2010. Wahrlich, unsere Zeiten sind gefräßig, rasend, nervtötend. Wir sind alle fremdbestimmt, unfrei. Nicht einmal der Theaterdichter ist mehr das, was er einmal war. Den Geniebegriff kann er sich in die Haare schmieren: Vor dem Marketingcharakter der Theaterwelt kann er nicht bestehen, wenn er sich nicht anpasst. Was er schreibt, bestimmt nicht er, sondern Dramaturgen, Intendanten und Lektoren. "Welthaltig", "nachhaltig" sollen seine Stücke sein. Und worüber soll er schreiben im Jahr 2009? "Von überall schreit es her: Wende Wende Wende. Überall spukt der Geist der Wende. Und ich glaube nicht an Gespenster. Kein kalter Hauch, kein Schaudern überkommt mich. Nichts. Nur leere Worte – du musst du musst du musst."


Schauspiel Stuttgart

Lopachins World

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 16. Januar 2010. Fünf Minuten lang spielt ein Bonbon die Hauptrolle. Stille. Ein Schmatzen. Ein arroganter Blick. Stille. Ein Schmatzen. Und wieder nichts. Gajew lutscht und saugt an diesem Bonbon, auf dass es gewiss bis in die letzte Reihe zu hören ist. Würde man diesem Kerl in einem Wartezimmer alleine gegenübersitzen, würde man ihn wahrscheinlich anspringen und einen Knoten in seine frechen, feuchten Lippenwürste drehen.


Schauspiel Stuttgart

Und alle sind einsam und gehen fremd

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 13. Januar 2010. Es sollen in Stuttgart 150.000 Singles leben. Bei einer Einwohnerzahl von gut 600.000 eine ganze Menge. Dabei müssten wir doch, wenn es nach Platons Kugelmenschen-Mythos geht, nur nach dem einen streben: Unsere zweite Hälfte (wieder-)zufinden, die irgendwo auf dieser Welt genauso verzweifelt suchend herumirrt wie wir selbst. Wenn man sich die Statistik anschaut, darf man dieses Unterfangen als recht ineffektiv bezeichnen.


Schauspiel Stuttgart

Schlaflos in Konstantinopel

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 28. November 2009. Rollkragen mit Schal und Unterhose in Oliv. Idealistischer Dichterscheitel und rülpsender Kahlkopf. Brille und Muskel. Gedanke und Tat. So sehen Helden aus. Zwei zu allem unentschlossene Männer der Geschichte. Golubkow, der Schöngeist und Frauenflüsterer, der auf seiner Suche nach einer schönen Frau wimmernd durch den russischen Bürgerkrieg tapst. Und General Chludow, Idol und allerletzte Hoffnung der zaristischen Truppen, dessen Rückzug vor den Bolschewisten eine Blutspur hinter sich lässt.


Schauspiel Stuttgart

Dynamit aus dem Totenreich

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 27. November 2009. "Die größte Scheiße ist, dass ich nicht weiß, gegen welche Scheiße ich jetzt was machen kann", brüllt der Student Benjamin Ullrich seinen tumben WG-Mitbewohnern entgegen, nachdem er ihnen in einer mehrminütigen Wortkanonade sämtliche aktuellen Vergehen der Menschheit um die Ohren gehauen hat: von "Folter, Kinderarbeit, Todesstrafe" über den "Kampf ums Wasser, das Verschwinden der Arten, die schmelzenden Pole" bis hin zur "Unfähigkeit zu kommunizieren, Dominanz der Medien, Verrohung der Jugend" und zu "Atomkraftwerken und Atombomben".


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Ich-Wüste mit Sehnsuchtskrater

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 8. Oktober 2009. Ein Knopf, ein zweiter – und noch einer. Das lichtweiße Hemd öffnet sich für Augenblicke, offenbart ein wenig Haut, lässt eine Brust erahnen. Kaum mehr. Und doch verbirgt sich in diesem keuschzarten Schlitz eine ganze Welt, ein tiefer Sehnsuchtskrater von Lust und Leid, in den ein einfach gestrickter Kerl wie Herodes wie ohnmächtig hinabtaumelt. Und als Salomes Tanz der sieben Schleier, dieser berauschend minimalistische Sekundenstrip ohne Musik und Stange, zu Ende ist, windet sich der mächtige Tetrarch von Judäa vor sinnlosem Glück wie ein lüsterner Kinderfinger im Honigtopf, so verstohlen wild und süß sind seine Vorstellungen von diesem anderen Körper, den er nicht einmal zu berühren wagte.


Schauspiel Stuttgart

Nie wieder Ziegenfleisch

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 26. September 2009. Miguel träumt von einem ganz anderen Miguel. Von einem Miguel, der in einer coolen Jeans steckt. Der durch San Jacinto in einem schwarzen Geländewagen cruist. Der zusammen mit Papa Bier trinkt. Ein Miguel, der nie wieder Ziegenfleisch essen muss. Der ein eigenes Haus mit echtem Dach baut, zehn Mal größer als das von Don Clemente, mit Whirlpool und Playstation. Ein Ort, an dem sich alle wohlfühlen: Elena, seine kleine, vorlaute Schwester – und natürlich Mama und Papa, die ihn vor Jahren zurückgelassen haben. In dem Kaff. Ihn und Elena. Dafür ist er ihnen immer noch böse. Aber egal. Reich sein. Berühmt sein.

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Nach der Rezession ist vor der Revolution

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 25. September 2009. Irgendwann fallen Brotlaibe wie hartgebackene Tränen auf das Elend nieder. Sie kommen aus dem Schlitz, wo normalerweise ihre Augen zu sehen wären. Die Augen von Angela Merkel. "Der Aufschwung kommt" prangt auf dem riesigen Wahlplakat, die Bühne ist ein einziges ausdrucksloses Porträt, an dem sich elf Verlierer unserer Gesellschaft einen Abend lang abarbeiten.


Schauspiel Stuttgart

Menschenbilder einer Ausstellung

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 4. Juli 2009. Eine wahre Naturerscheinung. Ein Weib von botanischer Naivität. Fruchtiges Blümchenrosa im musealen Grauschwarz. Unsicher, aber umso wuchtiger beginnen ihre Hüften nun zu kreisen. Langsam und unrund wie das Leben einer verzweifelten Arztgattin. Eine kostümierte Seinsvergessenheit tanzt mit dem Licht. Von der Decke baumelt eine sehr lange Neonlichtstange und Moritz, der gescheiterte Direktor des Kunstvereins, bringt auch sie in Schwung.


Schauspiel Stuttgart

Tausendmal berührt und nichts ist passiert

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 16. Mai 2009. Fünf Hopser vor, vier zurück. Drei vor, zwei zurück. Zwei, eins. Und wieder von vorn. Und wie das dauert. Die Bühne wirkt plötzlich breit, erscheint so sinnlos lang und flirrend bunt wie eine dieser typischen Assoziationsgirlanden, die einem dieser erbarmungslose Autor René Pollesch immer wieder ins Hirn hineindekoriert. Zerdehnte Gedanken. Als würde ein unsichtbarer Cutter eine Szene immer wieder hin- und herspulen, trippeln die sechs angespannt blickenden Damen und Herren einer feinen Abendgesellschaft vor und zurück, von links nach rechts in Richtung Opernhaus, zu herrschaftlichen Barockklängen und einem irren Algorithmus folgend, einmal im Kreis, und noch einmal, um sich schließlich gemeinsam im Takt in der pastellfarbenen Chinoiserie wiederzufinden, die halb in die Publikumsränge ragt.


Schauspiel Stuttgart

Kleiner Mann, was nun?

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 3. Mai 2009. Woyzeck schaut müde aus seinem Parka. Wie irgendeiner von Millionen. Drei Jobs täglich machen ihn allmählich fertig. Marie, seine Frau, sieht Woyzeck kaum noch. "Geld oder Liebe", sagt sie ihm einmal, bevor sie beim Tanz Trost sucht, eine Warnung, die Woyzeck nicht annimmt.


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Wenn Eiapopeia-Träume zerplatzen

von Otto Paul Burkhardt

Stuttgart, 18. April 2009. Irgendwann stürmt eine 15-köpfige Gang aus türkischstämmigen Jungmännern von der Bühne herab ins Publikum, drängelt sich in die Sitzreihen und brüllt den ganzen Frust eines ausgegrenzten Lebens ins Zuschauerrund. Eine Publikumsbeschimpfung? Ja, natürlich. Theater hat bei Volker Lösch eigentlich immer mit Wut zu tun. In fast allen seinen Regiearbeiten, egal ob sie nun "Dogville", "Medea" oder "Hamlet" als Brandherd nutzen, mischt Lösch die geschlossene Gesellschaft namens Theater mit theaterfernen, real existierenden Menschen auf. Erweiterte Sozialarbeit, argwöhnen manche. Andere finden, es komme neues Leben in die Bude.


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Liebe in den Zeiten des Krieges

von Otto Paul Burkhardt

Stuttgart, 28. März 2009. Was tun mit "Kabale und Liebe"? Umfrisieren, weil die Zwänge der heutigen Zeit – ohne die Standesgrenzen von anno 1784 – ganz anders aussehen? Womöglich den Ball flach halten, weil Schillers Extrempathos – gefühlte 100 Mal "Ha!", "Bube!" und "alle Donner!" – so nicht mehr vermittelbar ist?


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Apokalypse now

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 7. Februar 2009. In Andrej Tarkowskis cineastischem Meisterwerk "Stalker" suchen drei Männer ein Zimmer. DAS Zimmer in DER Zone. Dort, so heißt es, werden Wünsche erfüllt. Der Weg zum Zimmer ist einer voller Qualen und Irritationen. In der verbotenen Zone würden gemeine Physiklehrer und Reiseführer verzweifeln, denn die Uhren laufen anders und der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten ist eben nicht die Gerade. Der einzige, der sich in diesen gekrümmten Raum- und Zeitverhältnissen auszukennen glaubt, ist der Stalker, eine zivilisationsmüde Gestalt, die zwei andere durch eine Industriebrache lenkt.


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Das große Fressen

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 16. Januar 2009. Ein Kuss. Eine Berührung. Ein unendlich zärtliches Schauen. Eine schweigende Liebe. Eine Zeit, die steht, nicht vergeht, ein Sehnsuchtsraum ohne Grenzen, nur zwei Menschen, die füreinander geschaffen scheinen.


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Schwein oder nicht sein

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 10. Januar 2009. Ein einfaches Bild. Der junge Mann, der Sohn, der Königssohn: Er liegt nackt im Dreck. Bäuchlings streckt er die besudelten Arme von sich und drückt sein wutverzerrtes Gesicht in den Morast. Als wolle er fliegen lernen. Ophelia kniet bei ihm, sie zerrt an dieser gefallenen, krampfenden Kreatur, will das Elend stützen, zum Menschen aufrichten. Doch Hamlet sinkt, und versinkt immer tiefer. Alles ist Schlamm, alles ist Sumpf. Moralisches Absturzgebiet. Wer hier überleben will, braucht keine Flügel mehr, er muss ein Schwein sein auf zwei Beinen wie der Rest der ehrenwerten Hofgesellschaft. Kleiderlos, schwartig, auf schmatzendem Grund. Ganz Dänemark ist ein Schweinestall. Und der Prinz macht Dauerurlaub auf dem Bauernhof.


Schauspiel Stuttgart

Monty Python statt Burgtheater

von Ralf-Carl Langhals

Stuttgart, 25. Oktober 2008. "Hamlet in 60 Sekunden" verspricht die "Checkliste für den schnellen Shakespearegenuss" im knalligen Programmheft, das überwiegend aus bis zur Kenntlichkeit entstellten Titelblättern deutschsprachiger Printmedien besteht. Erfreulicherweise braucht man dann doch 85 Minuten, um den kurzgefassten Shakespeare-Plot nach Schlegel/Tieck schlager-gewürzt in der Regie von Christian Brey und vor allem "von und mit Harald Schmidt" über die Bühne des Stuttgarter Schauspielhauses zu jagen, wo sich in dieser Spielzeit alles um die "Generation Hamlet" dreht.


Schauspiel Stuttgart

Ist es falsch, nichts zu fühlen?

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 11. Oktober 2008. Erst einen bunten Ball. Dann den rosa Elefanten. Einen riesigen Hasen hinterher. Und Tiger. Pferdchen. Pandabär. Immer weiter, immer mehr. In hohem Bogen fliegen die Flauschesachen auf die Bühne, treffen lautlos auf, ganz weich, schmerzlos. Bleiben wie tot liegen. Mitten drin auf diesem Friedhof der Kuscheltierchen: Torvald, der mit seiner Vorfreude auf sein Ungeborenes wie ein Kind um sich wirft. Und Nora. Eine junge Frau mit einem dicken Bauch, die plötzlich Angst bekommt. Vor sich selbst, vor der eigenen Schuld und der großen Leere.  


Schauspiel Stuttgart

Nicht jeder Satz also eine Tragödie

von Otto Paul Burkhardt

Stuttgart, 20. September 2008. Die Welt ist ein öder Ort – die Autorin beschreibt ihn als "trostlose Gegend am Kanal". Im Depot, der Experimentierfiliale des Stuttgarter Staatsschauspiels, ist es jetzt eine triste, versiffte Bretterfront. Ein verkommenes Ufer sozusagen, doch den Kanal und das Wasser dazu muss man sich schon selber denken.


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Das Hamlet-Maschinchen

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 20. September 2008. Dieser Hamlet will nicht mehr. Von Anfang an enttäuscht er unsere hochgesteckten Erwartungen. Wenn er um den ermordeten Vater trauern soll, begießt er sich und seine trockenen Augen mit einem Eimer Wasser. Statt seinen Stiefvater im Schlaf zu töten, legt er sich zu ihm und kuschelt. Als ihn Ophelia mit ihrer Liebe bedrängt, zieht er ihre Sandalen an und stöckelt davon. Wo andere Königssöhne über das Schicksal ihres Staates und ihre Verantwortung vor dem Volke sinnieren, geht unser Hamlet in sein Jugendzimmer und weidet einen Teddybären aus.


Schauspiel Stuttgart

Das Geheimnis der verwundeten Psyche

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 19. September 2008. Depression ist nicht gleich Depression. Es soll Typen geben, die sind so was von traurig, schlaflos und todgeweiht, dass man sich auf der Stelle in sie verliebt. Ein dunkler Sog geht von ihnen aus, sie ziehen an und stoßen alles unbarmherzig ab, was sich ihnen in den Leidensweg stellt. Selten trifft man diese mächtigen Melancholiker im Büro oder an der nächsten Bushaltestelle.


Schauspiel Stuttgart

Vom Terror der Demokratie 

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 21. Juni 2008. Wie schade, dass dieser Anfang bald ein Ende hat. Dieses groteske erste Wuselbild: ein Guckkasten der Enge, Hitze, Atemlosigkeit. Der aufgeklappte Schiffscontainer beherbergt vielleicht dreißig Kreaturen, die zwischen Stockbetten und textilem Müll ihr Leben fristen. Es ist ein Termitenbau des leisen Schreckens. Auf fünfundzwanzig Quadratmetern erledigt der duldsame Mensch seine Katzenwäsche. Er kratzt sich, er wühlt und scheint sich in seiner verschwitzten Unfreiheit blind zurechtzufinden.


Schauspiel Stuttgart

Linksliberaler Gewissensausverkauf 

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 30. Mai 2008. Eos kann nicht mehr. Ihre Nerven liegen blank. Als Göttin der Morgenröte geht sie im olympischen Dauerchaos zu Grunde. Sie sehnt sich nach Liebe, nach einem Abschied von Kampf und Hinterlist, denn die Himmelssphäre ist martialisch kalt, ohne Ordnung, ohne Sinn. Dass gerade sie als Botin des Tages alles Leid des Überirdischen regelmäßig mit falschem Licht besudelt, setzt dem Zynismus noch das Krönchen auf.

Sie rast, sie tobt. Also nichts wie weg, denkt sie sich in ihrem hübschen Kopf, auch wenn ihr die nächsten Wolkennachbarn, der eiskaltschnäuzige Hermes und das recht aufgeblasene Tantchen Mene den Fluchtweg ins Erdenideal wortreich vergällen wollen. Und Eos lässt sich fallen, tief fallen. Wie eine feuerrote Sternschnuppe in durchsichtigem Chiffon und schnuckligen Gummistiefeln segelt sie durch den Äther.

Himmlischer Systemeindringling

Und plumpst mitten auf die putzige Menschenwelt, von der sie nichts weiß - was für eine Göttin von Ovidschem Format mindestens unverständlich, wenn nicht unglaubwürdig ist. So umwölkt können die da oben kaum sein. Aber Schwamm drüber, sagt sich das Autorenkollektiv Soeren Voima. Dramaturgisch gesehen macht sich so eine himmlische Dusseline nämlich ganz passabel, Voima liebt schließlich Außenseiter, diese naivunschuldigen Systemeindringlinge, die mit ihrer Andersartigkeit das Bekannte, eben unsere realistische Windmühle wie einst Don Quichotte tragikomisch aufzuspießen versuchen. Und dabei ewiglich scheitern.

Das gute alte Modell ist demnach bekannt, ja narrensicher und daher vielversprechend. Voima selbst hat es schon einmal in Stuttgart in einer gelungenen Inszenierung seines Stücks "Herr Ritter von der traurigen Gestalt" präsentiert, vor zwei Jahren im Kammertheater. Viel Jubel gab es damals, wobei der Starbonus für Corinna Harfouchs Hauptrolle den Blick auf das tatsächlich Gezeigte etwas eintrübte. Christian Weise führte damals wie heute Regie, mit dem Unterschied, dass bei der jetzigen Uraufführung von "Eos" die Donquichotterie nicht wirklich überzeugt.

Spießige Zielgerade des Endlichen

Nach dem Erdenfall passt sich Eos schnell an - zu schnell. Sie fügt sich - anfangs euphorisiert - verdächtig reibungslos in die Gegebenheiten. Der Reiz der zwei kollidierenden Welten verfliegt. Ein heiter langatmiges Stationendrama, halb Reigen, halb Schlagerrevue entspinnt sich von der Ankunft bis zum neuerlichen Abschied von der Erde. Ein Menschenleben lang dauert die Katharsis der hartnäckigen Göttin. Eos macht Karriere bei einem schwedischen Möbelhersteller, bringt eine pornografische Studenten-WG aus der Horizontalen, verliebt sich heftig in den talentlosen Künstler Tim, wird schwanger von ihm, endet vorerst als junge Witwe. Dann spielt sie Schicksal und lässt ihre Liebe noch einmal auferstehen.

Doch auf der spießigen Zielgerade des endlichen Lebens verliert sich irgendwann auch eine göttliche Lust am Normalen, am alltäglichen Kleinbürgerwahnsinn unserer Tage. Voimas Text lässt nichts aus, jedes erdenkliche Thema wird mit ausgefahrenen Ellbogen kurz und schmerzlos angerempelt wie beim linksliberalen Gewissensausverkauf: Sexfrust, Ökobolschewismus, Akademikergegurre, Rabenmuttersyndrom, Vielfliegerpunkte, Workaholic-Seeligkeit, Kinderarbeit-Paranoia, Altersstress, Sterbehilfe. Das dauert natürlich.

Wohl deswegen schickt Weise zur Aufmunterung eine kleine Bläsercombo samt Sängerin mit einem trägen Repertoire an seichten Schlagern und sonstigem Popgedudel zwischen die Szenen, wobei das Ganze ein wenig an unsere unmotiviert musizierenden balkanischen Sommergäste in den Fußgängerzonen erinnert. Am Ende steht Eos wieder am Anfang. "Das Menschsein ist mir über den Kopf gewachsen." Und sagt Adieu. Was im Übrigen längst vorauszusehen war.

Spitze Thesen, böse Tiraden

Ursina Lardi gibt ihre Göttin der Morgenröte sehr heutig, ungebrochen. Man vergisst rasch, dass sie eine Auswärtige ist. Am stärksten agiert sie im Monolog, wie übrigens der Rest des Ensembles auch. Weder Weise noch Voima kreieren eindrückliche Szenen oder Dialoge: das Miteinander der Figuren verpufft meistens, man hetzt von Bild zu Bild. Ob Liebe oder Schmerz, man spürt es einfach nicht.

Das Stück basiert auf ermüdenden Wiederholungen, die märchenhafte Dreimaligkeit bildet ein strukturelles zeitliches Korsett, jede Begegnung, jede Paarung ist nur die Variation einer vorherigen. Eine papierne Konstruktion. Dagegen gelingt ein ums andere Mal das ganz einfache Rezept mit nur drei Zutaten: Vorne an der Rampe stehend, allein spitze Thesen und böse Tiraden ausspeiend, samt einer gewissen Härte zu sich und dem Publikum. Zynisch. Spartanisch. Gut.

Das hinterlässt Spuren. Wo sich die Rede verselbstständigt, zur Textfläche wird, brillieren Catherine Stoyan (Hermes) oder auch Florian von Manteuffel als weinerlich-liebenswerter Tim. Wo aber mächtig wilde Götter so schnell zu seelenlosem Menschenklein wie du und ich verkümmern können, bleibt ein interesseloses Wohlgefallen. Mehr nicht.

 

Eos
von Soeren Voima
Regie: Christian Weise, Bühne und Kostüme: Ulrike Gutbrod, Musik: Jens Dohle, Dramaturgie: Kekke Schmidt.
Mit: Lisa Friederich, Christoph Gawenda, Benjamin Grüter, Gabriele Hintermaier, Boris Koneczny, Ursina Lardi, Markus Lerch, Martin Leutgeb, Florian von Manteuffel, Marietta Meguid, Rainer Philippi, Michael Stiller, Catherine Stoyan, Lisa Wildmann. Musiker Jens Dohle und Hans-Peter Ockert.

www.staatstheater.stuttgart.de


Mehr lesen? Hier geht's zur Nachtkritik von Christian Weises Stuttgarter Inszenierung der Voima-Bearbeitung von Ben Johnsons elisabethanischem Drama Volpone.

 

Kritikenrundschau

Soeren Voimas "pfiffiger, manchmal allerdings sehr formulierungsverliebter" "Eos"-Text, uraufgeführt am Staatstheater Stuttgart, zeigt laut Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (2.6.2008) "Vergnügen am Geschichtenerzählen, und Regisseur Christian Weise macht klar, dass die also vergnügt erzählte Geschichte schräg ist und nicht belehrend." Alles sei "offensichtlich, und vor allem spiegelt sich das im Gesicht von Eos selbst wider, Ursina Lardi." Denn das entgleise mal vor Wut, dann sei es "selig-blöd-froh", "glotzig vor Übereifer", "total ausgelaugt" oder "leer". Die Inszenierung sei lebhaft, das "Vorhersehbare und Durchkonstruierte" Konzept – und die "seicht-großartige Melancholie" der "Schlagerstimmung" verbreitenden Begleitkapelle sei schließlich "die Losung des Abends".

Eos' Eröffnungsmonolog sei "prometheisch, eine mit Blut, Kot und Heiner-Müller-Pathos gut geölte Hamlet-Maschine", schreibt Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (2.6.2008). "Das Erdenleben, das Eos bis zum bitteren Ende auskostet, ist dann aber auch nur eine fröhlich knarzende, ziemlich längliche Nummernrevue. Auf dem Abstieg ins banale wahre Menschenleben liegt kein Segen." Es reiche in Christian Weises Stuttgarter Aufführung des Voima-Stückes "nur zu einigen hübschen Momenten und Monologen. Je länger der Abend dauert, desto mehr zerfasert und verflacht er, weil er die Spannung zwischen Mythos und menschlicher Realität zu schnell zugunsten von Satire mit Konfettiregen und Bläsercombo einkassiert." Voima und Weise verschenkten so "ihre an sich hübsche Idee für das Linsengericht des Zeitgeist-Kabaretts."

Das "Eos"-Epos diene Soeren Voima "vor allem als Folie für die Abhandlung tagesaktueller Probleme", meint Nicole Golombek in den Stuttgarter Nachrichten (2.6.2008). "Von Globalisierung, Kapitalismuskritik über Fundamentalismus bis zu Kinderarbeit und Hochbegabtendilemma – nichts wird ausgespart. Wenn aber das große Gefühl, das große Drama nicht weiter interessiert, folgt auch der Zuschauer dem Geschehen einigermaßen unbeteiligt." Christian Weise betone zudem die "flach vorhersehbare Dramaturgie". Voima sei allerdings auch "ein kraftvoll formulierender Dramatiker mit Sinn für Situationskomik" und stelle "Heucheleien präzise aus". So erlebe man trotz schlicht gestrickter Systemkritik, wie in kleinen Szenen mit leichtem, komischem Ton umso treffender Gesellschaftskritik formuliert werden kann."

In der Stuttgarter Zeitung (2.6.2008) schreibt Tim Schleider, dass der "schroffe Gegensatz von feierlicher Geste und derber Erdverbundenheit, von göttlichem Gesang und saftiger Alltagssprache ganz erheblich den Reiz " von Voimas "Eos"-Stück ausmache. Es sei "ein schönes, ein bisschen volles, aber geistreiches, interessantes und über weite Strecken witziges Stück – das aber in der Stuttgarter Inszenierung von Christian Weise seltsam blass und schal" bleibe; "überraschend eindimensional" werde der "Tonfall des Sozialdramas" gepflegt. Es herrsche "leider nur die Poesie eine ZDF-Fernsehspiels", die Inszenierung sage "beständig nur: 'Das musste ja so kommen.' Hier wird immer nur Geschichte gemacht, schnurstracks dem schlechten Ende entgegen."


Schauspiel Stuttgart

Es ist ein Kreuz mit der Blasphemie

von Regine Müller

Marl, 29. Mai 2008. Vor knapp zwei Jahren musste sich Kevin Spacey, Chef des Londoner Old Vic harte Angriffe gefallen lassen, denn er hatte mit der englischen Erstaufführung von Arthur Millers "Resurrection blues" trotz Staraufgebots einen grandiosen Flop zu verantworten. Der große alte Robert Altman hatte als Regisseur nicht vermocht, Millers vorletztem Stück Theaterleben einzuhauchen und selbst Maximilian Schell in der Rolle des Generals Felix Barriaux hatte daran nichts ändern können. Doch schon bei der Ostküstenpremiere 2003 in Philadelphia hatte sich die Kritik ratlos die Haare gerauft und räuspernd gewagt, gewisse Einwände gegen Millers Spätwerk vorzubringen.


Schauspiel Stuttgart

Splatter-Stück mit Kampfrobotern

von Otto Paul Burkhardt

Stuttgart, 19. April 2008. Überall Blut. Durch die Decke tropft es, an den Wänden rinnt es herunter – und alle Akteure sind blutüberströmt, sehen aus wie Überlebende eines gigantischen Gemetzels. Nur der Hausmeister nicht. Er wischt ab und zu mit dem Bodenlappen das Gröbste weg. Denn die Bühne hat nichts Antikisches; sie gleicht eher einer heutigen Turnhalle, in der ein paar auf blutig gestylte Schauspieler Kleist proben. Wir sehen Spuren, Anmutungen von Horror, beobachten aber letztlich eine Nachspielsituation. Das ist nicht unbedingt neu, schafft aber erst einmal Distanz.

Schauspiel Stuttgart

Mission impossible

von Tomo Mirko Pavloviç

Stuttgart, 28. März 2008. Männer gibt's. Die führen einfach ein aufregenderes Leben. Haon zum Beispiel. Sieht völlig normal aus. Nichtssagend. Mitvierziger, Sakko, bürobleich. Steht nach Feierabend vor dem Chipsregal und kann sich nicht entscheiden. Oriental Style, ungarisch, mit Sauerrahm oder geriffelt natur? Solch eine Wahl fällt niemand leicht, auch Haon nicht, der jede Geschmacksnuance vor sich hinbetet, narkotisiert von der salzigfetten Supermarktwirtschaft in einem postkommunistischen Einkaufsparadies.


Schauspiel Stuttgart

Abgrund der Klassengesellschaft

von Otto Paul Burkhardt

Stuttgart, 23. Februar 2008. Kein pittoresker Blick auf Springbrunnen, Amoretten und blühende Fliederbüsche: Die Mittsommernacht aus August Strindbergs "Fräulein Julie" findet am Staatsschauspiel Stuttgart auf einem riesigen, breiten, stählernen Laufsteg statt, der in den Zuschauerraum ragt (Bühne: Sabine Kohlstedt). Drumherum nur gähnend leerer, weiter, schwarzer Raum.


Schauspiel Stuttgart

Die wollen doch nur spielen

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 8. Februar 2008. Köpfe in die Nacken. Die Schulter hochgezogen bis zum Ohrläppchen. Die Beine so breit gestellt wie umgedrehte Victory-Zeichen. Becken vor. Kinn raus. Und die Arme stehen ab, als ritzten in den Achseln Rasierklingen. Kinderkörper unter Hochspannung. Tanz- und kampferprobt. Zu allem bereit. Auf Abruf. Cool und nur das. The kids are alright. Oder doch nicht?


Schauspiel Stuttgart

Widerstand in Windjacke  

von Tomo Mirko Pavlovic

 Stuttgart, 31. Januar 2008. Haut und Körper und Verrenktes, wohin man auch blickt. Überall Pimmel. Titten. Ärsche. Die stöhnende Motha verlangt nach einem dicken Thermometer. Casco und Tiptop lassen die Sanitäterhosen runter. Doch beim 69er läuft etwas schwul. Klappe. Schnitt. Und aus.


Schauspiel Stuttgart

Guerilla-Gärtnern gegen Globales

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 14. November 2007. Plötzlich sitzt einem da eine ältere Dame so halb auf dem Schoß. Der Drehhocker ächzt. Man richtet sich ein, ruckt ein wenig. Zierliche Figur, gepflegter Teint, veilchenblaue Augen. Sie hält einen am Ellbogen fest. Etwas zitternd, aufgeregt. Und während man sich noch mit gesträubtem Nackenhaar fragt, wie intim Theater in diesen sich allmählich dem Ende neigenden RAF-Staatstheaterwochen überhaupt sein darf, beginnt die unwiderstehliche Klette mit der Agitation.


Schauspiel Stuttgart

Die Bürgerwelt als Wille und Verstellung

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 6. Oktober 2007. Hans, der Bankangestellte, versteht seine Frau nicht mehr. Gast, der alternde Kommissar, schläft schlecht. Sein Sohn Edgar will Komponist werden, zeigt aber kein Talent. Dafür hat er ein Kind mit der aufgesexten Sekretärin Susanne, die mit ihrem Schwiegervater schläft, während eine verrückte Alte das Kleine hütet. Und da gibt es noch Petra. Rudolf. Franz. Ilse. Menschen scheinbar wie du und ich.


Schauspiel Stuttgart

"Sehr geehrtes Schwein"

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 22. September 2007. "Man sollte Ihnen die Zähne einschlagen, Sie Arschloch!" – "Vergasen sollte man Dich, am besten mit Chlor oder Phosgen!" – "Mörderische Drecksau!" – "Du bist eine Bestie in Menschengestalt!" – "Du Pestbeule!" Ein Mann in Schwarz amüsiert sich. Manchmal wundert er sich. Aber er bleibt stets locker. Und lächelt milde von der großen Leinwand herab.  Close-up: Claus Peymann.


Schauspiel Stuttgart

Vom Kuschelfaktor der Schuld-Diskussion

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 21. September 2007. Achtzehn. Ganze achtzehn Minuten lang – kein einziges Wort. Stattdessen Slapstick vom Allerbesten, als hätte Inspektor Clouseau und nicht René Pollesch Regie geführt. Nacheinander betreten stumm fünf seltsam nervöse, irgendwie geschädigte Körper die Bühne, die alle nur ein Ziel haben: ein offenes Fenster über einem Bankomaten zu erklimmen und durch selbiges wenn nicht in die Freiheit, so doch in einen zweiten Raum zu plumpsen.


Schauspiel Stuttgart

Menschendrama mit Lachmuskelbeanspruchung

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 13. Juli 2007. Sie zocken. Sie bluffen. Sie schießen. Korrupte Cops. Jaulende Mafia-Killer. Frustrierte Platzanweiserinnen. Knutschende Kunsthehler. Ein unsichtbares Band verbindet sie, führt sie zusammen, eine blinde Gier nach ein bisschen Geld, Glück und Sinn. Es gibt einen Augenblick an diesem Premierenabend in Stuttgart, da ist man wie die anderen.


Schauspiel Stuttgart

Fast-Food-Materialismus vom Besten

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 22. Juni 2007. Seine Haut. Gelb wie Eiter. Schorfig wie ein frisch aufgeworfener Krater. Eine verletzte, durchlöcherte Oberfläche, die das Innere dieses Menschen wie eine aufgeplatzte Schale ausfließen lässt. Hinaus in die Welt, hinein in die Abgründe einer Stadt wie Chicago kriecht dieser ekelhafte glühende Aussatz, wo ein anderer mit einer scheinbar besseren, noch unverletzten Haut wartet, in die es sich vielleicht noch einzudringen lohnt. In ein fremdes Inneres. In ein anderes Ich.


Schauspiel Stuttgart

Vielstimmiges Monster

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 26. Mai 2007. Sie spricht. Sie denkt. Sie geifert. Und am Ende tötet sie ihre eigene Brut. Bingo! Medea. Die bekannte Rasende. Oder, wie tausendmal zuvor schon: Medea, die Selbstbefreierin. Und daher auch: Medea, die verführerische, antike und trotzdem ewig junge, stets verfügbare und intellektuell elastische Interpretationsunterlage, die jedem Theatergänger, jedem Deutschlehrer und Regisseur so oft gab, was er dringend brauchte: ein befriedigendes Reizbild vom Zustand unserer verkommenen Welt.


Schauspiel Stuttgart

Gewaltig umwölkte Werkbank

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 17. Mai 2007. Er bohrt. Er hämmert. Er schleift, schmirgelt, tackert. Doch was er da in der Fabrik in die Regale stapelt, ist kaum mehr als ein Haufen Seelenschrott. Sein fremdbestimmtes Leben hängt im Spind wie ein speckiger Kittel.


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