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archiv » Theater Lübeck (13)
Theater Lübeck

Gebratene Gründlinge

von Tim Schomacker

Lübeck, 7. April 2017. Grinsend und klotzig hockt dieses Ding mitten auf der Bühne, ein dunkelgrauer Totenschädel. Wie trotzig aus dem Vanitas-Stillleben eines längst vergessenen frühbarocken Holländers hierher gebeamt. Überleinwand- und überlebensgroß. Und lässt stoisch Welt um sich herum kreisen. In diesem Fall die eigentümliche ländliche Guts-Welt von Tschechow. Beharrlich rieselt der Kunstschnee. Beständig folgen leise musikalische Schleifen. Beunruhigend gleichförmig dreht sich der Schädel. Er ist vielleicht vier Meter hoch, hohl und entsprechend ausgiebig be-, um- und angehbar. Irgendwie erinnert das ganze Arrangement an eine Hähnchenbraterei.


Theater Lübeck

Haben Schaltkreise Schluckauf?

von Tim Schomacker

Lübeck, 1. Mai 2015. Eigentlich ist alles ganz einfach. Es geht um Kosten- und Risikominimierung. Darum, was schlussendlich dabei herumkommt. Es geht, kurz: um die Zukunft. Und das, was man heute schon wissen kann von ihr. Prognosen also. Wie man es anstellt, möglichst präzise Voraussagen zu treffen, ist eine technische Frage. Oder eine technologische. Auswertungsmechanismen, Modelle: Big Data.


Theater Lübeck

Gang durch die Hölle

von Jens Fischer

Lübeck, 31. Oktober 2014. Mit einem schlichten "Hallo, wir kennen uns" wird ins Unspektakuläre der abzubildenden Realität eingestiegen, die üblichen Fragen, Probleme, Konflikte des Zusammenlebens. Nach "Herbstsonate" (2007, Theater Lübeck) und "Treulose" (2013, Staatstheater Braunschweig) übersetzt Anna Bergmann zum dritten Mal ein sensibilisierendes Feel-bad-movie des peniblen Ultraschallkünstlers für Seelenschmerzen, Ingmar Bergman, ins Theater: "Szenen einer Ehe" werden gespielt, einer modernen, also nicht nur scheiternden, sondern auch geschiedenen Ehe. Der Weg dahin führt durch die Hölle.


Theater Lübeck

Ist da noch Saft drin?

von Jens Fischer

Lübeck, 19. September 2014. Lässig-lümmelig sind die Darsteller gewandet, wie auf einer dezent tuntigen Motto-Party für Freunde von Shakespeares "Antonius und Kleopatra". Pitschepatschig kneippen, schreiten, rennen, fallen, sterben sie im knöcheltiefen Bühnenteich, liefern ihre Texte mit Vorliebe in Extremlagen ab, betont schrill oder unbetont melodramatisch, und verweisen mit bewusst albern inszenierten Zuspitzungen auf die hollywoodtösen Zurichtungen dieses Sujets.


Theater Lübeck

Kings in der Manege

von Jens Fischer

Lübeck, 25. Oktober 2013. Bereit stehen die Koffer der Shakespeare-Expeditionsgesellschaft für ihren Weg zu den Grenzen des Daseins, der nackten Kreatürlichkeit. Noch hocken die Forscher zischelnd, tuschelnd, murmelnd herum, vernuscheln und dimmen bis zur Unhörbarkeit leise ein paar der übermenschlich großen, existenziellen Themen des epischen Tragödienbrockens "König Lear" ins Mikrofon. Wollen ihn wohl nicht einfach nur herüberzerren auf den Erfahrungshorizont des heutigen Polit-, Beamten-, Familienbetriebs, sondern lieber schweben lassen zwischen aktuellen Bedeutungen und absolutem, zeitlosem Drama. "Welt", "Vater", "Erbe" ist zu vernehmen.


Theater Lübeck

Versuchslabor der Machtpsychologie

von Jens Fischer

Lübeck, 26. Januar 2013. Macht macht mächtig ohnmächtig – gegenüber dem, was einen sonst noch so antreibt im Leben. Hat man sie erst einmal am Schlafittchen gepackt, will man sie auch festhalten und am besten noch Extraportion ergaunern. Dabei macht Macht mächtig mobil – fördert Manipulationstaktiken, Heuchelarien, Selbstinszenierungsshows. Um den Beifall der anderen buhlen. Politik halt. Wie gerade bei der Landtagswahl in Niedersachsen, der 2013 noch die in Bayern und Hessen folgen, im Mai ist Kommunalwahl in Schleswig-Holstein, im September Bundestagswahl. Für das Theater Lübeck Anlässe genug, "Träume, Visionen und das Gift der Politik" als Spielplanmotto auszurufen. Mit "Hamlet" ging's los, nun folgte Schillers "Maria Stuart".


Theater Lübeck

altEs führt ja alles zu nichts

von Matthias Weigel

Lübeck, 23. März 2012. Man kann nur mutmaßen, wie viel Zeit Regisseur Marco Štorman in die Schauspielarbeit investiert hat. In die Schauspielstil-Arbeit genauer gesagt. Was sein Ensemble in der Lübecker "Anna Karenina"-Inszenierung macht, ist jedenfalls – besonders.


Theater Lübeck

altDer mit dem Wulff tanzt

von Eva Biringer

Lübeck, 27. Januar 2012. Eine graue Kugel auf einem grasgrünen Wohnzimmerteppich wirft Fragen auf. Aus Stein kann sie nicht sein, dafür kullert sie den Akteuren zu leicht um die Füße. Leicht genug ist sie, um sie im Schoß zu wiegen, sich daran festzuhalten oder sie hin und her zu tragen. Daneben besteht die behutsam modernisierte Bühne (Thomas Heick) aus einem Sofa, Plastikstühlen im 70er-Look und variablen Wandelementen. Wie variabel diese Wandelemente sind, führen die Darsteller zu Genüge vor. Warum auch durch die Tür kommen, wenn man gleich mit dem Wandelement ins Haus fallen kann? Warum um das Sofa herumgehen, wenn man sich auch darüber schmeißen kann?


Theater Lübeck
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Die Kunst, das Leben auszuhalten

von Anke Dürr

Lübeck, 28. Oktober 2011. Was für eine Story: Eine Frau verliert ihren 17jährigen Sohn, Esteban, bei einem Unfall. Sie macht sich auf die Suche nach dem Vater des Jungen, von dem sie ihm nie erzählt hat. Er hieß auch Esteban, ließ sich dann aber Brüste machen und heißt jetzt Lola. Auf der Suche nach dem Sohn nimmt die Frau einen Job an als Assistentin der Lieblingsschauspielerin ihres Sohnes und lernt eine schöne junge Nonne kennen, die von Lola schwanger ist. Die Nonne bekommt einen Sohn, nennt ihn ebenfalls Esteban und stirbt bei der Geburt. Bei der Beerdigung trifft die Frau endlich Lola, die bald darauf auch stirbt. Die Frau zieht den Sohn der Nonne groß.


Theater Lübeck
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Goldstaub und Asterix

von Anke Dürr

Lübeck, 9. September 2011. Yerma ist von ihrem Vater mit einem reichen Bauern verheiratet worden, den sie nicht liebt. Sie wünscht sich sehnlichst ein Kind, er will keins, was beide offenbar vor der Hochzeit nicht erörtert haben. Yerma fühlt sich einsam, nutzlos und "verdorrt", bleibt aber trotzdem bei ihrem Juan, wegen der Ehre. Federico García Lorcas Tragödie "Yerma" ist ein ziemlich altes Stück, uraufgeführt 1935, angesiedelt im ländlichen, erzkatholischen Andalusien der dreißiger Jahre.


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Stolz auf die Schöpferkraft

von Ulrich Fischer

Lübeck, 15. April 2011. Niklaus Helbling siedelt seine "Amphitryon"-Inszenierung im Fiktiven an: das Bühnenbild mit viel Pappmaché und die Kostüme (Dirk Thiele/Luisa Beeli) wie die Musikzitate (Felix Huber) erinnern an Hollywood-Filme, die in Nordafrika spielen. Amphitryon wie Jupiter ähneln englischen Kolonialoffizieren, Sosias und Merkur sehen aus wie Sergeants.


Theater Lübeck

Wie der Teufel unter die Krämer fiel

von Ulrich Fischer

Lübeck, 17. Oktober 2010. "Doktor Faustus" ist einer von Thomas Manns großen Romanen. John von Düffel musste deshalb mächtig den Rotstift schwingen, um dieses umfangreiche Meisterwerk der Exilliteratur für die Bühne zu bearbeiten: das Herkommen von Adrian Leverkühn, dem (Anti-)Helden des Romans, dem Doktor Faustus, wird geopfert, die Kindheit, fast die ganze Jugend, die Erörterung des Kosmos und und und. Dennoch gelingt es Düffel, das Wesentliche zu bewahren – er ist eben Literaturwissenschaftler und weiß, den großen Bogen zu erhalten und auch den unverwechselbaren hohen Ton. Fast der gesamte Dialog ist wörtlich Manns Text entnommen – eine vielversprechende, höchst anspruchsvolle Vorlage für das Theater.


Theater Lübeck

Wenn der Banker auf Indianer trifft

von Michael Laages

Lübeck, 4. Februar 2010. Zu dumm – wieder mal reingefallen. Wieder mal hat das Theater eine Spur ausgelegt, auf deren Leim wir dann gegangen sind. Aber dem Theater in Lübeck, fernab aller Prominenz auf Hauptstraßen und Trampelpfaden aktueller Theaterbetriebsamkeit, ist derlei Bauern-, in diesem Fall Pressefängerei, ja nicht einmal wirklich übel zu nehmen – was kann es sonst schon tun, damit die eigene Arbeit ab und an wahrgenommen wird über den Wirkungskreis lokaler, bestenfalls regionaler Berichterstattung hinaus?


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