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archiv » Theaterbriefe aus Iran (8)
Theaterbriefe aus Iran

Gehemmt und doch inspiriert

von Narges Hashempour


26. August 2021. Der Dezember 2019 war ein seltsamer Monat im Iran. Ähnlich wie im Dezember zuvor war die Luftverschmutzung so hoch wie nie zuvor. Eine Kombination aus landesweiter Umweltbelastung, Erkältungswellen und Grippeausbreitung (wer weiß, vielleicht war es bereits das Covid-19-Virus) führte zu häufigen Schulschließungen. Außerdem wurden ältere Menschen und Menschen mit chronischen Krankheiten von der Regierung angewiesen, zu Hause zu bleiben. In der Zwischenzeit beeinträchtigte die Flut von Sanktionen, die die Regierung von Donald Trump gegen den Iran verhängt hatte, das Leben der Menschen und auch den Zustand chronisch Kranker, da es an Medikamenten und medizinischer Ausrüstung fehlte. Anfang Dezember 2019 klangen die massiven Proteste jedoch auch allmächlich ab, die im November nach der Umverteilung von Benzin begonnen hatten, Proteste, bei denen es viele Tote, Verwundete und Inhaftierte gab und die große Schäden verursachten. Und zwar auch, weil ein mehrtägiger Ausfall des Internets die Gesellschaft von sich selbst und der Außenwelt abgeschnitten hatte.


Theaterbriefe aus Iran

Inhibited And Yet Inspired

by Narges Hashempour


August 26, 2021. December 2019 was a strange month in Iran. Proximate to previous December, air pollution was more than ever. A combination of nationwide air pollution, cold snaps, and flu spread (who knows, maybe it was already the Covid-19 virus) led to frequent school closures. Also, the elderly and those with chronic illnesses were mandated by the government to stay home. Meanwhile, the flood of sanctions applied by Donald Trump's administration on Iran affected people's livelihoods and also chronic patients' conditions due to lack of medicine and medical equipment. By early December, the massive protests which had commenced in November and had taken place following the redistribution of gasoline, having left many dead, wounded, detained, and having caused extensive damage, were gradually subsiding. An Internet shut-down for several days had cut off the society from itself and the outside world.


Theaterbriefe aus Iran

Site Specific auf Teherans Straßen

von Jörg Karrenbauer

25. Januar 2018. Wenn man das Programm des Fadjr International Theatre Festivals in Teheran online anschauen will, erfährt man auf den ersten Blick nicht viel mehr, als dass es die 36. Ausgabe ist und vom 18. bis 29. Januar stattfindet. Es gibt keinen Programm-Reiter, den man anklicken könnte. Stattdessen taucht irgendwo das Wort Schedule auf, und dann lassen sich zwei pdf-Dateien runterladen, die den Programmüberblick der Berlinale im Vergleich nahezu übersichtlich erscheinen lassen. Unmöglich, die genaue Zahl der Vorstellungen und Veranstaltungen zu ermitteln. Es sind viele. Sehr viele. Es ist das größte Theaterfestival in Iran. Irgendwo steht, es sei sogar das größte im Mittleren Osten.


Theaterbriefe aus Iran

Die Morgenröte hinter dem Smog

von Ralf-Carl Langhals

Teheran, 27. Januar 2014. "Das Kopftuch bleibt!" Für das Gastspiel des Nationaltheaters Mannheim in Teheran hat Nicole Heesters diesen eigentlich gestrichenen Lorca-Satz wieder aufgenommen. Sie spielt die Titelrolle in Calixto Bieitos Mannheimer Inszenierung "Bernarda Albas Haus". Nirgends passt er besser als hier, gilt er doch auch für die neun Schauspielerinnen und ihre Kolleginnen der NTM-Abteilungen, die mit zum Fadjr-Festival in den Iran gereist sind. Es ist das einzige deutsche Gastspiel dieses 32. Festival-Jahrgangs und seit Jahren auch wieder der erste Festivalbeitrag aus Deutschland.


Theaterbriefe aus Iran

Zwischen Mahnern und Mullahs

von Claudius Lünstedt

Berlin, 20. Februar 2008. Auf der diesjährigen Berlinale beflügelte der Dokumentarfilm Football Under Cover von David Assmann und Ayat Najafi Publikum und Kritik: eine Kreuzberger Frauenfußballmannschaft hatte es sich in den Kopf gesetzt, nach Teheran zu reisen und dort gegen die iranische Frauennationalmannschaft zu spielen. Nach irrwitzigen Mühen kommt die Begegnung tatsächlich zustande – die Teams trennen sich eins zu eins unentschieden. Assmann und Najafi hatten die iranischen Behörden überrumpelt und viel dafür getan, dass aus diesem geschundenen Land endlich einmal gerechtere Bilder zu sehen sind.


Theaterbriefe aus Iran

Die Gesellschaft frisst sich selbst

von Dorothea Marcus

Mülheim an der Ruhr, November 2007. Was man so alles zum Foltern braucht: Zangen, Hämmer, Schraubzwingen. Leuchtend hängen sie auf dem Bild vor dem OP-Tisch. "Doktor, bitte in den letzten Raum", tönt eine Lautsprecherstimme. "Ich würde gern erstmal mit der Theorie beginnen", sagt der Folterschüler, als sein Lehrer angekommen ist.


Theaterbriefe aus Iran

Regimekritik unter Fußballfans

von Dorothea Marcus

Teheran, Februar 2006. Warum gab es in Teheran letztens eine Wasserknappheit? Der Präsident hat endlich ein Bad genommen! Warum gab es Cholerafälle, als Ahmadinedschad an die Macht kam? Weil er zur Feier des Tages seine alten Socken in den Kanal warf! Das Erste, wovon uns Iraner erzählen, sind die Witze. Sie kursieren in 90 Prozent aller SMS-Botschaften. Nun versucht der iranische Präsident, ein Kontrollsystem für Mobiltelefone zu entwickeln - aber er hat genug damit zu tun, das Internet zu kontrollieren und die NGOs zu bespitzeln. Im Iran werden immer neue Webseiten blockiert, allein 90 Prozent der feministischen Seiten - während wir da waren, kam die persische BBC-Seite dazu.

 


Theaterbriefe aus Iran

Hotdogs und Hamlet

von Dorothea Marcus

Teheran, März 2005. Rauchschwaden ziehen durch das Theatercafé, als gäbe es in der verschmutztesten Stadt der Welt nicht schon genug Staub in der Luft. Anfang Januar hat die Stadtregierung die Kindergärten wegen Smog geschlossen. Nichts, was jemanden abhalten würde, am Wochenende auf die Skipiste in den nahen Bergen zu gehen - und das süße Leben der jeunesse dorée zu feiern, so westlich aussehend, als hätte es nie eine Revolution gegeben. Wenn man dagegen nach unten in den armen Süden fährt, ein U-Bahn-Ticket kostet 7,5 Cent, erstrecken sich kilometerweit die Gräber der „Märtyrer“ im Iran-Irak-Krieg. Zehntausende junge Männer mit Samtblicken, jeder hat ein Foto in einem Schränkchen unter einem Areal von Wellblechdächern. Die gleichen, die noch vor sechzehn Jahren als Kanonenfutter dienten, stürmen heute das Theater in Teheran.


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