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archiv » Volksbühne Berlin (105)
Volksbühne Berlin

Noch ein Glas Schnapsidee gefällig?

von Michael Wolf

Berlin, 12. April 2017. Vor kurzem schüttete Alexander Scheer ein Bier über Ex-Kulturstaatssekretär Tim Renner aus. Jetzt zapft er einen Pappbecher voll und reicht ihn einer Zuschauerin. "Sie können das trinken", beruhigt er sie. Scheer und Christian Schneeweiß haben in einem Fass eben einen Drink aus Wodka, Bremsflüssigkeit und Antifußschweißpulver gemixt. Zögerlich nippt die Zuschauerin an dem Becher. Und nein. Sie fällt nicht um und sie erblindet auch nicht auf der Stelle. Da kommt offenbar durchaus Trinkbares heraus. Scheer zeigt auf den Zapfhahn. "Da ist ein Trick dabei."


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Und täglich grüßt das Blümchenhemd

von Christian Rakow

Berlin, 6. April 2017. Eigentlich hätte es mal eine entspannte Nachtkritik werden können. Vorstellungsbeginn um 19 Uhr, mit einem Text, der für gute zehn Minuten Spiel reicht. Okay, er wird wiederholt, und zwar oft. Heißt also: Ein paar Varianten einfangen, nach Hause und Bericht erstatten, und dann zu christlicher Uhrzeit ins Bett. So hätte es laufen können. Wenn es nicht so schön und schräg gewesen wäre.


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Keine Erlösung, keine Erschöpfung

von Wolfgang Behrens

Berlin, 3. März 2017. Frank Castorf ist wohl wirklich das, was man eine coole Sau nennt. Als es bei den Bayreuther Festspielen vor vier Jahren galt, dem geballten Unmut des Publikums zu trotzen, verharrte er volle 10 Minuten im Buh-Orkan. Allein. Nun aber, da das Publikum ihn am Ende seiner letzten großen Inszenierung nach einem Vierteljahrhundert Intendanz an der Berliner Volksbühne feiern will, betritt er, weit nach Mitternacht, um 1:09 Uhr im Schutze seines Ausnahme-Ensembles die Bühne. Und um 1:10 Uhr verlässt er sie wieder – nach einigen linkischen Verbeugungen –, um nicht wiederzukommen. I am a poor lonesome cowboy ... Die freudig erschöpften Zuschauer*innen müssen sich so in ihrem Jubelbedürfnis an den Schauspieler*innen schadlos halten. Was sie ausgiebig tun. Denn immerhin liegen sieben Stunden Spieldauer hinter ihnen, und da ist der Schlussapplaus auch immer eine Erlösung.


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Heute gibt's nur Achtel

von Wolfgang Behrens

Berlin, 24. November 2016. Herbert Fritsch dürfte mittlerweile so ziemlich alles fritschisiert haben, was in einen Bühnenraum passt. Fritschisieren: das heißt, etwas ohne Rücksicht auf inhaltliche Verluste ins hochartifiziell hochvirtuos Hochnotkomische überführen. Fritsch hat Komödien und Tragödien, Possen und bürgerliche Trauerspiele, Opern und Operetten, kürzlich sogar die Apokalypse und immer mal wieder das pure Nichts (Murmel Murmel) fritschisiert. Bange fragt man sich: Was soll da noch Neues kommen? Zumal jetzt, da Fritsch ein letztes Mal an dem Haus inszeniert, das ihn berühmt gemacht hat, an der Berliner Volksbühne, bevor diese derconisiert wird?


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Ich spreche zu den Wänden

von Michael Wolf

Berlin, 18. Oktober 2016. Miley Cyrus ist im Team Volksbühne. Beim Einlass läuft ihr Song We can't stop. Darin heißt es: "Doing whatever we want / This is our house / This is our rules / And we can't stop". In der letzten Spielzeit Castorfs heißt es Abschied nehmen. Nach einem nostalgisch-schönen Marthaler folgt nun einer der besten Inszenierungen René Polleschs seit den Solo-Abenden mit Fabian Hinrichs. Es fehlte ihm zuletzt die Traurigkeit, die seinen Witz erst groß macht. Anders an diesem Abend.


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"Ich kann gar nichts"

von Sascha Ehlert

Berlin, 29. September 2016. Der übliche Smalltalk beim Einlass. Die "wichtigste" Frage: Reagiert René Pollesch auf die irrlichternden Manöver des Tim R.? Schnitt. Pop-Kultur. Die Kamera zoomt auf das Frakturschrift-Logo des unter der Ägide des vom Music Board Berlin (und Tim Renner) ins Leben gerufenen Musikfestivals für die Popavantgarde. Benjamin Pahlke, blonder Pastor mit Berliner Schnauze und roten Augen, faltet den Papp-Flyer und nutzt ihn als Mische-Pappe. Das Grüne und das Braune werden miteinander vermengt, in hauchdünnes Papier gewickelt, angezündet und rumgereicht.


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Ab in die Luftpolsterfolie

von Simone Kaempf

Berlin, 21. September 2016. Jeder Abschied ist ein Moralexperiment. Wie umgehen mit der Veränderung, dem Aufbruch, dem ungewissen Neuen, wo bleibt man nun? Das ist existenzielle Schwerstarbeit neben all dem Aussortieren, Verpacken, Kisten schleppen, Abschrauben, Bohren. Und dann auch noch der Schreckensmoment, wenn die Schmutzränder an den leeren Wänden Zeugnis abgeben von einem vergangenen Leben.


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Wie geht's eigentlich der Souffleuse?

von Christian Rakow

Berlin, 28. Mai 2016. Der Szenenapplaus ist zurück. Letztens schon beim Wiener John Gabriel Borkman auf dem Theatertreffen (der in Besetzung und Spielhaltung eigentlich ein Volksbühnen-Abend war), gestern dann am Berliner Ensemble bei den Räubern von Leander Haußmann (Castorfs getreuem Eckart). Und heute nun an der Gralsstätte selbst: in der Volksbühne bei der "Kabale der Scheinheiligen" nach Michail Bulgakow, arrangiert von Frank Castorf himself. Der Applaus schießt hier herein, fast wie Polaroids vor einem Picasso in der Sonderausstellung: Noch flink einfangen, ehe er abgehängt wird.


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Schwall und Rauch

von Anne Peter

Berlin, 4. Mai 2016. Bei Pollesch wurde ja schon oft gequalmt, was das Zeug hält: Zigaretten aus Prinzip. Eine regelrechte Pro-Nikotin-Kampagne, rauchschwadiger Protest gegen die Mainstream-Doktrin vom vernünftigen, gesunden Leben. Diesmal riecht es schon beim Betreten des Asphalt-Schrägen-Raums in der Volksbühne unverkennbar: nicht nach Zigaretten, sondern nach Gras. Es dauert auch gar nicht lange, bis wir den vier Schauspieler*innen dabei zusehen, wie sie die Joints rumreichen. Sie tun das dope-mäßig verlangsamt – und ja, es ist schön anzusehen, wenn Kathi Angerer ihren Kulleraugenaufschlag in Slow Motion performt.


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Kein Zuschauer darf sterben

von Michael Wolf

Berlin, 6. April 2016. Was ist Locus Solus? "Locus Solus ist die Behauptung des Begriffs der gesamten Menschheit in der Gestalt seines Scheins. Locus Solus is nothing else than the total practice of social organisation. Locus Solus ist deswegen ein zutiefst tautologische Begriff, weil er nur so Mittel zu seinem eigenen Zweck sein kann", erklärt eine Stimme aus dem Off. Undsoweiter. Minutenlang.


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Zum Wohle des Sowjetmenschen

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 25. März 2016. Es wird auch gekreuzigt an diesem Karfreitagabend im Einheits-Bühnenraum der Volksbühne. Ein paar lange Minuten hängen Patrick Güldenberg, Rouven Stöhr und Alexander Scheer (selbstverständlich in der Mitte) an großen, mitten auf der Rampe (auf der das Publikum sich seine Hinterteile auf dem Asphalt wund sitzt) aufgestellten Kreuzen und warten auf Margarita Breitkreiz, die sie mit kaltem Wasser besprengt, auf dass sie vom Mythos-Status abfallen.


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Menschen? Unbedeutend!

von Sascha Ehlert

Berlin, 11. März 2016. "The Revenant", flüstert die Sitznachbarin. Auf der Kinoleinwand vor meinem geistigen Auge robbt Leonardo DiCaprio durch die Wälder Nordamerikas, schwer verwundet, jammernd und ächzend, Blut verschmiert – dem Oscar entgegen. Ein paar Meter vor meinen physischen Augen wimmert währenddessen noch einer. Auch mit ihm meinte es das Leben zuletzt nicht allzu gut: Er ist voll mit Matsch, auf seiner kanariengelben Weste breitet sich ein roter Fleck aus. Der weiße Mann weint.


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Im Park des Unvergnügens

von Georg Kasch

Berlin, 18. Februar 2016. Man müsste diesen Ort erfinden, gäbe es ihn nicht: der ehemalige Spreepark Plänterwald, früher der einzige ständige Vergnügungspark der DDR. Heute rotten die Fahrgeschäfte vor sich hin, wuchern Pflanzen in den Schwanenbooten, quietschen die Gondeln des Riesenrades. Ein Ready-Made-Bühnenbild, das das Theater mehrfach genutzt hat – vor ein paar Jahren etwa das HAU mit seinem Lunapark-Projekt, bei dem das Areal angenehm gespenstisch wirkte.


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Das Prinzip Mann

von Wolfgang Behrens

Berlin, 20. Januar 2016. Was war denn das jetzt? Nach den obligatorischen fünf Stunden – darunter macht's der Noch-Volksbühnen-Intendant nicht mehr – schüttelt man sich erst einmal einen Trip aus den Gliedern, dessen expressive Finsternis einem auch bei Frank Castorf nicht alle Tage begegnet. Diesmal hat man sich nicht – wie noch bei den Karamasows – in den Bert Neumann'schen Sitzsäcken gefläzt: Zum düster dräuenden Turm gestapelt, hinter dem Kunstnebel im Gegenlicht wallt, laden sie vielmehr zum Schauen ein. Eine Abraumhalde? Ein mythischer Berg? Ein rauchender Lavahaufen? Den Grundraum Neumanns jedenfalls erleben wir jetzt aus der umgedrehten Perspektive, auf der Bühne sitzend, während sich die Schauspieler*innen im Zuschauerraum so exaltiert wie inbrünstig auf und um diesem/n Sitzsack-Turm herum abrackern.


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Das Dritte

von Esther Slevogt

Berlin, 3. Dezember 2015. Irgendwann wird es sogar biblisch, an diesem wirklich tollsten René-Pollesch-Abend seit langem. Kathrin Angerer trippelt gravitätisch aus der Tiefe des Bühnenraums und fängt so etwas wie eine Schöpfungsgeschichte zu erzählen an: wie es erst noch dunkel ist und dann zwischen Licht und Dunkelheit geschieden wird, zwischen Bühne und Asphalt, Liebe und Nicht-Liebe. Immer mehr dieser Gegensatzpaare zählt sie auf und schließlich auch Service / No Service,  wie dieser Abend in der Berliner Volksbühne überschrieben ist.


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Durchs komplette Emotionsrepertoire

von Leo Lippert

Berlin, 12. September 2015. "Bewegung auf der Bühne und im Saal gewünscht!" Es bleibt einem auch gar nichts anderes übrig als der Aufforderung am Kartenschalter Folge zu leisten, denn bis auf ein paar wenige Sitzreihen ist der große Saal der Volksbühne leergeräumt. Auf einer riesigen Fläche, die Bühne und Zuschauerraum verbindet, findet dann auch kein gewöhnlicher Theaterabend statt, sondern eine ausladende, unüberschaubare Videoinstallation ohne Zentralperspektive, ohne Totale, ohne Dramaturgie. "Rebel Dabble Dabble Berlin" ist die ortsspezifische Variante eines Projekts, das Paul McCarthy mit seinem Sohn Damon bereits 2012 in Los Angeles und 2013 in New York realisiert hat, und nun für den Theaterraum der Volksbühne adaptiert hat.


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Kommt mit!

von Wolfgang Behrens

Berlin, 24. Juni 2015. Vielleicht wird man dereinst einmal sagen, Fabian Hinrichs sei derjenige gewesen, der die großen Umschwünge im Werk René Polleschs getriggert habe. Vor fünf Jahren etwa kam dieser Hinrichs und lehrte Pollesch die Langsamkeit. Alles, was die Pollesch-Darsteller bis dahin im Speed-Modus aus sich heraus fetzten, kam in der Solo-Performance Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang plötzlich geradezu bedachtsam daher, aus Überdruck wurde sanfter Nachdruck. Das Glimmern der Diskurs-Discokugel Pollesch, die ihr Kapitalismusschulungs-Licht tausendfältig gebrochen durch den Raum sendete, verwandelte sich unter Hinrichs' Einwirkung in ein stetiges Glühen.


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Dämonen in der Sargfabrik

von Kai Krösche

Wien, 29. Mai 2015. Den Kopf nach rechts gerichtet, fotografiert im Profil, blickt der junge Stalin entschlossen Richtung Zukunft: überlebensgroß ziert der sowjetische Diktator die Rückwand eines der zahlreichen Bühnenräume. Die damals nahe Zukunft, in die dieser junge Stalin blickt, ist die einer Welt, die das Denkbare zum Machbaren macht, deren Utopien, ob links oder rechts, im mörderischen Exzess gipfeln und den Zweck selbst das Mittel des (Massen-)Mords heiligen lassen. Es ist auch, später dann, eine Zukunft, in der der Sozialismus als gescheitert erklärt werden wird, in der die Fülle all jener Verfehlungen, die in seinem Namen begangen wurden, als Beweis für seine Unmöglichkeit herangezogen wird: Der "aufgeklärte, liberale" Westen hat sich behauptet und beansprucht für sich die Meinungshoheit – Widerworte werden erst ignoriert und schließlich, wenn es unvermeidlich scheint, bekämpft.


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Uiuiui, der traut sich was

von André Mumot

Berlin, 27. Mai 2015. Man hat es ja schon bekanntgegeben. Im Voraus. Damit bloß keiner überrascht ist, wenn's bei Johann Kresniks erster Berliner Anarchosause seit seiner Villa Verdi von 2013 ordentlich zur Sache geht und man womöglich doch mal weggucken muss. "Die Vorstellung ist für Zuschauer unter 18 Jahren nicht geeignet", hat die Volksbühne wissen lassen. Also wundert man sich nicht, fragt sich höchstens nach einer Weile, ob diese Vorstellung überhaupt für Zuschauer geeignet ist und wenn ja, für welche. Für solche, die sich gern ins Fäustchen lachen und "Höhöhö, das ist jetzt aber ganz schön gewagt" sagen vielleicht. Oder für solche, die sich mit Freuden schockieren lassen und anschließend feststellen, dass sie dringend ihr vom "Konsumfaschismus" korrumpiertes Leben über den Haufen werfen und vielleicht lieber was mit Tanz machen sollten.


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So primitiv wird das Leben nie mehr sein

von Christian Rakow

Berlin, 12. März 2015. Edler ist die Quintessenz eines Stückes von René Pollesch vielleicht nie in Worte gegossen worden: "Ich hafte an dir, wie eine Zecke an einem Tier", singt Lilith Stangenberg mit piepsigster Disneystimme, während das Orchester opulent anschwillt. "Wir haben nie gelebt, doch sind wir miteinander verklebt", mischt Martin Wuttke seinen fragilen Tenor hinzu. Beide schweben dazu wie schwerelos im Bauch eines kolossalen hölzernen Orca-Wals, ein gutes Stück über dem dunkelfunkelnden Volksbühnenboden.


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Ein Vorhang für den Eisernen

von André Mumot

Berlin, 8. März 2015. Es ist nicht wie immer. Die Stimmung ist anders in der Berliner Volksbühne an diesem Abend, und man begreift nicht sofort, woran das liegt. Dann aber werden ungewöhnlich viele Handys gezückt, auch Tablets und Fotoapparate. Es blitzt also mal hier und mal da, und zumindest am Anfang wird alle drei Minuten geklatscht. Das liegt daran, dass Kinder und Jugendliche auf der Bühne stehen (singend und sprechend) und Angehörige im Publikum sitzen. Es sind der Mädchen- und der Hauptchor der Sing-Akademie zu Berlin und die Knaben und Männer des Staats- und Domchores, die den Hauptteil dieser Veranstaltung bestreiten und die schon mal knackig, zackig, stramm und urdeutsch loslegen mit "Lützows wild verwegener Jagd".


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Im Kunstdrahtverhautomat

von Simone Kaempf

Berlin, 18. Februar 2015. Täuscht es oder waren Herbert Fritschs Bühnenfiguren zuletzt ziemlich barock? Mit schneckenkringeligen Plastikfrisuren, betonten Kleidern und bürgerlichen Riesensofas; simple Figuren mit hohem optischen Wiedererkennungsfaktor. Und selbst wenn Victoria Behr, Fritschs Leib-und-Magen-Kostümbildnerin, ihnen manchmal waberige Gummianzüge verpasst, wie jetzt an der Volksbühne, agieren sie mit einer ausladenden zappeligen Körperlichkeit, die einem mittlerweile sehr vertraut geworden ist.


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Die Festung Kunst

von Esther Slevogt

Berlin, 14. Januar 2015. Die erste Szene trägt den Kern der Tragödie schon in sich. Ein Mann mit Pilzfrisur und verschossenem schwarzen Anzug tritt auf und nimmt an einem Flügel Platz. Rund um ihn herum unwirtliches Gelände: abgestorbenes Holz und blattlose Baumruinen – tote Natur, die man jedoch schnell vergisst, wenn der Mann mit der verklemmten Körpersprache Klavier zu spielen beginnt. Ein leidenschaftliches Klavierstück, Marke bürgerlicher Konzerthallenbombast, Klaviervirtuosenfutter comme il faut*. Auf keinen Fall jedoch Jean Sibelius und erst recht nicht Claude Debussy, die beide berühmte Musiken zu Maurice Maeterlincks verrätselt-symbolistischem Drama "Pelléas und Mélisande" geschrieben haben, das hier heute in der Volksbühne Premiere hat. Und während Jan Czajkowski noch versunken-genialisch in die Tasten haut, tritt eine überirdisch-verhuschte Blondine mit Mantel und Koffer auf den Plan. Sie legt ab und nimmt am Flügel Aufstellung, wie eine Sängerin, die gleich zu einer Arie anheben wird. Doch sie bleibt stumm und geht wieder ab. Denn die Musik, das ist die luzide wie komplex an diesem Abend verhandelte These des Musiktheaterregisseurs David Marton, ist eine Kulturtechnik der Privilegierten. Sie ist Macht-, ja am Ende sogar Mordinstrument. Perfektes Mittel außerdem, mit dem der sogenannte zivilisierte Mensch seine Triebe sublimiert und sich irgendwie auch die Gefühle abgewöhnt.


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Hi-ho-he – Volksbühne!

von Nikolaus Merck

Berlin, 4. Dezember 2014. Was hätte man alles an diesem Geburtstag anfangen können. Erwin Piscator, Bert Brecht und Benno Besson hätten aus ihren Gräbern aufstehen und ein fetziges Rundtischgespräch über ein Episches Theater für das miese Volk hinlegen können, inszeniert von Frank Castorf und René Pollesch. Hans Albers hätte als Liliom von der Schaukel gesungen, darüber brummte der Spielzeughubschrauber, Henry Hübchen tanzte sein Kartoffelsalat-Ballett, Herbert Fritsch wäre mit der Boa Constrictor über die Bühne geflogen. Wir hätten auch im aufgelassenen Narva-Glühbirnen-Werk alle zusammen "Die Ausnahme und die Regel" probieren können, angeleitet von Benno Besson und Christoph Schlingensief mit einem Megaphon oder einfach die Bilder der vielen großen Toten betrachten und dazu mit Christoph Marthaler und dem Murx-Ensemble "Danke" singen können. Heiner Müller hätte an der Zigarre gezogen, und es wäre gut gewesen.


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Fieberfantasie eines sterbenden Dichters

von Christian Rakow

Berlin, 8. November 2014. Als er 27 Jahre alt war und bereits Schriftsteller, änderte der Italiener Kurt Erich Suckert (1898–1957), Sohn eines Textilingenieurs aus Zittau/Sachsen, seinen Namen in Curzio Malaparte, mit Anklang an Bonaparte, so wie einer, der nicht Gutfried heißen will, sondern Bösefried, weil er lieber von der dunklen Seite des Lebens kostet.


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Schlagerernst und Castingknäuel

von Simone Kaempf

Berlin, 15. Oktober 2014. Welch schöne Funken Regisseur Christoph Marthaler aus Verliebtsein, Heiratsanträgen und Eheanbahnung schlagen kann, hat er zuletzt in Das Weisse vom Ei bewiesen. Im höchst bürgerlichem Ambiente speisen zwei Familien zum Abendessen, damit der Sohn um die Hand der Arzttochter Emmeline anhält. Man beobachtet Menschen, denen altertümlich die Perücken stauben oder die über Teppiche stolpern. Aber allen voran führt ihre gehemmte Leidenschaft zu hochkomischen Situationen, in der man auch leise Kritik an verbarrikadierter Bürgerlichkeit ablesen kann.


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Licht im Dunkel des Irrsinns

von Esther Slevogt

Berlin, 10. September 2014. Ja, darum geht es vielleicht. Einfach ganz ironiefrei und mit sich selbst identisch leben, lieben und von einem anderen Leben träumen können. Am Ende des Abends versammeln sich Christine Groß, Sophie Rois und Mira Partecke vorne an der Rampe und intonieren mit fast zärtlicher Sehnsucht leise Elvis Costellos 1970er-Hymne (What's so funny 'bout) peace, love and understanding.


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Des Künstlers jüngstes Gericht  

von Wolfgang Behrens

Berlin, 28. Mai 2014. 62 Jahre ist Frank Castorf jetzt alt, und – bingo! – damit ist er im besten Solness-Alter. Henrik Ibsen war nur unwesentlich älter, als er sich in seinem Baumeister ein Alter Ego schuf, dem er so ziemlich die miesesten Eigenschaften des alternden Künstlers mit auf den Weg gab. Denn dieser Solness ist ja nicht viel mehr als ein Kotzbrocken, der – von seiner Mission überzeugt – sich gerne und ausgiebig selbst bejammert, einer, der skrupellos Menschen für sich und seine Kunst instrumentalisiert und dabei auch mal jungen Mädchen an die Wäsche geht. Vor der künstlerischen Jugend allerdings hat er Angst, denn der junge Wilde ist doch eigentlich er. Na also! Wenn das nicht Frank Castorf ist, der Mann, der seit nunmehr 100 Jahren (genauer: seit 1992) berufsjugendlicher Intendant der Volksbühne ist und dieses Amt auch nie, nie, nie freiwillig abgeben wird.


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Worte wie wild gewordene Mücken

von Dirk Pilz

24. April 2014. Und wie sie allesamt im Silbenmeer rudern und nach Worten schnappen, als drohte ihnen der Texttod durch Ertrinken. Wie sie sich die Sätze abstrampeln, die Gedanken ausschwitzen. Es ist, als wären sie von einer fremden, unergründlichen Schicksalshand in einen reißenden Strudel gestoßen worden und suchten vergeblich nach Ufern, oder einem Halm wenigstens, der Halt verspräche. Es ist aber kein Halm und kein Ufer. Ist überhaupt Hoffnung noch?


Volksbühne Berlin

Irre ins Unbekannte starren

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 22. Januar 2014. Woher kommt die Musik? Die Musik kommt aus dem Schrei. Ob es ein Schreckens-, ein Schmerzens- oder ein Lustschrei ist, jedem Singen geht in Herbert Fritschs erster eigener Oper "Ohne Titel Nr. 1" eine emotionale Äußerung voran. Auf die Spitze getrieben wird das Prinzip in einer Szene, in der alle zwölf Akteure sich nebeneinander aufstellen und immer wieder der Reihe nach, jedes Mal schneller, orgasmisch stöhnen. Menschenskinder!


Volksbühne Berlin

Raserei im Asia Quick

von André Mumot

Berlin, 19. Dezember 2013. "Wer hat an der Uhr gedreht? Ist es wirklich schon so spät?", singt das Ensemble am Schluss. Und, ja: Es ist wirklich schon so spät. Schon nach Mitternacht. Aber aufhören wollen sie nicht, ganz gleich, wie erschöpft wir alle sind, lieber noch was singen und Faxen machen. Also baut sich Alexander Scheer als greiser Opa Hoppenstedt im Nachthemd vor dem Publikum auf und spielt zusammen mit Marc Hosemann noch ein bisschen Waldorf und Statler. "Wie hat dir die Vorstellung gefallen?" – "Nicht so gut. Ich habe sie aber auch unter ungünstigen Umständen gesehen – bei offenem Vorhang."


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Shakespeares Spiralmuster

von Georg Kasch

Berlin, 9. Oktober 2013. Ziemlich zu Beginn gibt es einen Moment, da baut sich Lilith Stangenberg vorne auf, während alle anderen hinten am Flügel gemeinsam harte Monsterakkorde greifen. Mit jedem von ihnen verändert sich Stangenbergs Gesichtsausdruck, biegt sich ihr freundliches Lächeln zur Fratze, bis die Lider gefährlich flackern, die Augen zucken und sich die Mundwinkel einander bedrohlich nähern. Dann löst sich die Spannung ins Gegenteil, irgendwann wechselt sie nur noch zwischen Gut und Böse, ein irres Gewitter der Emotionen, das einerseits hochnotkomisch ist, andererseits aber jene zwei Gesichter nahezu simultan ins Bild bannt, die das Theater repräsentieren: die lachende und die weinende Maske.


Volksbühne Berlin

Hau ab, Method Acting!

von Wolfgang Behrens

Berlin, 6. September 2013. Ist es eigentlich viel oder wenig, wenn einem von einem Theaterabend vor allem ein Gedanke hängen bleiben wird? Immerhin, ein Gedanke! Sicherlich keiner, der zum ersten Mal gedacht worden wäre – was auch ein bisschen viel verlangt wäre vom Gedanken –, aber doch einer von der Art, der sich durch seine Perspektivumkehrung einprägt, eine geläufige Sichtweise auf den Kopf stellt.


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Schieß mich zum Mond, baby!

von Georg Kasch

Berlin, 19. Juni 2013. "Jetzt mit 10% mehr Inhalt!", wirbt der Programmzettel. Er könnte sich auf Momente wie diese beziehen: Prinz Sternschnuppe kommt. Er durchquert den langen leeren Raum mit angeödetem Gesichtsausdruck und defiliert am Sternenchor vorbei, knallt dabei einmal lang hin, rappelt sich auf, reißt seinen Glamrockoverall auf, um seine eher mickrige Brust zu präsentieren. Dann legt er seinen blassen Federmantel ab, während ihm Mondelfen einen Flügel hinschieben und einen viel zu kleinen Schemel. Erst versucht er vergeblich, für seinen Umhang eine passende Ablage zu finden. Dann beginnt er in peinvoller Haltung – viel zu tief sitzt er, viel zu weit weg – den Flohwalzer zu spielen. Immer wieder haut er daneben, rast plötzlich durch Isoldes Liebestod, um dann, im Bariton und in der Counter-Lage, mühelos gequält von den "losen muntren Liedern" zu singen, die bei Paul Lincke notiert sind.


Volksbühne Berlin

Du sollst nicht nuscheln!

von André Mumot

Berlin, 23. Mai 2013. Bevor wir über das sprechen können, worauf es hier vielleicht ankommt, über die Unerträglichkeit des Todes zum Beispiel und über die Unerträglichkeit des Verlassenwerdens, müssen wir über Baby sprechen. Baby macht sich breit auf der Bühne. Baby muss herumkommandiert und zusammengestaucht und ins Badezimmer geschickt werden. Aber wenn Baby nicht da ist, ist die Leere dann doch nicht zu ertragen. In dem Howard Hawks-Film Bringing up Baby, aus dem René Pollesch für sein neues Stück einige Dialoge gesampelt hat, ist Baby ein Raubtier, ein Leopard. In der Volksbühne ebenfalls, allerdings in Gestalt eines deutschen Panzers. Ein rollender, schussbereiter Kalauer in hellem Holz, der ein kleines Bisschen Heiterkeit in einen erstaunlich missmutigen Abend bringt.


Volksbühne Berlin

Die Pfosten sind, die Türen fest verriegelt

von Anne Peter

Berlin, 4. Mai 2013. Vor einem Jahr wurden Finisher-Shirts ausgeteilt. An alle Unermüdlichen, die die kompletten zwölf Stunden im Prater der Berliner Volksbühne miterlebt und durchlitten hatten. Damals, so berichtete der Nachtkritiker, versprach der Videoschirm um kurz nach 4 Uhr morgens, am Ende der Vorstellung, eine Fortsetzung: "to be continued".


Volksbühne Berlin

Rrrevolution!

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 24. April 2013. Wieviele Lebensjahre an diesem Abend wohl insgesamt auf der Volksbühne versammelt sind? Es dürften ein paar hundert sein. Es handelt sich bei Johann Kresniks "Villa Verdi" ja auch um ein Altersheim, in dem ehemalige Künstler an ihrem Gnadenbrot mümmeln – der Abend basiert auf Daniel Schmids Dokumentarfilm "Il Bacio di Tosca", der in dem von Giuseppe Verdi gegründeten Mailänder Asyl für alte Opernsänger "Casa di riposo" umherschweift. Oder?


Volksbühne Berlin

Der letzte Mann

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 27. März 2013. "Wozu haben wir uns denn jetzt so viel Mühe gegeben?", fragt Kathrin Angerer. Und holt aus zu einer Art Mission Statement der vorhergegangenen dreidreiviertel Stunden. Das mäandert – und enthält viel, wie auch diese dreidreiviertel Stunden. Unter anderem die Sätze: "Die männliche Abart, (...), die Drohnen, die man töten muss, die bleiben doch am Leben, die fressen doch den Honig auf, die demoralisieren und unterdrücken uns Bienen. Als Ergebnis haben wir die Vorherrschaft der Schwachen, der Männer, über die Starken, und die Degenerierung der Männer." Die wird gleich darauf eindrucksvoll vorgeführt – und das Problem damit abgeschafft: als die vom einzigen Mann des Abends gespielte Figur mit einer Pistole in der Hand auftritt, im vollen Bewusstsein ihrer beziehungsweise seiner Überflüssigkeit, und sich – peng – gerade abgegangen, erschießt. "Jetzt ist uns unser letzter Mann abhanden gekommen", haucht Kathrin Angerer.


Volksbühne Berlin

Die Toten ficken die Lebenden

von Matthias Weigel

Berlin, 8./9. März 2013. Vom Wodka benebelt liege ich auf dem Bett, als Marcy vor mir zu tanzen anfängt. Ob sie für mich strippen kann, frage ich. Wortlos fängt sie an, im Séparée ihr Kleid herunterzuziehen, in der Enge reiben ihre Knie an meinen. Neben mir auf dem Bett sitzt eine andere Tänzerin, sie hat die Eieruhr mit den fünf Minuten in der Hand. Fünf Minuten lang wird Marcy alles machen, was ich sage. Ich habe sie beim Glücksrad gewonnen, für einen lächerlichen Euro Einsatz.


Volksbühne Berlin

Who the fuck is Ulli Lommel

von Matthias Weigel

Berlin, 17. Januar 2013. Will man sich diesem Kuriosum nähern, muss man zuallererst über diesen Menschen reden. Über seine unfassbare Lebensgeschichte, seine legendären Begegnungen, seine druckreifen Anekdoten. Seine unaufgeregte, sympathische Art. Und über sein Werk, in dem Rainer Werner Fassbinder und David Carradine genauso eine Rolle spielen wie Daniel Küblböck. Über den wohl inzwischen unbekanntesten deutschen Hollywoodstar: Ulli Lommel.


Volksbühne Berlin

Wie wir uns durchs Leben wurschteln

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 8. November 2012. Gemeinschaft stiften kann so einfach sein. Es braucht doch nur das kleine Wörtchen "Wir", und schon sind wir alle mittendrin. Das, was uns beunruhigt oder nervt, wenn wir es in Ich-Form denken, ist in Wir-Form lange nicht mehr so störend: Wir haben Angst vor dem Sterben. Wir trinken zuviel. Wir sind sehr paranoid. Und so weiter.


Volksbühne Berlin

Die Durchleuchtung der Dreifaltigkeit

von Christian Rakow

Berlin, 2. November 2012. Zwei Stunden zwanzig Minuten Spieldauer, 21:20 auf der Uhr. So früh kommen wir nicht oft aus einem Castorf-Abend, insbesondere wenn Frank Castorf sich Dostojewski vornimmt. Im Gepäck manch berückenden Moment: Wenn etwa Trystan Pütter als liebeskranker Tollkopf Ordynoff dreck- und kotbeschmiert wie ein Krieger aus verlorener Schlacht dasteht und all sein Begehren der einzigen, der sterbensschönen, der abgründigen Katerina entgegen schreit. Ein Schrei ins Leere. In seinem nackten Arm hält er einen alten Röhrenfernseher, in dem der Kopf von Katerina, also von – wer, wenn nicht sie! – Kathrin Angerer, erscheint. Unendlich unerreichbar. Für ihn, für uns. Wir sehen das Bild im Bild auf einer riesigen Videoleinwand, rechterhand auf der Vorderbühne.


Volksbühne Berlin

Die Trickkisten des Verführers

von Georg Kasch

Berlin, 15. September 2012. Martin Wuttke, wer sonst. Seit Ewigkeiten ist er Arturo Ui, der Verführer aus Machtlust, neulich war er Platonov, der Verführer aus Langeweile. Und nun also Don Juan, legendärster aller Süßholzraspler und Flachleger. Wobei er in erster Linie uns um den Finger wickelt (auf der Bühne fallen ohnehin alle ständig übereinander her), da reicht schon sein erster Auftritt in Glitzermaske, schwarzer Mob-Perücke und Brillant-Collier.


Volksbühne Berlin

altKacke und Kapital

von Nikolaus Merck

Berlin, 14. Juni 2012. Da ist er wieder. Gott sei Dank. Ungebrochen ganz und gar. Martin Wuttke tippelt, Martin Wuttke hüpft, Martin Wuttke raunzt und reibt die Worte samten weich aus der Kehle herauf. Wuttke duckt sich, Wuttke reckt sich, einmal hängt er oben am Holzpaneel und strampelt mit den Beinen: "Mein Geld, meine Kassette, ich muss nach meiner Kassette schauen." Letzte Woche hatte der Divo die Premiere von "Der Geizige" absagen müssen, fünf Minuten vor. Anstatt zum Theater war er direkten Wegs zum Arzt gefahren. Akuter Erschöpfungszustand. Den fünfstündigen Platonov am Burgtheater spielen, Der eingebildete Kranke an der Volksbühne spielen, den "Geizigen" proben – das war sogar für einen Schleef-Wilson-Castorf-Arturo-Ui-Marathonmann zuviel gewesen. Zwei Tage ausgeschlafen, dann war die Sache ausgestanden. Allem Anschein nach. Puh. Drei Kreuze.


Volksbühne Berlin

alt

Leid und Lust der Apothekerrechnung

von Wolfgang Behrens

Berlin, 1. Juni 2012. "zum totlachen!" steht auf dem rot-weiß gestreiften Vorhang. Aha, denkt man, das ist dann ja wohl das heimliche Motto der laufenden Volksbühnen-Spielzeit, und nun ist es endlich raus! Herbert Fritschs Turbokomödien, die das Publikum wie in den allerbesten Zeiten ins Haus strömen lassen, scheinen den gesamten Spielplan infiziert zu haben: Willkommen in den fröhlichen Niederungen der Unterhaltung. Zum Abschluss der Saison und zum Auftakt der nächsten jedenfalls gilt es an der Volksbühne einem, der sich buchstäblich totgelacht hat. Oder zumindest seine Zuschauer so lange zum Lachen gebracht hat, bis er auf der Bühne tot umfiel: Die Volksbühne erkundet den Kontinent Molière.


Volksbühne Berlin

altFritschiadisches Ballett

von Matthias Weigel

Berlin, 28. März 2012. Für eines der 232 handsignierten Exemplare aus den Siebzigern muss man inzwischen schon mehrere Hundert Euro auf den Tisch legen. Wer dennoch eines ergattert, kann zufällig eine der 176 Seiten aufschlagen und das erste zu lesende Wort wird sein: "Murmel". Denn es ist auch das einzige Wort, das im gleichnamigen Theaterstück des Dada-, Aktions- und Objektkünstlers Dieter Roth (1930–1998) immer und immer wieder zu lesen ist – für die Proben konnte man sich die Buchform wohl sparen.


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altIn Biedermeiergewittern

von Christian Rakow

Berlin, 3. März 2012. Die Deutschen und ihre Anekdoten, tja. Es werden viele Anekdoten an diesem Volksbühnen-Abend erzählt, Kleist'sche, von größeren und kleineren Unglücksfällen. Einmal sagt der mächtige Hendrik Arnst als Sprachrohr seines Regisseurs: In diesem friedlichen Biedermeier nach dem zweiten großen Krieg (dem napoleonischen, wohlgemerkt) sei ja nun so viel Zeit, sich zu erinnern, "nicht nur an das, was uns erheitert, sondern das, was uns erbaut". Da ist schnell klar, dass auch "Die Marquise von O." hier und heute nicht über das Niveau einer heiter-erbaulichen Biedermeier-Anekdote hinauswachsen darf. O tempora, o mores!


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altPollesch in love?

von Matthias Weigel

Berlin, 18. Januar 2012. Eine Viertelstunde vor Vorstellungsbeginn kommt er mit roten Backen angeradelt, der Fabian. Als sich die Menge im Saal der Volksbühne eingefunden hat, winkt er vom Bühnenrand noch schnell dem ein oder anderen zu. Eine Baggerschaufel lugt schon hinterm Seitenvorhang vor, während er auf der anderen Seite halbverdeckt in den Bühnenhimmel hinaufgezogen wird. Es ist, als habe ein guter Freund zur Voraufführung seiner neuen Show eingeladen, die er erst im kleinen Bekanntenkreise testen will. In jedem seiner noch so strengen Ausrufe wird später mitschwingen, dass es ja eigentlich ein bisschen lustig ist, dass er gerade uns jetzt diese sperrigen Sätze über Netzwerk und Kapitalismus hinschleudert, und dass er sich schon aufs gemeinsame Bier danach freut, um über alte Zeiten zu plaudern.


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Ein Ohrläppchen für die Demokratie

von Matthias Weigel

Berlin, 3. November 2011. Der Franzose Olivier Py ist Intendant des Odéon-Théâtre de l'Europe in Paris und wird ab 2014 das Festival von Avignon leiten. Darüber hinaus arbeitet er als Regisseur, als Schauspieler und Autor. All seine Alter Egos kommen auch als Figuren in seinem neuen Stück "Die Sonne" vor, von ihm selbst an der Volksbühne in Berlin uraufgeführt.


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Ich will nicht arrrbeiten!

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 27. Oktober 2011. "John Gabriel Borkman" ist das vorletzte Stück von Henrik Ibsen. Zwei Jahre später hat er noch ein letztes geschrieben, und auch wenn der vierte Teil der "Ibsen-Saga" von Vegard Vinge und Ida Müller "John Gabriel Borkman" heißt und zum Thema hat, so scheint er doch insgesamt vom Titel dieses letzten Stücks inspiriert: "Wenn wir Toten erwachen".


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Abwarten und Tee trinken

von Simone Kaempf

Berlin, 16. September 2011. Zwischenzeitlich schien er tatsächlich dem Theater den Rücken gekehrt zu haben. Bis auf eine szenische Einrichtung von Sven Regeners Der kleine Bruder mit Studenten der Berliner Ernst Busch-Schauspielschule, die partout nicht als Premiere angekündigt war. Aber nun ist er wieder da. Leander Haußmann! An der Volksbühne! Mit einem Ibsen und bester Besetzung! Die Pause schmilzt plötzlich zur Kunstpause. Großer Andrang, großes Interesse. Ein dreieinhalb Stunden-Abend auch noch, alles scheint da plötzlich möglich: Großes Gefühlsdrama, Parodie auf ideologisch verblendete Lebensanschauung, Spannung um den ungeklärten Tod einer Frau.


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Adornos Trampolin

von Wolfgang Behrens

Berlin, 29. Juni 2011. "Geh außen herum, sagte der Krumme." Ja, zugegeben, das ist nicht aus der "Spanischen Fliege", es ist ein Zitat aus Ibsens "Peer Gynt". Vielleicht aber taugt der Satz dazu, den Weg von Herbert Fritsch zu charakterisieren. Denn als dieser vor ein paar Jahren nahezu unbemerkt die Berliner Volksbühne verließ, deren Profil er als Schauspieler über lange Zeit entscheidend mitgeprägt hatte, da war wohl niemandem klar, wohin die Reise gehen und ob sie je an die Volksbühne zurückführen würde.


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Pappkameraden beim Gedankenlesen

von Esther Slevogt

Berlin, 17. Juni 2011. Ja, sie haben es schwer, unsere Künstler. Private Schicksalsschläge. All die vielen unverdauten Lektüreerlebnisse. Die Relevanzkonkurrenz aus der Wissenschaft, wo heutzutage die Wesensfragen unserer Existenz so viel präziser gestellt werden. Und Kunst will dann ja auch noch gemacht sein. Da muss man sich ganz schön abstrampeln. Kaum hat man Zeit, seine Sachen überhaupt fertigzustellen. Nicht mal Zeit zum Tagebuchschreiben bleibt. Alles muss immer auf offener Bühne verhandelt werden.


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Dostojewskij goes Las Vegas

von Stefan Bläske

Wien, 9. Juni 2011. "Alles auf die Null, auf Zéro!" Du setzt all Dein Hab und Gut auf eine Karte, eine Nummer, eine Farbe. Du bist Dir sicher, dass sie kommt, kommen muss, dass es gar nicht anders sein kann – und Du verlierst. Alles. Oder gewinnst. Ein Vermögen. Vielleicht ein neues Leben? Nenn es, wie du willst, nenn's Glück. Chance. Schicksal. Zufall. Gott. Oder einfach Wahnsinn.


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Onkel Wanja auf dem Schießstand

von Matthias Weigel

Berlin, 19. Mai 2011. Das Schlimme an Tschechows Dramen ist, dass sie ja eigentlich schon zu Ende sind, wenn sie anfangen. Diese treffende Feststellung steht zu Beginn dieses Stückes, das eine Fortführung von Anton Tschechows "Onkel Wanja" wagt. Im kleinen Raum im 3. Stock der Volksbühne ist das Werk des polnischen Autors Pawel Demirski zum ersten Mal in Deutschland zu erleben: "Diamanten sind Kohle auf Arbeit", lautet die Übersetzung von Andreas Volk.


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Draußen auf der Showtreppe

von Matthias Weigel

Berlin, 21. Berlin 2011. Sie gehören zur neuesten Kategorie von Prominenz: Sie sind Internet-Stars. Denn neben Fernsehen und Film (und davor war ja sogar mal das Theater dran) bringt inzwischen auch das Internet seine eigenen Stars hervor. Auch wenn diese meist anderen Regeln gehorchen. Auf jeden Fall wurden ICKE&ER 2006 mit dem Internet-Video RICHTIG GEIL bekannt, echte Youtube-Kinder also, wie früher mal Marcus Alexander oder der DJ der guten Laune.


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Last Exit: Brühwürfel

von Christian Rakow

Berlin, 16. März 2011. Passen Se auf, der wird gut: Ein Tenor, von himmlischen Liebeswogen juchzend, taumelt durch den Raum zu einem Küchenherd und, hoppla, patscht mit der flachen Hand auf die heiße Herdplatte und hiiiiimmmlisch reißt es seine Tonlinie in die Höhe. Wow! Was, das kennen Se schon? Aber jetzt: Ein junges Paar nebst einer Freundin frühstücken gekochte Eier. Sagt die Freundin vieldeutig zu ihm: "Sie kriegt nicht genug von Ihren Eiern." Puh, auch nicht dolle? Und was, wenn eine der beiden Freundinnen Sophie Rois ist und das Ganze an der Volksbühne spielt? Sehen Se, hab ich doch gesagt, dass es gut wird.


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Die Raupe in der Parklücke des Nichts

von Christian Rakow

Berlin, 12. Januar 2011. Man muss sich das Erlebnis dieses Abends vorstellen, wie den Besuch bei einem Zauberer am Ende einer langen Tournee: Wenn er seinen Zylinder lüftet, wird sich ein Schmetterling darunter in eine Raupe1 zurückverwandelt haben, lautet sein Versprechen. Und er lüftet den Zylinder, doch nichts da. Und er lüftet ihn abermals. Und wieder und wieder. Bis sich nach endlosen Versuchen doch eine große, alles umströmende Verzauberung ausbreitet. Nicht weil der Schmetterling wirklich zur Raupe geworden wäre. Sondern weil wir uns in dieses endlose Hutlüften verliebt haben, in das Beharren auf dem Denkmöglichen, in das verstiegene Wagnis, Zeit und Sein zu verkehren.


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Gut geturnt

von Christian Rakow

Berlin, 20. November 2010. Das ist selten: Szenenapplaus fürs Bühnenbild, für eine himmelhoch aufragende, rotweiß gestreifte Tambourtrommel von Bert Neumann. Wenn sich ihre Seiten öffnen, verwandelt sie sich in ein kolossales Zirkuszelt mit rotierenden Aluvorhängen, Stoffbahnen mit Propagandadrucken und einem Panoramafoto vom Grunewald. Heillos durchstrauchelt Sophie Rois als galizischer Jude Kaftan diesen Bilderwald. "Berlin, da bin ich. Wo bist Du?"


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Acht Schauspieler suchen einen Godard

von Georg Kasch

Berlin, 23. September 2010. Wer hat Angst vor Rot, Gelb und Blau? Niemand. Jedenfalls Jean-Luc Godard nicht, der in seinem Film "Die Chinesin" von 1967 hemmungslos den Primärfarben frönte. Und auch Dimiter Gotscheff nicht, der es ihm in seiner "Übermalung" genannten Godard-Hommage an der Berliner Volksbühne gleichtut. Das ergibt ein schönes Bild: Stumm drehen sich die gelben Stoffsegel und das rote Transparent, werfen lebendige Schatten auf den weißen Rundhorizont, eine menschenleere Demo der reinen Farben.


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A Portrait of the Artist as a Young Doll

von Esther Slevogt

Berlin, 27. Juni 2010. Am Anfang ist der Blaumann, den alle tragen: Musiker, Sänger und Schauspieler gleichermaßen. Auch der Videomann, der sich später an die Spur der Spieler heftet, Nahaufnahmen ihrer Gesichter und Aktionen an die Wände links und rechts des Bühnenraums im dritten Stock der Volksbühne schickt, und einmal gar den Sturz einer Socke aus dem Fenster auf den Rosa-Luxemburg-Platz verfolgt. Denn vom Abstürzen handelt dieser Abend.


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Sit-In mit Jesus

von Anne Peter

Berlin, 22. Juni 2010. Vielleicht sollte diese Veranstaltung für die Volksbühne so etwas sein, wie Cristiano Ronaldos lustiges Nacken-Hüpfer-Tor, dem 6:0 gegen Nordkorea, für die WM? Ein kleiner, Prusten machender Aufheiterer, der hierzulande sogar für einen kurzen Moment die Furcht vor dem Ghana-"Endspiel" und einem möglichen Vorrunden-Aus vergessen ließ?


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Highheels als Hindernis

von Mounia Meiborg

Berlin, 28. April 2010. Der Text im Programmheft klingt so blumig und kompliziert, wie es sich für modernes Tanztheater gehört. Von einer "Temperatur der Anarchie" ist da die Rede, die auf die "Besinnlichkeit des Vertrauens" trifft. Von Schauspielern und Tänzern, deren biografisches Material "als Resonanzkörper in die gemeinsame Untersuchung von Beziehungen des Raums, seiner Unordnung und Offenbarungen, seiner Sicht- und Unsichtbarkeiten" einfließt. Und davon, dass man sich mit dieser Arbeit "in die geschwungene Architektur der Rundungen der Volksbühne" einschreiben will. Wanda Golonka, bislang Hauschoreografin am Schauspiel Frankfurt, hat sich mit ihrer ersten Arbeit in Berlin also viel vorgenommen.


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Bedeutungsschatten vor einer Mauer aus Dunkelheit

von Hartmut Krug

Berlin, 10. März 2010. Das verfallene Viertel am Rande einer großen westlichen Hafenstadt, das Bernard-Marie Koltès in einer von existentialistischen Zitaten umrahmten Szenenanweisung benennt, ist in der Volksbühne eine offene Spielfläche ohne jeden szenischen Realismus. Die Darsteller steigen auf eine mächtige, bewegliche Scheibe, begrenzt von einem schmalen Wasserbassin, und setzen sich an den Rand. Diese Nachtgestalten vom Rand der Gesellschaft sind immer präsent, sie beobachten und belauern sich durch ihre schiere Präsenz, und wer in den Kampf der Dialoge eingreift, steht auf und tritt hinein ins Spiel.


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Denn wir wissen nicht, was er will

von Esther Slevogt

Berlin, 25. Februar 2010. Da sitzt man also wieder auf den weißen Seesäcken im mit schwarzer Plastikfolie komplett ausgekleideten Panzerkreuzer am Rosa-Luxemburg-Platz. Sitzt in Bert Neumanns Totalbühnenbild, das sämtliche Aufführungen dieser Volksbühnensaison einrahmt und den Zuschauer zum Teil der Inszenierung macht: als sich auf dem Boden fläzender, im Stellungskrieg um die bequemste Sitz- oder Liegeposition befindlicher Beobachter und temporärer Bewohner eines enormen Theaterasyls, der auf diesem Weg mit ins jeweils von den Verhältnissen gezeichnete Bild gepresst worden ist. Im vorliegenden Fall das vom hässlichen Deutschen, von dem man ja weiß, dass er auf dem Theater immer noch am besten aussieht. Erst recht in der Volksbühne, dieser letzten Bastion, die noch das Leiden an Deutschland als Kunstform betreibt.


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Zerrbild eines Jakobiners

von Wolfgang Behrens

Berlin, 18. Februar 2010. Eines muss man dieser Frau lassen: Konsequent ist sie. Seitdem sich die Castorf-Mimin Silvia Rieger an der Volksbühne auch als Regisseurin versucht, arbeitet sie unbeirrt an einem neuen Maßstab der Sperrigkeit. Wer eine der von ihr verantworteten Aufführungen gesehen hat, der wird möglicherweise noch Monate später wohlig erschauernd davon berichten, wie unfassbar zäh das war. Die Erlebnisqualität bemisst sich gewissermaßen nach dem Grad der Zumutung.


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Casting für den Ein-Frau-Aufstand

von Christian Rakow

Berlin, 4. Februar 2010. Man muss ein bisschen ausholen, um an den Punkt zu geraten, von dem aus dieser Abend seinen Absprung nimmt. Wie sieht es gemeinhin aus, wenn das Theater sich mit ganzer Kraft in die Waagschale wirft, wenn es mit gestählten Fäusten gegen "die Verhältnisse" trommelt? Da erheben sich Chöre, und Moll-Akkorde rütteln unsere Glieder. Und an der Rampe bäumt sich eine elende Kreatur auf "Sorgt doch, dass ihr die Welt verlassend nicht nur gut wart, sondern verlasst eine gute Welt!"


Volksbühne Berlin

Die Tismeronauten

von Esther Slevogt

Berlin, 31. Januar 2010. Zuerst muss wahrscheinlich eine Art Disclaimer her, der besagt, dass die Kritikerin für die fraktale Wiedergabe der Inhalte dieses Abends zum Zweck seiner Beschreibung keine Haftung übernehmen kann. Alles könnte eben so, wie sie schreibt, oder auch ganz anders gewesen sein. Verlangt die Profession in der Regel, die Zeichen der Sinnproduktion zu deuten, hatte sie es an diesem Abend im Prater der Berliner Volksbühne nämlich mit Unsinnproduktion zu tun.


Volksbühne Berlin

Um Kopf und Körper

von Anne Peter

Berlin, 13. Januar 2010. Wieder möchte man den nichtexistenten Preis für den schönsten Stücktitel des Jahres am liebsten schon im Januar vergeben. Und wiederum hätte ihn René Pollesch verdient. Überschrieb er vor einem Jahr das um Spieltische arrangierte Orgasmus-Würfeln im Volksbühnen-Foyer mit Du hast mir die Pfanne versaut, du Spiegelei des Terrors!, nennt er seine erste Produktion im Jahr 2010 nun, in Anlehnung an einen im Ventil-Verlag erschienenen Sammelband mit "Texten zu Subjektkonstitution und Ideologieproduktion", "Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang!".


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Das Leben der Hummer

von Dirk Pilz

Berlin, 5. Januar 2010. Der kurze Text Consider the Lobster ("Am Beispiel des Hummers") von David Foster Wallace war ein Auftragswerk für die Zeitschrift Gourmet. The Magazine of Good Living. Wallace reiste im Sommer 2003 unter dem Decknamen "Hase" als vermeintlich Naiver zum Maine Lobster Festival. Sein Essay berichtet zunächst von den Fress- und Furzorgien im Festzelt, in dem "mehr als 25.000 Pfund fangfrischer Maine-Lobster über die Theke gehen". Anschließend erläutert er die Herkunft des Namens "lobster", kurz schildert er die Beschaffenheit der Hummer-Arten (sie sind "riesige Meeres-Insekten"); darauf ist von der Attraktion der Veranstaltung, dem "weltgrößten Hummerkessel", und folglich von der Zubereitung der Speise die Rede: "Der Hummer kommt lebend in den Topf." Er wird in kochendes Wasser geworfen.


Volksbühne Berlin

Wind, hilf unserm Kampf!

von Christian Rakow

Berlin, 25. November 2009. "Jetzt mit Meer" verspricht die Volksbühne auf neongrünen Plakaten am Eingangsportal. Und also liegen wir drinnen wieder – wie jüngst bei Frank Castorf – auf weißen Seesäcken im Parkett, um auf große Ozeanfahrt mitgenommen zu werden. Dunkel ist es. Über dem endlos weiten, leeren Bühnenboden beginnen die Scheinwerfer zu spielen, so als würden unentwegt Lichtgitter über die Bretter gezogen.


Volksbühne Berlin

Zum Heulen schön

von Elena Philipp

Berlin, 17. November 2009. Im Halbdämmer lehnen sich Körper aneinander, umschlingen sich, stützen einander. Halt, nein, sie verbiegen einander; überdehnen Beine Richtung Oberkörper, drücken fremde Rücken nach hinten durch, ziehen Köpfe in den Nacken. Keuchen, Stöhnen. Lust oder Schmerz?

Vermutlich beides.


Volksbühne Berlin

Ein Schmarren über Gott und die Welt

von Nikolaus Merck

Berlin, 12. November 2009. Willkommen zurück. Nach acht Monaten im Trockendock lässt der Panzerkreuzer Volksbühne sein gellendes Horn erschallen: Alle Frau und Mann, geleitet vom Abenddienst (neuerdings nicht mehr im Shirt, sondern in Anzügen), bitte Platz nehmen. Die Stuhlreihen sind abmontiert, stattdessen weiße Seesäcke im Parkett fest angekettet, die Holzpaneele verhängt – eine schwarze Welt von der Bühne bis unter den Rang: das Zwischendeck.


Volksbühne Berlin

Das Auto, der Unfall und die Zeit danach

von Elena Philipp

Berlin, 9. September 2009. Rois raucht. Sie schaut. Und spricht: "Das Auto. Der Unfall". Teil Eins von Gero Troikes Spielzeiteröffnung im Prater der Volksbühne, Berlin, von ihm verfasst, selbst inszeniert. Drei weitere Teile folgen an diesem Abend der gedehnten Zeit: Zwei Einakter aus den "Kleinen Tragödien" von Alexander Puschkin – "Das Gelage während der Pest" und "Mozart und Salieri" – sowie Papagenos Selbstmordszene aus Emanuel Schikaneders Libretto der "Zauberflöte".


Volksbühne Berlin

Die Aussprache des Ungeschriebenen

von Wolfgang Behrens

Berlin, 1. Juli 2009. Nun neigt er sich langsam seinem Ende entgegen, der kurze Sommer der Antike: In anderthalb Wochen wird die Volksbühnen-Agora ihre Pforten wieder schließen. Ein ausgesprochener Hochsommer ist es nicht gewesen – das Wetter wollte bei der Griechenland-Simulation nicht so recht mitspielen und bescherte wahlweise kalte oder feuchte Luft oder beides zusammen; und auch der künstlerische Ertrag der sechs Premieren unterm freien Himmel der Götter ist durchwachsen. Es war halt nicht für die Ewigkeit gezimmert, das hölzerne "Amfiteatr" des Bert Neumann.


Volksbühne Berlin

Nichts mit First we take Agora

von Christian Rakow

Berlin, 24. Juni 2009. Behaupte niemand, dass wir nichts gelernt haben: "Was ist der Chor?" – "Individuen in einem gemeinsamen Zustand." Und in welchem Zustand haben wir die Individuen an diesem Abend erlebt, die Schauspieler, den Chor der werktätigen Volksbühne, den Jugendschauspielclub P 14? Festgetackert am Portal der Volksbühne, hockend oder stehend, annähernd schamfrei Texte ins Offene deklamierend, die selbst bei Wikipedia wegen ihrer Erkenntnisarmut gelöscht würden.


Volksbühne Berlin

Den Sand kneten, die Toten meinen

von Anne Peter

Berlin, 17. Juni 2009. Was sind das für Wesen? Vier Frauen, in ausladenden Kleidern, sich bauschende Sinnlichkeitshüllen aus glänzend rauschendem Stoff, den sie wie eine Last hinter sich herziehen, der sie beschwert und am Boden hält, obwohl sie barfuß gehen. Barock-Zitate, Brautkleider von Todesvermählten, die es hinabzieht, hinunterdrückt zur Erde, in den Sand, an den sie sich schmiegen. "O Grab! O Brautbett!" sind die ersten Worte, klar und ganz ohne Schaudern von Anne Ratte-Polle in den vögeldurchzwitscherten Sommerabendhimmel gesprochen. Sie ist Antigone. "Allein! Weh, ganz allein", klagt Dörte Lyssewski und greift in den Sand der Volksbühnen-Agora: "Agamemnon! Wo bist du Vater?" Sie ist Elektra.

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Ohne Hüllern geht die Chose nicht

von Nikolaus Merck

Berlin, 13. Juni 2009. Das muss etwa in der Mitte des anderthalbstündigen Abends gewesen sein: Gerade hat sich Sandra Hüller in eine Revuekönigin verwandelt, schulterfrei das pinkfarbene, oben enge, unten rüschenrauschend bodenlange Kleid, da begegnet der Königin Elisabeth I., bekannt für ihre Jungfräulichkeit, sprich Standhaftigkeit gegenüber heirats- also machtversessenen Männern, ein echter Kerl.


Volksbühne Berlin

Längsstreifen neben dem rauchenden Dreifuß

von Elena Philipp

Berlin, 10. Juni 2009. Ein schmaler Streifen Sand voll Strandgut – Tüten, Plastikflaschen, Latte-Macchiato-Becher. Halb eingegraben eine Axt und Schwerter, Plastikschlangen, Tontopfscherben. Holzscheite rauchen auf einem Dreifuß. Links ein Zelt, darin Decken, Kanister, Töpfe, Teppiche. Ein Flüchtlingslager? Die Unterkunft von Medea, die für den griechischen Geliebten Jason ihre Heimat Kolchis verließ, den Bruder in einen tödlichen Hinterhalt lockte und Jasons Widersacher Pelias grausam umzubringen half. Nun sitzt sie im fernen Korinth, vom Gatten verstoßen, der sich mit der Königstochter Crëusa zu vermählen plant. Medea zürnt und tobt und rast – sie wird die beiden gemeinsamen Kinder töten, um sich an ihrem Ex-Gemahl zu rächen.


Volksbühne Berlin

Flucht ins Öde

von Wolfgang Behrens

Berlin, 3. Juni 2009. Bis kurz vor Premierenbeginn regnet es, und das erhöht die Spannung ungemein. Denn das von Bert Neumann erbaute "Amfiteatr", das seit zwei Wochen vor der Volksbühne antike Lebensart verströmt, ist nach oben offen – was in Verbindung mit dem Regen die Aufführung irgendwie zu gefährden droht. Silvia Rieger, Regisseurin und Hauptdarstellerin der anstehenden Freiluftvorstellung, verkündet dem in olivgrüne Bundeswehrponchos gehüllten Publikum jedoch, dass in jedem Fall zu Ende gespielt werde.


Volksbühne Berlin

Im Komödien-Gulag

von Esther Slevogt

Berlin, 27. Mai 2009. Dass die Orte der Komik meist veritable Stätten des Grauens sind, beweist bereits ein Blick ins Horrorkabinett deutscher Fernseh-Comedy-Formate, wo einem angesichts so verbissen ihrem Geschäft nachgehender Zeitgenossen wie Mario Barth, Oliver Pocher oder Atze Schröder der Spaß am Humor für immer vergehen kann. Auch die Szenerie, mit der man nun in der Agora, also der Freilichtersatzspielstätte der Berliner Volksbühne konfrontiert wird, lässt nichts Gutes befürchten: ein Galgen im Hintergrund, abgehackte Füße im Sand, ein leicht verfetteter und vulgärer Impresario (Andreas Frakowiak) im Zirkusdirektorenkostüm, der einen Komödienwettbewerb ankündigt.


Volksbühne Berlin

Oh Götter, wo seid ihr nur?

von Dirk Pilz

Berlin, 20. Mai 2009. Also gut, angenommen, dies alles ist genau so von Regie und Dramaturgie gewollt. Es soll also so sein, dass Max Hopp als Prometheus, angetan mit einem löchrig roten T-Shirt und derbem Schuhwerk, die Arme bebend von sich gereckt, schweren hohen Tones in den Berliner Sommerabendhimmel die Schmerzensworte "Ich – werd' – dies – Leid – aus – schöpf – en!" schleudert und dabei einen Stierwutblick ins Publikum bohrt, als gelte es eine stumpfe Masse einzig mit den Augen niederzuringen, während hinter ihm, drei flache Stufen höher, Sebastian König als Ein-Mann-Chor diesem Wutgepeitschten in den Rücken staunt, dabei aber nie recht zu wissen scheint, wie ihm geschieht, was ihn wie einen Zoobesucher vor den Gehegen fremder, böser, dunkler Tiere ausschauen lässt. Wie seltsam das ist.


Volksbühne Berlin

So einen verwechselten Monarchen gibt es nur in Berlin

von Dirk Pilz

Berlin, 9. April 2009. Das Bühnenbild dieses Abends im neu renovierten Prater erinnert an René Polleschs heitere Volksbühnen-Inszenierung L' affaire Martin! etc. vor drei Jahren. Ob dies etwas zu bedeuten hat, ist aber nicht auszumachen. Wahrscheinlich spielt es keine Rolle. Es ist jedenfalls ein schönes, auch praktisches Bühnenbild: eine lange Prospektwand mit zwei wackligen Sperrholztüren und einem aufgemalten Kamin, davor hübsche Chippendale-Möbel. Am Ende wird es in Trümmern liegen, auch das ist sehr schön.


Volksbühne Berlin

Wer spricht, übt Herrschaft aus

von Esther Slevogt

Berlin, 2. April 2009. Der Bühnenvorhang ist natürlich das Beste. Großflächig mit Blümchenmuster bedruckt wird seine miefige Grundausstrahlung ironisch durch tausende Strasssteine überhöht, die im Scheinwerferlicht funkeln. Eine Mischung aus Vorstadtvaudeville und Omas Küchentischdecke, wo selbst noch die härtesten Jungs schwach werden und bei einer Tasse Schokolade um den untergegangenen Kommunismus wie um eine verflossene Geliebte trauern.


Volksbühne Berlin

Die Angst des Ersatzmanns bei der Temponummer

von Christian Rakow

Berlin, 15. März 2009. Die Volksbühne spielt umbaubedingt im Kino Babylon, Frank Castorf spielt Supervisor, sein Assistent Andreas Merz spielt Regisseur, die Band Pankow spielt Ostrock, und alle zusammen spielen Hans im Glück. Das Spiel dauert keine 90 Minuten, was Christian Rakow jedoch nicht davon abhielt, einen Auswechselspieler aufzubieten. Hier das Protokoll des Ersatzmanns:


Volksbühne Berlin

Die Hostie im Muttermund

von Wolfgang Behrens

Berlin, 7. Januar 2009. "Mein Name ist Frank Sodann, und ich bin Intendant eines Stadttheaters, dessen genaue Identität hier allerdings nichts zur Sache tut, denn mir liegt nicht unbedingt daran, dass mein Haus in die Schlagzeilen gerät. Schließlich besteht mein vorrangiges Ziel einzig und allein darin, zu kommen. Und damit wir uns nicht falsch verstehen, formuliere ich es noch einmal klarer: Ich will einen Orgasmus! Und zwar nicht irgendeinen, sondern den Kick schlechthin. Ich will meine dunkelsten und abseitigsten Obsessionen ein Fest feiern lassen."


Volksbühne Berlin

Sexy über den Kamm gescheert

von Nikolaus Merck

Berlin, 6. November 2008. Eine Viertelstunde nach Mitternacht ist der neue Castorf dann wirklich noch zu Ende gegangen. Nach viereinhalb Stunden fand unser Mann vom Luxemburgplatz, der ja nie Schluss machen kann, einen Endpunkt. Er nahm einfach den letzten Satz des "Kean" (1836) von Alexandre Dumas, etwas mit Genie und Leidenschaft, und ließ ihn von seinem ziemlich phänomenalen Hauptdarsteller Alexander Scheer aufsagen. Der Applaus danach war vor allem: erschöpft – und ein wenig erleichtert.


Volksbühne Berlin

Glaube, Leistung, harte Arbeit

von Anne Peter

Berlin, 25. September 2008. Ja, so könnte "Macbeth" aussehen: eine Maschinerie des Mordens und der vergeblichen Reinigung. Zwölf riesengroße Waschmaschinen, aus deren Trommeln das Blut leckt. Die nicht damit nachkommen, Hemden und Hände weiß zu waschen. Deshalb massenhaft Ersatzwäsche, die hinten hoch oben unter Plastik an der Laufschiene hängt. Erste Aktion: rotes Licht – die Bühne (von Zane Pihlstrom) scheint bereit für Blutorgien.


Volksbühne Berlin

Gefangen in der Tonne

von Anne Peter

Berlin, 13. September 2008. Das Schlimmste ist vielleicht, dass man vor diesen Hunden keine Angst haben muss. Angekündigt war eine "Bande, am Rande der Gesellschaft", für die die philosophische Schule der Kyniker aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. Pate stehen sollte: "verschrobene, originelle, provozierende, mutige und auch lästige Kerle". Wären sie es doch gewesen! Wie gern hätten wir uns von ihnen in die Flucht schlagen lassen.


Volksbühne Berlin

Ein Stück Fleisch, das Angst hat

von Mounia Meiborg

Berlin, 19. Juni 2008. Eine Telenovela erzählt wenig darüber, wie die Menschen eines Landes sind, dafür umso mehr, wie sie gerne wären. Als Barometer nationaler Sehnsüchte eignet sie sich deshalb hervorragend. Wie kann also eine Fernsehserie aus Kuba aussehen, einem Land, das politisch von Kolonialismus, kommunistischer Revolution und Armut geprägt ist? Und wie kann diese Telenovela zu einem deutschen Theaterabend werden?


Volksbühne Berlin

Keine Moral, keine Schuld

von Eva Maria Klinger

Wien, 4. Juni 2008. In diesem samtig braunen Schlafgemach von Bühnenarchitekt Bert Neumann könnte auch das Flugpersonal von Marc Camolettis Boulevardkomödie "Boeing Boeing" absteigen. Eine Filmkulisse im Hollywoodstil der 60er Jahre ist der biedere Schauplatz für ein absurdes mörderisches Spiel. Zwei schlanke Frauen wiegen sich unter trüben Lichtverhältnissen eng umschlungen zu Klavier-und Steicherklängen. Die beiden Zofen, die Schwestern Claire und Solange, nützen die Abwesenheit ihrer Madame zum Chill Out und zum Rollentausch zwischen Herrin und Dienerin.


Volksbühne Berlin

Der ungeheuerliche Mensch

von Simone Kaempf

Berlin, 22. Mai 2008. Ein Ballon rollt nach vorne. Oder doch eine Fruchtblase? Scheinwerfer projizieren Schatten, mehrere Schatten auf die milchig-weiße Ballonhaut, und der Eindruck täuscht nicht. Wenn der mannshohe Ballon platzt, kommt nicht nur ein Mensch zum Vorschein, sondern deren zwei. Ein Paar, so nackt wie bei der Geburt. Oder wie die ersten Menschen: Adam und Eva, Ubu und seine Frau, die Schauspieler Wolfram Koch und Samuel Finzi. Vor allem aber doch Vater und Mutter Ubu, Finzi klemmt sich das Geschlecht zwischen die Schenkel nach hinten, stiftet den Gatten zum Mord am Kronen-Besitzer an und spricht mit weiblicher Fistelstimme: "In acht Tagen bin ich Königin von Polen, Gottseidank und mir selbst."


Volksbühne Berlin

Das Rohe und das Zerkochte

von Esther Slevogt

Berlin, 28. April 2008. Im Titel liegt bereits das ganze Drama. "Darwin-Win & Martin Loser-Drag King & Hygiene auf Tauris" hat René Pollesch sein neuestes Produkt nämlich überschrieben. Aber die hübschen Wortspiele wollen erst mal entziffert sein. Darwin-Win zum Beispiel, das sich auf den Begründer der Evolutionslehre bezieht und diese sogleich ad absurdum führt, indem der Name des britischen Naturforschers, der alle Evolution und damit die Entstehung der Arten auf das Survival-of-the-Fittest-Prinzip begründete, mit einer Konfliktlösungsstrategie in Verbindung gesetzt wird, die keine Unterlegenen kennt.


Volksbühne Berlin

Du bist nichts, die Idee ist alles

von Esther Slevogt

Berlin, 19. März 2008. Nein, mit dem Ausbeuter mag der junge Genossse nicht essen! Nicht mit diesem Ausbeuter, der dazu noch seine Arbeiter schlecht ernährt. Da hilft auch nicht, dass es eigentlich sein revolutionärer Auftrag war, den Ausbeuter zu bewegen, seine Arbeiter gegen fremde Besatzer zu bewaffnen. Er will einfach nicht.


Volksbühne Berlin

What the fuck is Dramaturgie?

von Anne Peter

Berlin, 29. Februar 2008. "Who the fuck is Limonow?", fragte man sich insgeheim, als die Berliner Volksbühne vor zweieinhalb Wochen die recht lustige Pressemitteilung verschickte, "Volksbühnen-Autor Johann Wolfgang von Goethe" mache "nach einem Streit über notwendige Änderungen an seinen Texten" krank und habe "Berlin mit unbekanntem Ziel verlassen". "Fuck off, Goethe!" kommentierte die Volksbühne und ersetzte das geplante "FaustFaustFaust"-Musiktheater-Projekt kurzerhand durch ein neues, nur noch sporadisch musikalisch durchwirktes Projekt mit dem "überraschenden Titel" "Fuck off, Amerika".


Volksbühne Berlin

Oper reloaded

von Wolfgang Behrens

Berlin, 1. Februar 2008. "Darum ist TOSCA an der Volksbühne vor allem: keine Oper." Was sich so lesen könnte, wie der letzte Satz eines Verrisses, entstammt in Wirklichkeit dem Besetzungszettel, den man an der Volksbühne zur "Tosca"-Inszenierung von Sebastian Baumgarten in die Hand gedrückt bekommt. Und wenn es da schon steht, dann ist man auch geneigt, es zu glauben: Keine Oper also. 


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Schmuckwegknabbern und andere Gemütlichkeiten

von Dirk Pilz

Berlin, 10. Dezember 2007. Und das nächste Mal hätten wir dann gern einen weichen Ohrensessel samt Fußstütze und Knabbergebäck. Rauchen, Bier trinken und an kleinen runden Tischen mit adrett befransten Stehlampen auf Plastikstühlen sitzen durften wir ja diesmal schon. Der passende Rezeptionsrahmen, der die angemessene Zuschauerhaltung ermöglicht: gemütlich zurücklehnen und den Abend einfach vorüberplätschern lassen. Er dauert ohnehin nur schlappe 50 (in Worten: fünfzig) Minuten. Und wie behaglich einem dabei ist. Diese Gediegenheit! Kaum zu glauben.


Volksbühne Berlin

Emil und die Halbwelt-Dilettanten

von Wolfgang Behrens

Berlin, 2. Dezember 2007. Erich Kästners "Emil und die Detektive" enthält ein Prolog-Kapitel: "Die Geschichte fängt noch gar nicht an". Darin gibt Kästner so etwas wie sein ästhetisches Credo ab, und zwar ein realistisches: "das beste wird sein", lässt sich der Autor dort von einem kunstverständigen Oberkellner raten, "Sie schreiben über Sachen, die Sie kennen. Also von der Untergrundbahn und Hotels und solchem Zeug. Und von Kindern, wie sie Ihnen täglich an der Nase vorbeilaufen."


Volksbühne Berlin

Reitender Bote dringlich erwartet

von Wolfgang Behrens

Berlin, 8. November 2007. "Die reitenden Boten des Königs kommen sehr selten", heißt es am Ende der "Dreigroschenoper", was soviel meint wie: Der rettende deus ex machina naht vielleicht in der Oper, kaum aber in der Wirklichkeit. Die Berliner Volksbühne allerdings wartet nun schon seit geraumer Zeit auf einen reitenden Boten, den sie doch auch so dringend brauchte – wähnt sie sich doch in der Krise (dazu siehe hier) oder lässt sich zumindest in derselben wähnen. Nicht in der Oper soll jedoch diesmal die Rettung kommen, sondern durch die Oper: Wo bloße Worte nicht genügen, hilft vielleicht der Gesang.


Volksbühne Berlin

Die drei Damen vom Drill

von Esther Slevogt

Berlin, 17. Oktober 2007. Die Stimmung ist gepflegt, das Ambiente gehoben. Bert Neumanns Bühne für René Polleschs neues Stück, das mal wieder am Rosa-Luxemburg-Platz und nicht im Prater Premiere hat, greift die Wandtäfelung des Berliner Volksbühnenzuschauerraums auf, der im Stil der späten vierziger Jahre gehalten ist. Damals löste eine Diktatur die nächste ab – beim Wiederaufbau der Volksbühne nach dem Krieg wurde auch Marmor von Hitlers zerstörter Reichskanzlei verbaut.


Volksbühne Berlin

Die Kraft der Kolportage

von Simone Kaempf

Hannover, 23. Juni 2007. "Wir sind nicht gleich, eh wir einander nicht die Häute abgezogen haben." Diese messerscharfen Worte stammen von Heiner Müller. Die brasilianischen Schauspieler, die sie jetzt sprechen, stacheln sich dazu mit bedrohlichem Getümmel und rhythmischem Gestampfe an. Man sieht ausgeschnittene Dekolletees, gebleckte Zähne, aufgerissenes Augenweiß, viel nackte dunkle Haut und immer wieder die goldblonden Perücken, als Brandmal für diejenigen, die sich nichts sehnlicher wünschen, als weiß zu sein.


Volksbühne Berlin

Am Anfang war die Emotion

von Georg Petermichl

Wien, 7. Juni 2007. Frank Castorf hat in den 1990er Jahren ein "Stahlgewitter" herbeigerufen, um die von ihm erzeugte Bühnenintensität zu definieren. Nun ist er dieser Hardcore-Metapher auch inhaltlich nahe gerückt: Louis-Ferdinand Céline (1894-1961) ist so etwas wie das französische Pendant zu Ernst Jünger. Nur radikaler: Auf einen aufhetzerischen Nazi-Kollaborateur und unverhohlenen Antisemiten könnte man seine Literatenpersönlichkeit durchaus unbedacht reduzieren.


Volksbühne Berlin

Kein schlimmer Land

von Dirk Pilz

Berlin, 18. April 2007. So kann man das natürlich auch machen. Wenn einem zum Thema nichts einfallen will und man keine eigene Haltung zum verhandelten Stoff hat, lässt man den Schauspielern einfach freie Hand und sie allerlei Albernheiten treiben. Kann man machen. Nur Regie braucht man dies nicht zu heißen, jedenfalls dann nicht, wenn Regie bedeuten soll, einem Stoff Kontur und Dringlichkeit zu verleihen. Wenn Theater also mehr sein möchte als Zuschauerbespaßung und wenigstens ein Fünkchen Ernsthaftigkeit zum Glühen bringen will.


Volksbühne Berlin

Jedes Handeln ist ein Behandeltwerden

von Petra Kohse

Berlin, 7. März 2007. In Dimiter Gotscheffs Inszenierung von Tschechows "Iwanow" an der Berliner Volksbühne gibt es diesegrandiose Szene, in der Alexander Simon als Doktor in die Tiefe des bühnenfüllenden Nebels von Katrin Brack nach hinten geht, sich kerzengerade haltend, den rechten Arm und Zeigefinger nach oben reckend und mit dröhnender Stimme Warnungen ausstoßend. Er ist sich das schuldig in diesem Moment.


Volksbühne Berlin

Im Sumpf der Narration

von Dirk Pilz

Berlin, 11. Oktober 2006. Es ist ein theaterhistorisch relevantes Ereignis zu vermelden: Das Theater des René Pollesch ist nicht länger das, was der geübte Zuschauer zu kennen glaubt.


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