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archiv » Theater der Welt 2010 im Ruhrgebiet (13)
Theater der Welt 2010 im Ruhrgebiet

900 Kilo Plastik als Monatsmiete

von Sarah Heppekausen

Istanbul, 15. Oktober 2010. In dieses Viertel Istanbuls kommt kaum jemand, der dort nicht lebt. Tarlabaşi beginnt gleich hinter einer mehrspurigen Straße. Gerade noch führte der Weg durchs pralle Geschäftsleben, vorbei an Bars und Boutiquen, Restaurants und Banken. Jetzt aber haben die meisten Fenster zerbrochene Scheiben. Und die Wäsche, die auf Leinen über den engen Straßen zum Trocknen hängt, haben ihre Besitzer wohl kaum in einem der teuren Läden jenseits der großen Straße gekauft. Die räumliche Distanz ist minimal, aber zwischen diesen beiden Gegenden des Stadtteils Beyoğlu liegen Welten. Hier das Geld, dort die Armut.


Theater der Welt 2010 im Ruhrgebiet

Der babylonische Feuerbringer und das Reclam-Heft

von Dina Netz

Essen, 5. August 2010. "Vielleicht will Zeus ja das Feuer der Menschen wieder löschen." So witzelt mein Sitznachbar unerschrocken, als er sich im strömenden Regen das vom Team der Stiftung Zollverein umsichtigerweise für jeden Zuschauer bereitgehaltene Plastikcape überzieht. Der für den Raum zuständige griechische Künstler Jannis Kounellis ist ein hohes Risiko eingegangen, indem er die Bühne für den "Gefesselten Prometheus" ins Freie baute. Eine andere Zuschauerin berichtet, dass der Premierenabend in Istanbul diesem Wagnis wegen eines Unwetters sogar zum Opfer fiel. Diesmal, in Essen, bibbern zwar alle mit nassen Füßen vor sich hin, aber die Aufführung kann stattfinden. Das Publikum beweist geradezu prometheischen Widerstandsgeist.


Theater der Welt 2010 im Ruhrgebiet

Weil er riskierte, zu leiden

von Regine Müller

Essen, 31. Juli 2010. Ein Theaterabend über einen Theaterabend. Kann das funktionieren? Es kann. Und zwar genau dann, wenn schon das erste Theater gar kein Theater im handelsüblichen Sinne war. Sondern jene sehr spezielle Mischung aus Interview, Dokumentation und Inszenierung, mit der sich das Kreativ-Kollektiv Rimini Protokoll seinen schillernden Namen in der Theater-Szene erworben hat. Ein Theaterabend über einen normalen Theaterabend ist Volkshochschule. Ein Theaterabend über einen Rimini Protokoll-Abend dagegen ein Konzentrat. Denn die Authentizität des Realen, von dem Rimini Protokoll-Abende leben, verliert sich nicht durch die Distanz einer Meta-Betrachtung. Sie verstärkt sich womöglich sogar noch.


Theater der Welt 2010 im Ruhrgebiet

Wir sind nur Schachfiguren im Spiel der Anderen

von Dina Netz

Essen, 23. Juli 2010. Eigentlich sind die drei Produktionen der "Promethiade" in Essen in der falschen Reihenfolge zu sehen: Das Festival endet Anfang August mit der Inszenierung eines Klassikers: der griechische Regisseur Theodoros Terzopoulos bringt Aischylos' "Der gefesselte Prometheus" auf die Bühne. In der Mitte collagiert das Performer-Kollektiv Rimini Protokoll Stimmen von heutigen Athenern zum Prometheus-Mythos. Und begonnen hat das Festival an diesem Wochenende mit der Dekonstruktion, nämlich mit einem "Anti-Prometheus" der türkischen Regisseurin Şahika Tekand.


Theater der Welt 2010 im Ruhrgebiet

Im Sog der Bilder

von Sarah Heppekausen

Essen, 15. Juli 2010. Wie ein herangezoomter Satellitenblick auf die Erde, so sieht das große Bild im Bühnenhintergrund noch am Beginn des Abends aus. Die Pixellandschaft scheint sich in Form und Farbe mal zu verdichten, mal auseinander zu laufen. Es ist der bewegte Blick auf eine Welt im Wandel. Robert Musils Jahrhundertroman "Der Mann ohne Eigenschaften" erzählt vom Untergang des alten Europa, er spielt in Wien im Jahr 1913, der Erste Weltkrieg steht kurz bevor. So wie damals die bürgerliche Gesellschaft zerfiel, so löst sich auch das Bild auf der Leinwand in seine Einzelelemente auf.


Theater der Welt 2010 im Ruhrgebiet

Das Leben ist grausam, nicht ich

von Sarah Heppekausen

Essen, 14. Juli 2010. Dieser Abend ist eine Zumutung. Nicht, weil nach der langen Hitze und einem kurzen, aber heftigen Unwetter dem Zuschauer eine ungewohnte Kälte die Beine hochkriecht, das bleibt nur eine unangenehme Randerscheinung. Die nachhaltige Kälte, und zwar eine, die einem den Boden unter den gekühlten Füßen wegzieht, schlägt von der Bühne aus dem Publikum entgegen. Menschliche Abscheulichkeiten, die nur schwer auszuhalten sind.


Theater der Welt 2010 im Ruhrgebiet

Von Gurkenbäumen und Macho-Drachen

von Sarah Heppekausen

Mülheim an der Ruhr, 8. Juli 2010. Der Vater des Bräutigams ist ein alter Kommunist, der keinen Alkohol verträgt und seit zwei Jahren nicht mit seinem Sohn gesprochen hat, weil der die falsche Partei wählt. Die Mutter fängt eine Affäre mit dem jüngeren Bruder der Braut an. Die Braut ist Nymphomanin und leidet an Pimmelphobie – sagt zumindest ihre Mutter. Die wiederum stiftet ihren Sohn zum Kiffen an und hält ihren Mann als Lakai im knapp gebundenen Höschen.


Theater der Welt 2010 im Ruhrgebiet

Fuck the Township

von Kerstin Edinger

Mülheim an der Ruhr, 5. Juli 2010. Wie kuschelig und harmlos geht es doch in deutschen Theatern zu, gegen das was Mpumelelo Paul Grootboom und sein südafrikanisches Township-Ensemble hier präsentieren. Der gerade aus der Haft entlassene Kaya versucht in der harten Welt der Townships von Johannesburg integer zu bleiben und seine gerade entflammte Liebe zu Palesa zu bewahren. Doch er scheitert an der realen Härte seiner Umgebung. Es ist laut, es kracht, es wird geschrieen, gekämpft und geschossen. Die Sprache ist vulgär und einfach, unzählige "Fuck you" unterstreichen das Milieu, in dem die Geschichte spielt.


Theater der Welt 2010 im Ruhrgebiet

Stanislawski-Powerplay im Sommerhaus

von Guido Rademachers

Mülheim, 5. Juli 2010. Ein paar Gläser klirren im Foyer der Mülheimer Stadthalle. Gespräche plätschern vor sich hin. Hinter Brezeln und Warmhalteplatten langweilen sich Kellner. Das gemeinsame Theater-Public-Viewing mit Vilnius verzögert sich um eine halbe Stunde, weil es in der litauischen Hauptstadt noch zu hell ist für eine Außenübertragung. Zeitverschiebung eben. Keine schlechte Einstimmung auf Tschechows "Kirschgarten" und sein von der Geschichte aussortiertes Personal.


Theater der Welt 2010 im Ruhrgebiet

Die Welt ist alles, was nicht der Fall ist

von Esther Boldt

Mülheim, 3. Juli 2010. Was passiert, wenn der Simultandolmetscher im Ohr, der uns permanent das Weltgeschehen übersetzt, ausfällt? Was machen wir jenseits der Grenze, an der unsere Intelligenz endet? Legen wir unsere Hände in Salzwasser ein oder spielen wir Karten gegen uns selbst? In seiner Lecture-Performance "I am not me, the horse is not mine" befragt der südafrikanische bildende Künstler, Filmemacher und Regisseur William Kentridge die Grenzen von Wissen und Identität. Er tut dies mit den Nasen von Nikolai Gogol und Dmitri Schostakowitsch. Und indem er Geschichtsschreibung und Storytelling systematisch verwebt und verzwirbelt.


Theater der Welt 2010 im Ruhrgebiet

Pollesch in den (Kulturhaupt)städten

von Regine Müller

Istanbul, 12. Mai 2010. Taugt original deutsches Text- und Diskurstheater zum internationalen Export? Funktioniert Polleschs Globalisierungs- und Kapitalismuskritik auch noch an der Schwelle zum Orient? Oder ist schon die Sprachbarriere ein unüberwindliches Hindernis? Und muss nicht René Polleschs sehr spezifische Theaterästhetik anderswo in der Welt eigentlich doch zwangsläufig auf Befremden, Unverständnis, oder schlimmer noch, Desinteresse stoßen? Oder beruhen solcherart Fragen am Ende auf Vorurteilen?


Theater der Welt 2010 im Ruhrgebiet

Fröhlich verpackter Pessimismus

von Sarah Heppekausen

Ruhrgebiet, 27./28. Februar 2010. Eine nach der anderen kommt nach vorn an die Bühnenkante, drückt sich geduckt durch die Schächte unter der Hades-Holzbox, um dann vorwurfsvoll von ihrem Schicksal zu erzählen. Ganz ohne Worte. Der Chor der geschändeten Frauen spricht nicht, er atmet nur schwer. Die blasshäutigen Frauen in Unterwäsche stellen sich aus als Schuldbeweis der kriegsbereiten Menschheit, während im Hintergrund Videobilder flackern, von Vogelschwärmen, Vulkanausbrüchen und Flusslandschaften. Sie sind als Negativ zu sehen – weißer Vogel vor schwarzem Himmel. Es ist, als betrachte der Zuschauer Odysseus' Reise aus seinem Inneren heraus.


Theater der Welt 2010 im Ruhrgebiet

Regionalbahn ins Mythenreich

von Sarah Heppekausen

Bochum, 27. Februar 2010. Zwischenstation. Ganz unspektakulär am heimischen Schreibtisch, während ein Großteil der Mitreisenden in fremden Betten bei (hoffentlich) freundlichen Gastgebern im Ruhrgebiet übernachtet. Wahrscheinlich sinnieren sie noch bei einem Glas Wein über den frühesten Vertreter der Aufklärung, wie Theodor W. Adorno und Max Horkheimer ihn verstanden. Oder sie lassen die Urgeschichte der Subjektivität einfach mal beiseite und erzählen von einem Odysseus, der totenschuldbeladen wie er ist, in seiner Heimat nie wirklich ankommen wird, obwohl er doch da ist. Wie in Essen.


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