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archiv » Schauspiel Leipzig (41)
Schauspiel Leipzig

Missverständnis an der Kiwara-Kopje

von Matthias Schmidt

Leipzig, 30. Juni 2017. Es wäre so einfach gewesen, hätte man nicht gewusst, dass die "Retrofuturisten" mit Roscha A. Säidow als Autorin und Regisseurin für diese Inszenierung verantwortlich zeichnen. Man hätte dann weniger erwartet und einfach schreiben können, diese "Konferenz der Tiere" sei eine enttäuschend kleine, ziemlich mittelmäßige, aber letztlich aushaltbare Sommertheaternummer im Leipziger Zoo gewesen.


Schauspiel Leipzig

Lehrstück plus Lehrstück gleich Leerstück

von Matthias Schmidt

Leipzig, 30. März 2017. Es geschieht nicht allzu häufig, dass eine Inszenierung mit einer solchen Wucht einschlägt, dass sie unter so herausragendem handwerklichen und personellen Aufwand, so pur und werkgetreu und doch modern und zeitgemäß gleich zwei Theaterklassiker aneinanderhängt und man am Ende dennoch relativ ratlos dasitzt. Der Jubel nach Enrico Lübbes Doppelinszenierung "Die Maßnahme / Die Perser" war riesig. Er galt den mehr als hundert auf der Bühne stehenden Schauspielern, Sängern, Musikern und Statisten, einem preisverdächtigen Bühnenbild von Etienne Pluss und einer ebenso fantastischen Leistung der Chöre unter Leitung von Marcus Crome. Natürlich hat das alles auch mit Konzept und Regie zu tun; Regietheater im engeren Sinne war es nicht.


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Die Todgeweihten grüßen uns

von Tobias Prüwer

Leipzig, 17. März 2017. Ruinierte Leiber schieben sich durch den steril ausgeleuchteten Saal. Die fünf Frankensteins gleichen eher untoten Kreaturen denn Lebenden. Die grotesken Flickenteppiche ihrer Haut werfen Falten. Als Madensäcke schwanken die Figuren über die kleine Bühne am Schauspiel Leipzig, wo Hausregisseurin Claudia Bauer mit "Geister sind auch nur Menschen" ins Innenleben eines Alters-, besser Siechendenheim schaut. Sie inszeniert Katja Brunners Text als Feldlazarett, aufgeschlagen für die finale, dahindämmende Schlacht im Kriegsspiel des Lebens.


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In Peeropolis

von Kornelius Friz

Leipzig, 28. Januar 2017. "Whenever I'm alone with you / You make me like I am home again" singen die sieben Männer leise. In bunte Pullover gezwängt, sitzen sie nebeneinander. Abgefunden haben sie sich, mit einem Leben abseits der Realität, abseits auch von Wohlstand und Glück. So hoch wollten sie hinaus, wollten Kaiser werden, reich sein, die Welt erobern. Und nicht zuletzt Solveig! Die angebetete Solveig war das Ziel aller Träume. Der phantasievollen Träume des Peer Gynt. Gleich sieben Männer stellen ihn dar: "Lacht sich tot. Zeigt sein Schmelzlöffel. Schlägt um sich." Gegenseitig geben sie sich Regieanweisungen. Zwei von ihnen beweisen einander, welcher der echte Peer Gynt ist, doch keiner von ihnen ist nicht Peer Gynt.


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Dilemma der Spätgeborenen

von Tobias Prüwer

Leipzig, 25. Dezember 2016. "Ereignis": Schwarz auf Weiß prangen die Großbuchstaben im Schlussbild auf der Brust der Spieler. Warum sie die Kapuzenpullis falsch herum tragen, bleibt unaufgelöst. "Wir sind dein Ereignis", säuselten sie zuvor sirenenartig, die Kraft von Wort und Inszenierung andeutend. Diese verhält sich in "Grand Prix de la Vision" am Schauspiel Leipzig umgekehrt proportional zur zunehmenden Stücklänge. Zu viel will der Stoff von Laura Naumann, der die Ratlosigkeit der Welt dokumentiert. Ebensolches Gefühl zeigt Regisseurin Alexandra Wilke, die die Uraufführung als Road-Trip ohne Road inszeniert. Ost-Highway: Gelungene Szenen verblassen auf irrlichternder Fahrt über Bischofswerda gen Westen und Weltfrieden.


Schauspiel Leipzig

Die Insel der lustigen Grenzverletzer

von Matthias Schmidt

Leipzig, 1. Oktober 2016. Damit war nicht unbedingt zu rechnen. Dass "Kruso" in erster Linie ein großer Abend für eine Schauspielerin wird. Anja Schneider spielt in Armin Petras‘ Fassung diesen Kruso, den Insel-Sonderling, den Freiheits-Hüter von Hiddensee. Warum Petras den Kruso mit einer Frau besetzt, erschließt sich nicht wirklich, und bevor wir jetzt hier in Gender-Fragen herumstochern, behaupten wir einfach mal: weil sie es kann.


Schauspiel Leipzig

Wir wollen immer artig sein

von Matthias Schmidt

Leipzig, 16. September 2016. Keine FDJ-Hemden, keine Wehrerziehungsuniformen, kein Honecker-Bild. Dafür eine Idee, wie man Peter Richters auf dem ersten Blick ja nicht direkt nach einer Bühnenadaption schreienden Erinnerungsroman "89/90" theatergerecht adaptieren kann. Eine so großartige Idee, dass man nun – nichts für ungut nach Dresden – getrost von einer sehr gelungenen Uraufführung sprechen kann.


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Der Mob lässt Euch nicht entwischen

von Tobias Prüwer

Leipzig, 4. Juni 2016. Da steht ein Pferd auf dem Flur... Ohne einen lebendigen Gaul auf der Bühne kommt das Schauspiel Leipzig bei "Die Räuber" einfach nicht aus. Sechs Jahre sind seit der letzten Inszenierung vergangen, jetzt wuchtet Gordon Kämmerer Schillers Frühwerk samt Vierhufer wieder in den großen Saal; und kämpft mit den gleichen Problemen wie damals Martin Laberenz. Er kann sich nicht entscheiden, ihm fehlt der Fokus.


Schauspiel Leipzig

Her mit der Reißleine!

von Christian Rakow

Leipzig, 16. April 2016. So schön, einen Abend mit einem Lächeln zu beginnen. Besonders, wenn man dazu von Hubert Wild aufgefordert wird. Der Bariton ist seit seinen Auftritten bei Herbert Fritsch der singende klingende Gemütsaufheller par excellence (man denke nur an seinen Flohwalzer auf dem Minihocker in "Frau Luna" an der Berliner Volksbühne; wer da nicht wie eine chinesische Grüßekatze grinst...). "Singen beginnt mit einem Lächeln", sagt Wild. "Mit grundlosem Lächeln." Let’s do it. Und also Mundwinkel hoch, Backen breit, Stimmbänder schwingen lassen!


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Pränataler Totentanz

von Michael Bartsch

Leipzig, 20. Februar 2016. Wieder geht es um ein Familienthema, um die ersten und letzten Dinge des Lebens. Ein Kind soll geboren werden, das wegen eines Chromosomendefektes, einer seltenen Art von Trisomie, nur ein sehr kurzes Leben erwartet. Der Stücktitel "Drei sind wir" setzt das Dreifachchromosom mit dem belasteten Dreieck Vater-Mutter-Kind in Beziehung. Wie schon sein Erstling Und dann, für den er unter anderem den Mülheimer Dramatikerpreis erhielt, wird auch Wolfram Hölls drittes Stück am Schauspiel Leipzig zur Uraufführung gebracht – ein Auftragswerk.


Schauspiel Leipzig

Menschen marschieren in die CPU

von Tobias Prüwer

Leipzig, 5. Februar 2016. Als Grundlage ihrer Inszenierung hat Claudia Bauer den Roman "Metropolis" von Thea von Harbou und Fritz Lang genommen, der auch als Vorlage für den bekannten gleichnamigen Stummfilm diente. Deshalb müssen die Cineasten unter den Zuschauern zunächst alle Bilder von futuristisch-expressionistischer Kulisse im Kopf ausknipsen, wollen sie nicht enttäuscht werden. Am Inhalt wurde kaum gedreht: Die hermetisch voneinander abgeschirmte Zweiklassengesellschaft aus Kopfelite und Handarbeitern wird durch einen Technikapparat zusammengehalten. Der Autokratensohn probt die Vermittlung, wird durch die Androidin Futura im Auftrag seines Vaters hintergangen. Durch diese angestachelt, entfachen die Arbeiter einen Maschinensturm.


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Unterm Pflaster schlägt das Herz

von Michael Isenberg

Leipzig, 20. November 2015. Aus dem österreichischen Kindberg in der Steiermark stammt der Frauenmörder Paul Reininger, besser bekannt als "Herzerlfresser", soll er doch Ende des 18. Jahrhunderts nicht nur sechs Frauen getötet, sondern obendrein ihre Herzen verspeist haben, um – einem alten Aberglauben nach – unsichtbar zu werden. Heute erinnert noch der nahegelegene "Herzlfresserweg" an die grausige Begebenheit, während die Einkaufsstadt Kindberg in Imagefilmen damit wirbt, durch die Verlockungen des Konsums selbst hart gesottene Hinterwäldler zum mondänen Lebensstil verführen zu können.


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Fakespiel auf dem Theater

von Tobias Prüwer

Leipzig, 4. November 2015. Wie soll man einen Text beginnen über ein Projekt "in grogress", das genaugenommen noch nicht einmal angefangen hat? Wie die Rezension eines Theaterabends klöppeln, der keiner sein will und alles dagegen tut, aber natürlich doch einer ist?


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Papa, wie geht das mit dem Mann-Sein?

von Hartmut Krug

Frankfurt / Oder, 7. Oktober 2015. Schüchtern und verklemmt hockt Fred, ein mit Ranzen sowie Brust- und Turnbeutel ausgestatteter pubertierender Junge, in der Ecke eines klaustrophobischen Zimmers auf der leeren Hinterbühne des Kleist-Forums. Er wirkt eingeschlossen, in sich und zwischen den Sperrholzwänden der Bühne. Doch dann explodiert er und spielt eine Krimiszene, ganz allein. Er wird sowohl zur Auftraggeberin für die Suche nach dem Ehemann wie zum Privatdetektiv. Der Kopf des Gesuchten, den er hervorkramt, ist allerdings ein Kuscheltier.


Schauspiel Leipzig

Wo Fremde (keine) Zuflucht finden

von Tobias Prüwer

Leipzig, 2. Oktober 2015. Angst vor der Zwangsheirat treibt 50 Frauen aus ihrer Heimat Ägypten fort. Wo Schutz erflehen? Es bleibt ihnen nur der Weg übers Mittelmeer nach Griechenland. Vor knapp 2.500 Jahren machte Aischylos mit "Die Schutzflehenden" ein Geschehen zum Thema, das sich so auch in der Gegenwart noch ereignen könnte. Im Schauspiel Leipzig überblendet Enrico Lübbe diese Flüchtlingstragödie mit Elfriede Jelineks Aischylos-Bearbeitung "Die Schutzbefohlenen".


Schauspiel Leipzig

Sommernachtmahr

von Tobias Prüwer

Leipzig, 19. September 2015. Lautstarkes "Bravo" und ebenso kräftiges "Buh", ein gespaltenes Publikum. Endlich ist lebendiges Theaterdasein auch in den großen Saal des Schauspiel Leipzig wieder eingezogen. Philipp Preuss hat sein Crossover aus Shakespeares "Ein Sommernachtstraum" und der gleichnamigen Musik von Mendelssohn Bartholdy mit düsterer Ästhetik versehen. Wer zum Spielzeitauftakt ein süßliches Scherzchen erwartet hatte, wurde bitter enttäuscht.


Schauspiel Leipzig

Stochern in der Datenwolke

von Tobias Prüwer

Leipzig, 11. Juni 2015. 60 Menschen, 60 Telefone, eine Videoleinwand und 90 Minuten. Das ist der Stoff aus dem "To like or not to like" ist. Als "Big-Data-Spiel", als "partizipatives Theaterspiel" wird die Produktion der Berliner Gruppe Interrobang angekündigt. Mitmachtheater muss man also schon mögen, um der Teilhabe-Inszenierung Vergnügen abgewinnen zu können.


Schauspiel Leipzig

Kalte, alberne, erstarrte Gesellschaft!

von Matthias Schmidt

Leipzig, 5. Juni 2015. Die Bühne ist ein weiß gefliester Kasten, blitzeblank und eiskalt. Das Gegenteil von natürlich. Tür- und scheinbar ausweglos. Gläserne Decken, wohin man auch schaut. An einer Wand dieses Kastens hockt Baal, ein jämmerliches Häufchen. Baal? Der Baal, der tanzt und säuft und hurt und mordet? Yep, genau der. Hockt da, barfuß und schlicht gekleidet, am Rand des sterilen Kastens und leidet daran, von seiner Umwelt regelrecht eingefliest zu sein. Nachdenklich, fast schüchtern spricht und handelt er dagegen an. Das laute, rüpelige, respekt- und rücksichtslose "Tier Baal" – in Leipzig spielt es nicht mit.


Schauspiel Leipzig

Ausgrabungen im oberen Stockwerk

von Hartmut Krug

Leipzig, 1. März 2015. Es ist ein merkwürdiger Text, den Ulrike Syha als Auftragsarbeit für das Schauspiel Leipzig vorgelegt hat: Thematisch weit ausgreifend, aber oft nur andeutend oder behauptend in seinen kleinpusselig bedeutungsvollen Szenen. Und, wohl bewusst, recht vage in den Figurenbeschreibungen. Es ist eine Art Krimi und zugleich ein Beziehungsstück, das versucht, Surrealität herzustellen.


Schauspiel Leipzig

Glücklich scheitern mit Bob Dylan

von Tobias Prüwer

Leipzig, 25. Januar 2015. "Es ist ein Würfel, also würfle!" So wird unter Anweisung eines Nachtkritikers ein Requisit zerstört, denn gesagt, getan – und der Holzwürfel zerbricht. Zur Premiere tobt sich die denkbar rabiateste Rollenspielgruppe aus, mit der die machina eX-Macher rechnen konnten. Doch ihr analoges Point-and-Click-Abenteuer übersteht den Härtetest und bietet unterhaltsames Mitmachtheater.


Schauspiel Leipzig

Bonjour Tristesse

von Tobias Prüwer

Leipzig, 6. Dezember 2014. "Lebe in den Vorstädten. Heim – Garten – Sonnenschein": Riesengroß dominiert das Werbeschild die allzeit gähnende Schwärze der leeren Bühne. Als hohles Versprechen stellt Enrico Lübbe diese Botschaft in "Zeiten des Aufruhrs" in aller Konsequenz heraus. Doch der Titel des Abends legt eine falsche Fährte. Als "Das Jahr der leeren Träume", erschien der Roman erstmals treffender auf Deutsch. Denn hier lehnt sich niemand auf.


Schauspiel Leipzig

Größte Null von allen

von Tobias Prüwer

Leipzig, 27. November 2014. "Wozu 'der Mensch' da ist, soll uns gar nicht kümmern: aber wozu du da bist, das frage dich", mahnte Friedrich Nietzsche, "und wenn du es nicht erfahren kannst, nun so stecke dir selber ... hohe und edle Ziele und gehe an ihnen zu Grunde!" Wieso mit Nietzsche beginnen? Weil der Philosoph mit dem Hammer allzeit durch diese Uraufführung scheint. Regisseurin Alexandra Wilke legt mit "Die zweieinhalb Leben des Heinrich Walter Nichts" in Leipzig einen Abend über Moral, das Leiden an den Mitmenschen und Selbstüberwindung vor – drei große Themen des Schnauzbartphilosophen.


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Auf der Flucht

von Ute Grundmann

Leipzig, 3. Oktober 2014. Wird er sie gleich küssen? Will sie das überhaupt? Wird er auch alles richtig machen? Und wie wird sich das anfühlen? Junge und Mädchen, denen das durch die Köpfe geht, stehen stocksteif einen Meter auseinander, statt auf einem Badetuch zu kuscheln. Sie trauen kaum, einander anzuschauen. Was sie sagen und denken, flimmert als rote Leucht-Laufschrift über ihren Köpfen, als müsste man einen fremdsprachigen Film übertiteln.


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Alte Tante Stadttheater auf dem Lauf-Steak

von Tobias Prüwer

Leipzig, 20. Juni 2014. "Da gibt's Musik und alles." Der entlarvende Satz des Abends fällt nach dem Schlussapplaus. Das ausgelassene Publikum wird zur Premierenparty in die Szene-Wohnzimmer-Bar Meins, deins unser eingeladen. Die liegt nicht weit weg von der Nebenspielstätte des Leipziger Schauspiels entfernt mitten drin im Quartier Plagwitz, dem Epizentrum des anhaltenden Leipzig-Hypes. Der Berlinvergleich muss heute nicht bemüht werden. Immerhin sind ein paar Zuschauer extra aus der Hauptstadt angereist, um der Gruppe Henrike Iglesias bei "I can be your hero baby" – nach einer Song-Zeile von Enrique Iglesias –, der Auseinandersetzung mit dem Thema Catwalk und Laufhaus, beizuwohnen.


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Effi Briest in der Shrink Town

von Ute Grundmann

Leipzig, 5. Juni 2014. Kapitalismus. Sozialismus. Böse Märkte. Arme Menschen. Schrumpfende Städte. Leere Kulissen. Fast alle Stichworte der aktuellen politischen Situation werden abgehandelt in Jörg Albrechts Überschreibung von Theodor Fontanes "Effi Briest". Als Auftragswerk des Schauspiels Leipzigs hat er einen Theatertext verfasst, der sich vordergründig mit dem Roman befasst: "My love was a ghost and your love, your love was leaving this rotten town". Inszeniert hat die Uraufführung der junge Regisseur Steffen Klewar, als ersten Teil einer Doppelpremiere, die unterschiedlicher kaum sein könnte.  


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Auf dem Frost-Sofa

von Ute Grundmann

Leipzig, 17. April 2014. Der bürgerliche Salon ist zur Wohnlandschaft geworden. Ein riesiges blaues Sofa ist im Leipziger Schauspiel die Welt der Hedda Gabler, in der die Hochzeitsblumen schon gleich zu Beginn verdorrt scheinen. In diesem chic-kühlen Ambiente hat Sarantos Zervoulakos Henrik Ibsens Stück inszeniert. Die Kühle legt sich zunehmend auch über die relativ kurze Aufführung.


Schauspiel Leipzig

Drehbühne zum Liebesspiel

von Ute Grundmann

Leipzig, 31. Januar 2014. Das Publikum wird auf die Reise geschickt – zu den Stationen von Arthur Schnitzlers "Reigen". Auf der Drehbühne sitzend, kommen die Zuschauer so immer wieder an Zimmern vorbei, in denen Paare sich treffen, trennen, streiten, lieben. Es ist ein scheinbar endloser Reigen, denn die Szenen überschneiden sich, werden unterbrochen, wiederholt und immer wieder abgefilmt. Regisseur Philipp Preuss inszeniert nicht einfach Schnitzlers einstiges Skandalstück, sondern er mischt es mit Jean-Luc Godards Film "Die Geschichte der Nana S." aus dem Jahr 1962 oder gibt zumindest Anklänge daran. Halb Videofilm, halb Theater, so kommt seine Inszenierung "Der Reigen oder Vivre sa vie" auf der Hinterbühne des Leipziger Schauspiels daher.


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Immer mobil bleiben

von Tobias Prüwer

Leipzig, 6. November 2013. Die typischen Stadttheater-Widergänger sind museale Regiestile und vergessen geglaubte Schauspielweisen. Constanza Macras hingegen bringt leibhaftige Zombies auf die Bühne. Ihre neue Arbeit "Die Wahrheit über Monte Verità", eine Koproduktion von Euroscene-Festival und Schauspiel Leipzig, untersucht den Konnex von Tanz und Stummfilm in der Utopie des frühen 20. Jahrhunderts als zweigeteilter Abend aus interaktiv gedachtem Kurzfilm und Totentanz mit Live-Musik.


Schauspiel Leipzig

Die Form bestimmt kein Bewusstsein

von Hartmut Krug

Leipzig, 5. Oktober 2013. Sechs mächtige, quaderhafte Säulen drehen sich im Halbdunkel, umspielt von Licht und Dunkel. Auf dem Boden malerisch Herbstblätter, Flitter rieselt, in der Luft Wind und Bert Wredes Musik, die immer wieder an diesem Abend den Figuren ihre Emotionen und Haltungen zuweist. Noch bevor das Stück beginnt und ein Wort fällt, streifen ein junger Mann und eine junge Frau zwischen diesen Säulen umher: er mit wuscheligen Haaren, barfuß im blauweiß gestreiften offenen Hemd über Schlabberhosen, sie adrett mit um den Kopf fixiertem Blondhaar im leicht schwingenden bunten Sommerkleid. Dieses erste, hinzuerfundene Bild zeigt den Prinzen und Emilia, sich suchend, kurz findend und dann verschwindend. So erklärt uns Enrico Lübbe gleich seine Sicht auf Lessings Stück und Figuren. Damit ist es das dritte Stück im dreitägigen Auftaktmarathon seiner neuen Intendanz, nach Othello und Grillparzers Des Meeres und der Liebe Wellen, in dem sich Paare verfehlen.


Schauspiel Leipzig

Verlierlinge und Verliebte

von Ute Grundmann

Leipzig, 4. Oktober 2013. Eine schwarze Wand, ein Felsblock ragt in fahlem Licht in den Raum. Darauf geht eine Frau in weißem Kleid umher, zieht Linien, als schlösse sie sich selbst in ein Gefängnis ein oder als vermesse sie den Raum, der ihr künftig bleibt. Es ist Hero, die zur Priesterin geweiht werden soll, aber kurz davor von der Liebe getroffen wird. So düster beginnt im Leipziger Schauspielhaus das selten gespielte Stück "Des Meeres und der Liebe Wellen" von Franz Grillparzer. Dieses setzte am zweiten Auftakttag der Intendanz von Enrico Lübbe den Premierenmarathon fort, zusammen mit der Uraufführung von Und dann, einem Stück des 1986 in Leipzig geborenen Autors Wolfram Höll, das 2012 mit dem Nachwuchspreis des Heidelberger Stückemarkts ausgezeichnet wurde.


Schauspiel Leipzig

Allem Anfang wohnt etwas inne

von Tobias Prüwer

Leipzig, 3. Oktober 2013. Enrico Lübbe hat Wort gehalten und seine Intendanz am Schauspiel Leipzig "vielfältig" eröffnet. "Vielfalt" hatte der vormalige Chemnitzer Schauspieldirektor auf der Spielzeitvorstellung im Juni mehrfach als Motto seines Kurses betont. Mit sechs Premieren gestaltet er seinen Einstand als dreitägiges Festival. Ein Theatermarathon mit drei Produktionen – "Who's there", "Der Lärmkrieg", "Othello" – steht am Anfang.


Schauspiel Leipzig

Gut geölte Effektmaschine 

von Ralph Gambihler

Leipzig, den 26. April 2008. Vom Herrschen und Dienen handelt dieses selten gespielte Stück. Von den langen Hebeln der Macht und den kürzeren der Kunst. Und wenn etwas wirklich wie geschmiert funktioniert im dramatischen Getriebe von Wolfgang Engels Leipziger Abschiedsinszenierung, dann ist es zunächst einmal die Technik in Gestalt der Drehbühne. Die darf gravitätisch und geschmeidig ihrem Zweck dienen. Kaum eine Szene, in deren letzte Worte hinein das Karussell von Bulgakows komischer Heuchel-Olympiade nicht in Bewegung gesetzt würde. Da zeigt sich etwas von allen Seiten und will auf keinen Fall in statuarischer Eindeutigkeit verharren.


Schauspiel Leipzig

Wilde Zonenkinder

von Ralph Gambihler

Leipzig, 13. April 2008. Walter ist der erste, der mit dem Leben bezahlt. Er stellt sich dazu breitbeinig auf die Bühne, fixiert das Publikum und blickt entschlossen einer anstehenden Ritualhandlung entgegen, die etwas mit dem randvollen Maßkrug zu tun haben muss, den Walter in der Hand hält. Der Junge lässt sich Zeit. In seinen Blicken liegen Verachtung und Triumphgefühle. Dann setzt er den Krug an und zischt das Bier mit zwei langen Zügen weg.


Schauspiel Leipzig

Semiramis' Atemnot

von Ralph Gambihler

Leipzig, den 1. Februar 2008. Aber ja doch: Wir sind in einem Swimmingpool! Die Bühne ruft auf den ersten Blick jene Unterwasserfotos ins Gedächtnis, auf denen sich weiße Beine vor türkisem Hintergrund abstrampeln. Allerdings fehlen die Beine, ebenso die Badeleiter. Und auch sonst wird dem Betrachter der stilisierten Kulisse von Kathrin Frosch gleich wieder verwackelt, was sich sein Auge zusammenreimt. Im Off flattern zum Beispiel Vögel. Und das Wasser fehlt sowieso.


Schauspiel Leipzig

Machospiele, Muskeln, Männerschweiß

von Ralph Gambihler

Leipzig, 26. Oktober 2007. Die Stadttheater könnten ja zusperren, wenn es das Ewigweibliche nicht mehr gäbe, den Vamp, die Venusfalle, das Verhängnis Frau. Welche Lulu hätte die Besucherstatistik nicht zu bessern geholfen? Aber hier ist es ja der andere Fall: der echte Kerl steht auf der Bühne, der Frauenverbraucher, der männliche Mann. Sein Name ist Liliom.


Schauspiel Leipzig

Im Schwitzkasten der Realität

von Ralph Gambihler

Leipzig, 23. September 2007. Die Referenz an das Repertoire ist nicht zu erwarten. Schon im Stücktitel wird Nathan die Weisheit aberkannt. Als "Nathan (ohne Titel)" kehrt er wieder, und wer nun die deutschsprachige Erstaufführung des Stücks am Schauspiel Leipzig miterlebt hat, versteht auch, warum. Der junge dänische Autor Christian Lollike fragt mit Blick auf Terror und Krieg nach Lessings Idealwelt. Er misst, mit anderen Worten, Lessings Vorstellung von religiöser Toleranz an Konfliktlagen, die einem jede Tagesschau drastisch vor Augen führt.


Schauspiel Leipzig

Gelächter mit Anflügen von Hysterie

von Ralph Gambihler

Leipzig, 22. September 2007. Zum Leipziger Saisonauftakt also die alte, umstrittene Komödie über den gnadenlosen Juden Shylock. Das ist keine nahe liegende, aber auch keine schlechte Wahl, wenn man bedenkt, dass das Spielzeit-Motto "Innere Sicherheit ... Sind Sie sicher?" lautet und also auf die Problemlagen der nationalen Beunruhigung verweist (bei aller Vieldeutigkeit). Da soll offenbar über den Abstand von vier Jahrhunderten hinweg Reibung erzeugt werden – Funkenflug nicht unerwünscht.


Schauspiel Leipzig

Fußpilze an der Stirn

Von Ralph Gambihler

Leipzig, 30. Juni 2007. Die Erbschleicher-Komödie "Volpone" aus der Feder des Shakespeare–Rivalen Ben Jonson ist ein funkelnd-boshafter Schwank über Heuchelei. Geheuchelt wird nicht nur für Geld und sozialen Aufstieg, sondern auch zum bloßen Vergnügen.


Schauspiel Leipzig

Typen, wie wir sie kennen

von Robert Schröpfer 

Leipzig, 6. Juni 2007. Haus im Grünen statt Büro, Kinderwunsch statt Karrieredruck: "Geistig liegst du bereits im Bett" fährt Tom seinen Cousin Marcel an, der "vor der Lebensmitte rechtzeitig" den Job gekündigt hat, um mit Ehefrau Janine für Nachwuchs zu sorgen, und der die Verwandtschaft an diesem Wochenende im Dezember (19 Grad plus!) eigentlich nur zum Grillen geladen hatte.


Schauspiel Leipzig

Gefolterte Hasenmarionette

von Robert Schröpfer

Leipzig, 5. Mai 2007. Korinth macht dicht: Selbst Integrationswille bis zur Selbstverleugnung und ein Hugo-Boss-Kostüm, das die Fremde gegen ihre Herkunft tauscht, können hier nicht helfen. König Kreon, der Medea nur widerwillig Asyl gewährt, interessiert nur jenes Widderfell, das sie dem eigenen Vater raubte.


Schauspiel Leipzig

Hineinverwickelt

von Nikolaus Merck

Leipzig, 29. Januar 2007. "Die Götter bitte ich um eine Änderung." Langsam hebt der Wächter auf dem Dach des Palastes von Argos seinen Kopf. Wo nur bleibt das Feuerzeichen, das vom Sieg der Griechen über Troja kündet? Der Eingangssatz der Orestie des Aischylos in der Fassung von Peter Stein – in Leipzig ist er viel mehr als der Stoßseufzer eines zur Schlaflosigkeit verdammten Aufpassers.


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