zurück zur Übersicht

archiv » Berliner Ensemble (57)
Berliner Ensemble

Am Ende nur das fürchterliche Leben

von Esther Slevogt

Berlin, 10. Februar 2017. Am Ende sank Claus Peymann vor seinem Publikum auf die Knie. Seine Inszenierung von Kleists letztem Drama "Prinz Friedrich von Homburg" hatte ein überraschend fatalistisches Ende gefunden: Als schon alle Zeichen auf Rettung des Prinzen von Homburg standen, beschwingte Musik eingesetzt und alle Beteiligten fast heiter noch einmal die in kaltes, gespenstisches Licht getauchte Bühne betreten hatten, quoll plötzlich Blut aus dem Mund der zusammensackenden Prinzessin von Oranien. Dann hing auch der Prinz selber wie eine jämmerliche Stoffpuppe tot oben auf dem Seil, über das er gerade noch mit verbundenen Augen seiner Rettung entgegen balanciert war. Auch die anderen Figuren schienen am Ende wie vom Optimismus der Cat-Stevens-Hymne If you want to sing out dahingemäht – als wollte uns der Abend, der zuvor keine Spur vom Weg des Textes in Richtung Deutung abgewichen war, nun doch noch einmal sagen: Es gibt nichts zu lachen und zu hoffen. Und was wir zu träumen glauben, ist am Ende nur das fürchterliche Leben.


Berliner Ensemble

Kopfstöße an der Pforte zur Außenwelt

von Sascha Ehlert

Berlin, 3. Dezember 2016. Der Verzicht auf das Angebot des Brezel-Verkäufers vor dem Schiffbauerdamm fällt leicht. Lediglich 90 Minuten, so ist es angekündigt, soll der neue Wilson dauern – seine zehnte Inszenierung am Berliner Ensemble: "Endspiel". Schnell zu konsumieren, also leichte Kost? Mitnichten. Immerhin geht es in dem Beckett-Text von 1956 um das Ende unserer Welt.


Berliner Ensemble

Wutbürger im Faktendschungel

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 16. September 2016. Warum sich für die letzten zehn Minuten der weiße Vorhang doch noch öffnet zur Einsicht in den nackten schwarzen Bühnenraum, bleibt ein Rätsel. Wie so einiges andere an diesem knapp anderthalbstündigen Uraufführungs-Abend auf der Probebühne des Berliner Ensembles, an dem sich bis zu diesem Lüftungs-Moment 13 Schauspieler*innen mit 16 Stühlen quasi zweidimensional am Diptychon "Die Griechen" von Volker Braun abgearbeitet haben.


Berliner Ensemble

Als ob der liebe Gott gestorben wäre

von Esther Slevogt

Berlin, 15. September 2016. Einmal, da kommt in diesem endlosen Totentanz der Überkostümierten die Schauspielerin Ursula Höpfner-Tabori in einem Monstrum von weißem Tüllkleid auf die Bühne, aus dem gerade mal ihr Kopf herausguckt: "Es ist ein Weinen in der Welt / Als ob der liebe Gott gestorben wäre", deklamiert sie mit gramverzerrter Mine und hohem Tragödienton Else Lasker-Schülers berühmtes Gedicht "Weltende". Da hat man schon eine Weile diesem Defilee der Toten zugeschaut, Prozessionen von Zombies aus dem Avantgardemuseum des 20. Jahrhunderts, von denen man gelegentlich befürchten musste, dass sie in Wirklichkeit niemals lebten.


Berliner Ensemble

Im Sparmodus

von Christian Rakow

Berlin, 17. Juni 2016. "Das Theater spiegelt offensichtlich die Beunruhigung unserer Zeit." So sagt es Eugène Ionesco. Steht im Programmheft. Es ist so etwas wie der Obersatz seines Theaters, des Absurden Theaters. Bei aller verspielten Groteske und Paradoxie erzählte diese Kunst immer auch von den Traumata ihrer Entstehungszeit der Jahre Post-1945. Egal ob bei Ionesco oder Beckett, beim sinnfreien Stühle-Rücken oder beim Warten auf Godot und andere ausbleibende Heilsversprechen – das Absurde Theater bot der Nachkriegszeit das trostlose Plappern, das noch möglich war nach Auschwitz und Hiroshima.


Berliner Ensemble

Die Kanaille bittet zum Tanz

von Gabi Hift

Berlin, 27. Mai 2016. Ach hätte es doch zur Pause geendet! Das wäre ein Triumph geworden wie bei der Uraufführung. "Schiller/Haußmann: das neue Dreamteam" hätte es geheißen, "Rückkehr des Theaters der Leidenschaften" und: "A star is born: Mosbach heißt die Kanaille!" Wäre nach dem ersten Teil Schluss gewesen, hätte es stehende Ovationen gegeben. Aber es gab noch einen zweiten. Danach sagten Menschen mit eckigen Brillen zueinander: "Interessanter Ansatz. Schon toll, das so durchzuhalten."


Berliner Ensemble

Familienhölle in Bunt

von Simone Kaempf

Berlin, 10. Februar 2016. Dysfunktionale Familienverhältnisse meint man vor allem aus der zeitgenössischen Dramatik zu kennen, ging der Trend zu familiären Beziehungsstücken doch vor einigen Jahren steil nach oben. Als ein Vorläufer solcher Familienstücke, in denen das heimische Wohnzimmer als abgeschottete Realitätserfahrungszelle dient, lässt sich problemlos Roger Vitracs "Victor oder Die Kinder an der Macht" bezeichnen, 1928 von Antonin Artaud in Paris uraufgeführt. Zu Zeiten also, als das surrealistische Manifest bereits einige Jahre in der Welt war und Alfred Jarrys garstiger "König Ubu" auch schon seine Spuren hinterlassen hatte, man am Theater aber doch auf voller Front hoffte: auf die Sprengkraft künstlerischer kleiner Splitterbomben gegen alte Traditionen und die verlogene Moral der Bourgeoisie.


Berliner Ensemble

Rauswurf aus dem Karussell

von Wolfgang Behrens

Berlin, 17. Dezember 2015. Noch vor wenigen Tagen hat Leander Haußmann seinen Regisseurskollegen Alvis Hermanis verteidigt: nicht dessen schwer verdauliche Ansichten zur Flüchtlingsthematik, aber doch den Künstler hinter diesen Ansichten. Nun betritt man den Zuschauerraum des Berliner Ensembles, blickt auf die Bühne und denkt: Aha, Hermanis! Denn wie bei Hermanis' Wiener Platonov-Inszenierung (die auch beim Berliner Theatertreffen 2012 zu besichtigen war), so sehen wir auch hier – in Haußmanns neuer "Drei Schwestern"-Produktion – einen einzigen Ausstattungstraum: Lothar Holler hat einen russischen Salon nachgebaut, wie er im Buche steht, mit hohen abblätternden Wänden, ollen Porträts, Antikplunder, Kerzenleuchtern und wunderbaren Durchblicken in die Nachbarräume. Wenn irgendwo im Berliner Ensemble unter Claus Peymann noch Reste des Brecht'schen Verfremdungseffektes überlebt haben sollten, dann sollen sie heute wohl erster Klasse beerdigt werden!


Berliner Ensemble

Auf zum Himmelfahrtskommando!

von Christian Rakow

Berlin, 12. September 2015. Tuschelei im Parkett, Reihe 14: "Ich glaube, ich geh, das ist jetzt über zwei Stunden, ich werd' langsam bekloppt." – "Nach zwei Stunden sollte eigentlich Pause sein." – "Das ist hier Warten auf Godot." Wenn die besten Pointen eines Abends im Zuschauerraum fallen, dann muss oben auf der Bühne etwas gehörig schief laufen. Oben, wo sie gerade eine Hochzeit mit Büchsenbier feiern und Karla Sengteller als Vorstadtgirlie in gedämpfter Feierlaune wie aufs Stichwort sagt: "Man geduldet sich gern, solange es Bier gibt." Kein Satz von Brecht. Schade eigentlich.


Berliner Ensemble

Das Ewig-Wilsonliche zieht uns hinan

von Matthias Weigel

Berlin, 22. April 2015. Was für ein Event! Was Claus Peymann, Intendant des Berliner Ensembles, dem zukünftigen Volksbühnen-Leiter vorwirft, findet natürlich regelmäßig an seinem eigenen Hause statt. Und zwar sehr erfolgreich: Theater als Event, Theater als Show, Theater als Unterhaltung – und auch Theater als Musical. Robert Wilson und Herbert Grönemeyer haben aus Goethes "Faust I" und "II" ein nahezu durchkomponiertes Musical nach Disney-Bauart gemacht. Geometrischer Formalismus trifft sentimentalen Deutschrock – und zwei Goethe-Texte, die unterschiedlicher nicht sein könnten.


Berliner Ensemble

Das Regime des Grantlers

von Wolfgang Behrens

Berlin, 14. März 2015. Dankenswerterweise hatte das Berliner Ensemble in seiner Premierenankündigung noch einmal darauf hingewiesen: "Claus Peymann inszeniert dieses berühmte Theaterstück von Thomas Bernhard zum ersten Mal." Wie? was?, denkt man, aber Peymann hat doch damals, vor unvordenklichen Zeiten, alle, alle, alle Bernhard-Stücke uraufgeführt – oder etwa nicht? Und hat man nicht eigenäugig den Mitschnitt seiner Uraufführung von "Die Macht der Gewohnheit" im Fernsehen gesehen, mit Bernhard Minetti, der sein "Morgen Augsburg" des cellospielenden Zirkusdirektors Caribaldi in die Welt hinaustrompetete und hernach zum Thomas-Bernhard-Darsteller schlechthin avancierte?


Berliner Ensemble

Sehnsucht nach der Ordnung der Welt

von Esther Slevogt

Berlin, 21. Februar 2015. Die Sache mit den Regeln und Gesetzen, die sich eine Gesellschaft gibt, kann ja durchaus etwas Sinn- und Gemeinschaftsstiftendes haben. In einer zunehmend von Wirtschaftsinteressen deregulierten Gesellschaft erst recht. Manche beginnen sogar, sich heute wieder nach den Regeln zu sehnen, die Peter Handke und seine Generation in den westdeutschen 1960er Jahren der Revolte als repressiv bekämpften.


Berliner Ensemble

Knilch in Unterhosen

von Eva Biringer

Berlin, 22. November 2014. Dieser Tage empört sich die Welt über die sogenannten Pick-up-Artists, Männer, die im Rudel losziehen, um Frauen "klarzumachen." Wenigstens die Mythologie gibt diesen selbsternannten Herzensbrechern Recht. Göttervater Zeus (lateinisch Jupiter) brach in Gestalt eines Schwans oder Stiers den Willen selbst der keuschesten Damen.


Berliner Ensemble

Der Aff ist Soldat

von André Mumot

Berlin, 6. September 2014. Es können nicht nur die Erbsen schuld sein. Diesmal nicht. Auch dieser Woyzeck bekommt sie eingeflößt, in grüner Suppenform, und an seiner Unterhose kann man die blutigen Durchfallspuren sehen, die das nach sich zieht. Nein, das ist nicht schön, aber es gibt noch andere Gründe für seinen Amoklauf. Und man muss auch nicht sehr lange nach ihnen suchen auf der Bühne des Berliner Ensembles.

Denn während Franz Woyzeck, Füsilier im zweiten Regiment des zweiten Bataillons irgendeiner vierten Kompanie, noch einmal splitterfasernackt über seine untreue Marie herfällt, sie vergewaltigt und mit dem Messer absticht, wieder und wieder, erwacht die traute Mooslandschaft um ihn herum zum Leben. Was eben noch grüner Untergrund war, entpuppt sich als Ansammlung seiner perfekt getarnten Kameraden, und was eben noch die fatale Privatangelegenheit eines Einzelnen war, ist schon im nächsten Moment die zügellose Eskalation einer ganzen Truppe.


Berliner Ensemble

Unter leerem Himmel

von Christian Rakow

Berlin, 14. Juni 2014. Einmal sagt Josef K. als Erzähler seiner selbst: "K. war es, als werde über seinen Kopf von Männern, deren Größe er sich übertrieben vorstellte, über ihn selbst verhandelt." Und dazu kauert Veit Schubert als K. sich auf den Boden, während Männer ihn aufrecht stehend umringen, also in der vorgestellten Übergröße überragen. Glasklar illustriert. Die Männer halten Aktenblätter in die Höhe. Eine Geste mit Wiederholungswert. Ein andermal reckt eine Riege von Angeklagten Bittgesuche gen Bühnenhimmel, von dem selbstredend – wir sind bei Kafka – kein Gott, kein Gericht, kein Antwortgeber ihnen eine Hand entgegenstreckt.


Berliner Ensemble

Im Konfettiregen

von André Mumot

Berlin, 1. März 2014. Was braucht es, um glücklich zu sein? Und, andere Frage, gleiches Thema: Was braucht es denn, bitteschön, für einen Theaterabend, der beglückt? Man sollte meinen: ein gutes Stück. Die richtige Antwort aber lautet, ausgerechnet im Berliner Ensemble (wenn auch ein paar Meter abgerückt, im hinterhofigen Pavillon): Konfetti. Und Luftschlangen. Aber nicht nur so ein bisschen verschämt verwehtes Geflitter, sondern die volle Karnevalsladung, die mit einem leistungsstarken Laubbläser quer über die winzige Guckkastenbühne gepustet wird, während munter die Live-Musi dröhnt.


Berliner Ensemble

Diese ollen Gespenster!

von Wolfgang Behrens

Berlin, 23. November 2013."Mach's leicht", soll Heiner Müller – damals ein fast schon toter Mann – zu Leander Haußmann gesagt haben, als er diesem sein letztes Stück "Germania 3" zur Uraufführung überließ. Es hätte dieses Rates wohl kaum bedurft, denn Leander Haußmann hat eigentlich immer alles leicht gemacht. Nicht, dass er partout die großen Gesten und das schwere Theatergeschütz gemieden hätte. Von intellektuellen Überbauten jedoch, von der schier zentnerschweren Last der Rezeptionsgeschichte der kanonischen Stücke hat er sich nie erdrücken lassen, sondern stattdessen mit der großen Maschine Theater lustvoll losgelegt, als spiele er mit einer Modelleisenbahn. Deswegen donnert, blitzt und windet es in Haußmanns Theater zwar viel, aber es sind immer Donner, Blitze und Winde, die ihren Effekt bereitwillig herzeigen: Ist es nicht ein wunderbares Spielzeug, das Theater?


Berliner Ensemble

Perlen des Verlusts

von Christian Rakow

Berlin, 15. Oktober 2013. Don Juan "wird den Damen nicht entrinnen", heißt es in Ödön von Horváths Vorwort zu seinem Stück "Don Juan kommt aus dem Krieg" (im Berliner Ensemble einleitend von der durchdringend klaren Stimme Irm Hermanns per Tonkonserve eingesprochen). Insofern hat er es annehmlicher als seine adligen Vorläufer bei Molière oder Mozart. Seine große Pirsch fällt aus. Horváths Neuausgabe des Ahnherrn aller Schwerenöter lässt sich sanft auf den Wogen des Friedens anno 1918 bis in die Inflationszeit der 1920er hinein treiben. Und hier und da gerät er einer Dame an die Angel.


Berliner Ensemble

Polonaise in klingelnde Spieluhrwelten

von Simone Kaempf

Berlin, 17. April 2013. Zum Schluss steht Peter Pan, der Junge, der nicht erwachsen werden will, alleine hinter dem übergroßen Fensterrahmen, während sich vorne im Haus die Familie mit ihren Kindern zum Gruppenbild vereint. Körper schmiegen sich aneinander, die schwarz umrahmten Augen staunend aufgerissen, Gesichter schaurig-schön verzogen, Münder skurril aufgerissen, so wie es Robert Wilson liebt, immer auf dem schmalen Grat zwischen mechanischen Puppen und Verkörperungen einer verzerrten Welt.


Berliner Ensemble

Der Himmel ohne Geigen

von André Mumot

Berlin, 8. März 2013. Wenn man verliebt ist, also so richtig, mit allem Drum und Dran, dann soll der Himmel ja voller Geigen hängen. Im Berliner Ensemble hängt da nur eine, und auch nur kurz. Dafür samt Bogen und in bequemer Greifhöhe, so dass Ferdinand von Walter, der angeblich so heiß und inniglich Verliebte, sie sich schnappen kann, als es schwierig wird mit seiner Luise. Erst kratzt er nur unwirsch schief auf ihr herum, dann immer wilder und wird schließlich ganz tobsüchtig dabei. Und dann zerschlägt er das hübsche Instrument mit reichlich Gekeuche auf dem Boden. Rockstars machen so was. Und kleine Kinder. Auch Schauspieler im Berliner Ensemble. Anschließend sagt Luise übrigens recht trocken: "Walter, Gott im Himmel, was soll das?" Man will es vielleicht nicht gleich zugeben, aber im Grunde steht sofort fest: Es ist der Satz des Abends.


Berliner Ensemble

Unser grimmig entschlossenes Amüsierbedürfnis

von Nikolaus Merck

Berlin, 12. Januar 2013. Vor fast genau 20 Jahren schrieb Helmut Schödel in der Zeit: "Eine Zeitlang dachte man, die Wirklichkeit hätte die Phantasie der Autoren überflügelt, sei schärfer als die Satire, absurder als die Groteske", dann aber sei Werner Schwab dahergekommen und die Literatur habe sich mit mehreren Nas'längen Phantasie und Übertreibung vor der Wirklichkeit ins Ziel geworfen. Nun, nur 20 Jahre später, ist doch alles gekommen, wie der Graz-Schwab es in seinen 16 Dramen aufgeschrieben hat. Eine Leich' im Keller scheint im Fritzl- und Kampusch-Österreich, wo die Pfarrherren die Ministranten missbrauchen wie nur irgendwo sonst im Katholischen Reich, eh ein jeder zu haben; dass der Vater sich an der Tochter vergeht im Ehebett, ist unser täglich Zeitungsbrot und die Sprache, das Schwabdeutsch, die nur mehr Hülse ist und Ausgestanztes aus der Werbebeilage, die herrscht im Privatfernsehen, beim Superstar wie im Dschungelcamp schon lange.


Berliner Ensemble

Schnelle Nummern hinter der Muschel

von Simone Kaempf

Berlin, 24. November 2012. Der Narr sitzt in einem aufgespannten Regenschirm, der über der Bühne schwebt. Stark geschminkt ist er, trägt einen Lorbeerkranz auf dem Kopf und einen Rettungsring um die Hüfte. Aber das Trottelige ist nur Maskerade. Dieser getarnte Narr, halb Götterbote, halb Schiffbrüchiger, durchschaut als einziger die Liebesspiele und Liebesverwirrungen um ihn herum, die er sanft weltweise kommentiert. Und dann auch in schönsten Tönen besingt.


Berliner Ensemble

altKunstschutz auf dem hohen Sockel

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 25. Juni 2012. 70 Minuten, keine Pause, das klingt kurz und knackig. Kurz und knackig wie zum Beispiel ein Gedicht von Ernst Jandl. Und mit einem solchen wird die Show auch eröffnet auf der Probebühne des Berliner Ensemble. Aus der Wand, auf die vor Beginn in Ernst Jandls Handschrift das Wort "humanistä" projiziert worden war, dringen von unten Nebelschwaden. Dann, oh Theaterzauber, fährt sie hoch und macht Raum für vier angestrengt grimassierende Schauspieler, die abwechselnd und zusammen Jandls Gedicht "talk" sprechen. Das besteht aus den Elementen "blaa" und "bäb", wobei das "bäb" manchmal auch noch ein oder zwei "b"(s) mehr am Ende trägt.


Berliner Ensemble

alt

Seifenblasen auf der Riesenholzwelle

von Esther Slevogt

Berlin, 22. Juni 2012. Ein leichtes Thalheimerfeeling zunächst. Eine hölzerne Riesenwelle schwappt über die nackte schwarze Bühne des Berliner Ensembles. Zumindest ließe sich der breite, auf- und abgeschwungene Holzsteg so deuten. Schließlich spielen die "Geschichten aus dem Wiener Wald" an der Donau, der blauen, deren Wellen aber hier eben nur eine einzige erstarrte, hölzerne ist.


Berliner Ensemble

altRette uns, Alexis Carrington

von André Mumot

Berlin, 23. März 2012. Das Telefon klingelt. Mehrmals an diesem Abend. Und manchmal auch im Parkett. Und – wer hätte gedacht, dass so etwas je geschrieben werden könnte – man ist direkt ein bisschen dankbar für die eilig abgewürgten Klingeltöne, freut sich über die unter Stoff summenden Mini-Melodien, die mehr über das aussagen, was kapitalistische Ethik aus uns macht, als alles, was da oben auf der Bühne stattfindet. Aber auch dort, in einer schlichten Jahrhundertwende-Büro-Salon-Kulisse mit hohen Altbauwänden und Kronleuchter und depperten Lorbeerbäumen im Topf, klingelt das Telefon.


Berliner Ensemble

altDreier mit Lämmchen

von Christian Rakow

Berlin, 27. Januar 2012. Etwas muss an Mellefont dran sein. Etwas, das wir diesem leicht wohlstandsbeleibten Geschäftsmann in seinem feinen Nadelstreifenanzug nicht ansehen. Vielleicht umweht ein zarter Hauch von Helium sein dreitagebärtiges Kinn? Oder wie anders wäre es zu erklären, dass Frauen sogleich in einen kindlich quiekenden Ton verfallen, wenn sie sich ihm nähern? Und zwar Frauen jedweden Alters, egal ob jung wie Miss Sara oder schon etwas reifer wie Lady Marwood.


Berliner Ensemble
alt

Marseillaise im Theatermuseum

von Esther Slevogt

Berlin, 3. Januar 2012. Am Ende der Pause, da fürchtet man kurz, das berühmte Revolutionsdrama könnte einen unverhofften Verlauf nehmen: Dass nämlich an diesem Abend der Kopf von Claus Peymann rollen könnte und nicht der Dantons und seiner Freunde.


Berliner Ensemble
alt

Rundreise im Niemandsland

von Hartmut Krug

Berlin, 3. und 5. November 2011. Streitbar, zerrissen, radikal, verletzlich und selbstzerstörerisch: das sind so Feuilleton- Klischees, mit denen der Autor Thomas Brasch zu seinem 10. Todestag aus der Vergessenheit geholt wird. Als Übersetzer, von Shakespeare, von Tschechow, ist er auf den Bühnen präsent, doch seine eigenen Stücke, deren Kraftquell stets, selbst wenn es um Georg Heym ging, die Auseinandersetzung mit der DDR und der Widerstand gegen falsche Autoritäten waren, haben sich auf den Bühnen nicht behaupten können.


Berliner Ensemble
alt

Lamento Moderato

von Eva Biringer

Berlin, 29. Oktober 2011. Ein einziges Mal setzt die Lethargie aus: Wenn die Gesellschaft zur Festgesellschaft wird und zu den ausgelassenen Klängen des provisorischen Orchesters im Paartanz über die Bühne wirbelt. Da ist das Schicksal des Kirschgartens schon besiegelt, und noch bevor der Übermut der Tänzer auf das Publikum übergreifen könnte, senkt sich ein semi-transparenter Plastikvorhang, der die Musik und mit ihr die Menschen beinahe zum Verschwinden bringt.


Berliner Ensemble
alt

Die Schlafwandlerin in der Zypressenallee

von Wolfgang Behrens

Berlin, 12. April 2011. Nein, es muss nichts Falsches daran sein, wie Robert Wilson einen deutlich wiedererkennbaren Stil zu pflegen. Eine künstlerische Signatur zu haben. Eine Marke zu sein. Der einmal erarbeitete Stil – denn erarbeitet ist er, er wird niemandem geschenkt – stellt die Mittel bereit, mit denen sich ein Künstler seinen Stoff aufschließt. Der immer wieder aufs Neue erregende Vorgang ist dann, wie der Stil den gegebenen Stoff verändert oder wie der gegebene Stoff den Stil verändert. Aus der Reibung schlagen die Funken.


Berliner Ensemble
alt

Originalgetreues Kasperltheater

von Michael Laages

Berlin, 13. März 2011. Ein subalterner Techniker hat zum Glück nicht mitgespielt im hochpolitischen Kesseltreiben. Und darum wissen die Nachgeborenen heute wenigstens, worum es tatsächlich ging in der Polit-Schlacht, die die herrschende Partei in der gerade zwei Jahre alten DDR vom Zaune brach um "Das Verhör des Lukullus", die Oper mit Paul Dessaus Musik zum Text von Bertolt Brecht, die sie unbedingt verhindern wollte im März 1951, vor ziemlich genau 60 Jahren.


Berliner Ensemble
alt

Die Torschlusspanikerin

von Anne Peter

Berlin, 8. März 2011. 40 ist die neue 30, sagt man. Zehn Jahre länger also, um sich jung zu fühlen. Zehn Jahre länger, bevor manch einen dann doch Torschlusspanik befällt. Entsprechend hat Thomas Langhoff seine Inszenierung des Prolet-meets-Lady-Klassikers "Endstation Sehnsucht" am Berliner Ensemble deutlich älter besetzt, als vom Autor vorgesehen. Bei Tennessee Williams war Stella zarte 25, ihr Mann Stanley und Schwester Blanche um die 30. Jetzt bewegt sich Blanche gen 50, bei Stellas würde man heute wohl von einer "Risikoschwangerschaft" sprechen.


Berliner Ensemble

Hören Sie die Mühsal hupen

von Matthias Weigel

Berlin, 18. Dezember 2010. Der ordentliche Geisteskranke hält sich für Gott, einen Indianer, einen Millionär, einen Diktator oder einen Philosophen. In Thomas Bernhards Stück ist Letzteres der Fall, und so heißt es auch: "Immanuel Kant". Zuletzt inszenierte Matthias Hartmann das seit seiner Uraufführung 1978 selten gespielte Stück zum Abschied in Zürich, nun hat Philip Tiedemann es am Berliner Ensemble eingerichtet. Wie schon bei Hartmann steht auch dieser Abend auf wackligen Füßen: "Immanuel Kant" spielt auf einem Schiff, und so schlingern die Schauspieler auf einer kippelnden Plattform auf der Bühne von Paul Lerchbaumer umher (Hartmann hatte sich sogar einen ganzen schwankenden Raum gegönnt).


Berliner Ensemble

Amüsemang mit Bert

von Elena Philipp

Berlin, 30. Oktober 2010. Gerne würde man sich mit Katharina Thalbach freuen, die mädchenhaft lächelnd, etwas verlegen und hoch sympathisch die Bravi des Publikums für ihre erste Inszenierung am Berliner Ensemble entgegennimmt. An diesem Haus hat sie, von Brechts Witwe Helene Weigel entdeckt, schon als Teenager gespielt. Intendant Claus Peymann bot ihr nun die Regie für "Im Dickicht der Städte" an. Ein "harter Brocken", befand die 56-jährige in der Lokalzeitung.


Berliner Ensemble

Hoho, keine Angst!

von Wolfgang Behrens

Berlin, 29. September 2010. "Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie?" So heißt ein kurzes Prosastück von Thomas Bernhard, einem jener Autoren also, mit deren Stücken Claus Peymann in den Ruf geraten ist, ein großer Regisseur zu sein. Man wüsste gerne, ob sich Peymann diese Bernhard'sche Frage bei der Lektüre von Mark Ravenhills Kurzdramen-Serie "Shoot/ Get Treasure/ Repeat" vorgelegt hat.


Berliner Ensemble

Ästhetisches Inferno für den Weltfrieden 

von Wolfgang Behrens

Berlin, 30. Juli 2010. Rolf Hochhuth ist der Schmerzensmann der deutschen Dramatik. Wie kein anderer Theaterautor hält er den Schriftgelehrten, Kritikern und anderen Gegnern sein Haupt hin, um Hohn und Spott darauf abzuladen. Die Anlässe sind Legion: sei es, dass er mit seinen Regie-Bemühungen die eigenen Stücke malträtiert, sei es, dass er sich ein sommerliches Scharmützel mit seinem Sparring-Partner Claus Peymann liefert, eine Gastrolle in der Soap "Gute Zeiten schlechte Zeiten" übernimmt oder den Holocaustleugner David Irving verteidigt.


Berliner Ensemble

"Ein trefflicher, ein großer Anblick"

von Georg Kasch

Berlin, 4. Juli 2010. Es ist schon ein ziemlich harter Brocken, dieses Trauerspiel: Da gerät ein jugendlicher Prinz bei seiner ersten Kriegserfahrung in Gefangenschaft, taugt aber nur solange zum Druckmittel gegen den eigenen Vater, bis er erfährt, dass der Sohn seines Feindes König Aridäus Gefangener des eigenen Lagers ist. Eine Pattsituation wie in einer Komödie. Dennoch bringt er sich um. Warum? Weil er seinem Vater zum Sieg verhelfen will.


Berliner Ensemble

Cinderella und die Bodenreform

von Esther Slevogt

Berlin, 23. April 2010. Am Ende ein Riesenapplaus. Vor einem abstrakten, expressionistisch angehauchten und nach hinten leicht ansteigenden Bühnenbild, das auf eine gotisch geformte Öffnung in der schwarzen Rückwand zuläuft, badet ein großes Ensemble im allgemeinen Jubel. Die Kostüme sind exotisch bunt: viele tragen archaische Felljacken und komische Hüte, manche haben Fantasieuniformen an, die an die Uniformen der Roten Armee erinnern und entsprechend revolutionäre Patina ausstrahlen. Es gibt Männer in Kosakenkutten oder schrillen Mönchskostümen. Andere wieder kommen geradezu heutig daher.


Berliner Ensemble

Kampf der Liebe gegen die Ritter der Kokosnuss

von Wolfgang Behrens

Berlin, 19. März 2010. Was für ein Plunder! Unter den klassischen Repertoirestücken des deutschen Theaters ist Kleists "Käthchen von Heilbronn" sicherlich eines der allerkrudesten. Von Femerichtern bis zum Rittermummenschanz, von brennenden Burgen bis zu halbkünstlichen Menschen reichen die schauerromantischen Zutaten; und ein als Deus ex Machina auftretender Kaiser macht das Ganze endgültig zum Kaiserschmarren.


Berliner Ensemble

Je Humana desto besser

von Wolfgang Behrens

Berlin, 12. Januar 2010. "Unten" – so heißt Maxim Gorkis Stück in der deutschen Fassung von Angela Schanelec, und das ist ein guter Titel. Nicht nur, dass er gegenüber "Nachtasyl" näher am Russischen ist, wo das Stück "На дне", also "Am Boden", heißt; er führt auch weg von der Erwartung eines konkreten Milieus: Unten kann jeder sein, man muss dazu nicht erst Insasse eines Obdachlosenasyls werden.


Berliner Ensemble

Der lange Weg in die Pensionszeit

von Elena Philipp

Berlin, 19. Dezember 2009. Regisseur und Intendant Claus Peymann ließ im Interview mit einer Berliner Lokalzeitung am 11. Dezember wissen, warum er Carlo Goldonis 1761 entstandene "Trilogie der schönen Ferienzeit" als Stück zur Krise wählte: "Eine Gesellschaft, die auf Pump lebt, alle sind bankrott, alles kracht zusammen – das kommt mir alles sehr aktuell vor". Wohl gesprochen. Doch zu sehen ist von der Aktualität in den ganzen vier Stunden: nichts.


Berliner Ensemble

Das Boudoir, der Abendbrottisch und sein Pilzgericht

von Esther Slevogt

Berlin, 13. Juni 2009. Eine antike Ladenvitrine, wie man sie sich gut bei traditionsreichen englischen Herrenausstattern vorstellen könnte. Nur dass das Behältnis, um das sich die Zuschauer, inmitten der Belle-Epoque-Pracht des Foyers im ersten Stock des Theaters am Schiffbauerdamm, gruppieren, ausgesprochen überdimensioniert ist.


Berliner Ensemble

Die Diva sägt in der Dusche

von Wolfgang Behrens

Berlin, 16. Mai 2009. In diese Zweisamkeit hat sich die große Leere eingenistet. Sybel und Jack sitzen nebeneinander auf dem Boden und haben sich nichts zu sagen. Sie kennen sich bis zur Ödnis, und sie kennen keine Scham voreinander: die privaten Gesten der Körper – hier ein Kratzen, da ein Sichgehenlassen ("Diese bösen Gesten!", wie Sybel einmal ausruft) – sprechen ein deutliche Sprache. Sätze wie "Gib mir den Schlüssel!" münden in kleine absurde Kämpfe um nichts. Es hat sich ausgeliebt.


Berliner Ensemble

Das blinkende Herz unserer Autobau-Gesellschaft

von Anne Peter

Berlin, 12. April 2009. Shakespeare ist Pop. Seine Sonette gäben heutzutage schöne Texte für melancholische Balladen oder, bei gesellschaftskritisch bissiger Botschaft, auch einen angeschrägten Song mit Dreigroschenoper-Sound ab. So sieht das zumindest Rufus Wainwright, der kanadisch-amerikanische Folk-Rock-Star, der jetzt 25 der insgesamt 154 shakespearschen Vierzehnzeiler für Robert Wilsons "Shakespeares Sonette" vertont hat.


Berliner Ensemble
alt

Der deutsche Spießbürger-Mittagstisch

von Christian Rakow

Berlin, 1. März 2009. Beim Schlussapplaus werden Torten hereingebracht mit 71 Geburtstagskerzen für Manfred Karge, den Schauspielregisseur, Regisseursausbilder an der "Ernst Busch", Weggefährten Heiner Müllers, Grenzgänger zwischen Ost und West, von Berlin bis zum Wiener Burgtheater und zurück. Die Mehrzahl der Anwesenden im kleinen Pavillon des Berliner Ensembles stimmt das "Happy Birthday" an. Und mich, den Kritiker, befällt (nicht zum ersten Mal im Berliner Ensemble) das Gefühl, als ungeladener Gast auf einer fremden Party zu sein. Auch ganz ohne Geschenk.


Berliner Ensemble

Party, wenn die Männer die Rücken kehren

von Nikolaus Merck

Berlin, 17. Februar 2009. "Doña Rosita oder die Sprache der Blumen", uraufgeführt im Dezember 1935 in Barcelona, acht Monate bevor sein Autor Federico Garcia Lorca von spanischen Falangisten erschossen wurde, handelt von dem Mädchen Rosita aus Granada, das 25 Jahre auf die Rückkehr seines Verlobten wartet. Und weiter wartet, als es schon längst weiß, dass der Liebste von einst in der Ferne eine andere geheiratet hat. "Spanien", sagt Lorca, "ist das Land der ledig gebliebenen, ehrbaren Mädchen, Opfer des sozialen Milieus, das sie umgibt." Außerdem ist viel von einer Rose die Rede, die bloß einen Tag blüht, erst rot, dann weiß und dann ihre Blätter verliert.


Berliner Ensemble

Allzu viel Herz für die Pubertät

von Simone Kaempf

Berlin, 6. Dezember 2008. Anfangs gibt man dem Stück noch die Mitschuld an diesem Desaster. Nach der Pause weiß man, Claus Peymann ist ganz allein schuld. Natürlich ist der Text schwierig. Sperrig expressionistisch breitet Wedekind in "Frühlings Erwachen" das Schicksal dreier Heranwachsender in einer Atmosphäre tabubeladener Sexualmoral aus. Aber man kann das ganz von heute erzählen. Jüngst schaffte Nuran David Calis in Hannover ein rundum überzeugendes "Frühlings Erwachen", das das Schwärmerische des Stücks mit sehr genau beobachtetem jugendlichem Selbstbehauptungsdrang verband.


Berliner Ensemble

Die Idee steckt im Hochzeitskleid

von Wolfgang Behrens

Berlin, 15. Oktober 2008. Und plötzlich, mitten im zweiten Akt, öffnet sich der Vorhang und gibt den Blick auf die Idee des Abends frei. Bis dahin hatte sich alles vor dem Bühnenportal auf einer samtrot ausgelegten Schräge abgespielt, doch nun sieht man in die Tiefe hinter dem Vorhang, sieht etwas, das ein wahrhaft himmelwärts strebendes Himmelbett sein könnte, sich dann aber als unterer Teil eines kolossalen Brautkleides erweist, welches samt Braut vom Schnürboden herniederschwebt. "Aah! Ooh!" raunt es im Zuschauerraum. In dem Kleid steckt Dagmar Manzel – und sie ist die Idee.


Berliner Ensemble

Ambition zum großen Gleichnis

von Esther Slevogt

Berlin, 13. September 2008. Der Mann ist ein archaischer Koloss, der schon von Anfang an rücksichtslose Lebensgier ausstrahlt: ein aufgedunsenes, verschlagenes Monstrum, das nicht den Schimmer von der burlesken, kunsthistorisch-korrekten Gemütlichkeit aufkommen lässt, die sonst die Szene beherrscht. Klaffende Wunden auf dem kahlen Kopf, eine lädierte, hinkende, höchst ungepflegte Erscheinung in schmuddeliger Unterwäsche, die ihm das Aussehen einer gefräßigen Made gibt.


Berliner Ensemble

Fausts Trip

von Wolfgang Behrens

Berlin, 27. März 2008. Weit, weit nach Mitternacht war es, als der Chor zum zweiten Mal die Goethe-Worte zu Fausts Grablegung auf die Töne eines Bach-Chorals anstimmte: "Wer hat das Haus so schlecht gebaut". Zu Grabe getragen wurde hier ein "Faust"-Projekt, wie es hochfahrender kaum je einem Theaterhirn entsprungen ist. Doch da das Berliner Schiller Theater zwei Wochen vor der Premiere infolge eines Senatsbeschlusses für immer seine Pforten schließen musste, konnte dieser "Faust" nur ein einziges Mal – in einer Rumpffassung ohne Bühnenbild – gezeigt werden: nicht im, sondern vor dem Theater. Vor einem nächtlich frierenden Publikum. Um Mitternacht.


Berliner Ensemble

Theaterparodie und Weltmetapher

von Wolfgang Behrens

Berlin, 8. März 2008. Wer das Glück hatte, vor mehr als anderthalb Jahrzehnten George Taboris Wiener Urinszenierung seiner "Goldberg-Variationen" zu sehen, der wird sie schwerlich vergessen haben. So sehr brannte sich diese Aufführung ins theatrale Gedächtnis ein, so sehr wirkt sie als Modell weiter, dass man bis heute bei Neuinszenierungen kaum die Frage stellt: Wer spielt Mr. Jay, den gottgleichen Regisseur, und wer Goldberg, seinen armen auserwählten Assistenten? Nein, man fragt: Wer spielt Gert Voss und wer Ignaz Kirchner?


Berliner Ensemble

Mach's kurz, Muddi

von Lena Schneider

Berlin, 8. Februar 2008. Hoppla. Als drei Stunden des Abends geschafft sind, als Richard (Ernst Stötzner) den Thron gewonnen und fast wieder verloren hat, passiert dann doch etwas Erstaunliches. Da sprayt eine Gestalt in Weiß – Richards Widersacher Richmond (Boris Jacoby) – mit roten Lettern eine Botschaft an die Wand: "Richard III – Kill the Killer".


Berliner Ensemble

Kopfploppen

von Anne Peter

Berlin, 15. Dezember 2007. "Draußen passieren die Dinge nicht, über die es sich lohnen würde zu schreiben. Zumindest nicht hierzulande. Deswegen liebe ich es so, hier zu leben, weil der Alltag nicht in Konkurrenz mit der Fantasie steht." Das schreibt die 1971 in Litauen geborene Autorin Arna Aley im Programmheft zu ihrem jetzt von Philip Tiedemann am Berliner Ensemble uraufgeführten Stück "4 ½ Männer und ich".


Berliner Ensemble

Erst kommt das Fressen

von Nikolaus Merck

Berlin, 27. September 2007. Jaaa! Da sind sie wieder, die Weißgeschminkten und Fingerspreizer. Die Wackelköpfe und Langsammacher: Robert Wilson ist wieder da. Und er hat seinen Robert-Wilson-Multimix mitgebracht. In den Multimix kann man ein Theaterstück reinstopfen, anschalten, und was am Ende herauskommt, sieht immer ähnlich aus. Ob Shakespeare oder Müller, Büchner oder Brecht – alles wirkt stets possierlich, poliert, perfekt.


Berliner Ensemble

Das Fleisch im Bett, die Ideen im Himmel

von Irene Grüter

Berlin, 30. August 2007. "Spartakus" oder "Von der Barrikade ins Ehebett", "Das sterbende Gespenst" oder "Anna, die Soldatenbraut". – Das sind nur einige der vielen Titel, die Bertolt Brecht für sein zweites Bühnenstück in Erwägung gezogen hatte; als "Trommeln in der Nacht" wurde es 1922 in München uraufgeführt. Gleich mehrere große Zeitthemen verarbeitete der 21jährige in dieser herben Komödie – chaotische Zustände nach dem Ersten Weltkrieg, den Spartakus-Aufstand, Liebe in Zeiten der Revolution.


Berliner Ensemble

Überwältigungsästhetik im Breitwandformat

von Esther Slevogt

Berlin, 19. Mai 2007. Die Szene ist klein aber entscheidend. Im vierten Akt von "Die Piccolomini", Teil zwei von Peter Steins elfstündigem Schiller-Marathon "Wallenstein", steht ein Kellermeister während eines opulenten Banketts am Buffet. Er sieht ein bisschen wie Franz Hals' "Fröhlicher Trinker" aus.


Berliner Ensemble

Der dumme Tod

Von Hans-Christoph Zimmermann

Recklinghausen, 10. Mai 2007. Er ist nicht da gewesen. George Tabori hat die Strapazen einer Reise nach Recklinghausen nicht auf sich genommen. Wie zu hören war, soll er auch die von Hermann Beil geleiteten Proben in Berlin kaum besucht haben. Der Mann wird immerhin in knapp zwei Wochen 93 Jahre alt. 


zurück zur Übersicht