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Maxim Gorki Theater Berlin

Auf der B-Seite gerockt

von Wolfgang Behrens

Berlin, 20. Mai 2017. Schreckensszenario der Neuen Dramatik: Irgendwo in irgendeiner mit irgendwelchen Mitteln geförderten Schreibwerkstatt entsteht ein kleines handliches Stück, das irgendwann ein aufstrebender Regieassistent an einer Studiobühne mit ein paar Schauspielanfänger*innen in die ewige Irrelevanz entlässt. So übertrieben, wie es klingen mag, ist dieses Szenario freilich nicht, weswegen in den letzten Jahren häufiger von einer Überförderung der Autor*innen die Rede ging. Kann das der Boden für starke neue Theatertexte sein?


Maxim Gorki Theater Berlin

Totschlagworte in La-La-Laber-Land

von Frauke Adrians

Berlin, 28. April 2017. Verrat ist so schwerwiegend, dass es ihn nicht im Plural gibt. Aber in diesem Stück passiert er ständig, als eine der leichtesten Übungen. "Verräter" ist ein politischer Kampfbegriff, besonders gern angewendet von den neuen und alten Rechten.


Maxim Gorki Theater Berlin

Die Realität mag ich nicht

von Dirk Pilz

Berlin, 8. April 2017. Das ist natürlich lustig. Da sitzen zwei von einer Reisegruppe aus Geflüchteten in einem Dresdner Hotel und schauen aus dem Fenster. An einem Montag. Was sehen sie da? Pegida-Demonstranten, na klar. Sie versuchen sogar, deren Plakat-Botschaften zu verstehen. Wieso steht da "Fatima Merkel"? Ist es ihr zweiter Name, wie bei Barack Hussein Obama? Unschuldiges Achselzucken. Aber warum trägt Angela Fatima Merkel Kopftuch? Sie ist Muslima? Noch mal Achselzucken. Und wieso fordern sie da "Sex bleibt deutsch"? Was, "Sachsen bleibt deutsch"? Hm, naja.


Maxim Gorki Theater Berlin

Let's talk Dschihad

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 17. März 2017. Diese Kritik ist für alle, die denken, dass Sich-Hinsetzen-und-Reden etwas bringt. Ja, ja, we've got news: Wir gehören in eine geschlossene Selbsthilfegruppe. Wir sollten schleunigst lernen aufzuhören die Welt zu nerven mit unserer weltfremden Einstellung, sonst passiert was. Eigentlich ist schon voll was am passieren! Und zwar diverse Kriege, die für alle, die glauben, dass Sich-Hinsetzen-und-Reden nix bringt, radikalere Handlungsmöglichkeiten im Angebot haben. Lebensmodelle, in denen man morgens nicht aufwacht und nachdenkt, sondern: aufsteht und kämpft und kämpft.


Maxim Gorki Theater Berlin

Bums

von Gabi Hift

Berlin, 11. März 2017. Nackte Plattenbaublöcke, mit hunderten beleuchteten Fenstern, schwarz-weiße Spielzeugquader, einen halben Meter hoch, little boxes – all the same. Dunkel. Ein Knall. Rauch. Schwarze Gestalten entern die Bühne, springen auf die Dächer, Freerunner. "Zieh den Hut ins Gesicht!" skandieren sie. "Verwisch die Spuren!" Anweisungen aus Brechts "Handorakel für Städtebewohner". Dann beginnt das Stück – als Film ohne Ton, auf großer Leinwand. Die Schauspieler, schwarz gekleidet wie Marionettenspieler, fungieren live als ihre eigenen Synchronsprecher.


Maxim Gorki Theater Berlin

Soapcast auf Speed

von Michael Wolf

Berlin, 17. Februar 2017. Die Erwartungen waren hoch. Regisseur Ersan Mondtag ist so etwas wie ein Shootingstar. Gerade dreißig Jahre alt, wurde er just bereits zum zweiten Mal zum Theatertreffen eingeladen. Nur ein Hype, sagen einige, Feuilleton-Liebling, sagen andere. Mit seiner ersten großen Inszenierung auf dem harten Theatermarkt Berlin hatte er die Chance, es seinen Kritikern zu zeigen. Und zumindest dieser Kritiker hier hätte es sich auch gerne zeigen lassen. Was er dann aber sah, war kein Durchbruch, eher Fraktur. Zugezogen bei einer überambitioniert ausgeführten Fingerübung.


Maxim Gorki Theater Berlin

This is not America

von Esther Slevogt

Berlin, 14. Januar 2017. Der Stoff trifft ins Herz der Zeit und der Abend fängt auch erst mal gut an: Per Videoprojektion sieht man über der Szene einen Mann, dem von einem Maskenbildner gerade wüste Verletzungen ins Gesicht geschminkt werden, während er in feinst artikulierender Schauspielerdiktion schildert, wie er fast totgeschlagen wird. Auf der Bühne eine trashige Westernstadt, Marke Themenfreizeitpark für Cowboy-Stuntshows. Mit ein paar Licht-, Musik- und Videoeffekten lassen sich hier wunderbare Atmosphären erzeugen. Es gibt Westerntanzeinlagen, rauchende Colts und markige Typen, wie den verkommenen Sheriff, dem Volkan Türeli eine gute Portion Neuköllner Ghettocharme mitgibt. Den versoffenen Journalisten Henry Locke, den Tim Porath zum Helden der Pressefreiheit aufblühen lässt. Oder Yousef Sweid, der es als Bösewicht mit dem doppeldeutigen Namen Liberty Valance im langen Mantel locker mit bekannten Italowesternhelden aufnehmen kann.


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Müller Attacks From Outer Space

von Wolfgang Behrens

Berlin, 10. Dezember 2016. Am Anfang von Heiner Müllers "Auftrag" steht ein schockierender Satz: "Ich teile Ihnen mit, dass wir den Auftrag zurückgeben müssen." Schockierend ist dieser Satz, weil der Auftrag im Grunde nichts Geringeres als das linke Projekt ist: die Ideen der Aufklärung und die Gleichberechtigung in die Welt zu tragen.


Maxim Gorki Theater Berlin

Nach dem Schock ist vor dem Schock

von Sascha Ehlert

Berlin, 11. November 2016. Wenn es eines gibt, was am Erfolgsmodell Gorki nervt, dann ist es der Umstand, dass sich die meisten guten Stücke des Hauses für das Stammpublikum allzu leicht konsumieren lassen. Fällt Feuilletonistinnen und Intellektuellen dieser Tage auf, dass linke Kulturbürger Donald Trump und die Mehrheit der wählenden Bevölkerung gnadenlos unterschätzt haben, weil sie zu stark damit beschäftigt waren in der eigenen Suppe zu planschen, dann meinen sie damit indirekt auch Orte wie das Gorki.


Maxim Gorki Theater Berlin

Anstelle der Strichmänner

von Christian Rakow

Berlin, 8. Oktober 2016. Manchmal ist schon das Vorspiel den Eintritt wert: Noch ehe das Festival "Uniting Backgrounds" am Gorki Theater mit "Atlas des Kommunismus" seine Pforten öffnet, startet an diesem Abend im Studio des Gorki die Reihe "Mythen der Wirklichkeit".  In einer Serie von Performances sollen hier populäre und politisch vereinnahmte Erzählungen diverser Völker durchleuchtet werden. Die Produktionen laufen in der Landessprache und werden übertitelt.


Maxim Gorki Theater Berlin

Blaupausen der Verdrängung

von Georg Kasch

Berlin, 9. September 2016. Dieses Geflitter ist schwer zu fassen: Unzählige helle Kunststoffstreifen hängen von der Decke. Sie wirken wie ein riesiger Lüster aus den 1960ern. Oder, wenn sich einer der Schauspieler hindurchschiebt, wie ein Dschungel aus abstrakten Lianen. Wenn ein Gesicht draufprojiziert wird, zersplittert es. So wie das von Dimitrij Schaad, als er davon berichtet, wie er als Kind sexuell missbraucht wurde. Anfangs steht er noch an der Rampe, ein Gesichtszucken hier, eine fahrige Handbewegung da. Dann begleitet ihn die Kamera nach hinten. Während er im Erzählen auf das Verdrängte stößt, leuchtet sein Gesicht übergroß in feine Streifen vor uns, zerstückelt und ungenau wie seine Erinnerung.


Maxim Gorki Theater Berlin

Skandale ungewisser Größenordnung

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 28. Juni 2016. Spoiler alert! Die Tiger haben niemanden gefressen, zumindest nicht öffentlich. Die Erwartung, dass es dazu wirklich kommen würde (die seit dem 16. Juni 2016 geschürt wurde), wird dem zahlreich erschienenen Publikum vorm Maxim Gorki Theater auch ein bisschen zu gewaltsam attestiert von May Skaf, Schauspielerin aus Syrien, die sich bereits vergangene Woche bei einer Pressekonferenz im Gorki Theater der Öffentlichkeit vorstellte als "erster Flüchtling, der bereit ist, sich den Tigern zum Fraß vorzuwerfen". "Nicht Poseidon entscheidet über unser Schicksal, sondern Sie", schmetterte sie da als Stellvertreterin des Leids dem Publikum als Stellvertreter*innen der demokratisch legitimierten europäischen Abschottungspolitik an die Köpfe.


Maxim Gorki Theater Berlin

In Niemandsland

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 16. Juni 2016. Als die Europa-Hymne losdonnert, erstarren sie. Und sehen einen Moment lang aus wie ausgestopft, die vier libyschen Tiger, die das Zentrum für politische Schönheit in ein Gehege vor das Maxim Gorki Theater eingesperrt hat. Ein Schild warnt vor ihrer Gefährlichkeit, völlig überflüssig; schon wenn der Schmächtigste von ihnen bei der Fütterung müde eine dicke Tatze in Richtung Fleischhappen schüttelt, läuft es einem kalt den Rücken runter. Und fast gleichzeitig möchte man alles riskieren, um sie zu knuddeln, diese wunderschönen Riesenkatzen. Dieses gemischte Gefühl, das sich auf die Käfigmauer als feste Grenze verlässt, muss man sich in diesem Kontext wohl als späteuropäische Dekadenz diagnostizieren. Exotismus made by Zivilisation made in the EU.


Maxim Gorki Theater Berlin

Where is the Love im Biergarten Eden?

von Sascha Ehlert

Berlin, 15. April 2016. Drei Männer, nicht irgendwelche Männer: ein Syrer, ein Israeli, ein Russe. Sie haben Sex vor der Video-Projektion einer Straße. Die Straße sieht zwar nach Nordamerika aus, eigentlich sind wir aber in Berlin-Mitte, im Maxim Gorki-Theater natürlich.


Maxim Gorki Theater Berlin

Fast alles auf Zucker

von Wolfgang Behrens

Berlin, 11. März 2016. "Wenn die Einwanderungsbeschränkung aufgehoben werden würde, wär's hier bald so voll, dass kein Platz mehr für noch 'ne Stecknadel wäre." Wenn man solche Sätze im 1966 erstmals veröffentlichten Roman "Feinde" des jiddischsprachigen Nobelpreisträgers Isaac Bashevis Singer liest, dann kann es einen schon durchfahren: Na klar! Das ist ein Stoff der Stunde! Denn natürlich geht es bei Singer um Flüchtlinge, aber nicht um solche, die nach Deutschland wollen, sondern um solche, die vor den deutschen Gräueln des Nazi-Regimes flohen – nach Amerika. Und es ist seltsam: Während das medial gesteuerte Öffentlichkeitsbewusstsein die heutigen Flüchtlinge vor allem als amorphe Masse sehen möchte, ist es bei den amerikanischen Einwanderern von damals viel eher bereit, sich auf die individuellen Lebenswege samt ihren Traumata einzulassen. Macht das der Abstand?


Maxim Gorki Theater Berlin

Smoothie-Zombies im Hamsterrad

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 25. Februar 2016. Als es vorm Schlussapplaus dunkel wird, funkeln die roten Lichter an den Kopfhörern der Zuschauer*innen im Studio Я wie lauter Glühwürmchen in einer lauen Sommernacht – gemeinsam einsam. Im Selbstverwirklichungsparadies ist man nicht zusammen, sondern gegeneinander, diese Message unterstreicht das Talking Straight-Kollektiv in seiner neuen Produktion "Talking Straight Entertainment" doppelt, indem nicht nur die Performer, sondern auch die Zuschauer vereinzelt werden – sie folgen der Performance per Kopfhörer, wo aber einfach nur der Ton verstärkt wird.


Maxim Gorki Theater Berlin

Sieh da, ein Mensch!

von Wolfgang Behrens

Berlin, 19. Februar 2016. Das Schöne am Gorki Theater ist ja, dass man sich als Zuschauer*in auf der sicheren Seite wähnen darf: Hier ist man auf der Höhe des Diskurses, hier herrscht das richtige Bewusstsein! Wo schon auf dem Programmzettel postkoloniale Theorie zitiert wird, da kann ich mich auch dann angstfrei in meinen Sessel plumpsen lassen, wenn "Othello" auf dem Spielplan steht. Dämliches Blackfacing jedenfalls – den Außenseiter zeigen, indem man sich ihn schön äußerlich selbst konstruiert – steht hier nicht zu erwarten.


Maxim Gorki Theater Berlin

Auf dem Boulevard der Ausbeutung

von Janis El-Bira

Berlin, 15. Januar 2016. Alles ist ein Laufsteg. Lange Bretter ziehen sich von der Brandmauer des Bühnenraums bis fast in die erste Zuschauerreihe. Links und rechts davon bleibt, einem Abgrund gleich, je ein schmaler Streifen übrig. Aber Mode wird hier nicht zur Schau getragen, sondern vor allem verkörperte Arbeitskraft, mehr noch: Menschenmaterial. Denn jeder, der hier rennt, schwitzt und rackert, kämpft darum, im großen Wettlauf der Selbstzurichtung als Erster, mindestens aber nicht als Letzter ins Ziel zu kommen. "Bloß nicht arbeitslos werden", wird einmal zwischen den Zähnen hervorgezischt. Die Arbeitslosigkeit ist so etwas wie der Spalt zwischen den Brettern des Stegs. Wer hindurchfällt, verliert noch viel mehr als ein Auskommen.


Maxim Gorki Theater Berlin

Je ne suis pas Schiller

von Janis El-Bira

Berlin, 17. Dezember 2015. Manche Klassiker mögen zeitlos sein, ganz alterslos sind sie trotzdem nicht. Wer heute Schillers "Jungfrau von Orleans" aufschlägt, muss sich jedenfalls bemühen. Eher fremd geworden sind uns die Kant-Perücken, die Schiller der historischen Johanna anzieht, und damit aus der Geschichte von der gottberufenen Heerführerin ein Drama um höchste Pflicht und weltliche Neigung macht. Da liegt es schon näher, die Angebote direkterer Art anzunehmen, die der Text reichlich ausbreitet: Johannas Gotteskriegertum etwa, ihren glühenden Nationalismus oder ihre Rolle als Frau in einer Welt, in der Väter die Töchter politisch meistbietend verschachern. Zeitgemäße Aktualisierungen scheinen hier mach- und vor allem dankbar. Eine Falle, denn ohne sich mit der Weimar-klassischen Geisteshaltung seiner Konstruktion abzuplagen, bekommt man dieses etwas holzige Stück kaum in den Griff.


Maxim Gorki Theater Berlin

Höfliche Utopien

von Esther Slevogt

Berlin, 13. November 2015. Das Highlight ist natürlich, als Thomas Wodianka ausholt und die berühmte Stimme des "kleinen Mannes" hörbar macht, wie sie auf Facebook, in Radiosendungen oder Leserbriefen diffuse Ängste vor "Überfremdung" und diesen Dingen formuliert. Heinrich (52) aus Golzow zum Beispiel, der in den Flüchtlingen eine Überforderung für den Sozialstaat sieht. Oder Petra (39) aus Frankfurt, die befürchtet, dass "der kriegserfahrene arabische Mensch" sich in den drohenden Verteilungskämpfen am Ende gegen "friedfertige Deutsche" durchsetzen wird. Immer wütender schraubt Wodianka sich in seine anschwellende Suada herein.


Maxim Gorki Theater Berlin

Ab ins Berghain

von Christian Rakow

Berlin, 24. Oktober 2015. Hören Sie mal in diesen Elektrosong rein: "The game is not over". Wenn Sie sagen: Oh ja, das ist meines, das klingt nach Dark Room, stickiger Luft, Berlin Berghain, Stroboskop, Plastiksex, endloser Sehnsucht, endloser Gier, Höhenrausch, tiefem Fall, Leere nach dem Kick, Verlorenheit, so was, dann sind Sie mutmaßlich die Zielgruppe dieses Abends (und man würde womöglich eher "Ihr" statt "Sie" sagen).


Maxim Gorki Theater Berlin

Her mit der Spießermutter!

von Anne Peter

Berlin, 24. September 2015. Bamm! Da sind sie wieder. Die vier angry young women, die vor knapp zwei Jahren mit "Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen" so umwerfend die erste Spielzeit des Gorki-Theaters unter Shermin Langhoff miteröffneten. Sie sind zurück mit ihren übergroßen Schlabberpullis, den aufstampfenden Turnschuhen und ihrem bitterbösen Spott. Mit ihren ungestümen, haarefliegenden Wucht-Choreographien vor dem Eisernen Vorhang. Mit ihrem erstklassig ausdifferenzierten, nuancenreichen Chorsprech, der von wahlweise genervten, gelangweilten oder panischen Blicken durchschossen, von verschränkten Armen, hängenden Schultern oder Lässigkeitsposen begleitet wird.


Maxim Gorki Theater Berlin

Straßenlaterne oder Kaktus?

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 4. September 2015. Ist das noch die Figur Sergej/Stefan, die zu uns spricht und uns von einer kurzen Kindheit im Gerade-noch-Sowjet-Kasachstan erzählt, von der Aus- und Einwanderung der Familie nach Deutschland, davon, wie an ersterer die Eltern zerbrechen und er selbst in letzterer aufblüht – oder ist das schon der Schauspieler Dimitrij Schaad, laut Besetzungszettel wie Sergej/Stefan 1985 in Kasachstan geboren? Und in dieser Szene so verdammt, ja, dieses Wort muss sein, authentisch?


Maxim Gorki Theater Berlin

Der Gott ist ein DJ

von Georg Kasch

Berlin, 5. Juni 2015. Das geht in den Körper! Bumbumbumbum dröhnen die Bässe, sofort wippt der Fuß mit, bewegen sich die Muskeln, erinnern sich an die Räusche durchtanzter Nächte. Zumal die sieben Schauspieler da oben auf der Bühne im Schlabber-Schick genau das machen: Lässig vibrieren ihre Körper, stampfen ihre dick besohlten Laufschuhe auf den Grund. Aleksandar Radenković stemmt seine Arme wie ein Fitnesstrainer energiesparend Richtung Hüftgürtel, Dejan Bućin wirbelt mit den Händen animateurhaft durch die Luft, Sesede Terziyan lässt ihre angeklebten Rastazöpfe schwingen.


Maxim Gorki Theater Berlin

Kohlhaas Global

von Anne Peter

Berlin, 23. Mai 2015. Die Welt steht in Flammen. Die Kontinente brennen. Vor der in Brand gesteckten Weltkarte krümmt Thomas Wodianka sich übers Mikro, schießt seinen augenaufrissig-wütigen Wodianka-Blick ins Publikum, krächzt Paint it black! und würde wohl jeden Mick-Jagger-Überbietungswettbewerb gewinnen. Mach schwarz die Welt, die in Arglist versunken ist! Was einst zur Anti-Vietnam-Kriegs-Hymne taugte, fetzt hier und jetzt als Kleist-Revival-Song. Rock it, Kohlhaas!


Maxim Gorki Theater Berlin

Utopisches Zusammensein

von Leopold Lippert

Berlin, 2. Mai 2015. Nach dem schrillen Kirschgarten von 2013, dem von vielen Seiten die Übereindeutigkeit der postmigrantischen These angekreidet wurde, wirkt Nurkan Erpulats "Onkel Wanja" am Gorki Theater regelrecht bieder. An einer Stelle etwa sitzt Wanja (Tim Porath) stockbesoffen inmitten alter Kartons voller Erinnerungen und redet mit einem Huhn, das, weil es ein echtes Huhn ist, mitfühlend zwischen seine Monologzeilen gackert. Zuvor hat er schon mit vollem Mund gesprochen und gespuckt, sich von der Drehbühne langsam in den Spagat zerren lassen, und auch die obligatorisch-sarkastischen Tschechow-Pointen lässig abgespult ("Ideales Wetter um sich aufzuhängen!"). Tatsächlich: Man amüsiert sich recht harmlos an diesem Abend.


Maxim Gorki Theater Berlin

Kopftuch gegen Vaterland

von André Mumot

Berlin, 11. April 2015. Sie starren nur. Und flüstern leise im Chor: "Hier fliegen gleich ..." Und dann, nach einer langen, zaghaften Pause: "... die Löcher aus dem Käse." Es geht schon leichter, wenn das Ensemble endlich zu dem Teil kommt, wo der Erwin der Heidi von hinten an die Schultern fasst. Doch noch immer kein Lächeln, nur etwas lautere, etwas kampfeslustigere Stimmen. Und dann, ganz plötzlich, schreit Lea Draeger, als gäbe es kein Morgen: "Polonäse!" Na also: Jetzt brüllt auch der Rest des Ensembles den Stimmungs-Klassiker mit einer derart gefährlichen Gewalttätigkeit, dass einem tatsächlich Angst und Bange werden kann.


Maxim Gorki Theater Berlin

Die Unglückstage ziehen vorbei

von Christian Rakow

Berlin, 7. März 2015. Aus dem Theater gekommen und nicht über Ästhetik, Spielhaltungen, Dramaturgie geredet, sondern über deutsche Außenpolitik. So war es, und so ist es eigentlich immer bei guten Abenden von Hans-Werner Kroesinger. Man verzeiht und vergisst, dass bei dem Dokumentartheatermacher die Spieler im Wesentlichen rumstehen (ja, doch), Vorlesung halten und politische Bildung fördern, und taucht sogleich in die von ihm ausgebreiteten Sachverhalte ein.


Maxim Gorki Theater Berlin

Wie die Karnickel

von Georg Kasch

Berlin, 4. Februar 2015. Treffen sich ein paar russische Juden, ein kurdischer Türke und ein deutscher Amerikaner in Berlin, um Weihnachten zu feiern. Der Witz hat keine Pointe? Stimmt. Aber jede Menge Konfliktpotential. Doch das steckt in dieser post-religiösen Runde gerade nicht in den Nationalitäts- und Religionsunterschieden, sondern eher zwischen den Generationen, in alltäglichen innerfamiliären Zerrüttungen.


Maxim Gorki Theater Berlin

Ein Gespenst geht um

von Matthias Schmidt

Berlin, 16. Januar 2015. Am Anfang ist die Stasi. Sebastian Baumgarten beginnt den Abend mit einem Müller-Text aus dem Jahr 1993. Gerade sind einige Karteikarten aufgetaucht, Indizien dafür, dass Heiner Müller zehn Jahre lang als IM "Heiner" tätig gewesen sein könnte. Der Vorwurf selbst bleibt unausgesprochen, als sei er irrelevant. Man muss ihn erahnen. Die Reaktion aber hat es in sich. Sie ist eine dieser typischen Müller-Lakonien, die Persönliches derartig mit Weltwissen verdichten, dass man Stunden auf die Analyse verwenden könnte. Sie ist ebenso Eingeständnis wie Gegenangriff, und die Volte, die Müller dabei schlägt, sorgt für etliche Lacher im Saal: Auch die Geschichte der Bundesrepublik sei noch nicht geschrieben, sagt der Bühnen-Müller alias Thomas Wodianka und hebt dabei drohend den Zeigefinger.


Maxim Gorki Theater Berlin

The Tod must go on

von Wolfgang Behrens

Berlin, 13. November 2014. Das erste Mal seit langem wieder im Gorki Theater gewesen. Irgendeine Repertoirevorstellung. Auf dem Programm steht "Mr. Sloane". Soll vor ewigen Zeiten mal ein Skandalstück gewesen sein. Der Zuschauerraum gähnend leer, ungefähr vier Reihen sind besetzt. Auf der Bühne spielen sie Boulevard, vom Skandal von einst ist nichts, aber auch gar nichts zu sehen. Man amüsiert sich ein wenig, zusammen mit ein paar Unentwegten, die gekommen sind und in den Sitzen lümmeln, und fragt sich, ob das Gorki Theater nicht vielleicht doch das nächste Haus sein wird, das Berlins Kultursenator zum Abschuss freigeben wird.


Maxim Gorki Theater Berlin

Wollt ihr wohl artig sein!

von Esther Slevogt

Berlin, 23. Oktober 2014. Das Gemetzel fällt also aus. Mit bösen Ahnungen kommen die gewaltbereiten Burgunder in ihren prollig-protzigen Outfits (bei deren Design Ausstatterin Eva-Maria Bauer sich von Labels wie Versace oder Moschino inspirieren ließ) bei der neuen Familie von Schwester Kriemhild im Land der Heunen an. So heißen in Friedrich Hebbels Nibelungen-Trilogie die Hunnen, deren König Etzel die Burgunderprinzessin Kriemhild nach dem gewaltsamen Tod ihres ersten Mannes Siegfried geehelicht hat.


Maxim Gorki Theater Berlin

Diskurstheater XXX

von Wolfgang Behrens

Berlin, 13. September 2014. Nein, es bedarf keines besonderen Scharfsinns, um aus den Bildern, die von überall her auf uns eindringen – aus dem Film, dem Netz, der Werbung, den Modemagazinen –, den Schluss zu ziehen: Sex ist Erfolg! Hast Du Sex (und trinkst am Ende noch dieses spritzige Mineralwasser dazu), dann hast Du allen Grund fröhlich zu sein. Ist Dein Sexleben erfüllt (und siehst Du dabei auch noch so rasend geil aus wie dieses ranke und schlanke Paar hier), dann hast Du es zu etwas gebracht. Du kannst davon erzählen, ohne rot zu werden. Du wirst geachtet, Du bist wer!


Maxim Gorki Theater Berlin

Fight Club light

von Anne Peter

Berlin, 12. September 2014. Die Latte liegt hoch. Gerade freudentaumelt das Gorki über den Titel "Theater des Jahres", der sich als Label auf Programmzetteln tatsächlich hübsch ausnimmt. Und der für die Spielzeiteröffnung zuständige Regisseur Sebastian Nübling hat mit der Uraufführung von Sibylle Bergs Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen – übrigens "Stück des Jahres" – eine der tollsten Inszenierungen der wirklich tollen ersten Gorki-Saison unter dem Duo Langhoff / Hillje hingelegt.


Maxim Gorki Theater Berlin

Zuviel Tratsch im Treppenhaus

von André Mumot

Berlin, 6. Juni 2014. Na, wenn das mal kein Schlusswort ist. Eng umschlungen tanzen die unsternbedrohten Liebenden über die Bühne, die deutsche Putzfrau und der zwanzig Jahre jüngere Gastarbeiter aus Marokko, und bevor endgültig das Licht ausgeht, sagt sie noch mit großer Überzeugungskraft: "Zusammen sind wir stark."


Maxim Gorki Theater Berlin

Vorbewusster Zustand

von Christian Rakow

Berlin, 4. April 2014. Warum eigentlich "Woyzeck III"?, fragte ich am Pressetisch vor der Premiere. Weil es im groben drei Teile gäbe (um es vorweg zu nehmen: sie wirkten wie einer, mit einem Exkurs), weil Woyzeck gewissermaßen in drei Figuren aufgespalten wäre (worüber man bei den vier männlichen Darstellern dann doch trefflich rätseln konnte) und auch weil "Terminator III" anklingen dürfte. Ah ja. Wenn damit ein Fingerzeig in Richtung Endzeitstimmung gegeben werden sollte, so hat er sich eingelöst. Wobei die Endzeitstimmung kaum von Urzeitstimmung zu unterscheiden war.


Maxim Gorki Theater Berlin

Euer Krieg ist viel zu chaotisch

von Anne Peter

Berlin, 14. März 2014. "Wir verstehen das nicht", unterbricht Niels Bormann seinen Schauspielkollegen Dejan Bućin, der gerade auf Serbokroatisch voller Inbrunst ein Lied der Belgrader Band Partibrejkers von 1989 ins Mikro rockt. Doch Bormann will endlich Fakten: "Da steigt keiner mehr durch. Euer Krieg war viel zu chaotisch und wirklich nicht gut organisiert. Bevor wir über Gefühle reden, sollten wir erst mal eine solide Wissensgrundlage schaffen."


Maxim Gorki Theater Berlin

Raus aus Putins Welt

von Simone Kaempf

Berlin, 11. Januar 2014. Es könnte ein Coming-Out sein. Vor der ganzen türkischen Familie, die sich zur Hochzeit versammeln wird. Aber der Vater würde es nicht verstehen, die Schwester würde ihn hassen für einen fetten Überraschungsauftritt. Denn die Hochzeit ist ihre Show, nicht Mehmets. Und deswegen entwickelt sich jetzt ein handfester Ehekrach zwischen ihm und seinem deutschen Lover, der auf die Ausladung immer hysterischer reagiert. Vorwürfe, Misstrauen, alles wird ausgebreitet, schon taucht der Verdacht auf, dass die ganze türkische Großfamilie nur vorgeschoben ist, um einen anderen zu treffen. Statt Familienfest also ein satter Streit, der zwar mit viel Selbstironie gespielt wird, sich aber auch zum entscheidenden Satz hochschaukelt: "Dann hau doch ab".


Maxim Gorki Theater Berlin

Das Unzulängliche, hier wird's Ereignis

von Nikolaus Merck

Berlin, 14. Dezember 2013. Große Erwartungen am Abend. "Die Übergangsgesellschaft" von Volker Braun am Maxim Gorki, heute nur noch Gorki Theater. Vor einem Vierteljahrhundert ein echter Aufreger. 1988, anderthalb Jahre vor dem Exitus der DDR, sprach der Altkommunist und damalige Intendant des Gorki, Albert Hetterle, auf seiner Bühne den Satz: "Die Revolution kann nicht als Diktatur zum Ziel kommen." Erschrockenes Luftanhalten, als aber nix passierte, war klar: Die Bürosozialisten sind am Ende ihrer Kraft.


Maxim Gorki Theater Berlin

We don't give a shit!

von Christian Rakow

Berlin, 23. November 2013. Warum ist das so, dass einem im Zuschauerraum der Schweiß auf die Stirn tritt, die Muskeln vibrieren, der Puls rast, als habe man gerade selbst fünfundsiebzig Minuten Hochleistungssport getrieben, mindestens auf Pokalfight-Niveau?


Maxim Gorki Theater Berlin

Intensiv-Liebestäter auf freiem Fuß

von Esther Slevogt

Berlin, 17. November 2013. Das Meer ist ja immer schön. Sogar, wenn es nur als Projektion (genauer gesagt: in den Videos von Benjamin Krieg) auf verklebten Fenstern erscheint, kann es mit seinen Wellen und Schaumkronen einen engen Theaterraum wie das Studio des Maxim Gorki Theaters weiten. Und erst, wenn die drei Schauspieler am Ende diese Fenster öffnen und die kalte Novemberluft (und das kalte gelbe Licht der Straßenbeleuchtung) eindringt, taucht man auf aus diesem suggestiven Theaterabend, der dritten Eröffnungspremiere des Maxim Gorki Theaters.


Maxim Gorki Theater Berlin

Keks ist nicht gleich Keks

von Simone Kaempf

Berlin, 16. November 2013. Mascha, die Russin, kann nicht auf Stöckelschuhen laufen. Damit fängt der Zuschreibungsirrsinn gleich schon mal an. Baku, ihr Geburtsort, liegt in Aserbaidschan. Russisch kann sie also nicht sein. Für eine Deutsche ist sie nicht blond genug. Für eine Jüdin nicht jüdisch genug. Cem wiederum: schwul, die Eltern Türken, er selbst deutsch. Sowas gibt's nicht, sagt Horst aus dem thüringischen Apolda: "Ein schwuler Moslem? Der ist doch nicht deutsch!" Alles eine Frage der Perspektive also. Und bald vervollständigen der lactose-allergische Araber oder der softe Deutsche das Panorama der sieben Figuren, die Regisseurin Yael Ronen aus dem Roman "Der Russe ist einer, der Birken liebt" herauspickt, um ihre komplizierten Identitäts-Splitter samt aller anhaftenden Vorurteile und Ressentiments erst einmal ironie-satt auszubreiten.  


Maxim Gorki Theater Berlin

Die Untergangsgesellschaft

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 15. November 2013. Für einen kurzen Moment wirkt es so, als werde hier doch an ein Wir geglaubt, also dieses völlig utopische Theater-Wir, das Bühne und Saal vereint. Im "Kirschgarten"-Text passiert gerade einer dieser Tschechow-Momente, wo jemand in den dunklen Garten guckt und Geister sieht. Bei Nurkan Erpulat ergreift es die ganze Gruppe, alle schauen versonnen ins Leere und fangen gleichzeitig an zu reden. Sie sagen Dinge wie "Meine Heimat", "meine Liebe". Das Saallicht wird ein bisschen nach oben gedimmt; fast scheint es, als sei das Publikum dazu aufgefordert, einzustimmen.


Maxim Gorki Theater Berlin

Das sind doch wir!

von Matthias Weigel

Berlin, 13. Juni 2013. Und noch mal drei Premieren: Auch am zweiten Tag des Abschieds-Festivals "5 Tage im Juni" zum großen Teamwechsel am Berliner Gorki Theater gibt es wieder drei neue, halbstündige Szenen. Am Vortag erst waren als Regisseure David Marton, Antú Romero Nunes, Sebastian Baumgarten und der scheidende Intendant Armin Petras selbst angetreten. Nun folgen Jan Bosse, der humorvolle Timing-King, Sebastian Hartmann, kauziger Schreck-Ironiker, sowie Jorinde Dröse, die umsichtige Bürgerlichkeits-Baumeisterin. Welchem der drei wird nach diesem Abend gelungen sein, den Theaterzauber ins Haus holen?


Maxim Gorki Theater Berlin

Sich auserzählen

von Wolfgang Behrens

Berlin, 12. Juni 2013. Sie gehen, wie sie gekommen sind. Als Armin Petras und die Seinen ins Maxim Gorki Theater einzogen, stampften sie bei einem Eröffnungsspektakel mit zehn Premieren innerhalb von nur zwei Tagen ein ganzes Repertoire aus dem Bühnenboden – und machten zugleich klar, worum es am Gorki hinfort gehen würde: um schnelles, spielfreudiges, sich im rasenden Produktionstempo verausgabendes Theater, das eher nicht das große Format, durchaus aber den intensiven Moment sucht.


Maxim Gorki Theater Berlin

Fuffies im Geldsack

von Eva Biringer

Berlin, 6. April 2013. Der Regisseur, die Rampensau, hält dem Publikum einen Stoffbeutel entgegen. Man möge diesen doch bitte mit Barem füllen; er selbst werfe den ersten Schein.


Maxim Gorki Theater Berlin

Eine Bombe für Berlin

von Mounia Meiborg

Berlin, 16. März 2013. Der junge Mann, der Berlin zerstören will, hält vorher noch eine Rede. "Rufen Sie mal wieder Ihre Mütter an!" – "Werfen Sie mit Steinen auf Grundschullehrerinnen!" – "Machen Sie Erasmus in Griechenland!" Es ist eine lange Liste von Appellen, und sie klingen, als hätte der Mann von Agitationsschriften über Karriere-Ratgeber bis zu Selbstverwirklichungs-Literatur eine Menge unterschiedliches Zeug gelesen und den Überblick verloren. Der wütende junge Mann von heute ist offenbar vor allem eins: verwirrt.


Maxim Gorki Theater Berlin

Al Capone vom Alex

von Anne Peter

Berlin, 15. März 2013. Eine Stadt in Trümmern, der Anarchie ausgeliefert, eine Stadt mit Sektorengrenzen, Schwarzmarkt, Rosinenbomberlärm, Knautschzone des heraufziehenden Kalten Krieges, 1948. Mittenmang der Schüler Werner Gladow, der sich zum Gangsterboss hochballert, mit 18 Jahren für 127 schwere Verbrechen, zwei Morde, 15 Mordversuche, Raubüberfälle und zahlreiche weitere Straftaten verantwortlich ist und nach einem Aufsehen erregenden Prozess unterm Fallbeil endet, verurteilt nach einem reaktivierten Gesetz aus der Nazizeit. Gladow, der selbsternannte Al Capone vom Alex. Berlin war beinahe Chicago, ein gutes Jahr lang. Was für ein Stoff!


Maxim Gorki Theater Berlin

Schall und Wahn

von André Mumot

Berlin, 12. Februar 2013. Heiße Luft produziert der Mensch. Und wenn er groß sein möchte, kann man besonders gut erkennen, wie klein er ist. Shakespeare hat das gewusst und in seinem defätistisch dräuenden "Macbeth" nicht den Hauch einer Illusion aufkommen lassen übers Leben, das sich meistens nur in Schall und Wahn äußert. Oder das, wie es in Dorothea Tiecks immer noch recht vernünftiger Übersetzung so schön heißt, nur ein Märchen ist, "erzählt von einem Dummkopf, voller Klang und Wut, das nichts bedeutet." Macbeth selbst sagt diese Worte. An diesem Abend im Maxim Gorki Theater versteht man sie jedoch nur schlecht: Albrecht Abraham Schuch sitzt inmitten eines riesigen Holzgerüsts, das dem Polyeder aus Dürers Melencolia 1 nachempfunden ist und große Teile der kargen Bühne einnimmt, und nuschelt das so vor sich hin.


Maxim Gorki Theater Berlin

Null-Revolution der dementen Schmetterlinge

von Esther Slevogt

Berlin, 5. Januar 2013. Auf dem Boden liegt links der zuckende Schauspieler Thomas Lawinky. Er trägt lange Feinrippunterhosen und ein langärmeliges Unterhemd. Outfits dieser Art werden auf deutschen Bühnen meistens fällig, wenn mal wieder vom Theatersessel aus in soziale Abgründe geblickt werden soll. Ferner treten auf Cristin König, der ein Fatsuit bald ein enormes Körpervolumen verleiht, das sie dauernd unterm scheußlich geschmacklosen Kleid irritiert betastet. Auch die schöne Aenne Schwarz trägt bald so einen Fatsuit, den sie aber eher wie ein Tütü spazieren führt, während sie unter einer strubbeligen, grauen Plastikperücke versonnene Gesichter macht. Peter Kurth schaut verstört in die Gegend. Und Michael Klammer versucht unterm Fahrradhelm noch dämlicher auszusehen, als man mit einem Fahrradhelm ohnehin schon wirkt. Rundherum ein grüner Samtvorhang, der der Szene die Anmutung eines Behandlungsraums in einer veralteten Arztpraxis gibt. Dazu live der Störgeräusch-Sound von Musiker Miles Perkin: Poch. Poch. Schnarr. Dröhn. Dann sehen und hören wir Demenzkranken, ihren Angehörigen, Pflegepersonal oder Vermittlern statistischer oder sonst wie informativer Texte zum Thema zu.


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Heißkaltes Blut- und Bilderbad

von Georg Kasch

Berlin, 17. November 2012. Vaterliebe kann etwas Wunderbares sein. Einmal steht Peter Kurth links an der Rampe vor einem Mikro und imitiert Vogelstimmen. Er zwitschert und pfeift und keckert sie, ein Megafon-Lautsprecher spuckt sie wieder aus, etwas krisselig, leise, wie von fern. Während auf der Leinwand schwarzweiße Bilder von Bäumen und Ästen flimmern, redet Kurths Bahnwärter Thiel mit dessen Sohn Tobias, erklärt ihm, warum der Eichelhäher der Polizist unter den Vögeln ist und müht sich, auf dessen Wunsch auch eine Schlange zu imitieren.


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Sind wir nicht alle ein bisschen Dada?

von Matthias Weigel

Berlin, 29. Oktober 2012. Einen Theaterabend über Dada machen zu wollen ist so gaga, dass es schon wieder Dada sein könnte. Ist es aber nicht. Denn in dem Moment, in dem der Dada als Kunstepoche, als Bezugssystem, als Stil etabliert wird, ist er tot – so hatten sich es die originalen Dadaisten des angehenden 20. Jahrhunderts schließlich ausgedacht. Dada als Gegenposition, als Nichtvorhersehbares, als Nichtdefinierbares. Wer sich heute also mit Ansage in die Tradition des Dada stellen will, der stellt vor allem eines sicher: Keinen "echten" Dada zu machen. Denn Dada hört auf, wenn die Welt Dada geworden ist.


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Trimm dich, Thriller!

von Christian Rakow

Berlin, 13. Oktober 2012. Ein Lektüretipp für alle, die nicht schon mitgeholfen haben, dieses Buch in die Spiegel-Bestsellerliste zu katapultieren: So einen packenden Politthriller, wie ihn der Investigativjournalist und Terrorismusexperte Yassin Musharbash (früher "Der Spiegel", jetzt "Zeit") mit "Radikal" vorlegt, findet man in Deutschland nicht alle Tage. Am besten umreißt man die Story nur in aller Kürze, um nicht allzu viel von ihren Wendungen preiszugeben.


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Frau Badeärztin wird radikal

von Simone Kaempf

Berlin, 28. September 2012. Das ist doch mal eine wirklich überraschende Ibsen'sche Frauenfigur: eine gut situierte Ärztin, Frau Doktor Stockmann, die Mann und Kinder ernährt, den Umweltskandal der hiesigen Badeanstalt aufdeckt und, wichtiger noch, die nicht ein Produkt der Männerwelt ist, aus der sie auszubrechen versucht, sondern als Zentrum einer kleinen Wohn-Community alle Interessen auf sich zieht.


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Drei Solos für ein Hallelujah

von Christian Rakow

Berlin, 30. August 2012. Die Räuber kommen nicht mehr mit schießpulverschwarzen Pistolen daher. Sie kommen mit Bleistift und Lineal. Und ihre Beute holen sie nicht aus Postkutschen, sondern aus den Werken der Klassiker. Karge Beute mitunter. Von Friedrich Schillers (je nach Werkausgabe) gut 120 Seiten starkem Originaltext sind in Antú Romero Nunes' Spielfassung der "Räuber" gerade mal 28 locker bedruckte A-4-Seiten übrig (auf denen sich auch noch etliche Passagen wiederholen). Und die bunte Personage – Edelleute, Bedienstete und Banditen – hat sich bis auf drei junge Köpfe in die Böhmischen Wälder verabschiedet. Diese Hinterbliebenen sind die Brüder vom aufrührerischen Geiste, Franz und Karl Moor, nebst ihrem Augapfel Amalia von Edelreich.


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Arbeit am Leichentuchalt

von Christian Rakow

Berlin, 3. Mai 2012. Auf die Filmmusik der Puhdys sollte man sich nicht freuen. "Wenn ein Mensch lebt" oder "Geh zu ihr", die Hits aus "Die Legende von Paul und Paula", kommen praktisch nicht vor. Stattdessen Bläserarrangements, Trauermärsche, getragene Klaviermusiken. Nach Oldies und wohliger Sentimentalität steht Regisseur Robert Borgmann nicht der Sinn. Aber wonach dann?


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altKreuzberg gegen die böse Welt

von Esther Slevogt

Berlin, 1. April 2012. Das haben wir jetzt davon. Jahrelang wurde der Osten wahlweise als stasiverseuchtes Spreewaldgurkenparadies beschrieben oder zur pittoresken Poprepublik verklärt, in der selbst die Stasi eigentlich nur ein Verein von anonymen Melancholikern war. Jetzt also ist der Westen dran. Westberlin genauer gesagt. Und noch genauer: Kreuzberg, der einzige Ort, wo der antifaschistische Schutzwall wirklich ein Schutzwall war. Gegen die Welt, die böse, und gegen sonstige unliebsame Wirklichkeitseinbrüche. Wohin der Westdeutsche dem vollgefressenen Wirtschaftswunderland BRD und seiner brutalen Geschichtsvergessenheit in eine hedonistische Agonie entkommen konnte. Wo er kein Deutscher mehr, sondern nur noch Künstler war. Mit oder ohne Kunst.


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alt"Mann, das Leben ist doch kein Film!"

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 9. März 2012. "Erinnern ist Arbeit", dieser Satz von Einar Schleef steht prominent im Programmheft. Naja, kann aber auch Spaß machen, scheint Antú Romero Nunes den großen Leidenden mit seiner Inszenierung von Fritz Katers Ostjugend-Erinnerungstriptychon "zeit zu lieben zeit zu sterben" aufmuntern zu wollen.


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Ich. Deutscher. Leidend.

von Sophie Diesselhorst und Esther Slevogt

Berlin, 25. Februar 2012. Für eine Geisterbeschwörung herrscht genau das richtige Wetter – regnerisch und windig ist es draußen vorm Maxim Gorki Theater. Drinnen im Warmen geht es um 16 Uhr los mit einer szenischen Lesung der Tagebücher des Universalkünstlers Einar Schleef, die, von 1953 bis 2001 chronologisch vorgehend, in 30 Szenen ungefähr acht Stunden dauern soll.


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altSehnsucht nach Rausch

von Esther Slevogt

Berlin, 4. Februar 2012. Der erste Zuschauerunmut entlädt sich nach einer gefühlten Viertelstunde. Als hinten rechts ein älteres Paar wutentbrannt den Saal verlässt, verärgert "Schlechtes Theater!" rufend. Und während die beiden Schauspieler Samuel Finzi und Andreas Leupold vorne auf der Rampe in schwarzen Anzügen zunächst ein wenig irritiert aus ihren weißen Hemdkragen schauen, lugt neben ihnen der Musiker Steve Binetti mit verschmitzter Mine hinter seiner Gitarre hervor, um dem Publikum mitzuteilen, diesen rüden Abgang habe man lange mit dem Paar geübt.


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Letzte Fragen und letztes Gelaber

von Georg Kasch

Berlin, 15. Januar 2012. Gott ist ein Schlagersänger? Spätestens seit Karel Gotts "Biene Maja"-Hit hat die Pointe zwar einen Bart, erweist sich aber als szenisch ergiebig: Im weißen Anzug, mit Pailletten-Halstuch und im Widerschein einer Diskokugel lässt Wolfgang Hosfeld die Sonne von Capri versinken, stepptanzt einmal auf und ab, verteilt Autogrammkarten und röhrt dann: "Ein Herz kann man nicht reparieren". Applaus vom Band, ein jugendlicher Assistent bringt dem Sugardaddy einen weißen Morgenmantel (mit Glitzer-"G." hinten drauf) und sein Toupet, bevor es an den Sinn des Lebens geht.


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Und das Wort ward nicht Fleisch

von Anne Peter

Berlin, 19. November 2011. "Am Anfang war das Wort". Mit dem biblischen Schöpfungsmythos wirft die Inszenierung gleich zu Beginn auch die Weltenschöpfungsmaschine Theater an. Vom Johannes-Evangelium geht es rasant mitten hinein ins gedankliche Zentrum des Kleist-Dramas, das hier aufgeführt wird: "Die Familie Schroffenstein", das schauerlich-krude, 1803 anonym veröffentlichte Debütstück jenes Autors, dem das Maxim Gorki Theater in seinem 200. Todesjahr mit einem 17-tägigen Kleistfestival huldigt.


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Verhängnisvolle Ohnmacht

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 11. November 2011. "Schlaf!", befehlen sich Lisa Lucassen und Sebastian Bark gegenseitig im selben Moment – und bringen die "Hypnose-Show" so zu ihrem einzig möglichen Ende. Begonnen hat sie etwa eine Stunde vorher mit einer spielerischen Beschwörung der Trance als Zaubertrick zur Annäherung an Kleists "Marquise von O.", die Hauptfigur der gleichnamigen Erzählung.


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Ein Ritterschaumstoff-Spiel

von Wolfgang Behrens

Berlin, 4. November 2011. Es ist schon nicht jedermanns Sache, dieses "große historische Ritterschauspiel" mit seinen klappernden Visieren, vertauschten Briefen, brennenden Burgen und lichtumflossenen Cherubim. Der alte Goethe etwa soll nach der Lektüre des "Käthchen von Heilbronn" von einem "wunderbaren Gemisch aus Sinn und Unsinn" gesprochen haben. Wobei es ihm weniger um das Wunderbare zu tun war als um den Unsinn, denn er setzte hinzu: "Das führe ich nicht auf, wenn es auch halb Weimar verlangt."


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Jahrhundert-Spiegel

von Esther Slevogt

Berlin, 24. September 2011. Wir sitzen vor einem riesigen Spiegel und sehen erst mal uns selbst. Zumindest, wer einen Platz einigermaßen im Zentrum des Zuschauerraums hat. Wer am Rande platziert ist, ist von der Reflexion ausgeschlossen, die der Spiegel uns Menschenbrüdern ermöglichen soll, den Bühnenbildner Olaf Altmann als vierte Wand vor die Bühne gebaut hat. Er lässt sich um einige Grade kippen, was gelegentlich zu verblüffenden optischen Effekten führt: Die sieben Schauspieler sind manchmal nur im Bild zu sehen, das der Spiegel von ihnen zurückwirft, und sehen dabei zuweilen aus wie präparierte Insekten im Kasten eines Schmetterlingssammlers. Oder wirken, als kämpften sie mühsam gegen die Schwerkraft, gegen den Sog der Unterwelt an. Als wänden sie sich aufwärts, rutschten in ihren schlammigen, blutverschmierten Kutten und Anzügen aber immer wieder ab. Gegen Ende des dreieinhalbstündigen Abends ist der Spiegel so weit gekippt, dass man im Hintergrund merkwürdiges Treiben beobachten kann. Ein spitzhütiges archaisches Gefährt rollt gemächlich über die Hinterbühne (ein skythischer Totenwagen, klärt uns das Programmheft auf). In diffus flackerndem Licht sieht man undeutliche Bewegungen der Akteure, die so recht kein Bild ergeben. Blicken wir hier jetzt schon ins Totenreich?


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Und was tust Du?

von Georg Kasch

Berlin, 5. September 2011. Irgendwie passt er zu uns, dieser Hans Fallada. Schon seine Krisenromane "Kleiner Mann, was nun?" und "Wolf unter Wölfen" lasen sich wie eine Analyse und Überlebensstrategie für die jüngeren Weltwirtschaftserschütterungen. Und jetzt, da sein letztes Buch "Jeder stirbt für sich allein" von 1947 nach dem Bestseller-Erfolg der englischen Erstübersetzung wieder zurück nach Deutschland schwappt, ist da wieder das Gefühl, das uns einer was zu sagen hat.


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Anleitung zur Politikverdrossenheit

von Esther Slevogt

Berlin, 31. August 2011. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat ein Tool entwickelt, mit dem der wahlberechtigte Bürger feststellen kann, welche Partei eigentlich zu seinen Meinungen und Haltungen passt. Wahl-O-Mat heißt das Tool, eine kleine Orientierungshilfe durch den Phrasendschungel der Parteiprogramme. Dezente Anleitung zur Selbsthilfe zum Ausstieg aus der selbstverschuldeten politischen Unmündigkeit.


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Ich bin bin ich, und ich will dich

von Eva Biringer

Berlin, 11. Juni 2011. Nach der Post-Moderne jetzt also der Post-Porno. Ein Gefühl der Enge stellt sich ein beim Betreten des Studios im Maxim Gorki Theater. Die Sitzreihen sind dicht aneinander gerückt, eine hauchdünne Papierwand trennt die Bühne von der ersten Reihe. Erst spielen die beiden Schauspielerinnen mit ihren Schatten, pressen ihren Körper, besonders die Brüste dagegen, reißen mit dem Finger kleine Löcher ins Papier, um kurz darauf mit rasenden Gesten die Bühne freizulegen.


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Herzweh und Konfettischnee

von Georg Kasch

Berlin, 5. Mai 2011. Unspielbar! Wer "Rocco und seine Brüder" von Luchino Visconti gesehen hat, weiß, dass das eigentlich nicht geht, diesen Jahrhundertfilm auf die Bühne zu übertragen. Diese emotionssatte Mischung aus realistischem Drama und großer Oper, voll christlicher Symbolik, literarischen Anleihen und furiosen Schnitten. Wie soll das funktionieren, die Süditalienerin Rosaria und ihre fünf Söhne beim Überlebens- und Aufstiegskampf im industriellen Mailand nicht der Lächerlichkeit und dem Kitsch preiszugeben, ihnen die Würde zu erhalten, die sie bei allem Pathos und aller atavistischen Fremdheit in Viscontis zärtlichem Panorama besitzen?


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Alles schwankt

von Dirk Pilz

Berlin, 14. April 2011. Oh ja, albern geht's zu. Aber nicht nur. Dazu später.


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Sterne der Erinnerung

von Esther Slevogt

Berlin, 12. März 2011. Beim Ankommen im Theatersaal laufen über einen kleinen Fernseher auf der Bühne Bilder der Ereignisse, die einen im Augenblick deutlich mehr beschäftigen als eine Reise, die die Schriftstellerin Christa Wolf vor vierzig Jahren mit ihrer Familie in ihre Geburtsstadt unternahm: Bilder von der verheerenden Katastrophe in Japan, eine sie einrahmende Nachrichtensendung. Später werden es Bilder alberner Showsendungen aus den Siebziger Jahren sein, mit denen in diesem Theaterabend der vage Versuch unternommen wird, Zeit- und Reflexionsebenen zu vermischen, Vergangenheit und Gegenwart einander durchdringen zu lassen, um sich der Fragestellung Christa Wolfs anzunähern, die sie in ihrem berühmten Roman von 1976 "Kindheitsmuster" zu untersuchen unternahm: Wie sind wir die geworden, die wir sind?


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Aus dem Nähkästchen weiblicher Subjektkonstruktion

von Elena Philipp

Berlin, 19. Februar 2011. Inmitten eines riesig aufgebauschten, rot-schwarzen Tüllbergs von einem Kleid sinkt Emma (Julischka Eichel) auf den Bühnenboden. "Da bleibt jetzt nichts von Wert nix was man retten müsste an dieser Person", spricht die gescheiterte Glückssüchtige. Sie hat vergeblich alle möglichen Rollen und Gefühlsregungen anprobiert, die einer Bürgersfrau Mitte des 19. Jahrhunderts zur Verfügung stehen – Ehefrau, Mutter, Geliebte, keusche Gläubige und hemmungslose Hure –, und für sich keine passende Haltung gefunden. Schulden hat sie gemacht, sich vor ihren Liebhabern gedemütigt, ganz unten ist sie angekommen. Selbstmord sieht sie als letzten Ausweg. Mit dem Skalpell ihres Arztgatten schneidet sie sich zu Tode, und das gibt "eine riesige Schweinerei", wie Julischka Eichel mit schwankendem Blick und fester Stimme über ihre Figur erzählt, der man drei Stunden lang zusehen konnte, wie sie sich konsequent ruinierte.


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Lebensgier im Synthie-Swing

von Georg Kasch

Berlin, 16. Januar 2011. Am Ende, wenn sich Nora und Torvald Helmer im Schneetreiben anschreien und jeder den anderen verlassen will, stehen ihre zwei Kids still da und schauen ihnen zu. Dann wenden sich die lieben Kleinen um und versuchen, diesen Dialog lakonisch zu Ende zu führen. Er geht in – durchaus reizenden, aber wahrscheinlich unfreiwilligen – Lachanfällen unter. Was man daraus lernen kann? Kinder auf der Bühne, zumal mit Sprechtext, sind eine unsichere Bank. Und ja – das Treiben der Eltern wäre schon saukomisch, wenn's nicht so traurig wäre.


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Das Leben wird wieder zur Baustelle

von Simone Kaempf

Berlin, 19. Dezember 2010. Es gibt die vielen Busverbindungen oder etwa jene Züge zwischen Berlin-Lichtenberg und Kostrzyn, montags und freitags voll bis auf den letzten Platz mit polnischen Arbeitern, die in Deutschland ihr Geld verdienen, von dem sie in Polen gut leben können. So gut jedenfalls, dass es lange Zeit bei den polnischen Pendlern verpönt war, über ihre Situation, die familiären Trennungen, die neu entstehenden Abhängigkeiten zu klagen.


Maxim Gorki Theater Berlin

Nur wer arm ist, sündigt nicht?

von Esther Slevogt

Berlin, 18. Dezember 2010. Es ist eine klassische Theaterschräge, in die Olaf Altmann die schmale Bühne von Berlins kleinstem Staatstheater verwandelt hat: man kommt schwer rauf, rutscht aber ziemlich leicht wieder ab. Wie im richtigen Leben eben. Nach hinten wird die ansteigende asphaltfarbene Fläche von einer Leinwand begrenzt, auf die als Bild grenzenloser Freiheit manchmal Schwärme flatternder Wildgänse projiziert werden. Meist aber nur ein Horizont, dem man auf einer weiten Landstraße entgegenzufahren glaubt und der sich in eben der Weise entfernt, wie man sich ihm zu nähern versucht.


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Im Fadenkreuz der wunden Sehnsucht

von Simone Kaempf

Berlin, 20. Oktober 2010. Mit einem Türknallen tritt die blutverfärbte Penthesilea der Anja Schneider noch einmal auf die Bühne, stellt sich zwischen die Oberpriesterin und den Griechenführer Odysseus, beide ergebnislos um die Schuld an den Gräueltaten streitend, und schleudert jenen zarten Schlussmonolog heraus, der den Irrtum so hart benennt: "So war es ein Versehen, Küsse, Bisse. Das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt. Kann schon das Eine für das andere greifen."


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Verheißungen eines gelobten Lands

von Mounia Meiborg

Berlin, 1. Oktober 2010. Eine attraktive Frau, mit plantinblonden Locken und weißer Bluse, betritt eine antike Bibliothek. Pantomimisch versucht sie der Bibliothekarin zu erklären, was sie sucht. Zuerst hält sie sich die Hand vor den Mund, als würde sie Indiandergeheul ausstoßen. Dann spannt sie Pfeil und Bogen. Schließlich imitiert sie das Reiten eines Pferdes. Irgendwann gibt sie auf und flüstert laut: "Südamerika!"


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Wahrheit ist ein großes Wort

von Georg Kasch

Berlin, 3. Juni 2010. Wittenberge scheint wirklich schlecht drauf zu sein: "Touristen, die hass ich. Ist kein Zoo hier", meckert die Stadt. Stimmt aber nicht: Zwischen ausgestopften Wildkatzen, einem Affen und einem Vogel Strauß stehen und sitzen vier Menschen starr in einer Art Vitrine. Wann immer Jan, ein älterer Herr aus Westdeutschland, auf seine Fernbedienung drückt, plappert jemand von ihnen mechanisch über Wittenberge oder das Leben, gerne auch in Wiederholung. Der Osten - ein Unterhaltungsprogramm, bei dem einfallende Wessis per Knopfdruck ihre Vorurteile bestätigt bekommen?


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High noon auf der Dorfstraße

von Georg Kasch

Berlin, 28. Mai 2010. Was wäre eigentlich gewesen, wenn in Friedrich Dürrenmatts "Besuch der alten Dame" die Güllener Claire Zachanassian rechtzeitig um die Ecke gebracht hätten? Gut, bei ihrer Kohle hätte man den Mut erst mal haben müssen, und Eddie Seuss, der in "Die Überflüssigen" auf ähnlich unbequeme Weise ins verschlafene Kaff Lükke eindringt, besitzt davon als Werbe-Fuzzi nur überschaubare Mengen. Er stört - aber anders als Güllen hat Lükke auf Wiederbelebungsmaßnahmen von außen nicht gewartet. Also sabotieren die verbliebenen Einwohner Eddies Versuche, aus dem Kaff am Jadebusen einen Touristen-Pilgerort zu machen.


Maxim Gorki Theater Berlin

Der feste Strang namens Wir

von Dirk Pilz

Berlin, 5. Mai 2010. Seit zwanzig Jahren geht in der westlichen Welt ein Gespenst um – das Gespenst der Utopie. Landauf, landab wird uns von ihr versichert, nach längerer Anwesenheit unter den Menschen habe sie aus der modernen Welt endgültig Abschied genommen. Noch sehen wir sie in gespenstischer Gestalt, bald schon wird sie sich friedlich unter die Märchen gemischt haben.


Maxim Gorki Theater Berlin

Erst einmal aufräumen, Freunde!

von Christian Rakow

Berlin, 16. April 2010. Die Steuerlast ruht auf den Schultern der politisch unmündigen Bürger und Bauern; derweil der Adel mit der Staatskorvette in die Zahlungsunfähigkeit schippert. Wo Brot zur Mangelware wird und Kuchen keine Abhilfe schafft, ertönt alsbald der Beat der Straße, den die Jakobiner um Danton und Robespierre in der revolutionären Nationalversammlung zu konzertieren wissen. So war das in Frankreich um 1789.


Maxim Gorki Theater Berlin

Wir wollen nicht effizient sein

von Anne Peter

Berlin, 13. März 2010. Er ist der geborene "Nö!"-Sager. Eine Wuchtbrumme mit Genervtheitsfuror. Ein rumpeliger Sympathie-Bolzen, der Bodenhaftung und Sturm-und-Drängertum vereint. Ein Elefant-im-Porzellanladen-Typ, dem das weiche Herz aus allen Poren dampft. Die Rolle des Tom Wingfield in Tennessee Williams' "Die Glasmenagerie" scheint auf Ronald Kukulies ebenso zugeschnitten wie das schmuddelige Feinripp-Unterhemd, das ihm überm sich wölbenden Bauche schlabbert.


Maxim Gorki Theater Berlin

Der Kreislauf muss in Bewegung bleiben

von Anne Peter

Berlin, 20. Februar 2010. Geiz ist geil. Und der Geizige einmal nicht der Buhmann. Sondern quasi Systemverweigerer. Diese verblüffende Wendung gibt PeterLicht, der stets gesichtslos fotografierte, melancholisch-ironisch dichtende Liedermacher und jüngst auch Theatermacher, seiner Molière-Bearbeitung.


Maxim Gorki Theater Berlin

Betrachtungen eines Verwirrten

von Dirk Pilz

Berlin, 8. Februar 2010. Thomas Mann hilft hier weiter. Er zitiert in seinen "Betrachtungen eines Unpolitischen" einen namenlosen zeitgenössischen Denker: "Die Richtung aufzufinden, in der eine Kultur sich fortbewegt, ist nicht so schwer, und mit Geheul sich ihr anzuschließen nicht so großartig, als die Viertelsköpfe rings im Land es sich denken." Eines Schriftstellers "Pflicht und Wesen" freilich sei es, schreibt Mann, sich gerade nicht mit Geheul der Hauptrichtung anzuschließen, sondern im "schlimmen Reichtum an inneren Konflikten" sich selbst ausgedrückt zu erkennen. Man könnte auch sagen: Finde deine eigene Verwirrung, finde deine Sprache und deine Form, wenn du Pflicht und Wesen des Schriftstellertums gehorchen willst. Finden aber wirst du sie einzig durch "Unterwürfigkeit vor dem Wirklichen und Tatsächlichen". Für Thomas Mann war dies die "entscheidende Mitgift", die er vom 19. Jahrhundert empfangen hatte.


Maxim Gorki Theater Berlin

Der Besuch der jungen Dame

von Simone Kaempf

Berlin, 30. Januar 2010. Das Bild ist schön und füllt in Breitwand die Bühne: blühender Raps, so prächtig gelb wie sonst nur im Mai. Es könnte ein Frühlingsidyll sein, wären da nicht auch noch die irritierend grauen Blechscheunen am Horizont und die quer in die Landschaft gestellten Strommasten, die ein Gefühl von Leere erzeugen. Das riesige Bild im Bühnenhintergrund ist dann aber auch noch eingefasst in einen Resopalrahmen im 70er-Stil und davor ist zerschreddertes Papier zu einem Berg gehäuft.


Maxim Gorki Theater Berlin

Das Spiegelbild im Manufactum-Katalog

von Wolfgang Behrens

Berlin, 21. Januar 2010. Beim Zappen war's, einige Jahre ist es her. Ein schmieriger Conferencier kündigte bei der Kabarettsendung "Nightwash" Rainald Grebe als Wortkargen Wolfram an, und noch ehe ich wegschalten konnte, schob sich ein länglicher Kerl mit einem mehr als abwegigen Indianerschmuck auf dem Haupt ins Bild, setzte sich vor ein Keyboard, schwieg erst einmal und riss die Augen auf. Ich legte die Fernbedienung weg und schaute. Gebannt.


Maxim Gorki Theater Berlin

Dreier mit Dandy

von Christian Rakow

Berlin, 18. Dezember 2009. Überraschend. "Die Hölle, das sind die anderen." Diese unvergessenen Worte, die hatte man doch ganz anders in Erinnerung. Damals, als man sich zu Abiturzeiten gegenseitig Bücher widmete, da besaß dieser Satz noch die ganze Kraft eines Ego-Trips. Da tönte durch die Pubertätshölle eher laut als leise der Ruf nach unumschränkter Selbstbestimmung. Und heute im Maxim Gorki Theater?


Maxim Gorki Theater Berlin

Sauber, süß und schickmicki

von Elena Philipp

Berlin, 25. Oktober 2009. DOLCE steht über dem mit Sperrholz vernagelten Bühnenportal. Davor schwappt knöcheltief das Wasser, Wellenrauschen aus den Lautsprechern. Venedig! Zwar fehlt "Gabbana" für den wahren Luxus, "La Vita" für das süße Leben – doch der Zuckerguss verklebt die Gesellschaft, die Armin Petras in seinem "Kaufmann von Venedig" zeigt: eine Schickimickimeute, die über ihre Verhältnisse lebt. In golden schimmernden Roben, Pelzen und gediegenen Anzügen, ein Glas Sekt in der Hand, von der Rampe ins Publikum grienend – ein Tableau selbstzufriedener Geldverbrenner, die sich mit einem Feuerwerk selbst feiern.


Maxim Gorki Theater Berlin

Denn sie wissen nicht, was sie glauben

von Dirk Pilz

Berlin, 12. September 2009. Diesem Abend gehört ein besonderes Kapitel in der Theatergeschichte. Denn ihm ist die Erfindung eines neuen Figurentypus zu verdanken: der Hopser.


Maxim Gorki Theater Berlin

Ein schwarzer Kopf und zwei weiße Hände

von Elena Philipp

Berlin, 1. Juli 2009. Zwei Texte, ein Abend – Maxim Gorki Theater goes postcolonial. Die Straßentheatergruppe Tablado de Arruar aus São Paulo und eine deutsche Truppe mit Stadt- und Staatstheaterhintergrund um den Regisseur Tilmann Köhler zeigen einen Zwischenstand ihres dreijährigen Kooperationsvorhabens. 2008 wurde in São Paulo eine erste Aufführung präsentiert, 2010 wird das Projekt noch einmal in der brasilianischen Metropole sowie in Dresden gastieren. Stationen einer Annäherung zweier Kulturen, die ihr postkoloniales Verhältnis feinjustieren wollen.


Maxim Gorki Theater Berlin

Blubbern in der Bürgerwertewelt

von Dirk Pilz

Berlin, 12. Juni 2009. Und jetzt? Was war denn das? War überhaupt was, oder war das nur ein einziges Bilder- und Szenenblubbern?

Zwei Stunden schnurrte die Regietheatermaschine, sprudelten die Szeneneinfälle, Ideen, Musiken über die Bühne, und doch hat bereits eine Stunde nach der Premiere hartnäckiges Vergessen eingesetzt. Wie war der Anfang noch mal? Eine Tafel war. Schüler in bunten Westen standen davor. Ein Film flimmerte. Schillers "Jungfrau von Orleans" wurde zitiert. Und dann?

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Ökokalypse Now

von Hartmut Krug

Berlin, 6. Juni 2009. Ein Eisblock hängt im grünen Netz über der leeren Spielfläche des Maxim Gorki Studios, und stetig tropft er als wässerige Metapher in eine Plastikwanne. Hinter einer schäbigen Wellblechwand tauchen drei augenblitzende talking heads auf und erzählen uns voll komisch hilfloser Verzweiflung, was wir alle wissen: die Klimakatastrophe ist real und die Erde übervölkert, die Rohstoffe sind nicht unerschöpflich und das Ewige Eis nicht mehr ewig. Was aber tun? Demonstrieren oder sich politisch organisieren, sich aktivistisch radikalisieren oder CO 2-Quoten kaufen, lieb mich oder leck mich sagen?


Maxim Gorki Theater Berlin

It's the ecomomy, stupid!

von Hartmut Krug

Berlin, 29. Mai 2009. Auf der einstündigen Aufführung mit dem Titel "Vermauern", die eher eine szenische Lesung oder ein geschichtsdokumentarisches theatrales Traktat ist, lastet viel Bedeutung. Denn sie findet innerhalb eines Pfingstspektakels des Maxim Gorki Theaters statt, in dem das Haus seine, sich direkt mit der jüngeren Geschichte auseinandersetzenden Produktionen präsentiert.


Maxim Gorki Theater Berlin

Freies Feld im Gitterkäfig

von Hartmut Krug

Berlin, 25. Mai 2009. Büchners "Woyzeck", erst 1913, 77 Jahre nach dem Tod des Dichters, zu seinem 100. Geburtstag in München uraufgeführt, wird mittlerweile viel auf deutschen Bühnen gespielt. Denn das eigentlich titellose Fragment mit seinen ständig den Ort wechselnden Szenen, in denen die geschundene Kreatur Woyzeck an der Gesellschaft und ihren Gewaltverhältnissen scheitert, das zugleich Eifersuchts- und Sozialdrama, Rühr- und Aufrührstück sein kann, wird gern zum sozialpolitischen Kommentar aktualisiert und zu einem durchgehenden Handlungsstück geglättet.


Maxim Gorki Theater Berlin

Filmrisse einer Stadt

von Elena Philipp

Berlin, 30. April 2009. Ernst-Reuter-Platz, Berlin, in einer lauen Frühlingsnacht auf der Verkehrsinsel. Eine Fünfergruppe feiert das lässige Großstadtleben: Grillen, Planschen, Quatschen, mehrspurig umkreist von Pkws. Gefilmt ist das Ganze in Bildern, die jeder Berliner Bierreklame Ehre machen würden. Ein Idyll, doch für das Produktionskollektiv copy & waste, das im Studio des Gorki-Theaters Jörg Albrechts neues Stück "Berlin Ernstreuterplatz" umsetzt, stellt es die Utopie einer Theatergruppe dar, geeint in post-ideologischer, herrschaftsfreier Schaffens- und Lebensfreude.

 


Maxim Gorki Theater Berlin

Friede den Clubs, Krieg den Straßen!

von Simone Kaempf

Berlin, 18. April 2009. Schwarzweiße Videobilder zeigen Stadtviertel von oben wie einen Teppich aus Häusern und Straßen. Gebäude werden herangezoomt, dann treten Männer mit Sonnenbrillen auf eine Straße. Dunkel wummernde Beats laden zusätzlich Spannung auf, und eine Stimme leitet in die Geschichte ein, die an diesem Abend die wichtigste ist: dass die Capulets die Clubs, die Montagues aber die Straßen der Stadt beherrschen. Und dass Streit um die Aufteilung entbrannt ist, der in dieser Nacht ausgetragen werden soll.


Maxim Gorki Theater Berlin

Vor einstürzenden Neubauten

von Esther Slevogt

Berlin, 7. Februar 2009. Der Mann hat einen Nazi verprügelt, und ist damit angeeckt. Im antifaschistischen Arbeiter- und Bauernstaat DDR. Jetzt muss Bremer sich auf einer Großbaustelle als Führer einer Brigade bewähren, die Fundamente für eine Fabrikhalle gießt. Die Fundamente sacken später ab. Fehler im Plan, sagt Bremer und greift den verantwortlichen Ingenieur an, der es aber nicht gewesen sein will. Er traue keinem, der unter Hitler gearbeitet hat, sagt Bremer dann und soll später sich dafür entschuldigen.


Maxim Gorki Theater Berlin

Wo die Chargen glühen

von Christian Rakow

Berlin, 29. Januar 2009. Da ist sie also: jene Rummelplatz-Szene, für die die Parteioberen den Arbeiter und Jungschriftsteller Werner Bräunig auf dem XI. Plenum des ZK der SED anno 1965 letztgültig abstraften. Jene Szene unter Wismut-Bergarbeitern, die sich mit all ihrem Milieuschmutz, Suff und derbem Männerwitz zu wenig positiv, zu wenig sozialistisch-realistisch ausnahm.


Maxim Gorki Theater Berlin

An der Endstation Sehnsucht

von Dirk Pilz

Berlin, 21. Dezember 2008. Übrigens basiert das Stück auf einer wahren Geschichte. Aber das spielt keine Rolle. Denn die Story ist nur der äußere Anlass für eine Handlung, die ins Allgemeine, Grundsätzliche strebt.


Maxim Gorki Theater Berlin

Im hohen Ton ein Heute suchen

von Anne Peter

Berlin, 18. Dezember 2008. Jan Bosse macht Ernst. Nicht nur vom Stoff her, große Tragödie: Antigonae, Hölderlin, sondern auch im Spiel: quasi ironiefrei der Raum, der den Zuschauer ganz in Schwarz empfängt. Schwarz ausgeschlagen die Theaterwände, schwarz die schicken Kostüme der staatsmännisch auftretenden Königsfamilie. Es herrscht Trauer in Theben, das soeben einen blutigen Angriff überstanden hat. Auf der Bühne türmen sich massenhaft hingeworfene Klamotten, symbolisch die Toten vertretend. Solche Kleider-Leichen sind auch über die Sitzreihen im Zuschauerraum verteilt. Das Publikum wird also mitten hineingesetzt in diese Post-Kriegs-Landschaft. Und auch später immer wieder als Volkes Stimme angespielt, beschimpft, bekniet.


Maxim Gorki Theater Berlin

Der Wankelmut am Marterpfahl

von Simone Kaempf

Berlin, 30. November 2008. Das Teuflische an dieser freundschaftlichen Beratung ist vielleicht nur eine Einbildung, aber Carlos spricht vernehmlich mephistophelisch: "Warum sollten unsere Leidenschaften bleiben? Verändert sich nicht alles in der Welt?" Carlos rät seinem Freund Clavigo, mit der Heirat zu warten, bis dieser ein erfolgreicher Künstler und gemachter Mann ist.


Maxim Gorki Theater Berlin

Sind wir vielleicht eine Lüge?

von Anne Peter

Berlin, 13. November 2008. Am Ende sitzen wir stumm. Die Andacht vorm Applaus. Nicht wissend, wie reagieren. Und auf was eigentlich? Auf einen Theaterabend? Auf eine Abschiedsvorstellung? Christoph Schlingensief nennt es "Der Zwischenstand der Dinge". Ein Zwischenstand nur kann es sein, weil das, wovon dieser Abend ausgeht, ein ganz realer Prozess ist: eine Krankheit, Krebs, und der ist noch nicht ausgestanden. Ist es vielleicht nie.


Maxim Gorki Theater Berlin

Modellmensch der westlichen Welt

von Anne Peter

Berlin, 12. November 2008. Dunstig empfängt der Theatersaal den eintretenden Zuschauer. Als wären hier schon eine Menge Havannas geraucht worden. Der Eindruck täuscht nicht. Anwurf der Nebelmaschine, in den Schwaden glimmen die Spitzen der Zigarren. Auf der Bühne erstmal: Rauchen und Schweigen. Wir befinden uns auf Cuba.


Maxim Gorki Theater Berlin

Glaube? Liebe? Hoffnung?

von Wolfgang Behrens

Berlin, 9. Oktober 2008. "Eine Frau ist am Düsseldorfer Flughafen vor den Augen zahlreicher Fluggäste in den Tod gesprungen. Nach Polizeiangaben ereignete sich das Unglück am Freitagnachmittag auf dem Parkdeck 25. Von dort aus ist die Frau, deren genaue Identität noch nicht bekannt ist, gesprungen." Notizen dieser Art – diese hier ist eine knappe Woche alt – füllen täglich die Vermischten Meldungen der Zeitungen: Man liest sie, man vergisst sie. Dass die lakonische, mitunter fast unbeholfene Kürze der Nachricht die Geschichte eines ganzen Menschenlebens verbirgt, überschreitet dabei kaum je die Aufmerksamkeitsschwelle.


Maxim Gorki Theater Berlin

Hinlegen, zudecken, Kur machen

von Wolfgang Behrens

Berlin, 27. September 2008. "Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding", sinniert die Marschallin im Hofmannsthal/Strauss'schen "Rosenkavalier". 1913, zwei Jahre nach der Uraufführung der Oper, begann Thomas Mann mit der Niederschrift eines Romans, der diese Sentenz tausendseitig entfalten sollte: "Der Zauberberg" entführte seine Leser in ein Davoser Sanatorium, in welchem sich die Zeit in der Tat höchst sonderbar geriert – weil nichts passiert, scheint sie dort nicht vergehen zu wollen; ist sie aber einmal vergangen, so schnurrt sie in der Rückschau auf einen Augenblick zusammen, denn es ist ja nichts passiert.


Maxim Gorki Theater Berlin

Die Wunde M

von Anne Peter

Berlin, 10. Juni 2008. Sein Schatten ist das erste, was man von ihm sieht. Ein Kind, ein Ball gegen eine Litfasssäule – und der Schatten. "Du hast aber einen schönen Ball." Noch könnte es jeder sein, der da spricht. Erst dann bekommt die Stimme einen Mund, der Schatten ein Gesicht, der Kindermörder Konturen.


Maxim Gorki Theater Berlin

Standbilder aus dem Unterfutter des Bewußtseins

von Nikolaus Merck

Berlin 21. März 2008. Die "Terrasse" vor dem "Schlosse von Helsingör" liegt auf der Vorbühne des Maxim Gorki Theaters. Die Terrasse ist eine Planche, eine Fechtbahn, nach vorne abgegrenzt von einem Zinnen bekränzten Mauerkopf, nach hinten verriegelt vom Eisernen Vorhang. Hier hat sich die Elite Dänemarks versammelt. Eine Truppe junger Fechter. Die Staatsgeschäfte werden vor dem Training erledigt.


Maxim Gorki Theater Berlin

Seltene Momente des Rauschs

von Christian Rakow

Recklinghausen, 16. Mai 2008. "Liebe ist…" – mit diesen offenen Schlussworten gibt uns Anna Karenina gewissermaßen einen Fragebogen mit auf den Heimweg. Und wer in den reichlich drei Stunden dieser Aufführung gut aufgepasst hat, kann diesen auch ohne größere Bedenkzeit ausfüllen. Also: Liebe ist 1.) nicht wirklich dauerhaft, weil 2.) bezweifelt werden darf, dass wir Menschen "uns einander überhaupt verständlich machen" können, was 3.) ein ziemlich beklagenswerter Zustand ist.


Maxim Gorki Theater Berlin

Falsche Zähne, echte Bäuche

von Petra Kohse

Berlin, 7. März 2008. Dorota Maslowska kann sich nicht beschweren. Die polnische Schriftstellerin ist 24, hat zwei Romane und ein Bühnenstück geschrieben, bekam für die Bücher mehrere Preise, darunter den bedeutenden Nike-Preis, und wird jetzt in Theatern in London und Berlin gespielt. Das Foto bei Wikipedia zeigt eine rotblonde junge Frau mit krass asymmetrischem Haarschnitt in einer Kapuzenjacke mit Camouflage-Muster.


Maxim Gorki Theater Berlin

Das Böse ist immer und überall

von Dirk Pilz

Berlin, 26. Februar 2008. Im zehnten Buch des "Staat" prüft Platon noch einmal sein früheres Urteil, demzufolge die Kunst im idealen Staate besser nichts zu suchen habe. Seine Argumentation fußt auf einer speziellen Erkenntnistheorie und betrifft auch nur eine bestimmte Art von Kunst, aber die Skepsis gegenüber ihrer Verführungskraft gilt ihm doch allgemein.


Maxim Gorki Theater Berlin

Gretes Geschichte

von Lena Schneider 

Berlin, 30. Januar 2008. Da sitzt er, der Faust, der berühmte Zweifler, der zwei-Seelen-ach-Mann, der von der Weisheit müde Wissenschaftler. Und glotzt. Sitzt im taghellen Bühnenlicht an seinem kleinen Schreibtisch, glotzt ins Publikum, sieht nicht im mindesten grüblerisch dabei aus und ist – auch das unorthodox – nicht mal allein in seinem Nichtstun.


Maxim Gorki Theater Berlin

Neues aus der Anstalt

von Nikolaus Merck

Berlin, 11. Januar 2008. Und das war einmal ein Rebell! Randle P. McMurphy, der proletarische Kleinkriminelle, Großmaul, Sexprotz und Windmacher. Der die harmlosen Insassen der psychiatrischen Klinik Kuckucksnest gegen die Autoritäten aufstachelt. Hu hu hu, wie haben wir ihn geliebt, als er uns vor 30 Jahren mit dem Ohrfeigengesicht von Jack Nicholson von der Leinwand angrinste. Ja, das war uns ein Vorbild und den Vietnam- und Watergate-geschädigten Amerikanern sowieso, die 1975 gleich fünf Oscars auf den Film von Milos Forman häuften.


Maxim Gorki Theater Berlin

Großmutter Finnlands Schweigen

von Wolfgang Behrens

Berlin, 20. Dezember 2007. Die Zeit der großen Erzählungen ist vorbei. So jedenfalls hat’s Lyotard vor 30 Jahren gesagt, und gemeint hat er’s wohl geschichtsphilosophisch. Aber immerhin hält Lyotard auch einen Trost bereit: "Der Niedergang der großen Erzählungen hindert Milliarden von kleinen Geschichten nicht daran, weiterhin den Stoff täglichen Lebens zu weben." Was aber, wenn auch die kleinen Geschichten versagen?


Maxim Gorki Theater Berlin

Das Krokodil als Held

von Nikolaus Merck

Leipzig, 19. März 2006. Der Theaterregisseur Armin Petras ist ein Künstler mit politischer Absicht. Das Politische bei ihm ist das Menschenfreundliche. Petras, schreibt seine langjährige Leipziger Mitarbeiterin Carmen Wolfram, "geht es bei jedem Erzählen im Theater um die ‚Technik des Glücks’, darum, sich und anderen zu helfen, durch die Welt und das Leben zu kommen." Weil man solcher Ermutigung im depressiven östlichen Gebiet immer besonders bedarf, unterhält Petras seit vielen Jahren in der Leipziger Neuen Szene ein Kasperletheater. In dem Kasper und Seppl, auch das Krokodil, von lebendigen Schauspielern gespielt werden.


Maxim Gorki Theater Berlin

Schnappschüsse der Multioptionsgesellschaft

von Petra Kohse 

Berlin, 10. November 2007. Als Lessings "Miss Sara Sampson" 1755 in Frankfurt/Oder uraufgeführt wurde, flossen im Publikum ebensolche Ströme von Tränen wie auf der Bühne. Das Stück war das erste, das die bürgerliche Selbstverpflichtung zur Sittlichkeit ernst nahm und zum ideellen Hintergrund einer Tragödie machte. 


Maxim Gorki Theater Berlin

Abstieg ins Erklärbare

von Nikolaus Merck

Berlin, 1. Oktober 2007. Man muss gar nicht an den Film denken. An Lars von Triers Passionsgeschichte, in der Emily Watson als Bess sich aus Liebe für ihren gelähmten Mann prostituiert und umbringen lässt. Daran kein Gedanke. Nein, man muss stattdessen an die Landrätin Pauli denken, die der Ehe eine Haltbarkeitsdauer von höchstens sieben biblischen Jahren einräumen möchte.


Maxim Gorki Theater Berlin

Inflation des Ich

von Anne Peter

Berlin, 22. September 2007. Das berühmte und so vieldeutige "Ach!" der Alkmene, mit dem Heinrich von Kleists Lustspiel "Amphitryon" endet, sagt sich hier ganz beiläufig dahin. Es ist ein schnelles Ach-ist-ja-auch-egal, ein Komm-vergessen-wirs. In Jan Bosses Inszenierung am Maxim Gorki Theater spricht Alkmene es auch nicht selbst; ihre Dienerin Charis ist es, die schnell das vermeintliche Happy End runterrattert.


Maxim Gorki Theater Berlin

Liebst du schon oder lebst du noch?

von Dirk Pilz

Berlin, 7. September 2007. Als Karl, der verloren geglaubte Sohn, aus der Haft wieder nach Haus' kommt, sitzt er lässig an der Rampe. Klampfe unterm Arm, Fluppe im Mund, Song auf den Lippen: "There must be some way out of here." Bob Dylan als Sehnsuchtspate. Karl will raus aus der elterlichen Schrankwandwelt, Schwester Klara auch. Karl will zu den Matrosen, Klara in den Tod.


Maxim Gorki Theater Berlin

Frustrierten-Combo

von Dirk Pilz

Berlin, 6. Juni 2007. Es gibt ein Gedicht von Wilhelm Busch, das fängt so an:

"Wer einsam ist, der hat es gut,
Weil keiner da, der ihm was tut.
Ihn stört in seinem Lustrevier
Kein Tier, kein Mensch und kein Klavier.
Und niemand gibt ihm weise Lehren
Die gut gemeint und bös zu hören."


Maxim Gorki Theater Berlin

Die wahren Abenteuer sind im Kopf

von Nikolaus Merck

Berlin, 24. Mai 2007. Luise Miller wartet schon. Wenn die Zuschauer ihre Plätze einnehmen, sitzt sie auf einem weißen Abstelltisch. Wandert auf der Bühne umher. Schaut beseelt. Ein bescheidenes Mädchen im Jeanskleid, arm, gottesfürchtig, gar nicht anspruchsvoll. Ihr Pech, dass sie sich mit Ferdinand wirklich den falschen ausgesucht hat.


Maxim Gorki Theater Berlin

Kann man mit solchen Leuten Kommunismus machen?

von Nikolaus Merck 

Berlin, 30. April 2007. Rike träumt. Sie liegt auf dem Rücken, die E-Gitarre auf dem Bauch. Rike träumt von Zuhause. Nicht von der Wohnung in der Vorstadt, mit Vater, Mutter, Kind, die längst schon unterm Sand der Gegenwart verschüttet liegt. Unter der Wanderdüne, wie Rike das nennt.


Maxim Gorki Theater Berlin

Wohnst du noch oder lebst du schon?

von Georg Kasch

Berlin, 16. April 2007. "Unsere Ordnung gefällt euch nicht, aber was für eine Ordnung habt ihr euch ausgedacht?," fragt Maxim Gorki in seinem Stück "Die Kleinbürger". Es steht als Motto über dem dritten Teil von "Kinder der Sonne", jener Reihe, die das Berliner Gorki Studio in dieser Spielzeit mit vorrangig junger Dramatik füllt. Während im großen Haus des seit September 2006 von Armin Petras geleiteten Theaters die Klassiker dominieren, dürfen sich hier Nachwuchsregisseure an jungen Themen probieren. Teil 1 befasste sich mit Berliner (Sozial-)Geschichten, Teil 2 brachte unter dem Titel "Europa lesen" so unterschiedliche Stoffe wie Henrik Ibsens "Klein Eyolf" und Fatih Akins "Gegen die Wand" auf die Bühne. Der dritte Teil dieser Reihe, "Kloster der Wut", wurde nun mit Frank Abts Inszenierung von "Die fetten Jahre sind vorbei" eröffnet.


Maxim Gorki Theater Berlin

Ach, Du heiliger Strohsack

von Esther Slevogt

Berlin, 30. März 2007. Die Bühne ist dunkel. Eine weiße schmale Frauengestalt hantiert mit einem riesigen Kruzifix, das sie dann unter enormen Anstrengungen in den Bühnenboden rammt, wie der Bergsteiger das Gipfelkreuz. Die Bühne ist wüst und leer, eingerahmt nur von grauen Schieferwänden, auf denen jeder, der hier später erscheint, erst einmal mit Kreide seine Silhouette markieren muss, um seinen Ort kenntlich zu machen.


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