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archiv » Heimathafen Neukölln Berlin (10)
Heimathafen Neukölln Berlin

Schreie Panik Blut

von Elena Philipp

Berlin, 20. Mai 2017. Was für ein bizarres Triumvirat des Terrors: Der mittelalte Mann, der vor seinem Eigenheim das Auto wäscht und um seine wilden Jugendjahre trauert. Der Junge, der ein Eis verzehrt, verzweifelt kleckernd und elternseits darob gescholten. Und der junge Mann, der gemeinsam mit anderen im Bataclan-Theater 89 Menschen töten wird: "hab’ keine angst / du wirst in zwei minuten tot sein / boom".


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Wir sind Käfigtiger

von Dirk Pilz

Berlin, 18. Dezember 2016. Am Ende rollt sogar ein Ball über die Bühne. Ein-, zweimal sind auch Fangesänge zu hören, kurz wird der Kommentar von Béla Réthy zum EM-Endspiel 1996 eingespielt, es gibt zudem ein paar Trikots der deutschen Männerfußballnationalmannschaft und goldene Turnschuhe. Aber: keine Jubelfernsehbilder, keine Fahnen, keine Kabinenspinde. Es wird weitgehend auf Ballsportbebilderung verzichtet. Vielen Dank.


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Einfühlung als Waffe

von Esther Slevogt

Berlin, 3. November 2016. Die Bühne ist nüchtern und leer. Vorne an der Rampe stehen nur vier Mikrophone, im Hintergrund ist ein Klavier zu sehen. Doch bevor die Vorstellung anfängt, treten erst einmal die Macher auf. Leonie Jeißmann und Michael Ruf erklären (eine Dolmetscherin übersetzt alles ins Türkische), was jetzt kommt: die Geschichten von drei Familien, deren Angehörige vom sogenannten Nationalsozialistischen Untergrund ermordet wurden. Die jedoch selbst erst jahrelang als Täter behandelt wurden, eine von ihnen zehn Jahre lang. Jahre, in denen sie depressiv und krank geworden ist – bis 2011 die Zwickauer Zelle aufflog, sich die Mörder jedoch durch Selbstmord der Verantwortung entzogen. Und nur Beate Zschäpe vor Gericht gestellt wurde. (Wo, wie hinzugefügt werden muss, ihr Schweigen stets lauter durch die Medien tönte, als die Stimmen ihrer Opfer.)


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Männerrollen: ein Zuschreibungsspiel

von Nikolaus Stenitzer

Berlin, 5. Februar 2016. Kennengelernt haben sie sich zufällig. Auf dem Campingplatz in Sizilien. Nein, doch nicht: Im Kiosk fiel Frank auf, dass Alper auf seinem Tablet den "Paten" sah, und so kamen sie ins Gespräch. Oder war es doch beim Theaterworkshop an der Schule? Und gab es da nicht noch diese Geschichte mit dem Raubüberfall und der Lebensrettung?


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Beeilt euch!

von Dirk Pilz

Berlin, 24. Juli 2015. Die Reise beginnt in einer Fabrikhalle, dort, wo einst eine Mauer die Grenze zwischen den Systemen markierte. Hier Kreuzberg, da Alt-Treptow. Club-Zone heute, es herrscht das strikte Gebot der guten Laune. Gedrängel, viel Geschrei. Vom Freischwimmer, eines der beliebten Vergnügungs-Lokale, scheppert Billigtechno herüber, auf dem Badeschiff, gleich dahinter in der Spree gelegen, quieken sie. Im angrenzenden Parkgebüsch huschen Dealer umher.


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Mehr als nur Nacherzählung

von Leopold Lippert

Berlin, 18. April 2015. Zu Beginn sitzt A. am hinteren Bühnenrand mit Mikrophon, Spickzettel und Übersetzerin aus dem Off. A., der in der Inszenierung Rooble heißen wird, bittet um Asyl für sich und seine Frau Aliyah. Die Geschichte, die er erzählt, ist ihr gemeinsames Leben, die Flucht aus Somalia nach Deutschland, über die Sahara, Libyen, Lampedusa. Es ist ein wohlformulierter Text, vom Zettel abgelesen und ins Präteritum übersetzt, der das nicht Nachvollziehbare rationalisiert, von "verhältnismäßig leichten Verletzungen" spricht, und nüchtern davon berichtet, dass Rooble und Aliyah wochenlang "unter Obdachlosigkeit litten". Es ist ein Text, wie ihn der Verwaltungsapparat vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge offenbar gerne hört, ein Narrativ, das ein Leben voller Gewalt und Angst logisch, präzise und klar strukturiert erscheinen lässt.


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Miniaturen der Menschenbeobachtung

von André Mumot

Berlin, 21. Februar 2014. Der Vater schweigt. Baba. Wir sehen ihn auf einem Sofa sitzen, im fernen Dubai, wo er nickt und nichts sagt und angegriffen aussieht. Das Video ist dokumentarisch, und das, was hier, im Heimathafen Neukölln, erzählt wird, ist wahr. Deshalb steht auch auf dem Programmzettel: "Wir danken Sinan al-Kuri für die Offenheit, uns seine Lebensgeschichte anzuvertrauen. Sinan, wir haben sie mit Samthandschuhen ausgeschlachtet! Lass uns Freunde bleiben."


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Schulstunden in Afghanistan

von Hartmut Krug

Berlin, 5. Oktober 2012. Sie joggen um eine kleine Sandfläche, grüßen zackig, robben durch den Sand, machen Fitnessübungen: drei Schauspieler, unter der Tarnuniform ihre Alltagsshirts, versuchen vergeblich, sich und uns die physische Situation von Soldaten zu versinnlichen. In einem offenen kleinen, hellen Theaterraum, distanzlos vor den Zuschauern. Was uns fremd sein könnte, soll uns nah gebracht werden. Und der Musiker (Daniel Mandolini) am Rand der Spielfläche liefert dazu die deutsche Nationalhymne auf der E-Gitarre und illustriert das Geschehen beatboxend.


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Sind wir nicht alle ein bisschen NK?

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 24. Juni 2011. Seit wann gibt es eigentlich diese "I love Neukölln"-T-Shirts? Also: Neukölln = "NK"? Das große Herz, das man als New Köllner für so unterschiedliche Menschen, Tiere und Sensationen wie sonnenbebrillte Kreatoren, Mütter, die nur noch Babysprache können, und vermuskelte Halbstarke/Kampfhunde hat, kann man auf jeden Fall mittels so eines T-Shirts nach außen in die Welt schlagen lassen.


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Ein Tag bei mir, und du bist tot!

 von Anne Peter

Berlin, 12. November 2010. Nein – Trittbrettfahrerei kann man diesem Theater nun wirklich nicht vorwerfen. Es springt nicht einfach auf den Integrationsdebattenzug auf. Die rührigen Theatermacherinnen vom Heimathafen Neukölln setzen einfach die Arbeit fort, mit der sie seit anderthalb Jahren im ehemaligen Saalbau Neukölln erfolgreich sind.


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