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archiv » Südthüringisches Staatstheater Meiningen (7)
Südthüringisches Staatstheater Meiningen

Kotzen und grübeln

von Henryk Goldberg

Meiningen, 13. April 2017. Gleich wird er kotzen. Und wenn er riecht, wie er aussieht, dann stinkt er zum Himmel. Selbst wenn er sich nicht in die Hose gemacht haben sollte, worauf es aber vermutlich nicht mehr ankäme. Dann kriecht, windet, wühlt er sich die Treppe runter, so wie ein Schwein aus dem Mist. Doch so besoffen ist kein Schwein. Nur ein russischer Trinker. Nur ein russischer Dichter wie Wenedikt Jerofejew.


Südthüringisches Staatstheater Meiningen

Schlüsselfigur aller Zeiten

von Matthias Schmidt

Meiningen, 24. November 2016. Durch Euripides ist sie uns als die Kindsmörderin bekannt, seit Christa Wolf als eine Frau, die zum Opfer gemacht wurde, indem Mann sie zur Täterin machte. Und Heiner Müller sagte einmal auf die Frage, wer seine Medea sei, das könne jeder selbst entscheiden, "sie kann auch eine Türkin in der Bundesrepublik sein." Bei Patric Seibert, leitender Dramaturg am Südthüringischen Staatstheater in Meiningen und nun verantwortlich für eine neue Fassung des Stoffes, lebt Medea in einem Rot-Kreuz-Flüchtlingszelt. Ein Bild wie aus den Nachrichten. Ein Lager auf Lesbos? Die Frau aus Kolchis, die mit ihrem Mann Jason nach Korinth kam, eine Art Inbegriff der aktuellen Flüchtlingslage? So lässt sich, auf den ersten Blick, das ziemlich plakative Bühnenbild verstehen. Am Ende hat es sich als deutlich zu plakativ für das herausgestellt, was Seibert auf der Bühne der Meininger Kammerspiele aus zahlreichen Fassungen der "Medea" zusammengestellt hat. Seiberts neue "Medea" ist kluges Theater für den Kopf und eben kein plumpes politisches Aktualisieren einer irgendwie auf Heutiges passenden mythologischen Vorlage.


Südthüringisches Staatstheater Meiningen

Wie die Welt verrohen kann

von Frauke Adrians

Meiningen, 27. November 2015. Das Meininger Theater hat seiner aktuellen Spielzeit das zeitlos verdienstvolle Motto "Nie wieder Krieg!" gegeben. In seiner Regiearbeit zum Thema klammert Intendant Ansgar Haag zwei Stücke zusammen: Kleists "Prinz Friedrich von Homburg" mit der Schlacht von Fehrbellin, dem Gründungsmythos Preußens; und Borcherts "Draußen vor der Tür", da war Preußen endgültig untergegangen und verbrannt. Verbindendes hätten die beiden Stücke schon. Aber nicht gerade das, was die Meininger Theaterzeitung "Spektakel" behauptet: Hier ist von "den beiden Antikriegsdramen" die Rede. Für den "Prinzen von Homburg" kann man einige Etikettierungen finden, aber ein Antikriegsdrama ist er nun wirklich nicht. Und das ist wohl der Hauptgrund dafür, warum Kleists träumender Prinz und Borcherts traumatisierter Veteran Beckmann schlechter zueinander passen als Haag es gern hätte.


Südthüringisches Staatstheater Meiningen

Heavy Metal am Burgunderhof

von Frauke Adrians

Meiningen, 11. September 2015. Die Herren Nibelungen stehen auf schwarzes Leder, Nieten und Tribe-Tattoos im Pikten-Stil, das Ganze bitte bauchfrei. Brunhild trägt superhohe Hochhackige und das rote Haar sorgfältig zerstrubbelt, Kriemhild dagegen setzt Maßstäbe mit einer total schrägen Hochsteckfrisur, und Dankwart, der sonst nicht viel zum Geschehen beizutragen hat, beeindruckt mit perfekt sitzendem Gel-Look, der auch Strömen von Blut standhält. Kein Zweifel: "Die Nibelungen" in Regie von Lars Wernecke am Meininger Theater sind die stylishsten seit Erfindung des Burgunderreiches. Ein Hoch auf die Kostümbildnerkünste von Helge Ullmann, die Frisuren- und die Make-Up-Abteilung.


Südthüringisches Staatstheater Meiningen

Cosimas Hornstöße

von Christian Baron

Meiningen, 11. Januar 2013. Als Richard Wagner 1883 starb, war Cosima gerade einmal 45 Jahre alt. 47 Jahre sollten bis zum eigenen Tod noch folgen, in denen die Gemahlin des Komponisten dessen Vermächtnis ebenso akribisch verwaltete wie ihre eigenen Memoiren pflegte. Um Letztere dreht sich Reinhard Baumgarts "Wahnfried. Bilder einer Ehe", das Jan Steinbach am Meininger Theater zur Uraufführung gebracht hat. Basierend auf dem Drehbuch zum gleichnamigen Spielfilm von 1986, bedient sich der Regisseur für die Dramatisierung eines retrospektivischen Kunstgriffs: Cosima wandelt gedoppelt über die Bühne; einmal in real life (Chris Pichler) und einmal als sich erinnernde und das Geschehen subtil kommentierende Greisin (Ulrike Barthruff).


Südthüringisches Staatstheater Meiningen
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Shakespeare mit Kanzleramtsanmutung

von Ute Grundmann

Meiningen, 9. Dezember 2011. Herzog Vincentio verkündet das schiefe, schmerzende Happy End wie einen Parteitagsbeschluß von einer Tribüne herunter. Und die Betroffenen und Begnadigten, die sich unter der (Partei-)Fahne versammelt haben, reagieren darauf ungefähr so euphorisch wie Delegierte auf einen faulen Kompromissantrag. Heutig sollte er wohl sein, der Shakespeare, den Veit Güssow am Theater Meiningen inszenierte. Parallelen zu heutiger Politik und Parteienmoral sind unübersehbar. Und so blieb es bei dieser "Maß für Maß"-Premiere auch nicht bei Andeutungen in Bühnenbild und Videoeinblendungen.


Südthüringisches Staatstheater Meiningen

Ein Hintern, der Geschichte schrieb

von Matthias Schmidt

Meiningen, 11.12.2010. Kaum zu glauben, aber im Foyer der Meininger Kammerspiele wird immer noch über die Vertreibung von Res Bosshart getuschelt. Dabei ist es fünf Jahre her, dass Teile des Publikums (und des Ensembles) den von ihnen ungeliebten Intendanten aus der Theaterstadt jagten. Bosshart war ihnen zu modern und wahrscheinlich auch irgendwie zu westlich. So gesehen mutet es zunächst verrucht an, dass die Meininger an diesem Abend ein Stück des bekennenden Theaterkonservativen und Wende-Verächters Peter Hacks aufführen. Im Falle von "Der Maler des Königs" sogar uraufführen.


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