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archiv » Stadttheater Bremerhaven (13)
Stadttheater Bremerhaven

Der nicht so wilde Westen

von Jan-Paul Koopmann

Bremerhaven, 1. Juni 2019. Nach Amerika ging man damals, um sein Glück zu machen – erzählt das Stück – und wurde dann von Gangstern angeschossen. Manchmal sind es auch die eigenen Leute, die auf Ureinwohner schießen. Dass insgesamt jedenfalls viel geschossen wird, merken auch heutige Amerikareisende selbst im Hotel, weil in der Tageszeitung ständig irgendwer irgendwen umbringt: im schlimmsten Fall die Kinder der Waffenverrückten ihre Mitschüler*innen an der High School. Warum eine gute Geschichte in der Wahrnehmung der Mehrheit "immer eine Geschichte der Gewalt" sei, fragt sich Anne Jelena Schulte zum Anfang ihres Stücks "Nach Amerika" aus dem Off. Und das ist eine wirklich gute Frage, auch wenn die Inszenierung im Folgenden wenig zu ihrer Beantwortung beiträgt. Zumindest geht es aber auch hier viel um Waffen.


Stadttheater Bremerhaven

Unendlich lebensfeindlich

von Jens Fischer

Bremerhaven, 16. Februar 2019. Unwirtlich prunkende Wartehallensitzbänke vor einer Alu-Lamellenwand. Hereingesetzt in dieses trostlose Bild: drei namenlose Figuren, ausdruckslos starrend, in sich versunken wartend. Nie wird der Ausruf erschallen, dass ein Flugzeug, Zug oder Bus zur Abfahrt bereitsteht und sie abholt aus ihrem monadisch isolierten Zustand. Den Ausweg muss das müde Trio selbst visionieren und beschreiten. Also zuerst mal klären, warum das Leben aus dem Lot ist – und dem Publikum des Stadttheaters Bremerhavens erzählen, was Alexandra Badea dazu in ihrem Stück "Extremophil" so alles mit sachlich poetischer Sensibilität notiert hat. Und das ist ein Aufstand gegen äußere Verzweiflung und innere Leere.


Stadttheater Bremerhaven

Nazi Killed The Radio Star

Von Jan-Paul Koopmann

Bremerhaven, 14. Dezember 2018. Einsam lümmelt sich Talkmaster Barry Champlain auf seinem grün bepolsterten Bürostuhl und macht sich die ganze Welt zum Feind – mit bis zum Anschlag gespreizten Beinen. Alles hier dreht sich ausschließlich um ihn. Und das ist sonderbar aufregend, obwohl dieser ultrasouveräne, kluge und dabei auch noch witzige Typ im Spotlight schon zur Halbzeit kein Geheimnis mehr hat.


Stadttheater Bremerhaven

Historisches Schuhwerk

von Tim Schomacker

Bremerhaven, 7. Juni 2017. Ich saß mal abends im Bryant Park. Kaum jemand war mehr da. Es hatte heftig geregnet. Auf dem und um das Rasenrechteck herum standen Stühle. Irgendwie (dabei aber sehr deutlich) schienen kleine menschliche Verhältnisse hier nachgebildet. Besser: übrig geblieben vom Tag. Ohne die Menschen. Ein ebensolches Arrangement baut der polnische Performer Ludomir Franczak ins Zentrum seines kurzen, konzentrierten, stillen Abends "Odzyskane", mit dem soeben – fast aufreizend ruhig, möchte man sagen – das Bremerhavener Festival "Odyssee Europa" eröffnet wird.


Stadttheater Bremerhaven

Was Sarrazins Propheten künden

von Jens Fischer

Bremerhaven, 17. Juni 2016. Am Anfang sind zwei Männer auf der Bühne. Ein Clowns-Duo: Harald und Andreas im Business-Design. Sie beschreiben ihre Welt als eine saubere. Aber es muss eine kranke sein, darauf verweisen die karrieregeil glühenden Augen der beiden Managertypen. Getriebene sind sie, wollen immer das Letzte an Arbeitsleistung aus ihren wohl mit Energydrinks betankten, bestens ausgebildeten, sinnentleerten Körpern holen – immer schneller, immer mehr vom Kuchen der Macht.


Stadttheater Bremerhaven

Erdbeeren für Mohammed Atta

von Tim Schomacker

Bremerhaven, 7. Mai 2016. Das ist doch mal eine veritable Liebesszene in Zeiten des Live-Kamera-Theaters. Vor zwei Meter auseinander stehenden, nach unten gewinkelten Objektiven bewegen sich äußerst sachte zwei Hände. Die Bilder dieser Hände werden ganz oben auf eine Wand inmitten der Drehbühne projiziert. Übereinander gelagert, entsteht so ein neues, drittes Bild. Das einer Früh- und Erstbegegnung von Haut. Erst ein übersanftes Klaviermelodiechen lässt die Szene Richtung Kitsch kippen.


Stadttheater Bremerhaven

Die Streber sind Mittelmaß

von Andreas Schnell

Bremerhaven, 26. Dezember 2014. In Peer Gynt steckt viel vom modernen Menschen. Durchaus auch ein Kapitalist, der die Welt erobern will, ein Größenwahnsinniger, der es unter Kaiser gar nicht macht. Aber eben auch ein radikaler Selbstverwirklicher, was alles mehr miteinander zu tun hat, als es zunächst scheinen mag – aber ganz dasselbe dann doch nicht ist.


Stadttheater Bremerhaven

Gesucht ist Zukunft mit Vergangenheit

von Jens Fischer

Bremerhaven, 24. Mai 2014."78 % haben lange schon keine Furcht und kein Mitleid mehr gehabt." "99 % der Mütter würden ihre Töchter nicht Klytaimnestra nennen." "67 Prozent denken bei Chrysothemis an Blumen." "Über 60 Prozent finden, Demokratie ist langweilig." In solchen Statistiken spricht der Chor Mykenes, das Kollektiv der Stimmen, denen Regisseur Thomas Oliver Niehaus diese karikierend kommentierenden Texte unterschiebt, die vom Zugedröhntsein mit Informationen handeln, vom Desinteresse am öffentlichen Diskurs. Aber auch vom Glauben an normierte Meinungen und scheinbar objektivierende Zahlen künden. Gegeben wird Sophokles' "Elektra".


Stadttheater Bremerhaven

altAlles Palette

von Andreas Schnell

Bremerhaven, 14. Juni 2012. Im Mai 1911 startete eine Expedition unter der Leitung von Wilhelm Filchner auf dem Motorsegler "Deutschland" in Richtung Antarktis, um eine Passage durchs Eis zu finden — dass es keine gab, war damals noch unbekannt. Auch sonst verlief nicht alles nach Plan: Die Überwinterungsstation überlebte die Flut nicht, dann wurde das Schiff vom Packeis eingeschlossen und kam erst neun Monate später wieder frei, der Kapitän starb während der Reise, Unstimmigkeiten zwischen Besatzung und Forschern führten zu Mobbing und Meuterei.


Stadttheater Bremerhaven

Walverwandtschaften

von Andreas Schnell

Bremerhaven, 24. März 2012. Reichlich frisch noch ist Ilija Trojanows jüngster Roman "Eistau", die Geschichte des Gletscherforschers Zeno, der sich als Lektor auf einer Antarktiskreuzfahrt verdingt, um seinen Gletschern nahe zu sein, aber damit zugleich Teil dessen wird, was er bekämpft. An diesem Widerspruch wird er irre und verfällt auf einen radikalen Plan: Die Passagiere, die an einer spektakulären Kunstaktion teilnehmen, bei der sie ein riesiges SOS auf dem Eis bilden, lässt er in der unwirtschaftlichen Landschaft allein, er kapert das Schiff und fährt davon.


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Dr. Papiertiger

von Andreas Schnell

Bremerhaven, 5. November 2011. Wir müssen uns Faust als lächerlichen Menschen vorstellen. Aber lassen Sie mich anders beginnen. Der "Faust", den Thomas Oliver Niehaus in Bremerhaven am Stadttheater inszeniert hat, ist so gar kein mittelalterlicher Gelehrter. Mit seinem Pullunder, der eleganten Brille und der sorgfältig gebügelten Hose ist er ganz der moderne, aufgeklärte Studienrat von heute. Und das ist schlüssig, weil sich das Problem des alten Faust, das sich auf den Begriff der Sinnsuche bringen lässt, bekanntlich ein Dauerbrenner in der Gesellschaft ist, in der wir leben. Und schließlich, auch das hat sich seit Goethe im Kern erhalten, muss in der Regel die Liebe dafür herhalten, die doch kaum dafür taugt, weil sie sich unterm Druck, den ganzen Rest zu kompensieren, einschließlich der "narzisstischen Kränkung", einmal sterben zu müssen, erst recht verflüchtigt.


Stadttheater Bremerhaven
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Immer diese Widersprüche

von Andreas Schnell

Bremerhaven, 4. Juni 2011. Sie ist ja wahrlich manchmal zum Verrücktwerden, die Welt, in der wir leben. Da sind den einen die Austern nicht zart genug, während sich andere mit einer Handvoll Reis bescheiden müssen. Da sind die einen Helden, weil sie, um ihr bescheidenes Leben zu verbessern, in fremde Länder aufbrechen, während andere als Wirtschaftsflüchtlinge geschmäht und als illegale Ausländer verhaftet und abgeschoben werden.


Stadttheater Bremerhaven
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Es war einmal das erste Haus am Platz

von Andreas Schnell

Bremerhaven, 19. März 2011. Sie werden an eine Hotelzimmertür gebracht. Sie werden erwartet. Ein Mädchen, vielleicht elf oder zwölf Jahre alt, öffnet die Tür, bittet Sie, Platz zu nehmen, und beginnt zu erzählen. Sie war einst die Disco-Queen, sogar in der Zeitung sei sie gewesen, man habe das doch sicherlich auch gelesen. Dann die Jahre in London, wie sie dann ihren Mann kennen gelernt habe... Ob sie wohl noch in ihre alten Ballerina-Outfits passen würde? Und jetzt wollen wir ein bisschen tanzen. Sie schaltet den archaischen Cassettenrecorder an und tanzt. Sie bittet ihren Gast, mitzutanzen. Dann aber verliert sie die Lust daran. Geht ans Fenster und versucht, den Vollmond zu sehen. Aber da ist nur die Fassade eines Elektronikkaufhauses. Bremerhaven sei aber schon eine tolle Stadt. Warum? "Die Aussicht – manchmal." Es klopft an der Tür, Zeit zu gehen, eine Karte müssen Sie noch ziehen, dann müssen Sie gehen. Die Karte weist den Weg zu einem weiteren Hotelzimmer, einer anderen Geschichte.


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