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archiv » Hessisches Landestheater Marburg (8)
Hessisches Landestheater Marburg

Wie es drinnen aussah

von Michael Laages

Marburg, 14. September 2019. Wer erinnert sich noch daran, wo er oder sie war zu Pfingsten 1993, genauer: am 29. Mai 1993? Beim alljährlichen Jazzfestival in Moers am Niederrhein etwa bekundete der englische Musiker Fred Frith unter Tränen Trauer und Zorn angesichts des mörderischen Brandanschlags, der in der Nacht zuvor ein Zweifamilienhaus in Solingen getroffen hatte; etwas mehr als 100 Kilometer weit weg vom Festival.

Fünf Menschen waren bei diesem Feuer gestorben, zwei Mütter, drei Kinder, über ein Dutzend weitere wurden teils schwerst verletzt. Junge Männer, die der rechtsradikalen Szene zugeordnet werden konnten, hatten das Feuer gelegt. Der Anschlag stand in einer Reihe rassistischen Terrors, der nach der Wende '89 in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda begonnen und sich kurz vor Solingen in Mölln fortgesetzt hatte. Kohl hieß der Kanzler; er weigerte sich, an der Trauerfeier für die Solinger Opfer teilzunehmen – das sähe nach "Beileidstourismus" aus. Jaja, es war viel Beileid nötig in jenen Jahren.


Hessisches Landestheater Marburg

Fick dich ins Knie, Melancholie

von Alexander Jürgs

Marburg, 1. Juni 2019. Ohne Slapstick geht es nicht. Der König bekommt seinen verwirrten Auftritt im Nachthemd, sein Hofstaat rennt und schlittert über die Bühne, einer verheddert sich mit den Hosenträgern, es wird geseufzt und gegrunzt. Valerio begräbt sich unter einem Haufen aus Koffern, und als der Name der Hochzeitskandidatin – Prinzessin Lena vom Reiche Pipi – verkündet wird, kriegen sie sich gar nicht mehr ein vor Gekicher. Natürlich geht es nicht ohne Slapstick. Schließlich sind wir hier ja im Sommertheater.


Hessisches Landestheater Marburg

Raus aus dem Kohl

von Esther Boldt

Marburg, 2. Februar 2019. Wie zeigt sich Macht? Und wer übt sie aus? Können, beispielsweise, fünf Frauen Bundeskanzler werden? Oder vielmehr: ein Chor von fünf Frauen, von fünf Körpern, sich in einem Bündel zusammenknäulend oder auf chrom-weiße Freischwinger setzend, oder da, breitschultrig am vorderen Bühnenrand stehend? Ein Chor von fünf Frauen, die sich in scheinbaren Nebensächlichkeiten verplappern und deren kollektiver Körper der Betrachterin stets zu entgleiten droht?


Hessisches Landestheater Marburg

Doppelte Mörderköniginnen

von Alexander Jürgs

Marburg, 21. September 2018. Das Gefängnis ist ein goldlackierter Käfig mit schrägem Boden. Senkrechte und waagerechte Schlitze als Fenster und Ausgänge hat dieser Bühnenkasten, in ihm eingeschlossen ist Maria Stuart, die Königin von Schottland. Sie singt, sie durchwühlt die Papiere, sie hofft, sie hadert. "Nicht das Schafott ist's, das ich fürchte, Sir."


Hessisches Landestheater Marburg

Mit Wellenschlag und Pipapo

von Marcus Hladek

Marburg, 18. April 2015. Na also, geht doch: völlige Dunkelheit im Theater. Ohne Restglimmen verdeckter Notausgangsleuchten am Bühnenrand, ohne vergessene LED-Lämpchen an der Hinterseite von Scheinwerfern. Dass sich das oft gegebene, nie gehaltene Versprechen völligen Dunkels eben doch verwirklichen lässt, wenn, dank kleiner Zuschauerzahl, Sicherheits-Vorschriften ausnahmsweise ausgehebelt sind, ist die erste Erfahrung mit der jüngsten Produktion der Marburger Reihe "Theater in der Finsternis".


Hessisches Landestheater Marburg

Fußnotenhimmel im Jenseits

von Grete Götze

Marburg, 20. April 2013. Die rechte Bühnenhälfte, auf der Purl Schweitzke und Lum leben, sieht überschaubar aus: Purl steckt mit den Beinen bis zum Knie in Heimwerker-Rindenmulch, er kann nur senkrecht knien oder nach vorne gekippt auf dem Bauch liegen. Und Lum kommt durch seine mit einem Gürtel zusammengeschnürten Beine auch nicht recht voran mit seiner Gartenarbeit. Die Beiden sind zwei verkrüppelte Figuren in Wolfram Lotz' zweitem Stück "Einige Nachrichten an das All", wie sie auf einem Zettel lesen müssen, der ihnen auch nicht erklärt, warum sie da sind. Damit sie sich keine Sinnfragen mehr stellen müssen, wollen sie zusammen ein Kind bekommen – eine genauso lustige wie tragische Vorstellung.


Hessisches Landestheater Marburg

altDer Traum der Eisenmänner

von Andreas Wicke

Marburg, 25. Februar 2012. Am Anfang steht der Lexikonartikel, die Bühnenfiguren versuchen die Handlung der Nibelungensage zwischen Edda, mittelalterlichem Heldenepos und Hebbel'schem Trauerspiel zu verorten und das Geflecht der Personen zu entwirren. Der Schluss steigert dann die theatralen Mittel der Inszenierung zum großen Showdown: Die Video-Projektionen erhöhen das Tempo und tauchen die Bühne in Flammen, die verzerrten E-Gitarren-Klänge werden aggressiver und übertönen die Worte der Schauspieler, Blut färbt Bühne und Kostüme, wenn eine der brutalsten und monströsesten Geschichten der Weltliteratur sich nach knapp zwei Stunden dem Ende zuneigt. Doch die Katastrophe ist von Anfang an absehbar, der Pakt, den Gunther und Siegfried zu Beginn schließen, um die Gunst Kriemhilds und Brunhilds zu erlangen, kann kein gutes Ende nehmen.

Hessisches Landestheater Marburg
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Vollpfosten im Vollholz

von Marcus Hladek

Marburg, 5. November 2011. Helles Holz beherrscht Petra Straß' Guckkastenbühne bis ins Waschbecken links vorne, gar nicht zu reden von den Holzstufen an der linken Wand und dem hölzernen Kamin hinten, der später, rollbar, zur wilden Liebesjagd dient. Boden und Wände sind, na was?, aus Holz. Ebenso die riesige Weltkarte aus Holzkontinenten hinten, die wie das Foto des Stadthauptmanns neben einem Wallebart alle paar Minuten von der Wand purzeln werden, damit sich der Slapstick-Rhythmus so steigert, dass es die Inszenierung immer tiefer ins Chaos treibt. Man ist in der tiefsten Provinz: Alles ist schlechte Ordnung und Datscha.


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