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archiv » Landestheater Schleswig-Holstein (5)
Landestheater Schleswig-Holstein

Sechs Personen suchen einen "Faust"

von Falk Schreiber

Rendsburg, 26. Oktober 2018. "Von Zeit zu Zeit seh’ ich den Alten gern." Dieses Vorspiel im Himmel hat alles, was ein ordentlicher "Faust" braucht: Pathos. Ironie. Goethe-Text. Und zwei Schauspieler, die aussehen wie Will Quadflieg und Gustaf Gründgens. Bloß irritierend, dass die beiden nur als Videoeinspielung zu sehen sind. Und der Text ist zwar original Goethe, aber die Lippen der Darsteller bewegen sich nicht. Nein, einen ordentlichen "Faust" gibt es an diesem Abend in den Rendsburger Kammerspielen nicht.


Landestheater Schleswig-Holstein

Von Bechern und Fässern

von Melanie Huber

Rendsburg, 16. Dezember 2017. Fünfzehn mit Wasser gefüllte Plastikbecher stehen aufgereiht am Bühnenrand, am rechten äußeren Ende kniet Neele Frederike Maak, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Ihr blondes Haar steht wirr nach allen Seiten ab, ihr Blick ist starr, angstverzerrt. Sie ist Pip, der Schiffsjunge der "Pequod", von dem es in Herman Melvilles Roman "Moby Dick" heißt, er sei dem Wahnsinn verfallen – in jedem Fall ist dieser Pip hier stummer Leidtragender einer Geschichte, die auch von Machtmissbrauch und Ausbeutung erzählt.


Landestheater Schleswig-Holstein

Hier kommt die Kälte

von Michael Laages

Rendsburg, 2. März 2017. Wann wohl wäre zuletzt so gnaden- und so ausweglos, so fundamental und fürchterlich vom großen Traum erzählt worden: von der Liebe, die doch vielleicht all den Schrecken, all das Grauen des menschlichen Alltags vergessen lassen könnte?


Landestheater Schleswig-Holstein

Die Frau mit Mehr

von Matthias Weigel

Rendsburg, 13. Februar 2012. Der Rendsburger Merkwürdigkeiten gibt es einige zu berichten. Nicht nur, dass hier der Theaterraum als sporadische Spielstätte des Landestheaters Schleswig-Holstein immer leicht leblosen Stadthallen-Charakter ausstrahlt. Mit Hjalmar Söderbergs Drama "Gertrud" (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Text von Einar Schleef) hat Regisseur Reinhard Göber auch ein äußerst selten gespieltes Stück eines Autors ausgegraben, der eine Art schwedischer Arthur Schnitzler ist. Ein Stück, welches er mit durchaus modernen Mitteln auf die Bühne bringt – die allerdings etwas planlos eingesetzt werden. Vor einem Publikum, das – der Aussage meiner älteren Sitznachbarin zufolge – zwar eigentlich lieber "einen Don Carlos sieht", sich aber dann von nackter Haut und Vergewaltigung nicht aus der Ruhe bringen lässt. Da fängt ein Zuschauer, der eine der Requisiten-Zeitungen auffängt, auch schon mal an, in Seelenruhe die Saturn-Anzeigen durchzublättern. Heiner Müllers "Hamletmaschine" kommt auch noch vor. Und schließlich nicht enden wollender Applaus.


Landestheater Schleswig-Holstein
alt

Auf dem Ponyhof der Leistungsgesellschaft

von Eva Biringer

Rendsburg, 17. Dezember 2011. Wenige markante Attribute genügen, um das Vater-Mutter-Kind-Spiel als bittere Farce zu entlarven: Mit spitzen, plastikbehandschuhten Fingern zupft die Mutter an der quietschrosa Rosenblüte herum, die Pumps hat sie gegen Lackgummistiefel getauscht, die Haare zum akkuraten Chignon gebunden. Wenn sie das Wort an ihr Kind richtet, dann immer im hysterischen Stakkato, selbst wenn die Botschaft "Alles aus Liebe" lautet. Der Vater arbeitet derweil an seinem Handicap, wenn er nicht gerade dem Wein beim Atmen zuhört. Eine Kleinfamilie mit viel Geld, wenig Liebe und dem unbedingten Willen, ihr Kind auf höchstmögliche kapitalistische Verwertbarkeit hinzubiegen. Der Regisseur und Autor Markus Bauer, Jahrgang 1973, findet in seiner Inszenierung von "A Clockwork Orange" am Stadttheater Rendsburg in solch desaströsen Elternhäusern den Grund für eine symptomatische Gewaltspirale. Frei nach dem Motto: Das Leben ist kein Ponyhof.


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