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archiv » Brechtfestival Augsburg (8)
Brechtfestival Augsburg

Der Schwejk-Komplex

von Willibald Spatz

Augsburg, 21. Februar 2020. Ein Abend über Schwejk auf einem Brechtfestival sollte besser scheitern, um zu gelingen. Denn Brecht selbst ist an Schwejk gescheitert. Brecht versuchte schon in der 1930er Jahren eine Dramatisierung des Romans von Jaroslav Hašek, wurde in den 1940er richtig unglücklich darüber und gab das Fragment bis zu seinem Tod nicht zur Uraufführung frei. Die passierte 1957 erst posthum in Warschau. Und die Kritiker verrissen sie damals enthusiastisch.


Brechtfestival Augsburg

Horatier und Kuriatier auf Skype

von Sabine Leucht

Augsburg, 16. Februar 2020. Da kommen zwei Männer aus Berlin nach Augsburg, suchen sich zwei freie Gruppen vor Ort und zwei Regisseure, die möglichst weit von der Fuggerstadt wie voneinander entfernt leben. Sagen wir: Die eine in Amerika, der andere in Russland. Es geht um Brecht, deshalb denkt man den Kalten Krieg gleich mit. Und da war doch noch was mit Radio-Theorie: Brecht mochte dieses Senden in eine Richtung nicht. Sondern eher so was Zweigleisig-Dialogisches wie das heutige Internet. Bingo! Warum nicht die Augsburger Gruppen mit ihren Regisseuren via Videostream und Skype arbeiten lassen? Kosten darf es nichts. Also gibt es kein Bühnenbild und nur knapp eine Woche gemeinsamer Endproben ohne WWW-Prothese. Und fertig ist die "Lehrstückzentrale".


Brechtfestival Augsburg

Kaputt sind immer die anderen

von Willibald Spatz

Augsburg, 23. Februar 2019. Naheliegend: der Baal, den Brecht sich als junger Mann ausgedacht hat, war so eine Art Kurt Cobain. Genial war jede seiner Handbewegungen, aber irgendwie war es ihm auch egal, er konnte mit dem Beifall der anderen nichts anfangen, im Gegenteil: Jede Form der Anerkennung trieb ihn fort von seinen Mitmenschen. Sowohl Kurt Cobain, der sich 1994 siebenundzwanzigjährig erschoss, als auch Brechts Baal sind junge Menschen gewesen bei ihrem Ableben.


Brechtfestival Augsburg

"Etwas Unvernunft, bitte!"

von Willibald Spatz

Augsburg, 23. Februar 2018. Stillstand ist ätzend, Stillstand ist kaum auszuhalten, aber immerhin gut zu bebildern, zumindest in Christian von Treskows Inszenierung vom "Untergang des Egoisten Johann Fatzer". Dabei geht das Stück zunächst recht munter los: Vier Herren, darunter auch der Fatzer, steigen während des Ersten Weltkriegs aus ihrem Panzer und gehen nach Hause. Alle vier gemeinsam zu einem von ihnen nach Mühlheim an der Ruhr. Schließlich ist praktisch jede Minute entweder mit dem Ende des Kriegs oder ihrer Hinrichtung oder dem Ausbruch irgendeiner Revolution zu rechnen. Es passiert aber: nichts, zumindest nichts davon. Stattdessen sind die vier unfreiwillig in einer Warteschleife gelandet, in der sie sich wieder mit so alltäglichen Dingen wie der Beschaffung von Nahrungsmitteln und Affären mit zu Hause zurückgelassenen Frauen befassen müssen.


Brechtfestival Augsburg

Brecht zersägen

von Willibald Spatz

Augsburg, 9. März 2017. Dieses Brechtfestival ist ein Festival der Brecht-Darsteller. Schon am Mittwoch bei den "Svendborger Gedichten" des Baggard Teatret Svendborg und der Augsburger Bluespots Productions spielte einer den Brecht. Und einen Tag später steht Patrick Wengenroth auf der Bühne und stellt den Brecht dar, er steht unter besonderer Beobachtung, denn er ist seit diesem Jahr der Leiter des Brechtfestivals.


Brechtfestival Augsburg

Welche Medizin schmeckte zu schlecht dem Sterbenden?

von Willibald Spatz

Augsburg, 3. März 2017. Gleich von Beginn an macht Selcuk Cara deutlich, dass er hier nicht einfach ein Lehrstück von Bertolt Brecht inszeniert, weil man das von ihm auf einem Brechtfestival erwartet. "Die Maßnahme" besitzt für ihn eine hohe Aktualität und Dringlichkeit, und das soll auch der Zuschauer spüren. Zunächst muss er in einem eigentlich für diese Menschenmenge zu kleinen Zelt in der Kälte auf den Einlass warten. Dieser wird dann auch nur portionsweise gewährt. Man wird von zwei Türsteherinnen mit Fragen wie "Bist du ein Mensch?" oder "Wofür bist du dir zu gut?" belästigt, bekommt Taschenlampen ausgehändigt und wird schließlich ins Kühlergebäude des Gaswerks Augsburg geführt.


Brechtfestival Augsburg

"Ich bin alle"

von Willibald Spatz

Augsburg, 30. Januar 2015. Beinahe glücklich wirkten die Redner während ihrer Eröffnungs-Ansprachen darüber, dass das Thema "Exil" gerade in aller Munde ist. Man muss ein Festival lange im Voraus planen und das Motto festlegen, und jetzt will es der Zufall, dass das öffentliche Geschehen sich so passend entwickelt. Tatsächlich gibt es in den kommendem Tagen Veranstaltungen dort, wo es angebrachter erscheint, über Flucht und Vertreibung zu reden, als an den üblichen Orten der Hochkultur. Darunter sind zum Beispiel Lesungen in Heimen, in denen Augsburger Asylsuchende untergebracht sind. Mal sehen, ob das Publikum dieser Schritt hinaus in die Realität stärker berührt als eine herkömmliche Aufführung am gewohnten Platz.


Brechtfestival Augsburg

altDie Klügere gibt nach

von Willibald Spatz

Augsburg, 12. Februar 2012. Wir befinden uns in der dritten Runde des zweiten Anlaufs. Vor sechs Jahren sah man sich in der Stadt Augsburg veranlasst, Bertolt Brecht, der hier geboren wurde, in Form eines Festivals zu ehren. Man holte den Schriftsteller Albert Ostermaier als Festtivalleiter. Er lud Gäste von weither ein, die er diskutieren, musizieren und auch performen ließ. Es entstand das abc-Festival, wobei "abc" für "Augsburg Brecht Connected" stand. Drei Jahre lief das, und die meisten waren schwer beeindruckt, weil Augsburg ein wenig Metropolen-Flair erhielt. Die Stadt bekam eine neue Regierung, die schaffte erst mal das Festival ab, da es angeblich zu teuer war.


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