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archiv » Schauspielhaus Zürich (144)
Schauspielhaus Zürich

Wie ein misslungener Purzelbaum

von Christoph Fellmann

Zürich, 20. Mai 2017. Die vier Absolventen dieser Schule tragen je eine graue Hose, ein weißes Hemd, eine schwarze Krawatte und darüber eine rote Strick- oder vielleicht auch Signalweste. Denn ja, man könnte sagen, diese Zöglinge strebten nach Rettung, nämlich vor einer Zukunft, die für sie nur Konkurrenz, Weiterbildung und Optimierungsprogramme bereithalten wird.


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Sind wir nicht alle ein wenig Knecht?

von Valeria Heintges

Zürich, 6. Mai 2017. Es beginnt verheißungsvoll. Ein Film-Intro, volle Breitseite des Eisernen Vorhangs. Riesige Lettern verkünden: "Der Matti" und "Puntila", dazu im Film beide unterwegs im Auto, Chauffeur der eine, Chef im Fond der andere. Riesige Lettern für "Wald", "Zeit", "Das Geld", "Der Mensch" und "Das Neue". Zum Intro-Abschluss geht es in "Die Bar", kleiner Ort und Weltbühne zugleich. Diese Bar ist mächtig heruntergekommen, nur ein Wagen im Birkenwald. Ein Gast, ein Wirt. Der Wirt hat mitgesoffen, schlaff wie eine Puppe hängt er überm Tresen. Der Gast faselt, von Aquavit, vom willigen Geist und vom schwachen Fleisch, und von führenden Persönlichkeiten, die nicht halten, was sie versprechen. Der Gast ist sternhagelvoll.


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Frau Holle und der Hexenhammer

von Christoph Fellmann

Zürich, 7. April 2017. Kinder drehen Steine um, und erschreckt vom Licht wuseln die Tierchen davon. Von der Angstlust, die dieses grausige Spiel einst bedeutet hat, wird man an diesem Abend am Zürcher Schauspielhaus eingeholt. Herbert Fritsch, dieses ewige Theaterkind, zieht den Vorhang und blendet das Licht auf, und panisch wuseln acht Schauspielerchen davon in die Ecken ihrer gefangenen Bühne oder unters riesige Kissen, das darauf liegt. Sie sind grimmig geschminkt und grotesk ausgestattet zu Märchengestalten; man glaubt König Drosselbart zu erkennen, Rotkäppchen und Frau Holle, Rapunzel oder Schneewittchen.


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Männer weinen heimlich

von Christian Rakow

Zürich, 9. März 2017. Hall liegt auf diesem Abend. Schon in den Celloklängen und minimalistischen Gitarren-Riffs, die Live-Musikerin Maartje Teussink aus der Tiefe des Bühnenraums in Richtung Parkett weht. Aber auch die Figuren sind von einem ganz eigenen Hall erfasst. Bildlich gesprochen. Es ist, als würde sich alles, was sie einander zu sagen haben, sogleich von ihnen entfernen, in die Höhe entschweben, nie zum Sprecher zurückkehren.


Schauspielhaus Zürich

Verzweifeln, verstummen, verschwinden

von Valeria Heintges

Zürich, 25. Februar 2017. Der Schweizer Schriftsteller Markus Werner war in seinen sieben Romanen, von "Zündels Abgang" 1984 bis zu "Am Hang" 2004, der "Typologe der anarchisch-wilden Aussenseiter" (NZZ). "Zündels Abgang" wird in der kleinen Kammer des Zürcher Pfauen in einer Dramenfassung wiedergeboren; es beschreibt das bittere Scheitern eines Lehrers an der Wirklichkeit, sein Ausgleiten auf den Glätten des Schicksals und den brutalen Worthülsen des Lebens.


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Euthanasie 2.0

von Christoph Fellmann

Zürich, 10. Februar 2017. Fabienne Villiger und Gianni Blumer liegen auf weißem Bettzeug und liebkosen sich im Scheinwerferlicht. Sie trägt eine Unterhose, er ist nackt. Eine Kamera filmt sie und überträgt die Bilder live auf die Großleinwand, wo man die Haut von nahem sieht, die Haare, die Küsse. Was ist das? Porno? Pasolini? Die Performerin und der Performer sind geistig behindert. Was ändert das? Geht das zu weit? Oder ist es ergreifend? Und wenn ja, warum? Weil dazu die ergreifenden Leçons de ténèbres von François Couperin laufen?


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Warten auf Sade

von Christoph Fellmann

Zürich, 2. Februar 2017. Yukio Mishima wurde 1925 geboren. Er nannte sich nach den japanischen Worten für Schnee und für jene drei Inseln, von denen aus der Fuji, der höchste Berg in Japan, zu sehen ist. Im Gymnasium lernte er die europäische Literatur kennen, die er später, in seinen eigenen erfolgreichen Romanen und Stücken, teilweise imitierte. 1966 schloss er sich einer national und auf die kaiserliche Tradition ausgerichteten Bewegung an, gründete eine Miliz, stürmte mit vier Kameraden das Militärhauptquartier in Tokio, nahm eine Geisel und forderte die Auflösung des Parlaments. Dann beging er Selbstmord, gemeinsam mit seinem Lover und gemäß den tradierten Regeln der Samurai.


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Dieses lange, graue Leben

von Valeria Heintges

Zürich, 14. Januar 2017. Siggi Schwientek steht da, hängende Schultern, große traurige Augen, Tränensäcke, graue Hosen, graue Haare. Ein Pullover mit Blumen, wenig grün, viel grau, natürlich. Farblos in der Farbigkeit. In einer Hand schlenkert der Revolver, in der anderen die Wodkaflasche. Zweimal Rettung, zweimal Untergang. "Onkel Wanja" von Karin Henkel am Pfauen des Zürcher Schauspielhauses beginnt mit dem Ende – und doch nicht: Wanja hat einen misslungenen Tötungsversuch hinter sich. Er wollte die Waffe gegen sich selbst richten, sich umbringen, endlich. Noch vielleicht 13 Jahre zu leben, das ist ihm viel zu lang. "Man muss nun mal leben, auch wenn man es gar nicht will", sagt Sonja zu ihm, am Anfang statt am Ende. Der Grundton ist gesetzt.


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Reden nach dem Urknall

von Christoph Fellmann

Zürich, 7. Januar 2017. Einmal, vor dreizehn Milliarden Jahren, da waren wir alle ganz dicht beieinander. So wird es erzählt an diesem Abend, an dem sich die Menschen hinterherrennen, an dem sie sich anschreien und ins Wort fallen und an dem sie sich immer wieder falsch verstehen. Und der Grund dafür ist ja klar: "Es gab einen Urknall", und ab dann waren die Menschen nicht mehr ganz dicht beieinander, sondern "ganz dicht auseinander". Mit anderen Worten, sie wurden auseinandergeknallt, was aber nicht heißt, dass sie sich nicht doch noch sehen und hören, dass sie nicht doch noch pausenlos kommunizieren können.


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Diskutieren Sie diesen Text!

von Christoph Fellmann

Zürich, 17. Dezember 2016. Stimmt das eigentlich, dass Donald Trump bald neuer US-Präsident ist, oder ist das auch nur wieder eine Behauptung der Lügenpresse? 86,3 Prozent der Menschen nämlich halten gemäß einer frei erfundenen Zahl die traditionellen Nachrichtenmedien nicht mehr für vertrauenswürdig und beschaffen sich ihre Informationen lieber von den 60 Billionen Webseiten, die das Internet bereithält. Wobei letztere Angabe womöglich ebenfalls nicht ganz wasserdicht ist, stammt sie doch aus dem neuen Theaterstück von Guy Krneta, in dem er 85 Prozent der Menschen sagen lässt, es hänge von der Schauspielerin oder dem Schauspieler ab, ob sie der gerade referierten Statistik glauben. Und Kunden, die ein Ticket für dieses Stück erwarben, hatten sich zuvor bereits für Aufführungen nicht-dokumentarischen Theaters interessiert!


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Ein Sportstück

von Valeria Heintges

Zürich, 2. Dezember 2016. Wir sollten über das Klettern reden. Denn Gregor Samsa klettert wie wild über die Wände und die Decke seines Schlafzimmers. Er hangelt sich am Treppengeländer hinab ins Wohnzimmer und huscht über Tisch und Anrichte. Der Clou der Inszenierung von Franz Kafkas "Die Verwandlung" am Zürcher Pfauen ist das Bühnenbild von Börkur Jónsson, der zwei Räume untereinander auf die Bühne hat bauen lassen: Unten das Wohnzimmer der Familie Samsa, oben Gregor Samsas Schlafzimmer.


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Scheitern bleibt persönlich

von Andreas Klaeui

Zürich, 22. Oktober 2016. Ein Mann unserer Zeit = ein gemachter Mann, seine Männlichkeit eine gesellschaftliche Konstruktion. Frau Schmitz ist eine gemachte Frau. Insofern ganz klar eine Frau unserer Zeit. Lukas Bärfuss entwirft in seinem jüngsten Stück das Szenario einer Transgender-Persönlichkeit, anfangs noch ohne operative Geschlechtsumwandlung.


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Die unverhoffte Macht des Hamsters

von Julia Stephan

Zürich, 1. Oktober 2016. Mit König Ödipus hat man den "Homo faber" oft verglichen. Doch mit dem Mann aus Theben teilt der Schweizer Ingenieur, den der Autor Max Frisch 1957 in die Welt geschrieben hat, weder Wissensdrang (sein Weltbild ist gemacht) noch ein unvermeidliches Schicksal (das Leben hätte doch noch ein paar Notausgänge für ihn offen gehalten).


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Apokalypse im Kurort

von Elske Brault

Zürich, 17. September 2016. Was, wenn die Kur nicht bloß eine kurze Auszeit bedeutet, um gesund zu werden, sondern zum Dauerzustand wird? Wenn der angestrebten Einheit von Körper, Seele und Geist die spirituelle Zielsetzung fehlt, wenn warme Bäder, Gymnastikübungen und Vollwertkost nicht dem Wohlbefinden dienen, sondern Selbstzweck sind? Autor Ferdinand Schmalz glaubt, in einem Thermalbad die ideale Metapher gefunden zu haben für unsere weitgehend anstrengungslose, schmerzbefreite Wohlstandsgesellschaft.


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Antigone unter der Leichenpresse

von Andreas Tobler

Zürich, 10. September 2016. Antigone hat einen neuen Job. Mal wieder, möchte man meinen, nachdem sie schon so vieles war – in der flexiblen Welt der Zeitverarbeitungsagentur Theater, wo das dramatische Bühnenpersonal immer wieder neue Aufgaben zu fassen hat. Nach Maßgabe der jeweiligen Interessen.


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Wo, bitte, geht's hier zum Theater?

von Valeria Heintges

Zürich, 21. Mai 2016. Spät, sehr spät kommt Zürich mit Elfriede Jelineks Werk "Die Schutzbefohlenen". Dafür aber mit Wucht: fünf Häuser, sechs Stationen, zehn Aufführungen, dazu drei Konzerte und ein fünf Punkte umfassendes Rahmenprogramm. Das Gesamtprogramm dauert von 17 Uhr bis Mitternacht, mindestens. Kein Mensch kann alles sehen, trotz der Shuttlebusse zur Roten Fabrik am linken Seeufer. Aber "Die Schutzbefohlenen" als Event? Als Happening, Bananen und Schokoriegeln für den Snack in der Pause, mit freundlicher Unterstützung vom Milliardenkonzern Migros?


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Rassismus im Guckkasten

von Geneva Moser

Zürich, 4. Mai 2016. Ein schneeweisses Andorra, frisch geweisselte Zäune und Mauern – das ist das Raster, durch das die Geschichte von Andri zu betrachten ist, Hauptfigur in Max Frischs Parabel vom Whitewashing, wie man heute, 55 Jahre nach der Uraufführung von "Andorra" am Schauspielhaus Zürich, wohl sagen würde. Dieses weisse Raster ist natürlich noch mehr als das effektvolle Bühnenbild der Andorra-Inszenierung von Bastian Kraft.


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Leerstelle des Gefühls

von Andreas Tobler

Zürich, 23. April 2016. In den grossen Momenten, von denen es an diesem Abend dann doch so einige gibt, kippt das satte Bunt des Licht ins zersplitterte Grau. Schatten von bewegten Händen drehen am Horizont vorüber, die sieben Ladies, die den Abend hauptsächlich bestreiten, gruppieren sich zu einer Menschenskulptur, als die sie auf der Drehbühne an uns vorbeirotieren. Das sind nur einige der Momente, in denen man gerne einen Brief schreiben möchte. Wie anno dunnemals, als Louis Aragon 1971 dem bereits verstorbenen André Breton von Robert Wilsons "Deafman Glance" berichten musste – als Verwirklichung der gemeinsamen surrealistischen Träume.


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Rauch über Theben

von Christoph Fellmann

Zürich, 1. April 2016. Sieht aus wie Chur, 1948, aber stopp, stopp, stopp. Das kann man ja eigentlich nicht kennen, zumindest nicht aus eigener Anschauung. Schließlich ist es erstens lange her, und brachte es die Inszenierung, die Bertolt Brecht damals von der "Antigone" in der Schweizer Kleinstadt erarbeitete, zweitens auf gerade mal drei Vorstellungen und ein halb verkauftes Matinée-Gastspiel in Zürich. Vom verstorbenen Bert Neumann stammt noch die Idee, die damalige Bühne von Caspar Neher nun auf der nämlichen Pfauenbühne zu reproduzieren – ein offenes Halbrund mit abschließender Sitzbank, auf der die Spielerinnen und Spieler rauchen und auf ihren Auftritt warten, und mit der eigentlichen, durch vier Pfähle mit Pferdeschädeln markierten Spielfläche. Rauchen? Genau. Denn so macht René Pollesch in seiner neuen Zürcher Arbeit die "Bühne frei für Mick Levčik", wie Brecht hier heißt.


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Ein Nathan, der in die Kälte kam

von Valeria Heintges

Zürich, 5. März 2016. Es schneit. Auf Moslems, Christen, Juden. In dünnen Flocken, ununterbrochen. Ein Vorhang aus Schnee zerteilt die Bühne des Zürcher Pfauen, führt Menschen zusammen oder trennt sie voneinander.


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Im Mosh Pit der Melancholiker

von Christoph Fellmann

Zürich, 4. März 2016. Einmal, ein einziges Mal kommt es, dass sich die vier Damen und die vier Herren des Abends ganz eng zueinander stellen, und dann hüpfeln und ruckeln sie gemeinsam wie der traurigste Mosh Pit, den die Welt gesehen hat. Und das ist dann auch der Moment, da der sonst so gestrenge Herr am Schlagwerk so etwas wie Swing antönt, oder wenigstens eine Idee davon, wie ein tanzbarer Rhythmus klingen könnte. Eine Erinnerung daran, dass es einmal möglich war, aus seiner Haut wenn nicht gleich zu fahren, so doch heraus zu strampeln.


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Die drei Doppelquoten-Loser

von Valeria Heintges

Zürich, 6. Februar 2016. "1 Mann oder viele", fordert Sibylle Berg für ihr Stück "Viel gut essen" und schreibt außerdem: "Der Einsatz und die Verwendung der (chorischen) Zusatzstücke richten sich nach der jeweiligen Inszenierung." Für die Schweizer Erstaufführung des (2014 in Köln uraufgeführten) Stücks im Zürcher Pfauen hat Regisseur Sebastian Nübling die Anweisung ernst genommen – und doch subversiv-genial unterlaufen. Nübling, den seit seiner Uraufführungs-Inszenierung "Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen" am Maxim Gorki Theater Berlin eine Erfolgspartnerschaft mit Berg verbindet, besetzt mit den drei Schauspielerinnen Hilke Altefrohne, Henrike Johanna Jörissen und Lena Schwarz. Lässt sie aber so gekonnt schminken und in typische nichtssagende Männerklamotten stecken (Kostüme: Pascale Martin), dass nur die Stimmen die Frauen verraten.


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Mephisto in der Mottenkiste

von Valeria Heintges

Zürich, 15. Januar 2016. Klaus Manns "Mephisto" ist das Drama des Ehrgeizlings, des Emporkömmlings, das Drama des Schauspielers, der einen Bund mit dem Teufel schließt, nur um Mephisto spielen zu können. Eigentlich.


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Der Exorzist als Nerd

von Andreas Tobler

Zürich, 9. Januar 2016. Kreuze werden gerammt, Trockeneisnebel wallt über den Sand, eine Horde junger Frauen in Ekstase gibt sich derselben zuckend hin. Wie man sich das halt so vorstellt, also schon bald auf dem Boden liegend und sich wild windend. Und wir sind mit dabei, an diesem Abend, an dem "The Crucible" über die Schiffbau-Bühne gejagt werden soll. Warum? Weil es Regisseur Jan Bosse so will, dass wir uns auf Kirchbänken rund um ein gestampftes Rechteck aus Sand versammeln, um ebenda eben Arthur Millers "Hexenjagd" zu gucken. Also jene 1953 vor dem realen Hintergrund der McCarthy-Ära entstandene Parabel, die zeigt, wie im 17. Jahrhundert eine Dorfgemeinschaft im religiösen Wahn sich selbst hysterisiert – und schon allzu bald zu einem Lynchmob mutiert, nachdem die weibliche Jungmannschaft bei einem okkulten Ritual gegen Dingenskirchen verstößt, na sag' schon, genau: Moral und religiöses Gesetz.


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Spiel mir das Lied von Güllen

von Valeria Heintges

Zürich, 11. Dezember 2015. Spiel mir das Lied vom Tod, scheinen die vier alten, grauen Männer zu sagen, die da am Bahnhof auf den Besuch warten. Einer vertreibt auch noch die Fliege, wie die Cowboys am Beginn von Sergio Leones Italowestern. Auch im Zürcher Pfauen steigt der Tod aus dem Zug, in Gestalt der Multimilliardärin Claire Zachanassian, die den Ort ihrer Jugend besucht. Und scharf geschossen wird auch in Viktor Bodós Version von Friedrich Dürrenmatts "Besuch der alten Dame".


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Katze im Trümmerhügel

von Andreas Klaeui

Zürich, 29. Oktober 2015. Der Hügel, in dem Winnie steckt, besteht aus dem Schutt der Bühnenrückwand. Bühnenbildner Raimund Bauer spielt ein raffiniertes Doppelspiel mit der Schiffbau-Box: Er hat ein Trompe-l'oeil-Bühnenportal eingezogen, das eine klassische Guckkastenbühne zitiert, zugleich klafft in der Rückwand ein breiter Spalt, hinter dem die lichte Bläue eines Kunsthimmels aus dem Beton hervorscheint. Die ausgeschlagenen Mauerteile türmen sich zu Winnies Erdhügel.


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Murmel Murmel

von Christoph Fellmann

Zürich, 17. Oktober 2015. Eine Alte umarmt verzweifelt einen Alten, und der geht weg. Ein Mann fragt sich, warum eine Frau auf ihn zukommt. Ein anderer Mann kommt, bleibt stehen und blickt zu Boden. Dann ist es still. "Aber das bist ja du", sagt die Alte, und der Alte antwortet: "Ich bin hier. Ich war die ganze Zeit hier." Und das trifft ja auch ein bisschen zu auf Jon Fosse, den norwegischen Autor, dessen Texte ein paar Jahre lang auf allen Bühnen zu sehen waren, dann nicht mehr, und der jetzt doch zurück ist – nämlich mit der deutschsprachigen Erstaufführung von "Meer" am Zürcher Schauspielhaus. Im Mai 2014 wurde es in Bergen uraufgeführt, es soll sein letztes Theaterstück sein. Fosse schreibt heute lieber Prosa und Lyrik.


Schauspielhaus Zürich

Labormaus für die Risikosimulation

von Andreas Tobler

Zürich, 25. September 2015. Vor Schillers "Jungfrau von Orleans" strecken selbst gestandene Germanisten die Waffen – angesichts der Tatsache, dass man diesem Stück Weimarer Klassik so ohne weiteres nicht beikommen kann. Auch nicht mit Rückgriff auf die Psychologie seit Sigmund Freud oder den Idealismus des Verfassers. Aber für das Theater sind die Schwierigkeiten des Stoffs kein Grund, sich diesem Brocken zu verweigern, der sich selbst eine "romantische Tragödie" nennt.


Schauspielhaus Zürich

Gottesdienst und Mord und Totschlag

von Valeria Heintges

Zürich, 24. September 2015. Das Krankenhaus liegt im Keller, die Kirche in der Mitte und die Abhörstation direkt neben der Wohnung des Französischlehrers. Für "Die zehn Gebote“ von Karin Henkel hat Bühnenbildner Stéphane Laimé den ganzen Schiffbau des Schauspielhaues Zürich genutzt und für einen Rundgang eingerichtet. Selbst in vier Stunden Theaterabend kann jeder Zuschauer nur sechs der zehn Szenen sehen. In vier Gruppen eingeteilt, sinnigerweise A, M, E und N, zieht das Publikum durch das Haus.


Schauspielhaus Zürich

Das Gift der Zukunft

von Claude Bühler

Zürich, 10. September 2015. Zuerst eine gute Botschaft. Auch in naher Zukunft soll es noch Menschen wie den Kurarzt Tomas Stockmann geben. Wie schon in Henrik Ibsens Originalversion des Schauspiels von 1882 will er auch in der jetzt am Zürcher Schauspielhaus gezeigten Science Fiction-Version von Dietmar Dath noch allen Widerständen zum Trotz die Wahrheit unter die Leute bringen, dass das Kurbad der kleinen Kommune von Giftstoffen belastet ist. Und auch jetzt diffamiert man ihn als "Volksfeind" und schmeisst der Familie Steine in die Scheiben.


Schauspielhaus Zürich

Rauchen, bis die Revolution kommt

von Valeria Heintges

Zürich, 13. Mai 2015. Mit geballter Faust kämpfen die jungen Männer für die Revolution. In drei langen Streifen hängt ihre Fotografie für die Inszenierung von Jean-Paul Sartres "Die schmutzigen Hände" vor dem Eisernen Vorhang des Zürcher Pfauen. Hier wird die Revolution verhandelt, und man könnte denken, bis dahin bliebe den Revolutionären vor allem eins zu tun: rauchen. Gealtert, aber nicht gebeugt, kommt Hugo nach zwei Jahren aus dem Gefängnis. Er saß wegen Mordes, im Auftrag der Partei. Das Opfer: Hoederer, Parteisekretär der Kommunisten. "Auch beim besten Willen ist das, was man tut, nie das, was die Partei einem befiehlt", sagt Hugo. Und: "Von einem bestimmten Moment lassen sie einen allein, die Befehle."


Schauspielhaus Zürich

Big Love is watching you

von Christoph Fellmann

Zürich, 9. Mai 2015. Das Leben als Saustall ist zurück. In Kill Your Darlings hat man sie vor drei Jahren schon in Berlin gehört, "Life Is A Pigsty", diese Klagehymne von Morrissey auf ein unaufgeräumtes Liebesleben. Und jetzt hat René Pollesch das Lied nach Zürich mitgebracht, wo es aber nicht mehr viel zu schöne Turnszenen vertont, sondern wo ein 21-köpfiger Chor dazu die Zähne geputzt kriegt und schließlich zu Marie Rosa Tietjen in die Badewanne steigt. Doch alles Saubermachen hilft nichts, der Chor steht trotzdem wie eine unverhofft eingezogene Wand in der doch eher kleinen Wohnung. Als Wand notabene, die den Eindruck erweckt, als blicke sie die Bewohner an, ja, als spreche sie zu ihnen wie die Sperrschrift auf der betonierten Bühnenrückwand: "DEAD END".


Schauspielhaus Zürich

Im Spiel erwürgt, in echt vergiftet

von Valeria Heintges

Zürich, 11. April 2015. Wer heute Rollenspiele spielt, filmt sich auch dabei. Da geht es Claire und Solange in Jean Genets "Die Zofen" am Schauspielhaus Zürich so wie anderen modernen Menschen auch. Doch für die beiden Schwestern ist das Spiel Überlebenszweck. Würden sie nicht immer wieder spielen, dass eine von beiden Herrin ist und die andere Zofe, und dass die Zofe die Herrin umbringt, sie wüssten nicht, wohin mit ihrer Wut, ihrer Verzweiflung, ihren Sehnsüchten.


Schauspielhaus Zürich

Mysterienspiel der unteren Mittelschicht

von Claude Bühler

Zürich, 21. März 2015. Wüst und öd ist dieses Oktoberfest: abfallübersät, menschenleer, tief schwarz die Wände und die Bühne, gespenstisch weiss das Licht der Leuchtstoffröhren, das Karoline erst selbst mit einem Tritt an den Lichtpfosten in Gang setzen muss – bis es später wieder von allein ausgeht. Keine Eisdiele mit Bedienung, an der Karoline mit dem Opportunisten Schürzinger das Anbändeln üben wird: ein Münzautomat.


Schauspielhaus Zürich

Die Totgeweihten grühühüüüüssen

von Christoph Fellmann

Zürich, 20. März 2015. Eine alte Frau geht durch den Saal der Anstalt, findet entlang der Glasfront zur Schwingtüre, stösst sie auf, quetscht sich umständlich zwischen den Flügeln durch und setzt sich endlich auf den Stuhl neben dem Plattenspieler. Sie zieht eine Vinylplatte aus dem Karton und legt sie auf. Die Traviata stirbt.


Schauspielhaus Zürich

Die Schweiz an und für sich

von Christoph Fellmann

Zürich, 20. Februar 2015. Wo beginnen? Ach, warum nicht vorne. Beim Werbefilm also für Wohlstadt, den ruhigen Ort, der auf Platz sieben der beliebtesten Orte der Schweiz rangiert. (Ein Hinweis an die Leserinnen und Leser: Es gibt diesen Ort nicht wirklich, er wurde für die Bühne erfunden von Dani Levy.) Und als man noch denkt, Wohlstadt, das klinge ja fast wie Wohlstand, da öffnet sich die Szenerie hin auf ein todschickes, modernes Doppel-Einfamilienhaus, in dem auf der linken Seite der Prokurist Balz Häfeli lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern, von denen der Jüngste gerade die Sexualität entdeckt, die Mittlere die Lyrik und der Älteste die Finanzbranche. (An dieser Stelle ist wohl der Hinweis nötig, dass die Schweiz für eine starke Finanzbranche bekannt ist, die wiederum den Wohlstand von Orten wie Wohlstadt befördert. Sex und Lyrik sind weitere, aber unbedeutendere Geschäftsfelder.) Rechterhand zieht der Abteilungsleiter Max Brenner mit seiner Frau ein. (Kinderlos, da, der Hinweis drängt sich womöglich auf, die Karriere bei Karrieristen wie bekannt wichtiger ist als die Produktion von Kindern.)


Schauspielhaus Zürich

Männer kommen, Männer gehen

von Christoph Fellmann

Zürich, 31. Januar 2015. Es lässt sich also ein New York beschreiben, in dem man vor Langeweile stirbt. So begibt es sich jedenfalls in diesem "Frühstück bei Tiffany", an diesem Abend im Schauspielhaus in Zürich. Das Nachtleben ist hier so glamourös ist wie eine Einzelfahrt im Autoscooter, der heiratsfähige Mann so charmant wie eine ungebügelte Trainingshose, und die Musik so frei von Swing, als befinde man sich in einem ökumenischen Jazzgottesdienst der 70er-Jahre. Und nicht in einer der verwegensten Erzählungen aus dem alten New York, in der Holly Golightly als frühes It-Girl die Stadt verrückt macht.


Schauspielhaus Zürich

Er ist nicht Charlie

von Andreas Klaeui

Zürich, 15. Januar 2015. Ist da was? Nein, nichts. Aus diesem Gefängnis bricht keiner aus, unsere Arbeit ist sinnlos. Am Anfang von "Roberto Zucco" steht der komische Dialog zweier Aufseher. Sie nehmen nichts wahr, während hinter ihnen der Mörder übers Dach wegspaziert. In Karin Henkels Zürcher "Zucco" sitzen die Aufseher im Parkett, es sind sämtliche Darsteller, und aus dem Schwarz im Bühnenportal blitzt nur kurz die Figur von Roberto Zucco auf. "Blödsinnig, dass wir hier sind, unsere Arbeit ist sinnlos" – da ist auch die Arbeit auf der Bühne und im Zuschauerraum gemeint. So direkt auf die bürgerliche Theatersituation bezogen, klingen die Worte bitter.


Schauspielhaus Zürich

Heiland im blassrosa Unterrock

von Charles Linsmayer

Zürich, 10. Januar 2015.1935 entstanden, aber erst 1957 in Krakau uraufgeführt, war Witold Gombrowicz' "Yvonne, Prinzessin von Burgund" in der Hochblüte des absurden Theaters eine vielgespielte Entdeckung und leuchtete mit seiner Darstellung einer innerlich ausgehöhlten Gesellschaft auch den Verfechtern einer politisch engagierten Literatur ein. Gombrowicz selbst forderte, es sollten "alle Elemente von Groteske und Humor besonders herausgehoben werden, die den traurigen Stoff des Stücks" neutralisierten, verlangte aber dennoch "Nüchternheit und Natürlichkeit in der Psychologie der handelnden Personen".


Schauspielhaus Zürich

Zürich sucht den Super-Bourgeois

von Christian Rakow

Zürich, 18. Dezember 2014."Vorsichtig!" ist eines der ersten Worte in Luis Buñuels Filmklassiker "Der diskrete Charme der Bourgeoisie". Eine Warnung, vom Bourgeois François seiner Schwägerin Florence mit erhobenem Finger unter die Nase gerieben, bevor sie in kleiner Gruppe zum Dinner bei Bürgersfreunden eintreten. "Vorsichtig!", weil diese gute Florence bei solchen Essen gern mal zu viel trockenen Martini trinkt und dann ein wenig aus der Rolle fällt.


Schauspielhaus Zürich

Gesammelte Liebeswerke

von Christoph Fellmann

Zürich, 16. November 2014. Das ist Sex als Arbeit. Wir sehen in eine kleine Wohnung auf ein Sofa, auf dem ein Mann und eine Frau mit der Herbeiführung eines Höhepunkts beschäftigt sind. Sie rütteln und rammeln, doch ist das Machtgefälle zwischen den beiden bald nicht mehr zu übersehen. "Bisschen schneller", sagt er, und "warte warte warte mal". Sie führt aus. Er, das ist der Banker Fritz Steixner (Fritz Fenne); sie, das ist die vor langen Jahren aus Ungarn nach Zürich gekommene Hure Anna (Annamária Láng), beziehungsweise eben die Geliebte des Bankers, der ihr die Wohnung zahlt und mehr. Es fliessen zwischen den beiden Körperflüssigkeiten, Geld und wohl auch ein bisschen Liebe. Wie heisst es so schön: An der Liebe soll man arbeiten.


Schauspielhaus Zürich

Zettels Version

von Claude Bühler

Zürich, 18. Oktober 2014. Das Publikum war hörbar erleichtert, als die Aufführung beim fünften Akt ankam, jenem Spiel im Spiel, wo die naive Handwerkerstruppe zur Hochzeit des Königs und zum Happyend all der Liebeswirren die Tragödie von Pyramus und Thisbe radebrecht. Und das Ensemble bewies Komödienlust. Claudius Körber als Liebhaber Pyramus näselt mit süddeutschem Akzent durch die Wand, die Klaus Brömmelmeier mörtelverschmiert und mit stoischem Ernst verkörperte, seiner Thisbe (Anna Blomeier) schwülstig-hohle Liebesphrasen zu, die als schauspielender Handwerksgeselle mit dem Mörtel am angeklebten Schnurbart kämpfte. Und mit heiligem Ernst vollzog Körber mit einem Klappmeter als Dolch Pyramus’ Liebesselbstmord, als er die Geliebte von einem Löwen (Katharina Schmidt, mit fürchterlichem Gebrüll) gerissen wähnte. Shakespeares Verse, eine Parodie auf die Lyrik seiner Tage, stachen wie am ersten Tag, das Publikum war hingerissen.


Schauspielhaus Zürich

Schuld and the City

von Christoph Fellmann

Zürich, 20. September 2014. Nur noch Zombies glauben an eine bessere Welt. In St. Petersburg, wo diese Geschichte spielt, wird gerade das Begräbnis des Titularrats Marmeladow abgehalten, als die Toten mit den Lebenden den Kontakt aufnehmen. "Schafft Frieden!", sprechen sie durch die zuckenden Münder der Trauergemeinde, "Liebt euch! Räumt alle ökonomischen Schranken beiseite! Überwindet die Grenzen der Rache und des Neids!"


Schauspielhaus Zürich

Die Kraft der Frustration

von Valeria Heintges

Zürich, 11. September 2014. Als Andrej Sergejewitsch Prosorow seine Natascha das erste Mal umarmt, da ahnt es jeder: Diese Frau wird ihm das Leben zur Hölle machen. Wie ein Bär legt er seinen Kopf an Hilke Altefrohnes Brust. Weil er Hilfe sucht. Und weil er einfach nicht höher hinaufreicht.


Schauspielhaus Zürich

Seelenfänger mit Störgeräuschen

von Julia Stephan

Zürich, 28. Mai 2014. Dass Gregor Alexandrowitsch Petschorin "Ein Held unserer Zeit" (1841) ist, behauptet der Titel von Michail Lermontows einzigem vollendeten Roman nicht ohne Ironie. Einen genauso ironischen, aber auch tödlichen Seitenhieb hat dem Autor später die eigene Lebensgeschichte verpasst: Ein Jahr, nachdem er seinen Roman fertiggestellt hatte, duellierte sich der Russe nach dem Vorbild seines Romanhelden mit einem Offizierskameraden. Anders als Petschorin hatte er Pech. Lermontow starb – 27-jährig – einen Tod, wie ihn viele seiner literarischen Figuren nicht besser hätten vorsterben können. (Auch) aus dem Pathos dieses Endes speist sich bis heute sein Nachruhm.


Schauspielhaus Zürich

Kommissar Zufall kombiniert

von Claude Bühler

Zürich, 15. Mai 2014. Es ist keine Schande, an der Umsetzung von Friedrich Glausers Roman von 1936 zu scheitern. Das passierte schon Leopold Lindtberg mit der bekanntesten Verfilmung von 1946, trotz seines Hauptdarstellers Heinrich Gretler, der das Bild des Wachtmeister Jakob Studer mit Brissago-Stumpen, vertrauenerweckender Basstimme und Studers Lieblingsausdruck "Chabis" (deutsch: Kohlkopf, Blödsinn) etwa so stark prägte, wie Marlon Brando das des Kowalski in "Endstation Sehnsucht" von Elia Kazan. Vom Zürcher Ensemblemitglied Michael Neuenschwander, mit Wilhelm-Tell-Bart, schwarzem Ledermantel und fettigem Haar, kann man sagen, er habe es mit "Chabis" und anderen berndeutschen Einsprengseln nicht schlecht gemacht, den Fahnder solid vorgestellt.


Schauspielhaus Zürich

Boy meets girl(s)

von Claude Bühler

Zürich, 12. April 2014. Der Rest ist Lesen: Der Roman schreibt sich selbst zu Ende, der Autor ist verschwunden, der dunkle Bühnenraum füllt sich wie von Geisterhand mit seinen Textzeilen, projiziert auf die kahlen Betonwände der Schiffbau Box, projiziert auch auf die durchsichtigen Plastikwände, in deren Raum sich sein Liebesdrama abgespielt hat. Eine gespenstische Installation, größer und mächtiger als die Menschen, Sinnbild für eine Geschichte, die sich verselbständigt hat. Mit tragischem Ende, wie wir von Beginn an wissen, denn: "Agnes ist tot. Eine Geschichte hat sie getötet."


Schauspielhaus Zürich

Das Rascheltheater

von Christoph Fellmann

Zürich, 15. März 2014. Erst wenn man mehrmals durch dieselbe Gegend wandere, sagt Ruedi Häusermann im Programmheft, dann werde sie einem vertraut. Die Gegend, das ist in seinem Fall die Literatur von Robert Walser, dem im Kleinen großen, 1956 gestorbenen Schweizer Schriftsteller. Anders als seine berühmteren Schweizer Kollegen betrieb Walser weder hellsichtige Gesellschaftsanalyse (wie Max Frisch) noch groteskes Welttheater (wie Friedrich Dürrenmatt). Lieber widmete er sich in seinen Romanen, vor allem aber in kurzen Prosastücken den wunderlichen Dingen des Alltags, dem Kratzen eines Bleistifts oder einem Wirtshausschild.


Schauspielhaus Zürich

Fechtballett mit geglättetem Affektleben

von Claude Bühler

Zürich, 6. Februar 2014. Trampeleinlagen, vereinzelte stehende Ovationen, mehrere Vorhänge, "Bravo Dügg"-Rufe – das mehrheitlich bürgerlich herausgeputzte Zürcher Publikum bedankte sich beim 83-jährigen Werner Düggelin für eine Komödieninszenierung, die 75 Minuten lang in gelöstem Taktmaß fortschreitet.


Schauspielhaus Zürich

Wer vollstreckt, leidet nicht

von Christoph Fellmann

Zürich, 16. Januar 2014. Ich bin nicht Frisch. Gut möglich, dass der Autor die Autorschaft dieses Abends weit von sich weisen würde. Nun, man kann Max Frisch nicht mehr fragen, der 1991 gestorben und dessen letzter Roman, der hier auf seine alte Heimatbühne kommt, schon 1964 erschienen ist. Aber dass er zuletzt nun selber auf der Bühne stehen würde, entblößt als "Max", wie ihn die Fassung von Dušan David Pařízek und Roland Koberg nennt, das wäre ihm vermutlich unangenehm, im Mindesten. Und so nimmt er ganz am Schluss, kurz bevor das Licht ausgeht, seine übliche Zuflucht in die Erfindung und sagt: "Mein Name sei Gantenbein."


Schauspielhaus Zürich

Der Menschlichkeitsmotor

von Christoph Fellmann

Zürich, 11. Januar 2014. Weil so ein Taxifahrer auch nur ein Mensch ist, hängt im Schiffbau nun ein riesiges, fast das ganze Volumen der Hallen füllendes Schiff. Wieso denn das, kann man sich fragen, aber keine Angst, es hat an diesem Abend alles seine Logik. Und das Schiff – oder vielleicht: die Arche – ist gerade darum das perfekte Bild für die diesjährige Zürcher Soirée von René Pollesch, weil es nicht durch seine Schraube, sondern durch die Lastenzüge an der Decke bewegt wird. Und es wird sich bewegen, schließlich muss es über den Berg, der in Form eines Publikums vor ihm sitzt. Pollesch ein neuer Fitzcarraldo? Aber nein. Dieses Publikum hat begriffen und räumt nach einem langen, langen Applaus freiwillig den Platz. Pollesch hat's wieder getan – den menschlichen Unverstand geteilt und sein Schiff hindurchgeführt. Was für ein beglückendes Stück.


Schauspielhaus Zürich

Metaphysischer Trip

von Claude Bühler

Zürich, 9. November 2013. Schon bei der Platzwahl geht es los: Furzkissen liegen auf allen Sitzen, und sie werden ausprobiert. Im Programmheft steht die Anweisung: "Sie dürfen sich entspannen". Ach ja? Geht das überhaupt bei "Alice im Wunderland", das seit seinem Erscheinen 1865 Lesergenerationen in einen seltsamen Bann aus Staunen, Begeisterung und Angst versetzt? Eine Seite weiter: "Es gibt hier nichts zu verstehen". Das könnte man heute auch so verstehen, dass es nicht leicht durchschaubar wird in dieser "Alice im Wunderland"-Inszenierung von Antú Romero Nunes. Absehbar, dass wir uns bei dem 30-Jährigen nicht einfach, wie bei den vielen Verfilmungen und Bühnenversionen, mit der kleinen Alice ins Kaninchenloch fallen lassen können, um zu erleben, wie sie die Abenteuer bei den sprechenden Tieren, den Kartensoldaten, der Herzkönigin, dem Faselhasen und dem Hutmacher besteht.


Schauspielhaus Zürich

Die Slapstickformel

von Christoph Fellmann

Zürich, 19. Oktober 2013. Er schaffe im Theater den Sinn ab, damit er in Ruhe sterben könne. Das hat Herbert Fritsch früher in diesem Jahr in einem Interview mit der Berliner Zeitung gesagt. Da klingt es wie eine Fügung des Weltspielplans, dass der Regisseur am Schauspielhaus in Zürich nun auf Friedrich Dürrenmatt trifft. Genauer, auf die "Physiker", 1962 an gleicher Stelle uraufgeführt. Da versteckt sich Möbius (Milian Zerzawy) in einem Irrenhaus, auf dass die von ihm gefundene Weltformel nicht dem Sinn, dem Krieg und der allgemeinen Habgier anheimfalle. Er wolle das Eintrittsgeld zurück, rief Fritsch im gleichen Gespräch, für all die Abende, "an denen mir irgendwelche Fundamentalisten und Fanatiker, irgendwelche verhinderten Oberlehrer und Schwachmaten die Welt erklärt haben".


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Identitätsklau nach Kleist

von Ewa Hess

Zürich, 28. September 2013. Diese verfluchten Identitäten schießen wie Pilze aus dem Boden. Oder der Wind bläst sie durch die Türe ins Haus. Sie bilden Grüppchen. Manchmal auch Schlägertrüppchen! Dann gucken sie wieder ganz possierlich, so mir nichts, dir nichts, über die Möbelkanten hinweg.


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Wie ein offenes Rasiermesser

von Andreas Klaeui

Zürich, 13. September 2013. Eine Hinrichtung. Stefan Pucher inszeniert "Woyzeck" in Zürich als Enttäuschung zum Tod, durchexerziert an diesem weichen, willigen Woyzeck (Jirka Zett), der anfangs beflissen von der Hauptmannsrasur zu Arzttermin hetzt, wortlos über den Kampfdrillparcours robbt, alle erdenklichen Schläge einsteckt, und am Ende den Mordgedanken fasst.


Schauspielhaus Zürich

Skandalfrei

von Christoph Fellmann

Zürich, 12. September 2013. Es ist ja kein Skandal mehr, wenn sich der Staat gegen seine Bürgerinnen und Bürger organisiert. Die Enthüllungen von Edward Snowden über die NSA haben es gezeigt. Die Kontrolle und die damit einhergehende Willkür sind akzeptiert als erweiterte Form des Networkings, das jede und jeder dieser Bürgerinnen und Bürger selber ja auch betreibt. Man könnte sagen, dass Franz Kafka vor fast 100 Jahren in seinem nicht abgeschlossenen Roman "Der Prozess" genau diesen Zusammenhang untersucht hat. Ein 30-jähriger Mann namens Josef K. gerät darin in die Mühlen einer Justiz, die sich längst bis in seine nahe Umgebung vernetzt hat, und zu helfen wäre ihm in dieser Farce nur noch durch die Freunde und Frauen seiner Gegner. Es sind auch seine Freunde und Frauen.


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Die brüchige Schönheit des Irreparablen

von Andreas Klaeui

Zürich, 8. Mai 2013. Alles bleibt unsicher und immer in der Schwebe, nichts ist klar und explizit, durch den Text zieht sich eine sanfte Verweigerung. Ein nebliger Fjord und neblige Berge, dazwischen die Unendlichkeit unbestimmter und niemals ausgesprochener Sehnsüchte. Es ist der bekannte Fosse-Sound, der sich auch durch "Schönes" zieht: die Satzrepetitionen in der unerlösten Endlosschlaufe, "es ist lange her, unglaublich wie die Zeit vergeht", der lakonische Minimalismus, "ja – (lange Pause) – ja". 2001 kam das Stück in Oslo heraus, mit einiger Verspätung bringt es nun Werner Düggelin am Schauspielhaus zur Schweizer Erstaufführung.


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Über das eine Prozent

von Claude Bühler

Zürich, 4. Mai 2013. Wie bitte? Nirgendwo sei der Wohlstand "ungleicher verteilt" als in der reichen Schweiz? "Das reichste Prozent" besitzt mehr als die restlichen 99, schreibt das Schauspielhaus Zürich. Für wie viel Fallhöhe das bei Schweizer Verhältnissen auch sorgen mag: Grund genug jedenfalls für die städtische Bühne der Bankenstadt das Spezial-Programm "Arm und Reich. Schlaglichter auf die Ungleichheit" mit Theatervorstellungen, Vorträgen und Diskussionen durchzuführen.


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Der Krebs des Betrugs

von Gerd Zahner

Zürich, 12. April 2013. Manche Romane müssen auf die Bühne. Wie ein Fluss das Mühlrad antreibt und das Mühlrad wieder das Wasser, umfließen solche Bücher die Vergangenheit und die Zukunft zugleich. Die Bewegung setzt sich im Andern fort.
Felix Krull ist so ein Roman.


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Heldenpos(s)e in Badehose

von Beat Mazenauer

Zürich, 14. März 2013. Die Bühnenfläche erhebt sich steil ansteigend im Bühnenraum. Hoch oben, beinahe auf dem Grat, hält Tell den zitternden Gessler umfangen und hört zu, wie dieser sich zu verteidigen versucht. Dann stößt er ihn in die Tiefe. Der Tyrann ist tot, das Spiel ist aus. Für den Schlussapplaus senkt sich die Bühne und gibt sich wieder als harmloser Schweizer Holzboden zu erkennen. Nicht allen im Publikum mochte dieser "Wilhelm Tell" in der Umsetzung von Dušan David Pařízek ganz geheuer sein.


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Latex, Lügen und Video

von Andreas Klaeui

Zürich, 22. Februar 2013. War's das jetzt? Nein, es ist erst die Pause. Nach zwei von zweieinhalb Stunden, kurz vor dem Finale, kommt sie zu einem überraschenden Moment – doch es ist klar: es ist der entscheidende Moment, in dem die Lüge endlich benannt wurde, wo die jahrelange Heuchelei in sich zusammenfällt, der Zusammenbruch von Big Daddy und die Aussprache mit seinem Sohn Brick.


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Riese unter Liliputanern

von Charles Linsmayer

Zürich, 16. Februar 2013. "Ich will etwas ganz anderes sagen als Peter Handke", antwortete Alvis Hermanis, als ich ihn vor der Premiere fragte, warum unter den Texten, aus denen sich seine "Geschichte von Kaspar Hauser" zusammensetzt, keiner aus dessen Schauspiel "Kaspar" stamme. In der Tat machte dann das, was in der Box des Zürcher Schiffbaus an diesem 16. Februar erstmals zu sehen war, aus dem Stoff, der Handke dazu diente, die Determination des Einzelnen durch das erdrückende Herrschaftssystem Sprache vorzuführen, eine Art Märchenspiel, in dem ein ahnungsloser naiver Mensch mit den Künstlichkeiten der Zivilisation konfrontiert wird und in dem beides, das Unverbildete und das Verbildete, für das jeweils andere ebenso zum Faszinosum wie zum Missverständnis wird.


Schauspielhaus Zürich

Rasend humorlos im Schwank gestrandet

von Andreas Klaeui

Zürich, 17. Januar 2013. Ein Lustspiel geht anders aus. Im "Menschenfeind" gibt es am Ende ja nichts als Einsamkeit, Verlust, Konflikt. Hochzeiten sind weit entfernt. In Barbara Freys Zürcher Inszenierung gehören die letzten Augenblicke einem wehmütigen Pianisten (Iñigo Giner Miranda, auch er hat in Zürich einen Korb zu verkraften). In melancholischen Klaviertakten löst sich auf oder vielmehr: löst sich eben nicht auf, sondern bleibt schweben, was eine Komödie nur deshalb ist, weil sich die Wirklichkeit im Witz nun einmal besser abbilden lässt als im Ernst (denn das ist sie ja im besten Fall selber, die Wirklichkeit: ein Witz).


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Seht Ihr diese Wunde!

von Christoph Fellmann

Zürich, 11. Januar 2013. – Der Gesang wüsste schon, wie Erlösung geht. Oh Elektra, won't you weep no more, so gospelt es zu Beginn zur elektrischen Gitarre. Und doch, es ist ein Gesang in Endlosschlaufe, und bekanntlich kommt alles noch viel schlimmer. Viel verhängnisvoller. Denn vor dem Haus der Atriden, nur durch zwei schmale Bretter von der Tür getrennt, klafft ein Grab. Da fällt so gut wie hinein, wer das Haus verlässt. Und umgekehrt, was ihm entsteigt, hat schon sozusagen an der Tür geklopft. Die "Elektra", die Karin Henkel im Zürcher Schiffbau aus den verschiedensten Vorlagen eingerichtet hat, hat hier, an dieser Tür, oder vielleicht besser: an diesem Grab ihren Dreh- und Angelpunkt.


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Der schlimmste Satz

von Christoph Fellmann

Zürich, 19. Dezember 2012. Der Abend beginnt im Schlafzimmer, geht durch einen Supermarkt und die Oper und landet immer wieder auf einer Forumstreppe, die den größten Teil des Bühnenraums einnimmt und auf deren Stufen die "Ährenleserinnen" von Jean-François Millet gemalt sind. Diese Treppe ist nicht nur dazu da, dass das Ensemble sie in einer sehr komischen Szene hinaufschläft, sondern auch zum Debattieren. Zum Beispiel darüber, ob Millet seine Ährenleserinnen seinerzeit dafür bezahlt hat, dass sie ihm Modell sein und "unsterblich" werden durften. Oder ob diese "Musen" damals eine Art von "Praktikantinnen" waren, wie heute die Leute heißen, die kein Geld für ihre Arbeit erhalten. Hier und heute, in der Box des Zürcher Schiffbaus, fehlt die Muse an der Mikrofonstange nämlich, als das Ensemble im Supermarkt so tut, als wolle es eine Filmszene drehen; und das könnte nun tatsächlich daran liegen, dass Statistinnen kein Geld erhalten, oder gerade so gut an ihrer Nikotinsucht.


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Bienen in einer Wabe

von Beat Mazenauer

Zürich, 15. Dezember 2012. Im Haus des idealistischen Wissenschaftlers Pawel Protassow lebt eine kleine Gemeinschaft ungerührt und unberührt von den Konflikten draußen in der Welt. Die Cholera soll grassieren, heißt es, doch davon ist drinnen kaum etwas zu spüren, außer der Schlosser Jegor poltert mal herein. Maxim Gorki schrieb dieses Stück im Jahr 1905, als er wegen revolutionärer Umtriebe für vier Wochen in Festungshaft saß. Erstaunlicherweise tritt die Revolution darin aber kaum in Erscheinung. Die Unruhe unter den Figuren rührt eher daher, dass nicht jede Liebe wie erhofft erwidert wird.


Schauspielhaus Zürich

Wie man den Wolf zähmt

von Oliver Schneider

Zürich, 3. November 2012. Am Ende will Harry Haller es nicht glauben, dass er das Magische Theater nicht verstanden hat. Er war doch eingetreten, um das Lachen zu lernen. Und jetzt? Seinen misslungenen Versuch nimmt Harry so nicht hin. Er will gleich noch einmal in die Geschichte einsteigen, um endlich über sich selbst lachen zu können. Der "Steppenwolf" könnte wieder von vorn beginnen.


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Liebe ist ein Slapstick

von Christoph Fellmann

Zürich, 27. Oktober 2012. Auch der Baum der Erkenntnis ist nur ein Phallus. In der Mitte der Bühne ragt er auf, umschlängelt von seinen eigenen Wurzeln. Die Menschen klettern an ihm hoch und essen seine Früchte. "Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist", steht da nämlich in Latein auf einer Banderole, die um den Stamm gebunden ist. Nun ist es immer gut zu wissen, was gut ist und was böse, bloß hilft es in diesem Fall nicht weiter, denn die Frage ist doch vielmehr, wer welchen Geschlechts ist. Und wer folglich an wessen Gemächt. Der Wald von Arden, in dem William Shakespeare seine Komödie um die Liebe spielen lässt, gleicht hier, in der neuen Zürcher Inszenierung von Sebastian Nübling, weniger einem paradiesischen Ort, aus dem zum Schluss heterosexuelle Pärchen hervorgehen. Um das Zentrum des Apfelstamms blüht vielmehr ein Irrgarten der Liebe und der Lüste, aus dem kein zweisames Entkommen ist.


Schauspielhaus Zürich

Spiel mir das Lied vom Cowboy-Kapitalismus

von Kai Bremer

Zürich, 29. September 2012. Auf dem planen Vorhang im Schauspielhaus Zürich sind schattenhaft Gestalten abgebildet, die im roten Gegenlicht herumzulungern scheinen. Wohl ein erster Hinweis auf Arbeitslose und Wirtschaftskrise. Schließlich wird Brechts "Heilige Johanna" gegeben.


Schauspielhaus Zürich

Josef und die glorreichen Sieben

von Thomas Rothschild

Zürich, 14. September 2012. In seltener Einmütigkeit halten gläubige Juden und gläubige Christen die Bibel für einen nicht nur verbindlichen, weil kanonisierten, sondern auch literarisch bedeutenden Text. Wessen Urteil nicht vom Dogma getrübt ist, weiß, dass etwa die Epen Homers oder "Tausendundeine Nacht" erzähltechnisch wie sujetmäßig der Bibel weit überlegen sind. Sei's drum. Wenn sich Stefan Bachmann dazu entschließt, die Heilige Schrift aus der Kirche ins Theater zu bringen, spielen Kriterien der Erzählung und erst recht des Glaubens ohnedies keine Rolle mehr. Dann gilt die Frage: ist, was auf der Bühne zu sehen ist, sehenswert? Vermittelt es eine neue Erkenntnis, ein visuelles Erlebnis (wie die zahlreichen Bibel-Verfilmungen), bereitet es Vergnügen, fügt es der Lektüre des Buchs der Bücher etwas hinzu? Denn kein anderes Buch wurde in der Menschheitsgeschichte häufiger gelesen. Selbst Brecht antwortete bekanntlich auf die Frage nach seiner Lieblingslektüre: "Sie werden lachen: die Bibel."


Schauspielhaus Zürich

Skepsis eines Luftschloss-Meisters

von Andreas Klaeui

Zürich, 13. September 2012. Ein echter Kotzbrocken ist dieser Halvard Solness. Der kleine König in seinem Reich, kurz angebunden, despotisch, im Blick nichts als Provokation: eine einzige humpelnde Herausforderung an die Welt. Robert Hunger-Bühler spielt ihn mit der ihm zur Verfügung stehenden Eitelkeit und Harschheit. Diesem Baumeister – zuvörderst seines eigenen Erfolgs – gegenüber stehen alle Konkurrenten a priori auf verlorenem Posten: der alte Brovik, den Siggi Schwientek erloschen zeigt, schon lang nicht mehr der Herr in seinem eigenen Haus. Und erst recht Broviks Sohn Ragnar, der sich nicht das Maul aufzumachen traut – und dabei doch die Jugend hätte und die künstlerische Begabung, um Solness nachzufolgen, und der sich bei Milian Zerzawy hübsch verschüchtert in seinen Architektur-Plänen vergräbt, im wahrsten Sinn.


Schauspielhaus Zürich

altSeid Ihr schon, oder spielt Ihr noch?

von Michael Laages

Zürich, 18. Mai 2012. Wahrscheinlich gehört es zu den wesentlichen Qualitäten dieser Aufführung, dass sie auskommt ganz ohne irgendwelches Gewinke mit dem Kino-Zaunpfahl. Denn natürlich weiß das Team um Regisseur Antú Romero Nunes um Steven Soderbergs neuere und vor allem um Andrej Tarkowskis klassische Verfilmung des Stoffes am Beginn der 1970er Jahre in der Sowjetunion. Und wer mit dem Regisseur die Filmbilder kennt, wird die jeweils ganz persönlichen Erinnerungsfetzen beisteuern zum Geschehen auf der Bühne.


Schauspielhaus Zürich

altDie Quintessenz der Intrige

von Andreas Klaeui

Zürich, 5. Mai 2012. Einmal zoomt Werner Düggelin den Zuschauerblick ganz filmisch nah an die Köpfe von Herzogin und Bolingbroke, den beiden Haupt-Gegenspielern in Scribes Komödie, und für einen Moment könnte man wirklich denken, es gebe jetzt den großen Hollywoodkuss. Einen unendlichen Moment lang halten sie sich die Waage, in Anziehung und Abstoßung, Rivalität und flirtendem Kalkül, Hass und Anerkennung. Es ist nur ein Waffenstillstand – die Kampfsituation erfordert es; gleich geht's weiter Stich um Stich und Punkt für Punkt.


Schauspielhaus Zürich

alt

In der Werkstatt der Poesie

von Kaa Linder

Zürich, 20. April 2012. Wo sitzt das Herz des Theaters? In der Box im Schiffbau, die zu Beginn dieses Abend betongrau ist, leer und so attraktiv wie ein mittelländischer Kongresssaal mit Sicherheit nicht. Kein Mensch würde denken, dass hier neunzig Minuten später unter Aufbietung des gesamten technischen Personals eine vollständige Konzertbühne mitsamt Schallschutzwänden und kompletter Saalbestuhlung (Bühne: Bettina Meyer) aufgebaut sein wird und damit der Rahmen gegeben ist für Ruedi Häusermanns Komposition "Vielzahl leiser Pfiffe".

Schauspielhaus Zürich

altMit dem scharfen Schwert der Freiheitsstatue

von Christoph Fellmann

Zürich, 18. April 2012. Von allen Antworten, die bisher auf den "Kulturinfarkt" gegeben wurden, ist dies die frohsinnigste. Sollen die vier Autoren dieses Buches ruhig die Schließung jeder zweiten Bühne fordern: Das Schauspielhaus in Zürich reagiert darauf, indem es seinen Regisseuren nicht eine Bühne, nein zwei Bühnen hinstellt. Ha! Anlass für den gesteigerten Kulissenbau ist: Frank Castorf kam in den Schiffbau, um "Amerika" zu spielen, angereichert durch Einträge aus den Tagebüchern von Franz Kafka.


Schauspielhaus Zürich

altWort ist Mord

von Christoph Fellmann

Zürich, 31. März 2012. Dass es leibhaftig Tote gegeben hat, ist erst ganz am Schluss zu sehen. Da tritt Richard III. hinter die verschiedenen Vorhänge, hinter denen zuvor drei Stunden lang seine Worte zu Taten wurden, und geht ein in die sarggerandete Ahnengalerie. Er ist jetzt selber tot, gefallen in der Schlacht, kurz nachdem ihn auch seine Schlagfertigkeit verlassen hat und er nur noch etwas gesagt hat von einem Pferd, für das er gegebenenfalls sein Dings, sein Königreich was denn schon wieder. Es hätte ein brillanter Schlussmonolog sein sollen und ist doch nur noch Stammeln.


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alt

Gretchen von Amstetten

von Andreas Klaeui

Zürich, 8. März 2012. 24 Jahre in Amstetten: Hinter Eisenbetontüren hält Josef Fritzl seine Tochter gefangen, zeugt mit ihr sieben Kinder, von denen eins kurz nach der Geburt stirbt, er verbrennt den Säugling im Ofen, drei Kinder adoptiert er als Pflegekinder, die anderen drei bleiben im Keller. Man muss sich daran erinnern in Elfriede Jelineks "FaustIn and out", es ist der Kern ihres neuen Theatertextes. Zwei "Einpersonenchöre" (laut Jelinek), FaustIn und GeistIn, umkreisen diesen Giftkern, schweifen davon aus, fantasieren sich im durchaus musikalischen Sinn in Sadismus und Ohnmacht, insistieren, schwappen über zu Goethes Faust. Als "Sekundärdrama zu Urfaust" bezeichnet Jelinek ihren Text, das heißt: er soll nicht als eigenes Stück funktionieren, sondern begleitend zu einer Faust-Aufführung, wie jetzt in Zürich, "kläffend neben den Klassikern herlaufen".


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altEine Welt, kalt und steril wie Aluminium

von Charles Linsmayer

Zürich, 4. Februar 2012. Was als erstes auffällt, ist das Bühnenbild von Claudia Kalinski: eine Konstruktion aus ineinander verschachtelten Bergen aus Aluminiumfolie, ausweglos, unübersteigbar, exakt den Satz "Wir sind von Bergen eingekesselt" umsetzend, der etwa in der Mitte des Abends ausgesprochen wird. Obwohl Daniela Löffner ab und zu mit den Versatzstücken der Schweiz-Kritik spielt, will ihre Inszenierung aber nicht einfach einen allgemeinen Zustand von Beklemmung oder Verklemmung in einem Verbrechen symbolisieren.


Schauspielhaus Zürich

altElend ist keine Stilfrage

von Beat Mazenauer

Zürich, 2. Februar 2012. Untersuchungsberichte sind Gräber der Erinnerung und Denkmäler der Vergesslichkeit. Dies trifft speziell auf historische Berichte zu. In seinem jüngsten Stück lässt der Dramatiker Lukas Bärfuss einen Professor seinen Bericht gleich selbst zum Fenster hinauswerfen – ein Bericht über das Verhalten der Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Er wendet sich lieber der Kategorisierung von Knöpfen zu. Doch die Kiste mit den 25 Bänden fällt unglücklicherweise dem Träumer Tony auf den Kopf, mit Folgen. Wenn dieser aus dem Koma erwacht, haben sich die 20 000 Seiten in sein Gehirn eingebrannt, Wort für Wort, Komma für Komma. Für Tony ist dieses Wissen aber so nutzlos wie die Kategorisierung von Knöpfen, denn niemand interessiert sich dafür.


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Danse Macabre auf Zauberkönigs Auslage

von Andreas Klaeui

Zürich, 14. Januar 2012. "Das Stück spielt in unseren Tagen", schrieb Ödön von Horváth 1931, und es stehen einem die Haare zu Berge, wie einschränkungslos das auch achtzig Jahre später wieder "unsere Tage" sind. Auch in Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" wird ununterbrochen von Krise geredet; auch wir leben in einer Zeit, wo "die Zeiten immer schlechter werden, und zwar voraussichtlich unabsehbar", wie die Marianne so schön sagt.


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Knuddeln und Kämpfen

von Andreas Klaeui

Zürich, 10. Dezember 2011. Wer redet denn von Brettern, die die Welt bedeuten? Die Welt ist ein Sandkasten! Jedenfalls im Zürcher Schiffbau. Eine sandige Manege, an den Wänden schwarzer Plastic. 40 Tonnen Sand liegen da nach Angaben des Schauspielhauses im Bühnenbild von Muriel Gerstner. "Was braucht es", fragen darin, wieder nach Angaben des Hauses (Dramaturgie Katja Hagedorn und Uwe Heinrich), der Choreograf Ives Thuwis und der Regisseur Sebastian Nübling, "um sich in unserem 'postideologischen Zeitalter' (Slavoj Žižek) auf einen gemeinsamen gesellschaftlichen Weg zu machen?"


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Wer hat die Kokosnuss geklaut?

von Michael Laages

Zürich, 26. November 2011. Oberammergau, so ist in jüngerer Zeit ja häufig zu hören, sei mittlerweile nicht nur in passions- und erlösungstechnischer Hinsicht eine lohnende Adresse, sondern auch theatralisch ein Ort neuer Wege. Und das sei vor allem das Werk des Regisseurs Christian Stückl, der außerdem seit Jahren auch den immergrünen Salzburger "Jedermann" allsommerlich vor dem Dom der Festspielstadt mit frischem Feuer ausgestattet hat und überdies (und vor allem) Hausherr ist im sehr solide, ja nachgerade innovatorisch beleumundeten Volkstheater in München. Nun hat Barbara Frey, führende Frauenbeauftragte im deutschsprachigen Theaterraum und als Intendantin am Züricher Schauspielhaus gerade mit Fremdarbeit am Wiener Burgtheater befasst (siehe Nachtkritik vom 24. November), den Mann aus München zu einer Gastarbeit in den "Schiffbau" des Züricher Theaters eingeladen, wie sie männlicher kaum ausfallen könnte.


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Nur einmal noch Schwanensee tanzen

von Andreas Klaeui

Zürich, 22. Oktober 2011. "Weiter träumen" ist ein Stück über Panik. Oder, was hier dasselbe ist, über Desillusionierung, die Enttäuschung darüber, dass das Leben aus nichts weiter besteht als aus einer Folge von Kompromissen, an denen wir uns abrackern, und dass Liebe, Sex, Moral, Glück ziemlich verschiedene Hochzeiten sind, auf denen wir nicht gleichzeitig tanzen können.


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Wogen aus Blei

von Andreas Klaeui

Zürich, 30. September 2011. Vielleicht muss man hinten beginnen. Da haben Hamm (Robert Hunger-Bühler) und Clov (Jean-Pierre Cornu) ihr Spiel, das nie endet, fast schon zum Theaterschluss gebracht, Hamm bleibt alleine im Rollsessel, Clov verabschiedet sich im schwefelgrünen Ausgehkostüm vom Huis-clos in eine Außenwelt – und findet da einen Song. "You will miss me when I burn" von Will Oldham (was für ein schöner Name in diesem Zusammenhang). "It is longing that I feel, to be missed for, to be real."


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Im Boutiquenfürstentum

von Andreas Klaeui

Zürich, 15. September 2011. Die thematische Ballung fällt schon auf: Diese Saison takten die Zürcher Theater mit konzertierten städtischen Sinnkrisen auf. "Wie soll ich gut sein, wenn alles so teuer ist", fragt das Neumarkt moralisch-materialistisch seit Wochen von den Plakatwänden herab und beruft sich dabei auf Brecht ("Der gute Mensch von Sezuan"); überhaupt den urbanen Ausverkauf Zürichs stellt das Schauspielhaus fest ("Alles muss weg!") und begegnet weiterhin festgestellter existenzialer Nausée mit Beckett und Büchner. "Mein Leben gähnt mich an", sagte Leonce schon 1836, und es ist als zweites ja nicht weniger auffällig, dass beide großen Zürcher Häuser zur Formulierung ihrer Diagnosen auf die Klassiker unter den Klassikern zurückgreifen.


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Kultur ist die neue Gier

von Christoph Fellmann

Zürich, 14. Mai 2011. Not herrscht auf der Bühne. Eine Szene muss her, und zwar schnell. Die Schauspieler streiken, und die drei Menschen, durch eine verzweifelte Laune des Schicksals hinter den Vorhang geworfen, der sich gleich öffnen wird: Sie müssen sich ganz schnell etwas einfallen lassen. Nicht, dass sie sich das nicht zutrauen, es sind schließlich drei Menschen aus der Kreativwirtschaft und haben also gelernt, kreativ zu sein, um überhaupt an der Gesellschaft teilnehmen zu dürfen. Also stürzen sie vor den Vorhang und spielen Innerlichkeit. Sich selbst und ihre Gefühle. So etwas wie Liebe vielleicht. Eine größere Lüge hat man noch nie gesehen.


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Ich bin der Stein in meinem Weg

von Andreas Klaeui

Zürich, 1. April 2011. Manchmal geht man als Kritiker ja durch die Durststrecken und verrichtet sein Tagewerk; und vielleicht hätte das Leben doch auch noch anderes bereitzuhalten gehabt. Und unversehens kommt dann wieder ein richtig toller Theaterabend, und alles ist gut. Wo anfangen? Bei der Bühne: Bettina Meyer. Sie hat ein Halbrund in den Pfauen gebaut, in dessen Zentrum nichts ist, ein offenes Loch. Das Ganze etwas viebrockisch heruntergekommen, freilich passen Tschechowsche Lethargie und Marthaler-Warteräume gut zusammen.


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Das Käthchen von hinterm Mond

von Christoph Fellmann

Zürich, 10. März 2011. Es ist Lust, und es ist "in den Tod gehende Betrübnis". Tänzerisch leicht will Friedrich Wetter, Graf von Strahl, durch beides hindurch, von beidem will er sich seine Seele bezaubern lassen in diesem Stück von Heinrich von Kleist. Wie Frank Seppeler diese Sätze beim Wort nimmt schon in der ersten halben Stunde dieses "Käthchens", das ist schlechthin aufregend: Er gibt seinen Grafen von Strahl als überlegenen Trickster und suizidalen Borderliner, der auch vor Gericht bruchlos vom Charme zur Gewalt übergeht (und hey, damit auch durchkommt).


Schauspielhaus Zürich
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Eskalation auf den Gefrierpunkt

von Christoph Fellmann

Zürich, 4. Februar 2011. Ach. Der Seufzer der Amme, der diese Geschichte eröffnet, ist klein und schmal. Man könnte meinen, in der Palastküche zu Korinth sei ein Sack Mehl umgefallen, ­ wäre da nicht dieser Anflug von Panik in ihrem Bericht, so leise, dass man ihn gerade noch wahrnimmt. Der Mann, Jason, hat die Frau, Medea, verlassen. So eine unbedeutende Bredouille wird in diesen Kreisen normalerweise mit der gebotenen Haltung gehandhabt und von den Bediensteten mit souveränem Fleiss wegmoderiert. Zumal es ja auch vernünftige Gründe gibt: Es gilt schließlich, den Stand der Familie (bzw. ihrer Stammhalter) nachzubessern ­ durch Einheirat ins Königshaus.


Schauspielhaus Zürich

Berauscht durch den Kamin gerutscht

von Simone von Büren

Zürich, 3. Februar 2011alt. Man wird hineingeschleudert in diese Inszenierung in einem Wirbel schnell kreisender Bilder  trinkende Münder, Katzen, ein weibliches Auge, Bakterien, Leuchtreklamen, Straßen, wogendes Meer, gegen Scheiben gepresste Gesichter, laufende Menschen. Zu einem gewaltigen Orgelklang stürzt einem die riesige weiße Wand, die saubere Fassade entgegen und enthüllt ein Wohnzimmer mit gold-schwarzen Tapeten, lila Teppich, gelbem Sofa. An die Rückwand projiziert sind in groben Pixeln ein Kamin und das Videobild eines fast identischen Wohnzimmers, auf dessen gelbem Sofa eine halbnackte Frau liegt.


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Die Spinne und ihr Exorzist

von Christoph Fellmann

Zürich, 20. Januar 2011. Also, es war so: Über die Bühne hob sich die Sonne, leuchtete in klarer Majestät in ein freundliches Land und weckte zu fröhlichem Leben die Schauspieler. In der Mitte der sonnenreichen Halde hatte die Natur eine fruchtbar beschirmte Bühne eingegraben, mittendrin stand stattlich und blank ein schönes Scheißhaus. Frank Castorf war nach Zürich gekommen, und der Gotthelf war nicht mehr ganz der Gotthelf.


Schauspielhaus Zürich

Echoräume des Ungeheuerlichen

von Andreas Klaeui

Zürich, 8. Januar 2011. Ungeheuer ist viel, doch nichts ungeheurer als der Mythos. "Ödipus und seine Kinder" nennt Sebastian Nübling die Tetralogie, die er (mit der dramaturgischen Mitarbeit von Katja Hagedorn und Hajo Kurzenberger) aus vier Labdakiden-Tragödien zusammengestellt hat, ganz ähnlich wie jüngst Roger Vontobel in Bochum, jedoch nicht wie dort mit "König Ödipus", sondern "Ödipus auf Kolonos" von Sophokles, dazu "Sieben gegen Theben" von Aischylos, "Die Phönizerinnen" von Euripides und Sophokles' "Antigone".


Schauspielhaus Zürich

Über dem schwarzen Spiegel der Seele

von Andreas Klaeui

Zürich, 18. Dezember 2010. Ein kleiner Abend in der Schiffbau-Box, eine Petitesse – aber was für eine! Eine Annäherung an das Unheimliche, ohne im mindesten gruselig zu tun, ohne es irgendwie an der Oberfläche beschwören zu wollen. Drei kurze Texte von Edgar Allan Poe, ein Schauspieler, ein Schlagzeuger, und ein Bühnenbild, das sich erst unmerklich, dann unerbittlich zum dunklen Spiegel verwandelt.


Schauspielhaus Zürich

Richtig Leben mit Musik

von Andreas Klaeui

Zürich, 11. Dezember 2010. "Sölli? Sölli? Sölli? Oder sölli nöd?", singt er mal – sollte ich? Oder lieber doch nicht? – und dies ist ja genau das Dilemma. Ach, wenn man sich doch nicht immer entscheiden müsste! Ach, wenn man doch wüsste, welches die richtige Wahl ist. Der coole Drink (sagt man noch "cool"?), das passende Outfit, die richtige Feriendestination. Geri Weibel ist der Protagonist einer Kolumne, "Richtig leben mit Geri Weibel", die der frühere Werber und nachmalige Bestsellerautor Martin Suter für das NZZ-Folio schrieb, der klassische Loser in der Clique, der jedem Trend nachhechtet und doch immer zu spät kommt, es ist ein wenig wie beim Hasen und dem Igel.


Schauspielhaus Zürich

Die Auskunftei als Orakel

von Beat Mazenauer

Zürich, 19. November 2010. Ein Mann betritt das Auskunftsbüro, wo seit Stunden bereits eine Frau wartet. Bevor er zugelassen wird, hat auch er zu warten, danach soll er penible Fragen zu Person und Familie beantworten. So beginnt ein Gespräch, dem er zuletzt nur mit einer Prophezeiung seines augenblicklichen Todes entkommt. Jean Tardieus (1903-1995) absurder Klassiker "Der Schalter" ist einfach und überschaubar - könnte man meinen. Doch der Teufel steckt - wie immer - im Detail. Das liegt nicht allein, aber auch an der Regisseurin Anca Munteanu Rimnic, die ihre Vorlage um eigene Texte und die dritte Rolle der wartenden Baronin von Z. erweitert hat - entliehen aus dem Tardieu-Stück "Il y avait foule au manoir" ("Der Ball auf dem Schloss").


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Biografie, noch ein Spiel

von Michael Laages

Zürich, 10. November 2010. Er selber muss sich ja gerade entscheiden, wie und wohin es weiter gehen soll mit ihm. Max Frisch, der studierte Architekt, ist schon gefangen in der Sehnsucht hin zum Theater und hat sich an ersten Stücken versucht, noch ohne nennenswerten Erfolg. Aber Schriftsteller will er werden, jetzt noch, mit über 40 Jahren – "Stiller", in Angriff genommen 1954, erregt als erster Roman großes öffentliches Interesse; Frisch schlägt endgültig den Weg des Schriftstellers ein, und es darf wohl voraus gesetzt werden, dass gerade er, dessen erste literarische Liebe doch das Theater war, von Anfang an zu unterscheiden weiß, welches Material eher zum Theaterstück taugt und welches für das Handwerk des Erzählers. "Stiller" ist also vermutlich nicht zufällig ein Roman.


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Die banal-böse Kraft der Selbsterkenntnis

von Andreas Klaeui

Zürich, 23. Oktober 2010. Romandramatisierungen sind ja der letzte Schrei der Saison. Landauf, landab Epen auf den Affichen. Auch Friedrich Dürrenmatt hat neben dem offenbar nach wie vor meistgespielten deutschen Drama, "Der Besuch der alten Dame", bühnenfähige Prosatexte geschrieben, sie zuweilen eigenhändig zu Hörspielen und Bühnenkomödien umgearbeitet, im Fall der "Panne" die Uraufführung der Theaterfassung gleich selbst inszeniert.


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Versteckspiele zwischen 26 Beinpaaren

von Beat Mazenauer

Zürich, 30. September 2010. "Viel Lärm um nichts" - hin und wieder kommt der Verdacht auf, ob in diesem Titel nicht ein Motto für den anhaltenden Shakespeare-Boom steckt. Shakespeare allenthalben auf allen Bühnen ist so gewiss wie das Amen in der Kirche. Woher rührt die Faszination für diesen Dramatiker, dessen Stücke mit Verlaub nicht über jeden Zweifel erhaben sind? Anything goes oder existentieller Tiefsinn? Doch schließen wir diese Büchse der Pandora gleich wieder.


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"Tod eines Handlungsreisenden" © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie
Kaminfeuer der Ersatzleidenschaft

von Andreas Klaeui

Zürich, 17. September 2010. Ein Traum von einem Auto. In einem Thunderbird fährt Willy Loman in der Schiffbauhalle vor und lässt ihn von seinen Jungs waschen und polieren, dann nimmt er sie mit: vor dem Blue Screen in ein Roadmovie von Amerikas weiten Landstraßen, schönen Städten, ordentlichen Menschen. Stefan Pucher inszeniert seinen Zürcher "Tod eines Handelsreisenden" ganz aus der Zeit heraus: aus den US-amerikanischen Nachkriegsjahren mit ihren filmreifen Träumen von Wohlstand, Erfolg, gesellschaftlichem Aufstieg.


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Form muss sein

von Andreas Klaeui

Zürich, 16. September 2010. Im Abstand von rund einer Generation taucht "Fegefeuer in Ingolstadt" auf den Spielplänen wieder auf, die letzte Welle war in den 70er Jahren, in Zürich gab es damals eine legendäre Inszenierung im Theater am Neumarkt (von Jürgen Flimm). Im Schauspielhaus war das Stück noch nie zu sehen; nun hat es Barbara Frey zur Eröffnung ihrer zweiten Spielzeit am Pfauen inszeniert.


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Triumphmarsch der Mensch-Maschine

von Andreas Klaeui

Zürich, 11. Mai 2010. "Industry and Idleness" nannte der Kupferstecher William Hogarth eine seiner moralischen Bilderfolgen. Sie hat Heiner Goebbels zu einer Komposition und nun zu einem "Szenischen Konzert" in der aufgelassenen Industriearchitektur der Zürcher Schiffbau-Halle angeregt, in dem er fünf Ensemble-Kompositionen locker verknüpft und mit korrespondierenden Sprechtexten unterlegt, "Herakles" nach Heiner Müller, "La Jalousie" nach dem Nouveau Roman von Alain Robbe-Grillet, T. S. Eliots "Triumphal March" aus der Coriolan-Bearbeitung, ein Leporello der Waffenindustrie.


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Der Moralist im Schattenwald

von Andreas Klaeui

Zürich, 9. Mai 2010. Es ist ein Albtraum. Und in Bettina Meyers Bühnenbild ist er von Beginn an enorm präsent: Ein dunkler Wald von Farnen und Koniferen, ein schwarzgrünes Gewucher - wenn sich der eiserne Vorhang hebt, ist da zuerst harziger Weihnachtsduft, gleich auch ein muffiger Unterton, ein Weltdschungel, in dem man sich nicht zurechtfindet, ein unheimlicher Nachtwald. Es gibt darin keine Auftritte und keine Abgänge, nur ein nicht sehr geräumiges, aber abschüssiges Podium, auf dem sich prekäre Konstellationen kurz formieren, aus dem Black ins Black.


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Arbeit Lohn Einsamkeit - und eine große Illusion

von Beat Mazenauer

Zürich, 7. Mai 2010. Gestern ist immer: besser, schöner, vertrauter. Seit 15 Jahren lebt Sándor in der Fremde. Er floh von zuhause, weil er seinen Vater erstochen hatte. "Gestern wehte ein Wind, den ich kannte", sinniert er mit poetischer Entrücktheit. Im Exil aber fehlt ihm der. Er arbeitet in einer Uhrenfabrik und trifft Landsleute. Den Samstag verbingt er mit Yolande. Arbeit, Lohn, Einsamkeit fasst er sein Leben bündig zusammen.


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Kopfüber durch die Beine

von Andreas Klaeui

Zürich, 10. April 2010. Der Betonkubus der Zürcher Box im Schiffbau ist ein Atelier: ein Künstleratelier. Leinwände, Farbtöpfe und Pinsel, ein Rasterwerk am Boden, wie es Hodler über seine Zeichnungen legte, um sie auf monumentale Leinwände zu übertragen, dazu aber auch schon die museumstypischen Audioguides. Noch sind sie im Aufnahmemodus und werden von summenden Darstellern bespielt: mit dem "Bernermarsch", Appell zur kriegerischen Mobilmachung.


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Ich und mein Gold

von Andreas Klaeui

Zürich, 31. März 2010. Eine Figur zum Lachen ist dieser Volpone nicht. Das ist die große Leistung des kurzen – 75 Minuten langen – Abends: André Jung spielt einen Volpone, der in Haltung und Motivationen weit über die Jonson'sche Menschentierfabel hinausgeht; Volpone, der reichste Mann Venedigs, der Fuchs, der schlau den Sterbenden spielt und die aasgierigen Raubvögel reinlegt, Voltore, Corbaccio, Corvino, Geier, Krähe und Rabe, und am Ende selbst reingelegt wird von seinem gerissenen Diener Mosca, der Schmeißfliege.


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Vernarrt in einen Traum

von Beat Mazenauer

Zürich, 11. März 2010. Wo es um Geschlechterrollen und Liebeswirrnisse geht, steht der Narr auf Piket. Shakespeares Komödie "Was ihr wollt" ist ein Paradebeispiel dafür. Wenn die Welt Kopf steht, muss man sie kopfüber von unten betrachten. "Komm Witz, erleuchte mich!", fleht der Clown, der sich selbst einen "Wortverrücker" nennt. Robert Hunger-Bühler gibt ihn frech und illusionslos in Gestalt eines heruntergekommenen Existentialisten, der sich mit Räsonieren sein Geld verdient, oder erpresst. Die Narren sind Shakespeares liebste Figuren. Nicht nur in "Was ihr wollt". Doch reicht das für die übliche Shakespeare-Manie?


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Bis dass der Tod euch scheidet

von Beat Mazenauer

Zürich, 6. Februar 2010. Ein Traum, den Tod zu überwinden. König Admet handelt sich mit den Göttern diese Option aus, unter einer Voraussetzung: Jemand anderer muss für ihn sterben. Doch weder Vater noch Mutter opfern ihr Leben, so dass Admets Gattin Alkestis für ihn in den Tod geht.


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Zahm, albern und durchgeknallt

von Andreas Klaeui

Zürich, 14. Januar 2010. Ist er zahm geworden? Bei allen exzessiv über mehr als fünf Stunden ausgebreiteten Castorfschen Formmerkmalen, beim ganzen Anspielungsreichtum, allen Ausschweifungen im freien Assoziieren, blitzartig erhellenden oder auch nur albernen Kurzschlüssen: Dieser Zürcher "Hofmeister" wirkt übers Ganze doch nur wie vom Blatt gespielt. Liegt es an der Vorlage, die in sich derart divergierend in tausend Teile zerbirst, dass jede Regieanstrengung sie nur mühsam zusammenzuhalten versuchen kann?


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Wenn da nur nicht diese Menschen wären

von Christoph Fellmann

Zürich, 9. Januar 2010. Es ist einer der schönsten Momente in Franz Kafkas "Verwandlung": Der zum Käfer gewordene Gregor Samsa realisiert, was für ein utopisches Potenzial in dem steckt, was ihm da widerfahren ist. Eben war er noch ein fleissig kuschendes Arbeitstierchen unter der Fuchtel eines Provinzprokuristen. Jetzt nutzt er den Tag für ausgiebige Spaziergänge an den Zimmerwänden, und faul an der Decke hängend, verspürt er eine "fast glückliche Zerstreutheit".


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Mit Sitzheizung und Judenmassakereinlage

von Andreas Klaeui

Zürich, 19. Dezember 2009. Besammlung im Kassenfoyer: zur Busfahrt an einen unbekannten Ort. Für die Schweizer Erstaufführung von Jelineks "Stück des Jahres" scheut Regisseur Leonhard Koppelmann keinen Aufwand. Eine Viertelstunde Prolog im Foyer, Wagenvorfahrt mit "Also sprach Zarathustra", eine halbstündige Busfahrt durch Zürich, Klappstuhlverteilung in einer aufgelassenen Werkstatt, neunzig Minuten Pièce de résistance, Rückfahrt ins Schauspielhaus und Epilog im Kassenhäuschen.

 


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Was die Seele ist

von Charles Linsmayer

Zürich, 4. Dezember 2009. "Ich halt das nicht mehr aus. Warum müssen wir immer selbst lieben? Ich will, dass das endlich jemand anderer für mich macht. Ich will das nicht alles selber machen!" Martin Wuttke gibt Aussagen wie diese voller Entrüstung von sich und lässt sich von Carolin Conrads schnippischem "Du willst doch bloß deine Liebe zu mir an jemand anderen delegieren" nicht aus dem Konzept bringen. Er ist sich sicher: "Unsere intimsten Regungen können wir an andere delegieren. Ohne dass wir ein Problem damit haben. Da genau ist unsere Seele: Die Außenbeziehung des Körpers mit sich selbst!" Worauf die Partnerin, um Antworten nicht verlegen, kontert: "Das erlebe ich manchmal, wenn du mit anderen Körpern irgendwelche Außenbeziehungen pflegst: ich weiß dann, das ist meine Seele."


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Der Tod und das Mädchen aus der Standuhr

von Charles Linsmayer

Zürich, 13. November 2009. Aus dem Autorenlabor des Düsseldorfer Schauspielhauses ging unter anderem das Stück "Im Wald ist man nicht verabredet" der 1985 in Wolfhagen bei Kassel geborenen Anne Nather hervor. Thomas Jonigk, bis vor kurzem Leiter dieser Fördereinrichtung, ist inzwischen Autor und Dramaturg am Schauspielhaus Zürich geworden, und in der "Kammer" genannten Studiobühne dieses Hauses ist das Stück am 13. November nun auch zur Uraufführung gelangt. Jonigk begnügte sich allerdings mit der Dramaturgie und überliess die Regie Daniela Löffner.


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Talentgetümmel am Meeresgrund des Obskuren

von Andreas Klaeui

Zürich, 7. November 2009. Es muss schon so sein, wie Clemens Sienknecht vermutet: dass sich heute niemand mehr an Werner Schlaffhorst erinnert, kann nur daran liegen, dass er sich so sehr im Getümmel seiner Talente verzettelte. "Von denen nicht wenige schon aufgrund ihrer Seltenheit eine Rarität waren", wie der Gedenkveranstalter präzisiert.


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Alles Samba, alles super und korrupt

von Christoph Fellmann

Zürich, 30. Oktober, 2009. Es herrscht ein unglaubliches und impertinentes Geschnorr in diesem Stück. Die Besatzung des Provinznests, in das Sebastian Nübling seinen "Revisor" verlegt und bei dem es sich sehr wohl auch um eine größere Stadt handeln könnte, ist geradezu begnadet darin, die Probleme labernd und lallend zu umkreisen. Aber was heißt hier die Probleme? Das Problem. Der Revisor nämlich, der, wie man hört, vor Ort ist, um den Maulaffen und Großkotzen, die sich die Korruptheit gegenseitig mit erlesener Öligkeit einmassieren, zur Abwechslung mal einen schönen Krampf zu bereiten. Und klar: je verkrampfter, desto lauter und größer reden sie.


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Weltbild mit Locusta Migratoria

von Charles Linsmayer

Zürich, 19. September 2009. Es gibt wohl nichts und niemanden, aus dem Rimini Protokoll nicht ein theatralisches Spektakel machen könnten. In "Call Cutta" brachten sie Call-Center-Girls aus Bombay, in Airport-Kids verlorene Kinder aus aller Welt, in "Cargo Sofia-X" LKW-Fahrer aus Bulgarien, in "Das Kapital" Marx-Engels-Spezialisten aller Art, und im eben erst am Zürcher Theater-Spektakel gezeigten Radio Muezzin vier Gebetsrufer aus Kairo auf die Bühne.


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Am kapitalistischen Lack kratzen

von Andreas Klaeui

Zürich, 18. September 2009. Gottfried Kellers Roman "Martin Salander" erzählt das Erwachen aus einem Traum: dem Traum der jungen Schweiz von einem Staat, der vom bürgerlichen Gemeinsinn regiert ist, kein hässlicher Steuereintreiber ist, sondern eine Sache aller mit allen. Knapp vierzig Jahre nach der Gründung des Bundesstaats, die Keller 1848 in "vaterländisch" hochgestimmten Liedern gefeiert hatte, erzählt er in "Martin Salander" die Ernüchterung.


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Bleiche Schwestern

von Andreas Klaeui

Zürich, 17. September 2009. Zerrissenheit. Ein wandelndes, vielmehr schwankendes Dilemma: Das ist Elisabeth von England. Im Widerstreit der Gefühle, der sich widersprechenden Einflüsse, im ständigen Kampf mit sich. Am Anfang ist sie noch ganz Herrin ihrer selbst, burschikos tritt sie auf, ruppig fast; immer mehr weicht sich im Laufe des Abends ihre Kontur auf, wird sie unsicher, zaudernd, bis sie am Ende ihre letzte staatsfrauliche Intrige nur noch mit dem größten Widerwillen überhaupt vollziehen kann. Gerade noch knapp verteidigt sie ihre Stellung, ringt um letzte Freunde und weiß doch schon um ihr endgültiges Verlassensein.


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Ein Ensemble für Zürich

von Andreas Klaeui

Zürich, 19. Mai 2009. Der Ort ist Symbol: Nicht auf der angestammten Pfauenbühne, wie bisher, fand die Medienkonferenz zur Saisonvorschau statt, sondern im Schiffbau. In der wunderbaren Industriehalle in Zürichs Westen, die Christoph Marthaler einst für das Schauspielhaus fand und die seither nicht wenig zur internationalen Ausstrahlung des Theaters beigetragen hat; zum Beispiel Jürgen Goschs "Hier und Jetzt", eben am Theatertreffen, entstand für diese Halle. Und deren finanzielle Zukunft nach wie vor unsicher ist - geradeso wie die ästhetische, das Schauspielhaus ist weit entfernt von einer künstlerischen Oberhoheit, der Schiffbau soll vielmehr in Zukunft verstärkt "kommerziell genutzt" werden.


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Alles nur gespielt

von Martin Kraft

Zürich, 14. Mai 2009. Der Spruch von der "zeitlosen Unverbindlichkeit der Klassiker" kann einem schon in den Sinn kommen. Die unbequemen Wahrheiten, die Brecht in seinem Erfolgsstück verkündet, sind zwar auch achtzig Jahre später unvermindert wahr. Aber ein heutiges Theaterpublikum vermögen sie sicher nicht mehr dermaßen zu provozieren wie jenes von damals. Aktuell sind sie freilich angesichts der heutigen Bankenkrise nicht minder; und das könnte die Versuchung nahelegen, das Werk in dieser Richtung tüchtig zu aktualisieren. "Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?" Scheint diese Frage nicht von heute sein?

 


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Große Fragen, banales Paar

von Andreas Klaeui

Zürich, 9. April 2009. "Bleiben ist nirgends" steht in Beton eingegossen an der Bühnenrückwand. Wo die Erzählungen sich ins ganz Große ausweiten, werden die Wahrheiten allgemein. Aber darunter tun sie es nun mal nicht, die Figuren in Reto Fingers neuem Drama. Ein Echtrasenteppich ist vor der Betonwand ausgebreitet, eine Spielwiese fürs Leben. Mit dem Kreidewagen zeichnet Hans darauf seiner Anna einen Wohnungsgrundriss, eine Behausung, eine Bleibe. Natürlich werden sie noch am zartbitteren Ende beide so unbehaust sein wie am Anfang. Bleiben ist nirgends.


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Der Herr Graf wagt ein Täzchen

von Andreas Klaeui

Zürich, 14. März 2009. Camus neu entdecken? Werner Düggelin scheint es im Moment zu wollen. Nachdem er erst im Herbst den Roman "Der Fremde" mit zwei Schauspielern auf die Bühne des Theaters Basel gebracht hat, inszeniert er nun schon wieder einen Camus im Zürcher Schauspielhaus: "Die Gerechten", das Stück aus dem Jahr 1949, in dem Albert Camus einen nach wie vor brisanten Stoff verhandelt, nämlich die Frage, wie gerecht Töten und Sterben um der Ideen willen sein könnte.


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Der Eine, der Andere, der Nebel

von Felizitas Ammann

Zürich, 22. Februar 2009. Es ist ein leiser Abschied von Zürich. Der künstlerische Direktor des Schauspielhauses, der im Sommer ans Wiener Burgtheater wechselt, präsentiert seine letzte Regiearbeit am Sonntagabend in der kleinen Halle des Schiffbaus. Gewählt hat Matthias Hartmann dafür ein Abschiedsstück: die deutschsprachige Erstaufführung von Jon Fosses "Ich bin der Wind".


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Was kostet die Erlösung?

von Andreas Klaeui

Zürich, 4. Februar 2009. Der Zeitpunkt hätte nicht günstiger gewählt sein können. Pünktlich zur Theaterpremiere gab die Eidgenössische Zollverwaltung bekannt: Die Schweizer Kriegsmaterialexporte sind im vergangenen Jahr markant gewachsen. Behaupte noch einer, das Schauspielhaus programmiere nicht am Puls der Zeit! Auch wenn das Stück schon mehr als hundert Jahre alt ist: In Shaws Komödie "Major Barbara" von 1905, selten gespielt, geht es um Aufrüstung: industriell, innerhalb der Familie und zur Gewinnung des Seelenheils.


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Kein Spiel auf hoher See

von Andreas Klaeui

Zürich, 17. Januar 2009. Kant auf dem falschen Dampfer. Ein Glück nur, dass auch Sunnyi Melles dabei war. Sie war Rettung in des Zuschauers Sehnot. "Immanuel Kant" spielt auf einem Schiff. Der Philosoph gleichen Namens befindet sich auf der Überfahrt nach New York. Dort soll er von der Columbia-Universität geehrt und von seinem Glaukom geheilt werden, "das Augenlicht / für das Licht der Vernunft".


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Warum geht er nicht an die Börse?

von Andreas Klaeui

Zürich, 1. November 2008. "Das ist aber ein schwieriges Stück. Ich bin mir nicht sicher, ob du das auch verstehen wirst", warnte mich eine respektlose Freundin. "Andorra", das Schweizer Lehrstück par excellence – durchgespielt und ausinterpretiert. Seit der Uraufführung 1961 am Zürcher Schauspielhaus war es auch an dieser Bühne manches Mal zu sehen, und es gibt kaum eine Schulklasse, die es nicht von der ersten bis zur letzten Szene durchgeackert und analysiert hätte.


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Cunniliguliere mich!

von Charles Linsmayer

Zürich 24.Oktober 2008. Wenn die acht Protagonisten sich nackt vor dem Publikum in eine Reihe stellen und zu Kalauern und spaßigen Bemerkungen langsam die Kleider anziehen, die Kostümbildnerin Su Bühler für sie bereitgelegt hat, könnte man noch annehmen, dass da nun wirklich etwas von dem ins Haus steht, was Justine del Corte mit dem Titel ihres Stücks evoziert. Aber wer die fünf Projektionsflächen und die Ansammlung von Kameras, Projektoren und sonstigen Gerätschaften ins Auge fasst, ahnt bereits, dass Matthias Hartmann die neun Kapitel des postmodernen Liebesreigens nicht eins zu eins, sondern technisch hochgradig verfremdet und eher virtuell denn realistisch in Szene setzen wird.


Schauspielhaus Zürich

Einblick in den Brustkorb

von Andreas Klaeui

Zürich, 4. Oktober 2008. Es ist ja nicht davon auszugehen, dass sich George Bush II. in seiner Rede vom Kampf des Guten gegen das Böse bewusst war, dass er damit auf einen Topos des altiranischen Philosophen Zoroaster zurückgreift. Dennoch gleichen sich die Szenarien in gespenstischer Weise, bis hin zur versuchten Ehrenrettung des Vaters im erneuten Feldzug, und man sieht sich zur Feststellung genötigt, dass sich die Menschheit seit 480 v.u.Z. nicht groß verändert hat.


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Jonglieren mit Illusionsräumen

von Andreas Klaeui

Zürich, 12. September 2008. Der Vorhang leuchtet gülden, und es beginnt wie ein richtiges Märchen – "richtig" in dem Sinn, wie Kinder das Wort gebrauchen. Nämlich so, wie schon Generationen Schweizer Kinder vor dem Radio, beim Anhören von 33-Touren-Platten, Tonbandkassetten oder CDs in die Märchenwelt eingetaucht sind: Mit der Stimme von "Märlitante" Trudi Gerster, der bald neunzigjährigen Grande Dame der Schweizer Märchenerzählkultur, die vor der Premiere von einem Fernsehteam eskortiert zu ihrem Platz geleitet wurde und eine spezielle Ovation erhielt.


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Kurzer Weg vom Schatz zum Wortschatz

von Felizitas Ammann

Zürich, 20. Juni 2008. "Jetzt haben wir uns fast alles gesagt. Jetzt kennen wir unsere Tage im voraus. Und erkennen uns schon am Klang unseres Gangs. WAS KANN DENN JETZT NOCH KOMMEN?" Ja, was? Ein sehnsüchtiger Blick zurück? Das auch. Vor allem aber kommt Selbstreflexion und Selbstironie, Experiment und – unvermeidlich – Kunst. Weil sich Leidenschaft nach sieben langen Jahren Beziehung nicht einfach wieder herstellen lässt, helfen Anne und Johann ein bisschen nach: mit Streiten, mit Rollenspielen und damit, dass sie einen Film über sich und ihre Geschichte drehen. Kurz: Dass sie ihr Leben zur Kunst erklären.


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Tanz des Hauens und Schlachtens 

von Andreas Klaeui

Zürich, 28. Mai 2008. Während des Karnevals im stillen Tessiner Städtchen Locarno erschreckte eine dem Anschein nach ganz grundlose, einzig aus sich selbst heraus motivierte Prügelei Heranwachsender die Schweiz, bei der ein zufälliges Opfer zu Tode kam. Oder, anderes Beispiel: Im Programmheft der Zürcher Aufführung von "A Clockwork Orange" ist ein Anreißer des Schweizer Boulevardblatts "Blick" zitiert: "Kinder verprügeln ihre Eltern! Wegen Taschengeld, Ausgang, Internet". Und abermals fragt sich eine Öffentlichkeit: Was ist denn das? Was ist mit der "Jugend von heute"?


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Gruppenbild mit Jahreszeiten

von Felizitas Ammann

Zürich, 25. April 2008. Die Vorgeschichte geht so: Jürgen Gosch inszenierte vor eineinhalb Jahren "Der Gott des Gemetzels" in Zürich, zu seiner Enttäuschung schon wieder auf der alten Pfauenbühne statt endlich in der wunderbaren Halle des Schiffbaus. So bat er Roland Schimmelpfennig, ihm ein Stück für Zürich zu schreiben, das nur im Schiffbau gespielt werden könne. Entstanden ist "Hier und Jetzt", ein Text über Liebe und Betrug, der eigentlich überall gespielt werden könnte, in den kahlen Raum des Schiffbaus aber ganz hervorragend passt.


Schauspielhaus Zürich

Raum, Person, Fragen

von Andreas Klaeui

Zürich, 17. April 2008. Es hätte eine Theatergeisterbeschwörung werden können. Die Phantasmen von Antonin Artaud, Edward Gordon Craig, Wsewolod Meyerhold, Charles Dullin reinkarnieren sich in einer Schauspielerin, die auf der Bühne die Frage stellt: Wie kann man spielen? Wie kann man Leidenschaft spielen, Dünkel, Zorn, Verletzung… Die Entstehung des Theaters aus dem Bühnenmoment. Beschwörend fing es an: vor einem leeren Raum, Miriam Goldschmidt ist in einer Gasse zwischen den Zuschauertribünen mehr zu ahnen als zu sehen, "vor uns ein Ort", lässt sie hören: " ... ohne Form, eher ein breites, leeres Viereck ..."


Schauspielhaus Zürich

Magisches Steigen der Kurse

von Andreas Klaeui

Zürich, 29. März 2008. Machen zwei Schwalben schon einen Sommer? Aber ja, wenn der Winter des Missvergnügens so lange gedauert hat! Gegen ihr Ende kommt die Zürcher Saison nun doch noch in Schwung. Liegt es an Shakespeare? Vor ein paar Wochen Stefan Puchers "Kaufmann von Venedig", jetzt "Macbeth" in Sebastian Nüblings Inszenierung: Das sind zwei sehenswerte Zürcher Produktionen. Was ist davon zu halten, dass sie von Leuten stammen, die überdeutlich an die Vor-Hartmann-Ära erinnern? Pucher und Lady Macbeth Bibiana Beglau waren Stützen des Marthaler-Ensembles, Bruno Cathomas und Sebastian Nübling evozieren das Basler Theater der Stefan-Bachmann-Jahre.


Schauspielhaus Zürich

Tadellos möbliert

von Andreas Klaeui

Zürich, 22. Februar 2008. In der nüchternen Schiffbauhalle hängt ein geraffter Samtvorhang, so ein richtiger roter Theatervorhang wie aus dem 19. Jahrhundert. Wenn er sich öffnet, hübsch zur Seite hin drapiert, gibt er den Blick frei auf ein elegantes russisches Intérieur der 1860er Jahre, stilecht bis auf die elektrifizierten Leuchter, mit grünem Vestibül, rotem Salon, blauem Arbeitszimmer und Turquoise-Boudoir, dazu die dahinter liegenden Zimmer, alles in Damast und getäfelt, mit Braunbärfell am Boden und ausgestopftem Pfau auf dem Guéridon, mit frischgebackenen Blini auf dem Porzellanteller und Tee aus dem Messing-Samowar. Ein tadelloses Ameublement aus Dostojewskis Zeit: die Wohnung des Generals Jepantschin.


Schauspielhaus Zürich

Zwischen Bahnhofstraße und Belmont

von Andreas Klaeui

Zürich, 21. Februar 2008. Was gibt's Neues am Rialto? Vokuhila. Venedig trägt Langhaar in mannigfaltiger Variation. Mit Pomade hochgepimpt hat es Bassanio, im prächtigsten Vorn-kurz-hinten-lang frisiert sich Lancelot Gobbo, mit modischem Blondhaarpony trägt's der junge Lorenzo, etwas schütter schon ist es bei Antonio. Und ihm, dem Kaufmann von Venedig, dem melancholisch Liebenden, seinem Bassanio so Verfallenen, dass er für ihn gar ein Pfund Fleisch verpfändet, herauszuschneiden nah beim Herz, ihm gehört der erste Auftritt.


Schauspielhaus Zürich

Ein schlechter Tag für eine Leiche

von Felizitas Ammann

Zürich, 27. Januar 2008. Der Tag hätte so schön sein können. Und vor allem: so kurz. Karin Schlüter hatte ihr Ende perfekt inszeniert: Sie schnitt das Telefonkabel durch, zog ein feuerrotes Kleid an, schluckte Pillen und bestellte den heimlich angebeteten Miroslav, seines Zeichens Fruchtsaftlieferant, auf drei Uhr, damit er die schöne Leiche fände.


Schauspielhaus Zürich

Wer hat Angst vorm Nagetier?

von Christoph Fellmann

Zürich, 19. Januar 2008. Der Gott des Gemetzels ist gross und überall. Wo immer die Menschen die Gelegenheit erhalten, ihre Neurosen hart aufeinander prallen zu lassen, in schäumenden Worten übereinander herzufallen und sich zu zerfleischen, werden sie es auch tun. So auch im vorliegenden Falle. Schauplatz ist eine schicke Wohnung in New York.


Schauspielhaus Zürich

Gewässer der Empfindsamkeit

von Andreas Kaeui

Zürich, 12. Januar 2008. Ein echtes Kernstück des klassischen Repertoires hat sich Nikolaus Helbling am Zürcher Schauspielhaus  vorgenommen: "Miss Sara Sampson", Idealtyp des bürgerlichen Trauerspiels von Gotthold Ephraim Lessing. Und ein waschechtes Stück Aufklärung: gewaschen, sozusagen, mit allen Tränenwassern der von Lessing eigens zu diesem Zweck erfundenen "Empfindsamkeit".


Schauspielhaus Zürich

Geblöke vorm Alpenpanorama

von Andreas Klaeui 

Zürich, 13. Dezember 2007. Vor zehn Jahren in Paris zeigte die Grande Dame des märchenlichten Polittheaters, Ariane Mnouchkine, den Tartuffe in schwarzem Bart und Djellabah, bedrohlich sekundiert von sechs vor Glaubenseifer blitzenden Doppelgängern. Vorgestern in Bern hat das Schweizer Parlament den milliardenschweren Businessmann und rechtspopulistischen "Volkstribun" Christoph Blocher aus dem Bundesrat geworfen.


Schauspielhaus Zürich

Bilderbogen mit schwarzen Schafen

von Felizitas Ammann

Zürich, 7. November 2007. Nur ein einziges Rezept hat der Mentaltrainer für die angstgebeutelten Zürcherinnen und Zürcher: eine Art Turbo-Optimismus. Jedenfalls ist am Schluss das Glas nicht nur halb, sondern ganz voll. Davor sah und erlebte man knappe zwei Stunden lang verschiedenste Spielarten der Angst und was aus ihr so alles erwachsen kann. Und: einen entfesselten Fabian Hinrichs als Mentaltrainer, der über die Bühne fegt, Zuschauerinnen plagt und die Angst ein für allemal austreiben will.


Schauspielhaus Zürich

Unter dem Ding

von Anja Lachmann

Zürich, 4. November 2007. Ein wirklich gewaltiges Teil: Etwa hundert Schritte in die eine, fünfzig Schritte in die andere Richtung. Dabei vielleicht zwei Meter hoch, schwer zu sagen. Eine wuchtige Konstruktion jedenfalls, die da inmitten der Zürcher Schiffbauhalle nur knapp über dem Boden schwebt. Darunter glüht über die gesamte Fläche ein roter, gerade mal hüfthoher Raum. Derartig angefüllt wirkt die sonst so mächtige Halle eng und beklemmend.


Schauspielhaus Zürich

Zürcher Tragödeltes mit Happy End 

von Hartmut Krug

Zürich, 15. September 2007. Nicht mit den leidvollen Worten des Chores, sondern mit stummen szenischen Bedeutungsbildern beginnt die Sophokles-Inszenierung des Züricher Intendanten, die er  "Ödipus – ein Projekt nach Sophokles" nennt. Erst einmal zieht sich ein Mann aus und beschmiert sich am hinteren Ende der Bühne den nackten Körper mit weißer Farbe. Dann tünchen vier Maler langwierig die gesamte hohe Glastür, die das vordere Viertel der weiten Leere der Bühne (einer nach vorn abfallenden gläsernen Schräge) abtrennt. So ist das Elend der in Theben herrschenden Pest nicht mehr zu sehen, aber nicht ausgesperrt. Die Gesellschaft ist aus den Fugen, alte Werte scheinen nicht mehr zu gelten. Was bleibt, ist die Suche nach dem oder den Schuldigen.


Schauspielhaus Zürich

Allerschönste Reminiszenzen an Claire

von Felizitas Ammann

Zürich, 21. Juni 2007. Sie vergisst nichts, die alte Dame. Schon gar nicht das Unrecht, das ihr als junge Frau angetan wurde, und das zu sühnen sie in ihr Heimatdorf zurückkehrt – die Milliardärin Claire Zachanassian mit ihrem unbestechlichen Gerechtigkeitsempfinden und ihrem berechtigten Vertrauen in die Bestechlichkeit des Menschen. Sie ist die Hauptfigur in Friedrich Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame" und in Rimini Protokolls neuem Abend, der den Erinnerungen an die Uraufführung im Zürcher Schauspielhaus vor 51 Jahren nachspürt.


Schauspielhaus Zürich

Und wo bleibt die Haltung?

von Ariane von Graffenried

Zürich, 3. März 2007. Wer zum Teufel ist Hamlet? Ein sehnsüchtiger Zauderer? Ein irrer Grübler? Ein neurotischer Melancholiker? Oder gar ein philosophierender Terrorist? Das Regietheater hat ihn tausendmal gedeutet, ohne ihm aber jemals ganz auf die Schliche zu kommen.


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