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archiv » Landestheater Niederösterreich (14)
Landestheater Niederösterreich

Im Schummer so fern

von Andrea Heinz

Wien, 4. Mai 2019. Eigentlich wären es Texte zur Stunde: Sophokles’ "Ödipus" und "Antigone". Es geht um Fragen von Recht und Gerechtigkeit, zivilem Ungehorsam, Verantwortung nicht nur der Politiker*innen, sondern auch der Bürger*innen für ihre eigenen Handlungen. In "Ödipus"macht einer sich schuldig, weil er blind den Weissagungen glaubt, die ihm prophezeien, er würde sich schuldig machen.


Landestheater Niederösterreich

Elfriede sei mit uns

von Martin Thomas Pesl

St. Pölten, 16. März 2019. Elfriede Jelinek hat oft Tagesaktuelles zu sagen, zeigt sich aber ungern in der Öffentlichkeit. Also ist es seit der Nestroyverleihung 2013 üblich – wird mittlerweile geradezu erwartet –, dass der Puppenspieler Nikolaus Habjan auszieht, ihre Botschaft zu verkünden. Er hatte für Matthias Hartmanns Burg-Inszenierung von Jelineks "Schatten (Eurydike sagt)" eine seiner großäugig furchterregenden Klappmaulpuppen mit Jelinek-Frisur ausgestattet und performte später, die Hand in dieser vergraben, ihren Dank für den Nestroy-Autorenpreis. Habjan, der so das von Nicolas Stemann eingeführte Stilmittel, Jelinek selbst durch eine Schauspielerin auftreten zu lassen, einen Schritt zurück in Richtung Künstlichkeit trug, wurde in Österreich weltberühmt und begann, sich als Regisseur auszuprobieren. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er auch einen Text der Nobelpreisträgerin in Angriff nehmen würde.


Landestheater Niederösterreich

Mitfühl-Theater

von Leopold Lippert

St. Pölten, 3. März 2018. Das Basswummern bringt die kleinen Zuschauer*innentribünen in der Theaterwerkstatt des St. Pöltner Landestheaters ganz schön zum Erzittern. Im schalen Licht des Projektors stehen fünf Frauengestalten vor Jacques-Louis Davids Gemälde von den Sabinerinnen, jenen Opfern einer Massenvergewaltigung, die im Gründungsmythos des antiken Roms schließlich den Frieden zwischen Römern und Sabinern herbeiführen. Langsam, wie in Zeitlupe, treten die Frauen aus dem Gemälde, es sind Kriegerinnen, mit stilisierten Brustpanzern, Lanze, Schwert und Schild. Doch es sind keine Amazonen, sondern Untote, zerschunden und mit starrem, leblosem Blick. Eine robbt verwundet am Boden. Eine andere hat einen Entenkopf als Helm, samt Schnabel. Am vorderen Bühnenrand liegen ein paar alte Bücher mit vergilbten Einbänden. Eines davon klappt Schauspielerin Bettina Kerl auf und beginnt zu lesen, brutale Kriegsbeschreibungen aus Aischylos' "Sieben gegen Theben".


Landestheater Niederösterreich

Auf der Suche nach Zugehörigkeit

von Veronika Krenn

St. Pölten, 20. Januar 2018. Die Welt ist für Franz Tunda ein Haufen Transportkisten, in denen er liebt und lebt. Der Zufall treibt ihn wie abgefallenes Laub im Wind zuerst durch Russland, wo er während des Ersten Weltkrieges als österreichischer Oberstleutnant 1916 in Kriegsgefangenschaft gerät. Er flieht und landet im Nirgendwo am Rande der Taiga bei dem sibirischen Polen Baranowicz, der nur einmal im Jahr in die Stadt geht und Zeitungen mitbringt. Mit Verspätung erfährt Tunda so vom Ende des Kriegs, vom Zerfall der K.-u.-k.-Monarchie, dem Ende des Vielvölkerstaates und macht sich auf den Weg zurück in eine Heimat, die nicht mehr existiert.


Landestheater Niederösterreich

Alles für die Kunst

von Martin Thomas Pesl

St. Pölten, 1. Dezember 2017. Wenn das Saallicht noch an ist, obwohl schon Schauspieler da sind, herrscht meist gequälte Unruhe im Publikum. Hat es nun angefangen oder nicht? Wir sehen einen Prolog, eine Exposition. Tatsächlich wird man zu Beginn von Árpád Schillings "Erleichterung" am Landestheater Niederösterreich in versierter Well-Made-Play-Manier flugs in die wichtigsten Ausgangspunkte eingeführt.


Landestheater Niederösterreich

Revolutions-Zertrümmerung

von Martin Pesl

St. Pölten, 15. September 2017. Auch in Österreich herrscht Wahlkampf. Bis 15. Oktober erläutern Politikmenschen mithilfe aller erdenklicher Medien in mehr oder weniger geschliffenen Phrasen, warum was gut war oder wäre oder was die anderen schlecht gemacht haben. Argumente fliegen durch die Gegend und aneinander wie am Wahlvolk vorbei. Obwohl es in Alia Luques Fassung von Georg Büchners Historienstück "Dantons Tod" an einer Stelle heißt: "Siehst du hier irgendwo Volk?", läuft das hier ganz ähnlich ab, nur dass anno 1789 Enthauptungen noch ein heiß diskutiertes Pro-oder-Kontra-Thema waren.


Landestheater Niederösterreich

Wer hat Angst vor den Türken?

von Veronika Krenn

St. Pölten, 5. Mai 2017. Der Kantinen-Betreiber in der verstaubten Theaterkantine "Zum goldenen Apfel" entpuppt sich als gewitzte Kantineurin, die auch Spätankömmlinge im Zuschauerraum noch in die gute Stube lockt. Michael Scherff trägt eine Schürze, kugelrunde schwarze Ohrringe, rosa Schuhwerk und eine farblich abgestimmte Brille. Sie sei Haushälterin in einem jüdischen Haushalt gewesen, bis man ihr "die Herrschaften vergaste", plaudert sie frisch aus dem Nähkästchen.


Landestheater Niederösterreich

"Vor den Dichtern sterben die Geier"

von Martin Pesl

St. Pölten, 20. Januar 2017. Kärnten, Indien, Japan – das sind die Schauplätze von Josef Winklers "Roppongi. Requiem an einen Vater" aus dem Jahr 2007. Darin setzt er sich mit Begräbnisritualen in Varanasi in Indien und Kamering im Kärntner Drautal auseinander, mit dem Tod seines Vaters und der eigenen Abwesenheit von dessen Beerdigung.


Landestheater Niederösterreich

Masse Mensch

von Kai Krösche

St. Pölten, 9. Januar 2016. Brennt die Welt? Zwar liest man immer wieder, dass wir in Zeiten leben, die friedlicher seien als je zuvor – das subjektive Empfinden sagt dank globaler Vernetzung dennoch das Gegenteil. Hier (oder wenigstens nebenan) und jetzt passiert etwas, knallt's auf Plätzen und in den Städten, strömen die unzufriedenen Massen auf die Straßen, um ihr Leben für Freiheit zu riskieren: Aufruhr, Bewegung, Umsturz (viel zu oft auch: Bürgerkrieg, Terror, humanitäre Katastrophen). Dass hinter den unüberschaubaren Menschenmengen stets eine Summe von Einzelschicksalen mit individuellen Geschichten steckt, ist eine banale Erkenntnis, die man aber allzu oft im unüberschaubaren Wackeln der Youtube-Videos oder den Hubschrauberperspektiven der TV-Berichte zu vergessen droht.


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Ohne Krieg kein Gegner

von Reinhard Kriechbaum

St. Pölten, am 14. März 2015. Eines frühen Nachmittags steht Nikolaj, lange Zeitsoldat im Kaukasus, plötzlich vor der Wohnungstüre seines Heims. Seine Frau Irina ist gerade auf dem Sofa mit dem Nachbarn beschäftigt. Trotzdem wirft sie sich dem Ehemann an die Brust, und Sergej, Freund und Seelentröster in den vergangenen fünf Jahren, schaut ziemlich blöd drein. Nikolaj schaut auch drein: Kaum ein Wort bringt er heraus, und mit körperlicher Nähe zur Ehefrau spielt sich schon gar nichts ab. Ein Kriegs-Traumatisierter, dem das, was für ihn die letzten Jahre hindurch Ordnung war, jäh abhanden gekommen ist: "Wenn du treffsicher bist und kein Krieg ist, das ist so richtig Scheiße."


Landestheater Niederösterreich

Welt von gestern

von Martin Thomas Pesl

St. Pölten, 3. Oktober 2014. In St. Pölten haben sie Halloween einen Monat vorverlegt. Von der Bühne des Landestheaters gaffen tiefschwarze Augenringe aus knochigen Totenköpfen. Je später der Abend, desto toter die Gäste. Wenn der titelgebende "Radetzkymarsch" von Johann Strauss (Vater) nach zweieinhalb Stunden endlich in einer grotesk verzerrten Fassung ertönt und jemand die Ermordung des Thronfolgers ankündigt, ist fast jeder in Zombieland angekommen. "Wir alle leben nicht mehr", hat kurz vorher der Graf Chojnicki zum Baron von Trotta gesagt und damit die verblassende österreichisch-ungarische Monarchie unter Kaiser Franz Joseph gemeint. Aber zu diesem Zeitpunkt haben alle schon verstanden, dass es auch für die Beteiligten der heutigen Eröffnungspremiere gilt.


Landestheater Niederösterreich

"Wir sind unschuldig"

von Martin Pesl

St. Pölten, 20. April 2013. Er stellt sich vor und lächelt uns an. Verbindlich, freundlich, einnehmend. Und heißt auch noch Amor. Dass dieser sympathische junge Mann also dunkelhäutig ist und dennoch kein islamistischer Attentäter, das steht von Anfang an fest. Obwohl wir freilich wissen, dass er weiß, dass wir das denken könnten.


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Spiel mit der Verwandlungskunst

von Thomas Askan Vierich

St.Pölten, 26. Januar 2013. Drei Damen unterhalten sich in der Pause: Zwei finden die Inszenierung manieriert, die Scherze zu dick aufgetragen, das Bühnenbild befremdlich, die Kostüme zu schrill. Eine verteidigt das Stück: Das sei doch wirklich witzig, halt ein wenig übertrieben, aber das sei gut so. Was war passiert? Roland Koch, Ensemblemitglied am Burgtheater in Wien, hat mal wieder inszeniert. "Was ihr wollt" hat er vor rund zehn Jahren schon mal an der Burg gemacht. Er war damals für die erkrankte Andrea Breth eingesprungen. Die Kritik fiel überwiegend wohlwollend aus: Koch war in kürzester Probenzeit eine sehr moderne Inszenierung mit viel Musik gelungen. Kann er diesen Erfolg in Niederösterreich wiederholen?


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Um ein Haar

von Martin Thomas Pesl

St. Pölten, 6. Oktober 2012. Zum Einstand schenkt die Intendantin Bettina Hering St. Pölten eine Prise Virtuosität. Sie lässt Martin Wuttke einfliegen, eigens aus Berlin, und bringt damit, so wird gemunkelt, den Spielplan der Volksbühne gehörig durcheinander. Zwanzig Minuten lang deklamiert Wuttke vor dem Vorhang Texte von Robert Pfaller und René Pollesch, mit einem Eimer, einer Zigarette und seiner wuttkeschen Wucht. Mit diesem Eröffnungsmonolog über den "Beleuchtungswechsel" im Leben und wie wir nicht immer alles meinen müssen, was wir sagen, raubt er dem anfangs noch wie im Kasperletheater dazwischenrufenden Publikum den Atem und gibt vor, was das Landestheater Niederösterreich unter seiner neuen Intendantin einerseits bieten will: intelligente, vollendete Schauspielkunst.


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