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archiv » Konzert Theater Bern (15)
Konzert Theater Bern

Erst nach Übersee und dann bergab

von Maximilian Pahl

Bern, 17. Dezember 2016. Zwei Augen erzählen ein Stück Weltliteratur. Sie schildern es eindringlicher und persönlicher als alles, was sie rundum beobachten müssen: In ihnen gerinnt die Heiterkeit zu Melancholie. Sie weiten sich, um keine noch so triste Aufstiegschance zu übersehen, und schielen im Angesicht des schwersten Debakels noch hoffnungsvoll. Es sind die Augen von Philippe Graber, der damit so schön (und womöglich auch kafkaesk) aus der Wäsche guckt. Der sich fleißig vorstellt mit: "Mein Name ist Karl Rossmann, ich bin ein Deutscher. Bitte sagen Sie mir Ihren Namen."


Konzert Theater Bern

Die Harten im Garten

von Geneva Moser

Bern, 15. Oktober 2016. Ein Visionär, sei er. Das sagt die NZZ (und das Feuilleton im Allgemeinen) über Regie-Shootingstar Ersan Mondtag. Und hier haben wir sie dann, die Vision: Vier Menschen proben im paradiesischen Garten die Vernichtung der Welt, sehnen sich nach der Erfüllung ihrer Paranoia und führen als zeitdiagnostische Exempel gelangweilten Hedonismus vor. Ersan Mondtags Endzeitfantasie "Die Vernichtung" am Konzert Theater Bern: Eine in erster Linie visuell überzeugende, phantasievoll-opulente Bilderwelt voller spektakulärer Effekte.


Konzert Theater Bern

Verschreckte Vögel im Käfig

von Claude Bühler

Bern, 24. März 2016. Es mag erstaunen, dass sich ausgerechnet das Berner Konzerttheater die Schweizer Erstaufführung von Elfriede Jelineks Flüchtlings-Stück sichern konnte, das derzeit die deutschsprachigen Bühnen stürmt, und nicht die beiden auf Aktualität und Prominenz sensiblen Direktionen der Theaterhauptstädte Basel und Zürich. Bern stand ja eher in deren medialen Schatten bis im Januar ein Knall nicht auf der Bühne, sondern dahinter für Schlagzeilen sorgte: Nach nur einem halben Jahr Amtszeit wurde Schauspieldirektorin Stephanie Gräve, deren "fachliche Qualifikationen" der Verwaltungsrat als "unbestritten" deklarierte, freigestellt.


Konzert Theater Bern

Hübsch hymnisch

von Andreas Klaeui

Bern, 17. Dezember 2015. Zu berichten ist hier von einer verpassten Chance. Das Theater Bern führt die "Schutzflehenden" von Aischylos auf. Ein antiker Stoff, dessen Relevanz heutiger nicht sein könnte (wie ja auch Elfriede Jelinek bemerkte, die ebenfalls Aischylos als Vorlage für ihre Überschreibung nahm, die Ende März 2016 in Bern zur Schweizer Erstaufführung kommen wird). In Bern hat man die Tragödie neu übersetzen lassen: Der Autor Gerhard Meister hat unter dem Titel "Die Töchter des Danaos" eine halb berndeutsche, halb deutsche Übertragung verfasst, die sich von allen antikisierenden Schlacken befreit und dicht und leicht verständlich ist. Dialekt spricht der Chor, hochdeutsch seine Gegenspieler. "Dr Zorn vom Zeus / trifft jede vou / wo ke Mitgfüeu het / we öpper i Not isch", singen die Danaiden da etwa, und auch für jemanden, der des Berndeutschen nicht mächtig ist, muss dies nach Sprachmusik klingen.


Konzert Theater Bern

Die Wahrheit des Chores

von Geneva Moser

Bern, 3. Oktober 2015. Mit unverkennbarer Handschrift wagt sich Ulrich Rasche in Bern an die Kleist-Novelle "Das Erdbeben in Chili". Gemeinsam mit Komponist Ari Benjamin Meyers inszeniert er stilgetreu Chortheater in Höchstpräzision und führt sein Ensemble wie taumelnde Traumtänzer durch Trümmerfeld und Paradies.


Konzert Theater Bern

An Illyriens geschlossenen Schleusen

von Brigitta Niederhauser

Bern, 6. Juni 2015. Eine Mannschaft von Trotteln hampelt über die schiefe Bühne, einer schräger als der andere. Das kann lustig werden. "Was ihr wollt oder die zwölfte Nacht", mit der sich Stephanie Gräve, Berns neue Schauspielchefin, vorstellt. ist ja schließlich auch William Shakespeares erfolgreichste Komödie. Viel brünstiges Sehnen und wirres Werben bringt das Völklein auf Illyrien durcheinander, dem fernen Land der Liebe, Lust und der Musik.


Konzert Theater Bern

Gottesdienst des Christus-Teufels

von Valeria Heintges

Bern, 1. April 2015. Feierlich ziehen die Priester zur Messe ein. Vorne die Messdiener, auf Knien rutschend kommen sie nur langsam vorwärts. Gemessenen Schrittes dahinter der Priester. "Wahrlich, ich sage euch, wer keinen Sinn für Humor hat, versteht nichts vom Leben." Eine Messe der sehr speziellen Art feiert das Theater Bern in den Vidmarhallen mit Rodrigo Garcías "Picknick auf Golgatha". Der Priester ist Christus und der gefallene Engel, also der Teufel, in einer Person. "Chaos säen kann ich nicht, das habt ihr schon getan", sagt er.


Konzert Theater Bern

Fett und federleicht

von Geneva Moser

Bern, 14. Dezember 2014. Dünn werden um endlich gesehen zu werden, das sollen die kugligen Kinder in "Seymour oder Ich bin nur aus Versehen hier". Von ihren Eltern in ein Kurhaus in den Bergen verfrachtet, kämpfen sie um den Weg zurück ins Zentrum der Gesellschaft: Optimierungswahn und Zwangsformierung machen auch vor Kindern keinen Halt. Der Neuankömmling Leo glaubt zu Beginn noch, mit ihm sei alles völlig in Ordnung, die Eltern würden ihn bald holen und der englische Cousin Seymour, der nun das Zimmer zuhause bewohnt, sei auch nur vorübergehend da.


Konzert Theater Bern

In Teufelsküche

von Geneva Moser

Bern, 10. September 2014. "Ich hätte Lust, nun abzufahren", wiederholt der torkelnde und taumelnde Faust – und schon dreht sich das Bühnen-Hamsterrad des faustischen Strebens eine Runde weiter. Dieser eine Satz genügt dem ewig flüchtigen Faust, um immer dann, wenn sein abgedrehter Road Trip zum Horrortrip wird, dem Augenblick in veloziferischer Manier zu entfliehen. Das Publikum wird mitgerissen, ob es will oder nicht.


Konzert Theater Bern

Der Albtraum des Gottlieb B.

von Valeria Heintges

Bern, 29. März 2014. Biedermann schläft. Unruhig wälzt er sich auf dem Boden. Ihm träumt, ein fremder Mann sei zu ihm gekommen, habe sich von ihm bedienen lassen und dann Obdach auf dem Dachboden gefunden. Er weiß, es ist ein Brandstifter, aber er findet nicht die Kraft, ihn hinauszuwerfen. Auch seine Frau ist ihm im Albtraum keine Hilfe: Eigentlich wollte sie den Fremden direkt nach dem Frühstück am nächsten Tag loswerden. Aber nun sitzt sie, aufreizend zurechtgemacht, mit ihm am Frühstückstisch und lässt sich lasziv füttern. Auch Anna, das Dienstmädchen, ist als Retter nicht zu gebrauchen. Anstatt ihren Job zu verrichten, segelt sie in hochhackigen Schuhen und leuchtend türkisem Ballkleid daher, flötet Biedermanns Namen und bewegt sich, als sei sie eine Modepuppe mit Gummigelenken.


Konzert Theater Bern

Das groß geschriebene WIR

von Andreas Klaeui

8. Februar 2014. An diesem Sonntag, den 9. Februar, stimmt die Schweiz über die so genannte "Masseneinwanderungsinitiative" ab, einmal mehr eine Abschottungs-Initiative der rechtsaußen politisierenden Schweizerischen Volkspartei SVP. Einwanderer-Kontingente sollen die "Überfremdung" des Landes verhindern. Zum Zeitpunkt, da diese Zeilen entstehen, ist der Ausgang ungewiss, die letzten Hochrechnungen ließen auf ein knappes Resultat schließen. Es gärt was in der Schweiz.


Konzert Theater Bern

Auf der Showtreppe des Lebens

von Ewa Hess

Bern, 20. November 2013. Es gibt sie auch in Bern, auch wenn sie in der gern als allzu gemächlich verspotteten Schweizer Hauptstadt eigentlich als der Inbegriff des Zürchers gelten: Die Email-Checker, Combox-Lauscher, Laptop-Streichler. Menschen wie Anne, wie Peter, wie Holger – kreative Selbstausbeuter, die sich auf der Jagd nach einem ungenügend definierten ökonomisch-narzisstischen Ideal unablässig den eigenen Rücken peitschen. Früher haben die drei als "Cappuccino-Trio" Kaffeehäuser unsicher gemacht. Der süße Milchschaum dieser Tage ist aber längst passé. Die Erinnerung daran wird im Mund der fast Erfolgreichen zu einer nahezu verständlichen Floskel.


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Ein letztes Austrinken

von Charles Linsmayer

Bern, 9. Dezember 2012. "Im Himmel gibt's kein Bier", steht an dem Gefährt geschrieben, das man als Servicewagen von der Bahn her kennt. Und tatsächlich: In Maria Ursprungs Uraufführung  von "Ustrinkata", dieser zauberhaften Geschichte von den Bündner Dorforiginalen, die den Untergang ihrer Dorfbeiz "Helvezia" mit einem letzten "Austrinken" begehen, bekommen die neun Stammgäste statt Bier jene Holzprügel vorgesetzt, die aus der vier Meter hohen Scheiterbeige heruntergepoltert sind, als sie sich zu Beginn des Abends den Weg auf die Bühne freikämpften. Tische oder Bänke gibt's in der himmlischen Wirtschaft natürlich auch nicht, und so stellen die Gäste sich in eine Reihe vor die jeweiligen Holzprügel und nehmen immer dann Achtungsstellung ein, wenn die Wirtin, vom Ende ihres Lokals offenbar schwer mitgenommen, ihr depressives "Viva" oder "Vivat" in die Runde krächzt.


Konzert Theater Bern

Im multimedialen Kreuzverhör

von Charles Linsmayer

Bern, 6. Oktober 2012. Max Frischs Roman "Blaubart" ist ein auf einem realen Vorfall basierendes Dialog-Protokoll, das den mangels Beweisen vom Mord an seiner sechsten Frau Rosalinde freigesprochenen Felix Schad mit seinen hartnäckigen Befragungen auch lange nach dem Prozess noch verfolgt und ihn am Ende in den Selbstmord treibt. Um diesen spröden, um Schuld und Unschuld kreisenden Text herum hat der deutsche Regisseur Michael Simon ein Mehrsparten-Arrangement aufgebaut.


Konzert Theater Bern

Tüftler, Träumer, Visionäre

von Charles Linsmayer

Bern, 14. September 2012. Sie wolle mit ihrem Theater "zum Gesprächsstoff werden in Bern, in der Schweiz", ließ Iris Laufenberg, nach zehn Jahren Berliner Theatertreffen nun Schauspieldirektorin in Bern, in einem Interview verlauten. Mit jungen Regisseuren, die sie schon lange beobachte, "Regisseure mit einer Phantasie, die sich an den Stücken entzündet", soll es möglich werden, "eine eigene Sprache für Bern zu finden". Jan-Christoph Gockel ist einer dieser jungen Regisseure, und ihm oblag es nun, Iris Laufenbergs erste Spielzeit mit etwas Besonderem zu eröffnen. Erstmals wurden in den für Experimente bestens geeigneten Vidmar-Hallen die drei Stücke, die Philipp Löhle als "Trilogie der Träumer" konzipiert hat, an einem Abend gespielt. Der dreistündige Löhle-Marathon begann im Foyer, wo eine nicht ganz ernst gemeinte Ausstellung über verkannte Schweizer Tüftler und Visionäre gezeigt wird.


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