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archiv » Burgtheater Wien (132)
Burgtheater Wien

Die Falschen und die Richtigen

von Martin Pesl

Wien, 13. April 2017. Alle paar Spielzeiten muss ein Nestroy her, in jedem großen Sprechtheater in Österreich. Schließlich will man Publikum, und fürs heimische Publikum en gros sind die Possen aus der Zeit des Vormärz das Non plus ultra: weise und witzig, ohne in die Tiefe zu gehen, immer jugendfrei und mit diesem Tonfall zwischen "tiafem" Slang und poliertem Bühnendeutsch. Österreichische Schauspieler (kaum *innen), die in Nestroy-Hauptrollen glänzen, verteidigen so das Terrain gegen die Deutschen, derer es ja im Theater eh viel zu viele gebe. Die Plots, in denen gierige wie gütige Menschen ihr Lebensglück suchen, halten jedem Regiekonzept stand – zumindest will das Wiener Publikum das gewusst haben. Wehe, jemand lässt sich zu viel einfallen! Als der deutsche Regisseur David Bösch textliche Eingriffe in den "Talisman" des großen Johann Nepomuk wagte, jagte ihn der Großteil der Kritik, wie man in Wien sagt, mit einem nassen Fetzen davon.


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Der Rechtsstaat als Zombiefilm

von Leopold Lippert

Wien, 18. März 2017. Eine amorphe Masse schiebt sich langsam an die schummrig beleuchtete Rampe des Burgtheaters. Sieben Schauspielerinnen, in fahle Stofffetzen gezwängt, blass geschminkt mit blutroten Lippen und aschblonden Haarresten (Kostüme: Victoria Behr), erzählen mit einer – soghaften – Stimme vom Trojanischen Krieg. Sieben Frauen berichten von der geopferten Tochter: Iphigenie, die von Agamemnon "wie eine Ziege" am Blutstein getötet wird, für gute Winde. In Antú Romero Nunes' Orestie ist der Erinnyenchor ein untoter Zombiehaufen, der je nach Lichteinfall gespenstisch, gar furchterregend, oder eben ganz schön trashig wirkt.


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Für später, wenn du tot bist

von Leopold Lippert

Wien, 19. Februar 2017. "Trisomie heißt eins zuviel", erklärt der Arzt den Eltern, und im konkreten Fall heißt es auch: ein Jahr, das dem Neugeborenen gegeben ist. Ein Jahr Leben, nicht mehr. Das ist die melancholische Ausgangsituation in Wolfram Hölls "Drei sind wir", für das der Autor den Mülheimer Dramatikerpreis 2016 gewann. Ein Jahr vorgezogene Trauerarbeit, ein Jahr, in dem der Tod ein steter Begleiter ist. Eine herzzerreißende Mär, in der Höll versucht, die Sprachlosigkeit der Eltern in Worte zu fassen, oder in Wortschleifen zu umkreisen. Als die Eltern beschließen, das Jahr in Kanada zu verbringen, sagen sie: "Wir setzen über. Wir übersetzen ihn. Wir üben ersetzen ihn."


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Die Vagina-Monologe: das Finale

von Johannes Siegmund

Wien, 27. Januar 2017. Keine Angst vorm moralischen Zeigefinger! Auf seiner Homepage versichert das Akademietheater vorsorglich, kein "mageres pseudofeministisches Manifest" zeigen zu wollen. Stattdessen sollen Herrschaftsverhältnisse und die aktuelle Situation "subjektiv" und "schwarzhumorig" reflektiert werden. Für "Ein europäisches Abendmahl" haben fünf prominente europäische Autorinnen Geschichten europäischer Frauen geschrieben. Barbara Frey führt Regie. Etwas Politisierung, Manifestcharakter und Mut zum Feminismus hätte der Abend allerdings sehr gut vertragen. Er nistet sich zu wohlig im romantisch-schaurigen Untergang des Abendlandes ein. 90 Minuten subjektive Monologe sind, bei aller schauspielerischen Präzision, etwas langatmig. Und der schwarze Humor droht dann und wann in Zynismus zu kippen.


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Auf dünnem Eis

von Gabi Hift

Wien, 25. Januar 2017. Fettrot, ferrarirot, fritschrot erhebt sich eine meterhohe Wand vor knallblauem Rundhorizont. Zitronengelb gleißt der Boden. Links steht ein Galgen, um seinen Fuß schlängelt sich aasig der Henker (enorm sexy und ein toller Akrobat: Merlin Sandmeyer). Rechts prunkt ein abstruses Objekt, ein selbstspielender Posaunenstrauch (vom Künstler Jakob Scheid), der trötet und schimpft und klagt – das bisher wunderbarste Musikmonster aus dem Fritsch’schen Panoptikum. Und schon marschieren sie alle auf, in Willhelm Busch’schen Buntperücken, -röcken und -wämsen. Die Herren zeigen viel bestrumpftes Bein – so soll es sein.


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Stück zur Stunde

von Leopold Lippert

Wien, 22. Dezember 2016. Es sind ganz kleine Bedeutungsverschiebungen: Hier ein "Zeichen", da ein "Beweis". Hier eine gehäkelte Stoffpuppe, da ein Werk des Teufels auf Erden. Hier ein zitterndes, stotterndes Mädchen, da eine rechtsgültige Bezichtigung der Hexerei. Arthur Millers 1953 uraufgeführte "Hexenjagd" dramatisiert die Strukturen von Paranoia und Massenhysterie – wo aus Zeichen Beweise werden und aus Denunziationen Urteile, die schließlich unschuldige Menschenleben kosten.


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Spieglein, Spieglein an der Wand

von Johannes Siegmund

Wien, 10. Dezember 2016. "Ein Rätsel bleiben." Das sind die letzten Worte Ludwigs II, bevor der König ins schwarze Wasser geht. Die Inszenierung "Ludwig II, nach dem Film von Lucino Visconti" von Bastian Kraft im Akademietheater Wien tut dem Mondkönig diesen Gefallen. Auch nach zwei Stunden bleibt völlig offen, wer Ludwig II war. Das liegt allerdings nicht an der vielschichtigen Psychologie des Königs. Es liegt daran, dass sich die Inszenierung in medialen Reflexionen verliert, anstatt eine eigene Perspektive auf Ludwig II zu entwickeln.


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Boulevard of Broken Dreams

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 26. November 2016. Ein unterdrückter Schrei geht durchs Publikum, wenn Amir seine Frau mit dem Gesicht gegen das Bücherbord knallt. Einmal Moslem, immer gewalttätig gegen Frauen? Quatsch. Amir, der erfolgreiche Rechtsanwalt, hat seine Karriere und sein Erfolgreich-Amerikaner-Sein durch eine hyper-perfekte Anpassung bis zur Selbstverleugnung durchgezogen.


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Tumor ist, wenn man trotzdem lacht

von Martin Thomas Pesl

Wien, 5. November 2016. Wo erst Leere herrscht, ist am Ende viel seltsamer Müll. Die Bühne von Pia Greven dient als bunte Metapher für die bereits pampelmusengroßen Krebsgeschwüre der Erzählerfigur Friedrich. Über den Abend verteilt plumpst eine irritierende Vielfalt an Objekten von links und rechts in den Spielraum: Tennisbälle, Schaumstoffkügelchen, kleine Frösche und Riesenkröten, Haarbüschel, einen Hasenkopf, schwarze Tetraeder aus Stoff, Weintrauben, weiße Blumen, Gedärmwürste, Heliumballons, etwas, das an Brokkoli erinnert und noch mancherlei anderes. Das requisitäre Fallobst lenkt teils stark ab und ergibt nicht wirklich Sinn. Wie der Krebs eben.


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Nachen ist nustig

von Martin Pesl

Wien, 22. Oktober 2016. Es gab 1978 eine Inszenierung von "Pension Schöller" an den Kammerspielen des Theaters in der Josefstadt, die kennt in Wien jedes Kind. Diese Version mit Maxi und Alfred Böhm gehört zu den wenigen Theateraufzeichnungen, die Menschen auf DVD besitzen. Sie ist hier so berühmt, dass viele "Pension Schöller" für eine österreichische Komödie halten, obwohl ihr Erfinder Wilhelm Jacoby und ihr Texter Carl Laufs beide aus Mainz stammten.


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Des Kopfes zierliches Eirund

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 1. Oktober 2016. Einem Publikum, das frustriert ist "von nicht zustande kommenden Problemlösungen" angesichts der Migration, überdrüssig der "Egoismen der Nationalstaaten, die ihre Hartherzigkeit mit Realpolitik verwechseln", will Alfred Kirchner Goethes "Hermann und Dorothea" anempfehlen. Als einen "scharfen Fingerzeig" gar "auf die notwendige moralische Aufladung derzeitiger politischer Auseinandersetzungen und auf ein trostloses Europa, das in der Abwendung von Not ein ziemlich hässliches Gesicht zeigt" (Zitate Programmheft). Ob er da das Hexameter-Epos, das zu lesen gründlich aus der Mode gekommen ist, nicht gar arg überstrapaziert?


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Des Dichters Leid am Verstummen

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 24. September 2016. Ein Spielplatz! Mit Klettergerüst, Stufenelementen, Wasserbecken, Röhren und Rutschen. Einen solchen Spielplatz hat Volker Hintermeier auf die Bühne in der Burg gebaut. In Gold, Silber und Grautönen gehalten, kann dort aber nur wenig Spielfreude aufkommen. Artig dreht sich die Drehbühne von Station zu Station, entflammt erhabenes Licht, dröhnt düster der Bass.


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Elegischer Witz sucht Existenzschmerz 

von Shirin Sojitrawalla

Salzburg, 30. Juli. Oktober 2016. Sie bilden das aufgekratzt trostloseste Duo auf dem Theater: Hamm und Clov. Ein Paradepaar für Ausnahmeschauspieler; Heinz und David Bennent, Gert Voss und Ignaz Kirchner, Ulrich Matthes und Wolfram Koch. Sie sind Vater und Sohn, Regisseur und Regieassistent, Herr und Knecht und bleiben immer auch ein altes Ehepaar, das aneinander zugrunde geht. Seit der Uraufführung 1957 treiben sie das Spiel. Jetzt also: Nicholas Ofczarek als Hamm und Michael Maertens als Clov.


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Wer das Vaterland verrät

von Veronika Krenn

Wien, 25. Mai 2016. Wenn Fremde in die Bergidylle eindringen, nimmt das Unheil seinen Lauf. Der linke Universitätsdozent Frank Böwe verwahrt sein Gewehr, für das er einen Waffenschein besitzt, in der Glasvitrine seines schicken Holzkubus. An der Wand hängt ein Geweih, im Kamin brennt Feuer, in seinem Herzen herrscht Eiszeit. "Wir sind Sklaven des Geldes. Wer wird der neue Spartacus?" – euphorisiert von Bier erzählt Frank der Ungarin Ilona von seiner Brandrede am Grab seines Freundes. Die "Schlange Wohlstand" habe sie alle verführt, waren seine Worte. Als plötzlich Ilonas eifersüchtiger Mann vor ihm steht, vor dem sie nach Österreich geflohen ist, ist jeglicher Impuls zum Sklavenaufstand in ihm erstickt.


Burgtheater Wien

Die Liebe, die nicht reicht

von Martin Thomas Pesl

Wien, 29. April 2016. Ist jetzt bald Schluss mit den gepflegten Sicherheitsstücken, den Fingerübungen für die Regisseure und den dankbaren Eh-klar-Vehikeln für die Burgschauspieler? Klar darf man seinem Publikum mal was Leichtes gönnen, und die nächste politischere Spielplanposition im Akademietheater steht mit Árpád Schillings Europa-Dystopie "Eiswind" schon an. Aber ein bisschen unglücklich wirken die gleich zwei französischen Lacherfolge in einem Monat doch.


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Still gestanden, Trübsal geblasen!

von Leopold Lippert

Wien, 13. April 2016. Rollator, Senioren-Elektroroller, Rollstühle: Für die titelgebenden Figuren in Miroslava Svolikovas "die hockenden" hat Regisseurin Alia Luque bei der Uraufführung im Burgtheater-Vestibül ein übereindeutiges Bild gefunden. Diese Hockenden hocken, weil sie nicht mehr (oder noch nicht) gehen können. Und wenn sie es doch einmal versuchen, dann stürzen sie. So einfach ist das. Dabei ist Svolikovas Stück, das im vergangenen Jahr den Retzhofer Dramapreis gewonnen hat, eher nicht so einfach: "die hockenden" ist ein abstraktes und formal äußerst selbstreferenzielles Textgebilde, das sich von einer Wiederholung zur nächsten windet, lautmalerische Kaskaden produziert, und mit schöner Regelmäßigkeit eine strategische "(pause)" setzt. Wenn gerade keine "(pause)" ist, philosophieren die Hockenden über Stillstand, Lethargie, und Hoffnungslosigkeit.


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Europäisches Klischee-Orchester

von Eva Biringer

Wien, 3. April 2016. Man muss ausnahmsweise über das Premierenpublikum sprechen. Während in Berliner Theatersälen Jeans und Sneaker dominieren, tragen die Wienerinnen Kleid oder Seidenbluse, nicht wenige Herren Anzug. Es liegt eine der deutschen Hauptstadt ferne Großbürgerlichkeit in der Luft, so klischeehaft stelle man sich das Burgtheaterabonnentenpublikum vor. Verzeihung, aber am Vergleich mit Berlin führt bei jeder weiteren Premiere von "Bella Figura" kein Weg vorbei. Yasmina Reza hat das Stück eigens für die dortige Schaubühne geschrieben – wo es vergangenen Mai zur Uraufführung kam – und mindestens so sehr für deren frankophilen Intendanten Thomas Ostermeier und wenigstens teilweise auch für Nina Hoss als Andrea.


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"Blablabla" trällern sie ...

von Leopold Lippert

Wien, 24. März 2016. Dies gleich vorneweg: David Böschs Inszenierung von "Drei Schwestern" am Wiener Burgtheater ist so brav, dass jeder auch nur ansatzweise bedeutungsschwangere Satz sofort frontal in Richtung Publikum deklamiert wird. Dieser Tschechow ist so brav, dass Bühnenbildner Harald B. Thor in den schwarzen Burgguckkasten gleich noch einen Guckkasten gebaut hat, einen sich nach hinten verjüngenden Landhausgerüstguckkasten nämlich, unbeweglich, mit Wänden aus Plastikplane und altem Laub auf dem Dach. Dieser Tschechow ist so brav, dass nach jedem der vier Akte tatsächlich der Vorhang fällt (nur nach dem zweiten, da fällt er nicht so ganz, aber das liegt an der Technik, die sich sträubt). Dieser Tschechow ist so brav, dass er weder ästhetisch etwas riskieren will, noch in irgendeiner Form gesellschaftspolitische Relevanz artikuliert. Dieser Tschechow ist ein hundertjähriger Klassiker, an dem der Staub einfach dranbleiben darf.


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Fechtkampf mit Unbekannten

von Leopold Lippert

Wien, 27. Februar 2016. Kurz vor der Pause kommt ein Sommersturm auf, es bläst Staub auf die Bühne, Papierfetzen wirbeln herum, buntes Laub fällt vom Schnürboden. Christopher Nell, der als schizophrene Hauptfigur "Ich, Erzähler" und "Ich, der Dramatische" einen abgelegenen Streifen Landstraße bewohnt, sammelt verdreckte Zettel vom Boden auf, achtlos weggeworfen von den "Unschuldigen", die in immer neuen Konstellationen die Straße entlangkommen. Es sind alte Fahrscheine, Rechnungen, Kinokartenabrisse, Gutscheincodes - zerknitterte Erinnerungsminiaturen. "Hop on – Hop off" steht auf einem dieser Tickets, und die simple Touristenbus-Formel ist vielleicht die passendste Beschreibung für einen Abend, der permanent mit großer Welterklärung liebäugelt, sich aber dann doch nur zum bunten Stationenspiel durchringt.


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Showdown auf dem Polizeirevier

von Martin Pesl

Wien, 28. Januar 2016. War er's oder nicht? Voilà, ein Kriminalstück! Im Akademietheater! Mit Sätzen aus Polizeiserien: "Sie haben kein Recht, mich hier festzuhalten!" oder "Diese Geschichte von Ihnen ... die geht nicht auf." Theaterfremde Sehgewohnheiten schlagen ein. Da hat ein Polizist einen Verdächtigen zu Tode geprügelt: einen mutmaßlichen Kinderschänder. Die Geschehnisse werden aufgerollt. Spannend! Aber dann auch wieder nicht. "Diese Geschichte von Ihnen" verunsichert schon dadurch, dass nicht klar ist, mit welcher Brille sie gesehen werden will.


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Die Liftboys fallen aus der Rolle

von Johannes Siegmund

Wien, 11. Dezember 2015. Es dauert zwar eine Stunde bis Antú Romero Nunes' Inszenierung im Akademietheater Fahrt aufnimmt, dafür dann aber so richtig. Bis dahin halten vier Liftboys in samtig lila Livrees Monologe von Joseph Roth. Joseph Roth hat zwei Gesichter: Es gibt den nüchternen, sachlichen Journalisten, der in knappen Sätzen und prägnanten Dialogen die Zwischenkriegszeit diagnostiziert und melancholisch der alten Doppelmonarchie Österreich-Ungarn hinterher trauert. Es gibt aber auch den apokalyptischen Roth des genialisch geschriebenen "Antichristen", der à la Nietzsche oder Spengler den Untergang des Abendlandes proklamiert.


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Lassen sie mich durch. Ich bin Schauspieler!

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 5. Dezember 2015. Mit dem Hammer inszenieren, das kann Herbert Fritsch. Friedrich Nietzsche wollte mit dem Hammer ja bloß philosophieren, wie es im Untertitel der "Götzen-Dämmerung" aus 1889 heißt. Beziehungsweise, wollte diesen Hammer als Stimmgabel ansetzen, auf dass die ewigen Götzen "jenen berühmten hohlen Ton" von sich geben, "der von geblähten Eingeweiden redet". Ähnlich problematische Eingeweide hat auch "Der eingebildete Kranke" von Molière und verspricht sich von den Götzen in Weiß lauter aufregende Kuren. Am Burgtheater wurde die Komödie aus 1673 von Herbert Fritsch à la Fritsch mit dem Hammer inszeniert. Also als bunte Röntgen-Party im Plastik-Rokoko-Outfit.


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Neigungswinkel der Kapitalismuskritik

von Martin Pesl

Wien, 22. Oktober 2015. Dieses Teil. Es hängt an vier strammen Seilzügen an der Decke. Es besteht aus gebogenen Holzbrettern. Eine Sitzbank, ein paar Stühle und Tische sind daran fixiert. Es kann gehoben und gesenkt, aber auch schräg oder sogar fast senkrecht gestellt werden. Es will der Star des Abends sein. Deshalb hat es vielleicht Lampenfieber und zappelt, wechselt fahrig die Position, wann immer jemand drunter muss, um zu lauschen, oder wenn es den Menschen darauf zu steil wird. Dieses Teil ist die Bühne. Das Burgtheater hat seinen Hausregisseur von vor 15 Jahren, Andreas Kriegenburg für eine Inszenierung von Maxim Gorkis "Wassa Schelesnowa" nach Wien zurückgeholt.


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Komödiensägenmassaker

von Martin Pesl

Wien, 3. Oktober 2015. Zunächst mal Stirnrunzeln: Schon wieder eine David-Bösch-Premiere? Gerade vor einer Woche war doch noch von Prinz Friedrich von Homburg in München zu lesen. Gut, es gibt so etwas wie Vorproben, und Bösch wird seine Wiener Inszenierung von Werner Schwabs "Die Präsidentinnen" wohl kaum in sechs Tagen gestemmt haben.


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Im Reich der Riesenhühner

von Kai Krösche

Wien, 4. September 2015. Rumms, zack, klickklick: Die Köchinnen rühren, schlagen, klopfen im Takt hinter der Theke, die den Blick auf die Küche freigibt. Ein Mann nach dem anderen, einer aufgedunsener und ungelenker als der andere, betreten das Gasthaus, um sich in stummer Routine ihr Mittagessen zu holen, lassen sich nieder, stimmen in das Klopfen ein. Zwischen all dem künstlichen Dekor und den Schauspielern: drei echte Riesenhühner, die über die Bühne staksen. Sich mal setzen. Wieder aufstehen. Aus ihren unbeteiligten Vogelaugen von der Rampe ins Publikum glotzen. Minutenlang geht das, bis der glatzköpfige und fettplauzige Bürgermeister dem eingespielten Ritual mit lautem Tablettscheppern ein Ende setzt: Alle herhören! Ein Revisor kommt inkognito in die Stadt! Schluss mit der Niedertracht in den Ämtern – ab sofort wird sich von der besten Seite gezeigt!


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Bilder vom Weh- und Wurmsein

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 31. Mai 2015. Nach dem endgültigen Ende der Vorstellung hat jemand neben mir gesagt: "Schön." Hat das ohne Ausrufezeichen gesagt. Hat das in diesem Ton gesagt, der von Gegenrede keine Ahnung hat, der Ton, den wir anschlagen, wenn wir uns über etwas klar zutage Getretenes verständigen wollen. Und ja. Das ist schön, wenn der Chor aus Antigone als Gesangschor über die Ränge im Burgtheater verteilt steht, wenn der also von überall her die – so zwar inhaltlich unverständlichen – Kommentarzeilen ätherisch im Raum verteilt. Die Musik dazu kommt von Anja Plaschg aka Soap & Skin und Anton Spielmann von 1000 Robota. Und Soap & Skin ist ja längst schon Expertin fürs Allmächtige. Großes Klavier, zerbrechliche Stimme, Texte vom Weh- und Wurmsein des Menschen. Das ist doch schön.


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Leise rieselt die Schmach

von Kai Krösche

Wien, 29. Mai 2015. Oh, es muss kalt sein in diesem Haus, sehr kalt. Wände und Möbel gibt es keine, stattdessen nur Schnee, Schnee in Haufen auf dem Boden, Schnee, der von der Decke rieselt, nichts als Schnee. Eisig auch die Stimmung im Hause Borkman: Auf dem Dachboden wandelt rastlos der Familienvater umher, der vor Jahren eine lange Gefängnisstrafe wegen der Veruntreuung riesiger Geldsummen absitzen musste – und im Parterre leidet Mutter Gunhild unter der Schmach und träumt davon, dass ihr Sohn Erhart künftig einmal den Familienruf durch hehre Taten wieder herstellen möge. Ja, lähmend kalt ist es hier, eine Eislandschaft, unter der jeder Lebenskeim erstickt, jeder Versuch eines Ausbruchs erstarren muss.


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Platz für Gedächtnislücken

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 18. April 2015. Lenglumé wacht auf, und kennt sich nicht aus. Die Hose? "Nanu, ich bin ja drin." Dass er sich aus dem Haus geschlichen, auf dem Ehemaligenfest seines Internats teilgenommen und sich dort vor dem Salat im Alkohol verloren hat, das tröpfelt ihm nach und nach ins Bewusstsein hinein. Trotzdem: "Eine Gedächtnislücke! Immer ist da diese Lücke!" Die scheint sich zu füllen, wenn ihm mehr und mehr Details des versoffenen Abends aufstoßen. Aha, der Mann im Bett, das ist Mistingue, der ist ein Ehemaliger auch, gut, und der Schirm, der ist wohl verloren, und ach so, gestern wurde ein Kohlenmädchen ermordet, deswegen diese kohlenschwarzen Hosentaschen, was? Und also beginnt die groteske Vertuschungskomödie "Die Affäre Rue de Lourcine" von Eugène Labiche.


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Gottlose Schmuddel-Säcke

von Kai Krösche

Wien, 2. April 2015. Man will's gar nicht so genau wissen, was in diesen gefüllten Stoffsäcken drin ist. Bis zu einer Höhe von 5 Metern stapeln sie sich, ein riesiger Haufen weißer Getreidesäcke, vergilbt und verstaubt; drunter, drüber und dazwischen kraxeln und klettern und stolpern sie, die Figuren aus Leo Tolstois spätem und zeitgleich erstem Bühnenstück "Die Macht der Finsternis", geifernd und feixend und brüllend. Diese Welt (man sieht's sofort) ist schlecht, sehr schlecht sogar, ihre Bewohner schmutzig, verfettet, krank, versoffen, gehässig, habgierig, zügellos, stinkend, ungeniert, aggressiv, dreckig und gemein. Und am Ende dann doch oder gerade deswegen – ganz und gar menschlich?


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Aus dem Kreuz gefallen

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 28. März 2015. Dieser Text ist ja viele Texte. Ist Wucherung konkreter Ereignisse ins Grundsätzliche hinein. Ist Überhöhung eines Diskurses, der sich rund um Phänomene wie Heimat, Herkunft und Hilfe windet. Ist Aischylos, Bundesministerium für Inneres, Ovid und Heidegger. Ist in der Inszenierung von Michael Thalheimer am Wiener Burgtheater vor allem Anklage. Mehrmals werden da mehrere Zeigefinger in Richtung Publikum gehalten. Ihr, ja ihr, genau ihr, seid gemeint.


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Lieber Roland Schimmelpfennig, ...

von Kai Krösche

Wien, 28. Februar 2015.Ich bin heute aus dem Theater gekommen und war wütend. Ich habe die österreichische Erstaufführung Ihres Stücks "Das Reich der Tiere" am Akademietheater gesehen, unter Ihrer Regie. Das Stück handelt von einer Gruppe von Schauspielerinnen und Schauspielern an einem Theater, das seit sechs Jahren allabendlich eine Tierfabel mit demselben Titel wie Ihr Stück gibt – die Schauspieler treten als Löwe, Zebra, Antilope, Ginsterkatze und Marabu auf, es geht darum, den neuen König des Tierreichs zu finden: Ist es der listige, aggressive Löwe oder das sanftmütige Zebra, bedarf es überhaupt eines Königs, nachdem sich klar gezeigt hat, dass die Solidarität unter den Tieren (das Zebra rettet den Löwen, der Löwe wiederum das Zebra) einen König überflüssig macht?


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Born to be brav

von Martin Thomas Pesl

Wien, 7. Februar 2015. Als Karin Bergmann gerade als Interimsintendantin des Burgtheaters eingesprungen war, verkündete sie den - nach dem Wegfall von vier Matthias-Hartmann-Regiepositionen hastig umgestellten - Spielplan für 2014/15. Dabei gestand sie, dass "Das Konzert" von Hermann Bahr eines ihrer Lieblingsstücke sei, und lächelte verschämt. Als Grund für die Wiederbelebung dieser doch etwas angestaubten Komödie aus dem Jahr 1909 darf also die "guilty pleasure" der wohlverdienten Feuerwehrfrau vermutet werden.


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Heiliger Ernst, ein Kinderspiel

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 24. Januar 2015. Diese Welt ist schwarz und weiß. Auch grau, aber mehr schwarz und mehr weiß. Und alles, was glänzt, und alles, was Farbe hat, das gehört zur Welt der Kunigunde. Zur Welt der Lüge, des Truges, des Scheines also. Der gegenüber steht das Käthchen von Heilbronn. Die Tochter vom Schmied Theobald Friedeborn erblickt Friedrich Wetter Graf vom Strahl, und wie ein Blitz durchzuckt sie eine Gewissheit, der sie nicht eigentlich Ausdruck verleihen kann. Etwas bestimmt sie von da an wie eine Naturgewalt. Eben: Wetter, Blitz, und später Feuer.


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Handynummer ins Jenseits

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 20. Dezember 2014."Ich habe gesehen, habe gehört, wie die Stimme des Vogels untergeht." So Friederike Mayröcker bald nach dem Tod jenes Menschen, der für sie fast ein halbes Jahrhundert lang Lebensmensch war. Das "Requiem für Ernst Jandl" ist der Totengesang auf den Gefährten. "Wenn deine Seele blutet … wie solltest du da nicht Worte finden …"


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Alles in ... Margarine

von Martin Thomas Pesl

Wien, 18. Dezember 2014. Groß ist die Versuchung, weit auszuholen und ordentlich Bullshit-Butter-Bingo reinzubuttern: dass dieser Text sich nicht unterbuttern lässt, sonder runtergeht wie Butter, weil der Autor seine Buttersprache souverän beherrscht, et cetera. Und Ferdinand Schmalz hätte es verdient: Wer so ausgiebig die Wortwelt rund um besagtes Molkereiprodukt melkt, obwohl dieses ja, wie der Titel schon sagt, nur als Beispiel für, sagen wir, die Verhältnisse herhält, der darf schon mal sein Fett abkriegen. So, Schluss jetzt. Aber selber schuld! Die Butter wurde hier sogar ins Programmheft geschmiert, wo sie ein paar Technikernamen unkenntlich macht, und der Autor ist ein – freilich selbst ernannter – Schmalz.


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Viel Pinsel, viel Keule, viel Vorschlag

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 14. Dezember 2014. Bedeutungsvoll hat sich "die Mittlere" an die Bühnenrampe gekauert, bereit, Großes hinauszurufen. Um noch Farbe draufzusetzen, ist "die Junge" herbeigeeilt und hat ihrer zum Antiken-Lamento anhebenden Mutter einen halben Eimer Blut über den Kopf geleert. Und da geht es auch schon los: "Ich bin Elektra", orgelt Christiane von Poelnitz. Diese Facette hat zu dem Zeitpunkt gerade noch gefehlt in der großen Abrechnung mit der Genealogie. Aber ach: "Der Apfel fällt man sagt nicht weit / das ist ein Pech / verfaul nicht weit von ihrem Stamm gefallen ich..." Derweil versucht im Bühnenhintergrund "die Alte" (vorerst) vergeblich, auf einen Sessel zu klettern und sich am Telefonkabel aufzuhängen.


Burgtheater Wien

Masken statt blöde Gesichter

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 13. November 2014. Fast erwartet man, dass sie gleich "Ihr Ratten" oder Ähnliches in die Runde ruft. Tut sie aber nicht, obwohl ihr Regisseur Christian Stückl und sein Ausstatter und Kostümbildner Stefan Hageneier das Outfit von Dame Edna verpasst haben. Stattdessen fordert die alte Dame die sie umgebende, mit messerscharfen Worten bewaffnete Nachmittags-Gartengesellschaft auf, von diesem Werkzeug auch üppig Gebrauch zu machen: "Damit die Konversation an Lebendigkeit gewinnt", wie sie es mehrmals formuliert.


Burgtheater Wien

Keiner dreht sich nie

von Kai Krösche

Wien, 24. Oktober 2014. Die Bühne hört kaum auf sich zu drehen an diesem Abend im Burgtheater, mal langsamer, mal schneller; nur kurz steht sie still, um sich dann doch wieder in Bewegung zu setzen, stets unterlegt von den grollenden Geräuschen eines, so scheint es, gigantischen Getriebes. Der Lauf der Dinge ist in Jan Bosses Inszenierung von Georg Büchners "Dantons Tod" keine unsichtbare Maschinerie: Das (Burg-)Theater und seine Bühne mit den Traversen, Scheinwerfern und den unzähligen auf der Bühne verteilten Kostümen, Requisiten und Theatermöbeln wird zum Sinnbild einer undurchdringlichen Kraft, die die Menschen mit sich reißt, egal was sie tun, sagen oder wollen. Später werden Danton und seine Mitgefangenen wie Marionetten an Stricken hängen, die sie wie leere und willenlose Hüllen immer wieder Richtung Schnürboden ziehen, mit langsamer, aber unaufhaltsamer Gewalt aufrichten und dann wieder zu Boden sacken lassen.


Burgtheater Wien

Im Reich der Illusionen

von Kai Krösche

Wien, 1. Juni 2014. Wer mit ihm baden gehen könne, ohne nass zu werden, fragt im Verabschieden der Lehrer Semjon beim kläglichen Versuch, einen Witz zu machen. Der Witz misslingt, die Antwort auf die gestellte Frage jedoch – sein Schatten! – erzählt auf nonchalante Weise etwas über das Wesen der Kunst: Das illusorische, verzerrte Abbild einer Wirklichkeit (der Schatten) erscheint vielleicht echt, nass hingegen wird nur der wirkliche Körper.


Burgtheater Wien

Reise ans Ende der Macht

von Teresa Präauer

Wien, 12. März 2013. Hans Henny Jahnn hat sein Stück "Die Krönung Richards III." am Ende des ersten Weltkrieges verfasst, mehr als drei Jahrhunderte, nachdem sich Shakespeare höchstselbst der historischen Figur des glücklosen Herrschers aus dem Hause Plantagenet angenommen hatte. Mit dem Tode Richards III. endeten die Rosenkriege zwischen den englischen Königsdynastien. Eine Geschichte, die durch die jüngsten Ereignisse am Burgtheater einen gewissen symbolischen Zuwachs erhält.


Burgtheater Wien

Im Vorhof der Liebe

von Kai Krösche

Wien, 1. März 2014. Alles haben sie hinter sich gelassen: Gino und Morris, zwei alternde Typen, geschieden, losgelöst von den Ketten bürgerlicher Moral, träumen vom Neuanfang in einem Zimmer am Meer. Das künftige Leben: Frauen und Alkohol, ohne Zwänge, ohne Verbindlichkeiten.


Burgtheater Wien

Familienaufstellung 1844

von Reinhard Kriechbaum

Wien, am 20. Februar 2014. "Über Menschen sage ich nichts, gar nichts", versichert der alte Meister Anton, "ich mache nur Erfahrungen". Wäre er doch zu Erfahrungen fähig! Aber Meister Anton lebt in seinem hermetisch abgeschlossenen System, einzementiert in einer alten Welt, die er – so sagt er am Ende des Stücks immer noch voller Selbstmitleid – nicht mehr versteht. Er hat sie wohl nie kapiert. Zu bloßen Formeln geronnen sind Verhalten und Rede. Jede und jeder in seinem Umfeld weiß, welche Rolle sie oder er auszufüllen hat, welcher Satz wann fällig wird.


Burgtheater Wien

Die Herrschaft der Dinge

von Teresa Präauer

Wien, 9. Februar 2014. Vor mehr als 40 Jahren hat Peter Handke ein großartiges Buch geschrieben, die Erzählung "Wunschloses Unglück". Katie Mitchell, die Erfahrung aufweisen kann in der Dramatisierung der formbewussten österreichischen Prosa – ihre Dramatisierung von Friederike Mayröckers Reise durch die Nacht am Schauspiel Köln 2012 war zum Theatertreffen 2013 eingeladen – gibt damit ihren Einstand als Regisseurin am Wiener Burgtheater, und zwar an der stets experimentierfreudigeren Spielstätte des Kasino am Schwarzenbergplatz.


Burgtheater Wien

Schmerz, Blut und Liebe

von Kai Krösche

Wien, 30. Januar 2014. Von den 20ern bis in die 70er, quer durch 50 Jahre chilenische Geschichte bis hin zu Pinochets Militärdiktatur führt Isabel Allendes "Das Geisterhaus" den Leser anhand der Geschichte einer großbürgerlichen Familie rund um den Gutsbesitzer Esteban, dessen Glaube an eine konservative, bürgerliche und von Standesdenken bestimmte Gesellschaftsordnung nach und nach zu bröckeln beginnt. Der Roman ist dabei nicht nur ein Familienepos, sondern auch eine Geschichte über die Unvorhersehbarkeit politischer wie privater Ereignisse, über die Uneindeutigkeit politischer Ideologien und schließlich die Zerrissenheit eines Landes und seiner Menschen.


Burgtheater Wien

Seelenfriedenschmerz

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 21. Dezember 2013. Das Zitat zur österreichischen Innenpolitik, eine Woche nach der deprimierend-minimalistischen Koalitionsbildung dortzulande: "Das ist die Seuche unserer Zeit: Verrückte führen Blinde." Erster und einziger Zwischenbeifall bei der Premiere von Peter Steins Lear-Inszenierung im Burgtheater.


Burgtheater Wien

Der schöne Schrecken

von Kai Krösche

Wien, 8. November 2013. Im Schlussbild dann doch die Ahnung: Dass die Gewalt des Krieges größer, dass das Ausmaß der Zerstörung unfassbarer ist als es uns das Theater, die Kunst je konkret zeigen könnte. Dass die Konsequenzen und die Schrecken bewaffneter Konflikte vielleicht nur in Form von Andeutungen, Verfremdungen, Hinweisen vermittelt werden können, dass die Inszenierung als solche kapitulieren muss. Da verschwimmen die zuvor akustischen Trompetenklänge zu einem übersteuert-rückgekoppelten Lärm, während im grellen Gegenlicht die, die volle Höhe und Breite der Bühne des Burgtheaters abdeckende Rückwand in sich zusammenfällt – das Theater und seine Ästhetik kapituliert, bricht buchstäblich zusammen im Angesicht einer unfassbaren Wirklichkeit.


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Auch das ist also der Mensch

von Teresa Präauer

Wien, 20. Oktober 2013. Geboren in den 10er, 20er und 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts sind sie die "letzten Zeugen" einer Kindheit und Jugend unter dem Regime der Nationalsozialisten. Sie haben die Anfänge miterlebt auf den Straßen Wiens, in den Schulen, sie haben mit ihren Eltern und Großeltern die Wohnungen verlassen müssen, im Versteck leben, sind ins Ghetto gebracht worden, in Zwangsarbeits- und Vernichtungslager.


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Dem Volke kein Kaviar

von Martin Thomas Pesl

Wien, 28. September 2013. Andrea Breth präsentiert diesmal nicht das Stück zur Stunde (wie "Quai West" genannt wurde), sie hat kein Juwel wiederentdeckt (wie "Marija" in Düsseldorf). Weder hat sie sich, wie bei Zwischenfälle, noch das Theater, wie bei Schiller-, Lessing- und Kleist-Arbeiten, als moralische Anstalt neu erfunden. Nein, es war einfach so: Sie arbeitete beim Prinz von Homburg 2012 erstmals mit August Diehl zusammen, und man plauderte darüber, dass ein anderer tragischer Prinz, der von Dänemark nämlich, wunderbar zu ihm passen würde.


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Trügerisches Familienidyll

von Thomas Rothschild

Wien, 28. Mai 2013. Bekanntlich tritt Tartuffe, von dem zuvor alle geredet haben und der der Komödie immerhin den Titel gab, erst im dritten Akt auf. In Luc Bondys Wiener Festwocheninszenierung lässt er sich damit Zeit. In der schmalen Öffnung des Vorhangs, der die Hinterbühne verdeckt, steht ein Knabe. Eine seitlich hereinragende Hand kämmt ihm das gescheitelte Haar und reicht ihm dann eine Hostie. Das Bild ruft eine aktuelle Assoziation von klerikaler Heuchelei ab. Was man aber sieht, ist dies: Da agiert einer aus dem Hinterhalt. Die Hand zieht die Fäden, aber das Gesicht bleibt verborgen. Es gehört Tartuffe.


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Halb historisch

von Kai Krösche

Wien, 19. April 2013. Die Frau von O. ist schwanger. Von wem, das weiß sie nicht. Dass sich der Hauptmann, der sie vor den im Haus des Vaters einfallenden notgeilen Soldaten rettete, während der Ohnmacht der jungen Frau selbst an ihr vergangen hat, kommt ihr erst spät in den Sinn. Vielleicht, es wäre nur allzu verständlich, will sie es auch nicht recht wahrhaben.


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Der Rausch des Entsetzens ist verflogen

von Hartmut Krug

Wien, 14. April 2013. Sie ist eine Untote, die Ahnfrau derer von Borotin. Vor Zeiten betrog sie ihren ungeliebten Mann und wurde von ihm erstochen. Nun hängt die Todeswaffe im gotischen Saal der Borotinschen Burg, in dem Graf Zdenko als letzter seines Geschlechts mit seiner jungen Tochter Berta haust, und die Ahnfrau geistert als Bertas Ebenbild, Unheil anzeigend, zwischen ihnen umher. Der Sage nach soll sie erst mit dem Untergang des Hauses zur Ruhe kommen. Beides wird ihr und uns mit diesem Stück geboten, dessen Quellen Schauer- und Abenteuer-Romane sind.


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Der letzte Liebesbeweis

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 6. April 2013. "Du elender, roher, niederträchtiger, lieber Mensch ..." Zum ersten Mal spricht Julie, die bisher kaum mehr als "ja" oder "nein", bestenfalls einfache kurze Sätze gesagt hat. Doch da liegt Liliom schon leblos da, mit dem Messer, das er sich nach dem missglückten Überfall auf den Geldboten selbst ins Herz gerammt hat. Liebevoll zieht sie dem Toten das Hemd hoch und sich selbst die Bluse aus. Mit nacktem Busen schmiegt Julie sich an Lilioms Rücken. An den Rücken wohlgemerkt. Auch als Toter bleibt Liliom abgewandt, emotional ferne, irgendwie ungreifbar. Als Mensch eine ebensolche Fiktion wie das Sofa, auf dem auch diese Szene spielt.


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Leichensezierende Meyerhoffiaden

von Christian Desrues

Wien, 31. Dezember 2012. Burgtheater Intendant Matthias Hartmann erzählt in der Vorrede seinen Silvesterwitz, es wird gelacht und das Stück beginnt. Schon um 18 Uhr. Peter Simonischek, muss dananch nämlich noch in die Staatsoper, zur "Fledermaus". "Der Ignorant und der Wahnsinnige" ist ein frühes Drama von Thomas Bernhard. Jugendwerk im herkömmlichen Sinn ist es aber keines, denn es beinhaltet schon fast alle Themen, die später für Bernhard so charakteristisch werden sollten. Die Darsteller reden aneinander vorbei, dozieren, führen Monologe oder sprechen in unfertigen Sätzen, wiederholen unnötigerweise Teile des Vorangegangenen.


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Feierabend, die Herrschaften

von Dirk Pilz

Wien, 20. Dezember 2012. Was soll man dazu weiter sagen. Sie haben Milch verschüttet und in die Kamera geschimpft, es wurde im Licht gestanden und Musik gegeben. Man sieht einen Brand und Tiere des Nachts. Ein Duschgestänge ist aus Gold, die Pantoffeln sind aus Filz. Sie machen Worte, zücken ein Messer, ein Rollstuhl kommt vor. Es steht auch ein Papphäuserl auf der Bühne, der Kopf von Sarah Viktoria Frick steckt darin. Es spricht der Kopf: "ich sitz und schau / den Rest vom Tag / beim Fenster schau ich raus / den ganzen Tag / gibt's nichts zu seh'n."


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Das Ich als reine Natur

von Martin Pesl

Wien, 6. Dezember 2012. Gleich, ob Buch, Film oder Bühne: Sie verblüfft jedes Mal, die Kurzweil, mit der über mehrere hundert Seiten – oder eben über knapp hundert Minuten – vom Leben einer Frau erzählt werden kann, die jahrelang keinen einzigen Mitmenschen um sich hat. Die Behauptung der Heuernte als Event und die von Hund, Katz und Kuh als gültige Gefährten ist sicher eine der vielen Ursachen für die Faszination, die die österreichische Autorin Marlen Haushofer mit ihrem eigenwilligen Roman "Die Wand" aus dem Jahr 1963 immer wieder entfacht.


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Und dann die Leere

von Kai Krösche

Wien, 23. November 2012. "Einige Nachrichten an das All", das zweite Stück von Wolfram Lotz, bietet reichlich Möglichkeiten, auf banale Weise zu scheitern: Bewusst wiederkehrende Leerläufe in der Dramaturgie, ganze (echte) Ozeane als gefordertes Bühnenbild und nicht zuletzt 64 im Stück gesetzte Fußnoten, die den Text unterbrechen, erweitern und dem Geschehen eine zweite, dritte, vierte Ebene voll assoziativer Gedanken und Bilder hinzufügen. Das sind inszenatorische Herausforderungen, die einen Regisseur und sein Team ans Äußerste treiben müssen, da sie sich hier nicht hinter dem Deckmantel einer glatt umgesetzten, wohlgelungenen Inszenierung verstecken können. Stattdessen sind sie gezwungen, selbst zu schaffen, zu übersetzen, und eben auch das: an den unmöglichen (Über-)Forderungen des Textes zu scheitern.


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Die Seele ist ein enger Schacht

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 25. Oktober 2012. Schier endlos ist die Stille, bis Elektra anhebt mit den ersten Worten: "Allein. Ganz allein." Wie oft mag sie sich dieses "Allein" vorgesagt haben, ihrem Gehirn eingebläut wie auch jede andere Formulierung dieses Monologes. Da kann man greifen, wie Satz um Satz sich in Jahren verfestigt hat im Kopf, wie ein Gedanke allmählich Besitz genommen hat von einem ganzen Menschen: Rache.


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Der Schrecken des Doppelgängers

von Christian Desrues

Wien, 29. September 2012. Ferdinand Raimund ist, mit Johann Nestroy, der wichtigste Repräsentant des Wiener Volkstheaters des Biedermeier. Seine Komödien sind jedoch um einiges düsterer als die seines Zeitgenossen. Von ihm stammt auch die in Wien berühmte Aussage: "Es ist ewig schad um mich". Robert Musil meinte, in "Der Alpenkönig und der Menschenfeind" seien "Sentimentalität und Brutalität des Menschen" untrennbar miteinander verbunden. Bei der Uraufführung 1828, Raimund war 38 Jahre alt, wurde das Stück als "romantisch-komisches Original-Zauberspiel" bezeichnet. Auf jeden Fall ist es ein musikalisches Kunstmärchen, in dem, für das Volkstheater der damaligen Zeit, revolutionäre Themen wie Persönlichkeitsspaltung, Selbsthass und Zerrissenheit behandelt werden. Es kommt das Bild des Doppelgängers vor, also das sich in einem Anderen beobachten und wiederfinden. Auf jeden Fall etwas Unheimliches.


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Unterm Apfelbaum

von Martin Thomas Pesl

Wien, 9. September 2012. Eine Hochzeit, ein Komet, viele gar nicht so glückliche Gäste, zwei Schwestern, eine davon die närrische Braut, die andere eher verbissen. Diese Zutaten teilt Justine del Cortes "Der Komet" mit dem letztjährigen Filmerfolg Melancholia von Lars von Trier. Gut, die jetzt am Wiener Burgtheater uraufgeführte Tragikomödie der gebürtigen Mexikanerin verläuft vollkommen anders als das Leinwandopus des Dänen.  Dennoch wandert die Assoziationskette unweigerlich zu von Triers dänischem Kollegen Thomas Vinterberg, an dessen erfolgreiche Familiendramen ("Das Fest", "Das Begräbnis") das Stück, zumindest im ersten Teil, sehr wohl erinnert.


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altNichts als ein Sommerdialog

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 15. Mai 2012. Sie kann einem wirklich leid tun, die Frau, die keinen Namen, aber Erinnerung in Fülle in sich trägt. Nach etwa anderthalb Stunden sucht sie endlich von sich aus die Nähe jenes Mannes, mit dem sie bis dahin "einen Sommerdialog" eher auf Distanz geführt hat. Sie rückt ihm körperlich ganz nahe, auf eine Weise, die beide den sprichwörtlichen Atem des anderen spüren lassen sollte. Der unsensibelste Kerl müsste ein Prickeln spüren – doch bei diesem Typ sind Hopfen und Malz verloren. Er läuft nur verbal zur Hochform auf und hebt an zu einer Vorlesung über die aus den königlichen Küchenbeeten von Aranjuez entfleuchte Saat, über Pflanzen, die draußen weiterleben und mutieren. Tiefgründige Betrachtungen über das Wesen der Johannisbeere statt einer Umarmung oder gar einem filmtauglichen Kuss...


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Spiel der Götteralt

von Thomas Askan Vierich

Wien, 4. Mai 2012. Was ist das Langweiligste in der Ilias? Der endlose Schiffskatalog der Griechen, als Homer aufzählt, wer mit wie vielen Schiffen von wo gegen Troja in den Krieg zieht. Gerade dieser Schiffskatalog wird zum Höhepunkt dieser viereinhalbstündigen Dramatisierung der Ilias. Fabian Krüger zählt sie alle mit Furor auf und seine Schauspielerkollegen schleppen Kartons mit Papierschiffchen heran, die sie auf der Bühne des Casinos am Schwarzenbergplatz zu einer schier unübersehbaren Flotte aufstellen. Andere falten fleißig aus Papier weitere Schiffchen. 1186 Schiffchen für 60.000 Griechen. Ob es wirklich 1186 Schiffe wie bei Homer sind, konnte nicht nachgezählt werden. Diese Aktion wurde trotzdem mit spontanem Szenenapplaus belohnt.


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alt

Schwelende Paranoia

von Martin Pesl

Wien, 29. April 2012. Eine niedliche kleine Ironie: Im Programmheft zur Uraufführung seines Stückes "Wastwater" in Koproduktion mit den Wiener Festwochen erklärte Simon Stephens letztes Jahr, durch seinen verstärkten Kontakt mit deutschem Theater zu formalen Innovationen inspiriert worden zu sein. Tatsächlich hat er statt eines "well-made plays" drei kurze geschrieben: eine Fingerübung im dialogischen Erzählen.


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altWo die wilden Kerle hausen

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 20. April 2012. Der Schiffbruch hat sich sehen lassen, im Gewitter der Stroboskop-Blitze. Jetzt taucht Robinson Crusoe auf, wie Gott ihn schuf. Grob geschätzt zwischen 14. und 17. Reihe Parkett ist er gestrandet. Nackt fühlt man sich dort unwohl, auch wenn das hochkulturelle Eiland unbewohnt scheint. Ein Stück Theatersamt ist rasch von einem der Stühle heruntergerissen und damit die allerärgste Blöße bedeckt. Recht verlegen hockt Robinson auf der Brüstung einer der Logen. Die Not-Einkleidung des Robinson wird an diesem Abend nicht die einzige Attacke bleiben auf die Ausstattung im ehrwürdigen Haus am Ring.

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altWinterreise, angetaut

von Kai Krösche

Wien, 5. April 2012. Wie ein Wurm im Loch schaut sie aus, die dicke Frau im Fettanzug (Barbara Petrisch), nackt, aber mit Schmuck um Hals und Armgelenke; mit ihrem nach unten hin immer dicker werdenden Körper würde sie vermutlich ohnehin nicht mehr durch diese Öffnung kommen, selbst wenn sie wollte; eine Gefangene, die nicht mehr am Leben teilnimmt – und die aus ihrer einsamen Dunkelheit nur noch auf einen Abgrund blickt: In Stefan Bachmanns Inszenierung von Elfriede Jelineks "Winterreise" konkret auf die im steilen 45-Grad-Winkel von oben bis unten zulaufende Bühnenfläche. Es ist eine beeindruckende Skipiste ohne Schnee, die Olaf Altmann auf die Bühne des Akademietheaters bauen ließ – eine jener Bühnen, die ihre Darsteller zu dauerhafter Anspannung, zum Kampf mit dem Raum zwingen.


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altDann halt nicht

von Kai Krösche

Wien, 25. März 2012. Wer weiß, vielleicht wünscht sich gar der eine oder andere diese neue Form der Kundenbetreuung. Aber nein, so recht überzeugend will das vertraute Gespräch mit der Finanzberaterin auf – und wohlgemerkt nicht in – der Bank im Park selbst zu Beginn nicht wirken.

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altLeichtfüßiger Satyr

von Thomas Askan Vierich

Wien, 15. Februar 2012. Karsten Riedel und Matthias Hartmann kennen sich seit der Ruhrtriennale 2002. Dort produzierten sie gemeinsam "Deutschland, deine Lieder" mit Musik von Schubert bis Rammstein. Auch an diversen Inszenierungen am Wiener Burgtheater war Riedel als Musiker beteiligt und fiel dabei durch seine zurückhaltend-rockigen, gekonnt akzentuierten Beiträge vor allem an der Gitarre auf. Riedel besitzt eine klassische Klavierausbildung und hat jahrelang mit diversen Bands Punk, Ska und Reggae gespielt. Später vertonte er auch einzelne Shakespeare-Sonette. Daraus wurde jetzt an der Burg ein ganzer Abend. Wenn im großen Haus ein ehemaliger Punk auf die hohe Kunst des Sonetts trifft, verspricht das einiges an Spannung.


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altBis zum letzten Ton und weiter

von Kai Krösche

Wien, 12. Februar 2012. Sie kommen da nicht mehr raus. Die festliche Gesellschaft, die sich in der bourgeoisen Villa des Ehepaars Nobilé eingefunden hat, um nach dem gemeinsamen Besuch der Wagner-Oper "Tristan und Isolde" den Abend im Rausch zu beenden, sieht sich – scheinbar ohne Grund – unfähig, jenen Ort der Feier wieder zu verlassen. Bis zum letzten Wort, bis zum letzten Ton sind sie gezwungen, an diesem Ort zu verweilen, ohne Rücksicht auf Verluste oder eigene bzw. fremde Befindlichkeiten, ja sogar ohne Rücksicht auf das Leben einiger unter ihnen: Am Ende gibt es mehr als einen Toten. Sie alle sind gefangen in einem merkwürdigen Dazwischen, das sie dazu zwingt, ihre Lebensentwürfe zu hinterfragen, ihre angelernten Verhaltensweisen auf den Prüfstand zu stellen und schließlich das Tabuisierte, das Undenkbare zu denken und zum Mittelpunkt ihrer Reflexionen zu machen.


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altPrivatsphäre gleich Null

von Martin Thomas Pesl

Wien, 28. Januar 2012. Es steht ganz genau drin bei Tennessee Williams, wie er sich das Setting vorstellt zu seiner "Endstation Sehnsucht": Eine Seite lang beschreibt er das erste Bild, seine Regieanweisungen betreffen kleinste Details, Requisiten, Bewegungen. Da ist das heruntergekommene Haus, dessen Untergeschoss wir einsehen, mit Wohnküche und einem Schlafzimmer, das nur durch einen Vorhang als zweiter Raum definiert ist. Ein ganzes Haus, ein ganzes Leben passt auf eine Bühne. Genau so hat Karl-Ernst Herrmann die Bude am Burgtheater auch hingestellt und eingerichtet, detailgenau, aber karg: eine babyrosa Tapete, die schon begonnen hat, sich abzulösen, Tisch, Bett, Herd, Ventilatoren und, hinter Milchglas halb einsehbar, ein kleines Bad.


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In der konzeptuellen Mausefalle

von Kai Krösche

Wien, 21. Januar 2012. Na, was ist das denn? Eine liebevoll-mittelmäßig mit Kamin, Wandbildern und Tapete bemalte Guckkastenbühne, möbliert mit alten Herrenhaussesseln und -sofas, geziert von einer Kunstglasfront, die den Blick freigibt auf eine gemalte Schneelandschaft – und das im Kasino des Burgtheaters? Man könnte auf den ersten Blick annehmen, hier handle es sich nicht um das Bühnenbild zu den neuen Episoden des Nature Theater of Oklahoma, sondern stattdessen um das Gastspiel eines konservativen, hübsch-realistischen Klamottentheaters, das einen alten Agatha-Christie-Schinken zum Besten gibt.


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Die Komik der Dingwelt

von Christian Desrues

Wien, 1. Januar 2012. Es gibt einen einfachen Grund, warum die Wiener Matthias Hartmann mögen: er schafft es, Lustspiel im besten Sinn des Wortes auf die Bühne zu stellen. Den Wienern gefällt Vieles nicht, sehr Vieles nicht. Walzer, Operette und Lustspiel gehören zu den (ebenso vielen!) Dingen, die ihnen sogar sehr gefallen, nicht zuletzt, weil sie sich in diesen Genres wirklich auskennen. Aber sie bleiben, eben deshalb, ein zu Recht kritisches Publikum.


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Arbeiten in einem kaputten System

von Thomas Askan Vierich

Wien, 21. Dezember 2011. "Froschfotzenleder" nannten die Menschen in der DDR das Kunstleder, mit dem die Sitze ihrer Autos bespannt waren. Im ostdeutschen Flachland, vor dem Hintergrund einer verblassenden DDR-Vergangenheit, spielt das neueste Stück von Oliver Kluck, das im Wiener Kasino seine Uraufführung erlebte.


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Die ewige Probe

von Martin Pesl

Wien, 4. Dezember 2011. Es ist zwar keine öffentliche Probe mehr, trotzdem schickt sich Direktor und Regisseur Hartmann selbst auf die Bühne im Burgtheater-Kasino. Auch jetzt noch beteuert er, wie unfertig dieser reine Versuch, an Tolstois "Krieg und Frieden" heranzukommen, sei. Dann erläutert er die Bühne: Auf die Rückwand des länglichen Raumes projizierte Aufnahmen eines Modells mit kleinen Puppen auf Miniaturen von Johannes Schütz' grauen Tischen und Stühlen werden Menschenmassen markieren. Zudem werde die Nummer der Romanseite, der der jeweilige Text entstammt, im oberen rechten Eck zu lesen sein. Auch die ersten Worte der Handlung spricht der Chef selbst: "Im Oktober 1805 ..."


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Tanz der Hormone

von Thomas Askan Vierich

Wien, 29. Oktober 2011. Hier wird gesoffen, geknutscht, gekotzt und gepinkelt. Und sehr viel gerauft. David Böschs Interpretation der klassischsten aller Liebesgeschichten ist Punk. Ordinär, rauh und jung. Die Dame mit den goldenen Ohrringen am Nebensitz verzog während der ganzen Vorstellung kein einziges Mal ihre gelifteten Gesichtszüge. Andere prusteten laut los, wenn Mercutio, Romeo und Benvolio dem Tybald den Stinkefinger zeigten.


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Citizen Kane oder Vertigo?

von Kai Krösche

Wien, 24. September 2011. "So sausen wir kühn ins Dunkel hinein" steht, Weiß auf Schwarz, auf dem Programmheft. Und darunter: "Ja, Erna, das ist vielleicht das Allerlustigste". Ins Dunkel hinein gesaust, gar allzu kühn, sind wohl auch Alvis Hermanis und sein Team bei der Arbeit an ihrer Burgtheater-Inszenierung von Schnitzlers "Das weite Land" – für das "Allerlustigste" hielt das jedoch zumindest das Premierenpublikum nicht wirklich.


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Hippies in Ephesus

von Thomas Askan Vierich

Wien, 17. September 2011. Die Romanze "Perikles" ist ein fast vergessenes Stück von Shakespeare. Zu krude erscheint die Handlung. Zudem ist Shakespeares Autorenschaft für die ersten Akte zumindest umstritten.


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Blick zurück in eine andere Umbruchszeit

von Christian Desrues

Wien, 7. Mai 2011. Eine Zeit endet, bevor die Neue reif ist zu beginnen. Darum geht es in Tschechows frühem Meisterwerk "Platonov" oder, wie der Autor es in einem Brief an seinen Bruder Aleksandr nannte, "Die Vaterlosen".


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Im Visier der Rufmörder

von Thomas Askan Vierich

Wien, 16. April 2011. Alles scheint zunächst schräg: Die Bühne fällt nach links ab, die Leuchtstoffröhre hängt schief darüber, sogar das Programmheft wurde trapezförmig zugeschnitten. Doch dann erweist sich die Inszenierung Dieter Giesings zunächst als enttäuschend lustlos. Die Schauspieler sprechen ihre Texte im Ausfallschritt. Das sieht sehr ungelenk aus. Oder liegt es einfach daran, dass sie sich auf der abfallenden Bühne Halt verschaffen müssen?


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15 Minutes of Burgtheater-Fame

von Stefan Bläske

Wien, 26. März 2011. Sie habe ein ambivalentes Verhältnis zum Burgtheater und fühle sich verloren, erzählt eine weinende Petra Morzé. Sie werde jetzt sicher nicht über ihre Familie sprechen, stellt Mavie Hörbiger klar und faucht angriffsfröhlich und halbzugeknöpft ins Publikum. Sie habe keine Energie, sich auf neue Theaterformen und diese Arbeit von Michael Laub einzulassen, erfährt man von Christiane von Poelnitz. Die Burgschauspielerinnen gefallen sich in dieser sonst so gefälligen Inszenierung in Posen von Trotz und Trauer.


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Das blinde Inszenieren

von Kai Krösche

Wien, 11. März 2011. Irgendwie sind sie zwar noch da – die sieben Revue-Engel, der Schauspieler, eine Kostümassistentin – doch wirken sie eher wie Verlorene, scheint die Vorstellung bereits abgespielt, verschwunden, ist "das blinde Geschehen" an die Stelle des gewöhnlich Sichtbaren getreten. Dieses "blinde Geschehen" ist es, das Botho Strauß in seinem neuen Stück sucht und in Form einer absurden Szenenabfolge voll traumartiger Bilder, Dialoge und Situationen zeichnet.


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Die Doppeldeutigkeit einer Torte

von Kai Krösche

Wien, 5. März 2011. Zugegeben, sie ist nicht neu, die Idee des zynischen TV-Formats, das den Tabubruch bis ans Äußerste führt und den Tod eines Menschen im Mittelpunkt einer quotengeilen Unterhaltungsshow an Millionen von Menschen an den Bildschirmen sendet – live und ungeschönt. Sie ist, und das mag zunächst erschrecken, nicht einmal besonders überzogen: Dies nicht aufgrund von Formaten wie "Big Brother", die vielleicht vor elf Jahren einst den Untergang des Abendlandes bedeuteten und heutzutage auf niedrigem Niveau langweilen. Auch nicht etwa wegen der – im Programmheft zum neuen Stück von Jan Lauwers und seiner Needcompany "Die Kunst der Unterhaltung" – herangeführten Anschläge des 11. Septembers 2001 und der damit verbundenen Berichterstattung, die aus einem Massenmord und seinen Folgen eine medialisierte Performance der widerwärtigsten Sorte machten: Schockierend, aber, so zynisch es klingt, als Inszenierung konsumierbar.


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Das Leben als Kunst

von Kai Krösche

Wien, 19. Februar 2011. "A Wauhnsinn", das sagt er immer wieder, der "Hansi" Orsolics, in breitem Wienerisch, am Ende eines Satzes. "A Wauhnsinn" denkt sich auch der Betrachter am Ende der fast zwei Stunden dieser Inszenierung des neusten Franzobel-Stücks "Der Boxer oder Die zweite Luft des Hans Orsolics" – ein Wahnsinn, daß diese (frei) dramatisierte Biographie eines realen Menschen in all ihrer Wahnwitzigkeit und Überzeichnung am Ende ja eigentlich lediglich überspitzt wirkte, vielleicht aber gar nicht überspitzt war. Denn was da auf der Bühne des Burgtheater Kasinos erzählt wird, ist trotz des ganzen Theaters und trotz aller Kunstgriffe eines Franzobel doch eben genau das: Das Leben des 1947 geborenen österreichischen Profiboxers Hans Orsolics, zumindest, wie es in Büchern geschrieben steht.


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Gezuckerter Weltekel

von Georg Petermichl

Wien, 12. Februar 2011. "Wir existieren nur / wenn wir sozusagen / der Mittelpunkt der Welt sind," räsoniert der alte Schauspieler, und fasst damit den Kern der unbequemen und großartigsten Figuren des österreichischen Autors Thomas Bernhard (1931-1989) zusammen. Die meisten davon sind unzufriedene Aufsteigermenschen, die unbedingt existieren wollen und folgerichtig ihre Welt verkleinert haben. Und zwar soweit, dass ihnen der Platz im Mittelpunkt gesichert ist: Rund herum bleiben Verlierertypen, Quasseltanten, und überhebliche Dramatiker hängen, bockstarr schauen sie ins tyrannisch gleißende Ablicht ihres persönlichen Lebensmonsters.


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Zwischenmenschliche Komplikationen in allen Färbungen

von Georg Petermichl

Wien, 5. Februar 2011. Plötzlich steht es da, das beachtliche Ensemble von Andrea Breths "Zwischenfälle" im Wiener Akademietheater: Als Graustufenskala in Geschäftsanzügen, Business-Blazern, Bleistift- und Mini-Rock, sportlich – nicht allzu zugeknöpft (Kostüme: Moidele Bickel). Unter ihnen liegt ein Burgunder-farbiger Spannteppich, rundum hat sich das Beige von Wartezimmer-Lärmschutzwänden ausgebreitet, und alle haben Musikinstrumente in Händen: Vorne kratzt Johanna Wokalek an Cello-Saiten, hinter ihr bearbeitet Udo Samel eine Tuba, genau gegenüber hat Gerrit Jansen ein Glockenspiel geschultert, und in der ersten Reihe davor wartet Peter Simonischek auf den Einsatz für seine Klanghölzer. Andrea Clausen: Knopfharmonika, Corinna Kirchhoff: Geige, Roland Koch und Markus Meyer. Sie werden von Hans-Michael Rehberg dirigiert. Im Mittelpunkt: Elisabeth Orth mit ihrer Triangel.


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Buße tun oder sich feiern lassen?

von Thomas Askan Vierich

Wien, 14. Januar 2011. "Rausch" ist eines der meistgespielten Stücke von August Strindberg. Er hat es in wenigen Wochen Anfang 1899 geschrieben – und darin neben Erlebnissen aus seiner Pariser Zeit auch seine Auseinandersetzung mit dem Mystizismus verarbeitet. Es markiert Strindbergs Übergang vom Naturalismus zum Expressionismus, als er seine "Inferno-Krise" voller Selbstzweifel überwunden hatte. "Rausch" erzählt wie im Zeitraffer vom Aufstieg und Fall eines Dichters und stellt die Frage, ob böse Gedanken böse Ereignisse zur Folge haben können.


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Narrenspiel an der Küste Illyriens

von Thomas Askan Vierich

Wien, 22. Dezember 2010. Die Stars dieses Abends kurz vor Weihnachten sind die Narren. Und die, die in ihnen stecken. Also Michael Maertens als Sir Andrew Bleichenwang, Nicholas Ofczarek als Sir Toby Rülp, Sven-Eric Bechtolf als Narr Feste und Joachim Meyerhoff als Verwalter Malvolio, der mit einem gefälschten Brief zum Narren gemacht wird. Nicht zu vergessen Maria Happel, die aus der Zofe Olivias mit Stöckelschuhen und Staubsauger eine komödiantische Rolle ersten Grades macht.


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Pick it like Schimmelpfennig

von Kai Krösche

Wien, 19. Dezember 2010. Meine Güte, da ist wohl einiges im Argen: Bevor auch nur ein Wort gesprochen ist, setzen alle vier – Liz, Frank, Martin & Karen – bereits selten trübe Mienen auf. Betreten, bestürzt, zerknautscht, peinlich berührt kommen sie auf die kahle und enge Bühne – und schweigen zunächst mal einen langen Augenblick. Dass "es" also "eine komplette Katastrophe" war, wie Tilo Nest alias Frank dann schließlich doch bekannt gibt, das wundert wohl keinen mehr. Mit "es" meint er das feierliche Wiedersehen der beiden Medizinerpärchen (das eine Paar war fünf Jahre lang zwecks Entwicklungshilfe in Afrika) – stellt sich also nur noch die Frage nach dem "Warum".


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Fantasievolle Pirouetten

von Georg Petermichl

Wien, 10. Dezember 2010. Die Leinwand im Hintergrund ist riesig. Die braun-schwarze Suppe darauf – eine präzise Kreuzung aus naivem Kirchenfresko der 1960er und vorzeitlicher Höhlenmalerei: Blöd dreinschauende Stalltiere und massenhaft Kruzifixe werden vom Titel des Abends "Stallerhof" überragt. Im Vordergrund hat man einen mächtigen Holzjesus auf einem Telefonmasten gekreuzigt, in der Flucht pfählen weitere Pfosten die Bühne. Dazwischen gibt es überall Hausrat, von der Waschmaschine zum Fleischwolf, von einer Gehschule zu den Pappaufsteller-Tieren, Motorradhelme, Melkhocker. Und überall liegen Strohballen und Tetrapacks pasteurisierter Haltbarmilch. Hier liegt Franz Xaver Kroetz' "Stallerhof" samt seiner Fortsetzung "Geisterbahn" in skulpturaler Form vor dem Publikum ausgebreitet.

 


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Schau noch mal! Schau anders! Schau selbst!

von Kai Krösche

Wien, 5. November 2010. Eins will nicht so recht passen zu den schrillen Adidas-Jogginganzügen, in denen die Akteure – von den verschiedenen Farben einmal abgesehen – uniform auf die Bühne treten: Ein kleines schwarzes Quadrat auf weißem Grund, an das Gemälde des russischen Malers Kasimir Malewitsch erinnernd, ziert die Kostüme auf irritierende Weise. Ein Kunstwerk, das eine "Empfindung der Gegenstandslosigkeit" hervorrufen möchte, das den Bezug auf eine konkrete, externe Realität verweigert.


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Karikatur einer Krise

von Thomas Askan Vierich

Wien, 30. Oktober 2010. Michael Thalheimers Premiere an der Wiener Burg. Schon Tage zuvor berichtete die lokale Presse über Stück und Inszenierung. Entsprechend hoch türmten sich die Erwartungen. Es beginnt sehr effektvoll – mit einem basslastigen, lauten Orgelakkord. Der Blick der Zuschauer fällt in einen riesigen Trichter aus Nirosta, entworfen von Thalheimers Stammbühnenbildner Olaf Altmann. Als würde man von oben in einen Fleischwolf blicken. Am Ende des Trichters baumelt eine Rinderhälfte. Daran wird sich in den folgenden zweiunddreiviertel Stunden nicht mehr viel ändern.


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My Own Private Kampusch

von Stefan Bläske

Wien, 16. Oktober 2010. Rotkäppchen ist längst vom Wolf gefressen und der Falco-Sänger abgetreten, da entschwebt ein SS-Uniformierter in den Bühnenhimmel, auf der Leinwand hinter ihm flimmern Projektionen von trachtentragenden Musical-Mädchen, und aus den Lautsprechern ertönt Westernhagens "Freiheit, Freiheit!". Wie das alles mit dem "Fall Kampusch" zusammenhängt? Vielleicht so: Stefan Bachmann hat Kathrin Rögglas medienkritisierendes Sündenbock-Stück im Wiener Akademietheater aufgepumpt zur zitatenreichen Inszenierung mit den Themen Tätertum und Vaterschaft, Psychoanalyse und Österreichklischees.


Burgtheater Wien

Mord vor blühender Landschaft

von Stefan Bläske

Wien, 11. September 2010. Im Zweifel sind immer die Fremden schuld, die Anderen, die Andersgläubigen. Da darf man dann nicht zimperlich sein, was stört, gehört "entfernt". In diesem Ton schallt's aus Toledo, wo die Christen aus Kastilien zum Kampf gegen die Mauren rüsten und "Juden hier und da misshandelt" werden.


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Die Banalität des Biederen

von Stefan Bläske

Wien, 16. April 2010. Gleich zwei Ansagen musste Matthias Hartmann an diesem Abend machen. Zunächst im Burgtheater, vor Faust II. Wegen isländischer Vulkanasche und Flugausfall kam ein Künstler zu spät, Naturschauspiel verzögert Kulturschauspiel. Im Akademietheater beginnen die Geschichten aus dem Wiener Wald pünktlich, hier fordert erst das Ende eine Erklärung. Warum keine Schwarz-gewandeten beim Premieren-Applaus, kein Regisseur, der sich verbeugen mag? Und keine Eruptionen als Begründung?


Burgtheater Wien

Gelungener Etikettenschwindel

von Thomas Askan Vierich

Wien, 14. April 2010. Die Ankündigung des Burgtheaters klang nach ausgemachtem Blödsinn. Intendant Hartmann probt öffentlich "Krieg und Frieden", nutzt dabei "mit seinen Schauspielern das Theater als Erkenntnisraum und lädt das Publikum ein, an diesem aufregenden Prozess teilzunehmen".


Burgtheater Wien

Der Kampf des Schauspielers mit seinem Bildnis

von Stefan Bläske

Wien, 19. März 2010. Nun, da ich das echte Leben kennengelernt habe, kommt mir die Bühne falsch vor, sagt die Schauspielerin. Nun, da Du mich aber auf der Bühne nicht mehr faszinierst, erwidert Dorian Gray, interessierst Du mich auch im Leben nicht mehr. Für Dorian sind Leben und Kunst nicht mehr voneinander zu trennen. Und dass Schönheit oberflächlich ist, begreift der Schöne längst nicht mehr als Manko, sondern macht es sich zum Credo.


Burgtheater Wien

Die flackernden Augen des Martin Wuttke

von Thomas Askan Vierich

Wien, 6. März 2010. Am Anfang stand die Frage: groß oder klein? Burg oder Akademie? Die Fortsetzung von "Das Fest" hätte gut ins intimere Akademietheater gepasst. Doch Thomas Vinterberg und sein Mitautor Mogens Rukov, der "große alte Mann" der dänischen Dogma-Bewegung, entschieden sich für das Große, für die Burg.


Burgtheater Wien

Petra- und Peterchens Mondfahrt ins Beziehungsleben

von Stefan Bläske

Wien, 26. Februar 2010. Auf der Bühne hüpfen stark geschminkte, verkleidete Menschen herum, die langweilige Texte in schlechter Betonung aufsagen ... Ich frage mich - wozu? ... Sollen die Theater doch dichtmachen von mir aus, Schauspieler mag ich sowieso nicht. Eitle Fatzkes meist ... Theater zu fördern ist, als würde man seit Jahrtausenden den Erhalt der Höhlenmalerei subventionieren. Alles hat seine Zeit, und manchmal sterben Sachen zu Recht aus. Ende des Zitats. O-Ton Sibylle Berg.


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Minima Moralia der Werther-Lücke

von Stefan Bläske

Wien, 20. Februar 2010. Muss ein Schauspieler auf der Bühne weinen können? Was, wenn er wider Willen trocken bleibt? Die Fragen um Tränen, Tod und Theater sind die alles andere als traurigen Themen des sechsten, insbesondere für Theatermenschen amüsanten Teils von Joachim Meyerhoffs Hexalogie, jener 2007 begonnenen und nun endenden autobiographischen Authentizitäts- behauptungs-Serie "Alle Toten fliegen hoch".


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Oh Angst, oh Dunkelheit!

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 6. Februar 2010. "Die Zukunft ist das Business", sagt Charles, der das Leben als Outlaw in den aufgelassenen Hallen eines Werftviertels mehr als über hat. Ausgerechnet hier und ausgerechnet jetzt träumt er vom "Business". Und ausgerechnet im Angesicht des jämmerlichen Maurice: Der Ehrenmann hat Geld veruntreut und wollte ins Wasser gehen. Ist nicht gelungen, einer der Underdogs hier hat ihn wieder herausgezogen. Jetzt humpelt Maurice mit gebrochenem Knöchel herum, ist genau so gefangen in den dunklen Hallen wie die anderen. Hier gibt es keine sozialen Unterschiede mehr, und auch kein Fortkommen. Und eine Flucht in eine bessere Welt, die irgendwo da draußen oder drüben doch existieren muss?


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It's the gender stupid!

von Stefan Bläske

Wien, 22. Januar 2010. So schwarz hat man Othello wohl noch nie gesehen. Gleich zu Beginn: Ein Black. Stockfinstre Nacht im ganzen Saal. Nichts ist mehr zu erkennen, außer den kleinen Sternen am Firmament. Und dunkel bleibts, die Hand vorm Auge nicht zu sehen. Eine zischelnde Verschwörung, ein nächtlicher Skandal – die ersten Szenen sind komplett in Schwarz getaucht.


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Vier Oscars für die Kulissenschieber

von Stefan Bläske

Wien, 20. Dezember 2009. Buhlend suhlen sich die beiden im Whirlpool, reiben ihre nackten Leiber mit Schaum ein und lassen sich höchst ungern vom Boten stören, der Nachricht bringt von der Welt jenseits der Wannenwonne. Wir befinden uns im Jahre 40 v. Chr. Der ganze Mittelmeerraum ist von den Römern besetzt ...


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Einmal Bochumer Sushi, bitte!

von Georg Petermichl

Wien, 5. Dezember 2009. Sein Theater sei ein Gemischtwarenladen: In Matthias Hartmanns TV-Portrait im ORF – gewissermaßen seiner Antrittsrede als frischer Burgtheaterintendant – plauderte er im September 2009 auch über die Beziehung des Theaters zum wahren Leben. Niemand wolle ausschließlich "Käsebrot", manchmal brauche es auch "Sushi". Und weil es manchmal einer kraftreichen Theaterernährung bedarf, hat er ein paar Energieriegel nach Eigenrezeptur aus seinen Altintendanzen ins Programm des Burgtheaters gepackt. Bisher wurden bereits "Amphitryon" und "Immanuel Kant" aus Zürich, bzw. "1979" und jetzt "Warten auf Godot" aus Bochum nach Wien importiert.


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Sing die Saga!

von Georg Petermichl

Wien, 6. November 2009. Manchmal beginnt großartiges Theater, wenn das Theater längst zu Ende ist: Das Mobiliar, das sich auf einer Länge von dreißig Bodenmetern ausbreitet, erzählt Bände einer gescheiterten Familiendynastie. In einer Ecke die Couch, auf der es sich die Familie Esterházy sichtlich ungemütlich gemacht hat. Auf der anderen Seite so etwas wie ein Beichtstuhl. Ein 4-fach-Stockbett, ein Mini-Sekretär. Über dem Szenario thront eine Satellitenschüssel. Seitlich zwei Überwachungskabinen. Eine ist als väterlicher Bürokäfig eingerichtet. Dazwischen einige Elektro-Orgeln. Am Bühnenrand zur Zuschauertribüne wurden ein Dutzend Umzugskartons auf die Teppichfliesen geworfen.


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Revolte ohne Hoffnung

von Michael Laages

Wien, 30. Oktober 2009. Am Ende steht Tyrannenmord. Doch danach kommt nicht das, wofür er begangen wurde und worüber zuvor so lang und breit gestritten und agitiert worden ist: der Aufstand gegen ein überlebtes Fürstentum und für die Republik. Denn der Attentäter selbst war nur ein finstrer Clown, der ziemlich heruntergekommene Ober-Bohemien der Stadt und auch am Hof von Florenz. Und wie laut auch immer er den eigenen Plan durch die Straßen trug, ernst hat ihn dort keiner nehmen mögen.


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Hilfe, mein Kind ist ein Ambient-Girlie!

von Georg Petermichl

Wien, 9. September 2009. "Mach doch mal was Süßes." Bevor der "Struwwelpeter" so richtig begonnen hat – die sogenannte "Junk Opera" mit Birgit Minichmayr als wandlungsfähige, abendfüllende Singbegleitung – steht Mara Romei in vollem Tatendrang auf der Bühne des Wiener Burgtheaters. Der augenscheinliche MC des Spektakels, Jacques Palminger, hat sich für seine Aufforderung neben sie gekniet. Romei trägt einen Pferdeschwanz, sowie Schuluniform und ist vielleicht mal sieben Jahre alt.


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Hört die Signale

von Stefan Bläske

Wien, 7. September 2009. Es ist ein großes, ein eindrucksvolles Theater, und es wirbt mit seiner Offenheit: "Das große Theater ruft euch! Jeder ist willkommen! Wer sich für uns entschieden hat, den beglückwünschen wir gleich hier!" Wenn Sie jetzt ans Burgtheater denken, liegen Sie knapp daneben. Gemeint ist das Nature Theater of Oklahoma aus Franz Kafkas Roman "Amerika". Es wird zum Hoffnungsschimmer für Karl, der aus der Tschechoslowakai kam und nirgends heimisch wurde auf seiner Reise durch das große weite Land. Doch der Werbeslogan bringt Zuversicht: "Wir sind das Theater, das jeden brauchen kann, jeden an seinem Ort!" Diese Offenheit war ein Grund für Kelly Copper und Pavol Liska, ihre New Yorker Performancegruppe nach Kafkas Roman-Theater zu benennen. Biographische Parallelen ein anderer.


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Ein Theatermani-Fest

von Eva Maria Klinger

Wien, 4. September 2009. Mit einem Aplomb wolle er seine Ära beginnen, verkündete Matthias Hartmann in unzähligen Interviews. Das Statement der Selbstsicherheit hat er nun mit der Bewältigung dieser Mammutaufgabe eingelöst. Keiner hat das an diesem Ort seit einem Vierteljahrhundert fertig gebracht. Claus Peymann versprach 13 Jahre lang einen Faust, Klaus Bachler hatte für den Abschluss seines 10jährigen Wirkens ebenfalls ein Faust-Projekt angesetzt – mit Joachim Meyerhoff als Faust und Michael Maertens als Mephisto. Der Plan musste mit dem Tod des Regisseurs Jürgen Gosch begraben werden.


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Ich ist ein Zettelkasten

von Michael Laages

Wien, 29. April 2009. Das Festivalpublikum könnte sich wundern. Weniger über das kleine Kunst-Stück selber, das ihnen da als eine der "bemerkenswerten Produktionen" aus der deutschsprachigen Theaterszene der zurückliegenden Spielzeit angedient wird. Obwohl es an sich auch schon recht verwunderlich ist – vielmehr aber (und viel mehr!) könnte die Kundschaft staunen darüber, dass eine solche durchaus liebenswerte, aber letztlich doch eher marginale Petitesse es schaffen konnte in die Auswahl der Jurorinnen und Juroren für das "Theatertreffen" in Berlin. Üblicherweise wäre "Alle Toten fliegen hoch", die autobiographische Vortrags- und Lese-Serie des Burgtheater-Schauspielers Joachim Meyerhoff, früher als "Late Night special" oder so ins Spiegelzelt selig eingeladen worden. Und da wäre sie auch prächtig aufgehoben gewesen. Aber heute ...


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So schön wird's nie wieder gewesen sein

von Stefan Bläske

Wien, 25. April 2009. Es mag weit hergeholt sein, zugegeben, aber stellen Sie sich vor, Sie fliegen nach Wien, um eine Wittenbrink-Premiere zu sehen. Sie verbringen einige Zeit in der Wartehalle eines Flughafens und beobachten Alltäglichkeiten: eine Securitybeauftragte verbietet das Rauchen, ein Handwerker pfeift einer Stewardess hinterher, eine Gruppe Japaner blubbert durchs Bild wie ein orientierungsloser Fischschwarm, und ein Anzugträger telefoniert verärgert, er muss seine Geschäftsreise nach Mexiko abblasen, da – Achtung, Wirtschaftskrise – ein Auftrag geplatzt ist. Ein Kaffeautomat bedankt sich für den Einkauf und ein Pilot erfragt den Weg "to the next Whiskey Bar", aber statt einer Bar taucht ein Bär auf, ein großer brauner, der mit glockenheller Stimme singt "Ich möchte ein Eisbär sein, am kalten Polar." Denn Eisbären müssen nie weinen.


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Hart – Burg – Mann

von Stefan Bläske

Wien, 22. April 2009. Auf einmal steht Matthias Hartmann nur noch im Hemd da. Sein Sakko (und das daran montierte Mikrophon) hält er der kaufmännischen Geschäftsführerin hin. Die soll übernehmen, denn die Frage ging ums Geld, und Hartmann möchte nur über Kunst sprechen.


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Alice im Wundenland

von Stefan Bläske

Wien, 25.3.2009. Karim wohnt in Wien, am Naschmarkt, ist 31 Jahre und Schauspieler am Burgtheater. Als smarter Moderator mit Zahnpastalächeln führt er durch den Abend. Er (Karim Chérif) ist der Chor, der sich fragt, ob es vielleicht naiv ist, die Geschichte von Elektra – "tausend Mal erzählt" – noch einmal zu erzählen. Dabei hängt das nicht vom Alter der Geschichte ab, sondern davon, wie man sie erzählt.

 


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Mit dem Sterben hat es noch Zeit

von Michael Laages

Wien, 20. März 2009. Der "Faust"-Traum soll sich in Afrika erfüllen, jener Moment des letzten Glücks, in dem sich mit Goethe sagen ließe: "Du bist so schön!", soll die Eröffnung eines Festspielhauses sein. Im Modell, das Christoph Schlingensief gegen Ende von "Mea Culpa" auf die Bühne des Wiener Burgtheaters wuchtet, ähnelt das "Heart of Africa"-Bühnenhaus zwar noch dem auf dem Grünen Hügel von Bayreuth – doch mit der Zeit soll es selber Maßstab werden für den Austausch zwischen den Kulturen. Und eines Tages würden die Festspielbesucher in Bayreuth sagen: "Kuck mal, das sieht ja aus wie das in Afrika!"


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Wir sind alle individuell

von Stefan Bläske

Wien, 16. März 2009. "Wo ist denn unser Regisseur?", tönt die weibliche Schauspielerstimme inmitten der Anarchie, als für sie der Abend aus dem Ruder zu laufen scheint. Stemann verteilt da gerade – adrett mit Jelinek-Perücke – falsche Geldscheine unter den Zuschauern. Zwei Tiermaskenträger spielen im Zuschauerraum Fangen und auf der vollgerümpelten Bühne stellt der Engel der Gerechtigkeit fest, dass noch nie jemand sein Hirn habe arbeiten sehen, wobei er von einem Prärieläufer umrundet und einem wandernden Stein aus dem Gleichgewicht gebracht wird. Wo ist der Regisseur? Braucht man ihn für eine Lesung? Nicolas Stemann kehrt zurück auf die Bühne, in seine Rolle als Dirigent und Chorleiter, Koordinator und Conferencier, gibt wieder Einsätze, macht Ansagen.


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Wenn in mir alles auseinanderfällt

von Peter Schneeberger

Wien, 6. März 2009. Der gestrigen Premiere von Botho Strauß' "Trilogie des Wiedersehens" am Wiener Burgtheater liegt ein Missverständnis zugrunde: Dass das Stück, uraufgeführt 1976 in Stuttgart, ein Porträt der Gesellschaft der 70er-Jahre sei. Die Akribie, mit der Kostümbildnerin Annabelle Witt gearbeitet hat, ist entwaffnend: Sie hat das Ensemble von Kopf bis Fuß derart treffend in Menschen von einst verwandelt, dass die Schauspieler selbst für notorische Burgtheaterbesucher nur noch an ihren Stimmen wieder zu erkennen sind.


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Sigismund im Sigisrausch

von Peter Schneeberger

Wien, 8. Februar 2009. Um Abschied zu nehmen, kehrt Klaus Bachler an seinen Anfang zurück. Mit Calderóns "Tochter der Luft" hat er vor zehn Jahren seine Intendanz als Burgtheaterdirektor begonnen, nun schwenkt er mit dessen "Das Leben ein Traum" in seine Schlussrunde ein. "Wer bin ich?", sind die ersten Worte, die Schauspieler Nicholas Ofczarek ratlos in ein Mikrophon haucht. Nach tatsächlich über hundert Premieren scheint es Bachler noch einmal wissen zu wollen und stellt große Fragen in den Raum.


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Klangschatten eines Dorfes

von Georg Petermichl

Wien, 30. Januar 2009. Jetzt mal ganz ehrlich: Die Suche nach der Metaphysik der Dinge wird man nicht unbedingt in den dunklen Tälern Tirols oder der Schweiz beginnen. In den Dörfern, bei den düstren Wäldern weit hinter der Vorstadt, wo Natur nur nach ihrem Ertrag gemessen, das Leben von Redundanz und manuellem Fleiß bestimmt wird. Wo Leid auch eine dauerhafte physische Komponente hat.


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Ich bin eine Kruste, und ich platze gleich

von Peter Schneeberger

Wien, 25. Januar 2009. In ganz Europa verbreitet sich eine merkwürdige Epidemie: Menschen explodieren, scheinbar grundlos reißt es Männer und Frauen in Stücke. "Der Einfluss von Sprengstoff wird ausgeschlossen", heißt es in ersten Pressemeldungen. Gründlichere Informationen über die spektakulären Todesfälle sind nicht zu erhalten. Nur: "Auf den Gesichtern der Explodierten liegt ein Ausdruck von Erlösung."


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Altherrenjause mit Nagelfeile

von Eva Maria Klinger

Wien, 3. Januar 2009. Die Erregungen um Thomas Bernhards Stücke, um deren testamentarisch verfügtes Aufführungsverbot in Österreich und um die Aufhebung dieses Verbots sind Geschichte. Die Proteste wichen der Wertschätzung. Als gehütetes Kleinod werden zynische Sentenzen und Monstrositäten im rhythmisch fließenden Text längst in der Schatzkammer österreichischer Dichtkunst bewahrt. Kein Entsetzen mehr, nur Heiterkeit verbreitet sich, Glück allenthalben, wenn eine Aufführung gelingt, was selten geworden ist.


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Achterbahnfahrt mit Louis-Vuitton-Tasche

von Georg Petermichl

Wien, 6. Dezember 2008. DER Pollesch ist zur Wiener Burg zurückgekommen, womit sich eine gelebte Liebesbeziehung erzählt. Auf der einen Seite: der große deutsche Theatermaschinist, dessen Stücke sich dem Aufführungsort und seinem Zeitgeschehen anpassen. Damit umschifft er nicht nur die einbetonierten Fronten zwischen Regie- und Autorentheater, denn er macht beides in Personalunion. Er kann auch den Erzählungen anderer ausgiebigst misstrauen, weil sie tradierte Wertkonstellationen – hübsch verpackt und unhinterfragt – weiter tragen.


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Faustus' Theme

von Michael Laages

Wien, 8. November 2008. Na gut: "Sympathy for the Devil" hätte auch gepasst. Aber dann hätte es sicher Ärger mit den Rechteverwaltern der "Rolling Stones" gegeben. Titel von Pop-Songs müssen ja ohnehin auch nur irgendwie stimmen – und ist die Liebe nicht irgendwie wie ein Fieber für den deutschen Tonsetzer Adrian Leverkühn, über dessen Leben und Sterben, Karriere und Genie Thomas Mann im letzten großen Roman-Projekt "Doktor Faustus" erzählen lässt?


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Verletze mich, wenn du kannst!

von Nikolaus Merck

Wien, 18. Oktober 2008. Sie kommen durch den Zuschauerraum: Martha und George alias Christiane von Poelnitz und Joachim Meyerhoff, im Leben so wirklich ein Paar wie heute Abend auf der Burgtheaterbühne. Hand in Hand entern sie die Vorbühne, wenn der Vorhang sich hebt und den Blick auf das Wohnzimmer, das bald zum Schlachtfeld werden wird, frei gibt. Zeitpunkt und Ort: sind ungewiss, die Möbel könnten gut und gerne gesternheutemorgen bei IKEA eingekauft worden sein.


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Vorgezogenes Faschingstreiben 

von Eva Maria Klinger

Wien, 10. Oktober 2008. Wer Anspruch auf einen umfassenden Shakespeare-Zyklus erhebt, muss wohl auch in die Mottenkiste greifen. Nun ist so ein Zyklus, der sich dem größten Dramatiker des Welttheaters widmet, wahrlich kein Risiko und im Übrigen auch keine nennenswerte Idee. Aber was soll's, Intendant Klaus Bachler verfolgte Shakespeare zum Abschluss seines Wirkens am Burgtheater, und mit "Macbeth" wird der Reigen abgeschlossen sein. Derweil hat Bachler, als Simultan-Direktor der Bayerischen Staatsoper, in München längst den Verdi-Zyklus eingeläutet.


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Die Arithmetik der Grausamkeit

von Peter Schneeberger

Wien, 29. Mai 2008. Nach sieben Stunden hat das Schlachten ein Ende. Nach sieben Stunden ist jeder Funken Hoffnung, dass die Menschheit noch zu etwas anderem fähig sein könnte als zu bitterer Grausamkeit und grenzenloser Gewalt, erloschen. Richard III. liegt tot am Bühnenboden, König Heinrich VI., Königin Anne und der Rebellenführer Jack Cade haben ihr Leben gelassen. Das Publikum ist vom Blutrausch sichtlich erschöpft: Müde aber zufrieden jubelt es kurz nach Mitternacht dem nicht minder ausgelaugten Ensemble zu.


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Ewigkeit zum Greifen nah

von Georg Petermichl

Wien, 6. Mai 2008. So sehr man’s erwarten würde: Er hebt sich einfach nicht empor, der linke Arm von Schauspieler Markus Meyer. Kein einziges Mal während der 65 Minuten von Tim Crouchs "Mein Arm" wird diese inhaltlich so zentrale Geste auch Bühnenwirklichkeit im Vestibül des Wiener Burgtheaters. Und das, obwohl der selbstgemachte Krüppel direkt vor dem Publikum stehen soll. Er schildert sich als zehnjährigen Querkopf, der beschloss, seinen linken Arm in die Höhe zu recken, erzählt vom Gefallen, den er an dieser Einzigartigkeit fand: Sein Triumph gegenüber Normalos.


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Schräger Lichteinfall

von Eva Maria Klinger

Wien, 20. April 2008. Was macht diesen Joachim Meyerhoff selbst im schlichtesten Vortrag so unwiderstehlich? Ein leptosomer Riese, leicht gebeugt, schütteres Haar, ein mageres, bleiches Gesicht – so sitzt kein Star zwischen den Souvenir-Vitrinen des Lebens. In sachlichem Ton, der die schlimmste Tragödie auf Zimmertemperatur hält, erzählt er Familiengeschichten. Niemals würde er sich in einen Furor steigern, seine Seele brennt unter feuerfester Oberfläche. Er formuliert intelligent, fabuliert fabelhaft. Der dritte Teil seiner satirischen "Memoiren" (nach der Kindheit als Sohn eines Psychiatriedirektors auf dem Gelände einer Irrenanstalt  und nach einem High-School Jahr in Amerika) ist eine Hommage an seine charismatische Großmutter, die Schauspielerin Inge Birkmann.


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Die Dekadenz und das Zottelmonster

von Peter Schneeberger

Wien, 6. April 2008. Seit King Kong 1933 zum ersten Mal die blonde Schauspielerin Ann Darrow in seine schwarze Pranke genommen hat, ist die Welt von dem Megaprimaten nicht mehr losgekommen.


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Signalschüsse ins eigene Knie

von Georg Petermichl

Wien, 29. März 2008. Inmitten der Aufführungssalven, mit denen Yasmina Rezas "Der Gott des Gemetzels" in dieser Saison über deutschsprachige Publika hinweggetrieben wird, muss man doch Besitzansprüche stellen! Das passiert auch in einsichtiger Rücksicht auf den gesellschaftsentlarvenden Stoff. Also: Das Wiener Burgtheater hat sicher Titelanspruch auf die kraftvollste Destruktion des Blumenarrangements.


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Auch braven Buben stirbt die Braut 

von Peter Schneeberger 

Wien, 28. Februar 2008. Aus Henri Murgers Roman "Das Leben der Bohème"  (1849) wurde die Puccini-Oper "La Bohème" (1896) wurde Aki Kaurismäkis Film "La Vie de Bohème" (1992) wurde Jonathan Larsons Broadway-Musical "Rent" (1996) wurde nun das Theaterstück "Das Leben der Bohème", aufgeführt gestern Abend im Vestibül, der kleinen Off-Spielstätte des großen Wiener Burgtheaters. Der Stoff des Pariser Liebespaares Rodolfo und Mimi ist einfach zu herzzerreißend, als dass die Künstler aller Genres dauerhaft die Finger davon lassen könnten.


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Aufs Pferd, aufs Pferd!

von Peter Schneeberger

Wien, 19. Dezember 2007. Dass es ein flotter Abend werden sollte, hat Regisseur Thomas Langhoff schon Tage vor der Premiere in mehreren Interviews eindringlich verkündet: In hurtigen vier Stunden werde er am Wiener Burgtheater Friedrich Schillers monumentales Drama von Wallensteins Ende erzählen. Zwar sei das Verspoem "das beste Stück der deutschen klassischen Literatur", wie er etwa dem "Spiegel" anvertraute. Doch bedeute dies noch lange nicht, dass er dem Meisterdichter nicht am Zeug flicken dürfe.


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Was Macht macht

von Lena Schneider

Wien 17. November 2007. Der Despot Henry (Wolfgang Michael) bringt schon zu Anfang ganz trefflich auf den Punkt, was ihn erwartet. "Es wird ein grauenvoller Tag". Seine drei Söhne, gewissermaßen die Facetten des heranziehenden Grauens, sitzen, als er das sagt, bereits auf der plüschigen Wartebank: Richard (Markus Meyer), der ehrgeizige Älteste, Geoffrey (Philipp Hauß), das unscheinbar gewiefte Mittelkind mit Elvis-Tolle und John (Sven Dolinski), der trottelige Jüngste, das "große Familien-Nichts" und Liebling des Vaters.


Burgtheater Wien

Dem schönen Schein den Schleier herunterreißen!

von Dirk Pilz

Wien, 20. September 2007. Der Anfang zum Beispiel. Rechts eine Schar hübsch berockter Männer um ein Lagerfeuer, links eine Burgruine im Nebel. Nachtblau der Hintergrund, erdbedeckt der Boden. Und aus dem Himmel fällt ein sanftes Licht. Caspar David Friedrich hätte es schöner nicht malen können. Das Herz wird einem warm und schwer, dann schreien sie auf der Bühne. Hüpfen und hampeln, zücken die Degen und schwingen zwei Riesenschwerter bis die Funken schlagen. Und aus den Boxen filmmusikreifes Gesäusel.


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Kommentare zu Romeo und Julia

Aus technischen Gründen mussten wir die Kommentare 1-70 hier auslagern.

Hier geht es zur Kritik.


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Skandale der Liebe

von Daniela Strigl

Wien, 4. Mai 2007. Ein Klavier, das ist Hausmusik im Salon oder Virtuosität im Konzertsaal oder Barmusik bei Kerzenlicht. Zwölf Klaviere sind eine Lärmbelästigung. Jedenfalls, wenn fortissimo auf ihnen getrillert wird, während eine schwache Stimme vergeblich gegen sie Anlauf nimmt.


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