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archiv » Nationaltheater Weimar (38)
Nationaltheater Weimar

Die Luft, sie ist vergiftet (oder: Die Jugend ist wütend)

von Henryk Goldberg

Weimar, 26. Februar 2017. Doch, hier muss was faul sein im Staate. Mindestens die Luft ist vergiftet. Die Männer, die hier die Wache haben, tragen rote Overalls, schließlich, Dänemark ist ein Gefängnis und sie schützen sich mit Gasmasken. Das macht, was sie sagen, dumpf und schwer verständlich, aber was sind unverstandene Worte, wenn die Welt im Ganzen nicht verständlich ist. Einer der Männer schält einen anderen aus dem roten Anzug, der ist sehr blond und eine Frau. Der mit dem Muskel-Shirt spricht schnell und glatt, wir werden ihn nicht mögen. Die blonde Frau nimmt einem anderen die Maske ab. Der ist darunter weiß geschminkt, seine Hose ist zur einen Hälfte, an einem Bein, ganz weiß. Der Mann hat etwas von einem Harlekin, nur, dass er nicht lustig ist. Sein Name ist Hamlet.


Nationaltheater Weimar

Abschied vom Ich

von Sascha Westphal

Weimar, 25. August 2016. Der erste Eindruck ist schier überwältigend. Im großen Festsaal des Schießhauses fällt mein Blick sofort auf die weiße Tür, die mitten im hinteren Drittel des riesigen Raums steht. Es ist fast so, als trete man in ein Gemälde René Magrittes. Und mit jedem Schritt, mit dem ich mich angeleitet von einer der Begleitpersonen dieser Tür nähere, wird die Wirklichkeit brüchiger, bis da nur noch diese Tür ist. Sie löscht den Saal aus und mit ihm alles Vertraute. Es bleibt nur eins, sie öffnen und in das kleine Sperrholz-Kabuff eintreten, das sich hinter ihr verbirgt.


Nationaltheater Weimar

Faust ist auch nur ein Popstar

von Christian Rakow

Weimar, 27. Februar 2016. Im Grunde ist dieser Satz einem jeden Regisseur mit auf den Weg gegeben, der sich an "Faust II" wagt: "Den lieb' ich, der Unmögliches begehrt." Goethes Alterswerk ist wahrlich ein Bühnenunding. Wer sich als Leser einmal durch die "klassische Walpurgisnacht" geackert hat – oder wohl eher durch den Anmerkungsapparat dazu – ahnt, dass die Spuren dieser Mythenspiele nicht in Äonen abgeschritten werden können.


Nationaltheater Weimar

Bauchfleisch für alle

von Frauke Adrians

Weimar, 20. November 2015. Kaffee, Kotelett und Kartoffeln: lauter gute Sachen mit K, von denen ein Fernfahrer träumt. Oder besser: von denen der Wanderarbeiter Hupka träumt, wenn er träumt, er wäre ein Fernfahrer. Hupka träumt viel, wenn der Tag lang ist. Und leider ist er damit nicht gut behaust in einer Welt, in der es vor allem um Dinge mit G geht: Geld und Gelaber.


Nationaltheater Weimar

Der Zaun muss weg!

von Matthias Schmidt

Weimar, 8. November 2015. Zugegeben, es ist nur ein Gefühl, eine Verunsicherung, was bei Interpretationen bekanntlich mal vorkommen kann. Es sagt, hier stimmt etwas nicht. Möglicherweise. Genauer gesagt: Man kann die Inszenierung missverstehen. Dass man es soll, ist nahezu ausgeschlossen.


Nationaltheater Weimar

Krieg hat eben immer Saison

von Frauke Adrians

Weimar, 30. Januar 2015. "Ich denke einen langen Schlaf zu tun", spricht Wallenstein. Da haben die Zuschauer den langen Premierenabend im Deutschen Nationaltheater fast schon hinter sich. Doch Gründe zum Einschlafen gab es für sie in den gut viereinhalb Stunden eigentlich nicht. Denn mit seiner Inszenierung der gekürzten "Wallenstein"-Trilogie hat Weimars Intendant Hasko Weber einen soliden Theaterabend abgeliefert.


Nationaltheater Weimar

Eukalyptus im Totalitarismus

von Frauke Adrians

Weimar, 8. November 2014. Was ist denn das nun wieder? Ein Beitrag zum Orwell-Jahr: 30 Jahre 1984? Ein Beitrag zum immer wieder gern totgerittenen Thema: "Utopien - und wie sie scheußlich scheiterten"? Oder ein weiteres kaum spielbares Theoriendrama mit vielen hochtrabenden Substantiven im Exposé ("Enthierarchisierung", "Möglichkeitssinn", "Vorahmung")? Was auch immer Kevin Rittberger, Autor des Stückes "Radio Cooperativa", vorhatte – und was immer Regisseur Jakob Fedler auf der Bühne des Weimarer E-Werks daraus macht: 70 Minuten hält man es aus. Länger wäre lästig.


Nationaltheater Weimar

Goetheklößchen an Vanilleeis

von Frauke Adrians

Weimar, 28. September 2014. Zur "Lotte" gibt es rosa gebratenes Rumpsteak mit einer Senfkruste, Speckbohnen und, ganz wichtig in Thüringen, gebratene Kloßscheiben. Man spielt Theater im Weimarer Hotel Elephant, dem ersten Haus am Platze heute wie vor 200 Jahren, und der findige Hotelier offeriert dazu das Lotte-Arrangement: "Theateraufführung, Übernachtung und Kulinarik verbinden!" Das viergängige Menü im Elephantenkeller ist für 36 Euro zu buchen.


Nationaltheater Weimar

Big Gender Trouble

von Christian Baron

Weimar, 25. April 2014. Welch tragische Schönheit da auf dem kargen Geläuf liegt, reglos und umhüllt von einem Sommerkleid, das mit seinem hellen Rosa die Erkennungsfarbe holder Weiblichkeit zur Schau stellt. Mühsam rafft sie sich nach dem offensichtlich schweren Schiffsunglück auf und hadert mit dem eigenen Schicksal, das sie an die Küste dieses ihr völlig unbekannten Ortes gespült hat. Da taucht die androgyne Maria (famos gespielt von Tobias Schormann) auf, die sich dieser Gestrandeten namens Viola (Katharina Hackhausen) fürsorglich annimmt und ihr sogleich mitteilt, für Frauen sei es auf dieser kleinen Insel namens Illyrien schwer, sich Gehör zu verschaffen.


Nationaltheater Weimar

Die Luftschlossherrin ist ein Backpackergirl

von Ute Grundmann

Weimar, 15. Februar 2014. Der Baumeister trägt Hilde Wangel auf den Schultern. Übermütig trabt er mit ihr durch seinen großen Arbeitsraum, gibt sich jung und dynamisch – und greift sich dann an den schmerzenden Rücken. Er ist doch nicht mehr so jung, wie er es gerne wäre, so jung wie die Nachfolger, die ihn von seinem Platz, aus seiner Position verdrängen wollen. Solche kleinen, fast beiläufigen, aber deutlichen Gesten gibt Sebastian Kowski Ibsens Baumeister Solness, den er in Jan Neumanns Inszenierung am Deutschen Nationaltheater Weimar spielt, immer wieder mal mit. Gefangen in Beruf, Ruf, Ehe, Ängsten, versucht er, mit der jungen Hilde noch einmal auszubrechen und scheint sich des Scheiterns von vornherein bewusst.


Nationaltheater Weimar

Den Hirntumor wegtanzen

von Christian Baron

Weimar, 14. Dezember 2013.Gerade feierte die Feuilletonwelt den Geburtstag von Albert Camus. Am 7. November wäre der Meister des Absurden einhundert Jahre alt geworden. Einen Tag danach, am 8. November 2013 um genau 11.28 Uhr, lässt der neue Weimarer Hausregisseur Jan Neumann seine Stückentwicklung "2,7 Sekunden" spielen, die wie eine dem intellektuellen Erbe des französischen Großliteraten entsprungene Groteske anmutet.


Nationaltheater Weimar

Rüdigers Passion

von Ute Grundmann

Weimar, 8. September 2013. Rüdiger malt mit Kreide die Lebensdaten einer ziemlich unbekannten Geistesgröße an die Tafel, Pläne für eine Werkausgabe, für Vorträge. Um deren Werk dreht sich sein Leben, seine Arbeit als Dozent mit halber Stelle an der Leipziger Universität. Und so dominiert denn auch eine große Tafel wie im Hörsaal das Bühnenbild im Weimarer E-Werk, wo Enrico Stolzenburg Christoph Heins Roman "Weiskerns Nachlass" inszeniert hat. Mit dieser zweiten Schauspiel-Premiere in der gerade begonnenen Intendanz von Hasko Weber stellte er sich – neben Jan Neumann – als neuer Hausregisseur am Deutschen Nationaltheater Weimar vor.


Nationaltheater Weimar

Sinnsuche mit Pferdeschwanz

von Hartmut Krug

Weimar, 6. September 2013. Langes schwarzes Kleid mit weißem Kragen, die blonden Locken zum Haarkranz geflochten, so steht die Darstellerin der Margarete auf der hölzernen Vorbühne vor rotem Vorhang und spricht die Zueignung. Das folgende Vorspiel auf dem Theater aber zeigt uns dann deutlich: In Hasko Webers "Faust" liegt die Betonung stark auf ausgestellter, komödiantischer Theatralik. Wir erleben eine rauchende Direktorin im Frack, einen Dichter, der die Verse mit altertümlich hohem Pathos knödelt, sich dann die Kleider vom Körper reißt und, im goldenen Höschen gelenkig turnend, posiert, eine Schauspielerin als lustige Person, die ihre Markierungen und Absprachen auf der Bühne schwer findet, einen Musiker, der zu spät auf die Bühne stolpert, und eine Abonnentin, die aus dem Publikum auf die Bühne klettert. Der Prolog im Himmel ist dann, ganz ohne Engel, auf die Wett-Vereinbarung reduziert.


Nationaltheater Weimar

Burgunden kaufen bei McGeiz

von Christian Baron

Weimar, 18. Januar 2013. Mit guten Siegchancen kann man wohl Wetten darauf abschließen, dass bei jeder deutschsprachigen "Nibelungen"-Inszenierung der jüngeren Vergangenheit Einar Schleefs in den 1980er Jahren gestellte Frage "Was gehen uns die Nibelungen an?" als Ausgangspunkt diente. So auch jetzt in Weimar, wo Michael von zur Mühlen das Trauerspiel Friedrich Hebbels eigenwillig auf die E-Werk-Bühne bringt. Seine Deutung hat er in einen zum Leitmotiv der Inszenierung erkorenen Werbeslogan der Bundeswehr gepackt: "Wir. Dienen. Deutschland."


Nationaltheater Weimar

Der Kinderwagen vor 35 Jahren

von Christian Baron

Weimar, 10. November 2012. Gleich zu Beginn setzt ein Staunen ein, denn was im Großen Haus des Nationaltheaters auf die Bühne gebracht wird, ist tatsächlich heiter, hat nichts mit der piefigen Aufklärungsschmonzette zu tun, als die man "Emilia Galotti" ja auch kennt. Ein höchst ernster Kern steckt in der bisweilen dargebotenen Albernheit. Einen klaren Plan hat Regisseurin Thirza Bruncken, wie sie die von Lessing einst mit diesem Stück exponierte Bürgerlichkeit in unseren Tagen als asozial bloßstellen und "Emilia Galotti" zu einer mustergültigen Persiflage auf den einkommensstarken Teil der heutigen Mittelklasse umdeuten will.


Nationaltheater Weimar

Europäischer Common Sense

von Christian Baron

Weimar, 19. Oktober 2012. Für den Kritiker wird es sofort grundsätzlich: Sollte man sich einer szenischen Lesung der Verteidigungsrede des Massenmörders Anders B. Breivik mit ästhetischen Kategorien nähern? Freunden des leicht verkürzten moralischen Zeigefingers verbietet sich dies natürlich. Wer aber einen kühlen Kopf bewahrt, kommt daran nicht vorbei. Zumal Regisseur Milo Rau und Darstellerin Sascha Ö. Soydan den künstlerischen Charakter dieses nun in Weimar uraufgeführten Textes ausdrücklich betonen. So sei es vorweg gesagt: Das Experiment ist vollends geglückt, Soydan hat den inhaltlich kruden und literarisch grottenschlechten Text sachlich, aber nicht ohne Haltung vorgetragen und durch ihren bedächtigen Stil den Zuhörern viel Raum für eigene Gedanken gewährt.


Nationaltheater Weimar

Der helle Wahnsinn

von Ralph Gambihler

Weimar, 22. September 2012. In alten Shakespeare-Ausgaben findet man "Das Wintermärchen" stets unter den "Romanzen" eingeordnet, womit vor allem der wundersamen Wendung der Handlung vom Tragischen zum Guten und Versöhnlichen Rechnung getragen wird. Diese Genrebezeichnung war eigentlich immer ein kleiner Schwindel, aber wenn man nun Lisa Nielebocks glänzende Weimarer Inszenierung gesehen hat, kann man sie ganz vergessen – trotz eines ausnehmend versöhnlichen Schlusses, der kaum weniger rührselig ist als triefender Liebesschmonz aus Hollywood.


Nationaltheater Weimar

Wegen der Krise

von Ute Grundmann

Weimar, 20. September 2012. Die Welt ist zu einem Zimmer geschrumpft. Zwischen Küchenzeile, Badewanne und Fernseher haben sich Papa, Mama, Tochter, Opa und dessen Pfleger gegen die Welt da draußen verbarrikadiert, die nur noch so böse Dinge wie Euro- und Schuldenkrise zu bieten hat und noch die kleinsten Lebensträume platzen lässt. So findet sich die Familie "Im Abseits" wieder, so der Titel des Stücks von Sergi Belbel, das am Deutschen Nationaltheater Weimar als deutschsprachige Erstaufführung herauskam.


Nationaltheater Weimar

Klagegesang

von Ute Grundmannalt

Weimar, 17. Mai 2012. Ein langer Ton der Klage im Dunkeln. Er wird zum langgezogenen Heulen, dann schließlich zum Weinen. So wortlos beginnen im Deutschen Nationaltheater "Die Troerinnen"; erst im langsam aufblendenden Licht sieht man Klytaimnestra, die um ihre getötete, geopferte Tochter Iphigenie klagt. Um sie herum streuen Frauen Stroh, eine andere beklagt die alt gewordene Zeit, nun, nach dem Fall Trojas. Diesem nicht stummen, aber wortlosen Auftakt folgt eine Flut von Worten, Klagen, Schmerz und Wut, wie sie Konstanze Lauterbach im Großen Haus inszeniert, choreografiert hat.


Nationaltheater Weimar

Von den Ausgeschlossenenalt

von Christian Baron

Weimar, 10. Mai 2012. Wenn in Filmen oder auf der Theaterbühne Menschen ins Zentrum gerückt werden, bei denen die Pfunde purzeln sollen, besteht gewöhnlich Slapstick-Alarm. Nur selten geht die Vereinigung von Klamauk und Ernsthaftigkeit gut. Bei ihrer Inszenierung von Anne Leppers "Seymour oder Ich bin nur aus Versehen hier" am Deutschen Nationaltheater Weimar entgeht Regisseurin Daniela Kranz dieser Falle von vorneherein. Sie verzichtet auf massigen Körperumfang simulierende Fat-Suits; was sich erst im Laufe der Darbietung offenbart: Sie hat mit dieser Maßnahme offenbar noch etwas ganz anderes im Sinn.


Nationaltheater Weimar
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Die Quadratur des Krieges

von Ute Grundmann

Weimar, 17. September 2011. Nur mit Worten wird um das Leben des Prinzen Friedrich von Homburg gekämpft. Keine Degen, keine Fahnen, keine Uniformen – all das hat die Regisseurin Lisa Nielebock bei ihrer ersten Inszenierung im Deutschen Nationaltheater Weimar weggelassen. Nur ein strenges, aber ganz und gar nicht kühles Spiel präsentiert sie im Großen Haus, ganz konzentriert auf Kleists Sprache und die Schauspieler.


Nationaltheater Weimar

altDie Mühen der geneigten Ebene

von Matthias Schmidt

Weimar, 30. Juni 2011. Man traut sich das ja kaum zu sagen, aber was auf der Bühne des E-Werks stattfand, erinnerte auf fatale Weise an das DDR-Geschichtslehrbuch, Klasse 10. Darin war von der Zuspitzung der inneren Widersprüche im Kapitalismus die Rede, davon, dass er sterbend und parasitär sei, letztlich nur noch von Konsum zusammengehalten und davon, wie das – und zwar bald - enden würde. So oder ähnlich stand es in allen DDR-Lehrbüchern, was die Sache noch vertrackter macht.


Nationaltheater Weimar
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Galadinner im Weltinnenraum des Kapitals

von Tobias Prüwer

Weimar, 7. Mai 2011. Krisen-Klassiker mit Konjunktur: Nein, originell kann man die Stückauswahl am DNT Weimar nicht nennen. Bertholt Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" hat Konjunktur immer dann, wenn das ökonomische Rad mit Unwucht läuft, sich der Kapitalismus als gar nicht so krisenfest erweist, wie seine Apologeten behaupten. Selbst zur Krisenzeit 1929/30 geschrieben, erlebt Brechts antikapitalistisches Lehrstück aktuell eine Boomphase und steht seit zwei Jahren an zahlreichen Häusern auf dem Speilplan. Nun hat Michael von zur Mühlen sich das sozio-ökonomische Lehrstück in Weimar vorgenommen.


Nationaltheater Weimar
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Hörbrillen in der Gartenidylle

von Ute Grundmann

Weimar, 5. März 2011. Es beginnt mit dem Ende. Mit dem Tod des Kindes, das Charlotte und Eduard bekommen, als sich ihre Wege eigentlich schon wieder getrennt haben. Wie ein Menetekel wird diese Kindpuppe im Matrosenanzug (bewegt von der Puppenspielerin Nicola Reinmöller) dann immer wieder auftauchen in Claudia Meyers Inszenierung von Goethes "Wahlverwandtschaften" am Deutschen Nationaltheater Weimar. Die Regisseurin hat sich aus Goethes Roman selbst eine Bühnenfassung geschrieben, mit der sie laut Programmheft eine "polykausale Rekonstruktion des Tathergangs" zeigen will, erzählt nach dem "Ermittlungsprinzip des aufklärerischen Detektivromans".


Nationaltheater Weimar
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Im Herzen haust das Pathos

von Dirk Pilz

Weimar, 24. Februar 2011. Die Nachrichten an das All werden in ein eckiges Silberrohr hineingerufen. Die Discokugel dreht sich, aus dem Rohr strahlt warmes Licht. Dazu wird wimmernde Musik gegeben. Die Nachrichten lauten "Mama", "Bums" und "Unterhaltung". Es sind dies Auskünfte an das All, "damit man dort erfährt, was uns Menschen bewegt". "Mama" ist die Botschaft des Forschers Constantine Samuel Rafinesque, ein vielseitiger Mann des 19. Jahrhunderts, den es wirklich gegeben hat. "Bums" hat Ronald Pofalla mitzuteilen, ein Politiker, der tatsächlich existiert. Und "Unterhaltung" ist das, was der "Leiter des Fortgangs" (LdF) zu hinterlassen hat.


Nationaltheater Weimar

Wie Ratten im Labor

von Jördis Bachmann

Weimar, 16. Oktober 2010. Alle Deutschen sind Nazis – dieser Satz scheint nicht schlimmer zu sein als der Workshop, in dem er ausgesprochen wird. Damit endlich etwas in diesem Workshop passiert, etwas das nicht gleich wieder verdrängt wird, weil es einfach niemanden interessiert. Wenn was interessiert, dann höchstens die Kleine aus der Cafeteria.


Nationaltheater Weimar

Auf dem Stempelkissen des Schicksals

Von Ute Grundmann

Weimar, 5. September 2010. Anika, Barbara und Silvia kippen eimerweise nackte Babypuppen auf dem Boden aus. Das sind ihre "Fälle", Kinder, deren Wohl gefährdet ist, die vielleicht vernachlässigt oder misshandelt werden; Kinder, um die sie sich kümmern, deren Schicksale sie aber zugleich auch bürokratisch verwalten müssen. Diese Puppen-Szene ist eines der wenigen betont deutlichen Bilder, die die Neuinszenierung von Felicia Zellers "Kaspar Häuser Meer" am Deutschen Nationaltheater Weimar braucht. Der "Rest" ist Spiel und Sprache, und das ist beeindruckend genug.


Nationaltheater Weimar
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Thomas Aurin ©: Ingo Tomi als Tambourmajor

Schwedenschach

von Matthias Schmidt

Weimar, 5. Juni 2010. Auf dem Hof zwischen e-Werk und Stellwerk wird gegrillt und gequatscht. Vornehmlich auf Englisch, mit zahlreichen regionalen Einfärbungen. Die halbe Welt scheint hier zu sein. Überall zwischen den VW-Bullys und zu Reisemobilen umgebauten Kleintransportern sitzen und stehen Gruppen von Jugendlichen. Ein Hippie-Lager, ein studentisches Sit-in - die werden doch nicht alle wegen "Woyzeck"...?


Nationaltheater Weimar

Geschichten aus dem Weimarer Wald

von Matthias Schmidt

Weimar, 23. Januar 2010. Genau zwei Stunden hat dieser Theaterrausch gedauert. Der Schlussapplaus war groß, und vielleicht wäre er noch fulminanter gewesen, hätte nicht ein Großteil des Publikums noch im Bann dieser sozusagen ganzheitlichen Theaterbehandlung gestanden. In den zwei Stunden konnte man im Nationaltheater so ziemlich alles erleben, was das Haus und sein Ensemble aufzubieten haben.


Nationaltheater Weimar

Schachspiel der Beherrschung

von Ute Grundmann

Weimar, 2. Oktober 2009. König Philipp bietet seinem Sohn eine Umarmung an – doch dabei wendet er zugleich den Kopf ab, weicht im entscheidenden Moment einen Schritt zurück. Denn da ist keine wirkliche Nähe, nur eine formelle und schließlich verweigerte Geste, und diese auch nicht zwischen Vater und Sohn, sondern eher zwischen Herrscher und Untertan. Nach solch kleinen, aber durchschlagenden Körperzeichen braucht Markus Boysen als Philipp keine herabsetzenden Worte mehr, um den gefürchteten Sohn in die Schranken zu weisen. Und er spielt sich als kalt-schwacher Herrscher in den Mittelpunkt von Felix Ensslins "Don Carlos"-Inszenierung am Deutschen Nationaltheater Weimar.

Nationaltheater Weimar

Kein Sommernachtstraum

von Ralph Gambihler

Weimar, 20. Juni 2009. Der Berliner Schauspieler, Dramaturg und Autor Jörg-Michael Koerbl ist schnell bei der Sache, wenn es darum geht, seine Stücke apokalyptisch einzufärben. In seiner Ossi-Wessi-Einheits-Farce "Neues Deutschland" von 1999 zum Beispiel. Da lautet der erste Satz: "Die Menschen rennen durch die Stadt wie vor dem Weltuntergang."


Nationaltheater Weimar

Otto Normal-Nazis schleichendes Gift

von Ute Grundmann

Weimar, 23. April 2009. "Goethe, hilf!" So fleht der Archivar angesichts des zerbombten Dichterhauses in Weimar. Doch gegen die Kriegsfolgen kann auch der Dichterfürst nicht helfen, so sehr er – und Schiller – in der Klassikerstadt auch für alles Gute und Edle herhalten müssen. Doch mit dem Herbeiflehen des großen Vorbilds zeigt der Archivar auch seine kleinkrämerische Seele: Des Dichters Schreibtisch hat er vor der Zerstörung bewahrt, weil im zerbombten Haus nur eine Kopie stand, angefertigt von einem Tischler im KZ Buchenwald.


Nationaltheater Weimar

Das goldene Plüschtiervließ

von Ute Grundmann

Weimar, 21. Februar 2009. Glauke, Kreons Tochter, führt Medea die Arme, damit diese Jasons Lied auf dem Cello spielen soll. Damit soll die "Barbarin" hoffähig und, da sie gar nicht Cello spielen kann, also lächerlich gemacht werden. Das ist eines der starken Bilder, das die junge Regisseurin Nora Schlocker am Deutschen Nationaltheater Weimar in ihrer Inszenierung von Franz Grillparzers "Medea" findet. Dessen Version des antiken Stoffes wird selten gespielt, noch seltener die komplette Trilogie, die mit "Der Gastfreund" und "Die Argonauten" auch die Vorgeschichte erzählt.


Nationaltheater Weimar

Real existierender Horror

von Ralph Gambihler

Weimar, 11. Oktober 2008. Bertolt Brecht rät in seinem Gedicht "Über die Verführung von Engeln" zu furchtloser Annäherung und raschem Geschlechtsverkehr im Hauseingang. Die Anbetung gehört nicht zu seinen Empfehlungen, so himmlisch können Engel auf Erden gar nicht sein. In Weimar liegt der Fall etwas anders. Dort blicken drei Engel, die zwar keineswegs so aussehen, die sich als "Brüder und Schwestern im Underground", als "verdammte Individualisten und Freaks" aber durchaus so fühlen, abendfüllend in den Abgrund. Aus Notwehr und Hass ermorden sie ihren Peiniger. So hat es sich Ljubko Deresch, das schreibende Wunderkind aus der Ukraine, in seinem Roman "Die Anbetung der Eidechse oder Wie man Engel vernichtet" ausgedacht.


Nationaltheater Weimar

Liebe im Abfall

von Ralph Gambihler

Weimar, 10. Mai 2008. Die Bühne eröffnet eine ungewohnte Perspektive auf die Welt, die der Kaffeehausliterat Ferenc Molnár in seinem Erfolgsstück zeichnete. Das Zentrum, der Rummelplatz, ist darin nicht mehr zu sehen. Es muss weiter oben liegen, nicht weit von da, wo eine Treppe nach rechts abknickt. Dort blinkt es nun verheißungsvoll hinter der Kulisse hervor. Unten aber liegt kaltes Licht auf nackten Wänden mit kaputtem Kachelbesatz. Neonröhren summen ihr gleichgültiges Lied. Wenn sich hier etwas sammelt, dann sind es die Pappteller von oben und die Müllmänner, die sie entsorgen. Im Ranking der öden Orte hätte dieser verkommene U-Bahnhof-Eingang von Patricia Talacko (Bühne) beste Chancen auf einen Spitzenplatz.


Nationaltheater Weimar

Was vom Drama übrig bleibt

von Ralph Gambihler

Weimar, 20. März 2008. Vom Goethe- und Schillerdenkmal vor der Tür bis zur großen Bühne im Nationaltheater sind es gefühlte hundert Meter. Das ist eine bequeme Distanz. Man kann vor der Vorstellung draußen am Denkmal warten, noch ein wenig frische Luft schnappen und die Passanten beobachten, bevor es losgeht. Wenn es drinnen zum dritten Mal schellt, kommt man immer noch rechtzeitig in den Saal. Das ist natürlich ohne Belang, aber irgendwie doch interessant, wenn man bedenkt, dass es der Weg ist zwischen einer alten Weihestätte der Weimarer Klassik und einer neuen Inszenierung, in der es viereinhalb Stunden darum geht, "Faust II" als Textleiche vorzuführen.


Nationaltheater Weimar

Im Zwischenraum der Wörter

von Dirk Pilz

Weimar, 28. Februar 2008. Die kurze Szene mit "Gretchen am Spinnrade allein" schaut an diesem Abend so aus: Antje Trautmann thront aufrecht, fast erhaben mittig auf der großen, steil nach oben drängenden Freitreppe, während sie Ina Piontek in ihrem Schoß zärtelnd durchs Haar fährt. "Meine Ruh' ist hin / Mein Herz ist schwer." Trautmann spricht, und Piontek verpasst den berühmten Versen im stimmungsvollen Licht die entsprechende Mimik. Ein paar Stufen weiter gen Himmel hockt derweil Faust mit dem Rücken zum Publikum, und ganz unten, höllenwärts, hat sich Mephistopheles stumm und steif am Rampenrand ausgestreckt.


Nationaltheater Weimar

Bald bin ich tot und habe nichts geschafft

von Nikolaus Merck

Weimar, 16. März 2007. "Die Höhle vor der Stadt in einem Land mit Nazis und Bäumen" ist das sechste Theaterstück der noch nicht 30jährigen Berliner Autorin Tine Rahel Völcker. Fünf thirty somethings in einem östlichen „Randbezirk“. Plattenbau, Beton, Suff und Nazis - vielleicht nur eingebildet, vielleicht real -, eine Art post-sozialistischer Lebenssackgasse. Wer von hier noch nicht abgehauen: ist schon tot. Sogar die wenigen Bäume, an denen Herr und Hund das Bein heben, werden morgen abgestorben sein.


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