zurück zur Übersicht

archiv » Schauspiel Köln (120)
Schauspiel Köln

Kein Entkommen

von Sascha Westphal

24. Mai 2017. Emily strahlt richtig. Wenn die angloamerikanische Künstlerin über die islamische Kunst des Mittelalters und der frühen Neuzeit spricht, kann sie kaum an sich halten: "Die Tradition der islamischen Fliesen. Öffnet das Tor zu einer ganz außergewöhnlichen Freiheit. Die man nur durch eine Art tiefer Unterwerfung erlangt." Während sie diese Sätze spricht, scheint Melanie Kretschmann regelrecht von Innen heraus zu glühen. In jedem Wort schwingt Emilys Ergriffenheit und ihre tiefe Überzeugung mit.


Schauspiel Köln

"Wir müssen reden!"

von Tilman Strasser

Köln, 13. Mai 2017. "Ich hab mit Ja gestimmt. Ich steh auch dazu", sagt Ayfer Şentürk Demir. Das Publikum raunt und wie bestellt knistert ein Regenschauer übers Dach. Die Mittvierzigerin sitzt mit fünf anderen Akteuren am Tisch, es gibt türkischen Tee und klare Worte. Vor dem von Recep Tayyip Erdoğan angestrengten Verfassungsreferendum sei sie unentschlossen gewesen. In der Wahlkabine habe sie aber auf ihr Bauchgefühl gehört: "Erdoğan ist schlagfertig und stark." Und: "Ich glaub' nicht, dass in der Türkei gefoltert wird. Vielleicht bin ich naiv, aber ich glaub' es nicht."


Schauspiel Köln

Explosion oder Implosion?

von Stefan Keim

Köln, 21. April 2017. Ein Haufen Mensch regt sich unter einem Tuch. Zwei Körper schälen sich heraus. Eine Mutter und ihr Kind. Djana und Gina. Djanas Streicheleinheiten gehen ins Sexuelle, sie will nicht Mutter genannt werden, das Kind soll ihren Vornamen sagen. Gina wird bei der Kölner Uraufführung von Magdalena Schrefels "Sprengkörperballade" von einem jungen Mann gespielt. Das irritiert zunächst, macht aber auch deutlich: Hier geht es nicht um realistische Psychodramen Einzelner. Sondern um eine Erkundung menschlicher Einsamkeit. Und vielleicht sogar hinterrücks um eine subtile Gesellschaftsbeschreibung.


Schauspiel Köln

Was hat Willy Loman eigentlich falsch gemacht?

von Dorothea Marcus

Köln, 11. März 2017. Wie ein schwarzes Loch – oder eine überdimensionierte Designerlampe – hängt ein gigantischer Quader über dem Esstisch des Willy Loman. Wasser sickert von außen ein, ein lockender Todesweiher. Nur unter dem Tisch scheint es zunächst trocken zu bleiben: das Irrationale dringt in ein bürgerliches Mittelstandsambiente ein, das im schwarzen Riesenraum der Fabrikhallenbühne des Depot 1 wie eine winzige beleuchtete Insel wirkt.


Schauspiel Köln

Burn-out Faust

von Friederike Felbeck

Köln, 10. Februar 2017. Vier große schwarze Vögel tragen einen Sarg auf die Bühne, begleitet von einem schrägen Trauermarsch. Aus der schlichten Holzkiste kippen die Engel eine dunkelhäutige weißbärtige Puppe im Kleidchen, die sich erst einmal mit einem Blick unter den Rock versichert, ob sie Männlein oder Weiblein ist. Eine Mafia-Beerdigung ist es, bei der es zum Streit zwischen den Erben des Padrone kommt, die auch auf Hebräisch und Arabisch parlieren können. Am Ende schwatzt der renitente Außenseiter dem Alten das Schicksal eines Erdenbewohners ab. Kaum zu glauben, um wen es da geht:


Schauspiel Köln

Stillgestanden im Gewimmel der Welt

von Andreas Wilink

Köln, 9. Dezember 2016. Die "Komödie" schmiert ab. Die Genre-Bezeichnung ist in verwischten Großbuchstaben – schwarz auf weiß – an die Wand gepinselt. Sie gehört zum beweglichen Modul eines Zimmers oder, richtiger, Kondensat eines Zimmers mit Heizkörper und Ventilator. Dann liegt da noch im Laufe des langen Abends auf der kahlen schwarzen Bühne im Depot 1 das Wurzelwerk eines Baums, steht da ein morsches, aus dem Lot gekipptes hässliches gelb-braunes Ledersofa, wirft eine Lichtlamellen-Konstruktion ihre schraffierten Schatten, macht eine PlayStation für zwei Musiker mobil, spendet ein Haufen Mutterboden den Segen der Erde.


Schauspiel Köln

Lottes Wahnsinn außer Rand und Band

von Andreas Wilink

Köln, 14. Oktober 2016. Der Student der Geisteswissenschaft (die Bezeichnung "der junge Mann" ist nicht erst seit diesem Bücherherbst anderweitig besetzt), modisch in Benetton-bunten Lambswool-Pullovern mit V-Ausschnitt, reiste nach Berlin, hospitierte im Germanistischen Seminar der FU, ging abends zur Schaubühne am Halleschen Ufer und brachte sich selbst den Schlüsselbegriff zu Gehör, der unter seinesgleichen Theater-Gehern auch in der westdeutschen Provinz als Code funktionierte, damals um 1980 herum: "Wahnsinn", zehnfach bis zum Irre-Werden intoniert von Edith Clever als Lotte Kotte, der Land- und Stadtstreicherin in Botho Strauß' "Groß und klein" – gebürtig aus Remscheid-Lennep, wohnhaft in Saarbrücken, selbstständige Grafikern, Mitte Dreißig, getrennt lebend.


Schauspiel Köln

Wir zahmen Haustiere

von Dorothea Marcus

Köln, 29. September 2016. Das nennt man wohl aktive Traumabewältigung: Trotz der in unbestimmte Zukunft verschobenen Neueröffnung des Kölner Schauspiels verfällt Intendant Stefan Bachmann ob des Baudesasters nicht in Depression, sondern hat nun einen Teil der Theaterdauerbaustelle in Betrieb genommen. Ironisch genug: Während das Schauspiel mindestens drei weitere Spielzeiten im rechtsrheinisch peripheren und als problematisch geltenden Köln-Mülheim Gentrifizierungsarbeit leistet, heißt das Theater im Stadtzentrum nun "Außenspielstätte".


Schauspiel Köln

Den Idioten spielen

von Martin Krumbholz

Köln, 23. September 2016. Welche sind eigentlich die "zwölf bis sechzehn Verse", von denen Hamlet sagt, dass er sie in den Sketch "Die Ermordung des Gonzago" bzw. in "Die Mausefalle" einfügen wolle? Man weiß es nicht; das Tolle und Unvergleichliche an "Hamlet" ist ja, dass dieses Stück auch nach 400 Jahren noch – produktive – Rätsel enthält. Und jede Aufführung ist nur eine Annäherung an diesen Rätsel-Komplex; an manchen Stellen kommt sie näher an eine Lösung, an anderen weniger nah. Ein "durch und durch theaterbesessenes Stück" hat der immer noch ungemein anregende Harold Bloom Shakespeares größtes Werk genannt, nicht nur, weil Hamlet selbst ein Theatraliker ist; schon deshalb will jeder Theatermensch von einigem Ehrgeiz es machen, jede Theatergängerin es immer wieder sehen.


Schauspiel Köln

Das Wohl der Allgemeinheit verkaufen

von Ulrike Gondorf

Köln, 20. Mai 2016. "Ein Volksfeind"? Oder heißt das Stück diesmal "Ein Volksfest?" Wenn das Publikum in den Zuschauerraum kommt, machen die Schauspieler schon Party. Sie schütteln Hände am Eingang, verteilen gegrillte Würstchen, winken johlend in den Saal und offerieren Bier. "Wir bringen Ihnen das dann gern". Die Band spielt, ein paar bunte Glühbirnchen zaubern eine ziemlich klägliche "Italienische Nacht". Die Schauspieler zerren Leute, die unvorsichtigerweise vorne sitzen, zu einem Tänzchen auf die Bühne. Regisseur Roger Vontobel schwingt den Holzhammer zu Beginn seiner Inszenierung von Ibsens "Volksfeind", damit auch jeder sieht, wie verlogen, falsch und selbstzufrieden diese Gesellschaft ist. Aber wenn das Fremdschämen erst mal überstanden ist, fängt eine ziemlich spannende Geschichte an.


Schauspiel Köln

Marshall McLuhan fliegt durchs Darknet

von Martin Krumbholz

Köln, 29. April 2016. Angenommen, vieles von dem, was die Performerin Angela Richter an diesem Abend in Köln-Mülheim erzählt und von ihren fünf Schauspielern erzählen lässt, wäre mehr oder weniger erfunden: Würde man es für glaubwürdig halten? Nun hat sich Richter, die sonst mit charismatischen Künstlerpersönlichkeiten wie Martin Kippenberger befasst ist, auf das digitale Universum und auf dessen Potenzen und Aporien eingelassen. Ihre wichtigsten Kronzeugen sind Julian Assange und Edward Snowden, den die Künstlerin vor einem Monat in Moskau getroffen und interviewt hat.


Schauspiel Köln

Der Aufstand hat sich verpuppt

von Sascha Westphal

Köln, 1. April 2016. Erst einmal versammeln sich fast alle um das ganz links am Rand stehende Klavier. Philipp Pleßmann stimmt ein paar Töne an, und man singt gemeinsam das "Ave Maria". Die Botschaft ist deutlich. Diese Gesellschaft, die gleich den neunten Geburtstag von Victor Paumelle feiern wird, steht fest auf dem Boden christlich-europäischer Traditionen. Man bezieht Stellung und schottet sich ab. Nur das Geburtstagskind ist nicht mit dabei. Victor hat seine eigenen Vorstellungen, und die sind alles andere als bürgerlich und erst recht nicht christlich. Nachdem er durch eine der drei riesigen beweglichen roten Türen, deren Klinken auf etwa zwei Meter Höhe angebracht sind, die leicht erhöhte rechteckige Bühne betreten hat, treibt er seine Scherze mit dem Gebet: "Und gebenedeit ist die Frucht deines Unterleibes."


Schauspiel Köln

Wir müssen reden

von Tilman Strasser

Köln, 27. Februar 2016. "Und deshalb sollten wir jetzt mal alle darüber nachdenken, was in den letzten 50 Jahren passiert ist", sagt Kutlu Yurtseven. Und das tun dann auch alle: dasitzen, nachdenken, schweigen. Schweigen. Schweigen. Irgendwann schleicht eine alte Dame aus der ersten Reihe in Richtung Toilette, gebückt, als trüge sie alle theologischen Diskurse auf ihren Schultern. Irgendwann klatschen ein paar Leute probeweise, hören aber bald wieder auf. Erneut: Schweigen. Und endlich: Licht aus.


Schauspiel Köln

Wo die wilden Kerle campen

von Dorothea Marcus

Köln, 2. Februar 2016. Dass seit sieben Jahren Krieg herrscht, merkt man höchstens an den schlichten Wartebänken, auf denen der Hofstaat von Troja seine schmutzigen Intrigen schmiedet. Ansonsten geht es hier äußerlich gesittet und gut gekleidet zu: Nikolaus Bendas Troilus ist ein aufrechter Jüngling in Bäckerhose, der als einziger noch an etwas glaubt – sympathisch, würde er es nicht immer so extremistisch übertreiben. Die ewig düster zeternde Cassandra (Yvon Jansen) trägt ein griechisch gerafftes Traumkleid aus grau und rot. Äneas ist ein ganz smarter Krieger im geleckten Anzug, Cressida leuchtet in sexy wallendem Weiß. In schwarzem Rüschenhemd und barocker Anmutung schmeichelt sich Kuppler Pandarus durch, den Bruno Cathomas als schmierigen, sensationsheischenden Onkel gibt und ganz in seinem komödiantischen Element ist. Und selbst der Held Hektor, der ja immer wieder aufs Schlachtfeld muss, trägt sauber verflochtene Langhaarfrisur.


Schauspiel Köln

Am offenen Familiengrab

von Sascha Westphal

Köln, 23. Januar 2016. Liv, die Jüngste, hat sich noch einmal durchgesetzt. Es ist zwar mitten in der Nacht, trotzdem haben sich alle versammelt, um die Super-8-Filme zu gucken, die ihr Vater Jørgen Dragsholm einst gedreht hat. Die Vorführung ist Teil von Livs großem Erinnerungsprojekt, mit dem sie ihrer vor 16 Jahren nach einem Motorradunfall verstorbenen Halbschwester Alma gedenken will.


Schauspiel Köln

Die Pointenschlepper

von Martin Krumbholz

Köln, 11. Dezember 2015. "David Schalko ist in Österreich weltberühmt." Das ist ein guter Satz, ein sehr guter Satz (er steht im Programmheft für "Kimberly"). Schalko ist in Österreich dafür weltberühmt, dass er das Fernsehen revolutioniert und verbessert hat, zum Beispiel mit der Serie Braunschlag und mit Talkshows.


Schauspiel Köln

Im Miniaturenkarussell

von Dorothea Marcus

Köln, 12. November 2015. Über der dunklen, breiten Halle leuchtet rot und riesig die digitale Zahlenanzeige und zählt manchmal die Szenen mit. Denn der kryptische Titel "3.31.93" ist, wie so oft bei Lars Norén, ein schlichtes Ordnungsprinzip: in drei Teilen à 31 Szenen blitzen hier insgesamt 93 Situationen in Schlaglichtern auf, als könne man mit numerischer Kontrolle dem Weltchaos begegnen. Ein Kaleidoskop mitteleuropäischer Großstadtschicksale, an einem beliebigen Ort, in dem sich Zeitebenen, Gesellschaftsschichten und Erzählstränge verwirren und in Fragmente zerfallen – wie man das in einer Großstadt eben erlebt: Parallelwelten, die im Kosmos der Gleichzeitigkeit vorbeisausen.


Schauspiel Köln

Sanfte Sektierer unterm Elektroschocker

von Gerhard Preußer

Köln, 7. November 2015. Nach Syrien, nicht von Syrien. Also Dschihadismus, nicht Flüchtlingsbewegung – das Aufreger-Thema des letzten Sommers ist inzwischen etwas in Vergessenheit geraten. Ibrahim Amirs Auftragswerk für das Kölner Schauspiel "Stirb, bevor du stirbst" greift auf dieses Thema zurück und damit mitten hinein in das Zukunftsthema: Deutschland und seine Muslime.


Schauspiel Köln

Das Durchdrehen der Schraube

von Andreas Wilink

Köln, 31. Oktober 2015. Walter Benjamin prägte den Begriff der "möblierten Psyche", wonach der Mensch an seiner Wohnstube und deren Interieur zu erkennen sei. Er bezog ihn auf Wien, wo er nicht nur in der Berggasse 19 zuhause ist. Als Stefan Bachmann 2010 die "Geschichten aus dem Wiener Wald" für die Burg von Matthias Hartmann inszenierte und eigenem Bekunden nach daran gescheitert sei, glich die Bühne im Akademietheater einem Möbellager: eine beschränkte Welt der Schrankwände.


Schauspiel Köln

Entglitscht

von Tilman Strasser

Köln, 29. Mai 2015. Da ist endlich der Nazi: Wenn Miguel Abrantes Ostrowski in der Rolle des Beamten Geissler einmal mehr aufmarschiert, um seine neuesten Pläne für die Kupfergruben kund zu tun, tut er's in Mantel, Mütze, Handschuhen, Stiefeln – nur die Hakenkreuzbinde fehlt noch zur kompletten schwarzen Gestapo-Uniform. Knut Hamsun, Autor der Romanvorlage "Segen der Erde", war ein Bewunderer Hitlers. Könnte ein Grund sein, warum selbst sein Opus magnum nur zögerlich adaptiert wird (Wikipedia weiß von genau einer anderen Bühnenumsetzung, von Sebastian Hartmann), und wenn, muss die schreckliche Verfehlung des Schöpfers mindestens einen Auftritt bekommen.


Schauspiel Köln

Postmodernes Nordkorea

von Tilman Strasser

Köln, 28. Mai 2015. Stichprobe in der Straßenbahn: Ein Pärchen googelt den nächsten Lieferservice, zwei Sportstudenten ertindern den nächsten One-Night-Stand, ein Mädchen wischt sich durch Instagram. Von zehn Fahrgästen haben acht die Nase ins Smartphone gesenkt und füttern das Netz mit Daten (was ja nicht mal beim Lesen dieses Textes zu vermeiden ist). Die Macher von "Supernerds" haben sich reichlich Mühe gegeben, Paranoia im Vorfeld keimen zu lassen – nicht von allen Premierengästen goutiert. Schon der Weg zum Schauspiel Köln könnte auch Teil der Inszenierung sein.


Schauspiel Köln

Fahrstuhl in die Hölle

von Dorothea Marcus

Köln, 12. April 2015. "Via Mala", schlechter Weg, prangt in Gothic-Kitschlettern über dem grandiosen zweistöckigen Endzeit-Bürokomplex von Thilo Reuther, der Profanes, Pathetisches und Politisches perfekt abmischt. Aber gibt es überhaupt schlechte Wege auf diesem Selbstfindungstrip eines Dichters, als den Regisseur Sebastian Baumgarten Dantes "Göttliche Komödie" anlegt? Auf einem Plakat kreuzen sich zwei Maschinengewehre vor arabischer Schrift, ein Autowrack mit Kreuzritter-Abzeichen steht davor, daneben ein Kasten mit Schnee, der langsam vor sich hin schmilzt. Die Fenster sind entweder geheimnisvoll verschlossen oder es schwimmen bedrohlich-bedrängt fette Video-Haie dahinter.


Schauspiel Köln

Raus aus der sicheren Gefangenschaft

von Sascha Westphal

Köln, 28. März 2015. Die von den einen gepriesene und den anderen gehasste Erste Welt ist kaum mehr als eine einzige Krankenstation. Statt Saturn frisst nun das System seine Kinder. Allerdings spuckt es sie auch wieder aus. Als lethargische Arbeitszombies, die ständig übermüdet und überfordert sind, dürfen sie weiter Gewinne akkumulieren, von denen sie selbst nichts haben. Also liegen Lena Geyer, Justus Mayer, Henriette Nagel, Nicolas Streit und Lou Strenger zunächst reglos in einfachen Krankenhausbetten und warten darauf, dass sie zur Arbeit gerufen werden. Ist es so weit, verrichten sie mechanisch die immer gleichen Bewegungen, nur um schließlich wieder erschöpft in ihre Betten zurückzusinken.


Schauspiel Köln

Tanz um die heiße Puppe

von Martin Krumbholz

Köln, 14. März 2015. Was für eine versunkene Welt! Im schlesischen Riesengebirge, im Dunstkreis der alten Glashütte, sitzt man abends zum Umtrunk in der Spelunke zusammen, der Glashüttendirektor, auch wenn er sich langweilt, solange Pippa nicht tanzt, mittenmang dabei. Der Wirt: ein zynisches buckliges Monstrum. Die Gastarbeiter, die hier vor Jahrhunderten nach Gold und Erz geschürft haben, nennt man "die Venediger". Einer von ihnen ist der Glastechniker Taglazioni, der beim Falschspiel erwischt und erstochen wird. Pippa ist seine minderjährige Tochter. Es ist bitter kalt. Wenn der grobschlächtig-zottelige Huhn, ein entlassener Glasbläser, stampfend in die Kneipe eintritt, schüttelt er mächtig viel Schnee von seinem Pelz. Huhn steht in Hauptmanns Glashüttenmärchen aus dem Jahr 1905 für die rohe animalische Kraft. Die tanzende Pippa für Grazie und Schönheit.


Schauspiel Köln

In der Ohrmuschel des Heute

von Friederike Felbeck

Köln, 8. März 2015. Auf dem Gelände des Carlswerks, des früheren Kabelwerkes Felten & Guillaume, das vom Schauspiel Köln während der umfassenden Sanierungsmaßnahmen als Interimsspielstätte genutzt wird, haben Mitarbeiter des Theaters einen Garten angelegt: In Kabelkisten und -trommeln wurde – natürlich biologische – Muttererde gefüllt, und nun ragen Setzlinge und Kräuter empor. Unter einem begehbaren grünen Hügel ist die Flanke eines Containers zu sehen. Es ist der Eingang zur kleinsten Spielstätte des Schauspiels Köln, ein Spalier von mehreren in den Erdhügel eingefassten Containern, in die nun ein wie dafür geschaffener Heiner Müller-Doppelabend eingezogen ist. Das Minidrama "Herzstück" paart sich mit dem Revolutionsstück "Mauser" und erzählt paradigmatisch vom Leben und Sterben des typischen Revolutionärs.


Schauspiel Köln

Ach Wolfram!

von Dirk Pilz

Köln, 6. Februar 2015. Und dann Auftritt der Fellfrau. An ihrem Gürtel klappert Blechgeschmeide, das Haar ist wirr, die Augen sind zornesscharf. Stampft umher, brüllt, schimpft. Rennt raus, holt ein Schild, lässt es von Bühnenarbeitern herumschleppen: "Die Tafelrunde ist zerstört." Will dann vom Publikum, dass es mitbrüllt, was dieses nicht tut und also beschimpft wird: "Ihr steht doch so auf Mitmachtheater, hat mir Karin Beier erzählt." Lachen, die Leute haben ihre Ex-Intendantin nicht vergessen. "Na macht schon!" Nichts.


Schauspiel Köln

Aus dem Renaissance-Zirkus in die Stephen-King-Arena

von Stefan Schmidt

Köln, 12. Dezember 2014. Ja, sie ist etwas angestaubt, diese Komödie von Molière aus dem 17. Jahrhundert. Auch wenn sie nach wie vor gerne mal auf die deutschsprachigen Spielpläne gehievt wird, sei es zur allgemeinen Volksbelustigung oder zur gutmenschlichen Erbauung angesichts der Verlogenheit der Welt. Und so ist es nur konsequent, dass es in dieser Kölner Inszenierung vom "Menschenfeind" ab und zu von der Decke rieselt auf Mobiliar und Personal. Das kann passieren, wenn man so wenig zimperlich mit dergleichen Antiquitäten umgeht wie Regisseur Moritz Sostmann. Am Ende dieses Abends liegt der ganze Altbau in Trümmern, und nur ein paar dummen Augusten ist das blöde Lachen noch nicht vergangen.


Schauspiel Köln

Monster am Klavier

von Dorothea Marcus

Köln, 6. November 2014. Und wieder eine "Hedda Gabler". Schon im letzten Jahr erreichte sie in Deutschland, insbesondere NRW, eine überwältigende Bühnenpräsidenz. Aber vermutlich ist die Krankheit, an der Ibsens Hedda leidet, eine, die sich epidemieartig im modernen Menschen ausbreitet: die narzisstische Persönlichkeitsstörung.


Schauspiel Köln

Die Hassbürger greifen an

von Sascha Westphal

Köln, 18. Oktober 2014. Da sind sie, diese Sätze, die jeder nur zu gut kennt. Sei es nun aus Gesprächen im Büro und der Kneipe, oder – und dort fallen sie mit schauriger Regelmäßigkeit – aus den Kommentarspalten im Internet. Sätze wie: "Ich bin ein verdammt normaler Bürger, und ich habe nie ein Vorurteil gehabt. Aber ich habe doch Augen im Kopf." Oder drastischer: "Man muss die Frage stellen dürfen, ob Schwule und Lesben überhaupt Öffnungen haben, die diese Bezeichnung verdienen. Und ob sie das Recht haben, ihre Perversionen an unsere Kinder weiterzugeben." Oder auch: "Wir verstehen, dass ein paar Juden und Russen immer mehr Geld haben und wir sind egal."


Schauspiel Köln

Nackte Seelen mit eigentümlichen Ergüssen

von Martin Krumbholz

Köln, 17. Oktober 2014. Theaterdramaturgien geben gelegentlich Rätsel auf. Dass Kleists "Käthchen von Heilbronn" sich häufiger auf den Spielplänen findet als etwa der "Prinz Friedrich von Homburg" – doch das bei weitem brisantere Stück – und fast so häufig wie der unverwüstliche "Zerbrochne Krug", ist eines dieser dramaturgischen Rätsel. Aber schließlich geht es um einen akuten Fall von Liebe – die Liebe von Regisseuren zu einem Stück –, und die lässt sich meistens nicht recht erklären. Leider ist es so, dass Kleists großes historisches Ritterschauspiel diese Liebe partout nicht erwidert; es wird unterschätzt wie eine launische Geliebte.


Schauspiel Köln

Die V-Effekt-Verdopplung

von Andreas Wilink

Köln, 5. September 2014. Eine innere Disposition lässt den Puritaner seine Lasten lieb gewinnen: "One grows fond of one's burdens" heißt es in George Santayanas philosophischem Bildungsroman "Der letzte Puritaner". Man trägt sie mit stolzer Demut, wissend, das Schlimmste getan und doch keinen Schaden an seiner Seele genommen zu haben. Die Bewohner von "Dogville" leben in einer Enklave pervertierten Gemeinschaftssinnes, die den Puritanismus made in Salem/Massachusetts radikal zu Ende gedacht hat und die Lebensform des amerikanischen Provinzialismus höhnisch nachstellt.


Schauspiel Köln

Blicke über den Abgrund

von Sascha Westphal

Köln, 7. Juni 2014. Da sitzen sie nun in ihren halben weißen Kästen, die vielleicht einmal ein Raum, eine Bühne waren und es vielleicht auch wieder werden könnten. Aber erst einmal trennt sie ein Graben, in dessen Mitte vorne eine Straßenlaterne steht. Das ist die Lücke, der Riss, der durch dieses von Bühnenbildnerin Anne Ehrlich geschaffene Welt-Bild geht. Auf der einen, der linken Seite sitzen die Schauspieler, Simon Kirsch, Thomas Müller und Annika Schilling, auf der anderen die Laien aus der Keupstraße, Ismet Büyük, Ayfer Sentürk Demir und Kutlu Yurtseven. Blicke werden ausgetauscht.


Schauspiel Köln

Große Klappe, Mord dahinter

von Martin Krumbholz

Köln, 9. Mai 2014. An sich hätte der Alte die Sache auch selbst in die Hand nehmen können. Wie er da auf dem Sofa hockt, in seinem schrecklichen kurzärmeligen Freizeithemd, und den "Herrn des Hauses" markiert, der Proll-Spießer schlechthin (Guido Lambrecht spielt ihn). Da traut man ihm beinahe auch zu, dass er aufsteht, die auf dem Tisch liegende Knarre nimmt und der eigenen Tochter eine Kugel ins Hirn jagt.


Schauspiel Köln

Was liest du beim Friseur?

von Stefan Keim

Köln, 16. April 2013. Michael Jackson will schon wieder eine Schönheitsoperation. Sein Hautarzt legt ihn auf den OP-Tisch, betäubt ihn, macht nichts und weckt ihn wieder auf. Jackson ist glücklich und lobt seinen Arzt. Es gibt einige hübsche Anekdoten in dem Dokufictiontheaterabend "Brain and Beauty".


Schauspiel Köln

Ans Kreuz genagelter Maler

von Martin Krumbholz

Köln, 4. April 2014. Wenn ein Kinoregisseur einen dreistündigen Film macht, hat das in der Regel Gründe. Als Andrej Tarkowskij in den sechziger Jahren in der Sowjetunion "Andrej Rubljow" drehte und aus Zensurgründen zwei unterschiedlich lange Fassungen herstellte, hatte er eine gewaltige Geschichte erzählt. Die Geschichte eines um 1400 lebenden Malers und Mönchs, der in eine tiefe Glaubens- und Schaffenskrise stürzt, das Malen – und das Sprechen – aufgibt, schließlich aber, veranlasst durch das Erlebnis des Gießens einer Glocke, zum Glauben zurückfindet. Der große russische Regisseur, der gestern 82 Jahre alt geworden wäre (er starb 1986), hatte einen großartigen Film geschaffen: eine Parabel auf die Aporien des Künstlers auch in der Gegenwart der UdSSR. Das Eingreifen der Zensur zeigt, dass es funktioniert hat – ohne dass das Werk sich je in der Provokation erschöpft hätte.


Schauspiel Köln

Lackel und Charakterschweine

von Andreas Wilink

Köln, 21. Februar 2014. Eingefasst von zwei Sonetten, Nummer 147 und 106, wäre als Tonart des Abends zu erwarten gewesen: Shakespeare in Moll. Aber Antonio, ihr Sänger, kann sich gegen das allgemeine Dur nicht durchsetzen – gegen die jungen Leuten und Liebespaare nicht, und auch nicht gegen den Regisseur. Belmont macht Bachmann mehr Spaß, als der Rialto Kummer. Die Frohnatur will kein Spielverderber sein. Darin kommt er dem traurigen Antonio nahe. Die Liebeskomödie, begleitet von einer Combo mit Klavier, Marimba, Geige und Schlagwerk, übertönt das doppelte Außenseiter-Drama, und animiert mit allerlei Schlagergesang und klampfendem Geplärre zu der einstmals aus dem ZDF bekannten Frage: "Erkennen Sie die Melodie"?


Schauspiel Köln

Sehnsucht nach Leben

von Stefan Keim

Köln, 31. Januar 2014. Wer ist noch mal wer? Gleich zu Beginn von Mario Salazars neuem Stück "Die Welt mein Herz" erfahren wir die Vorgeschichten von vier verschiedenen Handlungssträngen. Als ob wir in eine Fernsehserie geraten wären, die schon ein paar Wochen läuft. Doch die Irritation vergeht. Denn schnell entwickeln die Szenen um Welt-, Lebens- und Sinnsucher zwischen New York, Berlin, Buenos Aires und Stendal-Süd ihren Sog.


Schauspiel Köln

Am Ende kommen die Ratten

von Friederike Felbeck

Köln, 17. Januar 2014. Die Ersatzstimme des alten Mannes klingt, als käme sie aus Hitlers Grab. Der "älteste Mann Europas" mit Schnauzbart und Baskenmütze, das Mikrofon fest an seinen Kehlkopf gedrückt, schickt dem Abend sein Motto vorweg: "Wir haben die Vision von Europa nicht genährt, um uns in den Himmel zu bringen, sondern um uns vor der Hölle zu bewahren."


Schauspiel Köln

Rebell ohne Sinn und Verstand

von Sascha Westphal

Köln, 10. Januar 2014. Als Luise durch die Intrige des Sekretärs Wurm ihre Unschuld für immer verloren hat und die letzte, tragische Begegnung mit ihrer großen Liebe Ferdinand ansteht, findet Simon Solbergs wild stürmendes und zwanghaft drängendes Schiller-Spektakel "Kabale und Liebe" endlich ganz zu sich selbst. Auf den Kartonwänden, die sich im Hintergrund der Kölner Breitwandbühne erheben, erscheinen Projektionen von Titelseiten deutscher und amerikanischer Klatschmagazine. Die geschmacklosen Fotos, die grellen Farben und die großen Lettern sind in diesem Moment nicht nur Merkmale einer Industrie, die schamlos der Sensationsgier und der Schadenfreude der Menschen huldigt. Sie verweisen zugleich auf Solbergs Stil und seine Ästhetik, die geradeso grell und aggressiv sind.


Schauspiel Köln

Kleiner Mann ganz groß

von Martin Krumbholz

Köln, 6. Dezember 2013. Was für eine schöne Pointe, dass der Sturzflug des jungen Deutschen Karl Rossmann durch Amerika ausgerechnet an einem Theater endet, am Naturtheater von Oklahoma – mit Beschäftigungsgarantie für alle! "Wir sind das Theater, das jeden brauchen kann", heißt es, "Welcome! Bienvenue!" Das lässt man sich nicht zweimal sagen. Wie es nun wohl weitergeht? Kafka hat seinen Roman ja nicht zu Ende geschrieben, diese vielleicht vollständigste und radikalste Dekonstruktion des "american way of life", die es in der Literatur gibt – aus der Feder eines, der nie dort war.


Schauspiel Köln

Glutkern vertändelt

von Martin Krumbholz

Köln, 22. November 2013. Wie alle echten Kerle mag der assyrische Feldherr Holofernes alle Weiber gern, ausgenommen: seine Mutter. Denn die dünkt ihm wie ein "Spiegel seiner Ohnmacht von gestern oder morgen." Dies ist eine der Preziosen in der aufschäumenden Rhetorik des jungen Friedrich Hebbel, der in seinem ersten Drama von 1840 nicht eben lakonisch nacherzählt, was sich in der Malerei so viel bündiger (und doch scheint's ebenso erschöpfend) darstellen lässt: Wie das schöne Weib Judith dem Grausamen nach einer Liebesnacht den Kopf abhackt, ihn einpackt und den Ihrigen daheim als Trophäe präsentiert.


Schauspiel Köln

All-Gemeinheit überall

von Sascha Westphal

Köln, 12. Oktober 2013. Die riesige, gut dreißig Meter breite Bühne im Depot 1, der größeren Interimsspielstätte des Schauspiel Köln auf dem Gelände des ehemaligen Carlswerks, hat ihre eigenen Gesetze. Sie will mit jeder Produktion von neuem erobert werden. Für seine erste eigene Inszenierung an seiner neuen Wirkungsstätte, eine Bühnenadaption von Ayn Rands 1957 erschienenem Roman "Atlas Shrugged", in der deutschen Neuübersetzung von 2012 "Der Streik", hat sich Intendant Stefan Bachmann auf jeden Fall für den Gestus des unerschrockenen Eroberers entschieden.


Schauspiel Köln

Jeden Tag ein Ohr abschneiden

von Martin Krumbholz

Köln, 11. Oktober 2013. Den Künstler Martin Kippenberger, 1953 in Dortmund geboren, 1997 in Wien gestorben, begreift man in Köln als eine Art Lokalmatador, weil K. in den Achtzigern hier vorübergehend zu Hause war und die damals sehr lebendige Kölner Kunstszene mit seinen Aktionen und Auftritten aufmischte. Tatsächlich war K. nirgendwo zu Hause, weder topographisch noch künstlerisch. Man kann ihn zu den neuen Wilden rechnen, aber die Malerei machte nur den kleineren Teil seiner Aktivitäten aus. In der Hauptsache inszenierte K. sich selbst und seinen Ruhm, der ironischerweise erst nach dem Tod des Künstlers – und dann rapide zunehmend – Gestalt annahm.


Schauspiel Köln

Doppelgänger mit Klimperaugen

von Stefan Schmidt

Köln, 28. September 2013. Was passt Brechts "Guter Mensch von Sezuan" doch perfekt zur Interimsbühne, die das Schauspiel Köln an diesem Wochenende eingeweiht hat. Das alte Haus, der Innenstadtbau aus den fünfziger Jahren, muss generalüberholt werden. Und so tritt der neue Intendant Stefan Bachmann die Nachfolge der gefeierten Karin Beier im Carlswerk an, einer stillgelegten Kabel- und Drahtfabrik. Zwar werden auf dem Gelände schon seit einiger Zeit Unterhaltungsromane verwaltet und Privatfernsehformate entwickelt, aber trotzdem umweht den Ort noch die Aura des Industriekapitalismus, den Brecht mit seiner epischen Klage vom guten Menschen in einer chinesischen Provinz anprangert.


Schauspiel Köln

Rolle rückwärts zu Eisenstein

von Andreas Wilink

Köln, 25. Mai 2013. "Mann der Arbeit, aufgewacht! Und erkenne deine Macht! Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will." Lautet die zehnte von zwölf Strophen im Bundeslied für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein. Hier nun, in der Expo-Halle des Schauspiels Köln, rollen die Räder unaufhörlich. Sausend durch die Geschichte. Das Ensemble hat sich Rollschuhe untergeschnallt. Geschwind bringt sich damit die Bourgeoisie von einem Zustand in einen anderen. Dynamik wird suggeriert. Fortschritt, zumindest, was das Tempo der Füße angeht. Geraten Verhältnisse in Bewegung? Voran in eine bessere Welt? Oder nur solipsistisch im Kreis herum? Zurück in die Zukunft? Oder richtungslos in den Spielraum launiger Regie-Unverbindlichkeit?


Schauspiel Köln

Das große Leid der kleinen Leute

von Guido Rademachers

Köln, 5. April 2013. Orange ist das aktionistische Großmaul unter den Farben. Es verspricht das Glück des Augenblicks. In seiner "Farbenlehre" notierte Goethe: "Das angenehme heitre Gefühl, das uns das Rotgelbe noch gewährt, steigert sich bis zum unerträglich Gewaltsamen im hohen Gelbroten. Die aktive Seite ist hier in ihrer höchsten Energie." Die 1970er Jahre sind das Jahrzehnt des Orangen. Man könnte auch sagen: der aggressiven Schönfärberei.


Schauspiel Köln

Mundtot am Boden

von Sarah Heppekausen

Köln, 7. März 2013. Stille. Das ist nicht unbedingt ein Anfang, der sich für ein sogenanntes "Stück für Musik" erwarten lässt. Für ein Stück, in dem der erste Satz "Otto, trag den Tisch hinaus" buchstäblich nach Bewegung ruft. Für das Stück eines Autors, der seinen Figuren kaum Innerlichkeit, sondern vor allem eine Stimme zur Verlautbarung zuschreibt.


Schauspiel Köln

Die Welt hat Tinnitus

von Sarah Heppekausen

Köln, 14. Februar 2013. Irgendwann hört man auf, den Bedeutungen der Wörter und Sätze nachzugehen, irgendwann hört man nur noch zu. Eigentlich sind es auch kaum Sätze, die PeterLicht für das Schauspiel Köln geschrieben hat. Es sind Verse einer lyrischen Litanei und Dialogfetzen, die eine mögliche Antwort eines möglichen Gegenübers gar nicht erst abwarten. "Das Sausen der Welt" hat der Kölner Liedermacher seinen Theatertext genannt. Auf der Bühne breitet ihn die Regie als Klangteppich aus, abgeklopft auf Schall und Rhythmus.


Schauspiel Köln

Vereint im Leid und der Musik

von Martin Krumbholz

Köln, 19. Januar 2013. Vielleicht sollte man doch öfter Dramatiker (wenn sie Schauspieler sind) in ihren Stücken auftreten lassen. In diesem Fall ist die Personalunion perfekt: Wie Sasha Rau da auf ihren Storchenbeinen dicht an der leeren weißen Wand steht, an ihr lauscht, als könnte die Wand doch noch irgendein Geheimnis dieses frappierend geheimnislosen Hauses preisgeben; wie sie die Wand mit dem Finger abtastet und wie sie dann so innig und scheinbar entrückt von einem Schwimmbad und von irgendwelchen Tauben erzählt – das ist so berührend und anziehend wie selten eine Szene auf dem Theater. Nichts gegen den Schauspieler Josef Ostendorf – allein die Geste, mit der er den Steg seiner Brille hochschiebt, ist ja unwiderstehlich –, aber ähnlich überzeugend hat er seinen Eingangsmonolog, in dem er sich als das Kind Egon Richter vorstellt, denn doch nicht hingekriegt; seltsam fahrig und gelangweilt hat sich das ausgenommen, sodass man schon dachte: Oh je, ein Monolog-Abend.


Schauspiel Köln

Von innen gewachsen

von Regine Müller

Köln, 11. Januar 2013. Der Kreis schließt sich: Vieles erinnert in Karin Beiers Inszenierung von Jean-Paul Sartres Adaption der "Troerinnen" von Euripides an ihre grandiose Regie von Grillparzers Das goldene Vlies, mit der sie vor fünf Jahren ihre furiose erste Spielzeit als Intendantin und maßgebliche Regisseurin am Kölner Schauspielhaus souverän krönte.


Schauspiel Köln

Macker, ahoi!

von Sarah Heppekausen

Köln, 2. Dezember 2012. Unterm Caravan wabert der Nebel hervor, ein Kauz ruft, rauschender Gewitterregen ist zu hören. Düstere Stimmung als Einstieg ins Williams'sche Depressions-Drama. Passt ja. Aber das Gruselszenario ist nur von sekundenkurzer Dauer. Schon dreht sich eine angestrahlte Diskokugel für die Musical-Party unter dem Motto: "In the navy". Leadsänger ist Tom Wingfield im sexy Matrosenanzug, sein Backgroundchor fährt im Boot auf die Bühne und winkt fröhlich mit Stars-and-Stripes-Fähnchen. Der depressiven Phase folgt die manische.


Schauspiel Köln

Der Ausweg ins Kunstfertige

von Andreas Wilink

Köln, 20. Oktober 2012. Der Fundus lebt. Das Theater bedient sich aus ihm. Einkleidung der Komödianten, Schreckgespenster und Schattengewächse. Masken, um sich die Wirklichkeit vom Leibe zu halten, die zu Zeiten auf der Bühne Naturalismus hieß und deren deutscher Heros Gerhart Hauptmann war, der große Neinsager im wilhelminischen Kaiserreich. Hinweg mit allem Realismus. Und wenn Berliner Milieu, dann sprachlich so breit betont, dass es schon wieder künstlich wirkt. Und dabei brutal hingespuckt.


Schauspiel Köln

Im Kunstmaschinenraum

von Guido Rademachers

Köln, 13. Oktober 2012. Oben das Video, unten das Making-of. Oben auf der Leinwand fährt ein Zug ab, darunter fährt die Kamera an einem detailgenau rekonstruierten 1980er-Jahre-Schlafwagenabteil der Österreichischen Bundesbahnen vorbei. Oben wehen die Haare im Fahrtwind, unten bläst ein Ventilator. Oben nimmt ein Paar im Abteil Platz, unten klappt die Zugwand hoch, und ein Team mit Handkameras setzt sich hinzu. Oben blickt eine verhärmt aussehende, schwer atmende Frau aus regennassem Zugfenster, unten steht Julia Wieninger hinter der Scheibe, während im Abteil nebenan Ruth Marie Kröger emotionslos Off-Text ins Standmikro spricht: "Im Grunde habe ich alles falsch gemacht."


Schauspiel Köln

Landschaftliche Spannungen

von Dina Netz

Köln, 11. Mai 2012. Vom Geburtshaus des Schriftsteller Edward FitzGerald im ostenglischen Boulge kommt W.G. Sebald in nur einem Satz zu einem irischen Landsitz, auf dem die Familie Ashbury ein "bizarres Leben" führt. Die Verbindung ist der Garten der Familie FitzGerald, der ihn an den in Irland erinnert hat. So geht das ständig in W.G. Sebalds "Die Ringe des Saturn": Er flitzt wie ein Wiesel durch seine Assoziationen, und über die Gelenkigkeit seines Geistes, sein ungeheures Wissen und den Glanz seiner Beschreibungen kann man nur staunen.


Schauspiel Köln

Das Blutbild der Morgenröte

von Andreas Wilink

Köln, 22. April 2012. Holbeins Toter Christus scheint mit einem Finger seiner knochigen Hand auf den – gleich seinem eigenen – hingestreckten Körper unter sich zu weisen: Hier ruht die erstochene Nastassja Filippowna, an deren Leichnam Fürst Myschkin und, als sein düsterer Wahlbruder, ihr Mörder Rogoschin in trautem Beieinander sitzen. Im Kölner Schauspielhaus beginnt Karin Henkel ihre Bearbeitung des Dostojewski-Romans vom Ende her.


Schauspiel Köln

Zusammbruch unter der Zumutung des Lebens

von Dina Netz

Köln, 5. April 2012. "Er sieht still aus, Lisa, aber du müsstest mal sehen, wie viele Leichen da unten versteckt sind." Das sagt der Vater einer der Figuren aus Simon Stephens' Stück "Wastwater" über den gleichnamigen See im Norden Englands. Es ist der tiefste See des Landes, und er ist außerdem von Geröll verdeckt. Der Wastwater-See ist die Metapher für das Dunkle, Unausgesprochene, das – wie die Leichen – vielleicht doch eines Tages an die Oberfläche kommen wird.


Schauspiel Köln

altIhr seid schuld!

von Dina Netz

Köln, 16. März 2012. Die Bühne von Thomas Dreissigacker sieht mit ihrer runden Drehscheibe in der Mitte und den schweren Lederdrehstühlen im Vordergrund ein bisschen aus wie das Cockpit eines Raumschiffs. Nicolas Stemann, Thomas Kürstner und Sebastian Vogel, die sich in diese Stühle fallen lassen, übernehmen das Ruder für den Abend: Der Regisseur ist Moderator oder Conférencier, die Musiker liefern den Soundtrack.


Schauspiel Köln

altHände hoch

von Andreas Wilink

Köln, 28. Januar 2012. Es ist eine Welt, "wie nur ein Dichter davon träumen mag". Man weiß nicht, wie einem geschieht, gleich dem Prinzen von Homburg: "Träum' ich? Wach' ich? Leb' ich? Bin ich bei Sinnen?" Auch das St. Jago de Chile ist ein solcher Traum-Ort. Alles Tatsächliche, und davon gibt es einiges, Fürchterliches und ein wenig Himmlisches begreift der Autor als poetisches Material.


Schauspiel Köln

altIn der Vollrausch-Show

von Guido Rademachers

Köln, 27. Januar 2012. Vorne an der Rampe rollen die schwarz umrandeten Augen. Der massige Körper findet einfach keinen Halt, scheint im blauen 40er Jahre-Zweireiher zu schwimmen. Die Jacke rutscht von den Schultern, die Hose muss hochgezogen werden. Schließlich landet der Mann auf dem Hintern, spreizt selig ins Publikum lächelnd ein Bein ab, zieht sich über den Boden, kommt wieder nach oben. Mault und tönt, zerkaut die Wörter und rollt demonstrativ das "r". Und schnappt sich das hagere Menschlein, das mit heruntergezogenen Mundwinkeln in roter Chauffeursuniform stocksteif neben ihm steht, um ihm einen langen dicken Kuss aufzudrücken.


Schauspiel Köln
alt

Polyneikes, Parsifal und alle anderen

von Andreas Wilink

Köln, 21. Dezember 2011. Die vier gut angezogenen Herren langen ordentlich hin und schlagen alles kurz und klein, während eine junge Frau versonnen die Bruchstücke betrachtet, eine zweite den Stammbaum der Labdakiden an die rückwärtige Seite der Kölner Schauspiel-Schlosserei malt und dazu melodramatisch Musik aufschäumt. Wenn alle Wandteile demoliert sind, bleiben nur kantige schwarze Säulen (Bühne: Susanne Münzner) einer Familiengruft, zwischen denen Trümmerfrauen und Trümmermänner Tragödie spielen.


Schauspiel Köln
alt

Glückskekse

von Andreas Wilink

Köln, 26. November 2011. Hänschen ist groß und trägt dreisprachig vor. Sind ja auch mindestens drei von der Sorte, die auf der Kölner Schauspiel-Bühne erwachsenen Kinderkram machen. Noch ein vierter ist da, an der Hammondorgel und am Synthesizer, von dem wir nicht beschwören würden, dass er nicht auch Hans heißt statt Alexander Paeffgen wie im so genannten richtigen Leben. Aber hier sind wir woanders.


Schauspiel Köln
alt

Das sonderbare Licht des Unglückssterns

von Guido Rademachers

Köln, 8. Oktober 2011. Kein Kasten diesmal. Johannes Schütz, in dessen eindrucksvoll leeren Bühnenbehausungen Jürgen Gosch und zuletzt auch Kölns Intendantin Karin Beier das Innenleben der Figuren wie unter einem Brennglas bündelten, begnügt sich für die eigene Inszenierung von Racines "Phädra" mit nur einer einzigen Wand. Sie ist dunkelgrau angestrichen und schließt die Bühne bis zum Dach der Kölner Halle Kalk nach hinten hin vollständig ab.


Schauspiel Köln
alt

Raus ins Open Air Museum

von Dina Netz

Köln, 7. Oktober 2011. Ursprünglich war Gesine Danckwarts "Goldveedelsaga" schon vor einem Jahr als Premiere geplant. Die ortsspezifische Performance im Kölner Agnesviertel sollte die geographische und ästhetische Brücke zwischen neuer und alter Spielstätte des Schauspielhauses, zwischen dem Stammhaus am Offenbachplatz und der Ausweichspielstätte EXPO schlagen. Auf dem Weg vom einen zum anderen muss man über die Krefelder Straße fahren. Allein, Kölner Wutbürger erwirkten eine Änderung des Ratsbeschlusses. Das Schauspielhaus wird nun renoviert statt abgerissen, und bis zum vorübergehenden Auszug dauert es noch ein Jahr. So lange wollte Gesine Danckwart offenbar nicht mehr warten und baut mit ihrer "Goldveedelsaga" jetzt schon eine Brücke – in die Zukunft.


Schauspiel Köln
alt

Auf der Orchesterzerreißprobe

von Sarah Heppekausen

Köln, 29. September 2011. "Wir spielen." Dieser Satz ist Zustandsbeschreibung und Drohung, Motivation und Ausrede, Verteidigung und Kapitulation, Welt-Aufgabe und Welt-Aufgeben. Der Satz ist alles in einem, voller Komplexität in seiner Einfachheit und zugleich das Fundament für einen klangstarken Kunstkampf ohne Katharsis. Im Kölner Schauspielhaus tritt die Kunst gegen sich selbst an. Bei so viel kritischer Selbstbeschmutzung kann es nur einen Gewinner geben: die Kunst.


Schauspiel Köln

Bitte achten Sie auf den Straßenverkehr!

Von Klaus M. Schmidt

Köln, 15. September 2011. 15.35 Uhr. Ich bin der blaue Punkt. Auf der Karte von Google-Maps. Auf dem Display des Smartphones, das mir vor fünf Minuten im Foyer des Kölner Schauspielhauses ausgehändigt wurde.

Kaum zur Tür heraus, kann ich gleich wieder stehen bleiben, denn direkt neben dem blauen befindet sich ein orangener Punkt. Der steht für Station Nr. 2 des Archivs der zukünftigen Ereignisse. Das ist das Schauspielhaus selbst. Auf der Karte im Faltblatt, das ich zusammen mit dem Smartphone bekommen habe, sind nicht weniger als 37 orangene Punkte verzeichnet.


Schauspiel Köln
alt

Im Lauf der Zeit

von Andreas Wilink

Köln, 18. Juni 2011. Solche Sätze haben es in sich. "Die Wolldecke in dem Laufställchen war durcheinander geraten, so daß an den Seiten die gelbliche Schaumgummiunterlage zu sehen war, ein mit Wollflusen besetztes lappiges Stück, und undeutlich, dafür um so eindringlicher empfand er wieder, zugeschnürt zu sein von den Dingen, die sich um ihn herum angesammelt hatten, abhängig von seiner Frau, von ihr, dem Kind und der Wohnung, dem, was einfach notwendig durch sie und das Kind mehr geworden war im Lauf der Zeit und sich nun häufte, einerseits belangloses Zeug, unwichtig genug, es nicht täglich zu beachten, hier, an dieser Stelle, dort, überall, in den Kisten, den Schränken, Schubladen, gedankenlos weggelegt, aber andererseits immer wieder etwas, das benutzt werden mußte, ob er wollte oder nicht, und das ihm durch die anderen, zuerst vage durch Gerald und jetzt noch mehr durch Rainer, der bei ihnen wohnte, immer wieder von neuem aufgezwungen wurde, wenn er sich mit ihnen unterhielt."


Schauspiel Köln
alt

Beckett, ein Meister aus Deutschland?

von Andreas Wilink

Köln, 27. Mai 2011. Der Baum fehlt. "Landstraße. Ein Baum. Abend", heißt die berühmte erste Szenenanweisung Samuel Becketts in "Warten auf Godot". Aber der Baum wird gespielt: von Wladimir, der die Arme ausbreitet und ein Bein anwinkelt und so Stamm und mageres Geäst markiert, an dem sich er und sein Kumpan Estragon eventuell aufhängen wollen und es dann doch nicht tun. Morgen vielleicht ...


Schauspiel Köln
alt

Mitklatschen beim Totentanz

von Regine Müller

Köln, 5. Mai 2011. Das Kölner Theaterpublikum weiß offenbar nur zu gut, was ihm bevorsteht, wenn der italienische Theatermann Antonio Latella inszeniert: ausuferndes, in jeder Hinsicht anstrengendes Theater. Nahezu fünf Stunden dauerte vor drei Jahren Latellas grandiose Goldoni –"Sommerfrische", mehr als drei Stunden sein grandios gescheiterter Kafka-Abend. Oder lag es bei der Premiere von "Mamma Mafia" im Erfolg verwöhnten Kölner Schauspielhaus diesmal etwa am Thema, dass im Zuschauerraum nicht einmal zwei Drittel der Plätze gefüllt waren?


Schauspiel Köln

alt

Extra-Zucker für Walter

von Guido Rademachers

Köln, 29. April 2011. Der ungarische Theaterregisseur Viktor Bodó liebt Filme. Seine Schauspieler verprügeln und erschießen sich auf der Bühne in Zeitlupe und -loops. Alltäglicheres erledigen sie im Zeitraffer. Bei einem Kuss fällt Kunstschnee zu opulentem Soundtrack aus dem Schnürboden, Windmaschinen blasen auf das Liebespaar – und in das Publikum. Schnitt.


Schauspiel Köln
alt

Gehorsam durch Ermattung

von Dina Netz

Köln, 19. April 2011. Die ehemalige Kraftfahrzeug-Zulassungsstelle in der Kölner Herkulesstraße ist schon für sich genommen ein kafkaesker Ort: 70 leere Büroräume mit fleckigen Teppichen, zwischen Gleisdreieck und Autobahnzubringer gelegen. Mit seinem sicheren Gespür für Settings hat sich das Performer-Kollektiv Signa die Tristesse dieses Ortes zunutze gemacht für seine neue Produktion "Die Hundsprozesse" nach dem "Prozess" von Franz Kafka: Die Herkulesstraße 42 ist in ein Gericht umgewandelt, die Zuschauer werden beim Betreten des Gebäudes zu Angeklagten.


Schauspiel Köln
alt

Wenn ich singe, vollziehe ich einen Funktionswechsel

von Dina Netz

Köln, 27. März 2011. Während der Ouvertüre und der Moritat von Mackie Messer bleibt die Bühne dunkel. Der Brecht-Text inklusive Regieanweisungen wird in roten Buchstaben als Laufband eingeblendet. Erst nach dem verschriftlichten Haifisch-Song treten die Schauspieler ins Licht. Diesen Trick hat Nicolas Stemann schon bei seiner "Dreigroschenoper" 2002 in Hannover angewandt (die er mit dem Kölner Ensemble überarbeitet hat), um mit den strengen Vorgaben der Brecht/Weill-Erben umzugehen: Der Originaltext wird fast vollständig eingeblendet.


Schauspiel Köln
alt

Überfülle der Wahrnehmung

von Regine Müller

Köln, 18. Februar 2011. Ein wiederkehrendes Ritual durchzieht den Abend: Die Bühne ist dunkel, auf der großen Videoleinwand ist ein rauer, menschenleerer Strand zu sehen, die Brandung rauscht. Ein Feuerzeug leuchtet auf, jemand zündet sich eine Zigarette an, dann wird ein altmodisches Tischlämpchen angeknipst. Eine Frau in Schwarz sitzt neben der Lampe an einem langen Tisch und verliest einen Text. Eine andere Frau schreibt auf eine Schultafel eine Jahreszahl, einen Ortsnamen oder "15 Jahre später", während eine Videokamera ihr Tun auf die Leinwand wirft und synchron zum Bild an jenem langen Tisch die quietschenden Kreidegeräusche erzeugt werden.


Schauspiel Köln
alt

Das Sofa als Wille und Vorstellung

von Guido Rademachers

Köln, 11. Februar 2011. Solche Müdigkeit steckt an. Im Schlussbild lässt Regisseur Alvis Hermanis – so viel Regieeinfall muss am Ende schon sein – Oblomows hyperaktiven Gegenpart Stolz sich in dessen Bett verkriechen. Um dann das Licht auf der Bühne aus- und im Zuschauerraum anzudrehen. Der Hinweis auf den Oblomow in uns allen wäre gar nicht nötig gewesen. Denn während der dreieinhalb Stunden Aufführungsdauer war der Kampf gegen das Einnicken unschwer erkennbares Thema im Publikum.


Schauspiel Köln

Aufbruch sieht anders aus

von Dina Netz

Köln, 14. Januar 2011. In Köln ist alles längst vorbei, der Kirschgarten abgeholzt, die Bühne eine riesige Fläche aufgeschütteter Erde. Aber die Geschwister Ljubow Andrejewna Ranjewskaja und Leonid Andrejewitsch Gajew wollen nicht wahrhaben, dass der Ort ihrer Kindheit dem Untergang geweiht ist. Ljubow (Lena Schwarz) kommt gerade nach fünf ausschweifenden Jahren aus Paris zurück, ihre Heimkehr auf das russische Landgut mit dem riesigen Kirschgarten wird wie ein Einzug in die Manege mit Musik und Tanz zelebriert.


Schauspiel Köln

Römische Puppet-Show

von Dina Netz

Köln, 25. November 2010. Ihre beiden ersten Ehemänner hat Agrippina überlebt, den zweiten hat sie angeblich eigenhändig vergiftet. Ihr Onkel Claudius, den sie als dritten heiratet, überlebt auch nur so lange, bis er Agrippina zur Kaiserin ernennt und ihren Geburtsort zur Stadt erhebt: Köln. Dann vergiftet sie auch ihn, damit ihr Sohn Nero Kaiser werden kann. So geht die Legende über die brutale Giftmischerin Agrippina, Kaiserin von Rom.


Schauspiel Köln

Gesang der Geister über dem Wasser und unter der Erde

von Andreas Wilink

Köln, 29. Oktober 2010. Vom Schluck Wasser zur Sintflut: Zuerst sind auf einem Dutzend Tischen der Bühne des Kölner Schauspielhauses (Johannes Schütz) Batterien von Mineralwasserflaschen und Plastikbechern angerichtet. Am Ende, nach drei Stunden, steht die Bühne knöcheltief unter Wasser. Lehmig gelbe Brühe quillt aus einem Loch – in seiner Länge und Breite offen wie ein Grab. Köln geht baden, während sich die Stadtoberen nicht nass machen und ihre Hände in Unschuld waschen – und Karin Beiers fabelhaftes Ensemble das große Planschen veranstaltet. Ein Katastrophen-Slapstick, denn das Unglück ist auch ein fauler Witz.


Schauspiel Köln

Entertaining Mr. Sigismund

von Andreas Wilink

Köln, 19. Juni 2010. Jürgen Kruse schickt seinen eigenen Kommentar gleich hinterdrein. Ein Stücktitel bedeutet auch nur eine Phrase im unaufhörlichen Gespräch, Note in einer unendlichen Melodie (warum hat der Mann eigentlich nie Wagner inszeniert?) Kruse ist so schnoddrig wie schüchtern, wenn es um die großen Werke geht, um "Macbeth", "Hamlet" oder "Faust". Er bemächtigt sich ihrer scheinbar, aber letztlich unterwirft er sich ihnen – gemäß seiner Methode trial and error. Vielleicht sind ihm deshalb die schmutzigen kleinen Stücke lieber, ein Cassavetes, Shepard oder Kerouac.


Schauspiel Köln

Pack die Lederhose ein

von Dina Netz

Köln, 3. Juni 2010. In der Kölner Halle Kalk, der Außenspielstätte des Schauspiels, steht die Hitze am Uraufführungsabend. Das fördert nicht gerade die Konzentration, passt aber ganz gut zum Stück von Christoph Nußbaumeder, das im Frühling mit Eröffnung der Biergarten-Saison einsetzt und in dem äußere und emotionale Hitze immer weiter steigen.


Schauspiel Köln

Deutsche Familien und ihre Holzvertäfelung

von Regine Müller

Köln, 16. April 2010. Wenn man nicht wüsste, welch langen Vorlauf ein Theaterspielplan hat, könnte man es für eine perfekte Dramaturgie halten: Denn in der heißen Phase der Abrissdebatte des Kölner Schauspiels probte ebenda Anna Viebrock ausgerechnet ein Stück über Zerstörung und Wiederaufbau, gespiegelt am Schicksal einer Kölner Architektenfamilie. Unter dem Rätseltitel "WOZUWOZUWOZU" hatte ihre Dramatisierung von Heinrich Bölls "Billard um halb zehn" nun Premiere, gerade einmal drei Tage nachdem in einer Sondersitzung der Kölner Stadtrat entschieden hat, sein Theater aus den 60er Jahren – gebaut von einem Kölner Architekten – nun doch zu sanieren und den geplanten Neubau ad acta zu legen.


Schauspiel Köln

Arielles empfindliche Seele

von Guido Rademachers

Köln, 10. April 2010. Dort, wo sich sonst in Karin Beiers Theatertreffen-Inszenierung "Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen" die Figuren gegenseitig fertigmachen, ist auch das Publikum bestens aufgehoben. Auf der Bühne der Halle Kalk sind anstelle des Hartz-IV-Wohncontainers etwa hundert Stühle aufgebaut. Der Zuschauerraum ist von sieben jungen Männern, etwa zwischen 17 und Anfang 20, okkupiert. Es sind die "Rheinischen Rebellen 2.0", Mitglieder des Kölner Schauspielhaus-Jugendclubs.


Schauspiel Köln

Der Träumer seiner Erinnerung

von Andreas Wilink

Köln, 19. März 2010. Die Festtafel ist geteilt. Am linken Tisch finden sechs Personen Platz, am rechten ebenso viele. Ein Stuhl bleibt zunächst frei – der Gast, für den man dort reserviert hat, passt nicht recht in die Feierlichkeit zu Helges 60. Geburtstag. Er heißt Gbatokai, ist der Freund von Helene, der Tochter des Hauses, und er ist schwarz. Mit einiger Verspätung reiht auch er sich ein, auch wenn ihn dann ein Lied der guten weißen Gesellschaft als "Hottentott" verhöhnt.


Schauspiel Köln

Der, den das Morden ekelt

von Andreas Wilink

Köln, 16. Januar 2010. Wie auf einem Trainingsfeld verteilen sich die vier Frauen und vier Männer – weniger als ein Drittel des von Büchner vorgesehenen Personals, nicht gerechnet Volk, Deputierte und Grisetten. "Haben Sie Fragen?", wendet sich eine Darstellerin ans Publikum, zunächst auf Englisch, um nur ja Abstand zum identifikatorischen Theater zu halten, und so, als stünde eine Lektion Büchner an. Unterricht in praktischer und theoretischer Revolutionskunde.


Schauspiel Köln

Sieg Geil!

von Guido Rademachers

Köln, 9. Januar 2010. Eigentlich war ein Projekt über die "Edelweißpiraten" geplant: jene Kölner Jugendbewegung, die während der Nazizeit durch abweichendes Verhalten in puncto Mode, Musik und Mitmarschieren auffiel. Aber irgendwann im Herbst, nachdem das Spielzeitheft schon gedruckt war, müssen Regisseur Robert Borgmann und Dramaturgin Sybille Meier festgestellt haben, dass der Stoff sich nicht so recht den Vorstellungen fügte, die sie von diesem Theaterabend gehabt haben mögen.


Schauspiel Köln

Das Gift der Armut

von Sarah Heppekausen

Köln, 8. Januar 2010. Zu sehen gibt es eine Menge in der langen Containerbaracke, die sich über die ganze Breite der Halle Kalk erstreckt: Sich schlagende, begrapschende, schminkende, Geld zählende, Gameboy spielende, Chips in sich hineinstopfende Mitglieder einer Großfamilie. Nur zu hören ist nichts. Die großen Fenster lassen Blicke zu, aber keinen Ton heraus. Als endlich jemand die Wohnung verlässt, dem schalldichten Raum einen Schlitz verpasst, schreit gleich ein anderer: "Tür zu!"


Schauspiel Köln

Experimente mit der Egge

von Regine Müller

Köln, 30. Oktober 2009. Am Anfang ist die Bühne leer. Vor der Rückwand stehen in gebührendem Abstand voneinander fünf Tafeln, auf jeder ist ein Buchstabe des Namens "Kafka" geschrieben. Fünf Schauspieler haben sich hinter den Buchstaben aufgebaut und setzen sich erst einzeln, dann gemeinsam in Bewegung. In eilfertigem Laufschritt trägt jeder seinen Buchstaben nach vorne, dann wieder zurück. Schließlich beginnen die, deren Buchstabe nicht "a" lautet, die Tafeln umzudrehen. Nach einer guten Weile und etlichen sinnlosen Gängen ist aus "Kafka" "Samsa" geworden. Aha.


Schauspiel Köln

Choreografie der Gequälten

von Andreas Wilink

Köln, 26. September 2009. Das Eröffnungsbild kreiert die Stille des Anfangs. Paradiesischen Zustand. Eine Unschuldvermutung. Dann wird es Licht. Das Drama beginnt – und der Zerfall setzt ein. Es "ward eine Finsternis über das ganze Land", sagt Matthäus, Kapitel 27, als auf Golgatha gestorben wird. Der Tod der Cordelia und des Lear behauptet eine ähnliche Wirkung. Aus dem Dunkel, dem noch Ungestalteten, heben sich schemenhaft Körper, die in schwarzen Nebeln zu schwimmen scheinen.


Schauspiel Köln

Der Irrwitz des Ungewissen

von Andreas Wilink

Köln, 6. Juni 2009. Es gibt zweierlei Ängste im Theater-Leben des Jürgen Kruse. Einerseits den horror vacui, weshalb seine zugestellten Bühnenräume neuronale Netze knüpfen, Bezugsrahmen setzen oder schlichtweg als Rumpelkammer seelischer Ablagerungen dienen. Zum anderen ist es die Angst vor der Stille nach dem Schluss. Kruse-Inszenierungen finden kein Ende; selbst wenn alles gesagt und abgetan ist, hängen die Schauspieler herum, tanzen cheek to cheek, musizieren, rauchen, bleiben bei ihren Verrichtungen.


Schauspiel Köln

Für diesen Tag gestorben 

von Sarah Heppekausen

Köln, 17. Mai 2009. Erst blendet das Licht wie grelle Sonnenstrahlen, dann fegt ein heftiger Wind über die Bühne. Aber wenn die hintere Wand des geöffneten Betonquaders unerbittlich zufällt, ist erstmal Schluss mit derartigen Naturenergien. Karin Henkel hat eine Variante der euripideischen, ironischen "deus ex machina"-Schlüsse gleich an den Anfang ihrer Kölner Inszenierung der Iphigenie gesetzt. Hier wird die nächsten zwei Stunden kein Lüftchen mehr wehen, da kann der Chor der einheimischen Frauen noch so laut rufen "Blast Winde!"


Schauspiel Köln

Transit Tel Aviv

von Ulrike Gondorf

Köln, 24. April 2009. Die Koffer sind schon da. Die Reisenden noch nicht Sicht (Sonst ist es doch immer umgekehrt!). Nach einer ganzen Weile nähert sich eine Frau dem Gepäckband, und während sie noch sucht und räumt, kommt ein Mann dazu, dunkel gekleidet, mit Hut und Schläfenlocken. Wie sie sich ausweichen und mit Blicken abtasten, wird sofort klar: zwischen den beiden liegt eine Geschichte in der Luft, und weil wir im Theater sind, werden wir sie gleich erfahren.


Schauspiel Köln

Gegen das System helfen keine Verträge

von Ulrike Gondorf

Köln, 16. April 2009. Elfriede Jelinek mischt sich gern ein. Mit ihrer Wirtschaftskomödie "Die Kontrakte des Kaufmanns" ist ihr die Intervention in die Zukunft geglückt. Denn das Stück zur Finanz- und Wirtschaftskrise entstand vor ungefähr einem Jahr, als es noch gar keine Lehman-Pleite mit ihren globalen Dominoeffekten gegeben hatte. Sehr viel begrenztere Skandale in Österreich hatten der Autorin den Stoff und den Anlass gegeben zu dieser wütenden Tirade auf die Skrupellosigkeit der Banker und die naive Profitgier der Anleger.


Schauspiel Köln

Die Welt ist ein Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Spiel

von Kerstin Edinger

Köln, 9. April 2009. Es hätte auch ein schwerer, ein mit Gedankenkonstrukten überfrachteter Abend werden können. Nach der Lektüre von Juli Zehs Stückvorlage, in der Bearbeitung von Bernhard Studlar, sehnt man sich nach etwas Menschelndem, etwas weniger Konstruktion, dafür mehr Lebensnähe. Doch Regisseurin Jette Steckel gelingt die Gratwanderung, aus exemplarischen Figuren Menschen aus Fleisch und Blut zu machen, der etwas spröden Vorlage Leben einzuhauchen. Sie wechselt gekonnt die Ebenen zwischen Abstraktion und realer Handlung, ohne dabei an Tempo zu verlieren.


Schauspiel Köln

Wir sind Orpheus

von Regine Müller

Köln, 4. April 2009. Als verstörend sind die Performances des österreichisch-dänischen Künstlerduos Signa schon immer bezeichnet worden. Lange Zeit als Geheimtipp gehandelt, wurde die Truppe um Signa Sörensen und Arthur Köstler mit der Kölner Installation "Die Erscheinungen der Martha Rubin" im vergangenen Jahr zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Die eigens errichtete "Ruby Town" wurde tagelang pausenlos von 40 Darstellern bewohnt, die Besucher waren sich weitgehend selbst überlassen und konnten wählen, wo und wie lange sie in dem künstlichen Dorf verweilen und vor allem wie weit sie sich auf das Grenzexperiment zwischen Realität und Fiktion einlassen mochten.


Schauspiel Köln

Wenn alles in Scherben liegt

von Ulrike Gondorf

Köln, 28. März 2009. Der Abend ist sperrig, brüchig, manchmal geschwätzig, manchmal albern, manchmal anstrengend, manchmal sehnsüchtig-traumverloren. Und nicht selten wirklich komisch. Und genau deswegen ist er gut. In seiner Inszenierung von Büchners post-romantischem Lustspiel "Leonce und Lena" zielt der Regisseur Jan Bosse mitten in die Disparatheit, die Widersprüchlichkeit, die desillusionierende, bittere Ironie des Textes. Und trifft. Der Schulbuch-Klassiker gewinnt seine verstörende Unangepasstheit zurück, das berühmte Stück lässt sich nicht konsumieren.

 


Schauspiel Köln

Ein Traumschiff namens Adenauer

von Regine Müller

Köln, 6. März 2009. Schon vor dem Einlass in die Kalker Halle hört man einen Chor. Rhythmische, deklamatorische Aufwärmübungen, die auch für ein Motivationsseminar taugen würden. Doch hier bereiten sich zwei aus Kölner Lehrern rekrutierte Chöre auf ihren Auftritt vor, der ein gewichtiger Teil des Abends werden soll, den sein Schöpfer und "Totalregisseuer" Schorsch Kamerun paradox als "erste antiautoritäre Staatsoper" tituliert hat.


Schauspiel Köln

Kekse für den Zoologen

von Regine Müller

Köln, 14. Februar 2009. Auf der Bühne herrscht diffuses grünliches Dämmerlicht. Ein schwerer, massiger Mann namens Ludwig setzt sich an den Schreibtisch, schaltet seinen Computer an und schreibt. Was er schreibt, ist auf metallenen Jalousien zu lesen: "Urformen der Angst - VI. Kapitel: Die namenlose Angst."


Schauspiel Köln

Auf jeden Fall fahrlässig

von Andreas Wilink

Köln, 24. Januar 2009. Wer wollte in Abrede stellen, dass die Beteiligten sich etwas gedacht haben und guten Willens sind und sei es nur in der eindeutigen Ablehnung von Gutmenschentum? Nur so lässt sich der Verlauf des 90minütigen choreografischen Theaters "60 Years" überhaupt tolerieren, dessen Titel sich auf die sechzigste Wiederkehr der Gründungsdaten des Staates Israel und der Bundesrepublik bezieht.


Schauspiel Köln

Von Gosch lernen, heißt siegen lernen

von Regine Müller

Köln, 18. Januar 2009. Nachtschwarz ist es in der Halle Kalk: auf dem Boden Stroh wie in einem verlassenen Stall, an der Stirnseite ein Altar, zur Linken eine Madonna. Ein paar Stuhlreihen, die sich nach und nach mit Menschen füllen. Einer geht schließlich nach vorne zum Altar und kniet nieder im stummen Gebet. Der Frieden täuscht, denn plötzlich überfällt den Betenden einer der Frommen von hinten und ringt mit ihm ums Leben.


Schauspiel Köln

Symphonie der Einsamkeit

von Dorothea Marcus

Köln, 5. Dezember 2008. Franz Xaver Kroetz' 1973 uraufgeführtes Stück "Wunschkonzert" ist bekanntlich ein Theatertext, der aus etwa acht Seiten besteht und in dem kein Wort gesprochen wird: eine einzige Regieanweisung, die den letzten Abend im Leben des einsamen Fräulein Rasch schildert, indem es sie bei ihren privaten Verrichtungen beobachtet. Doch auf Katie Mitchells Bühne ist es alles andere als einsam, es wuselt nur so.


Schauspiel Köln

Endstation Daseinsflucht

von Dorothea Marcus

Köln, 7. November 2008. Pflegenotstand in Deutschland. Eine einzige Altenpflegerin, durch Zufall heißt sie Solveig, ist verantwortlich für sieben Tattergreise. Auf drei Bühnenebenen sitzen sie auf Campingliegen, in Rollstühlen und Gehwagen und röcheln, klagen, husten, während schallend die Lebensuhr tickt – gespielt von einem großartigen Ensemble mit Schlagzeugen und Marimbaphonen.


Schauspiel Köln

Bewegter Wortgottesdienst

von Ralf-Carl Langhals

Köln, 17. Oktober 2008. "Ach Gott, die Kunst ist lang und kurz ist das Leben", sagt Faust verschwörerisch, und ein hörbares Schmunzeln geht durch die ausverkaufte Halle Kalk, Kölner Spielort der Goetheschen Tragödie ersten Teils. "Das kommt mir jetzt schon (wir befinden uns noch im Studierzimmer in schlichtester Probenbühnenästhetik) vor wie fünf Stunden", antwortet ein Herr und geht. "Anstrengend" raunt ein anderer und folgt.


Schauspiel Köln

In der Hüpfburg der Moral

von Morten Kansteiner

Köln, 21. September 2008. Bis zum "Perceval" des Chrétien de Troyes ist es ganz schön weit: gut 800 Jahre Literaturgeschichte, wenn man aus der Gegenwart zurückblickt. Tom Kühnel und Jürgen Kuttner sind tapfer losmarschiert, aber ungefähr an der zweiten Jahrhundertwende muss ihnen die Puste ausgegangen sein. Chrétien steht zwar als ein Gewährsmann im Programmheft, aber letztlich sind sie bei Wagner gelandet: Sein Libretto liefert das Gerüst für ihre "Parsifal"-Variationen am Kölner Schauspielhaus. Und ehrlich gesagt sind 126 Jahre ja schon ein ganzes Stückchen.


Schauspiel Köln

Mensch, Mörder, Mann

von Ralf-Carl Langhals

Köln, 10. Mai 2008. Zwei verschrobene Gestalten erwarten wortkarg am Wegesrand einen ominösen Dritten. Es ist nicht Godot. Schnee liegt in der Schlosserei des Schauspiels Köln, für das Christoph Nußbaumeder das Auftragswerk "Mörder-Variationen" schrieb. Doch bis sich bei deren Uraufführung "Drei Männer im Schnee" finden, dauert es fünf Akte. Ganz so lustig wie bei Kästner geht es nicht zu, ganz so frustig wie bei Beckett auch nicht. Gelegentliche Längen und einen verrätselten Schluss duldet man gerne, ist der talentierte Volksstück-Erneuerer doch diesmal einen anderen Weg gegangen.


Schauspiel Köln

Die Geburt der Tragödie aus der Zweierbeziehung

von Andreas Wilink

Köln, 8. Mai 2008. Karin Beier spannt "Das Goldene Vlies" in den Rahmen einer Alltagsgeschichte, freilich einer ungeheuren: Kolchis und Korinth als Metapher, Schauplätze für Menschen, die einander fremd geworden sind. In den Szenen einer Ehe und ihrem zwanghaften, zwangsläufigen Verlauf ist uns nichts unbekannt und dennoch nichts vertraut. Weil das, was sich die Handelnden zumuten, wie unter einem Vergrößerungsglas vor Augen führt, was sonst zumeist hinter gesellschaftlichen Verabredungen und den guten Sitten verborgen liegt. Diese Menschen sind von allen guten Geistern verlassen. Auch hier regiert der Gott des Gemetzels.


Schauspiel Köln

Rocky-Horror-Migranten-Schulfunk-Soap

von Ulrike Gondorf

Köln, 29. April 2008. "Zwei kleine Italiener, die träumen von Napoli". Und schon sind wir mitten drin in den 50er Jahren. Die ersten ausländischen Arbeitskräfte, die Gastarbeiter sind da. Marcello und Toni heißen sie, sie kommen aus dem armen Süden Italiens. Und natürlich wollen sie nicht lange bleiben, zurück nach Hause, mit viel schnell verdientem Geld, heiraten, ein Haus bauen… 


Schauspiel Köln

Schwarz auf Weiß

Von Andreas Wilink

Köln, 20. April 2008. Vor zwei Wochen erst hat am Schauspiel Köln der lettische Regisseur Alvis Hermanis seine Kölner Affäre mit vier Alltagsmenschen aus der Stadt am Rhein publik gemacht, deren modellhafte Lebensgeschichte an wiederum vier Schauspieler delegiert wurde. Jetzt wird der Radius vergrößert, die Beziehungen der Theatermenschen zur existentiellen Welterfahrung knüpfen sich überregional fort.


Schauspiel Köln

Die Welt im Staubkorn Mensch

von Dorothea Marcus

Köln, 4. April 2008. Julia Wieninger hat Hannah auf der Straße angesprochen. Ilknur Bahadir musste drei Frauen treffen, ehe sie auf Nastassja stieß – auf der Bühne sehen wir sie in ihrer Konditorei vor rosa getürmten Sahnetorten. Wie Markus John auf den früheren Zuhälter Foxi aus Bergisch-Gladbach traf, der den Zuschauer in seinem heruntergekommenen Bühnenbüro empfängt, erfahren wir nicht. Aber es ist fast unheimlich, wie sich der Schauspieler langsam in e kölsche Jong verwandelt: mit Bart, zurückgegeltem Haar und breitester rheinischer Mundart wird er vor unseren Augen ein zutiefst anderer.


Schauspiel Köln

Das komische Gebaren der Geschlechter

Von Regine Müller

Köln, 28. März 2008. Es beginnt als Hörspiel: Minutenlang eilen geschäftige Schritte über knirschenden Kies, dann klopfen energische Absätze einen nervösen Rhythmus auf hölzerne Dielen. Aufbruchstimmung deuten auch die altertümlichen Bahnhofswartebänke an, die Annelisa Zaccheria auf die Bühne des Kölner Schauspielhauses stellt, um Antonio Latellas Deutung von Goldonis "Trilogie der Sommerfrische" möglichst sparsam zu möblieren. Von der Decke hängen Volieren, in denen blitzende Lüster stecken. Die Lichter sind eingesperrt über der gähnend leeren Bühne und senken sich später hinab in den Boden.


Schauspiel Köln

Im Sog der Präzision

von Regine Müller

Köln, 22. Februar 2008. Als wäre ein Problem nicht genug, hat am Kölner Schauspielhaus Regisseur Laurent Chétouane gleich zwei Werk-Fragmente zusammengesperrt, die auf den ersten Blick bis auf das Schicksal des Unvollendetseins wenig gemein zu haben scheinen: Friedrich Hölderlins in drei Entwürfen vorliegendes Trauerspiel "Der Tod des Empedokles" und Bertolt Brechts "Fatzer"-Fragment, das mehr als 500 Seiten umfasst.


Schauspiel Köln

Krieg ist eine Frage der Perspektive 

von Dorothea Marcus

Köln, 2. Februar 2008. Die Bühnenwelt von Jette Steckel setzt sich vor unseren Augen zusammen: halblaut vor sich hin murmelnd, bestreuen die Schauspieler das Spielfeld mit Granulat und machen es zu einer "trostlosen Gegend am Kanal", die einfach eine dunkle Rampe mit Treppe ist. Dahinter ist "Da", Mazedonien, die Heimat oder die Fremde, kommt auf die Perspektive an. Da, wo die Zuschauer sich gegenübersitzen, ist "Hier" – flüchtige und relative Ortsbezeichnungen, mit Kreide an die schwarzen Wände gezeichnet.

Schauspiel Köln

Einer, der gefallen will

von Morten Kansteiner

Köln, 25. Januar 2008. In der ersten Reihe des Rangs feiern Célimène und ihre Gäste schon, während die Zuschauer die übrigen Plätze im Kölner Schauspielhaus einnehmen. Die Ensemblemitglieder sind nicht zu übersehen: Klaus Bruns hat sie in Diskokugelkostüme gesteckt. Julia Wieninger schillert als Gastgeberin von Kopf bis Fuß, ein bisschen Meerjungfrau mit Tiefseedecolleté, ein bisschen Königin des Standardtanzes. Michael Goldberg und Omar El-Saeidi tragen baugleiche Jacketts: Die Freunde Acaste und Clitandre changieren einträchtig zwischen Petrol und Schwarz. Der Tütü der Eliante fällt etwas matter aus, aber dafür macht Angelika Richter durch begeisterte Rufe auf sich aufmerksam.


Schauspiel Köln

Die Banalität des Deliriums

von Dorothea Marcus

Köln, 14. Dezember 2007. Auf einem Dachboden in New Jersey, so sagt eine neue Legende, wurde 2005 das einzige Theaterstück von Jack Kerouac gefunden, jenes mit 47 Jahren am Suff gestorbenen Autors, der mit "On the road" das Urexemplar aller Kultbücher für Rucksackreisende schuf.


Schauspiel Köln

Stört die friedliche Weihnachtszeit nicht

von Dorothea Marcus

Köln, 2. Dezember 2007. Weiß ist die Unschuld, grün die Hoffnung. Und beides ist untergegangen in der Welt von Yasmina Rezas "Gott des Gemetzels", das mit Sicherheit das meistgespielte Stück der Saison ist. Nun hat sich auch Karin Beier in Köln drangemacht, und die Kostüme, Plastikstühle und spärlichen Accessoires auf der Bühne von Thomas Dreißigacker sind in Grün und Weiß gehalten, jenen Farben, die die Welt retten könnten, aber in Wirklichkeit nur noch Pinselei sind auf dem Schlund der Gewalt, der sich in schicken Großstadtwohnungen ebenso auftut wie auf fernen Schlachtfeldern.


Schauspiel Köln

Wir sitzen alle im selben Bauch

von Dorothea Marcus

Köln, 25. November 2007. Erstaunlich, dass ein monumentaler Roman wie Hermann Melvilles "Moby Dick" inzwischen sogar auf kleinsten deutschen Bühnen gespielt wird. Den Anfang machte Amélie Niermeyer 2004 in Freiburg in einer Version, in der sie das Publikum auf die Drehbühne setzte, in der Pause Fischsuppe reichte und den Theaterbauch zur Schiffs- und Weltmetapher erklärte. Inzwischen haben sich unter anderem auch Greifswald, Kassel und Osnabrück an Bühnenadaptionen gewagt – an einen Roman, der eigentlich schon die literarischen Dimensionen sprengt.


Schauspiel Köln
In der Tagesstätte des Prekariats

von Andreas Wilink

Köln, 23. November 2007. Wien, Wien, nur du allein. Karin Beier nahm, in ihrer vorläufigen Abschieds-Inszenierung vom Burgtheater, die Phantasie für bare Münze. Shakespeares fiktives Herzogtum verortet sie konkret in der österreichischen Hauptstadt und ihren Randbezirken, wo breitester, fürchterlichster Dialekt gesprochen wird, dass es selbst dem Herrn Karl des Qualtinger wohl arg zu Ohren gekommen wäre.


Schauspiel Köln

Der Fuchs im Schnäppchenmarkt

von Ulrike Gondorf

Köln, 1. November 2007. Der Todgeweihte lässt es sich schmecken. Lustvoll schwingt er das gebratene Hühnerbein, genießerisch gießt er sich ein aus der Magnum-Flasche Champagner. Sein Outfit passt nicht ganz zu diesem stilvollen Imbiss auf dem Silbertablett. Er trägt ein grünliches Krankenhaushemd und hockt auf einem Stapel weißer Handtücher.


Schauspiel Köln

Ausnahmezustand in Ruby Town

von Dorothea Marcus

Köln, 14. Oktober 2007. Ruby Town ist umzingelt von Militär. Wir müssen unseren Fingerabdruck abgeben, erhalten ein gelbes Visum und müssen den ruppigen Anweisungen der Uniformierten folgen, die uns in einer schäbigen Baracke einen Schulungsfilm vorführen: kein Alkohol, keine sexuellen Annährungen an die Bewohner! Die Einwohner der kleinen, zugigen Kunststadt in der Kölner Halle Kalk sind eine vom Militär geschützte Minderheit – das patrouilliert durch die engen Gassen, filmt, kontrolliert, reglementiert.


Schauspiel Köln

Blau leuchtet das Oval

von Andreas Wilink

Köln, 13. Oktober 2007. Acht Stunden sind kein Tag. Diese Rechnung bezieht sich auf die Maloche und die Zeit, die danach noch bleibt. Rainer Werner Fassbinders Fernsehserie schmuggelte in den siebziger Jahren in die Familienunterhaltung mit Hilfe des WDR in Köln sozialkritische Konterbande: "Acht Stunden sind kein Tag" entstand 1972. Ein Jahr später ereignete sich ein massiver Streik im Ford-Werk, Köln-Niehl. Türkischen "Gastarbeitern" war die Kündigung ausgesprochen worden, nachdem sie verspätet (dabei aber entschuldigt) aus dem Urlaub zurückgekehrt waren.


Schauspiel Köln

Treu bis zum letzten

von Dorothea Marcus

Köln, 12. Oktober 2007. Hebbels Burgunderhof ist ein kalter, unverkleideter Bühnenraum. Nur einige Sperrholzkisten stehen darin, und auf billigen Bürostühlen sehen wir neben den Schauspielern ein Quintett aus Streichern, Schlagzeugern und Posaune (Bühne: Thomas Dreissigacker). Karin Beiers Inszenierung von Hebbels "Nibelungen" beginnt zweidimensional wie ein Kammerkonzert, und die Stationen des Untergangs wirken zunächst wie hastig durchgespielt.


Schauspiel Köln

Sehnsucht nach Geistern

von Dorothea Marcus

Köln, 3. Juni 2007. Der Fortschritt ist zwiespältig, die Aufklärung bringt uns um. Nicht nur, weil sie uns in Naturkatastrophen schlittern lässt und wir uns mittlerweile locker selbst abschaffen können - sondern auch, weil ein rein rationalistisches Weltbild ziemlich dröge, geheimnislos und entzaubert ist. Genau in dieser Ambivalenz befindet sich Theodor Storms berühmte Altersnovelle "Der Schimmelreiter": bis heute ist man sich nicht einig, ob Hauke Haien, der Deichbauer, eine Lichtgestalt der Aufklärung ist oder ein vermessener, verbohrter Tyrann.


Schauspiel Köln

Bewusstseinsshow - Volksbühne meets Ur-Pop

von Dorothea Marcus

Köln, 25. März 2007. Kann man heute noch schreiben, Theater spielen, Kunst machen? Rolf Dieter Brinkmann hat im Laufe seines Lebens immer stärker daran gezweifelt und sich schließlich ganz auf Tonbandaufzeichnungen verlegt. "Von einem bestimmten Punkt an wird das Sprechen mörderisch", steht etwa in den ausufernden Aufzeichnungen, die als "Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand" posthum erschienen sind: 400 Seiten unfertige, scheinbar unkontrolliert hingeschriebene Tagebuchnotizen, abgebrochene Romananfänge, Lebensfetzen.


zurück zur Übersicht