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archiv » Badisches Staatstheater Karlsruhe (38)
Badisches Staatstheater Karlsruhe

Angstschweiß auf der Stirn

von Elisabeth Maier

Karlsruhe, 30. Juni 2017. Mit deutlicher Mehrheit hatten die Mitglieder des Deutschen Bundestags in Berlin vor Stunden erst die Ehe für alle auf den Weg gebracht. Vor dem Staatstheater Karlsruhe weht die Regenbogenfahne. Das Timing passt. Einige Premierengäste kommen direkt von der Siegesfeier in der Innenstadt. Rote Herzchenlollies und Federnboas können indes nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Gesellschaft weltweit der Politik hinterherhinkt.


Badisches Staatstheater Karlsruhe

Man kann auch ohne Beine nach Hollywood gehen

von Elisabeth Maier

Karlsruhe, 9. Februar 2017. Krüppel Billy wächst auf einer Müllhalde auf. Plastiktüten und Dosen hat die irische See auf die Insel vor der Westküste gespült. In dieser Hölle der Zivilisation siedelt Nicolai Sykosch seine Inszenierung von Martin McDonaghs "Der Krüppel von Inishmaan" am Staatstheater Karlsruhe an. Sogar das Kreischen der Möwen erstickt in diesem Niemandsland.


Badisches Staatstheater Karlsruhe

Sterbt langsam

von Elske Brault

Karlsruhe, 16. Dezember 2016. Man hätte das stilvoller erledigen können. Mit einer gedruckten Einladungskarte beispielsweise. Lucys Mutter jedoch ruft Lucy einfach in deren Firma an, um sie zur Beerdigung einzuladen. Die Mutter nämlich, schwarze Glacé-Handschuhe, darüber Brilliantringe, hat beschlossen, aus dem Leben zu scheiden. Zweihundert Freunde und Verwandte kommen zu ihrer letzten Feier. In einer schönen Rede lässt Lucys Mutter die Vergangenheit noch einmal Revue passieren, verabschiedet sich von Weggefährten. Dann ein paar Atemzüge aus dem Giftinhalator, und ab ins Krematorium. Regisseurin Marlene Anna Schäfer lässt dazu pinkfarbenes Konfetti werfen. Schöner sterben, made in Utopia.


Badisches Staatstheater Karlsruhe

It's the identity, stupid!

von Steffen Becker

Karlsruhe, 5. Juni 2016. In diesem Leben werden Beatrix von Storch, Birgit Kelle, Hedwig von Beverfoerde und Falk Richter keine Freunde mehr. Nachdem Gerichte eine Klage gegen den Autor wegen der Darstellung seiner homophoben Gegnerinnen im Stück "Fear" abgeschmettert hatten, legt er mit einem Update seines vorangegangen Werks "Small Town Boy" nach. Am Staatstheater Karlsruhe erhalten (wenig vorteilhafte) Bilder der Pin-Up-Girls ultrakonservativer Gruppierungen nun ebenfalls einen Platz – in einem Gruseldiorama mit Wladimir Putin. Regisseur Atif Hussein projiziert sie groß auf die Leinwand. Ätsch Mädels, die Runde geht an die Homolobby.


Badisches Staatstheater Karlsruhe

Zum Weiterleben verdammt

von Elske Brault

Karlsruhe, 9. April 2016. Hinunter, ach hinunter, geht jede Lebensbahn. Von einer Eisentür im grauen Betonquader des Karlsruher Theaterhauses fällt eine schiefe Ebene den Zuschauern entgegen, endet unter ihren Sitzreihen. Alle Personen des Dramas "Die Troerinnen" werden nacheinander aus der mächtigen Tür wie aus einem Schlund gespien und verschwinden nach ihrem Auftritt im Nirgendwo zu unseren Füßen. Alle außer Hekabe, Königin von Troja. Sie, die Älteste, ist zum Weiterleiden und Weiterleben verdammt.


Badisches Staatstheater Karlsruhe

Verlorenes Lächeln

von Elisabeth Maier

Karlsruhe, 31. Januar 2016. Auf dem zwielichtigen Boulevard des Verbrechens findet der Pantomime Jean-Baptiste die Liebe. Seine stumme Kunst, im 19. Jahrhundert eine kleine Revolution im Theater, wird angepriesen wie auf dem Viehmarkt. Darunter leidet der Künstler, bis er in die Augen der schönen Garance blickt, und von da an macht alles, was er tut, Sinn. Als der französische Filmregisseur Marcel Carné und der Drehbuchautor Jacques Prévert 1943 bis 1945 ihren Film "Die Kinder des Olymp" produzierten, tobte in Europa der Zweite Weltkrieg. Auf den Schlachtfeldern und in den Konzentrationslagern starben immer mehr Menschen. Bei Carné und Prévert geht es um die Liebe und um das Theater, aber auch die sind vor Mord und Hass nicht geschützt.


Badisches Staatstheater Karlsruhe

Uneinsichtige Politiker

von Thomas Rothschild

Karlsruhe, 28. November 2015. Es ist nicht zu fassen. Der Zentralrat der Juden fordert im Schulterschluss mit der christlichen CSU eine Obergrenze bei der Aufnahme von Flüchtlingen. Wenn alle Staaten nach 1933 so reagiert hätten, wären unzählige Juden den Nazi-Mördern in die Hände gefallen oder, wie der Schreiber dieser Zeilen, gar nicht erst geboren worden. Es mag schon zutreffen, dass viele Flüchtlinge aus Kulturen kommen, "in denen der Hass auf Juden und die Intoleranz ein fester Bestandteil" sind. Gerade dann kann man darauf wetten, dass dieser Hass nicht abnehmen oder gar verschwinden wird, wenn Juden dazu beitragen, dass Verwandte und Freunde, die eine Obergrenze überschreiten, Krieg, Folter und Mord ausgesetzt sind. Die Stellungnahme des Zentralrats zeugt nicht von Empathie für Verfolgte und nicht von der Fähigkeit, aus den eigenen Erfahrungen zu lernen.


Badisches Staatstheater Karlsruhe

"Wie lieben, wenn Hitler über der Bettdecke schwebt"

von Steffen Becker

Karlsruhe, 1. Oktober 2015. Ein Wettbewerb für Wagnerstimmen und 50 Jahre Beziehungen mit Israel unter einem Dach – Faux pas, oha! Da könnte man sich unangenehm berührt fühlen. "Wir haben Gott sei Dank dicke Wände", flicht ein Mitarbeiter entschuldigende Worte in die Wegbeschreibung zur Premierenparty von "Love hurts" ein. Da trompetet er erneut – der Elefant, der das Studio des Staatstheaters schon die knapp anderthalb Stunden der Aufführung ausgefüllt hat.


Badisches Staatstheater Karlsruhe

Verkehrt herum

von Georg Patzer

Karlsruhe, 20. März 2015. Das passiert aber auch selten: Dass Baron Tusenbach gleich am Anfang des Stücks erschossen wird, das Blut strömt ihm über die weiße Hemdenbrust, sein Duellgegner küsst ihn zum Abschied, und Mascha sagt: "Wir sind allein zurückgeblieben, ... Wir müssen leben, leben....", Olga resigniert, Irina will arbeiten gehen. Und im nächsten Akt ist der Baron wieder quicklebendig und sagt zu Irina: "Wenn es mir doch erlaubt wäre, mein Leben für sie hinzugeben."


Badisches Staatstheater Karlsruhe

Keksdose Internet

von Georg Patzer

Karlsruhe, 12. Oktober 2014. Edward Snowden als Baby, Edward Snowden als Cowboy spielendes Kind im Kreis seiner glücklichen Familie, Edward Snowden mit seiner Freundin auf Hawaii. Dazwischen Bilder von seinem ersten Computer. Bilder, Bilder, Bilder: "Wie lässt sich der größte Überwachungsskandal der Geschichte in ein emotionales Bild fassen?" Das war die Ausgangsfrage für das Theaterprojekt "Ich bereue nichts" des Badischen Staatstheaters Karlsruhe, für das der Regisseur Jan-Christoph Gockel, der Schauspieler Thomas Halle und der Autor und Dramaturg Konstantin Küspert verantwortlich zeichnen.


Badisches Staatstheater Karlsruhe

Magister Ludi im Zeitalter des 3D-Spektakels

von Elisabeth Maier

Karlsruhe, 21. September 2014. Erdrückt vom Ballast seiner Bildung treibt es den Magister Josef Knecht in Hermann Hesses "Das Glasperlenspiel" ins Leben hinaus. Hesse hat sein unter dem Eindruck der Krise der Weimarer Republik und Nazi-Deutschlands entstandenes Spätwerk 1943 nach zwölf Jahren Arbeit veröffentlicht. Er geißelt darin den Geist des "feuilletonistischen Zeitalters", das von Zerstreuung und Massenkultur geprägt war. Das geistige Universum Hesses, der zwischen Pietismus und den Lehren des Hinduismus seine Mitte suchte, spiegelt der Regisseur Martin Nimz nun am Staatstheater Karlsruhe in einem Total-Theater, wie es der Bühnenerneuerer Erwin Piscator in den 1920er-Jahren entwickelte.


Badisches Staatstheater Karlsruhe

Wenn Steine sprechen

von Hartmut Krug

Karlsruhe, 9. Juni 2014. Ein kleines "Au"-Konzert empfängt das Publikum im Studiotheater des Badischen Staatstheaters Karlsruhe. Denn zwar sind es die Steine vom Maidan gewohnt, dass auf ihnen herumgetrampelt wird. Doch derzeit sei es besonders schlimm, versichern die Jammernden einander, und: das müsse man aushalten. Nur der kleinste mault. Er will, nachdem der älteste von ihnen die Geschichte von einem Stein erzählt hat, der zur Sonne geflogen und dabei ums Leben gekommen sei, auch fliegen. Vom Gericht der steinernen Durchhalte-Genossen verstoßen, fliegt er los.


Badisches Staatstheater Karlsruhe

Im Spinnennetz der Utopie

von Elisabeth Maier

Karlsruhe, 17. April 2014. Eine Liebesgeschichte, wie sie utopischer kaum sein könnte, erzählt Katharina Gericke in ihrem Stück "Maienschlager": Der Hitlerjunge Mark Warweser und der junge Jude Jakob Glücksleben verlieben sich ineinander. Diese verbotene Liebe endet in der Reichspogromnacht am 1. November 1938 gar vor dem Traualtar eines jüdischen Rabbi – ein Happy End, während neben ihnen die Welt auch im Bühnenbild buchstäblich auseinander fällt.


Badisches Staatstheater Karlsruhe

Mörderglück mit Rinderrouladen

von Dennis Baranski

Karlsruhe, 29. März 2014. Theaterprojekte, die sich der rechtsextremen Terrorgruppe NSU widmen, gibt es dieser Tage reichlich, doch was Rechercheaufwand und Materialfülle anbelangt, setzt das Badische Staatstheater Karlsruhe wohl Maßstäbe. Jan-Christoph Gockel und Konstantin Küspert sammelten ein knappes Jahr lang Fakten und Hintergrundinformationen, fanden historische Parallelen und Randnotizen, sprachen mit der Bundesanwaltschaft und Rechtsextremismus-Experten, besuchten Dachau und den laufenden Prozess in München – und vermengten all das zu ihrem nun uraufgeführten dokumentarischen Theaterprojekt "Rechtsmaterial".


Badisches Staatstheater Karlsruhe

Der Teddy aus dem Schnürboden

von Thomas Rothschild

Karslruhe, 21. November 2013. In dem Vorspiel, das mit lähmender Einfallslosigkeit das einstige Öffnen des Vorhangs ersetzt hat wie zuvor die Medias-in-res-Szene den Vorspann im Film, sieht man wiederholt einen Bowlingball über die Hinterbühne rollen, der lebende Pins zum Umfallen bringt. Später setzt sich einer dieser menschlichen Kegel an die Rampe und klimpert auf der Gitarre. Mittlerweile senkt sich aus dem Schnürboden mit herabhängenden Armen, Beinen und Kopf eine Dame mit Pelzstola und Diamantenkrone (es kann auch Strass sein) auf die Bühne des Badischen Staatstheaters in Karlsruhe. Es ist Blanche DuBois, die bekannte halbhysterische Realitätsverweigerin aus Tennessee Williams' "Endstation Sehnsucht" von 1947, oder vielmehr die Schauspielerin Ute Baggeröhr, die in den folgenden zweieinhalb Stunden im Zentrum dieses so außerordentlich erfolgreichen Psychodramas steht.


Badisches Staatstheater Karlsruhe

Die Erben der Tafelrunde

von Elisabeth Maier

Karlsruhe, 6. Juni 2013. Die Ritter der Tafelrunde und ihre Frauen sind Spießer, die in einem schäbigen Wohnwagen hausen. Zwischen bunten Fähnchen baumelt eine ihrer Feinripp-Unterhosen auf der Leine. Und auch ihre Utopien zerplatzen. König Artus' Visionen von einer besseren Welt zerfallen in einem Europa, dessen Demokratien brüchig geworden sind - auch das spricht aus der Inszenierung des jungen ungarischen Regisseur Csaba Polgár, der Tankred Dorsts schwerblütiges Menschheitsdrama "Merlin oder das wüste Land" zum Auftakt des Festival Premières frisch und ziemlich direkt liest.


Badisches Staatstheater Karlsruhe

These, Szene, Song

von Steffen Becker

Karlsruhe, 24. April 2013. Das Lied kommt gar nicht vor, obwohl man es im Studio des Karlsruher Staatstheaters ständig im Ohr hat. "Männer sind furchtbar stark (...) Männer sind so verletzlich", singt Herbert Grönemeyer also nicht. Doch genau das ist das Thema von Klaus Theweleits Soziologieklassiker "Männerphantasien". Regisseur Patrick Wengenroth hat die beiden Bände für die Reihe "philosophisches Theater" eingedampft. Als Einmarschmusik hat er sich für "I am a loser baby, so why don't you kill me?" von Beck entschieden und lässt seinen Klaus (gespielt von Klaus Cofalka-Adami) proklamieren, dass dies ein Abend für Frauen und Männer, ausschließlich über Männer sei.


Badisches Staatstheater Karlsruhe

Müdigkeit hält in Bewegung

von Steffen Becker

Karlsruhe, 2. März 2013. Der Beruf eines Nachtkritikers ist der Inbegriff einer neoliberalen Tätigkeit. Eine Arbeit, für die man sich gerne selbst ausbeutet, weil sie einem das Gefühl von Freiheit und Initiative verleiht. Im besten Falle erzeugt sie die Befriedigung, kluge Gedanken schon formuliert zu haben, bevor die Kollegen von den Printmedien überhaupt die Chance hatten, sie schreibend zu entwickeln. Dieses "Ich kann" ist nach Meinung des Philosophen Byung-Chul Han der innere Zwang, der uns effektiver in den Burn-Out treibt als die äußere Kraft von Anordnungen. So liegt man denn auf einer Matratze im Studio des Staatstheaters Karlsruhe, hört drei Schauspielern zu, wie sie Hans Essay über die Müdigkeitsgesellschaft bearbeiten und fühlt sich ertappt.


Badisches Staatstheater Karlsruhe

Über den roten Teppich nach Korinth

von Georg Patzer

Berlin, 24. Januar 2013. Eigentlich ist Medea eine der schönsten Frauenrollen in der Theatergeschichte, eine Zauberin und Barbarin, verliebt sich in ihren Feind, hilft ihm, den kostbarsten Besitz ihres Vaters zu stehlen, folgt ihm in die Fremde. Bringt ihren Schwiegervater um und sogar lieber ihre Kinder, als dass sie sie im Haus der barbarischen Griechen lässt. Eine vielschichtige, in viele Richtungen deutbare Rolle, psychologisch, mythologisch, soziologisch: Denn Medea ist eine verlassene Ehefrau, eine enttäuschte Geliebte, eine Verbannte in einem fremden Land, eine Nicht-Dazugehörige.


Badisches Staatstheater Karlsruhe

Die Angst des Reihenhäuslers vor dem biografischen Abgrund

von Dennis Baranski

Karlsruhe, 3. Oktober 2012. Zugegeben, in Theatertexten thematisierte Ideenlosigkeit war noch nie die allerbeste Grundlage für einen spannenden Abend. Diesem Umstand zum Trotz, begegnet sie uns dennoch immer wieder gerne, und manchmal – wenngleich selten – gelingt es dem (fiktionalen) Unkreativen tatsächlich, versprengte Gedankenfetzen, ziellose Assoziationsreihen oder stumpfe Alltagsbetrachtungen in eine bewegende Geschichte zu fügen. Falk Richters "My Secret Garden" ist ein solches Stück. Seine "Autofiktion", Autobiografisches also, das in dieser Form freilich niemals stattgefunden hat, entstand aus Tagebuchnotizen und Erinnertem für das Festival d'Avignon 2010 und wurde nun von Pedro Martins Beja als deutschsprachige Erstaufführung auf die Studiobühne des Staatstheaters Karlsruhe gebracht.


Badisches Staatstheater Karlsruhe

altDie angetippte Fremdheit

von Georg Patzer

Karlsruhe, 30. Juni 2012. Es passiert ja nicht gerade oft, dass sich das Publikum im Karlsruher Staatsschauspiel auch einmal äußert. Gestern aber rutschte einem Herrn doch mal etwas heraus: "Ihr seid albern", sagte er ziemlich laut.


Badisches Staatstheater Karlsruhe

altAuf der Suche nach Liebe und dem eigenen Leben

von Hartmut Krug

Recklinghausen, 20. Mai 2012. Ein Junge, im Rucksack ein Album mit Jugendfotos und im Herzen die Sehnsucht nach (Er-)Kenntnis, taucht bei seinem Großvater auf. Der wehrt ihn zuerst ab, gibt dann aber indirekt zu, sein Großvater zu sein, und die beiden kommen sich näher. Das ist die eine Erzählebene in Marianna Salzmanns "Muttermale Fenster Blau". Die zweite legt eine Erinnerungsspur, so vage wie deutlich: Ein alter Mann und eine junge Frau in Beziehungsgesprächen. Er vorsichtig sehnsüchtig, zurückhaltend, sie zupackender, aber ebenso unsicher. Die Annoncen eintreibende PR-Beraterin und der mittellose Maler werden nicht nur ein Paar, sondern scheinen auch Vater und Tochter.


Badisches Staatstheater Karlsruhe

Vom Winde belebt

von Otto Paul Burkhardt

Karlsruhe, 22. Januar 2012. Das Jaunfeld, jenes Gebiet der Kärtner Slowenen, aus dem Peter Handkes Familie stammt, ist für den Autor mehr als ein Landstrich. Ein Ursprung, ein Fluchtpunkt, ein mythischer Ort. Ein Raum, in dem für kurze Zeit eine Geschichtsutopie aufschien: der kollektive Widerstand einer ganzen Volksgruppe gegen das Nazi-Regime. Hier lässt Handke seine Vorfahren wieder lebendig werden, "auftanzen", wie er es nennt. "Immer noch Sturm" heißt dieser in Salzburg 2011 uraufgeführte Text, in dem der Autor Ahnenbeschwörung betreibt – Ich-Suche und Weltgeschichte greifen ineinander.


Badisches Staatstheater Karlsruhe
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Zwanzig Beamer und kein Schwert

von Georg Patzer

Karlsruhe, 10. Dezember 2011. "Helden" ist das Spielzeitmotto des Badischen Staatstheaters in Karlsruhe. Fiesco war schon dran (Schiller), Major Tellheim (Lessing), der urdeutsche Hermann (Kleist), Theodor von Gothland (Grabbe). Jetzt Prinz Philotas (noch einmal Lessing): begierig in den Krieg gezogen, aus jugendlichem Überschwang zu weit nach vorne gestürmt und gleich vom Feind gefangen genommen. Ein wenig Glück hat Philotas allerdings, denn zur gleichen Zeit ist Polytimet, der Sohn des Gegners Aridäus, von Philotas' Vater gefangen genommen worden. Da könnte man sie doch schön austauschen. Und dann weiterkämpfen.


Badisches Staatstheater Karlsruhe
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Nur ein wenig Blut aus dem Eimer

von Georg Patzer

Karlsruhe, 24. November 2011. Was tun mit dem Pathos bei Schiller? Ihn modern spielen? Seine hohe, manchmal hochgedrehte Sprache überspielen oder lieber reduzieren? Auch Felix Rothenhäusler versucht, Schillers "Die Verschwörung des Fiesco zu Genua" das Pathos auszutreiben. Von Anfang an: Auf der rohen, fast leeren Bühne steht eine große Holzbühne mit 22 Stelzen, fünf purpurroten Vorhängen hintereinander und zwei aufgemalten Säulen.


Badisches Staatstheater Karlsruhe
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Die Stunde der Komödianten

von Harald Raab

Karlsruhe, 9. Oktober 2011. Leichte Schläge auf den Hinterkopf sollen ja das Denkvermögen befördern – im vorliegenden Fall: alles völlig ungefährlich, da mit der Narrenpritsche ausgeteilt. Wolfram Lotz ist der tolldreiste Held, das Schlaginstrument sein mit dem Kleist-Förderpreis ausgezeichnetes Stück "Der große Marsch". Und weil die Groteske allein nicht ausreicht, die Fiktion über die Wirklichkeit ins Recht zu setzen, musste das verehrte Publikum gleich dazu noch Lessings "Minna von Barnhelm" absolvieren. Theaterlehrstunde im Doppelpack? Das auch, aber vor allem ein spannender, umwerfend unterhaltsam-pointenreicher und obendrein auch geistreicher Abend.


Badisches Staatstheater Karlsruhe

Heinrich, uns graut vor Dir!

von Harald Raab

Karlsruhe, 20. März 2010. Den "Faust" vom Kopf auf die Füße zu stellen, aus dem deutschesten der deutschen Helden des Fortschrittsglaubens den kläglich scheiternden wirtschaftlichen Global Player zu machen: Das ist allemal eines Versuchs wert. Dazu muss man nicht einmal Goethe, den Dichterfürsten, respektlos gegen den Strich bürsten. Der Stoff gibt es her: Das jedenfalls beweist das Schauspiel des Badischen Staatstheaters Karlsruhe. Auf 200 Minuten eingedampft, werden Faust I und Faust II danach abgeklopft, was Goethe uns über die selbst verschuldete Tragödie des Menschen in der Moderne zu erzählen hat.


Badisches Staatstheater Karlsruhe

Der Weltgeist fährt Achterbahn

von Otto Paul Burkhardt

Karlsruhe, 21. Januar 2010. Geladene Gäste, gebildete Gespräche. Ein bluffbegabter Künstler schwadroniert über Postmarxismus. Die Gastgeberin wird sauer: "Wir haben noch nicht einmal angefangen, den Kartoffelsalat zu essen." Genau da spielt sich das neue Stück des argentinischen Allrounders Rafael Spregelburd ab: im dehnbaren Raum zwischen Zeitkritik und Telenovela, zwischen Postmarxismus und Kartoffelsalat.


Badisches Staatstheater Karlsruhe

Nimm den Blätterhaufen vom Kopf

von Otto Paul Burkhardt

Karlsruhe, 26. November 2009. Das also soll er sein, Dionysos, Sohn des Zeus, Gott des Weins und der Ekstase, Guru einer blutgierigen Sekte, Aufwiegler der Frauen. In Karlsruhe ist er eine Art Horror-Hexer. Ein Mann in gelber Latexhaut. Einer, der "aus dem alten goldenen Asien" nach Theben heimgekehrt ist und sich seine Gummimaske nun vom Leib reißen kann. Doch was zum Vorschein kommt, ist wieder nur Verkleidung.


Badisches Staatstheater Karlsruhe

Zerklüftete Ich-Landschaften

von Sibylle Orgeldinger

Karlsruhe, 1. Oktober 2009. "Um 4 Uhr 48, wenn die Klarheit vorbeischaut für eine Stunde und zwölf Minuten, bin ich ganz bei Vernunft." Die frühen Morgenstunden sind die Zeit, in der die Wirkung sedierender Medikamente nachlässt, in der das Grübeln einsetzt und die Verzweiflung durchbricht. In den frühen Morgenstunden des 20. Februar 1999 nahm sich die britische Dramatikerin Sarah Kane das Leben. Wenige Tage zuvor hatte sie ihrem Verleger das Manuskript ihres letzten Stücks übergeben: "4.48 Psychose".


Badisches Staatstheater Karlsruhe

In die kaputte Tüte pusten

von Otto Paul Burkhardt

Karlsruhe, 19. Februar 2009. Panzerlärm, MG-Feuer, Explosionen, Kontrollpunkte, Menschenschlangen – das alles steht in den Szenenanweisungen. In seinem 2008 uraufgeführten Erstlingsstück "Betrayed" (Verraten) skizziert der US-Reporter George Packer die Situation im Irak mit quasi journalistischen Mitteln. Grundlage sind gesammelte Interviews mit Irakern. Gespräche, die Packer leicht fiktionalisiert und, angereichert mit Einschätzungen zur Situation des Landes, zu einem Polit-Drama in 25 Szenen verknüpft.


Badisches Staatstheater Karlsruhe

Woanders ist es genauso

von Otto Paul Burkhardt

Karlsruhe, 22. Januar 2009. Manchmal ist Nacht. Nur noch der geöffnete Kühlschrank leuchtet und sendet ein bisschen heimelige Wärme in die trostlose Welt. Denn die kennt in der Karlsruher Inszenierung von Edward Bonds "Gerettet" letztlich nur Gewalt, Gebrüll und lähmende Sprachlosigkeit. Bonds Verrohungsstudie von 1965 scheint wieder zum gefragten Zeitstück zu avancieren. Ganz klar, die Schlüsselszene – ein kollektiver Kindsmord – ist verantwortlich dafür. Und damit ein Thema, das in Schlagzeilen, Nachrichten und Talkshows unter höchster öffentlicher Aufmerksamkeit steht.


Badisches Staatstheater Karlsruhe

Beglückende Leere zwischen den Bonmots

von Otto Paul Burkhardt

Karlsruhe, 20. November 2008. Erst kreist das Gespräch – ein Sechs-Personen-Abendessen beim Firmenchef – noch vorsichtig um Pinienkerne, um Kunst und die Sehnsucht nach dem Unerwarteten. 90 Minuten später hat sich die Konversation zur handfesten Schlägerei entwickelt. Michael und Kai, zwei Konkurrenten um den Chefposten in der Firma, prügeln sich blutig, der eine tunkt des anderen Kopf ins Klo. Später wird der Gastgeber, der noch amtierende Firmenboss, bedauern, dass der Abend "ein bisschen aus dem Leim ging".


Badisches Staatstheater Karlsruhe

Handke im Jogging-Schritt

von Otto Paul Burkhardt

Karlsruhe, 4. Oktober 2008. Von wegen "Plateau mittenhinten im hintersten Kontinent, probenhell, leer, still": Die Bühne im Badischen Staatsschauspiel ist bis unters Dach zugerümpelt. Sie gleicht einem vollgepropften Memento-Raum für ausrangierte Mammutrequisiten – ein Flugzeug neben einer antiken Säule, ein Auto neben einer weißen Goethezeit-Riesengipsbüste, ein Dixiklo unter einer venezianischen Gondel. Keine kontemplative Ödnis, statt dessen eine Bühne überquellend voll mit optisch opulentem Hochbedeutungs-Müll.


Badisches Staatstheater Karlsruhe

Zweifelhafte Rechtsstaatlichkeit

von Otto Paul Burkhardt

Karlsruhe, 12. April 2008. Die "Orestie", gern als Gründungsmythos der Demokratie zelebriert, hat heute ein Problem. Es ist der dritte Teil, das Eumeniden-Finale: Vom Sieg der Zivilisation über die Blutrache ist da die Rede, von der Einführung des Rechtsstaats, vom Ende des Kreislaufs der Gewalt. Von dieser euphorischen Sicht, die Aischylos 458 v. Chr. notiert hat, ist heute, rund 2500 Jahre später, wenig übrig geblieben. In neueren Aufführungen gleicht der "Orestie"-Schluss einer Dauerbaustelle – kaum eine Inszenierung, die dem gelackten Gründungsmythos nicht kräftige Kratzer verpasst.


Badisches Staatstheater Karlsruhe

Eine Höllenwanderung

von Otto Paul Burkhardt

Karlsruhe, 26. Januar 2008. Manche Stücke brauchen ihre Zeit. Peter Weiss’ "Ermittlung", jenes Dokumentar-Oratorium über die Frankfurter Auschwitz-Prozesse, gehört seit der spektakulären Uraufführung 1965 (an 16 Bühnen) zum Kanon des politischen Theaters. Nicht so "Inferno" (1964), ein weiterer Teil seiner damals geplanten Trilogie – Weiss plante eine moderne "Divina Commedia", eine Weiterschreibung des Dante-Werks angesichts der Katastrophen des 20. Jahrhunderts.


Badisches Staatstheater Karlsruhe

Heldenhaft sterben fürs ökonomische Gemeinwohl

von Otto Paul Burkhardt

Karlsruhe, 28. November 2007. Wie bei einer Tagung: Jeder Theaterbesucher bekommt ein "Gast"-Schild zum Anstecken. Man sitzt in kommunikativer Karree-Anordnung. An jedem Platz: ein Mineralwasser und eine Broschüre des Sozialministeriums "Mehr Ältere, weniger Junge." Ein Symposium? Offenbar, denn von einem solchen handelt Carl-Henning Wijkmarks "Der moderne Tod".


Badisches Staatstheater Karlsruhe

Der kränkelnde Dickdarm der Gesellschaft

von Tomo Mirko Pavlovic

Karlsruhe, 1. April 2007. Die Hoffnung stirbt zuallererst. Diese Hände aber auch! Sie sind jederzeit überall. Im wirren Haar. An pochenden Schläfen. Auf glitschigen Whiskyflaschen. Sie spielen ihr virtuoses schweißnasses Neurosenspiel, ein zappeliges Schau-hin-Spiel zu zehn Händen, unentwegt zitternd, schlagend, angreifend, als wollten sie von ihren heillos schwadronierenden Besitzerkörpern ablenken. Sie sind die stummen, von einem seltsamen Eigenleben beseelten Verräter, Verstärker und Vervielfacher einer Rhetorik des Vorwurfs in Eugene O'Neills Stück "Eines langen Tages Reise in die Nacht", das nun im Badischen Staatstheater in der Inszenierung von Donald Berkenhoff Premiere feierte.


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