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archiv » Düsseldorfer Schauspielhaus (92)
Düsseldorfer Schauspielhaus

So leicht verliert sich die Façon

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 10. Juni 2017. In seinen Erinnerungen "Zeitkurven" schreibt Arthur Miller über die Entstehung von "Hexenjagd", seinem Drama, das 1953 zeitbedingt auf Joseph McCarthys Tribunal und den hysterischen Exorzismus einer linken beziehungsweise kommunistischen 'Gefahr' in Hollywood und anderswo reagierte. Als der Autor im Hexenmuseum von Salem historische Lithographien von 1692 sah, auf denen bärtige Männer ihr Entsetzen angesichts satanischer Umtriebe und unnatürlicher Dinge bekunden, habe er "augenblicklich den Zusammenhang: die moralische Stärke der Juden und die Abwehr der Sippe gegen die Verunreinigung von außen" begriffen.


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Anders als die Ameisen

von Martin Krumbholz

Düsseldorf, 12. Mai 2017. Die Ameisen, sagt Reiner Pospischil, der Experte für Schädlingsbekämpfung, machen es besser. Allerdings haben sie ja auch einen gewaltigen Vorsprung, sie bauen seit 80 Millionen Jahren, während der Mensch als blutjunges Wesen erst seit einigen Tausend Jahren in die Höhe und in die Tiefe baut. Aber auch die Ameisen bauen, wie der Mensch, bis zum Hundert- und Zweihundertfachen ihrer Körpergröße. Ihr großer Vorteil liegt darin, dass sie nicht diskutieren. Reiner Pospischil zeigt auf den Container im Zentrum der großen Bühne des Central, in dem Menschen um einen Tisch herumsitzen und irgendetwas verhandeln. Da geht nichts voran. Die Ameisen machen es anders, sie folgen einfach ihrer Königin, von der sie ja alle abstammen. Die Arbeiterinnen sind übrigens alle weiblich, die Männchen dienen nur der Fortpflanzung. Und sie verwenden beim Bauen ausschließlich biologisches Material, Speichel zum Beispiel. Die Ameisen sind richtig schlau.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Im Spiegel lauert der Abgrund

von Martin Krumbholz

Düsseldorf, 13. April 2017. Zwei Dinge sind an der alten Geschichte von Dürrenmatt aus den fünfziger Jahren interessant – und sie betreffen nicht so sehr den Krimi, der unterschiedliche Schlüsse hat (Drehbuch/Film bzw. später daraus entstandener Roman) und also so oder so gelesen werden kann, auch als "Requiem auf den Kriminalroman": Tatsächlich war der Krimi nicht totzukriegen, heute steht er bekanntlich mehr denn je in voller Blüte. Zwei Dinge, das sind die existenzialistische und die psychoanalytische Idee. Beide gelangen in Dürrenmatts bestechend kristalliner Prosa zu einer verblüffenden Ausprägung.


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Wo der Unheilsrabe fliegt

von Gerhard Preußer

Düsseldorf, 17. März 2017. Wer ist Medea? "Ich bin Medea", sagt sie und diese bloße Namensnennung ist zur Formel der Selbstbehauptung geworden, zur Definition ihrer Singularität. Was sie in Roger Vontobels Düsseldorfer Inszenierung nicht ist, lässt sich leicht sagen: weder bereuende Mutter, noch wütende Rächerin, noch exotische Zauberin, noch betrogene Flüchtlingsfrau. Oder sie ist alles das. Medea als Charakter bleibt offen, daher rätselhaft, von Anfang an eine Halbverrückte, die nie ruhig stehen kann vor Jammer, Leid und Wut. Am ehesten ist sie ein Familienmensch, was die ständige Präsenz ihrer beiden Kinder auf der Seitenbühne nahelegt. Doch auch das legt sie nicht fest. Eine Frau von heute jedenfalls, in glitzernden, hautengen Leggings und locker hängendem T-Shirt.


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Schicksal eines Rasenden

von Dorothea Marcus

Düsseldorf, 18. Februar 2017. Es wirkt zunächst, als bräuchte es nicht viel, um das unauflösbare juristische und moralische Dilemma des Michael Kohlhaas auf eine Bühne zu bringen: ein paar graue Stühle, 289 streng zum Quadrat gestellte Tische, eine Leinwand aus Papier. Ab wann darf man zur Selbstjustiz greifen, wenn das eigene Recht missachtet wird? Macht man sich gar zum Mitläufer eines korrupten Systems, wenn man es nicht tut? Ist Kohlhaas' maßloses Aufbegehren gegen die Obrigkeit nicht auch ein gerechter Aufstand, ohne den es Veränderungen auf der Welt nie gegeben hätte? Oder ist Kohlhaas ein Fundamentalist, der um jeden blutigen Preis, auch den des eigenen Lebens, im Namen einer unverhältnismäßigen Sache Amok läuft?


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Tischtennis statt Engagement

von Sascha Westphal

Düsseldorf, 4. Februar 2017. Die Abstraktionen, auf die Anselm Weber zuletzt bei den Bochumer Uraufführungen von "Richtfest" und Wunschkinder, zwei früheren Arbeiten von Lutz Hübner und Sarah Nemitz, gesetzt hat, sind nicht Sönke Wortmanns Sache. Eine weitgehend leere Bühne entspräche auch kaum den visuellen Ideen und Vorstellungen eines Filmemachers. Wortmann hat sich also, durchaus erwartungsgemäß, für einen leicht überhöhten Realismus entschieden und gibt dem Publikum erst einmal reichlich zu schauen.


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Roadmovie ans Meer

von Gerhard Preußer

Düsseldorf, 21. Januar 2017. "Faust (to go)" - Faust zum Mitnehmen? Faust auf die Hand, im Laufschritt zu verzehren? Nein, die Schauspieler nehmen ihre Inszenierung mit von Ort zu Ort. Ein Klassiker-Projekt, das das Laufen lernt.


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Woran die Frau zu tragen hat

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 14. Januar 2017. "Alles muss raus" – nicht bloß die Ware aus dem Outlet-Store. Auch der gesammelte Widerwillen wird ausgekehrt. Elfriede Jelineks Auftragswerk für Wilfried Schulz’ Schauspielhaus mit dem verspreizten Titel "Das Licht im Kasten (Straße? Stadt? Nicht mit mir!)" schmiegt sich mehr als nur vage ihrem Münchner Maximilianstraße-Stück an und spielt mit dem Image von Düsseldorf: nicht Kunstakademie, sondern Königsallee. Politur der Oberfläche. Kleidung als "Beschriftung" des Körpers fördert den Kult um ihn. Ähnlich wie in Jelineks "Sportstück" dient die Mode als Metapher für etwas, das mit Gewalt ins Leben eingreift. Sie "ist das Vergangene, das immer neu als Zukunft verkauft werden muß" – und den Wunsch nach Unsterblichkeit ausdrückt. Die Kränkung aber gehört zum Kauf, weil das erworbene Objekt nie erfüllt, was es dem Subjekt suggeriert. Die Frau (der Mann wohl auch) folgt, lustvoll ergeben oder aufbegehrend, dem Schönheitsdiktat.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Von einem, der auszog, sich an die 80er zu erinnern

von Gerhard Preußer

Düsseldorf, 7. Januar 2017. Wolfgang Herrndorfs "Tschick" ist ein Bestseller, als Buch und auf der Bühne. Bov Bjergs "Auerhaus", 2015 erschienen, ist ebenfalls ein Bestseller, als Buch – und auf der Bühne?


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Im Wahn-See

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 19. November 2016. Ein – feuchter – Traum, gestrandet in einer großen Pfütze. "Das Käthchen von Heilbronn" könnte sein: Heinrich von Kleists Traum vom Glück und von einem Sein, dem auf Erden doch zu helfen wäre. Nicht so in Düsseldorf, wo Simon Solberg das Stück inszenierte. In knappen, personell auf sechs Personen reduzierten und textlich ausgedünnten 100 Minuten, die dennoch Zeit haben, Nicht-Dramatisches aus Kleist-Briefen und auch ein bisschen Kant zu zitieren, ohne dass es dabei zur Krise käme.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Parabel vom guten bösen Populisten

von Martin Krumbholz

Düsseldorf, 11. November 2016. Das gewisse vorzeitliche Tier, von dem der "Puntila" handelt, heißt nicht Donald Trump, obwohl Trump – deutsch ausgesprochen – zweifellos ein fabelhafter Brecht-Name wäre (man denke an das typische Brecht-Wort "Klump"). Nein, Bertolt Brechts arge menschliche Landplage ist nicht der designierte amerikanische Präsident. Doch so kurz nach der fatalen Wahl – man bildet es sich nicht ein – hat mancher Satz einen Doppelsinn. Auch der Tycoon aus New York soll einmal einen Hirschkäfer vor seinem Trump-Tower von der Straße aufgelesen und in den Wald getragen haben, dass er nicht überfahren wird.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Aufkommende Gefühle

von Sascha Westphal

Düsseldorf, 21. Oktober 2016. Es gibt mindestens zwei Wege, sich Simon Stephens' 2015 in New York uraufgeführtem Zwei-Personen-Stück "Heisenberg" zu nähern. Der erste geht ganz klassisch von Georgie Burns und Alex Christ aus. Die beiden begegnen sich erstmals im Londoner Bahnhof St. Pancras. Georgie, eine 42-jährige Sekretärin, die an einer Grundschule arbeitet, hat sich dem 75-jährigen Metzger Alex von hinten genähert und ihm dann einen Kuss auf den Nacken gegeben.


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Zukunft ohne Sorgen

von Gerhard Preußer

Düsseldorf, 24. September 2016. Der "Schwebezustand, in dem Rauscherfahrung und Nüchternheit, Selbst- und Fremdbeobachtung, Pflichterfüllung und Zerstreutheit" sich verbinden – ein schönes Ideal, ein Ideal mit einer langen literarischen Ahnenreihe, die bis zu Flauberts "impassibilité" und Robert Musils tagheller Mystik im "anderen Zustand" reicht. Für Leif Randt ist dieser Zustand "postpragmatisch". Er steht im Mittelpunkt seines im letzten Jahr erschienenen Zukunftsromans "Planet Magnon". Und dieses Magnon ist eine Droge, die diesen Schwebezustand noch intensiviert und verstetigt.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Stadt als leichte Beute

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 15. September 2016. Vor uns die Sintflut. So weit geht es zurück. Man möchte das U in dem mythischen Urlaut ganz lang ziehen: Uuuuur, um das Echo aus dem tiefen Zeitbrunnen zweieinhalb Jahrtausende vor Christus auch akustisch zu erahnen. Uruk im sumerischen Zweistromland war die erste Großstadt der Welt, umgeben von einem Schutzwall für die vermutlich 30.000 bis 70.000 Einwohner. Das in differierenden Fassungen tradierte "Gilgamesh"-Epos, sehr viel schmaler als die Odyssee, ist nur fragmentarisch enthalten: 3000 Verse existieren als "wahrhaft gigantische Bruchstücke", so der bewundernde Rilke.


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Mutter Elses Fahrt zum Himmel

Von Andreas Wilink

Düsseldorf, 12. Februar 2016. Das blaue Klavier steht auch da. Und eine Reihe Stühle. Die besetzen zwar gedanklich ebenfalls Wuppertal, aber nicht so sehr Else Lasker-Schüler, als vielmehr Pina Bausch: Caféhaus-Stühle, will sagen: "Café Müller", uraufgeführt 1978. Die Grenzen sind also durchlässig. Die ehemals Ausgegrenzten – die Elberfelder Bankierstochter, die sich als "Prinz Jussuf von Theben" ins gelobte Land der Poesie träumt, und die anfangs als Choreografin befehdete Wahl-Wuppertalerin – scheinen zu rufen: Komm, tanzt mit mir. Roberto Ciulli gibt den Zeremonienmeister.


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Dracula nimmt Unterricht

von Martin Krumbholz

Düsseldorf, 22. Januar 2016. Merkwürdiges Stück. In der Ballade/Moritat/Parabel (was immer es sein soll) "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" schildert Bertolt Brecht die Entstehungsgeschichte und die ersten Herrschaftsjahre des Nationalsozialismus als Machtkampf von Gangstercliquen in Chicago. Nicht um Ideologien geht es, sondern um die Interessen von Blumenkohlhändlern. Zentrale Figuren des NS und des politischen Umfelds sind leicht verschlüsselt und amerikanisiert, Hindenburg ist Dogsborough, Goebbels Givola, Göring Giri und Hitler eben Arturo Ui. Der Völkermörder als Anführer einer Schutzgelderpressergang.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Drucksache Faust

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 19. Dezember 2015. Das Problem deutscher Bildungsbürgerlichkeit in der jüngeren Geschichte sei, so der Historiker Fritz Stern, "Vulgäridealismus" und eine "Metaphysik des Snobismus". Bezogen auf die allerneueste Geschichte, auch Gegenwart geheißen, und die im Verschwinden begriffene Bildungsbürgerlichkeit ließe sich abgewandelt sprechen von Vulgärmaterialismus. Den zweiten Begriff können wir so stehen lassen. Heinrich Faust, wie ihn Georg Schmiedleitner in Gestalt von Stefan Hunstein kurz und bündig vorstellt, so dass man zum "heute-journal" längst wieder zuhause sein kann, ist ein Repräsentant dieser Haltung.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Boulevard der Verdämmerung

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 29. August 2015. Den Augenblick wird Thomas Mann in seinem Tagebuch so resümieren: "Es war da, auch ich hatte es, ich werde es mir sagen können, wenn ich sterbe." "Es" ist die Liebe. Der Geliebte für einen wirklich kurzen Augenblick und für die gefühlte Ewigkeit heißt Klaus Heuser. Den "Herzensschatz" hatte der Schriftsteller 1927 auf Sylt kennengelernt.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Die drei Hauptlügen des Lebens

von Martin Krumbholz

Düsseldorf, 24. April 2015. Das Künstlerdrama als Psychiatriedrama – das war für Heinar Kipphardt, als er das Stück "aufgrund einer wahren Begebenheit" in den Siebzigern schrieb, nicht zuletzt Kapitalismuskritik. Der Dichter Alexander März, eigentlich Alexander Herbrich, ein Patient des Wiener Psychiaters Leo Navratil, wird zum Opfer einer brutalen, lebensfeindlichen Schulmedizin, die am Patienten "paranoide Schizophrenie" diagnostiziert – angeblich um zu helfen, in Wahrheit um eine Existenz zu vernichten, die den geltenden Normen zuwider läuft. Ein schlichtes Abbild realer Psychiatrie war das seinerzeit schon nicht; vielmehr eine Parabel über Anpassung und Widerstand, für die es in dieser Zuspitzung nur wenige Vorbilder gab (Peter Weiss war in seinem "Hölderlin"-Stück wenige Jahre zuvor einen ähnlichen Weg gegangen).


Düsseldorfer Schauspielhaus

Könige des Nichts

von Sascha Westphal

Düsseldorf, 7. Februar 2015. Zunächst ist da nur der rote Samtvorhang, der sich in der Mitte ein wenig teilt. Ein Totenkopf lugt hervor. Dazu ertönt eine Stimme, die das Publikum begrüßt. Damit gehört der Anfang anders als im Stück, das erst einmal zum Ende einer Geschichte um ein dekadentes Aristokraten-Paar in den ersten Tagen und Wochen des Ersten Weltkriegs springt, dem Conférencier. Dieser schmierige Showman, der in Joël Pommerats hemmungslos durch die Zeiten springender Szenenfolge nur ein weiterer Verkäufer und Lügner unter vielen ist, wird in Hans-Ulrich Beckers deutscher Erstaufführung zum Zentrum des Geschehens.


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Krokodilstränen für die Bourgeoisie

von Friederike Felbeck

Düsseldorf, 7. Februar 2015. Es geht in diesem Stück nicht um Tennis. Also nicht um den Sport, der wie kein anderer zum Synonym für Eleganz, aber auch Müßiggang und Elitismus wurde, ganz in Weiß, fleckenfrei und lupenrein, in Shirts mit dem berühmt-berüchtigten grünen Krokodil auf der linken Brust als Markenzeichen einer schlagenden Verbindung.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Die Sprache des Lebens

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 29. November 2014. Der Volkszorn war echt. Zehn Jahre ist es her, dass Volker Lösch in Dresden Gerhart Hauptmann inszenierte: "Die Weber", die sich nach skandalumwitterter Premiere in "Dresdner Weber" umbenennen mussten. Den Aufstand der schlesischen Weber von 1844 übertönte Lösch mit einem "Chor der Arbeitslosen", die ihre Situation über die Rampe trugen und dies, nach einem von Hauptmanns Bühnenverlag erreichten Verbot, mit Texten von Goethe, Heine, Marx, den Brüdern Grimm taten. Ein rüde lebendiges Polit-Pamphlet aus 33 Stimmen, wütend, wuchtig, schmähend, ohne Rücksicht auf Verluste, weder von Persönlichkeitsrechten noch künstlerischer Subtilität. Die Revolte will keine Zwischentöne und schert sich einen Dreck um die Nuance.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Trümmer-Träume aus dem Gazastreifen

von Friederike Felbeck

Düsseldorf, 29. Oktober 2014. Anwältin, Kinderärztin oder Schauspielerin wollten sie werden. Sie tragen noch einen Teddybär im Arm oder fürchten sich vor Prüfungen, die immer Schlag 12 Uhr beginnen. Aber ihre Schulen sind geschlossen, das Dach über dem Kopf ist ihnen weggesprengt und die besten Freunde und Verwandten von Bomben in Stücke gerissen, deren fleischliche Einzelteile in Plastiktüten gesammelt und ins Krankenhaus gebracht werden. Sie haben gesehen, was kein Mensch in ihrem Alter sehen sollte und gelernt, eine Phosphor-Bombe an ihrem typischen Klang zu erkennen.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Feen im Rausch

von Dorothea Marcus

Düsseldorf, 20. September 2014. Wie es eben so geht, wenn man erwachsen wird, auch in den höchsten, verklemmtesten Kreisen – da kann man schon mal ausbrechen wollen, wenn man einfach verheiratet werden soll. Die Jugend von Athen sieht aus, als sei sie gerade dem Internat entsprungen: ein schüchterner Haufen in Schuluniform, senfgelben Röcken und hochgeschlossenen weißen Blusen. Hermia (Sarah Hostettler) sitzt zwischen zwei streng gescheitelten, kaum unterscheidbaren Jünglingen vor schlammbrauner Sixties-Tapete und schmachtet Lysander an. Als sie mit Demetrius verheiratet werden soll, fliehen sie einfach – raus aus dem Drill, ins wilde New York. Mitten in einen White Cube bettet sich das junge, naive Paar zwischen akkurat aufgestellten Brillo-Boxen (derzeitiger Wert auf dem Kunstmarkt pro Stück: rund 200.000 bis 800.000 Euro) erschöpft zur Ruhe, unter einem Double-Elvis von Andy Warhol.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Neue Endzeit

von Sascha Westphal

Düsseldorf, 12. April 2014. Etwas stimmt nicht mit dieser Welt. Vielleicht hat ihr Schöpfer mitten in der Arbeit das Interesse an ihr verloren. Es könnte ihm auch das Geld ausgegangen sein. Oder – und diese Vermutung drängt sich noch eher auf – sie hat ihren Zweck schon längst erfüllt und wurde nur nicht vollständig abgebaut: Fünf ineinander übergehende Stahlgerüste suggerieren eine sanfte Hügellandschaft. Das im Zentrum der Bühne ist zu gut zwei Dritteln von einem blauen Überwurf bedeckt. So könnten die Kulissen für ein Science-Fiction-B-Movie aussehen.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Die Tücken des doppelten Bodens

von Martin Krumbholz

Düsseldorf, 14. März 2014. Krieg lässt sich auf der Bühne schwierig darstellen. 185 täglich sterbende Menschen in Syrien, 6,5 Millionen Menschen auf der Flucht – das sind abstrakte Zahlen, Statistiken, die man zur Kenntnis nimmt. Und selbst ein einziges, herausgegriffenes Schicksal würde im Theater nur hilflose Betroffenheit auslösen. Der chilenische Autor Guillermo Calderón, der im Auftrag des Düsseldorfer Schauspielhauses ein Stück über den syrischen Bürgerkrieg geschrieben hat, weicht also aus. Ohnehin ist der Chilene nicht in Syrien gewesen, sein Text beruht auf Fern-Recherchen. Calderón liebt das Spiel im Spiel, die Verschränkung zweier Ebenen. Der Titel "Kuss" deutet es an: Hier findet eine dramaturgische Fluchtbewegung statt.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Entblößte Herzen

von Martin Krumbholz

Düsseldorf, 22. Februar 2014. Da wäre zunächst die Frage nach Gott. Ist er? Ist er nicht? Kann man ihn flüstern hören im eigenen Herzen? Und da wäre die Frage nach der Liebe. Was ist sie? "Sex und Geschwätz"? Ist es Liebe, wenn plötzlich auf dem Heimweg jemand auftaucht in der Nacht wie eine Epiphanie, und die eigene Frau nach dem Notarzt telefonieren muss? Es gibt Fragen, und es sind gerade die wesentlichen, deren Dringlichkeit in keinem anderen Zustand unabweisbarer erscheint als in dem maßloser, vollständiger Betrunkenheit. Und dann fängt man eben an zu predigen. Und da die anderen Anwesenden nichts anderes zu tun haben und zu nichts anderem imstande sind infolge ihrer Volltrunkenheit, als zuzuhören, hören sie eben zu. Wann wäre je auf einer Bühne so hemmungslos und so bestürzend gepredigt worden, im Sitzen, im Liegen, im Torkeln und im Fallen?


Düsseldorfer Schauspielhaus

Der Dämon unterm Tisch

von Martin Krumbholz

Düsseldorf, 11. Januar 2014. "So eine Scheiße, ja, so eine Scheiße…" Wohl ein halbes Dutzend Mal wiederholen sie das, dann ist erst mal Pause. Hübsch provokant. Worin besteht denn die Scheiße? Darin, dass die Erbtante in Roulettenburg (Baden-Baden) an einem Nachmittag anscheinend ihr halbes Vermögen verspielt hat. Ein Teil des Publikums bezog den derben Kommentar offenbar auf das bisher Gesehene, denn es blieb nach der Pause fort. Dabei ist der folgende zweite Teil der Düsseldorfer Dostojewskij-Adaption entschieden der bessere. Nein, man muss diesen schrägen, selbstreferenziellen, heillos unökonomischen Dreieinhalbstunden-Abend nicht lieben – und doch ist er vielleicht interessanter und produktiver, als es auf den ersten Blick aussieht. Nach der Pause nimmt das Ganze merklich Fahrt auf; selbst die Gerresheimer Blaskapelle mit ihren dämlichen Iwan-Mützen bläst plötzlich keine bloße Russen-Folklore mehr, sondern von der Hinterbühne her einen dissonanten Sound, der dem entsetzten Publikum gewissermaßen den kalten Atem der Geschichte ins Gesicht wehen lässt.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Wo ist Ernst? oder Wenn Pointen bedächtig beißen

von Martin Krumbholz

Düsseldorf, 13. Dezember 2013. Warum bloß ist ausgerechnet dieses Reclam-Heftchen so zerlesen, das einen derart unwürdigen Gegenstand enthält? Eine Handlung, die konstruiert zu nennen eine nette Untertreibung wäre, einen Text, der ganz offensichtlich nur seiner Pointen wegen zu Papier gebracht wurde – 1895, in drei Wochen, von Oscar Wilde? Die Antwort lautet: Weil dieser "Bunbury" so ziemlich das Witzigste, Brillanteste ist, was je für die Bühne geschrieben wurde. Das provozierend luftige, ja nichtige Land- und Wochenend-Stück, in dem es, wie Ivan Nagel notierte (und das war einschränkungslos positiv gemeint), "nie Montag wird", von dem der Autor selbst meinte, es bestehe "nur aus Stil" – es nagt gleichwohl an den Basis-Verabredungen der bürgerlichen Gesellschaft, und wollte man aus ihm alles streichen, was "gesellschaftskritisch" ist (Gustaf Gründgens hat es in der Nazi-Zeit anscheinend versucht), so bliebe bis auf den puren Plot nichts übrig. Nie wurde ein Sprengsatz derart lässig gezündet.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Brimborium mortale

von Martin Krumbholz

Düsseldorf, 16. November 2013. Das Singspiel "Im Weißen Rössl", uraufgeführt 1930 im guten alten Berlin, hat, wenn man richtig zählt, acht Urheber; der Komponist Ralph Benatzky ist nur der Prominenteste unter ihnen. Die Acht haben ganze Arbeit geleistet: Die Wolfgangsee-Operette ist eine Perle ihres Genres. Zündende, jazzig angehauchte Musik, prächtige Charaktere und ein wundervoller Wortwitz zeichnen das Werk aus, und eigentlich muss man sich hier nur bedienen – nicht umsonst gilt das "Rössl" als das meistgespielte Stück Musiktheater der Welt.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Drei große Diktatorinnen

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 21. September 2013. Der Frieden – zumindest das Verhandeln über seine Modalitäten – ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Im Februar 1945 treffen sich auf der Krim die siegermächtigen Winston Churchill, Franklin D. Roosevelt und Josef Stalin. Der britische Gast schätzt Champagner, der Mann im Rollstuhl sieht gern Filme, etwa Disneys "Dumbo", der Gastgeber im Marschallrang erweist sich, unter anderem, als spezieller Hundefreund und Mann von herber Polit-Poesie. Man kartet in Jalta die neue Weltordnung aus, markiert Einflusssphären, summiert Schadensersatzansprüche, plant die Teilung bis hin zur Zerstückelung Deutschlands.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Party machen im Korridor der Macht

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 13. September 2013. Es ist ein Stück über Beweglichkeit. Und über Positions-Bestimmungen. Manchmal ist die Bühne das mobilste Element, wie bei Stefan Bachmann, der für Dresden den Parasit zwischen Olaf Altmanns Dreh- und Falt-Wandflächen in die Zange nahm, sodass beinahe ein Menschlein zerquetscht wurde. Manchmal verselbständigt sich die Mechanik und Motorik und bewegt sich nur in leerer Virtuosität. So war das bei Matthias Hartmann und Michael Maertens in Bochum, später Zürich. Womöglich lässt sich die Aufführungs-Praxis auch entlang von Theorie bewegen und ein Gespräch über die Macht und den Machthaber führen, wie Nurkan Erpulat es in Düsseldorf beabsichtigt.  


Düsseldorfer Schauspielhaus

Jahrmarktzeit am Rhein

von Martin Krumbholz

Düsseldorf, 18. Mai 2013. Seltsamer Abend in Düsseldorf. Nachmittags ist die Fortuna abgestiegen, nach einem total unwahrscheinlichen Sieg des Retortenclubs Hoffenheim in Dortmund. Ob einen das interessiert oder nicht: Es hat mit dieser Aufführung von "Kasimir und Karoline" zu tun, die der Regisseur Nurkan Erpulat vom Münchner Oktoberfest auf die Rheinauen verlegt hat, wo jedes Jahr im Juli "die größte Kirmes am Rhein" stattfindet, mit deren Aufbau schon jetzt begonnen wird.  


Düsseldorfer Schauspielhaus

Schwermelancholiker und Erzphantast

von Martin Krumbholz

Düsseldorf, 20. April 2013. Ernst Theodor Amadeus (eigentlich: Wilhelm) Hoffmann, geboren 1776 in Königsberg, 1822 in Berlin schon wieder gestorben, ist, so muss man es leider sagen, keine Ausnahmefigur, sondern in seiner unheilbaren Zerrissenheit eines jener typischen unvollendeten Originalgenies der deutschen Romantik: Jurist, Dichter, Maler, Komponist, Mozart-Fan, untreuer Ehemann, Kleine-Mädchen-Beschwärmer, Alkoholiker, Syphilitiker, Freiheitskämpfer, Geisterseher. Und natürlich noch vieles mehr, das alles in einem nicht sonderlich langen und gewiss nicht glücklichen Leben, das dieses verkommene Genie als Schnurrenerzähler in der (in Berlin ja immer noch existierenden) Weinschenke Lutter & Wegner beendet, während ihm vom preußischen Staat wegen Verunglimpfung eines leitenden Polizeibeamten der Prozess gemacht wird.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Tags und nachts im Museum

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 2. März 2013. Gehört Ibsen also ins Museum? Die Bühne ist ein Ausstellungsraum mit Sitzbank. Großformatige Fotografien hängen an den variablen Wänden, alle in Schwarzweiß. Oder eher noch mit Grauschimmer – wie der Galeriesaal selbst und das darin hantierende Museumspersonal. Erneut, wie schon bei Staffan Valdemar Holms Auftakt am Düsseldorfer Schauspielhaus im Herbst 2011 mit Hamlet, kann man in der Ausstatterin Bente Lykke Møller die Kunstgeherin erkennen, deren goldener Bühnenkasten damals auch auf Joseph Beuys' Palazzo Regale in der Kunstsammlung NRW verwies. An den Bildwerken entlang schlendert im Norwegerpullover, die Hände in den Hosentaschen, ein Mann mittlerer Jahre. Bald gefolgt von einer schwarz gewandeten Frau. Unvermutet beginnt ihr Dialog mit dem Satz "Peer, du lügst". Wir sind in Henrik Ibsens "Peer Gynt" und treffen auf Mutter und Sohn.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Abenteuerplatz Straße

von Martin Krumbholz

Düsseldorf, 16. Februar 2013. Die Schlacht von Worringen wurde bereits 1288 geschlagen. Sie ging zugunsten Bergs und Brabants aus und beendete die Vormachtstellung Kurkölns am Niederrhein – so weiß es der Brockhaus. In Nurkan Erpulats Projekt mit Texten von Anne Jelena Schulte geht es allerdings nicht um einen mittelalterlichen Krieg, sondern um Fehden der Jetztzeit: um knappen Wohnraum, um Drogenabhängige, um Obdachlose, um soziale Härten. Denn der Worringer Platz, unweit des Hauptbahnhofs und der Nebenspielstätte "Central" gelegen, gilt in Düsseldorf auch nach seiner Renovierung vor Jahren als Fluchtpunkt der Randständigen: Wer sich hier Gute Nacht sagt, das möchte man in Oberkassel und Angermund lieber nicht so genau wissen. Die zentrale Drogenberatung liegt ganz in der Nähe, und auf die Trebegänger (so sagte man früher), die sich hier gern aufhalten, hat das Sicherheitspersonal der Bahn AG ein besonders wachsames Auge.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Gut verstellt

von Sarah Heppekausen

Düsseldorf, 12. Januar 2013. Einmal sitzt Rosalind vorne an der Rampe, die an diesem Abend besonders weit in den Zuschauersaal des Düsseldorfer Schauspielhauses reicht. Einmal sucht sie ausnahmsweise nicht den Blickkontakt zum Publikum, ihre Augen fokussieren nicht, sind ganz auf Unschärfe gestellt. Das irritiert fast. Diese konzentrierte Zurückgenommenheit, obwohl die mögliche Gunst des Gegenübers in so greifbarer Nähe ist. Denn darum geht es in dieser Inszenierung doch, um das Spiel als Aufforderung. Eigentlich passiert eine permanente Kontaktaufnahme.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Seele statt Siege

von Sarah Heppekausen

Düsseldorf, 21. Dezember 2012. Ihre Stimme kommt vom Band. Schauspielerin Karin Pfammatter bewegt nur ihre Lippen dazu. Oder sie schaut ihr hinterher, wenn die Stimme auf einmal von der Seite oder von schräg oben zu hören ist. Von der Decke hängen Akustikschaumplatten, die wie eine Solaranlage die Sonnenstrahlen alles Gesprochene einfangen und sichern. Swetlana Alexijewitsch schreibt Literatur, indem sie Stimmen sammelt und komponiert. Der polnische Regisseur Michał Borczuch übersetzt dieses Prinzip im Prolog zu seiner Inszenierung in ein (über)deutliches Bild der Bühne. Stimmenfänger im Theater.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Heiliger Bimbam

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 24. November 2012. Nicht er hatte Lust zur Lust, sondern die Lust hatte sie zu sich selbst – und heizte ihm ein in der Geschlechtshölle. Lew Tolstoi, der sich in seinen Tagebüchern, die er seiner Verlobten kurz vor der Vermählung zu lesen zumutete, als sexhungriger Triebtäter offenbarte, wurde nach seiner Sinnkrise 1877 zum sozial gesinnten, dem Besitz wie dem Fleische entsagenden Volkshelden und urchristlichen Weltverbesserer.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Die Wunde Büchner

von Martin Krumbholz

Düsseldorf, 20. Oktober 2012. Kaum ein hochrangiges Werk ist komplexer, vielfältiger und disparater als das Georg Büchners. Politisch: Das oszilliert zwischen mutiger Agitation und der tiefen Verzweiflung des sogenannten Fatalismusbriefes, in dem Büchner seiner Braut erklärt, er fühle sich "wie zernichtet unter dem grässlichen Fatalismus der Geschichte"; formal: Dokufiktion, Sozialdrama, politisches Pamphlet, Literatursatire, Psychoanalyse – in der Offenheit für Tendenz und Form liegt nicht zuletzt die einzigartige Modernität dieses Ouevres.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Zum letzten Mal Psychologie!

von Guido Rademachers

Düsseldorf, 15. September 2012. Schon toll, was sich mit Drehbühne, Hubpodium, Video, feinster Lichttechnik und top ausgestatteten Werkstätten alles anstellen lässt. Für den russischen Regisseur Andrej Mogutschi so viel Tolles, dass es gleich den Spielplan sprengte. Seine Theaterversion von Kafkas "Der Prozess" war – zumal sich die Wiedereröffnung des Großen Hauses in Düsseldorf nach Sanierungsarbeiten verzögert hatte – wegen des enormen technischen Aufwands in der letzten Spielzeit nicht mehr zu realisieren. Jetzt wurde sie als Eröffnungspremiere der neuen Saison nachgereicht.


Düsseldorfer Schauspielhaus

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Versteckspiele in Chile

von Martin Krumbholz

Düsseldorf, 21. April 2012. Auf wenigen Seiten entfesselt Heinrich von Kleist in seiner Novelle "Das Erdbeben in Chili" den puren Horror, und es ist nicht etwa die rohe Gewalt der Natur, die den Schrecken evoziert – es sei denn, man würde die Bestie Mensch als Teil der Natur betrachten. Santiago de Chile im 17. Jahrhundert: Ein junges Paar wird bei einem Frevel ertappt; die Liebenden haben sich in einem Kloster begattet, das Mädchen wird Mutter. Sie soll hingerichtet werden, ihr Geliebter will sich erhängen. Das Erdbeben stoppt beides, die Geschichte scheint sich ins Gute, geradezu Idyllische zu wenden. Bei einem Gottesdienst in der Kathedrale von Santiago, an dem die Liebenden naiverweise teilnehmen und bei dem ihr Frevel als Grund des Bebens markiert wird, erkennt man sie; der Mob treibt sie auf die Straße, sie werden massakriert, ihr Kind überlebt – nur weil man es mit einem anderen verwechselt.


Düsseldorfer Schauspielhaus

alt

Da ist nichts

von Martin Krumbholz

Düsseldorf, 14. April 2012. Vielleicht ist die Paarbeziehung ja das falsche Konzept – wie der Kapitalismus, die katholische Kirche, die CDU und der Adel. Vielleicht ist es ein Irrtum, zu glauben, ein einzelner, bestimmter Mensch könne uns – möglichst ein Leben lang! – glücklich machen. In einen Rausch versetzen, auf den keine Ernüchterung, kein Kater folgt. Wenn man dieser These nachgeht, dann entpuppen sich all die Herkulesarbeiten am eigenen Profil, wie sie sich auf "Facebook" und allen möglichen Partnerschafts-Börsen abspielen, als vergebliche Liebesmüh. Aber soweit sind wir noch nicht. Noch sind wir auf der Suche nach dem Wunschpartner, der uns von den Augen abliest, wer wir eigentlich sind und was wir wirklich brauchen. Der uns nicht etwa bei uns selbst sein lässt (denn "da ist nichts"), sondern uns in der Symbiose erlöst. Der für uns entscheidet, in welcher Phase unseres Lebens wir vielleicht ein Kind haben möchten, und mit dem wir, wenn Probleme auftauchen und falls wir privat versichert sind, zum Paartherapeuten pilgern können, damit der ein paar Reparaturen an uns vornimmt und unsere Beziehung wieder in Schwung bringt.


Düsseldorfer Schauspielhaus

altDurchgestrichen

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 24. März 2012. Es bellen die Hunde. Das Gekläff kommt aus Menschenmund und vereint das Ensemble im Düsseldorfer Schauspielhaus, Männer wie Frauen, im Geifern gegen einen Artgenossen, dessen Eröffnungsmonolog die Meute zuvor brockenweise vorgekaut und ihn selbst in seiner schäbigen Schiefheit imitiert hat. Dann bändigt der so Begrüßte die Kläffer, dass sie nur noch jaulen – und geht durch glorreichen Blutsommer in den Untergang. Shakespeares Winterreise heißt "Richard III."


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All unsere Schicksale

von Guido Rademachers

Düsseldorf, 16. März 2012. Vor dem Tod sind alle gleich. Nur, dass davon im Leben nicht allzu viel zu spüren ist. Das ist die Krux im neuesten Stück von Iwan Wyrypajew. Besser gesagt: In den sieben Kurztexten, die der 37jährige russische Dramatiker unter dem Titel "Delhi, ein Tanz" zusammengefasst hat. Sieben Mal werden dieselben sechs Figuren in andere Konstellationen gebracht. Sieben Mal treffen sie sich im Besucherzimmer eines Krankenhauses, und jedesmal liegt einer von ihnen im Sterben. Immer geht es um die Kluft zwischen Sterbenden und Lebenden. Um den Schmerz, das Mitleid, das Mit-Leiden und die Unfähigkeit dazu.


Düsseldorfer Schauspielhaus

altKassandra in der Investmentfirma

von Regine Müller

Düsseldorf, 11. Februar 2012. Intendant Staffan Valdemar Holm hat in Düsseldorf das Schauspieler-Theater ausgerufen und bislang eine schnörkellose, gemäßigt moderne und eben nicht modische Ästhetik etabliert. Das hat ihm Applaus, aber auch die Kritik eingebracht, das Haus allzu konservativ auszurichten. Möglich, dass nun deshalb die Ansage an die Hausregisseurin Nora Schlocker lautete, formal diesmal doch bitte etwas beherzter zu Werke zu gehen und bloß nicht braves Guckkastentheater zu liefern?


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Die Stunde der Wohnzimmerterroristen

von Wolfgang Behrens

Düsseldorf, 20. Januar 2012. "Nach Düsseldorf kommt man, wenn man erfolgreich ist." Gleich im neu erfundenen Prolog des Abends fällt dieser Satz, dessen Wahrheitsgehalt – zumindest von Düsseldorf aus gesehen – sicherlich nicht in Zweifel zu ziehen ist, den man aber auch einfach als selbstironisches Entree des Regisseurs verstehen kann. Denn Nurkan Erpulat, einer der neuen Hausregisseure des Düsseldorfer Schauspielhauses, schwimmt noch auf der Welle des beispiellosen Erfolges, den er in der vergangenen Spielzeit mit Verrücktes Blut, dieser durchgedrehten Amok-Komödie aus dem postmigrantischen Klassenzimmer, erzielte. Und diese Welle hat ihn nun nach Düsseldorf gespült.

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Marija, leer der Gnade

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 7. Januar 2012. Ein Sirren, als würde eine Sense die Luft zerteilen oder eine eherne Schwinge rauschen. Es ist, als wolle Andrea Breth akustisch kundtun, dass der Schnitter Tod reiche Ernte hält. Menschheitsdämmerung im Vorschein des Stalinismus: "Marija" von Isaak Babel, 1935 verfasst ohne sentimentale Floskel und Pathos.


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Die Ruhe nach dem Sturm

von Kai Krösche

Düsseldorf, 15. Dezember 2011. Es beginnt mit einer über zehnminütigen Ouvertüre. Musiker für Musiker betritt die Bühne, Streicher, Percussion, ein Vibraphonist, schließlich Bläser, zuletzt ein Klavierspieler. Im Dreivierteltakt legt sich langsam ein Instrument über das andere, erinnert dabei an eine Mischung aus jenen musikalischen Steigerungen, wie man sie aus Filmen des US-amerikanischen Regisseurs Darren Aronofsky kennt, sowie aus Werken amerikanischer Vertreter der Minimal Music mit ihren rhythmischen Klangflächen; zu Beginn schon, also noch vor dem ersten gesprochenen Wort, ein bohrendes Gefühl langsamer, aber stetiger und unausweichlicher Veränderung. Keine Bedrohung, auch keine Gefahr, eher eine Forderung; kein feindseliger, aber ein eindeutiger Weckruf – Achtung, es bahnt sich etwas an! –, vermittelt durch die eigens angefertigte Komposition des Düsseldorfer Komponisten Hauschka: Teil 1 eines dreigeteilten und trotzdem stets schlüssig wirkenden Theaterabends im Kleinen Haus des Düsseldorfer Schauspielhauses.


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Unter Lacoste-Kunstbürgern

von Guido Rademachers

Düsseldorf, 6. November 2011. Gerhart Hauptmanns still verplätschernder "Einsame Menschen"-Schluss, in dem Vockerat auf den Müggelsee rudert, um dort Selbstmord zu begehen, wird im Düsseldorfer Schauspielhaus ganz aufs Trockene gelegt. Drei Akte lang konnten Dr. Vockerat und Fräulein Anna bei akuter Notlage den Überschwang ihrer Gefühle in einem Wasserbecken ausplanschen. Wenige Meter hinter der Rampe beginnend fällt es sanft ab und füllt die Bühne fast völlig aus. Dann, nach der Pause, ist das Bassin leer. Am Ende stehen alle davor, aufgereiht wie zum Familienfoto. Vockerat kippt einfach um – und niemand merkt's.


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Aschewolke im Goldkäfig

von Dorothea Marcus

Düsseldorf, 4. November 2011. Nun kann der neue Chef seine Handschrift zeigen. Um zwei Wochen wurde die Premiere von "Hamlet" verschoben, weil das Düsseldorfer Schauspielhaus nicht rechtzeitig fertig renoviert war. Trompetenfanfaren blasen zum Einstand, eine winzige Ophelia tritt in den Palast von Helsingör und spricht die berühmten Einstandsworte des Grabwächters: "Wer ist da?", bevor sie sich mit Hamlet zur Musik der dänischen Punkrockband Sort Sol in einem züchtig-distanzierten Tanz umkreist.


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Unter Dumpfbacken und Traumschiffern

von Regine Müller

Düsseldorf, 21. Oktober 2011. Staffan Valdemar Holm, der neue Intendant des Düsseldorfer Schauspielhauses muss sich mit einem verschleppten Start arrangieren. Eigentlich hätte seine eigene Inszenierung von Shakespeares "Hamlet" die Saison und damit seine Ära einläuten sollen. Doch die Sanierungsarbeiten im Großen Haus am Gustaf-Gründgens-Platz haben sich verzögert, so dass die für den 14. Oktober geplante Wiedereröffnung in den November verschoben werden musste. Hoffentlich kein Vorzeichen für den ersehnten Neuanfang. Und nun wirft auch noch die zweite Neuproduktion für das Kleine Haus ernsthafte Zweifel über den künstlerischen Kurs des gebürtigen Schweden auf. Holm ist in der deutschsprachigen Theaterlandschaft ein relativ unbeschriebenes Blatt und hat angekündigt, sein Haus internationalen Impulsen zu öffnen, um ästhetisch nicht im eigenen Saft zu schmoren.


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"Ich bin ja in Mode"

von Sarah Heppekausen

Düsseldorf, 16. Oktober 2011. Die Stärke ist das Bild. Als Fotografie, Skizze, Graphik oder Video aufgefangen bekommt das, was der Romanautor mit Worten beschreibt, eine Sichtbarkeit. Beim Videokünstler Chris Kondek, der Falk Richters Inszenierung von "Karte und Gebiet" bildkräftig unterstützt, ist das eine Sichtbarkeit mit Eigenleben. Michel Houllebecqs neuester Roman porträtiert (unter anderem) einen bildenden Künstler. Auf der Düsseldorfer Bühne wird dessen Artefakt als stilbildendes Mittel eingesetzt. Chris Kondek stellt keine Bilder aus, er spielt mit ihnen – wobei zum Beispiel Porträtaufnahmen entstehen, bei denen sich Mund und Augen noch bewegen.


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Wollt ihr den totalen Tanz?

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 13. Mai 2011. Der Stoff, so wie ihn der Roman von Horace McCoy kreiert und Sydney Pollacks Verfilmung adaptiert hat, ist in zwei Referenzrahmen gespannt: zunächst die Dreißiger Jahre der Weltwirtschaftskrise und Großen Depression in den USA; dann, 1969, das zur Revolte herausfordernde Engagement der Vereinigten Staaten in Vietnam. Dass die Ikone der Anti-Vietnamkriegs-Front, Jane Fonda, als "Hanoi Jane" verunglimpft, die Hauptrolle in "Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss" spielte, hatte ihr Regisseur kalkuliert.


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Das Leben, ein radikalkapitalistisches Konstrukt

von Sarah Heppekausen

Düsseldorf, 22. April 2011. Thomas ist Daniel, ist Investmentbanker, ist Künstler, ist erst Ehemann, dann Bruder ein und derselben Frau. Leo ist eine Frau, ist Vater, war Handelsvertreter und ist jederzeit ersetzbar. Je nach Perspektive und Erinnerungslage wird den Figuren in Juli Zehs neuem Theaterstück "203" die Biografie erneuert, ergänzt, erfunden. Eine subjektabhängige Wirklichkeit – das ist eine erkenntnistheoretische Annahme, die es in sich hat. Die, denkt man sie rigoros zu Ende, einem im wahrsten Sinne des Wortes den Boden unter den Füßen wegzieht.


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Am Tag, als der Regen kam

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 2. März 2011. "Warum also heute ein Sittenstück aufführen. Warum in die Mottenkiste greifen. Die Unzulänglichkeit der Gattung wurde vorgeführt. Warum also... Grob könnte man sagen, dass ein historischer Umbruch, dem Goldonis Stück vorausgeht, heute ansteht." So Einar Schleef im Vorwort zu seiner Extremfassung der "Trilogie der schönen Ferienzeit", die er 1999 im Burgtheater, opulent und überlang, unter dem Titel "Wilder Sommer" herausbrachte.


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Die Zeugen A und B in der Täter-Opfer-Falle

von Klaus M. Schmidt

Düsseldorf, 27. Februar 2011. Die Verletzungen und Verbrechen der Vergangenheit bleiben relevant. Auch in der dritten Generation, der Generation der Enkel der Täter und Opfer des Holocaust, kann es kein unbefangenes Miteinander, keinen unbefangenen Dialog zwischen Deutschen und Israelis geben – oder doch?


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Wo Worte keine Wellen schlagen

von Guido Rademachers

Düsseldorf, 18. Dezember 2010. Leise rieselt der Schnee. Auf drei alte Flügeltüren, die im Hintergrund der sonst offenen Bühne stehen. Auf ein Jammerbild von entnadeltem Weihnachtsbaum. Auf einen roten Theater-Samtvorhang, der den gesamten Boden bedeckt. Und auf ein Tanzpaar plus fünf im Halbkreis vor den Türen sitzende, trostlos vor sich hinstarrende Gestalten. Ihre beste Zeit muss irgendwann in den siebziger Jahren gewesen sein. Von Afrolook und inzwischen ergrauten Matten hat sie kein Friseur befreit. Schlaghosen und bunte Hemden sind, offenbar ohne jemals ausgezogen worden zu sein, mit ihren Trägern gealtert. Aus offenen Säumen baumeln Fäden; in den Gesichtern kleben liebevoll vom Maskenbildner gestaltete Faltenbacken und Furchenkinne.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Neues aus der Anstalt

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 12. November 2010. Lügen haben vielleicht doch längere Beine, als der Volksmund sagt. Sie können offenbar die Entfernung von Bodenwerder im Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg, wo Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen geboren wurde, nach Düsseldorf im ehemaligen Herzogtum Jülich-Kleve-Berg abmarschieren. Der deutsche Fantasie-Held mit realer Biografie ist ein Kind des 18. Jahrhunderts.


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Mit Plüsch und Trash ins finstere Herz des Krieges

von Klaus M. Schmidt

Düsseldorf, 25. September 2010. Da tanzen sie und lachen ausgelassen. Die Jüdin Raquel (Viola Pobitschka) ist schwanger von ihrem Liebhaber, König Alfonso von Kastilien. Und in der Feierstimmung über die bevorstehende Niederkunft herrscht kurz Schrankenlosigkeit und Toleranz. Roderique, der christliche Domherr, Musa, der muslimische Gelehrte, und der jüdische Geschäftsmann Jehuda Ibn Esra (Guntram Battria), Raquels Vater, tauschen im Freudenrausch ihre die Religionen symbolisierenden Kopfbedeckungen. Doch der Spaß hat schnell ein Ende. Alfonso will, dass Raquel sich taufen lässt und erst recht soll sein Kind christlich werden. Schon auf einen Namen für den gemeinsamen Sohn werden sie sich nicht mehr einigen.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Trotzköpfchen mit Wodkaglas

von Regine Müller

Düsseldorf, 18. September 2010. Im letzten Jahr ihrer Intendanz muss Amélie Niermeyer ohne die Bühne des Großen Hauses auskommen, die wegen Asbest-Sanierung für ein Jahr geschlossen ist. Ersatz bietet die große Probebühne im Central, die mit 450 Plätzen zwar gerade mal die Hälfte der Platzkapazität des Großen Hauses bietet, aber durchaus mehr als nur ein zugiges Provisorium ist. Sogar eine Drehbühne hat man sich im Produktionszentrum geleistet.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Pappköpfe in der Umlaufbahn

von Guido Rademachers

Düsseldorf, 13. Juni 2010. Irma und ihr neuer Lover, Herr Kleinmann, himmeln sich auf leicht schräger Spielfläche an, einer großen rechteckigen Platte, die auf kaum sichtbaren Pfosten über der schwarz ausgelegten Bühnenmulde des Düsseldorfer Kleinen Hauses zu schweben scheint, und mampfen Butterbrote. Mit Schinken und Gurken und mit Liebe geschmiert. "Her mit dem schönen Leben", schmatzt Irma mit vollem Mund. Ende der Aufführung. Black.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Der Alptraum des Geldes

von Kerstin Edinger

Düsseldorf, 4. Mai 2010. Was ist nun besser: Geld haben oder davon befreit sein? Was, wenn der Besitz von Geld nur Qual und Unterdrückung bedeutet? Stephan Kaluza, im Hauptberuf Bildender Künstler, stellt uns mit seinem ersten Theatertext "Atlantic Zero" die brennende Frage, inwieweit Kapitalismus und Moral miteinander vereinbar sind.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Die bewegte Frau

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 23. April 2010. Das "Anti" hat sich der Autor erspart. Versteht sich von selbst. Wie klänge das auch: Versuch einer Anti-Heldin? Es bleibt bei: "Versuch einer Heldin" als Untertitel für Martin Heckmanns' neues Stück – in Auftrag gegeben vom Düsseldorfer Schauspielhaus, das innerhalb eines Monats schon die zweite bestellte Uraufführung (nach Juli Zehs Good Morning, Boys and Girls) herausbrachte und wo Heckmanns' Kommt ein Mann zur Welt vor drei Jahren ebenfalls seine Geburtsstunde erlebt hatte.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Amokträume vor Pappkulisse

von Kerstin Edinger

Düsseldorf, 10. April 2010. Die Bühne quillt über vor leeren Pappkartons. Sie stehen offen, Zettel hängen an der Wand, die Schauspieler kreieren kleine Papphäuser, schneiden, kleben, reißen. Eine Videokamera, ein Overheadprojektor, ein Maschinengewehr, alles ist aus Pappe, selbst das Blut quillt mit rot angemalten Papierstreifen aus der Hose.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Nachtigall auf dem Mars

von Guido Rademachers

Düsseldorf, 20. März 2010. Die Capulets tragen Silberblousons und knallenge weiße Hosen im Stricher-Look, die Montagues urban-lässige Skatewear. Wo solch fundamentale modische Weltanschauungen aufeinanderprallen, muss eine Entscheidung her. Ausgefochten wird sie mit den abgebrochenen Antennen von drei auf der Bühne abgestellten Alfa Romeos. Veroneser Kennzeichen. Shakespeare, unser Zeitgenosse, kommt uns am Düsseldorfer Schauspielhaus mit seinen Automobilen so richtig nah.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Das Prinzip Looping

von Regine Müller

Düsseldorf, 10. Januar 2010. Es muss kürzlich geregnet haben. Kleine Pfützen stehen auf dem grauen Boden des hohen, wuchtigen Bühnenkastens, den Hugo Gretler ganz nah an den verkürzten Zuschauerraum des Kleinen Hauses des Düsseldorfer Schauspielhauses heran gebaut hat. Auf Tuchfühlung mit dem Publikum.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Unsere schöne Welt

von Christiane Enkeler

Düsseldorf, 9. Januar 2010. "Freiheit" und "Demokratie" – hat man Mark Ravenhills Manuskript von "Shoot. Get Treasure. Repeat." bis zum Ende durchgelesen, haben sich die Begriffe so weit abgenutzt, dass man nur noch leere Hülsen zu lesen meint. 16 Szenen und ein Epilog diskutieren auf 184 Manuskriptseiten Terror, Krieg, Anschläge, Gut und Böse, Zivilisation und Barbarei, Sicherheit; es geht darum, wie diese Begriffe in der Öffentlichkeit diskutiert werden, wie sie Selbst- und Fremdbilder bestimmen, wie Verunsicherung und Angst ins Private hineinwirken und wieder nach außen, und "fast jedes dieser Fragmente ist nach einem existierenden Epos benannt", schreibt Ravenhill im Vorwort. Er will das Große im Kleinen erzählen und umgekehrt. Er stellt Material zur Verfügung.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Totgesagte leben länger

von Sarah Heppekausen

Düsseldorf, 20. September 2009. "Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus". Mit diesem Satz begannen Marx und Engels 1848 ihr Manifest der Kommunistischen Partei. Sebastian Baumgarten beschwört dieses Gespenst und gibt auch gleich die Begründung per Videoprojektion: "Das Gespenst kennt mehrere Zeiten", zitiert er Derrida vor Beginn seiner Inszenierung von Bulgakows "Sojas Wohnung". Und am Ende wird einer der Geister an die Wand schreiben "Heute ist nicht alle Tage, wir kommen wieder, keine Frage". Ein Phantom stirbt schließlich niemals. Da kann Soja noch so oft auf den auferstandenen Lenin schießen, liegen bleiben wird der nicht.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Bestes Geschlechterkriegstrauma

von Regine Müller

Düsseldorf, 17. September 2009. Minna reist mit großem Gepäck. Als ginge sie auf eine Weltreise, sind ihre verbeulten, kunstledernen Koffer, wie sie in den Achtzigern des vergangenen Jahrhunderts aus der Mode kamen, bis obenhin voll gestopft. Minna sucht ihren verschollenen Geliebten und ist schon am Ziel, als sie zu Beginn die Koffer mit ihrer Zofe Franziska mühsam auf die schräg ansteigende Bühne wuchtet. Denn sie ist im gleichen schäbigen Gasthof abgestiegen wie ihr Major von Tellheim, sie weiß es nur noch nicht.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Wohin aber mit der Utopie?

von Regine Müller

Düsseldorf, 5. Juni 2009. Heiner Müller bleibt sperrig. Die Mischung aus Lehrstück-Pathos, analytischer Kälte und Zynismus ist schwer zu packen und verweigert sich nach wie vor gängigen Zugriffstechniken. "Der Auftrag" von 1979 ist ein disparater, stilistisch und formal nicht geschlossener Text, in dem sich die Zeitebenen in- und übereinander schieben und damit viel Raum für Deutung anbieten. Müller kreist gedanklich um die Ideale und das Scheitern der französischen Revolution vor dem Hintergrund der sozialistischen Revolution des 20. Jahrhunderts.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Erscheinen und verschwinden lassen

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 22. Mai 2009. Hier wird mit Tricks gearbeitet. Im Gegenzug werden sie aber auch aufgedeckt. Der Zauberkünstler ist ein Schauspieler, der einen Magier darstellt. Sagt Günter Klepke, der fast 80 Jahre alte "Zauberkönig" von Berlin. So genannt nach dem Zauberladen, der insgesamt seit mehr als 120 Jahren besteht und den Klepke 1978 übernahm und sich damit einen Kindertraum erfüllte, den er träumte, seit er als Knirps erstmals vor der Wunderkammer in der Berliner Friedrichstraße stand.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Parasiten der Sensation

von Dorothea Marcus

Düsseldorf, 19. April 2009. In einem Moment, in dem die Bild-Zeitung eine möglicherweise HIV-infizierte Popsängerin in Untersuchungshaft unter dem Vorwand der Volksgesundheit und des öffentlichen Interesses rufmordet, kommt es einem fast schon harmlos vor, wie die Boulevardzeitungen vor knapp drei Jahren mit dem österreichischen Entführungsopfer Natascha Kampusch umgegangen sind. Vom Lieblingsopfer wurde sie blitzschnell zum Fall, mit dem "irgendwas nicht stimmt", der an Gewicht zunahm, sich nicht opferkonform benahm und alle Ratschläge der "Berater" in den Wind schlug – und der Mittäterschaft verdächtigt wurde. Im Internet kann man diese Entwicklung in hämischen Forumsbeiträgen und scheinheilig besorgten Artikeln immer noch nachverfolgen.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Liebe im schneeleeren Raum

von Regine Müller

Düsseldorf, 18. April 2009. Weiß, sehr weiß ist die Bühne. Weiß wie die Unschuld, wie frisch gefallener Schnee oder wie ein leeres Blatt Papier. Eine einzige riesige Projektionsfläche, die nur belebt wird von einem in der ganzen Bühnenbreite vom Schnürboden herab fallenden Seidentuch, das in alle Richtungen weht und sich bläht im sanften Lufthauch.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Flugschreiber einer abgestürzten Beziehung

von Regine Müller

Düsseldorf, 15. März 2009. Für Boas ist das Leben eine Baustelle. Unermüdlich schafft er mit der Schubkarre Estrich heran, verteilt und glättet die zähflüssige Masse auf dem Bühnenboden. Rot wie die Erde Israels ist dieser Estrich, an vielen Stellen trocknet er zu langsam und immer wieder graben sich zerstörerische Spuren in die noch nicht ausgehärtete Bodenmasse.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Tonlagen des Wartens

von Ulrike Gondorf

Düsseldorf, 12. März 2009. "In die Mitte des Himmels" schickt der chinesische Autor Duo Duo das Publikum, und das ist zunächst einmal ganz wörtlich zu nehmen. An den Türen zur neuen Studiobühne des Düsseldorfer Schauspielhauses stehen freundlich lächelnde Stewardessen im rotem Kostüm, die Sitze sind mit blauen Fleecedecken belegt, auf den Bildschirmen über den Köpfen laufen Werbespots der Airline und unter den Füßen vibriert der Boden vom Dröhnen der Motoren. Wir sind alle an Bord, und das Drama wird sich mitten unter uns abspielen. Ein paar Stühle sind nämlich noch leer zu Beginn.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Hinab in den Brunnen der Vergangenheit

von Ulrike Gondorf

Düsseldorf, 15. Februar 2009. John von Düffel, Romanautor, Dramatiker und Dramaturg, hat am Schnittpunkt dieser drei Professionen eine vierte gefunden: spätestens seit seiner mehrfach mit Erfolg aufgeführten Bühnenfassung der "Buddenbrooks" gilt er als Spezialist für ein Genre, das augenblicklich sehr gefragt ist auf der Schauspielbühne. Zu den meistgespielten Stücken zählen derzeit nämlich dramatisierte Romane, in denen das Theater zu finden scheint, was die aktuellen Bühnenautoren nicht so recht liefern wollen: pralle Geschichten, psychologisch ausgefeilte Charaktere, tragfähige, "welthaltige" Konflikte.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Das Piaf-Material

von Regine Müller

Düsseldorf, 13. Dezember 2008. Da ist sie wieder, die alte Frage: Ist die Kunst vom Leben des Künstlers streng zu trennen oder wird sie erst durch dessen Biographie schlüssig? Die Trennung von Leben und Werk fällt ja vor allem da schwer, wo sich privates Schicksal als verstärkender Zusammenhang geradezu aufdrängt. Wie etwa im Fall der kleinen, großen Edith Piaf, deren wüstes Leben Legende ist. Ihren Status als französisches Nationalheiligtum hat das nicht im Mindesten gestört, im Gegenteil. Dennoch standen lange Zeit ihre unverwechselbare, penetrante und zu Herzen gehende Stimme und ihre verzweifelt lebens- und liebeswütigen Chansons im Vordergrund, Chansons, die längst unsterblich sind. Ihr Leben war Mythos, blieb Gerücht.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Rappeln mit dem Brecht-Handwerkskasten

von Regine Müller

Düsseldorf, 18. Oktober 2008. Vorn an der Rampe sitzt ein Mann auf einem Stuhl und schaut unverwandt ins Publikum. Bekleidet ist er nur mit einer Unterhose, und sein Blick signalisiert besserwisserische Distanz. Er zündet sich eine Zigarette an, kramt aus einer Plastiktüte einen altertümlichen Kassettenrekorder hervor, wirft eine krächzende Musik an und greift schließlich zum Mikro. Christoph Müller gibt den Trauerspiel-Moderator und wird an diesem Abend noch viele Rollen spielen: Diener, Wanderer, Ritter, Domestiken aller Art und immer wieder den Conferencier.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Poesie im Alters-Alltag

von Dorothea Marcus

Düsseldorf, 27. September 2008. In der holzgetäfelten Stube im Düsseldorfer Kleinen Haus bricht mal wieder die fast 80jährige Mutter durch die Wand und bringt Abendbrot mit. Ausgerechnet indisches Hochzeitshuhn mit Aprikosen. Dabei wollte sich Ursula, Anfang 60, doch einfach nur einen ruhigen Abend vor dem unsichtbaren Fernseher machen und von Harald träumen, ihrer ersten Liebe, der als erotische Fantasie mit Gummimaske und Matrosenmütze regelmäßig in einer anderen Ecke durch die Wand kommt.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Die rote Flut

von Ulrike Gondorf

Düsseldorf, 19. September 2008. Auch kluge Regisseure tappen in vorhersehbare Fallen. Karin Henkel tritt in Düsseldorf den Beweis für diese Binsenweisheit an, bevor das Stück überhaupt angefangen hat. "Der Fall der Götter" steht auf dem Programm, von der Regisseurin und ihrem Dramaturgen Christoph Lepschy für die Bühne eingerichtet. Grundlage ist der fast vierzig Jahre alte Film "Die Verdammten" von Luchino Visconti, dessen italienischer Titel "La caduta degli dei" hier wörtlich übersetzt ist (obwohl der deutsche Begriff mit allen passenden Konnotationen eigentlich "Götterdämmerung" heißt).

Der Film handelt von der unheiligen Allianz zwischen den Nationalsozialisten und der Schwerindustrie, die skrupellos und gierig auf den "Führer" setzt, der Krieg will, Rüstung braucht und märchenhafte Profite verspricht. Visconti erzählt das über die Geschichte einer Industriellenfamilie, die sich in Intrigen, Rivalitäten, Inzest und Wahnsinn aufreibt.

Knietief im Blut

Wenn man den Zuschauerraum des Düsseldorfer Schauspielhauses betritt, wird man umstandslos auf ein Schlachtfest eingestimmt. Ein Graben, knietief mit roter Flüssigkeit gefüllt, nimmt die ganze Vorbühne ein, darin schwarze Lederstühle um einen langen Sitzungstisch, auf dem sich Gewehre stapeln. Und wenn die Bühne langsam hell wird, liegen sämtliche Personen der Handlung malerisch ineinander verschränkt, aufgetürmt als Leichenberg. Was will Karin Henkel jetzt noch knapp drei Stunden lang erzählen?

Sie werden sich gegenseitig in den Schmutz ziehen, in Blut waten und schließlich darin ertrinken, diese von Essenbecks, zu denen Industriellenclans wie die Familien Krupp und Thyssen Pate gestanden haben. Und so kommt es denn auch. Beherzt springt einer nach dem andern in seiner weißen Kleidung in die rote Suppe, rennt, spritzt, wälzt und prügelt sich. Nach zehn Minuten ist die Idee so abgestanden, dass man sich nicht mal mehr für die Zuschauer in den ersten drei Reihen interessiert, die mit Regencapes ausgerüstet worden sind und bei jeder neuen Attacke mit leisem Kreischen ihre Plastikhäute bis zur Nasenspitze ziehen.

Perverse Machtfantasien

So kommt es, wenn man aus einer Metapher ein Bühnenbild baut. Doch das ist schade. Denn wenn nicht alle so penetrant nass und rot wären, könnte man viel besser sehen, wer diese Menschen eigentlich sind und was sie wollen. Gegenüber dem Film ist die Handlung gerafft und auch die Figuren wirken typisiert, reduziert auf einen Hauptzug ihres Charakters.

Und das Ensemble nutzt die Vorlagen zu einprägsamen Charakterskizzen: Juliane Köhler ist die eiskalte "Lady Macbeth", die ihren Geliebten um jeden Preis – sogar auf Kosten ihres Sohnes Martin – an der Spitze des Konzerns sehen will. Diesen androgynen Jungen, schwankend zwischen einer masochistischen Opferhaltung und perversen Machtphantasien, spielt Nadine Geyersbach und gestaltet damit die schillerndste, faszinierendste Figur des Abends.

Verfremdung und Theatralisierung

Schauspielerisch ist die Besetzung insgesamt stark, zur Saisoneröffnung macht das auch im dritten Jahr der Intendanz Niermeyer weitgehend konstante Ensemble in Düsseldorf einen überzeugenden Eindruck. Auch die Erzählweise, die Karin Henkel für die Umsetzung des Films findet, eröffnet gute Möglichkeiten. Sie spaltet die Figur des Martin in eine agierende und eine reflektierende Hälfte. Diesen Erzählerpart übernimmt Heiko Raulin, ein bemerkenswert guter Sprecher, und schafft damit Übergänge der Handlung und Verbindungen zum Publikum.

Alle Nebenpersonen des figurenreichen Viscontifilms werden von den Darstellern mit lebensgroßen, beweglichen Gliederpuppen gespielt. Ein schönes Mittel der Verfremdung und Theatralisierung, mit dem Karin Henkel geschickt die Gefahr unterläuft, dem opulenten Realismus Viscontis hinterher zu hecheln.

Diese klugen Entscheidungen aber gehen schließlich unter in der Redundanz der roten Wasserfluten. Und so rollte am Ende eine Woge des Unmuts gegen das Regieteam auf die Bühne, während die Darsteller vom Publikum gefeiert wurden.

 

Der Fall der Götter
nach dem Drehbuch zum Film "Die Verdammten" von Nicola Badalucco, Enrico Medioli und Luchino Visconti
Inszenierung: Karin Henkel, Bühne: Henrike Engel, Kostüme: Klaus Bruns, Musik: Cornelius Borgolte, Beat Halberschmidt. Puppen: Mario Hohmann, Melanie Sowa. Mit: Guntram Brattia, Rainer Galke, Nadine Geyersbach, Bernd Grawert, Juliane Köhler, Kathleen Morgeneyer, Ilja Niederkirchner, Heiko Raulin, Götz Schulte.

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de


Mehr lesen über Arbeiten der 1970 geborenen Regisseurin? Hier geht es zur Nachtkritik von Karin Henkels Stuttgarter Penthesilea vom April diesen Jahres, die ebenfalls recht blutig ausfiel. Hier zur Nachtkritik ihrer Molière-Inszenierung Der Menschenfeind im Januar 2008 in Köln. Und hier zu Henkels Minna von Barnhelm, die im Oktober 2007 am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg herausgekommen ist.

 

Kritikenrundschau

Was in Karin Henkels "Fall der Götter"-Inszenierung auf der Bühne ablaufe, sei "einmal mehr die eiskalte Mechanik der Macht", schreibt Jens Dirksen in der Neuen Rhein Zeitung (22.9.). Die "Reichen und Schönen und Bösen murksen und morden Mal um Mal, für Geld und Macht und manchmal aus purer Lust oder aus Versehen." Karin Henkel habe das Stück "als einziges Handlungskettenmassaker inszeniert, auf der einfallsreichen, sinnträchtigen Bühne von Henrike Engel, die von kalten Neonröhren über die Blut-Schrift an der Wand bis zum Gruppen-Galgen für SA-Puppen bis ins Detail lauter starke Bilder bietet." Was aber fehle, sei "das, was Theater eigentlich könnte: eine Entwicklungslogik in Dialogen, eine Psychogenese der Gier - kurzum: die Frage, ob es wirklich eine Mechanik ist, die da in Menschen abläuft."

In Karin Henkels Bühnenadaption des "Falls der Götter" "steht das Familienpersonal von Anfang an knöcheltief in Blut ... und der Zuschauer versteht, dass diesem Clan nicht zu helfen ist." Das Urteil sei damit von Anfang an gesprochen, meint Dorothee Krings in der Rheinischen Post (22.9.): "Und genau das ist das Problem der geschickt reduzierten Inszenierung des opulenten Visconti-Stoffes. Henkel nimmt dem Abend durch die Wasserbecken-Idee die Dynamik." Trotzdem gebe es ergreifende Momente, was den Schauspielern zu danken sei, "etwa Kathleen Morgeneyer als Kind und Kindfrau gleichermaßen anrührend verletzlich, Nadine Geyersbach als androgyn-pädophiler Erbenkel, Juliane Köhler als edelstahlharte Strippenzieherin oder Bernd Grawert als gemeiner Emporkömmling."

Auch Vasco Boenisch bemängelt in der Süddeutschen Zeitung (24.9.), dass "die Idee, die Personen von Beginn an in Blut waten zu lassen", jede Entwicklung verhindere. Der Abend schleppe sich und sei trotz manch starker Worte "wenig stark". Wenn das kleine Mädchen zu Beginn Ovid-Verse lese, würden damit gleichfalls dem Publikum die Leviten gelesen, "denn Henkels Inszenierung gerät zur Geschichtslektion". So ermahne Heiko Raulin als reumütiger von Essenbeck "das Publikum in bester Brecht-Manier". Die "lebensgroßen Schaumstoffpuppen", die für die "Verdinglichung des Lebens im Nationalsozialismus", für "Menschen als Marionetten" stehen, findet Boenisch "spielerisch (...) reizvoll, didaktisch sinnvoll". Juliane Köhler lasse leider erst spät "die Kaputtheit" der machtgierigen Figuren-Seele ihrer Sophie von Essenbeck aufscheinen.

Für den Deutschlandfunk (21.9.) berichtet Dorothea Marcus von "krassen, gewalttätigen und sehr plakativen Bildern", die sie gesehen habe. Sie "erzählen, ähnlich wie Pasolinis 100 Tage von Sodom, dass der Faschismus seine Wurzel in sexueller Perversion hat." Viscontis Analyse des Faschismus "wurde vorgeworfen, ästhetisiert und letztlich harmlos zu sein. Karin Henkel spitzt sie drastisch zu: in einem dramaturgisch großen Bogen erzählt sie die konkrete Geschichte einer Familie zwischen 1933 und 35 – und zeigt zugleich exemplarisch, wie tief die Elite Deutschlands fiel und im Nationalsozialismus sexuelle Gewalt, Machtgier, politischer Opportunismus, Tod und Kapitalismus Hand in Hand gingen." Durch das Spiel mit Puppen und Menschen erhalte das Ganze "eine zusätzliche unheimliche und archaische Komponente."

Ulrich Fischer
zeigt sich im Deutschlandradio (19.9.) begeistert von Karin Henkels Inszenierung. "Eine Inszenierung aus einem Guss", deren große Qualität aus seiner Sicht nicht allein darin besteht, dass sie die Kritik an Viscontis Film aufgreift, dem man vorgeworfen habe, die Schrecken des Nationalsozialismus durch dekorative Opulenz zu verharmlosen. Karin Henkel gehe in die Tiefe, finde krude, stimmige Bilder, gehe mit ihrer an Brechts (von Heiner Müller weiterentwickeltem) epischem Theater orientierten Ästhetik viel weiter als der Film, und zwar auch inhaltlich, indem sie die Geschichte in die Gegenwart verlängere. Ihre Analyse der Zusammenhänge von Großkapital und Nationalsozialismus sei außerordentlich aktuell und sei, Fischer zufolge, auch auf heutige Krisen anwendbar, weshalb es seiner Ansicht nach keinen besseren Zeitpunkt für diese Inszenierung geben könne. Nie werde der Abend plakativ, sondern bleibe immer sehr stark in der Provokation. Auch sei er sehr humorvoll, wenngleich es ein schwarzer, subtiler Humor sei, der hier zum Tragen komme, der Abend auch Grand-Guignol-Elemente habe.

Aus Sicht von Eberhard Rathgeb in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (21.9.) ist die Inszenierung misslungen, verdankt der Abend seine blutige, auf Drastik zielende Ästhetik auch weniger dem Visconti-Film als der Lektüre von Jonathan Littells Roman "Die Wohlgesinnten", der die Folie über dem Zugriff auf Viscontis Stoff bilde. Doch vermag es Karin Henkel seiner Ansicht nach nicht, sich "in die dunklen, erschreckenden, schmerzhaften Dickichte der Details" dieser Erzählung aus der Sicht eines SS-Offiziers zu wühlen. Stattdessen kippe der Abend in die Farce. Man sitze im Schauspiel in Düsseldorf, einer "reichen Stadt mit Unternehmerprominenz", und dort werde einem nun die Geschichte der von Essenbecks in den entscheidenden Stationen vorgespielt, "als wäre es ein Lehrstück. Doch jetzt hat einer von den Essenbecks selbst das Wort übernommen, er kommentiert die ganze und also seine Geschichte, er führt die Personen, er stellt die Szenen, er trägt eine Altersmaske, und ein anderer muss ihn als jungen Mann spielen." Kaum aber habe der Erzähler in Düsseldorf das Wort ergriffen, kaum sei "dieser Täter-Erzähler, in einem weißen Anzug und in weißen Gummistiefeln steckend, in das Blutbecken seiner Familiengeschichte gestiegen, würgt es ihn auch schon, und das kommt nun hier ein wenig zu schnell, und er muss, wie Littells ja auch noch humanistisch gebildeter schwuler Schreckensheld, einmal in seinem Bericht innehalten, einen Schritt zur Seite machen und, wie ein fühlender Mensch, kotzen."

 


Düsseldorfer Schauspielhaus

Explodierende Freak-Show

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 20. Juni 2008. Das Personenregister hat es in sich. Es lohnt, namentlich vorgestellt zu werden, angesichts so origineller Bezeichnungen wie Frotzi und Foxy, Gelantine und Pizza. Unter den acht Handelnden befinden sich, um nur diejenigen mit den eigenwilligsten Eigenschaften zu nennen, eine Hermaphroditin, ihr dreiäugiger blödsinniger Bruder, ein als Nachtwächter in einer Klinik angestellter Werwolf sowie dessen sprechender und sich zum Über-Ich aufspielender Tumor.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Auf keiner Seite des Flusses

von Sarah Heppekausen 

Düsseldorf, 19. Juni 2008. Der Vorhang öffnet sich nicht auf der Bühne, sondern vor den Publikumsreihen. Erst dann dürfen die Zuschauer Platz nehmen und sind schon längst Teil der Inszenierung, als Voyeure, denn sie sitzen auf der anderen Seite von Belly und Moth. Die beiden Teenager verbringen die meiste Zeit der deutschen Erstaufführung (in Originalsprache) von Sheila Callaghans "We are not these Hands" im Auto.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Ritt über Russland 

von Regine Müller

Düsseldorf, 16. April 2008. Grau wässriger Schneematsch bedeckt die Bühne und macht jeden Schritt zur Rutschpartie. Tauwetter? Keineswegs. Im Hintergrund ragen öde Plattenbau-Hochhäuser in einen bleiernen Himmel, davor ducken sich elende, windschiefe Bretterbuden, ein voll gerümpelter Innenraum mit durchgesessenem Sofa, Küchengerät und verdreckter Badewanne. Prekariat auf Russisch.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Spiel nicht mit dem Schmuddelkind

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 29. Februar 2008. Alarm! Eine Sirene schrillt ins "Ora pro nobis". Uniformierte mit Schirmmütze, Koppel und Knüppel stürmen herein, als seien sie gecastet für "Prison Break". Sie unterziehen die Gefangene einer hochnotpeinlichen Leibesvisitation und fördern aus dem Schlund ihres Opfers einen Kassiber zutage: ein langer Fetzen Papier, schlaff wie ein Kondom des Grauens; ein zweites Geheimschreiben, als Zäpfchen verborgen im Rektum, entgeht der Untersuchung. Maria Stuart oder doch eher Ulrike Maria Stuart? Schiller oder Stammheim, Geschichte oder Gegenwart?

 


Düsseldorfer Schauspielhaus

Ödnis in der Sackgassengesellschaft

 von Christian Rakow

Düsseldorf, 23. Februar 2008. Im Finale sollte einiges klar werden, denkt man, schließlich hat sich die Inszenierung hier eine kleine Freiheit herausgenommen. Da tritt der Arzt Lwow (Felix Klare), das personifizierte schlechte Gewissen unseres Helden Iwanow, auf und schmäht ihn rührig, während sich die übrige Gesellschaft ringsherum in Palaver verliert, gemäß ihres selbst gesetzten Mottos "Das ist keine Hochzeit, sondern eine Quatschbude".


Düsseldorfer Schauspielhaus

Arg, ärger, Argos

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 15. Dezember 2007. Schuld wäscht sich so leicht nicht ab. Da braucht es mehr als das sonnabendliche Vollbad. Sieben Badewannen stehen im Breitwandformat der Bühne (Robert Schweer) des Düsseldorfer Schauspielhauses. Sieben ältere Herren, durch Pelzmützen am bloßen Leib als Kolchose-Mitglieder oder zumindest sozialistisch determiniert ausgewiesen, tun singend mit beim Aufbau einer besseren Zukunft.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Angst als Antriebsmittel der Geschichte

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 3. November 2007. Alles dreht sich. Die Zeit ist ein Kontinuum, in dem das Morgen nicht besser als das Gestern ist und vom Heute aus eine Zeitreise in die  Vergangenheit angetreten wird. Auf der Analyse-Couch beginnt für Leopold Kessler der Schlaf der Unvernunft. Unter hypnotischer Einwirkung fällt er in einen Traum und in sein zu durcharbeitendes Trauma von "Europa" – jedenfalls in Sebastian Baumgartens Fassung und Regie von Lars von Triers frühem Kinofilm.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Paint it black!

von Christian Rakow

Düsseldorf, 19. Oktober 2007. Beim Abholen der Karten: "Ca. 4 Stunden" soll dieser Shakespeare also dauern (so lang?). Und "Was ihr wollt" schreiben sie etwas provokant mit drei Ausrufezeichen (was ihr schon wollen könnt!!!). Da drängt sich gleich eine Reminiszenz auf: Was meinte vorgestern der ältere Herr zu seinem Begleiter auf der Theatertoilette im Hamburger Thalia? "Wäre schön, wenn es nicht schön wird. Dann können wir zur Pause gehen. Den Frauen ist heute auch mehr nach Restaurant."


Düsseldorfer Schauspielhaus

Im Netz der Wörter

von Hans-Christoph Zimmermann

Düsseldorf, 4. Juni 2007. Im Anfang war das Wort: Hund, Adler, Olymp, Thebaner, Wespe, Baum, Fledermaus, Ach. Und es klebte als Kondensstreifen des Dinglichen auf lauter T- und Sweat-Shirts, die quer durch den Raum über Zugstangen verteilt waren. Die ganze Welt eine Ansammlung von Begriffen, die über der Wäscheleine hängen und von den Göttern wie Waschweiber heruntergenommen und wieder aufgehängt werden.


Düsseldorfer Schauspielhaus

Stückchenwerk Leben

von Dorothea Marcus

Köln 3. April 2007. Wie sollen wir leben, im Ozean der Entscheidungsoptionen? Und wer sind wir, angesichts des Etiketten-Überangebots? Als würden diese Fragen nicht schon täglich zur Verzweiflung treiben, hat sie Martin Heckmanns zum Thema seines neuesten Stücks "Kommt ein Mann zur Welt" gemacht, eine Auftragsarbeit für das Schauspielhaus Düsseldorf und sein Spielzeitmotto "Ich und Ich".


Düsseldorfer Schauspielhaus

Fluchtpunkt Flokati

von Hans-Christoph Zimmermann

Düsseldorf, 2. April 2007. Einige Jurymitglieder des Berliner Theatertreffens haben es gerade noch einmal in Interviews bestätigt. Die Bühnen in NRW sind derzeit nicht festivalwürdig. Düsseldorf macht da keine Ausnahme. Die Resonanz auf die Arbeit von Intendantin Amélie Niermeyer blieb bisher eher verhalten. Umso mehr als wichtige Projekte wie eine Uraufführung von Thomas Jonigk, Inszenierungen von Jürgen Gosch und Konstanze Lauterbach verschoben wurden und das Probengebäude mit neuer experimenteller Spielstätte nicht fertig wird. Also muss die Intendantin es selbst richten, doch ihre Inszenierung von Shakespeares "Wie es euch gefällt" wird daran kaum etwas ändern.


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