zurück zur Übersicht

archiv » Schauspielhaus Bochum (94)
Schauspielhaus Bochum

Jenseits der Väter

von Sascha Westphal

Bochum, 29. Juni 2017. Am Ende von Gotthold Ephraim Lessings "Nathan der Weise" lösen sich alle Verwicklungen und Verwechslungen in familiärem Wohlgefallen auf. Der Sultan Saladin, seine Schwester Sittah, der Tempelherr und Nathans Mündel Recha sind eine große Familie, in der auch der jüdische Kaufmann noch einen Platz finden wird. Was die Religion streng geteilt, ist schließlich wieder fest verbunden. Dieser hoffnungsvolle Gedanke erfüllt auch die neueste Arbeit des kainkollektiv. Mit "Hagar" stellen Fabian Lettow und Mirjam Schmuck Lessings Ideendrama eine – wie sie es nennen – "Globe Opera Performance" an die Seite, die direkt zu den Wurzeln der drei großen monotheistischen Religionen zurückführt.


Schauspielhaus Bochum

Afrika als Metapher

von Gerhard Preußer

Bochum 19. Mai 2017. Eigentlich ein Skandal, dass das Stück immer noch so heißen darf! Aber es geht ja nicht um die Hautfarbe. Afrika sei hier nur eine Metapher, hat Bernard-Marie Koltès über sein Stück gesagt. Eine Metapher wofür? Für das Leben. Genauer: für das Leben in Unsicherheit und Einsamkeit. Alle wollen darin anders, besser, schöner leben, keinem gelingt es.


Schauspielhaus Bochum

Die Mauer muss weg

von Andreas Wilink

Bochum, 11. März 2017. Terror-Alarm. Salven knattern, Stimmen überschlagen sich. Aufruhr in den Straßen. Bürgerkrieg. Brennpunkt Verona. Und wir sind live dabei. Kamera ab.


Schauspielhaus Bochum

Jedermann ist Biedermann

von Sascha Westphal

Bochum, 21. Januar 2017. Zuerst kommen die Brandstifter auf die Bühne, dann die anderen. Das ist natürlich plakativ. Aber vielleicht sind die Zeiten für Feinsinniges tatsächlich erst einmal vorüber. Der Gedanke drängt sich angesichts der aktuellen politischen Ereignisse in den Vereinigten Staaten wie in der Türkei, in Großbritannien wie in Deutschland fast schon auf. Hasko Weber lässt auf jeden Fall von Anfang an keinen Zweifel an der Dringlichkeit seiner Inszenierung aufkommen.


Schauspielhaus Bochum

Die Realität ist löslich

von Sascha Westphal

Bochum, 3. Dezember 2016. Das Bühnenbild, das Raimund Bauer für diesen Doppelabend über den Terror in der Welt und den nicht weniger terroristischen Krieg gegen ihn geschaffen hat, ist eigentlich ungeheuer simpel. Den glänzenden schwarzen Boden teilen grüne Leuchtstoffröhren in kleine Quadrate. An den Seitenwänden und der Hinterwand gehen die Röhren dann in grüne Fäden über, die auch einige Meter oberhalb der Spielfläche gespannt sind. Der ganze Raum wird damit zum Käfig, aus dem es praktisch kein Entkommen gibt.


Schauspielhaus Bochum

Alles schwankt

von Dorothea Marcus

Bochum, 29. Oktober 2016. Wer ist Gregor Samsa? Ein Burn-Out-Geschädigter, ein autistischer Hikikomori, der sich freiwillig in sein Kinderzimmer einschließt? Ein Psychopath, ein Kafka-Double, ein Depressiver, einer mit Vaterkomplex, einer auf der Suche nach religiöser und künstlerischer Erweckung, eine Textstrategie? Die Interpretationen zu Kafkas berühmtestem Werk füllen Regale und sind doch nie genug, stets gleitet man ab an der rätselhaften Weltverweigerung der Hauptfigur aus Kafkas berühmter Novelle "Die Verwandlung" von 1912, die sich in ein "ungeheures Ungeziefer" verwandelt hat und mal groß, mal klein, mal hart, mal weich erscheint.


Schauspielhaus Bochum

Glasauge im Nirgendwo

von Martin Krumbholz

Bochum, 22. Oktober 2016. Wow! Wann hat man zuletzt einen Molière in historischen Kostümen gesehen, mit allen Fisimatenten, also Lietzen und Schleifen, Borten und Krägen, Perücken und Schuhen, ein Fest für die Augen? Das Kostümbild von Michael Sieberock-Serafimowitsch ist eine Ansage. Molière in seiner Zeit verortet, 17. Jahrhundert oder so. Lediglich Tartuffe selbst bildet eine halbe Ausnahme.


Schauspielhaus Bochum

Endlich Aussterben

von Cornelia Fiedler

Bochum, 18. September 2016. "Lieber keine Menschen als solche Menschen!", propagiert die Politgruppe NOREPRO, und diese Jugendlichen meinen es ernst: Sie sehen das Aussterben als einzig sinnvolle Zukunft einer Menschheit, deren Reproduktion offenbar immer auch die Reproduktion von Herrschaftsstrukturen und Frauenunterdrückung bedeutet. Wäre sicher spannend, diese hyperkonsequenten, hyperkritischen Teenager kennenzulernen, aber sie selbst kommen nie zu Wort in Laura Naumanns neuem Stück "Manchmal hat die Liebe regiert und manchmal einfach niemand". Sie liefern lediglich den Anstoß für 110 Minuten meist leider deutlich oberflächlicherer Konflikte.


Schauspielhaus Bochum

Die Lebensunfähigen

von Stefan Keim

Bochum, 29. Mai 2016. Der Junge ist doch lebensunfähig. Marc ist 19 Jahre alt, hat – laut Vater Gerd – ein "beschissenes Abi" gebaut und tut nichts. Genauer gesagt: Er hängt in seinem Zimmer rum, frisst den Kühlschrank leer und macht nachts Party. Lebensunfähig ist auch Heidrun, eine Frau Mitte dreißig, psychisch krank und Köchin in einer Kantine. Ohne ihre Medikamente und die Hilfe ihrer Tochter käme sie kaum klar. Oder? Natürlich ist auch die Frage erlaubt, wer da eigentlich anderen Menschen die Lebensfähigkeit abspricht. Und da wären wir mitten drin im neuen Stück von Lutz Hübner und Sarah Nemitz. "Wunschkinder" hatte nun in den Bochumer Kammerspielen Uraufführung.


Schauspielhaus Bochum

Bruder Höfgen

von Andreas Wilink

Bochum, 13. Mai 2016. "Der Bursche ist eine Katastrophe. Das ist kein Grund, ihn als Charakter und Schicksal nicht interessant zu finden." Was Thomas Mann in seinem Essay "Ein Bruder" über Hitler schrieb, gilt auch für des Führers besten (fiktiven) Schauspieler Hendrik Höfgen. Im Bochumer Schauspielhaus ist einem der Kerl nur zu geheuer. Ein harmloser, das Ausnahmetalent mühevoll ausschmückender, einen Song lang gepflegten Gegenwarts-Zynismus vortragender Allerwelts-Theatermensch: Raiko Küster.


Schauspielhaus Bochum

Unterm Babytrichter

von Dorotheas Marcus

Bochum, 9. April 2016. Seit 2013 wurden Elfriede Jelineks "Schutzbefohlene" rund ein Dutzend Mal inszeniert, die Diskurse und Ereignisse haben sich in dieser Zeit wild überschlagen. Zum Glück schrieb die Nobelpreisträgerin weiter an ihrer großen zynisch entlarvenden Anklage der europäischen Flüchtlingspolitik. Zwischendurch wurde wohl auch ihr unheimlich zumute, immer wieder streute die sonst so genau um menschliche Bösartigkeit und Schwäche wissende Nobelpreisträgerin fast tagebuchartig eigene Zweifel, Ratlosigkeit und Überforderungsgefühle ein, zeigte ihre eigene Abgeschottetheit, Hilfsunwilligkeit und Unwissenheit her.


Schauspielhaus Bochum

Du solltest Dir kein Bildnis machen

von Andreas Wilink

Bochum, 3. April 2016. Angaben zur Person: Anatol Ludwig Stiller, Bildhauer, Geburtsort Zürich, zuletzt wohnhaft Steingartenstraße 11, verheiratet, seit sechs Jahren verschollen, an der Schweizer Grenze aufgegriffen und in Haft genommen.


Schauspielhaus Bochum

Radikaler Optimismus

von Gerhard Preußer

Bochum 11. März 2016. Der Mensch ist gut, die Gesellschaft ist böse. Die böse Gesellschaft macht die guten Menschen böse. (Böse heißt hier "kapitalistisch, materialistisch", gut dagegen "antikapitalistisch, postmaterialistisch".) Aber die böse gewordenen Menschen können sich aus diesem gesellschaftlichen Zwang befreien und ihre Güte in individuellen oder kollektiven Akten menschlicher Solidarität wiedergewinnen. Das ist das schlichte gedankliche Gerüst der Weltanschauung, die sich "Aktivismus" nennt. Anders Lustgarten, der Autor des in Bochum zum ersten Mal auf Deutsch gespielten Stückes "Lampedusa", ist ein Aktivist.


Schauspielhaus Bochum

Sire, geben Sie Datensicherheit!

von Stefan Schmidt

Bochum, 7. November 2015. Dieser Don Karlos war eigentlich mal Michel aus Lönneberga. Also, korrekt muss es natürlich heißen: Schauspieler Torsten Flassig, der in der neuen Bochumer Schiller-Inszenierung den Kronprinzen von Spanien gibt, war am selben Haus auch schon als Lausejunge von Schweden zu sehen.


Schauspielhaus Bochum

Die Sterntaler regnen nicht mehr

von Sascha Westphal

Bochum, 4. Oktober 2015. Vier Akte lang regnen in einem fort Goldpapierschnipsel auf die meist leere, nach hinten ein wenig ansteigende Bühne herab. Mal ist dieser Flitter-Regen etwas dichter, alsdann lässt er wieder nach. Es ist ganz so, als müssten sich die seltsamen Kräfte des Himmels immer wieder aufs Neue sammeln.


Schauspielhaus Bochum

Wie die Zeit vergeht

von Andreas Wilink

Bochum, 5. September 2015. "Der Kirschgarten" ist ein Stück über Zeit, so wie "Der Zauberberg" ein Zeit-Roman ist, in dem es heißt, dass, wenn ein Tag wie alle ist, alle wie einer sind. Ein Stück über Kurzweil, die man mit einem Fest oder mit Amouren oder Fantasien und Flausen über Arbeit und Glück zu gewinnen sucht, und Langeweile, über alte und neue Zeit, über gestrige und morgige Zeit, über stehende, vergehende und abgelaufene Zeit. Aber die Zeit, die ist ein sonderbar' Ding. Ihr Gestalt und Gewicht, Volumen und Raum zu geben, ein schwieriges Unterfangen. Der ungarische Regisseur Tamás Ascher versucht es im Bochumer Schauspielhaus. Aber es bleibt wie ein Haschen nach dem Wind. Er gestaltet die Langeweile nicht (oder nur äußerlich), er erzeugt Langeweile.


Schauspielhaus Bochum

Und wie es uns gefällt!

von Martin Krumbholz

Köln, 8. Mai 2015. Fabelhaft! Es ist ein seltenes Glück, eine Shakespeare-Aufführung zu erleben, die energiegeladen und zartfühlend zugleich ist, charmant-verspielt und doch luzid wie eine Partie Schach. Anknüpfend an sein auch schon überzeugendes Bochumer "Was ihr wollt" hat Roger Vontobel sich für seine erste Kölner Inszenierung an "Wie es euch gefällt" gewagt – das kompliziertere Stück. "Was ihr wollt" ist glasklar konstruiert; "Wie es euch gefällt" bei weitem dunkler, rätselhafter.


Schauspielhaus Bochum

Alles im Fluss

von Andreas Wilink

Bochum, 18. April 2015. Der Märchen-Hans der Gebrüder Grimm hatte es einfach. Sein Tauschhandel vom Batzen Gold zum Pferd zur Kuh zum Schwein zur Gans zum Wetzstein folgte scheinbar einer gerade abfallenden Linie. Er wird übers Ohr gehauen. Aber das Übervorteilt-Werden durch seine Geschäftspartner in ihrer Selbstsucht bringt ihn zur Erkenntnis, dass Eigentum Mühe macht. Hans wird alles los. Frei von Ballaststoffen. So erzählt sich eine Utopie über die Grenzen des Wachstums und über das Gesundschrumpfen. Hans hat sich erleichtert. Was unter ökonomischen Aspekten wie ein Verlust aussieht, tut gut für den persönlichen Glücksgewinn.


Schauspielhaus Bochum

Terror der Ungenauigkeit

von Martin Krumbholz

Bochum, 28. Februar 2015. Ein Gericht also. In einer Art Frontaloffensive geht die Regisseurin Daniela Löffner Arthur Millers "Hexenjagd" von 1953 an, schon beim Betreten des Zuschauerraums erblickt man eine rampenbreite moderne Gerichtsanlage mit Mikrofonen, Laptops und allem Pipapo, in der ein rundes Dutzend Richter, Angeklagte und Zeugen Platz nehmen werden, um herauszufinden, ob 1692 an der amerikanischen Ostküste der Teufel umgeht. Schließlich hat Miller ja mit seinem Erfolgsstück nicht zuletzt dem Amerika seiner Zeit den Prozess gemacht, einem Land, das unter dem berüchtigten Senator McCarthy eine Unzahl von Bürgern – und vor allem Intellektuelle – in den Fängen des Kommunismus moralisch vor die Hunde gehen sah.


Schauspielhaus Bochum

Vor dem Sanatorium Europa

von Sascha Westphal

Bochum, 31. Januar 2015. Wenn ihm schon nicht das letzte Wort gehört, so doch wenigstens das erste. Don John, dieser Intrigant aus Leidenschaft, der nur glücklich sein kann, wenn alle anderen unglücklich sind, ist erzürnt. Er will beim Spielen seine Ruhe haben und nicht von irgendwelchen Dahergelaufenen (oder in diesem Fall eher Dahergeschwommenen) beobachtet werden. Schließlich habe er 10.000 Euro für seinen Aufenthalt bezahlt.


Schauspielhaus Bochum

Die Einsamste unter den Einsamen

von Sascha Westphal

Bochum, 9. November 2014. Fünf Stühle, penibel nebeneinander aufgestellt, stehen im Zentrum der Spielfläche. Eine Achse in einem Kreis auf dem Boden, der auch ein Kompass sein könnte. Eine Familie demonstriert Geschlossenheit. Schließlich hat die Käthe, die junge Ehefrau, gerade ihr erstes Kind zur Welt gebracht. Und nun sitzen sie da aufgereiht, Käthe und ihr Mann Johannes zusammen mit dessen Eltern, Herrn und Frau Vockerat.


Schauspielhaus Bochum

Dead Bank Walking

von Stefan Keim

Bochum, 25. Oktober 2014. Der lange, schlaksige Mann im dunklen Anzug erinnert an Nosferatu. Doch Mercadet ist kein Phantom der Nacht, sondern des Finanzmarktes. Ein Dämon der Derivate mit bösem Blick und bleichen Gesicht, bis über die großen Ohren verschuldet. Doch das macht nichts, denn Geld ist bloß Spielmasse und "Steuerzahler" ein Schimpfwort. Ein bisschen Humankapital hat Mercadet noch, Julie, sein Tochter-Unternehmen, das er mit einem anderen Geldhai fusionieren, vulgo verheiraten will.


Schauspielhaus Bochum

Lebenszeichen eines Soziopathen

von Friederike Felbeck

Bochum, 21. September 2014. Es ist eine weiße Hölle, vor deren Hintergrund sich Menschen wie Schmeißfliegen abheben. Eine teure Designerlampe, die andernorts als "nackte Glühbirne" durchgeht, ist neben einer Zimmerpflanze, der man fast wünschen möchte, sie möge künstlich sein, das einzig Verwegene im Raum. Ein Diener in lindgrüner Livree wie aus einem Molière-Stück hält ein silbernes Tablett mit Zahnputzglas. Der Unternehmer Quitt sinniert, in Seide und Kirchenpurpur gehüllt, während er sich mit einer elektrischen Zahnbürste die Beißer poliert, über sein "Gemütsleben" und das, was uns am Ende alle gleich macht: die Scheißerei, den Haarwuchs, den Tod. Seine Zentrale der Macht mit Ledersofa und Plastikstühlen, in die er vier befreundete Unternehmer zu illegalen Absprachen einlädt, gibt es gleich dreifach: drei identische Räume kreisen auf der Drehbühne um die eigene Achse und die Figuren klappern auf ihrem Weg von Raum zu Raum mit den Türen wie im schönsten Boulevardtheater.


Schauspielhaus Bochum

Im Echoraum des Jürgen Gosch

von Sascha Westphal

Bochum, 20. September 2014. Gleich zweimal kurz hintereinander verkündet die gelangweilte und aus Unentschlossenheit grausame Elena Andrejewna: "Dieses Haus hat etwas Desolates". Damit spricht sie genau das aus, was das Publikum weiß, seit es den Saal betreten hat. Schließlich wird Oliver Helfs Bühnenbild von einem großen und recht weitläufigen Gerüst dominiert, auf dem nur ein paar Holzbalken liegen und eine Art Dach andeuten. Eine Pfütze, in der in einer Szene gleich drei Figuren auf einmal ausrutschen werden, komplettiert das traurige Bild des Verfalls. Dieses Haus hat wahrhaft etwas Desolates.


Schauspielhaus Bochum

Knappe Shorts im Berghain

von Friederike Felbeck

Bochum, 10. Mai 2014. Manchmal lohnt es sich, auf dem Rücken zu liegen und in die Sonne zu schauen. Die Schatten der hoch gestreckten Hände teilen den Himmel und zeichnen magische Figuren im Gegenlicht. So kommen einem die Figuren in diesem "Sommernachtstraum" vor: Hippolyta ist in die Jahre gekommen, ein wenig steif um die Hüften und zu fein für Vieles. Ihr Mann, Theseus, ein aufgekratzter auf ewig jung getrimmter Hans-Dampf-in-allen-Gassen, blasiert und eitel wie Berlusconi auf dem Weg ins Altersheim.


Schauspielhaus Bochum

Ein Platz für Tiere

von Andreas Wilink

Bochum, 15. März 2014."So etwas tut man doch nicht", Ibsens berühmtes Schlusswort, ist gestrichen. Also auch der Pistolenknall, mit dem sich Hedda Gabler aus der Welt schießt. Muss sie auch nicht. Tote beziehungsweise Untote brauchen ihr Leben nicht mehr zu beenden. "So etwas tut man doch nicht", könnte man freilich dem Regisseur Roger Vontobel entgegenhalten, der vor dem Stück und der Titel-Frau kapituliert. Er streckt die Waffen, die Hedda selbst nicht zum Einsatz bringt. Ersetzt sie durch die Instrumente plattester Symbolik und formiert die Figuren des Stücks am Ende zum Gruppenbild, angereichert um elf Kinderlein und Papa Gabler, die alle den verdächtig gleich rot geschminkten Mund zur Schau tragen, was immer das zu bedeuten hat.


Schauspielhaus Bochum

Ein Käfig voller Bruchpiloten

von Stefan Keim

Bochum, 13. März 2014. Moana ist voll auf Leistung. Ihr ganzes Sein unterwirft sie dem Ziel, in einer Unternehmensberatung Karriere zu machen. Im Fahrstuhl, wo alle nahe zusammen stehen, lächelt sie nicht zu sehr, falls sie Speisereste zwischen den Zähnen vergessen haben sollte. Und ihrem Freund führt sie Varianten dunkelgrauer Businesskostüme vor, die er gar nicht unterscheiden kann. Sie will älter wirken. Hauptsache, sie fällt nicht negativ auf. Die 23jährige Laura Naumann zeichnet ein düsteres Porträt einer Gleichaltrigen in ihrem neuen Stück "Raus aus dem Swimmingpool, rein in mein Haifischbecken."


Schauspielhaus Bochum

Der erste Mann im Leben eines Mädchens

von Friederike Felbeck

Bochum, 15. Februar 2014. Die Vorhänge vor den Fenstern sind alle verschlossen. Etwas Schreckliches ist geschehen. Aber auf der Leine hängt wie zum Trotz strahlend weiß gewaschene Wäsche. Ein Familienvater kehrt an einem Freitag nach jahrelanger Haft zurück nach Hause. Sein Anzug schlabbert um den schmal gewordenen Körper. Seine Frau hat inzwischen ein Kind mit dem jüngeren Nachbarn. Die gemeinsame Tochter, die ihn des Inzests beschuldigt hat, ist fortgezogen. Schon in der ersten Stunde des Wiedersehens mit Jeanne, seiner Frau, brechen die üblichen Streitereien los, der trübe Alltag aus Gewalttätigkeiten und Erregung wird nach Jahren der Trennung sofort wieder nach oben gespült. Dabei schwebt über allem die Frage, was tatsächlich zwischen Vater und Tochter geschehen ist.


Schauspielhaus Bochum

Die Rückkehr der Ruhrpott-Ritter

von Friederike Felbeck

Bochum, 24. Januar 2014. Der schwarz vertäfelte Eiserne Vorhang der Kammerspiele hebt sich wie vor einem Förderkorb, der in der Grube ankommt: dahinter dichter Nebel, aus dem sich die Silhouette eines Mannes herausschält. Er windet sich, dreht sich am Boden, fräst sich in etwas hinein. Die Ketten mit den leeren Püngelhaken, an denen die Kleidung der Bergarbeiter unter der Decke aufbewahrt wurde, klimpern beim Hochziehen. Von schmalen Sicherheitsleitern klettern weitere Männer in Arbeitskleidung herunter. Zu Klängen destillierte Maschinengeräusche sind die einzige Musik, zu der sich die Tänzer auf der Bühne bewegen und so von ihrer Arbeit unter Tage oder als Stahlkocher erzählen. Eine riesige Metallplatte, dahinter blitzt es wie in einem Hochofen, fällt um. Die Männer dreschen mit Vorschlaghammern auf sie ein. Dann laufen sie mit ihren schweren Sicherheitsschuhen auf der krumm geschlagenen Platte wie man auf einem Instrument spielt. Sie laufen und laufen, wie Massai-Krieger bei der Wüstendurchquerung. Ihre kraftvollen Körper erscheinen martialisch im Gegenlicht.


Schauspielhaus Bochum

Lust am Experiment mit Menschen

von Martin Krumbholz

Bochum, 18. Januar 2014. Fast wäre David Bösch der Versuchung erlegen, das Stück umzubenennen. Auf dem Video, das eingangs über den Vorhang flimmert, heißt es jedenfalls ausdrücklich: "Othello & Desdemona" – als wäre dies wie "Romeo und Julia" die Geschichte zweier Liebender, die ohne eigenes Verschulden unter die Räder geraten. Das ist – wie auch Bösch weiß – nicht ganz richtig: Es ist nicht zuletzt Othellos stupende Dummheit, die die Tragödie ermöglicht. Außerdem gehört das Stück natürlich ganz und gar Jago. Shakespeares Sympathie richtet sich so wenig auf den Außenseiter Othello wie etwa im "Kaufmann von Venedig" auf Shylock – es sind weder die Gebote politischer Korrektheit noch zufällige subjektive Befindlichkeiten, die das Interesse des Elisabethaners lenken; es sind soziale und psychologische Handicaps.


Schauspielhaus Bochum

Mysterien der Probebühne

von Andreas Wilink

Bochum, 14. Dezember 2013. Kommen zwei Schauspieler zur Bühne Welt – und das geht so: Zur Einstimmung erfolgt ein Vorruf auf dem Theater. Er klingt wie ein Hymnus, als würde ein Poeta laureatus in die Saiten greifen: "Der bisweilen leere Raum" titelt der Prolog von Martin Heckmanns und hört hinein in den Echoraum der möglichen (oder nötigen) körperlichen und geistigen Gemeinschaft in ihrer "gemeinsamen Atmung", die das Theater herstellt. Manchmal. Motive von Vergänglichkeit, Zeitlichkeit, Verausgabung werden angeschlagen, aber nicht so, wie ein Antiker oder der Deutsch-Hellene Hölderlin gedichtet hätten, auch wenn der ferne Klang der Götter Griechenlands herüber zu tönen scheint. Vielmehr gebrochen, ironisch, scherzhaft, nonchalant mokant. Das auktoriale "wir" ermuntert uns zu erheitertem Einverständnis.


Schauspielhaus Bochum

Letzte Runde!

von Regine Müller

Bochum, 6. Oktober 2013. Nein, Herbert Grönemeyer war nicht da. Obwohl er hier, am Bochumer Schauspielhaus als Klavierspieler, Musikchef und sogar als Schauspieler doch seine ersten Bühnenerfahrungen gesammelt hat. Und obwohl der in Bochum aufgewachsene Deutschrocker der Stadt mit dem Song "Bochum" ihre Hymne verpasste und damit der ganzen Region einen trotzigen Lokalpatriotismus-Reißer. Eine überfällige Idee eigentlich, den Barden mit einem "Singspiel" endlich heimzuholen an den Ort seiner künstlerischen Initiation. Und natürlich eine sichere Bank für ein volles Haus. Denn Liederabende gehen immer und erst recht, wenn nicht nur à la Wittenbrink Evergreens durchgenudelt werden, sondern Songs mit maximalem Identifikations-Potenzial. Noch dazu eingefasst mit einer lose gestrickten, locker formulierten Rahmenhandlung von Lutz Hübner, dem Spezialisten für funktionstüchtige Theatertexte von lakonischer Leichtigkeit.


Schauspielhaus Bochum

Stell dich gefälligst da hin, du König!

von Stefan Schmidt

Bochum, 3. Oktober 2013. Roger Vontobel ist ein Geschichtenerzähler. Als Hausregisseur hat der Schweizer am Bochumer Schauspielhaus unter anderem schon aus antiken Dramen die Familiensaga der Labdakiden zusammengezimmert. Zum Tag der deutschen Einheit schickt er nun Sippschaften hiesig nationaler Provenienz auf die Bühne. Und konsequenterweise sitzt das Publikum mittendrin in den Hallen von Macht, Leid, Rache, Treue, Hoffnung, Liebe und Verrat, in denen Friedrich Hebbels "Nibelungen" spielen: Der Zuschauerraum ist durch breite schwarze Lamellen verengt, die sich auf der Bühne fortsetzen. Durch die Mitte der Reihen führt außerdem ein schräger Steg nach oben, auf dem es sich vortrefflich flehen, zürnen, rennen, auf- und abgehen lässt und der ebenfalls seine spiegelbildliche Entsprechung auf der Bühne findet.


Schauspielhaus Bochum

Aschenputtel am Fließband

von Stefan Schmidt

Bochum, 2. Juni 2013. Die Welt ist mal wieder düster und grau bei David Bösch. Als Hausregisseur hat er am Bochumer Schauspielhaus sein Herz für geschundene Kreaturen geöffnet: für Falladas Kleinen Mann zum Beispiel, für die, die bei Borchert Draußen vor der Tür stehen, und natürlich für Büchners Woyzeck. Er ist der Prototyp des Bösch'schen Losers (ursprünglich in einer Essener Produktion unter dem heutigen Bochumer Intendanten Anselm Weber). Als Reminiszenz an diese (zu Recht) viel gelobte Inszenierung hängt auch jetzt wieder das alte Industriewaschbecken unter einer gleißenden Neonröhre an einer ansonsten reichlich kahlen Wand.


Schauspielhaus Bochum

Endstation Alltagsrealität

von Sarah Heppekausen

Bochum, 15. Mai 2013. Sie kann sich nicht bewegen. Wie versteinert sitzt Anita auf ihrem Stuhl, festgezurrt unter meterlangen Spinnenweben. Ein Haufen altes Leben. Die Zeit hat sichtbare Spuren hinterlassen. Anita ist etwa 65 Jahre alt, pensionierte Grundschullehrerin, seit einem Jahr verwitwet. Sie glaubt an Gott und an das Gute. Dass die Dinge sich schon wieder entkrampfen werden, das ist ihre zuversichtliche Sicht auf die Welt. Eine versponnene Frau.


Schauspielhaus Bochum

Ach, Liliom

von Martin Krumbholz

Bochum, 6. April 2013. Ein bisschen interessant wird diese Aufführung erst auf der Zielgeraden. Wenn Liliom schon tot ist; wenn die Bühnenschräge sehr steil gestellt, die breit orchestrierte Musik sehr laut gedreht wird und der Titelheld in den Bühnenhimmel oder sonstwohin kraxelt und erklären soll, warum er den Hausmeisterposten auf Erden abgelehnt, stattdessen einen dilettantischen Raubüberfall inszeniert und sich das Leben genommen hat (Antwort: aus gekränktem Stolz), und ob er denn irgendwann, nach sechzehn Jahren oder so, noch mal zurück will auf diese Erde und alles wieder gutmachen. Interessant heißt in Wirklichkeit aber auch nur: spektakulär. Es gibt mal was anderes zu sehen als aneinander stoßende Autoscooter, die zeitgemäße Entsprechung für das "Ringelspiel", in dem Liliom arbeitet oder jedenfalls das tut, was er dafür hält: Leute aufreißen. Liliom, der Strizzi, der Hallodri, der Macho, das Großmaul, der Faulpelz, der "Hutschenschleuderer", der Nicht-Hausmeister, der Verbrecher aus Verlegenheit, das verkannte Genie.


Schauspielhaus Bochum

Die Diva und die Wechseljahre

von Martin Krumbholz

Bochum, 22. März 2013. Der Schauspieler, Autor und Regisseur John Cassavetes ist ein herausragender Vertreter des American Independent Cinema. In den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts machte er mit kaum mehr als einem halben Dutzend Filmen Epoche, in deren Mittelpunkt häufig seine Ehefrau Gena Rowlands stand: darunter "Eine Frau unter Einfluss" und "Gloria". Die bewegliche Kamera, die hitzigen Dialoge, das oft improvisiert wirkende Spiel: das waren Stilmerkmale, die (vor allem in Europa) Bewunderer und Nachahmer fanden.


Schauspielhaus Bochum

Ophelia liebt Barren-Bondage

von Stefan Keim

Bochum, 9. März 2013. Nüchtern betrachtet ist Hamlets Lage gar nicht so schlimm. Er ist Kronprinz im Staate Dänemark, hat eine standesgemäße Verlobte und einen Freund, Horatio, auf den er sich verlassen kann. Dass Onkel Claudius gerade Hamlets Vater ermordet, die Krone an sich gerissen und die Mutter des Prinzen geheiratet hat, mag die Stimmung dämpfen. Aber so etwas kommt vor in Führungseliten, und mit den richtigen Therapien und Medikamenten lassen sich Anflüge von Schwermut in den Griff kriegen. Nicht bei Hamlet, der junge Mann zelebriert seinen Weltekel.


Schauspielhaus Bochum

Unter Überflüssigen

von Michael Laages

Bochum, 3. Februar 2013. Er nicht. Nicht er. So viele Kumpel und Kollegen hat Jochen Bowatski (der sich lieber "Jimi" nennt) schon kaputt gehen sehen, als die Arbeit für sie ausgegangen ist und sie sich ohne Aussicht auf Zukunft in Hartz-IV-Land haben einrichten müssen. Aber so wie alle anderen will er nicht enden. Und nun hat ihm Kumpel Markus am Abend zuvor in "Monie's Eck" diesen Floh ins Ohr gesetzt – wenn Jimis Geschichte ein Film ist, hat Markus (frisch zurück aus der Psychotherapie und auch schon leicht angeschickert) bei Monie vor sich hin gesponnen, dann kommt jetzt der große Showdown; und Jimi Bowatski, seit ungezählten Jahren Gussstückverarbeiter von Beruf und vor allem mit der Feile unterwegs im Betrieb, geht zum Boss vom Ganzen und holt sich seinen Arbeitsplatz zurück.


Schauspielhaus Bochum

Vom Penthouse in die Niederungen

von Klaus M. Schmidt

Bochum, 2. Februar 2013. Der ist nicht zu packen. Holzhändler Shlink lässt seinen Gegner kommen und hat ihm schon entscheidende Schläge versetzt, bevor der es merkt. Boxfan Bertolt Brecht hat sein frühes Stück "Im Dickicht der Städte" im Vorwort als einen "unerklärlichen Ringkampf" bezeichnet, und unerklärlich bleibt er dann auch über weite Strecken in der Bochumer Inszenierung von Roger Vontobel. Der Leihbibliotheksangestellte Garga (Florian Lange) lässt sich jedenfalls zu Beginn auf eine Provokation Shlinks (Matthias Redlhammer) ein, versteht nicht, warum und wohin das führen soll, aber rennt blindwütig in die Richtung los, die ihm der Gegner vorgibt.


Schauspielhaus Bochum

Liebe allein genügt nicht

von Martin Krumbholz

Bochum, 1. Dezember 2012. Warum wohl nennt David Bösch das venezianische Gasthaus, in dem Beatrice und Florindo, die verkappten Liebhaber sich treffen, ohne voneinander Notiz zu nehmen: "Zum sterbenden Schwan"? Will der Regisseur mit Hilfe des Goldoni-Lustspiels von 1745 erklären, um die Liebe heutzutage sei es schlecht bestellt, sie sei müde auf den Tod? Die Auflösung kommt am Schluss der dreistündigen Aufführung. Da wird quasi lohengrinesk ein weihnachtsmarktgirlandenhaft glitzernder Super-Schwan auf die Bühne geschoben, Clarice und Silvio, das zweite Liebespaar im Stück, singen sich opernparodistisch gegenseitig an, während die als Mann verkleidete Beatrice und ihr Florindo, das Haupt-Paar, von der Regie eigenmächtig in den Liebestod geschickt werden.


Schauspielhaus Bochum

Ein Königreich für ein Schlagzeug

von Guido Rademachers

Bochum, 22. September 2012. "Richard III." beginnt mit "Heinrich VI." Nicht so sehr, weil es um das große Schlachten ginge, den Mechanismus der Macht quer durch Shakespeares Königsdramen und das Morden unabhängig von Zeiten, Herrschaftshäusern und Individuen. Darum geht es Regisseur Roger Vontobel natürlich auch. Irgendwie. Vor allem aber geht es ihm um Psychologie. Und Richard wurde erst zum Richard im "Heinrich VI."


Schauspielhaus Bochum

Die Beckmann-Passionalt

von Michael Laages

Bochum 4. Mai 2012. Geschichte liegt und lastet ja wie Bleistaub auf dem Stück – mit der Patina des allerersten literarischen Aufschreis aus frühester Nachkriegszeit; mit der Aura des Leidens all der Geschundenen, die das Schlachten überlebten; mit der Legende des Autors Wolfgang Borchert nicht zuletzt, der sich den Text in acht Tagen von der Seele geschrieben haben soll und die auf die Hörspielfassung im NWDR folgende Uraufführung an den Hamburger Kammerspielen schon nicht mehr erlebte; zwei Tage vorher war er gestorben, 26 Jahre alt.


Schauspielhaus Bochum

alt

Den Dämon beschwören

von Sarah Heppekausen

Bochum, 14. April 2012. Sie spricht etwas zu laut, diese Frau, zu exaltiert. Ihre Finger krampfen, knibbeln, kratzen. Ihr Oberkörper bäumt sich auf, und ihr Hals zieht sich lang, als stecke etwas zu Großes in ihrem Inneren, etwas Unbezähmbares. Diese Frau hat ein Begehren, eigentlich ein menschliches, allzumenschliches. Sie will Mutter werden. Aber ihre Sehnsucht ist nicht bloß schöpferischer, lebensspendender Natur. Sie bringt auch physische und psychische Zerstörung. Diese Frau ist eine Besessene.


Schauspielhaus Bochum

Raus aus meinem Theater!

von Sarah Heppekausen

Bochum, 24. März 2012. Das ist alles nur Spiel. Nachdem sein freakiges Gefolge den Eisernen gestemmt hat, betritt Volpone die bühnengroße Showtreppe, die Dominic Huber ihm im Bochumer Schauspielhaus errichtet hat. Im weiß strahlenden Mantel überm Glitzeranzug eröffnet der Fuchs seine Revue. Heute gehe es nicht um Liebe, Sex oder Haustiere, sondern ums Geld. Mit öffentlichen Banken mache er grundsätzlich keine Geschäfte, lässt er sein Publikum – also uns – wissen. Volpone ist kein Sparfuchs, er ist Showmaker. Seine Nummer ist die Hinterlist.


Schauspielhaus Bochum

alt

Brichst Du mir das Herz, brech ich Dir die Knochen

von Martin Krumbholz

Bochum, 28. Januar 2012. Wie man den Titel übersetzt, ist nicht entscheidend. Unübertrefflich ist ohnehin das italienische Original, "Le baruffe chiozzotte", etwa chiozzottische Raufereien oder chiozzottische Händel. Man mag das shakespearesierend "Viel Lärm in Chiozza" nennen oder aber auch, da das Fischerdörfchen in der Nähe von Venedig heute Chioggia heißt, "Zoff in Chioggia" – warum nicht. Nein, entscheidend ist etwas anderes. Carlo Goldoni hat sich in einer seiner letzten Komödien 1762 einem ihm eher unvertrauten Milieu zugewandt, den armen Fischern und ihren Familien, er hat dieses ungemein realistisch betrachtete Milieu als Rahmen für seine eher heiteren erotischen Rivalitäten benutzt, und er hat vor allem seinen liebenswerten Helden eine wunderbare, ganz eigene, lakonische Sprache gegeben – auch nach 250 Jahren ist das unverwüstlich.


Schauspielhaus Bochum
alt

Liebe im Keep-Smiling-Land

von Sarah Heppekausen

Bochum, 8. Januar 2012. Jedes Ankommen der beiden ist ein Abstieg. Wenn Pinneberg und seine Frau "Lämmchen" ein neues Heim beziehen, wenn Pinneberg als Angestellter seine Anzüge verkauft, wenn Lämmchen mit dem Neugeborenen nach Hause kommt – jedes Mal geht's ein Stückchen abwärts. Sie laufen, oder stolpern vielmehr, einen unebenen Schotterberg hinunter. Ihr Leben ist eine Kraterlandschaft, unsicher und immer nah am Abgrund.


Schauspielhaus Bochum
alt

Zerrissene Familie, gespaltenes Land

von Sarah Heppekausen

Bochum, 3. Dezember 2011. Die Ärmel seiner Wolljacke sind ein wenig zu lang. Seine früher starken, auch mal zuschlagenden Hände verschwinden fast darin. Sein Kopf und sein Nacken fallen immer wieder nach vorn. Äußerlich hat dieser Alte trotz aller Gebrechlichkeit etwas Gemütlich-Teddyhaftes. Bis er den Mund aufmacht. Dann sprechen Sturheit, Bösartigkeit und Kompromisslosigkeit, und der alte Mann ist wieder ganz der Papa. Das ist der Name, den er in Biljana Srbljanovićs neuem Stück "Das Leben ist kein Fahrrad" trägt. "Papa". Das klingt nicht nur so, das hat auch tatsächlich einen persönlichen Hintergrund.


Schauspielhaus Bochum
alt

Im Sturm der Identitäten

von Ulrich Fischer

Bochum, 5. November 2011. Die Bühne ist offen, wenn das Publikum das Große Haus des Bochumer Schauspiels für Roger Vontobels neue Inszenierung von Shakespeares "Was ihr wollt" betritt. Eine Hochzeitsgesellschaft feiert. Claudia Rohner hat für ihr Bühnenbild einen Himmel mit Glühbirnen entworfen, der an Brechts "Kleinbürgerhochzeit" erinnert – doch die Gesellschaft ist besser gekleidet, die Damen tragen Hüte, wie sie in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts Mode waren. Links sitzt ein Pianist am Flügel und spielt flott. Es wird gesungen, während das Publikum Platz nimmt.


Schauspielhaus Bochum
alt

Zeit deformiert alles

von Sarah Heppekausen

Bochum, 6. Oktober 2011. Über dreieinhalb Etagen türmt sich das Haus der Schwestern bis in den Schnürboden hinauf. Das Untergeschoss ist nur zur Hälfte einsehbar. Fragmente des Bauens zieren die vielen quadratischen Zimmer, hier eine Säule, dort eine Ziegelwand. Oder Absperrband, Holzvertäfelung, Strukturtapete, Kinderschutzgitter, eine Skyline-Miniatur. Architekturzitate, die Wohnlichkeit und Fernweh andeuten, abgesicherte Enge und die luftige Illusion der unerreichbaren Großstadt.


Schauspielhaus Bochum
alt

Der Schlamm der fernen Schlachten

von Dina Netz

Bochum, 16. Juni 2011. Johanna hört zunächst nur ihr Echo, das immer wiederkehrt, sich vervielfacht und sie bedrängt. Dann reden sechs Richter von einem Tribunal auf einem Podest auf sie ein und fordern, sie möge die Wahrheit sagen. Johanna weigert sich, gefasst, wenn auch nervös, sich zu Glaubensfragen zu äußern. Doch schon bedrängt sie der Nächste, ihr eigener Vater, der sie verheiraten will. Sie streift seinen Arm ab, weil sie gerade Gottes Stimme hört, die sie auffordert, ihr französisches Vaterland vor der Invasion der Engländer zu retten: diese Johanna wird von allen Seiten drangsaliert und mit Erwartungen überhäuft.


Schauspielhaus Bochum
alt

Viel Platz an der langen Familientafel

von Sarah Heppekausen

Bochum, 6. Mai 2011. Ein langer gedeckter Tisch auf der Bühne – unmissverständlich weist der doch immer auf das eine hin: auf das Familiendrama. Auf ein Wiedersehen unter den lieben Verwandten mit ungeahnten Folgen. Aufgetischt werden dann nicht nur die leckersten Speisen und kostbarsten Weine, sondern auch geheim gehaltene Tragödien, Verhältnisse und Verwicklungen. Übrig bleibt am Ende meist nur ein Scherbenhaufen zerbrochenen Geschirrs und zerstörter Illusionen.


Schauspielhaus Bochum
alt

Rossmanns comic-hafte Reise 

von Regine Müller

Bochum, 28. April 2011. Über Franz Kafkas "Amerika" schrieb einst Kurt Tucholsky: "Die leise, bescheidene Art, mit der er die Gesten der ernsten und werktätigen Menschen nachahmt, ohne eigentlich ihren Inhalt zu verstehen oder etwa zu bejahen, erinnert sehr stark an Chaplin; doch ist bei dem eine Ironie dabei, die hier fast ganz fehlt, und beide beschämen die Nachgeahmten." Im Bochumer Schauspielhaus steckt Dimitrij Schaad als Karl Rossmann in einem etwas zu kleinen, schwarzen Anzug und erinnert tatsächlich – und virtuos in seiner glaubwürdigen Naivität – entfernt an Charlie Chaplin und dessen freundlich verzweifelte Überforderung mit den unbarmherzigen Gegebenheiten des American Way of Life.


Schauspielhaus Bochum
alt

Wurf mit Hähnchenkeulen in Richtung Frau

von Sarah Heppekausen

Bochum, 19. Februar 2011. "Es geht immer besser", sagt Karoline am Ende. Einmal, zweimal, dreimal. "Immer besser" wiederholen auch die anderen Bierfestgesellen vor sich hin murmelnd. Und nicht einem von denen, die sie da verlassen und verletzt haben, betrunken und blutend auf der Bühne abhängen, glaubt man diese Worte.


Schauspielhaus Bochum
alt

Alles misslang mir, sogar mein Tod!

von Dina Netz

Bochum, 29. Januar 2011. Cyrano de Bergerac ist ein tragischer, romantischer Liebender und damit eigentlich eine perfekte Bühnenfigur. Denn dieser Cyrano, Erfinder, Freidenker, Dichter und Soldat, liebt seine Cousine Roxane. Wäre da nicht sein wenig ansprechendes Äußere, speziell eine enorm hervorstechende Nase: so wagt Cyrano es nicht, sich Roxane zu offenbaren. Die liebt ohnehin den jungen, schönen Christian. Dem allerdings mangelt es nicht nur an Intelligenz, sondern auch an der Fähigkeit, seine Gefühle in schöne Sätze zu kleiden, um Roxane mit heißen Briefen zu umgarnen. Der auf diesem Gebiet deutlich talentiertere Cyrano übernimmt diesen Dienst dann nur zu gern für ihn.


Schauspielhaus Bochum
alt

Oh, Kinderschreck!

von Andreas Wilink

Bochum, 28. Januar 2011. Es sei dies ein Stück "so vielschichtig wie Shakespeares 'Sommernachtstraum'", schreibt Golo Mann in seinen Lebenserinnerungen über "Die Ratten" anlässlich einer Aufführung zu Ehren von Gerhart Hauptmann zu dessen 70. Geburtstag. Nun würde man David Bösch nicht unbedingt für einen Leser dieses Historikers europäischer Geschichte halten wollen (eher schon die Dramaturgie am Haus von Anselm Weber) – allein, Bösch, der seine Regiearbeit in Essen zu Webers Start 2005 am Grillotheater mit eben diesem Shakespeare begonnen hatte, lässt nun am Bochumer Schauspielhaus in Webers erster Saison "Die Ratten" folgen.


Schauspielhaus Bochum

Wo die groben Kerle wohnen

von Klaus M. Schmidt

Bochum, 4. Dezember 2010. "Faust I" und "Faust II" in drei Stunden, 15 Minuten? Da muss man natürlich auf einiges verzichten. Auf Auerbachs Keller etwa oder auf eine drastische Walpurgisnacht. Dann auch auf das vielköpfige Personal aus der Mythologie. Der türkische Regisseur Mahir Günsiray reduziert die Figuren in diesem "urdeutschen Werk" (Programmheft) auf dem Besetzungszettel auf Faust, Mephisto, den Homunculus und Lynkeus. Dafür fällt der ewige Sinnsucher Faust zunächst unter die Gaukler, und deren etwas heruntergekommene Truppe hat gleich acht Mephistos zu bieten.


Schauspielhaus Bochum

Die Heile Welt und ihre Enttarnung

von Sarah Heppekausen

Bochum, 2. Dezember 2010. Im Programmheft ist ein Probentagebuch abgedruckt. "Viel Freiheit, viel Unsicherheit" steht da unter Tag eins "Bauprobe". Wobei von einer Bauprobe wohl kaum die Rede sein kann, weder ein Bühnenmodell noch ein Kostümentwurf lag bei diesem ersten Treffen vor. Denn Autor und Regisseur Jan Neumann hat sich für eine Erarbeitung des Stücks erst während der Proben und gemeinsam mit dem Ensemble entschieden. Am Anfang gab es nur das eine Wort: Hochstapeln. Das hat es dann allerdings auch bis zum Titel geschafft.


Schauspielhaus Bochum

"Das ist doch scheiße, oder?"

von Kerstin Edinger

Bochum, 28. Oktober 2010. Es ist schon viel geredet und geschrieben worden über die junge Generation. Kein Etikett, dass man ihr nicht angeheftet hätte. "Generation Notebook", "Generation Praktikum", "Generation Suff." Während Erwachsene über ihre Zukunft reden, leben die Jugendlichen in ihrer eigenen Welt. Einen wirklichen Austausch gibt es selten. Nuran David Calis enttarnt mit seinem an Authentizität kaum zu übertreffenden Stück das ambitionierte Gerede als großen Etikettenschwindel.


Schauspielhaus Bochum

Oh, der Mensch

von Sarah Heppekausen

Bochum, 9. Oktober 2010. Ödipus ist ein Familienmensch. Bevor er selbst auftritt, sind seine kleinen Kinder da. Die vier spielen auf dem repräsentativen Teppich vor dem Tor des Herrscherhauses. Bis ihre Mutter sie hereinholt und der Vaterkönig sich offenen Ohres seinem Volk und dessen Pestleiden zuwendet. Ödipus wird seine Frau und seine Kinder noch häufiger um sich versammeln. Dann stehen sie, adrett gekleidet, hinter ihm wie der sichere Hafen. Oder als wären sie allzeit bereit für eins der hübschen Familienporträts, die später noch im Großformat zu sehen sein werden. Vater, Mutter, Kinder – im Garten, beim Schwimmen, beim Spielen mit dem Hund.


Schauspielhaus Bochum

Der lange Schatten der Lüge

von Dina Netz

Bochum, 26. September 2010. Fünf Premieren an vier Tagen hat der neue Bochumer Intendant Anselm Weber zur Spielzeiteröffnung gezeigt – fünf sehr verschiedene ästhetische Zugriffe –, den letzten Abend aber hatte er für sich selbst aufgehoben: Weber brachte "Eisenstein" von Christoph Nußbaumeder an den Bochumer Kammerspielen zur Uraufführung.


Schauspielhaus Bochum

Am Tag, als Ariel das Fliegen lernen wollte

von Sarah Heppekausen

Bochum, 25. September 2010. Ariel fliegt. Er streckt die Arme in die Luft, die Wolken ziehen auf der Bühnenrückwand vorbei. Aber der Himmel ist nur ein Videobild und Ariels Flug nicht mehr als eine schöne Illusion. Hustend und erschöpft fällt er auf die Knie und den sandigen Boden der (Schein-)Realität. Dem in Luftnot Geratenen bleibt nicht mehr als ein verzweifelter "SOS"-Ruf. Ariel will hier weg, er ist genervt vom ewigen Meeresrauschen. Wenn der schaffensmüde Luftgeist seine Zauberwerke vollbringt, wirft er Glitter in die Luft, als müsse er sich selbst von deren Strahlkraft überzeugen. Eigentlich ist er nur Handlanger Prosperos, der als ehemaliger Herzog von Mailand sein Dasein auf einer Insel fristet. In dieser Inszenierung aber macht Ariel die große Show.


Schauspielhaus Bochum

Gärtnern mit Muße oder Der Mut resignativer Selbstbescheidung

von Andreas Wilink

Bochum, 23. September 2010. Es hat immer etwas zu bedeuten – manchmal erst im Nachhinein. Der Beginn einer Intendanz zeigt Flagge, die in Bochum schon mal gehisst wurde als strahlendes Freibeuter-Fanal. Damals, 1995, enterte Leander Haußmann das Schauspielhaus an der Königsallee in 44789 Bochum und bewies mit Tschechows "Vaterlosen", dass es möglich ist, Schaubühne und Volksbühne zu vereinen. Er kam damit Peter Zadek am nächsten, der 1972 mit Falladas "Kleiner Mann, was nun?" Volkstheater und Vaudeville zum sozialen Entertainment koppelte. Matthias Hartmann kreiste zur "Eröffnung" um sich selbst, indem er einen Star auf die Bühne stellte, der die eigene Schein-Existenz reflektierte. Elmar Goerden gipste mit Goethes "Iphigenie" die marmorne Klassik ein.


Schauspielhaus Bochum

Wir leben in einer Welt mit zu viel Wurst

von Sarah Heppekausen

Bochum, 26. Juni 2010. Nur drei Stühle brauchen die einen; ein Sofa, zwei Gitarren und eine Trapezschaukel andere. Einer bringt sich eine Leiter, einen Jutesack und einen Pappkarton mit; einem anderen reichen vier Lichtkegel. Das Bühnenbild wird im Bochumer Schauspielhaus an diesem Wochenende gnadenlos vernachlässigt. Das ist kein ästhetischer Mangel, sondern Konzept. Stücke, die ohne Kulissen und Dekorationen spielbar sind, so lautete die Anforderung an die Autoren des Festivals "Ohne alles".


Schauspielhaus Bochum

Das Gerippe unseres Traumes

von Regine Müller

Bochum, 2. Juni 2010. Ziemlich grob ist das Bergpanorama gezeichnet, das einen grandiosen Ausblick andeuten könnte. Denn in Wahrheit ist es nur die unwegsame und triste Umgebung der steinigen Farm in Connecticut, die Phil Hogan und seine Tochter Josie mehr schlecht als recht bewirtschaften. Es kommt nichts dabei rum, außerdem ist die Farm nur gepachtet und die Pacht schon lange im Rückstand. Mit pinkfarbener Sprühfarbe werden daher eifrig Sterne auf die kargen Prospekte gesprüht, bevor es losgeht. Dann setzt Phil sich und klampft langsam: "I will go down with this ship and I won't put my hands up and surrender". Weltuntergangsstimmung gepaart mit trotzigem Stolz: Die traurigen Reste des amerikanischen Traums.


Schauspielhaus Bochum

Lolita lebt hier nicht mehr

von Christian Rakow

Bochum, 29. Mai 2010. Es gab ja schon Intendanten, die sich mit Ibsens "Nora" ihren Weg freigeschossen haben. Thomas Ostermeier zum Beispiel, dessen Ägide an der Berliner Schaubühne 2002 mit Anne Tismer in der Titelrolle und einem pistolenkrachenden Finale überhaupt erst richtig Fahrt aufnahm. Für Elmar Goerden markiert das frühmoderne Emanzipationsdrama den Abschied aus seiner fünfjährigen Leitung des Bochumer Schauspielhauses. Eher gedämpft und texttreu lässt seine Nora zum Abschied die Bühnentür knallen. Ob auch hier ein Weg ins Freie angebahnt wurde, muss die Zukunft zeigen.


Schauspielhaus Bochum

Neue Jeans fürs Königreich

von Sarah Heppekausen

Bochum, 10. April 2010. Dieser König Peter lässt sich in der Kunst des japanischen Bogenschießens unterrichten. Lässt sich wie der Philosoph Eugen Herrigel von seinem Lehrmeister erklären, dass ein zu williger Wille genauso wenig förderlich sei wie falsches Warten. "Absichtsloses Gespanntsein" heißt das Zen-Ziel und meint eine Art Loslösung von sich selbst. Büchners König ist vom Regieren ganz wirr geworden, der moderne Herrscher hilft sich mit Entspannungstechnik. Und vergisst trotzdem, woran ihn der Knoten in seinem Taschentuch erinnern sollte: an seine Aktionäre.


Schauspielhaus Bochum

Der Gegner sitzt im eignen Team

von Sarah Heppekausen

Bochum, 1. April 2010. Puntila schwankt. Schuld sind die gesellschaftlichen Verhältnisse und der Alkohol. In den Bochumer Kammerspielen taumelt Benno Ifland in einer Guckkasten-Bühne aus Holzlatten.


Schauspielhaus Bochum

Klein, kleiner, am kleinsten

von Kerstin Edinger

Bochum, 18. Januar 2010. Es steht da, mitten im Publikum. Das Nichts. Ein schwarz gekleideter Mann, unauffällig, unbedeutend. Das Nichts hat einen Totenschädel in der Hand. Ein Selbstmörder stellt ihn zur Rede. "Du bist also das Nichts?" Ernüchterung beim Toten über das unspektakuläre Zusammentreffen im Jenseits. "Besser als Niemand!" entgegnet das Nichts.


Schauspielhaus Bochum

Winnetou muss sterben

von Kerstin Edinger

Bochum, 24. November 2009. Eine verführerische Stimme schmeichelt uns: "Was willst Du sein? Willst Du weg? Du kannst sein, was Du willst." Der Zuschauer tritt durch einen Plüschvorhang in eine vernebelte Welt des Undefinierbaren. Wir sind im Bermudadreieck. An einem Ort, an dem sich zwei Schauspieler als Schriftsteller Karl May und Patricia Highsmiths' Romanfigur Tom Ripley vor zwei Schminktischen bereit machen. Ein Spiel im Spiel also.


Schauspielhaus Bochum

An der Oberfläche zugrunde gehen

von Sarah Heppekausen

Bochum, 1. November 2009. Als Familienvater Beverly das Haus verlässt, um nie mehr wieder zu kommen, um sich im See zu ertränken, öffnet er die Tür und läuft mitten durch sein Gesicht. Die hintere Bühnenwand ist eine haushohe Leinwand. Eine Nahaufnahme zeigt Beverlys Antlitz, wie er sich verzweifelt durch die Haare fährt, mit seinen Händen die Augen verdeckt. Beverly im Live-Format geht nun daumengroß durch dieses Bild, als gehe er an der Oberflächlichkeit zugrunde. An der Oberflächlichkeit der Welt, seiner Familie, seiner Ehe, gegen die auch seine Poesie nichts mehr ausrichten kann. Im Bochumer Schauspielhaus verlässt der traurige Held (Heiner Stadelmann) das sinkende Schiff auf eindrucksvolle Weise, sein Bild bleibt noch lange in Erinnerung.


Schauspielhaus Bochum

Alles wird kleiner

von Christiane Enkeler

Bochum, 2. Oktober 2009. Drei Töchter hat König Lear, dreimal verlangt er Liebesbekundungen, um sein Land unter ihnen zu verteilen und abzudanken. Klaus Weiss geht als alternder Lear souverän vom kühlen Schlaf- und Krankenzimmer zum Wohnzimmer nach hinten. Dort wartet im warmen Licht, in dunkler, nobler Kleidung bereits die Familie. Man unterhält sich gedämpft, lacht an den passenden Stellen.

Schauspielhaus Bochum

Maßstab für Nazi-Witze heute

von Michael Laages

Bochum, 19. Juni 2009. Zugegeben – seit Dani Levy den Führer vor kurzem in die Badewanne setzte und ihn dort aussehen ließ wie Helge Schneider, schien die Debatte beendet. "Frühling für Hitler!", das Musical nach dem Film von Mel Brooks, läuft mit Erfolg in Berlin. Die Amüsierschwelle also hat sich längst verflüchtigt – umso besser darum, auf der Bühne an Zeiten zu erinnern, als Nazis noch nicht so richtig zum Lachen waren. Und Witze darüber nur denen zustanden, die schon genug gelitten hatten.


Schauspielhaus Bochum

Gefräßige Plüschschlange namens Wirtschaftssystem

von Kerstin Edinger

Bochum 10. Juni 2009. Daniel kann sich nicht entscheiden. Er ist der Erbe eines alteingesessenen Familienunternehmens, das kurz vor dem Bankrott steht. Und Daniel, ohnehin nicht besonders mutig und entscheidungsfreudig, steht da und weiß nicht, was zu tun ist. Wie kann er die GFF, die "Große Fahrstuhlfabrik" retten? Am liebsten würde er gehen, die Firma hinter sich lassen, doch er fühlt sich verpflichtet, ist Teil eines Systems, dem er nicht angehören will. "Wir werden auf diesen Planeten geschleudert, mitten unter Leute, die wir nicht mögen, mitten in eine Gesellschaft hinein, in der wir uns nicht wohlfühlen."

Schauspielhaus Bochum

Wie wahnsinnig die Welt geworden ist

von Sarah Heppekausen

Bochum, 29. Mai 2009. Jan ist ein Terrorist. Behauptet er zumindest. Wenn er an einer Straßenkreuzung steht, rasen die Autos ineinander. Er hat die Explosion in der Redaktion zu verantworten und den Brand im Hauptquartier der Flughafengegner. Und den staubsaugenden Mann auf dem Friedhof hat er auch auf dem Gewissen, für immer niedergestreckt mit seiner bloßen Hand.


Schauspielhaus Bochum

Unter Hochdruck

von Ulrike Gondorf

Bochum, 4. April 2009. Es gab eine Zeit, da nannten sie ihn "Maschine". Aber die liegt lange zurück. Damals verkaufte er die meisten Grundstücke, führte die Topliste seiner Firma an, monatelang. Aber inzwischen ist Shelly, wie Thomas Anzenhofer ihn portraitiert, grau geworden und ausgebrannt; seine große Brille mit den getönten Gläsern ist ebenso out wie die billige Eleganz seines Zweireihers. Ebenso out wie er selbst. Denn was er sich und den anderen als "Pechsträhne" einzureden sucht, das ist die Krise.


Schauspielhaus Bochum

Hofreiters Kalter Krieg

von Andreas Wilink

Bochum, 19. März 2009. Vielleicht hätte Billy Wilder die Tragikomödie so inszeniert, zumindest die ersten drei Akte, wie sie Dieter Giesing im Bochumer Schauspielhaus in knapp 90 Minuten bis zur Pause fix und fertig erledigt hat. Was dann wohl ein Kompliment wäre – das man dieser sehr gerafften Aufführung von Schnitzlers "Das weite Land" im Ganzen nicht ohne weiteres machen kann. Oder höchstens von den beiden letzten Akten her betrachtet, von denen wiederum der Schluss auszunehmen wäre, wie Burkhart Klaußner als Friedrich Hofreiter ihn angeht – an verschlossenen Türen des Rundhorizonts rüttelnd und keinen Ausweg aus seinem Sommerhaus und seinem Leben findend, wozu eine Musik vollends das Melodram herbei ruft.


Schauspielhaus Bochum

Das ham wir nicht verdient!

von Christian Rakow

Bochum, 6. Dezember 2008. "Nein", sagt eine Passantin in der Fußgängerzone, die Nokia-Werksschließung Anfang dieses Jahres sei eigentlich kein Thema mehr in der Stadt. Die kleine Bochum-Umfrage im Fernseher auf dem Bühnenkühlschrank ruckelt. Aber jetzt gebe es natürlich die Opel-Krise. Und – so mag man beifügen – die weltweite Rezession naht. Es wird also schon irgendwie passen, was Regisseur Frank Abt mit seinem Nokia-Projekt "Connecting People" gut zwei Stunden lang über die entfremdete Arbeitswelt und die abwandernden Industrien zu erzählen hat.


Schauspielhaus Bochum

Das Stück zum Spiel vom Wohnen

von Dorothea Marcus

Bochum, 12. Oktober 2008. Da will er jetzt also wohnen, für fünf Monate. Ein großes, rundes Loft ohne Tageslicht. In der Mitte ein großes, zerwühltes Bett auf Eichenparkettimitation neben einem großen Schreibtisch, schreiende Tapetenmuster an den Wänden, Garderobe, Hausschuhe. Ein echtes Bad auf einer Anhöhe, diskret mit Vorhängen getarnt. An den Seiten die Küche und ein riesiges Regal mit Büchern, Bochumer Bürger haben sie gestiftet.


Schauspielhaus Bochum

Einsamer Wolf im Menschen-Dickicht

von Sarah Heppekausen

Bochum, 11. Oktober 2008. Wie ein Getriebener zieht Roberto Zucco durchs Leben, wer sich ihm in den Weg stellt, wird umgebracht: Vater, Mutter, der Inspektor, ein Kind. Quasi im Vorübergehen drückt Zucco das Leben platt. Bernard-Marie Koltès erzählt die Geschichte seines mythischen Helden nach einem realen Fall. Der Autor war fasziniert vom motivlosen Morden des Italieners Roberto Succo. Sein gleichnamiger Titelheld ist ein einsamer Wolf, der sich durch das Dickicht der nervigen Menschenwelt schlägt. Der sich eingesperrt fühlt unter all diesen Leuten. Aber keine Chance, da muss er mitten durch.


Schauspielhaus Bochum

Jenseits der Finanzkrise

von Sarah Heppekausen

Bochum, 10. Oktober 2008. Partylaune auf dem Rialto: Hier wird zur Klaviermusik gesungen und getanzt statt einer Finanzkrise entgegengezittert. Die Damen aus Belmont haben sich auch schon unter das geschäftige Volk gemischt. Auf eine lokale Trennung des romantisch-märchenhaften Landsitzes und der harten Realität in Venedig, wie Shakespeare sie angelegt hat, verzichtet Regisseur Elmar Goerden. Er lässt seinen Kaufmann von Venedig durchgehend in einer Ansammlung unzähliger silberner Bistro-Stühle spielen.


Schauspielhaus Bochum

Der große Alptraum

von Dorothea Marcus

Bochum, 6. Juni 2008. Macbeth ist schon vor dem Mord an König Duncan als Mörder markiert: mit blutigen Händen liegt Martin Rentzsch zwischen vier Stühlen und vier riesigen Metallpfeilern, erschöpft nach dem Norwegerfeldzug. Von Anfang an ist er mit Blut und Schuld besudelt, das wird nie wieder abgehen. Der Gedanke ist schon die Tat, an Blut zu denken, heißt auch, welches zu vergießen.


Schauspielhaus Bochum

Panoptikum von Geilheit und Gier

von Ulrike Gondorf

Bochum, 9. Mai 2008. Die kleine Welt dreht sich in engem Kreis. Die stille Straße, in der die Puppenklinik, die Metzgerei und die Tabaktrafik nebeneinander liegen, die trügerische Idylle der niederösterreichischen Wachau, Wohnung, Kaffeehaus, Heurigengarten und schließlich auch die schäbige Animierbar – alle diese Schauplätze der "Geschichten aus dem Wiener Wald" fahren in Bochum auf der Drehbühne ins Bild. Immer wieder wird dabei auch die Sicht frei gegeben auf die blanken Sperrholzrückseiten der Kulissen.


Schauspielhaus Bochum

Wenn es zwar dunkel, aber nicht finster wird

von Regine Müller

Bochum, 1. März 2008. Dass im Jammertal des Lebens die holde Kunst erst recht keinen Trost bietet, hat wohl kaum jemand unbarmherziger gezeigt und obsessiver wiederholt als Thomas Bernhard. Im Gegenteil: bei Bernhard scheitern nicht nur alle mit und an der Kunst, zuletzt scheitert die Kunst sogar an sich selbst. Das Publikum versteht's eh' nicht, der Mittelmäßige zerbricht lächerlich am eigenen Unvermögen und das Genie an seinem Ziel, nämlich der Perfektion, die in der Kunst das "Höchste und das Vernichtendste" ist.


Schauspielhaus Bochum

Psychiatrie zum Selberbasteln 

von Regine Müller

Bochum, 29. Februar 2008. Neuzugang in der Klapsmühle: der Ganove Randle McMurphy hat sich in die Psychiatrie einweisen lassen, um dem Knast zu entgehen. Zum Einstand will er den müden Laden erstmal so richtig aufmischen. Breitbeinig springt er im Baseball-Blouson auf die Bühne und rempelt sich rüde quer durch die Abteilung der "Akuten". Ein präpotenter kleiner Angeber mit nölend monotonem Singsang in der Stimme.


Schauspielhaus Bochum

Haus des Todes

von Dorothea Marcus

Bochum, 19. Januar 2008. Staatsräson gegen innere Freiheit zum Tode - nicht gerade Dinge, die einen jeden Tag beschäftigen, und umso rätselhafter, welche Anziehungskraft dieser Machtkampf zweier Frauen aus dem Jahr 1587 immer noch ausübt. Auch auf Elmar Goerden. Der Bochumer Intendant ist nach der kürzlichen Shakespeare-Katastrophe seine zweite Großinszenierung in wenigen Wochen gewichtig, wenn auch ganz vorsichtig angegangen: Seine Maria Stuart ist dreieinhalbstündiges, kaum gekürztes Text- und Stehtheater alter Schule - aber das muss ja nicht immer Schlechtes bedeuten.


Schauspielhaus Bochum

Heimkehr in die Fremde

von Ulrike Gondorf

Bochum, 13. Januar 2008. Erdbeer-, Kirsch- oder lieber Orangenmarmelade? Toast und Butter? Lee offeriert seinem Bruder Danny ein Frühstück. Und nachher vielleicht einen Ausflug? Und wenn sie erst mal ein Auto haben, dann fängt das Leben sowieso erst richtig an. Aber wieso steht Danny so starr angewurzelt da während dieser freundlich-belanglosen Unterhaltung? Und wenn man genau hinsieht, zittern ihm nicht fast unmerklich die Knie?


Schauspielhaus Bochum

Kapitalismuskritik extra light

von Christian Rakow

Bochum, 21. Oktober 2007. Gospodin hat eine Pechsträhne. Mit der Freundin läuft es nicht richtig, seine Bekannten nutzen ihn ein wenig aus und zu allem Überfluss hat ihm Greenpeace sein Lama weggenommen. Mit dem Lama ging er in der Fußgängerzone betteln. Tierquälerei, sagt Greenpeace. Gospodin sagt: "Ich habe mir eine Einnahmequelle gesucht, die mich unabhängig außerhalb jeder Arbeitsmühle angenehm antikapitalistisch überleben lässt."


Schauspielhaus Bochum

An der Trinkhalle

von Dorothea Marcus 

Bochum, 20. Oktober 2007. In der Schweiz gibt es keine Trinkhallen. Die wurden im Ruhrgebiet für Zechenarbeiter errichtet, als das Leitungswasser Mitte des 19. Jahrhunderts dort noch nicht genießbar war. Als die Schweizer Autorin Sabine Harbeke nach Bochum kam, um für ihr Theater-Auftragswerk zu recherchieren, muss sie von der Institution der Trinkhalle tief beeindruckt gewesen sein. Denn die meisten der lose geknüpften Szenen ihres neuen Stücks "trotzdem" spielen hier, an grauen Wintertagen in einer Stadt wie Bochum. 


Schauspielhaus Bochum

Falsches Lachen, falsche Töne

von Andreas Wilink

Bochum, 19. Oktober 2007. Eigentlich müsste man sich eine derart naheliegende Pointe ja verkneifen und dürfte nicht von Bruchlandung oder Absturz sprechen, wo schon metapherngerecht ein in der Mitte auseinander gebrochenes Flugzeug-Wrack auf der Bühne des Bochumer Schauspielhauses (Silvia Merlo, Ulf Stengl) liegt. Der Flieger ging offenbar im Wald von Arden unplanmäßig nieder und hat seine menschliche Fracht ausgesetzt.


Schauspielhaus Bochum

Ein bisschen Kurzweil

von Christian Rakow

Recklinghausen, 8. Juni 2007. Was wäre ein Freitagabend in NRW ohne die Junggesellinnenabschiede! Doch nirgends sehen sie so aus wie im kleinen Theater der Ruhrfestspiele Recklinghausen: Eine besonders blonde junge Dorfunschuld (Maja Beckmann) wird im Kreis gedreht, während eine nur um weniges ältere Gefährtin (Katja Uffelmann) von der bevorstehenden Hochzeitsnacht fabuliert.


Schauspielhaus Bochum

Choreografie der Egopuppen

von Christian Rakow

Bochum, 24. Mai 2007. Ein Theaterrätsel: Ein zarter Bruder, dreiundzwanzigjährig, kuschelt sich im Schlafanzug von hinten an seine unwesentlich jüngere Schwester, die barbusig – ein Hauch von einem Kleid herabgezogen bis auf die Hüften – auf dem Bühnenboden hockt. Und doch ist das kein Inzest.


Schauspielhaus Bochum

Göttin des Gewitzels

von Christian Rakow

Bochum, 28. April 2007. Wenn sich in einem schicken Studioappartement ein philosophierendes Quartett von Mitte 40-Jährigen bis auf den Zahnnerv reizt und enerviert, wenn dabei alle zehn Sekunden, wie von Zeitzündern gesteuert, Bonmots oder Minipointen durch den Raum schießen – und wenn dieses betont stilvolle Hauen und Stechen amüsant und doch von einem Hauch existenzieller Tragweite umweht daherkommt, dann wissen wir, wo wir wieder eingekehrt sind: bei unserer liebsten Business-Class-Dramatikerin Yasmina Reza.


Schauspielhaus Bochum

Gewaltige dramatische Theodizee

von Hans-Christoph Zimmermann

Bochum, 13. April 2007. Noch ist es nicht recht ins Bewusstsein gedrungen, noch haben die Mystagogen einer neuen Wertedebatte und die Germanistikstudenten es nicht gemerkt: Roland Schimmelpfennig, der Wünschelrutengänger der Stimmungslagen in der spät- bzw. nachbürgerlichen Gesellschaft hat unter dem Übertitel "Trilogie der Tiere" eine gewaltige dramatische Theodizee verfasst.


zurück zur Übersicht