zurück zur Übersicht

archiv » Theater Bremen (54)
Theater Bremen

Hurra, diese Welt geht unter

von Jens Fischer

Bremen, 2. März 2017. Abgrundtief traurig, angstgepeinigt, rasend vor Wut. Elliot wird zum Adrenalinmonster. Aber kommt wie einst Hamlet einfach nicht in die Puschen. Klar, er könnte sie auch darbieten, all die Daseinsputzigkeiten und standardisierten Tagesabläufe, mit denen seine Mitmenschen so ihre Zeit totschlagen: "Normal sein, eine Freundin haben, Haselnuss-Latte trinken." Aber Elliot spürt, mit diesen Glücksverheißungen ist etwas faul. Kennt aber gerade auch keine Alternativen. Und empört sich über das Leben, das ihm fremdbestimmt vorkommt.


Theater Bremen

Anrufung der großen Liebesmüh

von Tim Schomacker

Bremen, 13. Januar 2017. Kaum hat der Abend begonnen, ist die Luft auch schon wieder raus. Ein Bild wie das allererste kriegt die regelmäßig in Bremen arbeitende niederländische Regisseurin Alize Zandwijk in zwei Stunden Erzählen, Sagen und Zeigen nicht noch einmal hin. Diesmal. Dieses erste Bild geht so: In einen Reinemachkittel gekleidet, geht Nadine Geyersbach an der blaugrün gemaserten Bühnenwand entlang. An einer goldglänzenden Einbuchtung bleibt sie stehen. Irgendwie tastend. Sie legt ihre Brille auf eine Stufe. Sie nimmt eine große Pappe. Und wedelt mit einer knappen Bewegung alle zwei, drei Dutzend Kerzen aus, die in der Nische auf einem Gestell stehen. Diese unvermittelte Eigenartigkeit holt "Golden Heart" nicht wieder ein.


Theater Bremen

Sie ist weg

von Tim Schomacker

Bremen, 24. November 2016. Seit zwei Jahren ist sie schon weg. Und heute hat sie Geburtstag. Wird 18. Beziehungsweise: Würde. Wenn sie noch. Ännie Anne Annemarie hat einige Namen. Noch mehr Geschichten kursieren darüber, wer, was, wo aus ihr geworden ist. Und ob nicht doch nur eine Leiche. Die nur noch zu finden wäre. Zwei Jahre ist sie nun schon weg. Hat sich selbst verschluckt. Oder doch: wurde. Und wenn ja von wem. Was aus ihr wurde, hat uns aber immer weniger zu interessieren. Denn Thomas Melle lenkt den Blick in seinem neuen Stück auf die anderen. Er stellt die abwesende Ännie Anne Annemarie hin als eindeutige Projektionsfläche. Wedekinds Lulu lässt grüßen, Melvilles Wal schlenkert mit der Heckflosse.


Theater Bremen

Wildes Denken

von Jens Fischer

Bremen, 15. September 2016. Sie ist ihnen einfach nicht genug, die vom hellsichtig schwarz sehenden Georg Büchner dramatisierte blutige Messe der Gründung des modernen Europas. Dieses Revolutionärsdrama "Dantons Tod", das zeigt, wie sich das Volk als Souverän erkennt, von der Utopie Freiheit-Gleichheit-Brüderlichkeit singt, Menschen- und Bürgerrechte formuliert und sich abschlachtet, es reicht an diesem Abend nicht. Gotta Depri, Ivorer aus dem Team von Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen, sagt, man wolle viel weiter gehen, als "nur diese ganz paar letzten Tage von Danton" nachzuspielen. Nämlich die tragenden Säulen eines eurozentrischen Selbstverständnisses einer theatralen Statikprüfung unterziehen.


Theater Bremen

Draußen auf dem Platz

von Stefan Schmidt

Bremen, 15. Juni 2016. Vincent rennt. Immer weiter. An den Außenlinien des Sportplatzes entlang. Eine Runde, zwei, drei, vier. Irgendwann, es muss um Runde acht herum sein, bölkt ihn eine Frau in einem Trainingsanzug durch ein Megafon an: "Du wirst nie glücklich sein!" Und plötzlich sind sie wieder da: die Erinnerungen an grausame Momente der Verzweiflung damals im Sportunterricht. Gleichzeitig kommen sich in dieser Szene die Inszenierung und ihre Romanvorlage so nah wie sonst selten an diesem Abend unter freiem Himmel am Bremer Weserstadion.


Theater Bremen

Kein Gott nirgends

von Jens Fischer

Bremen, 30. April 2016. Gezündet hat der Funke. Der in Rossitz residierende Schroffenstein-Clan, kenntlich an den türkisenen Karomustern auf ihren Kostümen, beklagt den Tod einer der ihren, verzichtet aber auf kriminaltechnische Ermittler und obduzierende Skalpellkünstler. Natürliches Dahinscheiden, tragischer Unfall oder Mord? ist hier nicht die Frage. Denn in Leichennähe wurden Mitglieder des in Warwand residierenden Schroffenstein-Clans angetroffen, kenntlich an lila Karomustern. Sie verstummten anschließend unter Folter für immer – mit dem Namen ihres Chefs auf den Lippen: "Sylvester". Nur was bedeutet das? Was war die Frage? Völlig egal.


Theater Bremen

Kommt uns nicht mit echt!

von Tim Schomacker

Bremen, 3. März 2016. Kiesfläche grau. Dunkel und leise knirschend beim Beschreiten. Drauf zwei Frauen, drei Männer. In einer Reihe meist. Und allesamt vor wuchtig-schönem Grünpflanzenarrangement. Es rankt bühnenhoch in veritablen Varianten von Grün, dickichtdicht geschichtet. Und bildet so als punktgenaues Gestrüpp einen dauerhaften Kontrast zum gezirkelten Spielgeschehen. Drei Männer im Anzug, zwei Frauen in schwarzrotem Kleid in diffusem Sixties-Dekor. Meist in einer Reihe. Nach vorne sprechend oft, ins Publikum. Gelegentlich einander ansprechend, -schauend, -spielend, -tatschend. "Ach, Kristina!", knallt die freundschaftliche Faust wiederholt in die Schulter der angesprochenen Freundin aus Noras Vergangenheit. Selber Winkel, selber Druck, selbe Geschwindigkeit, gleicher Begleitausruf. Ein fast mathematisches Ereignis.


Theater Bremen

Home is where the story is

von Tim Schomacker

Bremen, 17. September 2015. Die Auslegeware ist weiß und schlägt Wellen. Im Schatten entstehen Muster, die sich nicht eindeutig lesen lassen. Außer dass hier eine Filmleinwand gleichsam aus der Frontale gehoben, eine Projektionsfläche aus den Fugen geraten ist. Sicher kein Zufall, schließlich handelt es sich beim Plot- und Textgeber des Abends mit David Cronenberg um den kanadischen Filmemacher, der quasi im Alleingang sein eigenes Genre schuf: den Body-Horror-Streifen an der Nahtstelle von Splatter und Diskurstheorie. 2014 erst erschien Cronenbergs Debütroman "Consumed", den Felix Rothenhäusler nun für die Bühne eingerichtet hat.


Theater Bremen

Nur ein feiger Tropf verzagt!

von Tim Schomacker

Bremen, 4. Juli 2015. Und dann gibt es da diesen unerwartet zerbrechlichen Moment, in dem ein ausgewiesener Nichtopernsänger auf der ganz großen Bühne steht, in seinem Rücken den Mozartapparat der Bremer Philharmoniker, und beginnt – konzentriert, verschwitzt im vagen blauen Kostüm und mit augenscheinlicher Sorge vor den ersten Tönen – Pedrillos Arie "Frisch zum Kampfe!" zu singen.


Theater Bremen

Hier ist ein Mensch drin – und ein Affe mit Eisbärfell

von Jens Fischer

Bremen, 8. Mai 2015. Eine Kindheitserinnerung als Live-Performance. Anfangs liegt eine knitterige Plastikfolie verheißungsvoll auf dem Bühnenboden, aber dann heißt es: Luft marsch – und sie erhebt sich sanft, bläht skulpturale Details peu à peu auf, Wände schießen empor, Dinoeierköpfe wachsen sich zu gemütlich wippenden Alien-Figuren aus. Unbeschreiblich, diese Vorfreude auf den ersten Schritt vom festen Boden auf das nachgiebige Luftkissen. Jetzt springen, schweben und die Illusion genießen, der Schwerkraft ein Schnippchen zu schlagen...


Theater Bremen

Mit Zucker gesüßt

von Jens Fischer

Bremen, 25. April 2015. Hallo, winke-winke, da gehe ich ins Theater – und sehe mich! Auf der Bühne. Dank einer vor der Bühne platzierten Spiegelwand. Wieder einmal soll wohl verdeutlicht werden: Guck genau hin, es geht um dich. In diesem Fall wird eine Überschneidung als Art therapeutische Verbindung gesucht zwischen bravem Leben und Nüchternheit auf der einen Seite des Spiegels – sowie Theater und Rausch auf der anderen.


Theater Bremen

Men from the Moon

von Tim Schomacker

Bremen, 14. März 2015. Die vierte Wand bleibt erstmal dicht. Eine Reihe von schwarzen Publikumsleitgurten versperrt den Weg. Klar kann man darüber gucken oder drunter durch, aber eine Distanz ist erstmal eingerichtet. Sie trennt das Publikum, das sich einrichtet auf den Tribünenplätzen, vor einer Bühne, auf der erst einmal wenig passiert.


Theater Bremen

Das Männlein ohne Eigenschaften

von Tim Schomacker

Bremen, 11. Dezember 2014. Wo die Bühne leer ist, sind nicht selten die Herzen voll. Voller Liebe und Hass und Sehnsucht und Gier. Als Kammerspiel im Fast-Nichts inszeniert Frank Abt seinen Dostojewski. Dunkle Podeste. Zunächst mittig, später weiter hinten, abgeteilt durch einen flirrenden Lametta-Vorhang. Links steht ein Klavier, daneben ein Plattenspieler. Eine Reihe von Stühlen steht erst hinterm Vorhang in Reihe, in der zweiten Hälfte dann locker gruppiert um die Podeste herum. Die Requisiten wirken winzig: der Dolch, mit dem Nastassja Filippowna später vielleicht ermordet wird oder die Kreuzketten, die Myschkin und Rogoschin austauschen. Viel Platz also für große Gefühle. Und wenig Ablenkung.


Theater Bremen

Polternd fallende Pappkameraden

von Andreas Schnell

Bremen, 14. November 2014. Schon wieder Jelinek in Bremen: Nach den Uraufführungen von Aber sicher! und Tod-krank.doc sowie "FaustIn And Out" als Teil von Faust hoch Zehn gab es nun "Die Schutzbefohlenen", im vergangenen Jahr von Jelinek als Reaktion auf Flüchtlingsproteste in Wien und den tausendfachen Flüchtlingstod im Mittelmeer geschrieben und in Bremen als zentrale Inszenierung des Schwerpunkts "in transit?" platziert, der sich mit Flucht und Migration befasst. Zum zweiten Mal nach "Tod-krank.doc" war es Mirko Borscht, der sich der Sache annahm und diesmal eine angemessenere Form fand, mit den berüchtigten Textflächen umzugehen, ohne dabei seinen Hang zu Nebel, Groteske, Heavy Metal und ausgefallenen Raumeinfällen zu vernachlässigen.


Theater Bremen

Was würde Faust tun?

von Andreas Schnell

Bremen, 18. Oktober 2014. Wenn Goethe und sein Wirken nun also wirklich so wesentlich für unsere Kultur sein sollten, dann dürfte es kaum nötig sein, sich ständig seinen "Faust" vorführen zu lassen. Dessen Zeitgenossenschaft müsste sich, so knapp gefasst der Gedanke von Felix Rothenhäusler und Tarun Kade, auch anders nachweisen lassen, das Faustische an sich die kulturelle Matrix so weit durchdringen, dass es sich im heutigen Individuum und seiner Umwelt zeigen lassen müsste.


Theater Bremen

Seifenblasenmachmaschine

von Andreas Schnell

Bremen, 28. Juni 2014. Seifenblasen, große, sehr große, wabernde, schillernde (kein Wortspiel), manchmal zwei zugleich, die aufeinander hocken, bläst die zauberhafte Apparatur am Bühnenrand. Ein schlichter Holzrahmen, eine Schüssel mit Seifenwasser auf einem Querbalken, zwei Räder, die eine Seilkonstruktion in die Schüssel absenken und wieder hinauf ziehen, dahinter ein Ventilator – ein bisschen wie ein Apparat aus Der Lauf der Dinge von Peter Fischli und David Weiss. So schlicht und – doch, doch – poetisch lässt sich bebildern, wie Träume platzen.


Theater Bremen

Wehrhaftigkeit und Glamour

von Andreas Schnell

Bremen, 13. März 2014. So groß haben Gintersdorfer/Klaßen zumindest in Bremen noch nicht aufgefahren: Das Ensemble von "Not Punk, Pololo" zählt 17 Köpfe, eine bunte Truppe aus Musikern, Tänzern, Performern, Männern, Frauen, Schwarzen, Weißen, einige davon alte Bekannte, einige neu im Werkkontext der beiden Tanztheater-Macher. Gemeinsam sollen sie nichts Geringeres verhandeln als Gemeinsames und Trennendes von ivorischer Straßenkultur, Disco, Vogueing und Punk.


Theater Bremen

Im Land der krachenden Gartenzwerge

von Andreas Schnell

Bremen, 7. Februar 2014. Dass dieses Projekt dem manchmal wohlfeil wirkenden Gedanken geschuldet wäre, das Publikum mit der Bühnenfassung eines erfolgreichen Films zu einem erfolgreichen Buch zu locken, lässt sich wirklich nicht behaupten. Den Stoff, den Oskar Roehler in seinem Roman "Herkunft" und später in dem Film "Quellen des Lebens" ausgebreitet hat, hat schon sein Autor selbst kaum in den Griff bekommen – auch weil es eben keineswegs "ein Stoff" ist, sondern, erstens, eine Zeitgeschichte der Bundesrepublik Deutschland mit Nazi-Opas, Wiederaufbau, Wirtschaftswunder, Studentenrevolte, dem geteilten Berlin. Zweitens eine Familiensaga mitsamt zornbebender Abrechnung mit den eigenen Eltern, wovon das Kreisen um die eigenen Traumata und der Versuch, "endlich zu leben", wiederum ein eigenes Buch wäre.


Theater Bremen

Seelenzittern an der Zeitenwende

von Jens Fischer

Bremen, 12. Dezember 2013. Mit neugierigem Ernst wird sie durchdrungen, die Morbidezza der Wehmut. Zitternde Seelen kommen hinter all den Klagegesten und Kummerstimmen zum Vorschein. Hoffnung, Sehnsucht, Liebe, irgendein Ansporn pumpt noch Leben in die müden Glieder der jammernden, lästernden Sensibelchen. Sich selbst spüren, wie man heute sagt. Aber das Zittern wird nicht Tat. Apart läuft das Lamento ins Nichts.


Theater Bremen

Blutkuchen angerührt

von Tim Schomacker

Bremen, 29. November 2013. In der Manier eines Industrial-Konzerts holt uns diese Aufführung am Eingang ab. Kunstnebel im Bühnenraum, dazu ortlose Drones. Vom Band spricht Christoph Schlingensief über seine Erkrankung. Doch seine Stimme ist akustisch verpixelt. Auf einem Monitor ist die fast dunkle Bühne zu sehen. Dann Bilder von Kindergesichtern in Schwarzweiß, mit schroffen Konturen, fast wie in einem Laibach-Video. Ein Schriftzug fährt über die schwarze Hinterbühne: "Die Leiden des kleinen Horsti nach der nobelten Evangelisti J. (UA)". Regisseur Mirko Borscht lässt keinen Zweifel, dass er es dunkel meint mit dieser Elfriede-Jelinek-Uraufführung. Der mittleren von immerhin dreien, die sich das Theater Bremen für die Jahre 2013 bis 2015 sichern konnte.


Theater Bremen

Suchst Du das kleine Drama?

von Tim Schomacker

Bremen, 13. September 2013. Der Boden sieht aus, als habe jemand eine Diskokugel ausgeschüttet. In dem flirrenden Firnis, für den Bühnenbildnerin Evi Bauer anscheinend den Paillettenbesatz dutzender Cocktailkleider aufgelöst hat, brechen sich die Strahlen der Scheinwerfer. Ansonsten ist die Bühne leer. Was gebraucht wird, wird hereingetragen, geschoben oder gerollt.


Theater Bremen

Das Geschäft mit dem Mitleid

von Jens Fischer

Bremen, 6. September 2013. In Bremen sind sie daheim, arbeiten öffentlich als freiberufliche Schausteller. Jeder Hansestädter hätte ihnen also bereits begegnen und Teil ihrer streng kommerziell gestalteten Aufführungen werden können. Vor dem Konzerthaus "Glocke" oder auf dem Parkplatz des Einkaufszentrums Roland-Center sind sie zu finden, andere treten an den Knotenpunkten der Touristenströme auf, am Eingang der schmucken Böttcherstraße, auf der Weserpromenade und gegenüber von Gerhard Marcks' Bronzeplastik "Bremer Stadtmusikanten". Wiederum andere stolzieren auf den Kantsteinen der Cuxhavener Straße im Holzhafen oder räkeln in den Schaufenstern der Helenstraße.


Theater Bremen

Breaking-News-Parade

von Tim Schomacker

Bremen, 1. Juni 2013. Breaking News hieß ganz früher mal "Zeitung". Die Nachricht, Neuigkeit schleicht sich mal heran, bricht mal herein ins Leben der Menschen. Hier in das Leben der Figuren, ist ja Theater. Das Ereignis, das die Nachricht hervorbringt, von dem sie berichtet, ist stets vergangen und woanders. Sonst wäre man ja gerade selbst dabei. Briefe, Boten, Berichte – all das spielt im Geflecht von Schillers Debüt "Die Räuber" eine herausragende Rolle.


Theater Bremen

Die Erfindung des (West)Theaters

von Andreas Schnell

Bremen, 31. Mai 2013. Ein Gespenst geht um in Bremen – das Gespenst Kurt Hübner. Seit nämlich das Theater Bremen vor einem halben Jahrhundert aus der Regionalliga in die Bundesliga aufstieg, Sie wissen schon: "Bremer Stil", Fassbinder, Zadek, Stein, Ganz, die Erfindung des Regietheaters, seitdem ist die Hübner-Zeit bis heute heimlich oder explizit der Maßstab, an dem Intendanten hier gemessen werden.


Theater Bremen

Finanzkrise, Verständniskrise, Reprise

von Jens Fischer

Bremen, 14. März 2013. Schauspieler springen, fallen, stolpern gegen eine Wand, mit der die gesamte Bühne verdeckt wird. Aber mehr als blutige Nasen holen sie sich nicht, tragen diese stolzlustig wie rote Clownsnasen. Ätsch, der große Crash, der Untergang des Abendlandes war nur ein Witz. "Was ich für das Ende hielt, das geht jetzt weiter und dreht sich nach mir um, wieso ich nicht nachkomme". So entschuldigt sich die Autorin Elfriede Jelinek in ihrem neuerlichen Nachtrag zur Finanzskrise.


Theater Bremen

Bittersüßer Flokati-Flausch

von Jens Fischer

Bremen, 23. Januar 2013. Arbeitsalltag, Triebverzicht und Selbstkontrolle liegen hinter ihr. Nun könnte sie an- und innehalten, mit aller Aufmerksamkeit und Gelassenheit das Schöne suchen, angstfrei genießen. Aber Fräulein Rasch weiß den Abend nach dem Job nicht zu feiern. Ihre Lebensgier ist verschlissen. Sie mag ihren von Freude unberührten Körper nicht, nicht sich selbst, nicht das Leben, nicht diese Welt. Allein zu Hause – verkümmernd in der lautlosen Routine zur Instandsetzung des Selbst für den nächsten Tag. Gefangen in existenzieller Stille, bedrängt vom zeitlosen Schrecken der Einsamkeit.


Theater Bremen

Wütende wirbelnde Lust

von Wolfgang Behrens

Bremen, 21. Oktober 2012. Am Anfang war der Knall. Und vielleicht ist dieser Knall ja tatsächlich zu etwas nütze. In der Bühnenillusion ist er ein von Szenenapplaus begleiteter Pyrotechnik-Effekt, ein krachender Feuerball, der, ganz zu Beginn beim Öffnen des Vorhangs, einen Krater im – haha! – knallroten Bühnenboden zu hinterlassen scheint. Dieser Krater, dieses Loch in der Spielfläche wird in der Folge zum bestimmenden Element der Inszenierung – so wie in früheren Produktionen, in denen der Slapstickpapst Herbert Fritsch das Regiezepter in Händen hielt, ein Trampolin oder ein Sofa den Part des unbelebten Sparringpartners der Darsteller übernahmen. In so ein Loch kann man gut hineinfallen, und das wiederum auf tausenderlei Art ...


Theater Bremen

Produkte der Aufklärung

von Tim Schomacker

Bremen, 17. Oktober 2012. Verwundern sollte es nicht, wenn demnächst in Bremen jemand beglückt aus einer juristischen Fachbuchhandlung stolpert, ein Lied auf den Lippen, dessen Text ausschließlich aus jenen hübschen Buchstabenfolgen besteht, die sich auf einschlägigen Gesetzestextsammlungen finden. Es gibt Momente in diesen zwei Stunden Gintersdorfer/Klaßen, die zeigen, dass die notorischen Abbreviaturen tatsächlich das rhythmisch-melodische Zeug haben zum Gassenhauer.


Theater Bremen

Auf die Plätze – fertig

von Michael Laages

Bremen, 11. Oktober 2012. Das kann doch nicht alles gewesen sein, auch wenn der Rest schon Schweigen ist. Er hat ja nichts wirklich getan, der Dänenprinz, und noch der Tod, den er da vergiftet im Duell erleidet, ist das Ergebnis der Durchstechereien anderer. Nicht mal den letzten, tendenziell selbstmörderischen Gedanken des berühmten "Sein oder Nichtsein"-Monologs hat er wirklich realisieren können. Und weil das so ist, weil er auch am Schluss noch nicht vom Zaudern zur Tat gefunden hat, beziehungsweise die wirkliche Tat (den Beinahe-Schwager Laertes im Degen-Duell zu töten) nicht wirklich von Bedeutung war, darf das Ende nicht das Ende sein. Also steht Hamlet wieder auf in Alexander Riemenschneiders Bremer Fassung – und geht im Eiltempo noch einmal all die Positionen durch, an denen er zur Tat hätte schreiten können … und wir ahnen: Dies ist eine Zeit- oder Lebensschleife. Und ewig grüßt das Murmeltier.


Theater Bremen

Die neue lost Generation

von Michael Laages

Bremen, 30. September 2012. Sie könnten satt sein, sind sie aber nicht. Sie haben es zu etwas gebracht - und können nicht viel damit anfangen. Sie leben an der Oberfläche und bemerken Satz um Satz mit wachsender Verzweiflung, dass darunter nichts ist, worauf sich sicher stehen ließe – "Sickster", die wie "sick", wie krank ins eigene Leben verbissenen Alltagswesen in Thomas Melles voriges Jahr erschienenem Debütroman, lassen in nicht enden wollenden Gardinenpredigten das eigene Leben Revue passieren und enden immer im Nichts. Schlimmstenfalls sitzen sie dann in der U-Bahn, haben keinen gültigen Fahrschein dabei und nähmen lieber die ganze U-Bahn, ach was: die ganze Welt als Geisel, statt sich von den Kontrollettis hinaus, auf die U-Bahn-Wache und ins richtige Leben zurückführen zu lassen. Kein Ausweg, nirgends.


Theater Bremen

Verlängerung des Elends

von Andreas Schnell

Bremen, 29. September 2012. Es gab zwiespältige Reaktionen. Der ältere Herr neben einem murmelte geschätzte eineinhalb Stunden immer wieder Dinge wie "Das ist doch idiotisch" und "Was für ein Quatsch" in sich hinein, um dann mitsamt Begleitung den Saal zu verlassen. Und es gab weitere Abwanderungen im Verlauf des Abends, der ja immerhin die erste Schauspielpremiere der Intendanz von Michael Börgerding am Theater Bremen war. Am Ende war der Applaus dennoch groß. Und die Frühverlasser hatten was verpasst. Sie hätten allerdings noch eine geschlagene weitere Stunde ausharren müssen, bis zum fulminanten Finale des "Lebens auf der Praça Roosevelt", das brutalstmöglich das Ende des jungen Mannes schildert, der bis dahin in Abwesenheit das Geschehen bestimmt. 


Theater Bremen

altKnoblauch in fast allen Körperöffnungen

von Andreas Schnell

Bremen, 12. Juli 2012. Großes Theater war nicht unbedingt zu erwarten. Eher auf die Schnelle entstand eine letzte Inszenierung, bevor die Spielzeit endet – und damit für nicht wenige Akteure die gemeinsame Zeit in Bremen. Immerhin Gelegenheit, gleich auch noch den hundertsten Todestag von "Dracula"-Schöpfer Bram Stoker zu würdigen. Auch das ja nicht eben die Sorte Jubiläum, die in Stadttheatern so auf der Agenda steht.


Theater Bremen

altStaatssekretär von Künstler attackiert

von Andreas Schnell

Bremen, 4. Februar 2012. Schon mutig, an dem Ort, an dem Peter Stein 1969 am Theater am Goetheplatz mit seiner Inszenierung von Goethes "Torquato Tasso" mit Bruno Ganz in der Hauptrolle einen Ruck durchs deutsche Theater gehen ließ, mit ebenjenem Stück anzutreten. Und dann erstmal Pech: Die Technik klemmte. Die Wände des Wohnzimmers wollten nämlich bei der Premiere partout nicht zur Bühne herniederfahren. Das war dann allerdings doch nicht so schlimm. Schwieriger waren andere Dinge.


Theater Bremen

alt

Etwas Besseres als die Rente mit 67 findest Du überall

von Andreas Schnell

Bremen, 15. Januar 2012. Eigentlich eine Zumutung: Eine dürftige, sattsam bekannte Geschichte. Ein Bühnenbild, das weitgehend aus einer schwarzen Wand besteht. Massen von Text. Geschichten aus dem Alltag. Versatzstücke linker Theoretiker und Philosophen. Ein rätselhafter Text von Heiner Müller. Und Schauspiel gibt es eigentlich auch nicht zu sehen. Allerdings ist Volker Löschs neue Inszenierung trotzdem oder genau deswegen einer der eindrucksvollsten Theaterabende, die es in Bremen seit einer Weile zu sehen gab.


Theater Bremen

alt

Der helle Wahn

von Andreas Schnell

Bremen, 17. November 2011. Der Brauhauskeller, die kleinste Spielstätte des Theaters Bremen, ist immer wieder gut für tolles Schauspieler-Theater. Nun hat Konradin Kunze Lothar Kittsteins "Bürgschaft" dort inszeniert. Ausgangspunkt des Stücks ist natürlich Schillers Ballade "Die Bürgschaft", die den Sieg der Treue, der Freundschaft, des Prinzips der Humanität über das herrschende Gewaltprinzip verkündet. Die Ausgangkonstellation verlegt Kittstein ins Heute und erzählt mit viel Situationskomik und feinem Wortwitz die Geschichte eines Paares, das sich auf illegalen Wegen ein Kind gekauft hat. Allerdings steht noch eine letzte Rate aus, die der dubiose Zwischenhändler Thomas (hier slawisch "Tomasch" ausgesprochen) eintreiben will.


Theater Bremen
alt

Country ist auch keine Lösung

von Andreas Schnell

Bremen, 2. Oktober 2011. Was passiert in Becketts "Endspiel" ist wohl bekannt. Es ist nicht viel. Und es wird immer weniger. Dieses Endspiel kennt keinen Sieger. Der Zerfall muss weitergehen. Und wenn ihn ein Floh bedroht, dann muss er vernichtet werden, auf dass nicht alles noch einmal von vorn beginnt mit der Menschheit.


Theater Bremen
alt

Nur wenn ich lache, schmerzt es

von Andreas Schnell

Bremen, 5. Juni 2011. Es gab bekanntlich nicht wenige Hitler zu sehen in den letzten Jahren, nicht zuletzt im Kino, von Bruno Ganz bis Helge Schneider. Dass man über den Führer Witze machen "darf", gilt mittlerweile als gesichert . Das war zu Zeiten George Taboris, genauer zur Uraufführung von "Mein Kampf" 1987, noch etwas anders.


Theater Bremen
alt

Mit den Stockmann-Festspielen zurück in die Zukunft

von Michael Laages

Bremen, 2. Juni 2011. Im Zentrum der Schlacht sagt Thomas Stockmann sich los von der Welt, wie sie ist – Schritt für Schritt verliert er den Kampf um "die Wahrheit", Zug um Zug schiebt ihn die Stadt, um deren Zukunft er streitet, aufs Abstellgleis. Er, der Einzelne, hat keine Chance gegen die Tricks und Fallenstellereien der politischen Mehrheit – da wird er (mit Schiller) grundsätzlich: Der Starke ist am mächtigsten allein, sagt er, kündigt der Gemeinschaft der politischen Kompromissler das Einverständnis auf und fordert in der himmelstürmerischen Schluss-Apotheose das Recht des Einzelnen gegen das Ganze ein. Er kennt die Wahrheit, alle anderen verdrängen und verstecken sie – darum, und als selbsternannter Teil der Elite, rassisch wie intellektuell, verkündet er die neue Zeit. Er wird sie nicht mehr erleben.


Theater Bremen
alt

Immer diese Gegenwart

von Andreas Schnell

Bremen, 14. April 2011. Gerade einer wie Fassbinder, dessen Leben ausreichend Stoff für mehr als nur ein paar abendfüllende Filme oder Theaterstücke hergibt, mag zu biographischen Deutungen verleiten. Und wenn er das Kino beinahe im Alleingang wenn schon nicht revolutionierte, so doch mehr als nur geprägt hat, mag es auch nahe liegen, sein Werk in einem historischen Kontext zu lesen, der dann bei Beschäftigung mit seinen Stoffen auf Aktualität hin untersucht und vielleicht entsprechend gebürstet gehört.


Theater Bremen
alt

Im Wutschaum zerstäubt

von Andreas Schnell

Bremen, 25. März 2011. Eine französische Baustelle irgendwo in Westafrika. Ein Arbeiter ist ums Leben gekommen, nicht ganz zufällig, ein geheimnisvoller Afrikaner mit Namen Alboury will der Familie die Leiche zurückgeben. Die Leiche aber ist in der Latrine verschwunden. Und mit Geld freikaufen können sich die Franzosen nicht. Das sorgt auch unter ihnen für Konflikte. Horn, der Baustellenleiter, setzt eher auf Worte als auf Gewalt – und auf Geld. Ingenieur Cal ist eher für nackte Gewalt. Und dann ist da noch Léone, eine junge Pariserin, die Horn heiraten will, weil man ja als älterer Mann nicht allein bleiben will. Die junge Frau interessiert sich aber dann doch eher für Alboury, träumt von einem gemeinsamen Leben, und wenn's eines in Armut ist. Die Tiefe ihrer Gefühle zu Alboury und Afrika lässt sich an ihrer Reisevorbereitung ablesen: Den ganzen Tag vor ihrer Abreise hat sie Reggae gehört.


Theater Bremen

alt

Schmoren im Menschenfresserkochtopf

von Michael Laages

Bremen, 21. Januar 2011. Das hatte der Schauspieler und Regisseur Herbert Fritsch sich selber und dem Freundeskreis zur Jahreswende gewünscht: "Auf ins neue Jahrzehnt: Schreit, kreischt, gröhlt, stampft mit den Füßen und beschwört die guten Geister!" In Zeiten grassierender Theorie- und/oder Utopielosigkeit hat der Facebook-Eintrag vom 31. Dezember geradezu das Zeug zum Programm, und Fritsch ist der Propagandist. Noch in den finstersten Abgründen der Historien, vor Jahresfrist in Halle und beim Blick auf Shakespeares "Macbeth", seit gestern an Friedrich Hebbels blutig-treuen "Nibelungen", macht er groteske Farcen der Macht und Gewalt dingfest.


Theater Bremen

Viel Lärm um wenig

von Andreas Schnell

Bremen, 2. September 2010. Es darf als Signal genommen werden, dass die erste Premiere der Interims-Fünferspitze am Bremer Theater ein Schauspiel ist - keine Oper. Und dass die Schauspielsaison im großen Haus eröffnet wird. Wo sich ganz andere Dinge veranstalten lassen als im Schauspielhaus. Zum Beispiel mit Musik, weil Platz genug ist für das Ensemble, seine ansehnlichen, multiinstrumentalen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Und ein opulentes Bühnenbild ist allemal drin. Immerhin letzteres überzeugt umstandslos und ist im Laufe des nicht eben kurzen Abends für ein paar spektakuläre Einlagen gut. Allerdings: Ganz glücklich verlief die Sache trotzdem nicht.


Theater Bremen

Auch was zuletzt stirbt, stirbt

von Andreas Schnell

Bremen, 22. Mai 2010. Ein Mann liegt in der Ecke. Umgeben von Flaschen, unter ihm ein paar Lumpen, zu seinen Füßen ein paar Plastiktüten. So wie sie in zunehmendem Maße die Städte bevölkern. Nicht nur in Afrika oder Lateinamerika. Im Alltag mag man ihnen ein paar Cent geben, was vor individuellem Elend und Verwahrlosung war, will man lieber doch nicht so genau wissen. Im Bremer Brauhauskeller kam man gestern Abend bei der Premiere von Nis-Momme Stockmanns "Das blaue blaue Meer" um Details nicht herum.


Theater Bremen

Bremer Wahrzeichen geklaut!

von Andreas Schnell

Bremen, 27. Februar 2010. Etwas Besseres kann man mit dem ollen Ding vielleicht gar nicht machen: Volker Lösch brachte Schillers Erstling in Bremen in eindreiviertel Stunden und um etliche Längen. Und schuf mit Esprit, Tempo und Lautstärke ein Update des Konflikts, der unter einer dicken Schicht Patina zu verschwinden drohte. Wo indes die Uraufführung der "Räuber" ein Skandal war, erntete die Premiere in Bremen gestern Abend Begeisterung.


Theater Bremen

Es war einmal ein Mauerfall

von Andreas Schnell

Bremen, 12. Dezember 2009. Eine Stimme aus dem Publikum hatte gestern das letzte Wort, als die Uraufführung von David Gieselmanns neuem Stück "Blühende Landschaften" im Neuen Schauspielhaus über die Bühne gegangen war. "Das war ein Scheißstück", tönte es vehement in den Applaus hinein. Was war geschehen?


Theater Bremen

Die Psychologie des Amoklaufs

von Andreas Schnell

Bremen, 26. November 2009. Ibsens "Hedda Gabler" auf die Länge eines Fußballspiels zu kürzen, scheint derzeit nicht unüblich. Im Frühjahr kam Alice Buddeberg in Recklinghausen auf knapp neunzig Minuten, Sebastian Schug liegt in Bremen knapp darüber. Dran glauben mussten auf diesem Weg nicht zuletzt die Tanten. Die eine verstirbt bei Ibsen zwar sowieso, die andere, Juliane Tesmann, bringt in ihren wenigen Auftritten lediglich die alte Ordnung zur Sprache.


Theater Bremen

Kinder an die Macht!

von Michael Laages

18. Oktober 2009. Vielleicht war es ja in der Geschichte vom kleinen dicken Ritter Oblong-Fitz-Oblong; aber ganz sicher ist das nicht. Irgendwann und irgendwo jedenfalls in der weiten Welt der "Augsburger Puppenkiste" existierte mal eine "Blechbüchsenarmee", deren Mitkämpfer tatsächlich in ebensolchen steckten und sich beim Angriff auf den jeweiligen Feind einfach, schepper-schepper-schepper-roll-roll, den Berg herunter rollen ließen, auf dem günstigerweise ihre Burg stand.

Theater Bremen

Kommunarde Alceste

von Andreas Schnell

Bremen, 12. Dezember 2008. Der Blick ins Programmheft lässt nicht eben Gutes befürchten: Da wird Ulrich Enzensberger, einst Mitbewohner der Kommune I, zitiert, der die eigene Vergangenheit als erlesene Verirrung geißelt. Die armen 68er – müssen sie schon wieder dran glauben? Und in der Tat: Alice Buddebergs "Menschenfeind" muss sich mit den Marotten einer Horde grenzdebiler Psychos herumschlagen, die sich zwischen präpotentem Revoluzzertum und libertinärer Attitüde bestens amüsieren.


Theater Bremen

In der Einsamkeit der Discokugeln

von Andreas Schnell

Bremen, 10. Oktober 2008. 1971 schrieb Rainer Werner Fassbinder "Die bitteren Tränen der Petra von Kant", ein Jahr später verfilmte er das Stück in Bremen. Die junge Regisseurin Mirja Biel brachte es nun "nach Hause": in Bremens Brauhauskeller, jene kleine Spielstätte des Theaters Bremen, die schon manchen Bühnenbildner zu interessanten Lösungen inspiriert hat.


Theater Bremen

Trostlose Arbeitswelt, sinnlose Sinnesfreuden

von Andreas Schnell

Bremen, 6. Juni 2008. Mit wem soll man es halten, fragte jüngst Die Zeit angesichts sich einer gewissen Häufung von Inszenierungen des Euripides-Spätwerks "Die Bakchen". Mit dem säkulären Thebaner König Pentheus oder mit dessen Gegenspieler Dionysos, "der Chaos in die gottlose Ordnung bringt und das Volk von den leeren Blechnäpfen seiner kalten Vernunft zurückführt zum Sinn des Lebens und zur Fülle des Daseins?"


Theater Bremen

Letzte Ausfahrt Nihilismus 

von Andreas Schnell

Bremen, 26. April 2008. Nachkriegsdeutschland, 1951. Ferdinand Bruckner schreibt ein Stück über junge Menschen auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Bruckner, geboren 1891 als Theodor Tagger und 1958 gestorben, 1933 vor dem Faschismus in die USA geflohen, kritisierte 1951, gerade aus dem Exil zurückgekehrt, in "Früchte des Nichts" den skeptischen Nihilismus der deutschen Jugend nach dem vermeintlichen Ende der großen Utopien. Aber was hat das mit uns zu tun, über fünfzig Jahre später?


Theater Bremen

Gang in die Tiefe

von Alexander Schnackenburg

Bremen, 2. Februar 2008. Sie haben sich für die große Bühne entschieden, für jene Spielstätte, die üblicherweise den Musiktheaterproduktionen vorbehalten ist. Als der Intendant in Bremen noch Klaus Pierwoß hieß und nicht Hans-Joachim Frey, da wich das städtische Schauspiel immer nur dann ins Goethe-Theater aus, wenn es unbedingt sein musste: etwa wenn Andrej Woron für seine pompösen Bühnenbilder und gewaltigen Choreographien viel Platz brauchte.


Theater Bremen

Sternenlose Utopie

von Andreas Schnell

Bremen, 1. Februar 2008. Die Erwartungen waren hoch. Eine Uraufführung, ein reicher Stoff, ein namhafter Autor. Aber hohe Erwartungen sind – wie jeder andere Idealismus – nah an der Enttäuschung gebaut. Das Scheitern von Idealismus und Utopie sind immer wiederkehrende Themen von Tankred Dorst. Doch zunächst einmal ist alles noch recht idyllisch.


Theater Bremen

Vom Recht, sich schlecht zu fühlen

von Alexander Schnackenburg

Bremen, 19. Oktober 2007. Es ist schon paradox. So gründlich sich Lukas Holligers Figuren auch selbst belügen, haben sie doch zuweilen etwas bestechend Ehrliches an sich. Beinahe unvermittelt sagen sie dann solch wunderbare Sätze wie: "Ich wollte dort nie sein und ich will hier nicht sein" (Michael), "Alles in meinem Leben ist Spielmaterial" (Patrick) oder auch "Ich habe immer im richtigen Augenblick gekniffen" (Hermann). Um letzteres, um das Kneifen, geht es dem Autor in seinem neuen Stück "Angst verboten", jetzt uraufgeführt am Theater Bremen.


zurück zur Übersicht