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archiv » Theater Basel (83)
Theater Basel

Jamben für die Denunziantin

von Christoph Fellmann

Basel, 23. März 2017. Der Beton, in den diese Geschichte eingelassen ist, zeigt eine Haft-, aber auch eine Pflegeanstalt. Es gibt vier kleine Zellen mit Wandtelefonen, eine Art von Rezeption und durchaus auch eine Fensterfront, die allerdings durch einen schweren, ebenfalls grauen Vorhang abgedeckt ist, der aussieht, als müsse er nicht Blicke, sondern Röntgenstrahlen abfangen. Im Grunde aber, so erfahren wir bald, befinden wir uns mit diesem Theatertext von Ewald Palmetshofer in der Anstalt der Geschichte.


Theater Basel

Die Ehe, Gott, die Frau an sich

von Maximilian Pahl

Basel, 25. Februar 2017. Gott ist ein Spanner. Er ist türkis. Und er zerlegt mit einem Messer – frei einem vedischen Mantra folgend – den Menschen in drei Teile. So lautet es bei der hochgeschätzten Dramatikerin Anja Hilling, die sich zum zweiten mal den französischen Bühnendichter Paul Claudel vornimmt. Sein Stück "Mittagswende" aus dem Jahr 1905 basiert auf Reiseerlebnissen und verbrachte das erste Drittel des 20. Jahrhunderts in der Schublade. Nun hat es Hilling also für das Theater Basel umgeschrieben. Nicht etwa, um den Text des katholischen Diplomaten Claudel zu verweltlichen und scheinbar auch nicht, um ihn dadurch vermittelbarer zu machen.


Theater Basel

Von den blauen Bergen kommen wir

von Claude Bühler

Basel, 23. Februar 2017. "Stefan"-Rufe, rhythmisches Klatschen, Jubelgejohle, Pfiffe: So begrüßte Basel den einstigen Schauspielspieldirektor Stefan Bachmann, der nach 14 Jahren erstmals wieder am Haus inszenierte. Hatte er damals mit frechem "Unterhosen"-Theater das Publikum gespalten, so kehrte er dieses Mal zurück, so scheint es, es wieder zu einen. Die Freunde leichtfüßig dargebrachter Pop-Bühnenkunst befriedigte er zum mindesten, aber auch Schiller-Puritaner werden bekennen müssen, dass die Kraft des Dichterworts – man muss es so sagen – das überwältigende Erlebnis der zweistündigen Aufführung bildet.


Theater Basel

Die Hölle, das sind die Erinnerungen

von Claude Bühler

Basel, 19. Januar 2017. Wer glaubt denn noch an die Hölle? Aber es gibt sie ja vielleicht doch? Unbezweifelbar ist, dass von der Hölle, dem "Inferno", noch immer die größte Anziehung in Dantes Gedicht-Monument "Die göttliche Komödie" ausgeht – auch der geschilderten Entsetzlichkeiten wegen, die der Renaissance-Dichter wie eine ewige Tatsache vor unser geistiges Auge stellt. Erzählt wird in der "Divina Commedia", wie Dante "in der Lebensmitte vom rechten Wege" abkam und vom antiken Dichterfürsten Vergil durch die Höllenkreise geführt wurde, um später via Läuterungsberg ("Purgatorio") ins Paradies ("Paradiso") zu gelangen.


Theater Basel

Bei den Wilden

von Christoph Fellmann

Basel, 12. Januar 2017. Dies könnte ein Bericht sein über Johann August Suter, der 1834 seine Frau und seine Kinder der staatlichen Fürsorge überließ und sich aus dem Staub machte nach Amerika. Er könnte erzählen, wie dieser Suter die USA durchquerte und schließlich Kalifornien erreichte, wo er eine private Kolonie namens "Neu-Helvetien" gründete, Sklaven beschäftigte, Handel betrieb und nicht wenig Reichtum anhäufte. Es könnte überdies die Rede davon sein, dass 1848 auf seinem Land ein erstes Goldnugget gefunden wurde, worauf der Rausch einsetzte und und Suter sein Land an die Digger und schließlich an den neuen Bundesstaat Kalifornien verlor.


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Immer mitten ins Gesicht

von Christian Rakow

Basel, 10. Dezember 2016. Irgendwann, noch früh an diesem Abend, beschleicht einen das Gefühl, dass man hier gar nicht bei Tschechow sitzt, sondern bei Edward Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf": wo sich Paare ordentlich die Meinung geigen und obendrein der Schnaps in rauen Mengen genossen wird, damit die Contenance nur so zerrinnt. Bloß dass hier, weil wir denn doch bei Tschechow sind, nicht nur zwei Paare aufeinander losgehen, sondern gleich ein ganzes Nervenbündelkabinett.


Theater Basel

Wie der Hase vor der Schlange

von Claude Bühler

Basel, 4. November 2016. Gerade jetzt läuft hierzulande wieder ein Werbespot im Fernsehen, der eine Musterfamilie in der Küche zeigt; Immer wieder hängt sich der Regisseur aus dem Off rein, um die Szene wegen falschem Text oder verfehlter Mimik wiederholen zu lassen. Genau diese Situation hat der Schweizer Jungautor Philippe Heule zu einem eineinhalbstündigen Schauspiel ausgeweitet und auch das "Leben" der Musterfamilie auf eine Dauer von 15 Jahren ausgedehnt.


Theater Basel

Flurgespräche der Zentralbanker

von Claude Bühler

Basel, 15. September 2016. Schon länger wird in Basel jene Geschichte wie ein Bonmot herumgereicht, wonach eine Boutiquen-Verkäuferin einer stadtbekannten, immer unscheinbar gekleideten Milliardärin die Seidenblusen nicht habe zeigen wollen, "weil Sie sich ja so was doch nicht leisten können". Hier lacht man über die Verkäuferin. Dem ortsfernen Blick enthüllte die Affäre wohl eher die Kultur der Diskretion, die hier herrscht, und die die Kleinstadt zum geeigneten Standort der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) macht: Die wichtigste Bank der Welt, deren 70 Meter hoher Turm beim Bahnhof jeder kennt und über die niemand etwas weiß.


Theater Basel

Von der beschwerten Leichtigkeit des Seins

von Claude Bühler

Basel, 13. August 2016. Bezaubernd das Szenario: In der goldenen August-Sonne strahlen die Bäume auf den Ruinen ihr sattes Grün vor dichtblauem Himmel. Wir sitzen gegen die Zuschauerränge des römischen Theaters, auf denen die Figuren einsam umhergehen. Irgendwo klimpert jemand sanft auf einer Gitarre. Man wähnt sich in südlichen Gefilden, wo mit der nahenden Dämmerung der Traum in die Realitäten rückt und damit auch die Poesie; passgenau für jenen Spielort Illyrien, der hier eher Platzhalter für ein unbedeutendes Herzogtum darstellt. Herzog Orsino kann seine Tage damit zubringen, seine unerwiderte Liebessehnsucht zur Gräfin Olivia zu hegen, und die Gräfin die ihren, verschleiert ihre Trauer um ihren verstorbenen Bruder zu pflegen.


Theater Basel

Workout für Melancholiker

von Christoph Fellmann

Basel, 12. Mai 2016. "Grass grows old", singt Thom Yorke auf dem neuen, übrigens fantastischen Album von Radiohead. Und er trifft in diesen drei Worten gleich zwei wesentliche Züge dessen, was man Melancholie nennt, nämlich die Kontemplation und die Ahnung des eigenen Todes. Beides prägt auch den Abend, den Sebastian Nübling und Ives Thuwis am Theater Basel unter dem Titel der "Melancholia", aber ohne Bezug zum gleichnamigen Film von Lars von Trier, entwickelt haben; bloß dass sich der deutsche Regisseur und der belgische Choreograf  wie von Trier musikalisch nicht an der Gegenwart der großen britischen Popmelancholie bedienen, sondern an deren Ursprung bei Großmeistern wie John Dowland, Robert Johnson oder Henry Purcell, also im 17. Jahrhundert.


Theater Basel

Tätowierung auf der Eichel

von Claude Bühler

Basel, 14. April 2016. Für diese Szene würde man PeterLichts "Menschenfeind"-Neuerfindung auch ein zweites Mal besuchen: Alceste gesteht Célimène seine "Superliebe", um ihr in den "ersten Minuten unserer Beziehung" gleich die Trennung zu verkündigen, respektive anzudrohen. "Bei allem nicht vorhandenen Respekt", sie müsse sich ändern, dürfe nicht weiterhin mit anderen Männern "rummachen". Nur so könne sie den "Hass-Anteil" seiner Superliebe "minimieren". Ihr Äußeres sei "kanonenhaft", ihr Inneres aber "unter aller Sau". Dennoch: Noch nie habe es in der Geschichte der Menschheit einen anderen Menschen gegeben, der "so stark geliebt hat wie ich, was ich durchaus bestätigen kann".


Theater Basel

Anarchistenfahne für Theben

von Claude Bühler

Basel, 11. März 2016. Auf dünnes Eis begibt sich das Theater Basel, wenn es Euripides' Drama von 405 vor Christus als Uraufführung anpreist. Die Version, die der Dramatiker Roland Schimmelpfennig 2009 für den verstorbenen Regisseur Jürgen Gosch aus verschiedenen Quellen verfasste, ist weder Neuübersetzung noch neue Stückschöpfung. Sie setzt sich inhaltlich und in der Szenenabfolge kaum von der traditionellen Euripides-Übersetzung J. A. Hartungs aus dem Jahre 1848 ab. Natürlich, der Ton ist ein anderer: weniger lyrisch-expressive Vergegenwärtigung, eher mental-flächig, für heutige Ohren leichter verständlich. Aus dem wuchtigen Aufbäumen beim Einstieg "Ich, Sohn des Zeus, Dionysos" wird ein profanes "Jetzt bin ich endlich hier".


Theater Basel

Ödipus – einer von uns

von Jürgen Reuß

Basel, 5. Februar 2016. Mitten auf der Bühne ein wandloses Schlafzimmer in gediegenem bürgerlichen Holzlook. Links eine Scheinwerferwand, rechts eine Ventilatorenwand, hinten das dunkle Nichts. Iokaste sitzt am Tisch, macht sich Apfelschnitze, ein letztes, öde gedehntes Nachtmahl, bevor sie den Schlafanzug anzieht und ins Bett geht. Ödipus kommt heim. Auch er schlüpft aus gedecktem Angestelltenzivil in den Pyjama. Er hat Schlafstörungen, die Arbeit belastet ihn, er hat Alpträume. Iokaste liest ihm – sehr lange – Oscar Wildes "Importance of Being Earnest" vor. Szenen einer langjährigen Ehe. Ödipus goes bürgerlich in der Sophokles-Umarbeitung von Antonio Latella und Federico Bellini, die im Basler Schauspielhaus uraufgeführt wurde.


Theater Basel

Mit dem Klavier zum Rücken

von Claude Bühler

Basel, 17. Dezember 2015. "Paris!", ruft Max Rothbart als Bauernsohn Sylvain begeistert im goldenen Glitzersmoking, immer wieder "Paris" und "Pa-Pa-Pa-Paris" – um irgendwann Maschinengewehrfeuer nachzuahmen, das er gegen das Publikum richtet. Gleich darauf kracht mit "Kiss The Devil" just jenes Stück herein, das die amerikanische Band "Eagles of Death Metal" in dem Moment im Pariser Bataclan-Club spielte, als die Terroristen das Feuer in die feiernde Menge eröffnete.


Theater Basel

Auf psychedelischer Fahrradtour

von Christoph Fellmann

Basel, 31. Oktober 2015. Der wichtigste Beitrag der Schweiz zur Popkultur kam nicht aus einem Proberaum, sondern aus einem Chemielabor. Nämlich von Albert Hofmann, einem solide bürgerlichen Angestellten der Sandoz AG. Der hatte 1938 mit einem Kollegen erstmals das Lysergsäurediethylamid (LSD) hergestellt und es am 16. April 1943 irrtümlich eingenommen. Drei Tage später wiederholte er den seltsamen Zustand, in den er dabei geraten war, in einem Selbstversuch und fuhr, als ihn der Schwindel erneut traf, mit dem Fahrrad und begleitet von seiner Assistentin Susi Ramstein nach Hause. Zehn Kilometer von Basel nach Bottmingen. Der erste Acid Trip der Geschichte führte auf leicht ansteigender Strecke in ein biederes Dorf hinaus.


Theater Basel

Geschlossene Gesellschaft

von Claude Bühler

Basel, 30. Oktober 2015. Zu den größten Herausforderungen einer bemannten Mars-Mission gehören die psychologischen Probleme. Wie würden die Leute das aushalten, Untätigkeit in Enge? Was, wenn das Klassenbewusstsein Gräben aufreißt, Wut und Hass aufkommen? Was taugen Menschheitsideale unter sozialer Dauerbelastung? Wie wenn Cupido ins Gemenge fährt?


Theater Basel

Wir Wohlstandskissenschlachtler

von Claude Bühler

Basel, 24. Oktober 2015. Einen Euphemismus nannte Wiebke Porombka es in der FAZ, wenn man das Personal in Dorothee Elmigers Roman "Schlafgänger" als "Figuren oder Personen" bezeichnete. Andere Rezensenten bemerkten, dauernd müsse man nachschlagen, wer denn nun gerade im Sprachfluss dieses "Prosa-Sprechtheaters" zitiert werde. Anhand der Aussagen der "Sprechpuppen" (Süddeutsche Zeitung) betreibe Elmiger "ein virtuoses Wechselspiel mit der Ichperspektive" (Tagesanzeiger). Der 2014 erschienene Roman sei "ein harter Brocken", der die Leser "desorientiere" (Frankfurter Rundschau).


Theater Basel

Die Liebe ist ein Tauschgeschäft

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 26. Mai 2015. Eine Unterhandlung der Peers in Abwesenheit des Königs Edward II. Mortimer (Michael Wächter) ist immer schon ganz Wille zur Königsmacht und lässt verlauten, der abwesende König habe jetzt, nach dem Tod seines Vaters, Edward I., dessen Verbannung von Gaveston, von seinem, des jetzigen Königs Liebsten, aufgehoben. Das ganze hohe Haus soll sich empören. Und wirklich das ganze Haus ist angesprochen, und wird es immer wieder: An drei Seiten sitzt das Publikum um das, was Bühne, was Redepult vor Gericht, was riesenhafter Thron in Kupfer ist. So könnte der Eindruck entstehen, dass das ganze Haus verhandelt, was politisch wichtig, richtig ist oder eigentlich ins Privatleben verbannt werden sollte.


Theater Basel

Die Melancholie des Unzulänglichen

von Claude Bühler

Basel, 17. Mai 2015. Gerade eben verklang hier Mahlers "Ich bin der Welt abhanden gekommen". In den Spiegel sang die Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter Rückerts Zeilen des Rückzugs von der Welt, inmitten ihrer Bartresen, die nun wirken wie eine Burg. An den Hockern, die auf der Drehbühne die Bar endlos umkreisten, lagen und hingen die Hosen, Jacketts, Hemden jener Herren, die eben noch den mondänen Raum bevölkerten, mit ihren Geschichten anfüllten. Leger aber kunstvoll drapiert, wirkten sie wie erstarrt in jener letzten Bewegung, die wir von Menschen in Erinnerung behalten, bevor sie verschwinden.


Theater Basel

"denn da fehlt etwas"

von Elisabeth Maier

Basel, 7. Mai 2015. Das Echo des Erinnerns sucht Wolfram Höll in seinem Stück "Vom Verschwinden vom Vater". Der Krebstod des Mannes, der ihn fürs Leben stark gemacht hat, ist für den Dramatiker Ausgangspunkt eines dichten Dramas, das im Stücklabor Basel entstanden ist. Er schreit nach dem Sterbenden, doch der entgleitet ihm. Stimmen flüstern, hauchen und sprechen den rhythmisch komponierten Text auf der Bühne des Basler Schauspielhauses. "Einmal/ Einmal nur/ im Schlaf/ da/ war er wieder da/ war wieder da." Virtuos spielt der Autor mit dem Widerhall der Worte. Er ruft sie aus und sie kehren zurück, verändert, beschnitten oder ausgehöhlt. Das klingt so, als verlasse die eigentliche Bedeutung die Sprache. Und aus den Trümmern entsteht ein neuer Sinn: "denn da fehlt etwas/ da war er/ da fehlt etwas."


Theater Basel

In der Zeitblase

von Claude Bühler

Basel, 23. Januar 2015. Die Aussicht auf die "Unmöglichkeit", den 1000-seitigen Roman Thomas Manns auf der Bühne erzählen zu können, habe ihm "gefallen", sagt Thom Luz im Interview (Programmbüchlein). Um gleich darauf, wie ein Kind zu rufen: "Schau, ein Rotkehlchen!" So unbeschwert scheint der 33-jährige Regisseur die Aufgabe mit dem Jahrhundertroman von 1924 anzugehen. "Endlos fasziniert" von der "Rätselhaftigkeit" des Romans inszeniert Luz einen psychedelischen Tanz der Todgeweihten, den Handlungsort – die Davoser Lungenheilstätte "Berghof" – als schattenhaftes Übergangsreich.


Theater Basel

Manga, Striptease, Techno

von Christoph Fellmann

Basel, 27. November 2014. Wenn so ein Stadthipster an den Hau-den-Lukas tritt, geht der Schlag natürlich bis in die Cloud. Und prompt materialisiert sich von oben herab sein Glück, in Form eines Vintage-Soundsystems, das auf die Bühne schwebt, eines Tanzpavillons aus ironischen Glitzerfäden und einer Mikrofonanlage, in die er Karaoke singen kann. Nicht zu vergessen das Kokain, weil es herrscht ja Jahrmarkt, und irgend jemand hat immer noch ein bisschen Geld für die "Achterbahn", auch wenn der Retro-Zeppelin einen auf Ödön von Horvath macht und durch sein erhabenes Entschwinden noch einmal das Ende aller Hoffnung herbeizitiert.


Theater Basel

Und edelmütig wimmert die Kreatur

von Claude Bühler

Basel, 19. September 2014. Nach den drei Stunden schien der Jubelsturm nicht aufhören zu wollen. Die Schreie, Pfiffe, das Fußgetrampel gingen erstens an die Seele des Abends: Cathrin Störmer hatte dem Monster eine Stimme verliehen, die selbst durch den Stimmverzerrer noch mütterlich und umfangend klingt. Wenn sie liebend fleht, hasserfüllt aufschreit, ängstlich wimmert, böse krächzt, kindlich weint, so erfüllt sie genau die Absicht von Regisseur Philipp Stölzl und Dramaturg Jan Dvorak: Wir sollen den ganzen Abend lang Mitleid haben mit der Kreatur, die uns abstößt.


Theater Basel

Hilflos auf dem Rücken

von Elisabeth Maier

Basel, 16. Mai 2014. Blutrotes Licht schimmert durch Papierornamente, die auf einem Rahmen über der Bühne hängen. Darunter strampelt der Soldat Zoli mit den Beinen. Wie eine Schildkröte in hilfloser Position liegt er auf dem Rücken, ringt ums Überleben. Worte ersticken in seiner Kehle. Klangfetzen heizen die fiebrige Atmosphäre auf. Mit starken Szenen wie dieser setzt Patricks Gussets Uraufführung von Melinda Nadj Abonjis "Schildkrötensoldat" jenen jungen Männern ein Denkmal, die im Militär zu Tode gedemütigt wurden.


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Traumloses Vakuum

von Julia Stephan

Basel, 3. April 2014. Am Anfang war das Träumen noch erlaubt: Der Münchner Szene-DJ Viktor Marek stand im Military Look auf glitzernden Pumps balancierend am barock verschnörkelten DJ-Pult und drehte erstmal den Clubsound hoch. Sofort war man elektrisiert und überzeugt: Auf der Basler Schauspielhaus-Bühne würde man es an diesem Abend mit einer abgefuckten, überstimulierten Party-Crowd zu tun bekommen, deren heftiger Drogenkonsum dem einen oder anderen die Gefühls-Synapsen umpolen wird. Genauso wie das den Verliebten in William Shakespeares Komödie "Ein Sommernachtstraum" passiert, in der ein aphrodisierender Blumennektar zu neuen Paarbildungen anregt.


Theater Basel

Trautes Heim, Alptraum rein!

von Valeria Heintges

Basel, 27. Februar 2014. Es beginnt in der totalen Idylle. Auf der Bühne ein riesiger Scherenschnitt; Landschaft mit Bäumen, alles schön schwarz-weiß. Dazwischen die Schauspieler, sie rezitieren im Chor das in Alexandrinern gereimte Gedicht "Die Alpen" von Albrecht von Haller. Nur die raue Natur kann die schöne Schweiz zerstören. Dann aber kommt der Alptraum. Sechs Typen im dunkelgrauen Zwirn, die die "Bürger der Vaterstadt" zur Aufmerksamkeit aufrufen. Sie rappen, zeitweise auf Schweizerdeutsch, dazu fette Beats. Hinter ihnen eine comicartige Schrift, blutrot verkündet sie: "Biedermann und die Brandstifter".


Theater Basel

Der Dämon der Geilheit

von Claude Bühler

Basel, 25. Januar 2014. Düster ragt eine riesenhafte Skulptur aus ineinander verschachtelten Stühlen in den Bühnenhimmel. Weihrauch steigt aus ihr empor, füllt das Schauspielhaus. Frauen und Männer umstellen sie, jede und jeder für sich, die Arme an sie gelehnt, die Schultern gebeugt, als wäre das Ding die Klagemauer. Ohne dass man zunächst etwas hört, spürt man: Sie beten.


Theater Basel

Leerer Raum ohne Traum    

von Kaa Linder

Basel, 21. Dezember 2013. Am Bahnhof Basel um sieben Uhr abends stehen Menschen in einem großen Halbkreis und lauschen. Engelsgesang füllt die kalte Halle. Vor einer Plakatwand steht ein Junge, die Wollmütze mit Bommel tief ins Gesicht gezogen. Ganz alleine steht er da und singt. Selbstvergessen und ambitionslos. Als hätte er eine Wette abgeschlossen, dass er auf diese Weise genug Kleingeld zusammenbringt, um sich eine Playstation zu kaufen. Seine Stimme klingt glockenrein, manchmal verpasst er die Töne. Doch das ist egal. Das Staunen auf den Gesichtern der Passanten hält an.


Theater Basel

Jeans mit viel Kreidestaub 

von Claude Bühler

Basel, 20. Dezember 2013. Der Roman "Entre les murs" lebt von einem Zusammenprall: Am Collège Mozart im 19. Arrondissement, einem der armen Pariser Viertel mit hohem Ausländeranteil aus dem Maghreb und aus Schwarzafrika, sollen westeuropäische Bildungsstandards durchgesetzt werden. Der Autor und ehemalige Lehrer François Bégaudeau, der das Buch 2006 schrieb, reihte aufnotierte Spitzenmomente seines Schulalltags übergangslos aneinander, "ohne kommentierend abzufliegen, nur zeigen, was ist".


Theater Basel

Heilige helvetische Kuh

von Julia Stephan

Basel, 29. November 2013. Die Frage, ob der Zufall ein Verbündeter des Verbrechers oder des Ermittlers ist, kettet in Friedrich Dürrenmatts Roman "Der Richter und sein Henker" zwei Menschen für immer aneinander. In einer Spelunke am Bosporus gaben sie einst, euphorisiert vom Alkohol, ihre Leben als Wetteinsatz, um ihre Sicht der Dinge zu beweisen. Die Wette machte den einen zum Mörder, den anderen zum verbissenen Kriminalisten. 


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Revolte der Patriarchen

von Claude Bühler

Basel, 31. Oktober 2013. Was würde Paul Simonon der Punkband "The Clash" dazu sagen, wenn er erführe, dass sein wütender Reggae "Guns of Brixton" von 1979 nun als süßlich gelispelte Hymne für das Schweizer Gewehr herhalten muss? Ein irrwitziger Einfall zum Einstieg. Denn Simonon schrieb über die Paranoia eines Einzelnen, der sich vor der Polizei verschanzt – damals, zum Start der Jugendunruhen der achtziger Jahre. Hier singen es in Schweizerdeutsch die sieben Aufrechten, ein Freundschaftsbund, der die Bürgerrevolte soeben siegreich überstand. Die Bundesverfassung von 1848 steht schon seit einem Jahr, aber die Paranoia steckt noch in den knorrigen Bärtigen, die an der Bühnenrampe nun weihevoll den Karabiner gegen Himmel heben.


Theater Basel

"Das ist die freie Szene"

von Annette Hoffmann

Basel, 20. September 2013. Lange vor seiner Einweihung hat dieses Theater schon Rost angesetzt. Ein Baugerüst, das andernorts schon ausrangiert worden wäre, steht auf der Bühne. Eine Treppe führt zur Galerie nach oben, auf dem Boden verhindern Stahlstangen, dass man auch nur auf die Idee kommt, die wenigen dahinter stehenden schlichten Holzmöbel zu nutzen. Auf der rechten Seite steht ein hohes Bücherregal und weiter vorne eine Blechbadewanne, die jedoch nicht zum Einsatz kommt. Es bleibt viel Platz zum Spielen.


Theater Basel

Pistolen in der Dämmerung

von Claude Bühler

Basel, 12. September 2013. Sie stockt immer an derselben Stelle. Die Schauspielerin Isolde büffelt verzweifelt den Text zu "Tristan und Isolde", Ehemann Patrick hört sie ab. Sie kommt nur bis zu: "Und als ich sah ...". Aber es reicht nie bis zum Rest: "... die tödliche Wunde meiner wahren Liebe". Entnervt überspringt sie die böse Stelle, verlangt das nächste Stichwort, das übernächste. Um am Ende von Patrick (Jim Fletcher) die Frage zu hören: "Hast Du nie versucht, mal zu sagen, was Du fühlst?" Zack, mittendrin sind wir, beim Psychologisieren, was denn hier wohl den Gedankenfluss hemmt. Resigniert wischt Isolde die Frage weg: "Es ist weg. Gestern war's noch da."


Theater Basel

Das Theater in der Mausefalle

von Claude Bühler

Basel, 3. Mai 2013. Würde es halten? Schwarze Wolkenbänke hatten sich zum Vorstellungsbeginn über dem Theaterplatz geschichtet. Magie! Drama! Poesie! Spektakel! versprach die Aufschrift an der heruntergekommenen Schaubude. Die farbenfroh kostümierte und bunt geschminkte Vaudeville-Truppe wuselte bereits eifrig herum, zelebrierte billige Zaubertricks, sang Chansons, verstolperte sich in falsche Auftritte. Da fielen vereinzelte Tropfen. Die letzte Premiere der Saison: bedroht?


Theater Basel

Schweizer Heimatfarce

von Annette Hoffmann

Basel, 19. April 2013. Es sieht aus wie echt. Auf der Bühne liegt eine Fläche aus Holz, die entfernt an das Territorium der Schweiz erinnert. Nach hinten steigt sie sanft an, um in Berggraten zu enden. Es könnte Edelholz sein (Bühne: Giovanna Bolliger). Doch echt ist hier nichts. Nachdem Flüchtlingsströme Europa durchzogen und Privatarmeen das Sagen haben, ist die Schweiz zu einem Themenpark geworden und steht kurz davor, zum Mythos ihrer selbst zu werden. Die Eidgenossen bevölkern den Park nur noch als Statisten. Eigentlich sind sie Angestellte der Firma Nippes & Nippes. Sie wissen es nur nicht, und wenn sie es wüssten, würde es keinen Unterschied machen: So ereignislos, so unaufgeregt harmlos, so beschützt haben sie schon immer gelebt.


Theater Basel

Glück ist keine Option

von Annette Hoffmann

Basel 11. April 2013. Rosa Chiffon und lilafarbene Strümpfe schauen im Hintergrund unter der Blende hervor, die im Schauspielhaus des Theater Basel nur wenige Handbreit Durchblick lässt. Ganz Moskau scheint sich aufs Eis begeben zu haben, während für Lewin just auf der Eisbahn die Welt zusammenbricht. Kitty, die eben seinen Heiratsantrag abgewiesen hat, stolpert er von einem der in die Wand eingelassenen Fenster direkt vor die Füße. "Ich konnte nichts anderes erwarten", lautet sein Kommentar. In seinem zu großen, hellgrünen Zopfpulli, mit dem Seitenscheitel im blonden Haar und dem zerwühlten Gesichtsausdruck sieht er aus wie die Resignation in Person.


Theater Basel

Grüezi Shanghai

von Annette Hoffmann

Basel, 16. März 2013. Es gibt Drachen, Affen und Schlangen. Wir sind Schweine. Die Wasserbüffel auf den Aufklebern sehen ein bisschen wie schwarz-weiß gescheckte Milchkühe aus. So viel chinesisch-schweizerische Gemeinsamkeit muss dann doch sein. Seit fünf Jahren unterhalten Basel und Shanghai eine Städtepartnerschaft. 3300 Schweizer leben in der Metropole. Und es sollen mehr werden. Wir sind hier, um uns in einem Crashkurs auf die Arbeitsbedingungen in China vorzubereiten. Die Beziehungen zwischen der Eidgenossenschaft und der aufstrebenden Wirtschaftsmacht gelten als pragmatisch; was bedeutet, dass sie auf die Ökonomie ausgerichtet sind. In Gruppen aufgeteilt, kenntlich gemacht durch niedliche Tieraufkleber, verbringen wir einen Theaterabend im Transitbereich der Baseler Hotel Dorint.


Theater Basel

Dylan kann man doch nicht...

von Christoph Fellmann

Basel, 8. Februar 2013. Sechs Minuten und dreizehn Sekunden dauert "Like A Rolling Stone". Nicht viel länger brauchen Tomas Schweigen und Far A Day Cage in Basel nun, um alles zu sagen, was sie an ihrem Abend über diesen Song von Bob Dylan zu sagen haben.


Theater Basel

Neandertaler am Laptop

von Hartmut Krug

Basel, 10. Januar 2013. Mit Zitaten von Charles Darwin aus "Die Abstammung des Menschen" und "Die Entstehung der Arten" führt Richard Harris seine Leser durch die fast 400 Seiten seines Thrillers "Angst". Kreatürliche Triebe sind es, die seine Figuren bei ihrer hochtechnisierten Arbeit bestimmen. Dabei geht es dem Physiker Alexander Hoffmann (intensiv übersteuert: Paul Grill) bei seinem Versuch, mit Vixal4 ein selbstlernendes, auf Algorithmen beruhendes Computersystem zu schaffen, das Börsenaktivitäten hervorruft, indem es bei Kauf und Verkauf auf die Angst, Panik und Gier im menschlichen Handeln setzt, um nichts anderes als die völlige Beherrschbarkeit der Welt. Während sein Kompagnon Quarry (ganz ohne den Witz der Figur bei Harris: Jan Viethen) allein von der Gier nach Geld umgetrieben wird. Wie in allen Geschichten von künstlich geschaffener Intelligenz aber richtet sich das (hier technische) Wesen gegen seinen Schöpfer.


Theater Basel

Wenn Nebelmaschinen Kringel rauchen

von Annette Hoffmann

Basel, 1. Dezember 2012. Nicht, dass man es nicht besser wüsste. Doch wenn Thom Luz' Inszenierung von Goethes Briefroman "Die Leiden des jungen Werther*" für das Theater Basel nicht ohne Fußnote auskommt, dann um vergessen zu machen, wie schlecht die Geschichte ausgeht. "I am a story backwards told" signalisiert das *, so dass in der unglücklichen Liebesgeschichte zwischen Lotte und Werther einmal nicht das Begräbnis, abseits und ohne geistliche Begleitung, das letzte Wort hat. Denn Luz und sein vierköpfiges Ensemble erzählen "Die Leiden des jungen Werther" von ihrem Ende her. Der Selbstmord, die deprimierende Dreiecksgeschichte von Lotte, ihrem Mann Albert und Werther, sein Scheitern einer Laufbahn am Hofe weicht allmählich dem Rausch der Verliebtheit, dem Glück der ersten Begegnung mit Lotte inmitten ihrer Geschwister, an die sie das Abendbrot verteilt und einer Gefühlslage, die offen für Neues ist.


Theater Basel

Es ist schade um den Menschen!

von Annette Hoffmann

Basel, 21. September 2012. Im Theater Basel ist mitten im September der Frühling ausgebrochen. Denn, so Vincent Leittersdorf in Tomas Schweigens Inszenierung von August Strindbergs "Ein Traumspiel", es ist Frühling, weil die Spielzeit eröffnet wird. Auf Logik allein darf man sich in diesem Stück jedoch nicht verlassen. "Versuchen Sie nicht, etwas verstehen zu wollen, damit tun Sie uns und sich keinen Gefallen", sagt Mareike Sedl. Wenn das mal keine klare Ansage ist. Und trotzdem bricht im Theater Basel mit aller Macht der Frühling aus.


Theater Basel

altWer zuerst blinzelt

von Andreas Klaeui

Basel, 13. Juni 2012. Da liegt sie also, dreifach aufgebahrt auf stilisiertem Katafalk, weiß geschminkt wie im japanischen Theater, vor ihr schnuppern schmale Hunde an rot leuchtenden Knochen, dunkle Balkangrabesklänge. Bereits zum sechsten Mal lässt die Performancekünstlerin Marina Abramović ihre Biografie fremdinszenieren, für das Manchester-Festival (und das Teatro Real in Madrid in Koproduktion mit dem Theater Basel, wo die Produktion nun zum ersten Mal im deutschsprachigen Raum zu sehen ist) hat sie die Autobiofiktion Robert Wilson an die Hand gegeben.


Theater Basel

alt

Reigen von Verzweiflung und Euphorie

von Annette Hoffmann

Basel, 2. Juni 2012. Treffen sich zwei. Zur falschen Zeit. Er dachte acht Uhr, sie neun. Und schon sind da die Probleme. Was soll das werden? Ein Witz oder die große Liebe? "Triptychon eines seltsamen Gefühls" hat die 1971 geborene Autorin Beatrice Fleischlin ihren Beitrag für das Stück Labor Basel genannt. Und er befasst sich wirklich mit der Liebe. Das hätte man in dieser Saison durchaus in allen Schattierungen auch in Arthur Schnitzlers "Das weite Land" haben können. Doch nun gut, es herrscht Sommer am Rhein, die Spielzeit geht auf ihr Ende zu und Liebe passt immer.


Theater Basel

altDie Ritter der Videokunst

von Charles Linsmayer

Basel, 13. Mai 2012. Obwohl er sich aus enttäuschter Liebe von einem Felsen ins Meer gestürzt hat, ist Ariodante lebend ans Ufer gespült worden und singt nun sein todessüchtiges "Numi! Lasciarmi vivere", "Götter, warum zwingt ihr mich zu leben!" Franziska Gottwald, die den Ariodante spielt, ist dabei während des Gesangs zugleich in hundertfacher Vergrößerung zu sehen, wie sie am Ufer im Sand liegt und wie sich ihre blutunterlaufenen Augen langsam öffnen.

Theater Basel

altTour de Force mit Liebestrank

von Annette Hoffmann

Basel, 19. April 2012. Gelegenheit macht Diebe, und wo ein Strick ist, findet sich auch jemand, der bereit ist, darein zu springen. So auch am Theater Basel, wo man den Umweg über Aki Kaurismäkis Film "I hired a contract killer" nimmt, um mit Tristan und Isolde zu einem der größten Liebespaare der Musikliteratur zu kommen. Man erinnere sich: Liebestrank, fortgesetzter Ehebruch und Liebestod. Lange muss die Schlinge, die vom Schnürboden vor milchiger knisternder Folie hängt, nicht warten. Henri (Jan Viethen) greift sich eine Bank, steigt auf sie und legt sich das Seil um den Hals – und natürlich reißt es, gerade als Margaret (Nicole Coulibaly) vorbeikommt. So schnell kann man also neuen Lebensmut fassen.


Theater Basel

alt

Triumph aus Vergnügen

von Beat Mazenauer

Basel, 16. Februar 2012. Zur Vorfreude auf einen Theaterabend gehört die Neugier auf das Bühnenbild. Dessen Design avanciert nicht selten zum sichtbaren Markenzeichen für eine Aufführung. In Basel hält Wolf Gutjahr dem eintretenden Publikum gleich zu Beginn den Spiegel vor. Die Bühne gibt einen abstrahierten Theaterraum wieder, in dessen Parkett sich allmählich die Schauspieler einfinden. In aller Ruhe sehen sie sich ihr Publikum an.


Theater Basel

altIst sie schon tot, die Politik?

von Christoph Fellmann

Basel, 27. Januar 2012. Die Apokalypse ist auch nicht mehr, was sie einmal war. Einst prallten Meteoriten auf die Erde und krochen Eiszungen über die fruchtbare Flur, oder es kam halt die Sintflut. Heute aber herrscht ein postmodernes Durcheinander an Katastrophen, eine impertinente Gleichzeitigkeit des ungleichzeitigen Massensterbens sozusagen, und wer wollte da noch den Überblick behalten. Überfordert ist jedenfalls auch die Kleinfamilie Antrobus, und die hat in ein paar Millionen Jahren weiß der Teufel schon allerhand überlebt. Aber jetzt steht auch sie ratlos auf der Bühne des Theaters Basel, vis-à-vis der Tagesaktualität, die sie erreicht und die da lautet: "Kernschmelze im Finanzsystem, toxisches Zertifikat, Klimakrieg, Warnlücke, Klimakatastrophe, Massenmigration, elektromagnetisches Desaster." Ja, genau: "Irgendwie ist da der Wurm drin." Ob George, Maggie, Henry und Gladys Antrobus also noch einmal davonkommen werden, und wenn ja, ob sich das auch lohnt: Man weiß es nicht.


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Im postglobalen Blutrausch

von Annette Hoffmann

Basel, 21. Januar 2011. Was hat es noch mal mit schwarzen Katzen auf sich, die von links nach rechts? Egal, da kommt sie auch schon wieder zurück. Und als Rama gefesselt in einer ihm unbekannten Wohnung erwacht, braucht es keine Kaffeesatzleserei mehr. Da ist er tatsächlich zum Vampir geworden. Die Aufschrift "Nutze die Chance zum Eintritt in die Elite" hatte den gescheiterten Studenten und Supermarktangestellten verlockt.


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Nicht allein um nicht zu sterben

von Beat Mazenauer

Basel, 25. November 2011. Ehrungen beflügeln. Die kürzliche Verleihung des Hans-Reinhart-Rings scheint Christoph Marthaler aber eher dazu bewogen zu haben, den Puls seines neuen Projekts zu verlangsamen. Das wunde Herz findet Labsal in der Musik von Giuseppe Verdi und in einer gemächlichen, doch kräftigen Frequenz seiner Schläge. Vielleicht hat es daran gelegen, dass das Basler Premierenpublikum warm applaudierte, mehr aber nicht. Keine Ovationen. Vielleicht waren nach den letzten Aufführungen, allen voran dem Sprachlabor Meine faire Dame vor einem Jahr, die Erwartungen mehr auf Amüsement gestellt.


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Amok eines Lehrers

von Charles Linsmayer

Basel, 16. November 2011. 2009 hat Werner Düggelin im Schauspielhaus Basel Eugène Ionescos Die kahle Sängerin inszeniert. In einem englischen Interieur der 1950er Jahre und in einer Spielweise, die aus den absurden Dialogen der Figuren, die laut Ionesco "immer nur reden, ohne etwas zu sagen", die Sprachsubstanz für eine witzig-komische Boulevard-Komödie machte. Zwei Jahre danach hat Düggelin nun, diesmal auf der kleinen Bühne des Theaters, den anderen frühen Ionesco inszeniert: "La leçon", "Die Unterrichtsstunde" – jenes Stück, das zusammen mit "Die kahle Sängerin" seit 1957 ununterbrochen in bisher mehr als 17 000 Aufführungen im Pariser Thèâtre de la Huchette zu sehen ist.


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Sie werden damit nicht durchkommen!

von Annette Hoffmann

Basel, 23. September 2011. Das Programmheft weiß: kein Kind wurde während dieser Produktion geschädigt. Obgleich einige Kinder in der Zeit der sechswöchigen Proben ihre Eltern selten sahen und gleichzeitig 1,5 Billionen Kinder in Afrika an Unterernährung, Wassermangel und unzureichender ärztlicher Versorgung starben.


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Der Mensch ist ein Abgrund

von Charles Linsmayer

Basel, 17. September 2011. Kurz vor Schluss sitzen sie nochmals traulich zusammen, als wollten sie für ein Familienbild posieren: die Sopranistin Edith Haller als Marie, der Bariton Thomas Johannes Mayer als Wozzek und schlafend zwischen ihnen der Basler Sängerknabe Laurin Egli, der mit seinem Kinderhelm als einziger etwas Soldatisches in die Basler "Wozzeck"-Inszenierung hineinbringt. Aber die verdorrte Pflanze, vor der die drei sitzen, deutet an, dass die Idylle trügt.


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Ein Geschäftsimperium für ein Pferd?

von Annette Hoffmann

Basel, 15. September 2011. Dieser Konferenztisch ist wie für die Ewigkeit gemacht. Grauer Granit, zwei Stützen, eine Platte. Genau besehen: ein Altar, auf dem sich gut Opfer darbringen lassen. Dahinter steht Colm, uneingeschränkter Herrscher seines Geschäftsimperiums Argeloin, und erzählt seinen Mitarbeitern einen Traum. Einen Traum, in dem er das Schöne sucht und Scheiße findet. Seine Mitarbeiter und der ungeliebte Sohn Jimmy, allesamt in Businesskleidung, kippeln auf den Absätzen, lachen sich ins Fäustchen.


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Auf Bühnen und Nicht-Bühnen

von Simone von Büren

Basel, 25. Juni 2011. Kurz vor 17 Uhr ziehen die Hausautoren ins Schauspielhaus Basel ein. Aufgeregt begrüsst von den versammelten Dramaturgen und begleitet von einem Team schnauzbärtiger Umzugshelfer steigen Beatrice Fleischlin, Lukas Linder und Verena Rossbacher aus einem Lastwagen und richten sich mit Sack und Pack in improvisiert chaotischer Manier im Theater ein. Dort machen sie sich sogleich an die Arbeit.


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Als ob's in diesem Russland eine Seele gäbe

von Annette Hoffmann

Basel, 12. Mai 2011. Im Theater Basel hat das Etikett großes Ensemblestück unter Schauspieldirektor Elias Perrig eine ähnliche Bedeutung wie der Ruf "Nach Moskau" in Anton Tschechows "Drei Schwestern". Er beschwört Verheißungen.


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Auf der Suche nach dem verlorenen Portemonnaie

von Charles Linsmayer

Basel, 7. April 2011. Im Frühling 2007 hob Werner Düggelin im Schauspielhaus Basel mit Laura de Wecks "Lieblingsmenschen" einen weithin beachteten Bühnenerstling aus der Taufe, der die Liebeswirren einer Studentenclique behandelte und vor allem mit seinen knappen Dialogen punktete. Vier Jahre später trifft man sich wieder: gleicher Regisseur, gleiche Autorin. Nur dass das neue Stück, "Für eine Nacht", längst nicht mehr so leichtgewichtig-jugendlich wie jenes erste wirkt und das Publikum bei aller wohlwollenden Anteilnahme spürbar ratlos zurücklässt. 


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Wenn das Selbstkonzept wackelt

von Simone von Büren

Basel, 16. Dezember 2010. Manche Autoren holt sich das Theater um jeden Preis. Kristof Magnusson ist so einer. Der erfolgreiche Dramatiker schrieb zwei ebenso erfolgreiche Romane, die nun wiederum auf der Bühne gelandet sind. Und der zweite Roman "Das war ich nicht" bewährt sich – in einer Fassung des Regisseurs Ronny Jakubaschk – als Theaterstoff durchaus, wie die Uraufführung am Theater Basel zeigt.


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Die Kunst der Tarnkappe

von Michael Laages

Basel, 13. November 2010. Um das ganze Maß an himmlischem Vergnügen zu ermessen, das dieses kleine Stück Glück im Theater durchzieht, kann ein bisschen Ahnenforschung nicht schaden. Hier, auf der Kleinen Bühne, und überhaupt auf den kleinen Bühnen am Theater Basel, zum Beispiel auch im alten "Buffet" vom Badischen Bahnhof, hatte vor zwei Jahrzehnten die außerordentliche Karriere des Musikers und Spiele-Erfinders Christoph Marthaler so recht begonnen.


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Die Hölle ist mitten unter uns

von Charles Linsmayer

Basel, 22. Oktober 2010. Er habe mit den deutschsprachigen Erstaufführungen der Stücke von Dennis Kelly "einen Erfolgsautor ans Theater Basel gebunden, der mitten ins Herz unserer heutigen Gesellschaft trifft", verteidigte der noch bis 2012 amtierende Schauspieldirektor Elias Perrig Ende September seinen Spielplan gegen einen Pressekommentar, in dem es geheißen hatte, das Schauspiel des Theaters Basel sei "beinahe in Vergessenheit geraten".


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Halb Traumspiel, halb Actionthriller

von Charles Linsmayer

Basel, 10. September 2010. "Das Stück ist eine Menagerie, in der ein ausgestopfter Tiger vorgeführt wird", meinte Max Frisch 1951 beinahe schon entschuldigend in einem Brief an Friedrich Dürrenmatt, als dieser die Uraufführung der Moritat "Graf Öderland" am Schauspielhaus Zürich für gescheitert erklärt hatte. Sechzig Jahre und ungezählte sinnlose Attentate und Terrorakte später mag kaum noch jemand in dem Staatsanwalt, der aus der ihm verhassten bürgerlichen Ordnung ausbricht und sein Recht auf ein selbstbestimmtes Leben mit der Axt in der Hand zu ertrotzen sucht, einen Papiertiger zu erkennen.


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Alpenfestung und Menschenfeind

von Beat Mazenauer

Basel, 8. Mai 2010. Wenn Klischees aufeinander treffen, lösen sie Tragödien aus – oder Farcen. Letzteres ist in Christian Krachts Roman "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten" zweifelsohne der Fall. Er treibt es bunt mit seinem Mix aus Mythen und Heilsideen. Wäre ihm zu trauen, hätte sich Lenin anno dazumals die Reise im plombierten Zug nach St. Petersburg erspart und in der Schweiz die Revolution ausgerufen. Aus dem Herzen der Alpen heraus wäre der englisch-deutsche Imperialismus besiegt und Afrika nach Schweizer Vorbild zivilisiert worden.


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Ein Kino voll mit alten Bildern

von Charles Linsmayer

Basel, 15. April 2010. "Was ist es, das uns treibt, so sich herumzuschlagen, immer mehr zu wollen, als man tragen kann, ich weiß es nicht, ich weiß nur, ich hab ein Kino voll mit alten Bildern in dem grauen Kopf, die wollen jetzt, dass man sie löscht!" Michael Neuenschwander als Herakles schlägt, wenn er das sagt, den Kopf mit aller Kraft auf den Boden, blutüberströmt und mit heraushängendem Gedärme, ist er doch, soeben aus der Schlacht zurückgekommen, von Deianeira, seiner Frau, mit einem Hemd vergiftet worden. Weil er es mit Iole, der Sklavin getrieben hat, um deretwillen er – wer's glaubt – in den Krieg gezogen war.


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Wie Vögel nach einer Sonnenfinsternis

von Joachim Lange

Basel, 15. März 2010. Die Schweiz hat zwar viele Berge, aber keine Wüste. Und der wohl bedeutendste lebende Komponist unter den Eidgenossen, Beat Furrer, hat nach eigenem Bekunden auch noch nie eine besucht. Dennoch heißt sein neues Stück Musiktheater nicht nur "Wüstenbuch", sondern hat auch mit der Wüste zu tun. Natürlich nicht mit einer, die ein mit Nil und Pyramiden ausstaffiertes Reiseziel abgeben würde. Sondern mit einer Wüste als Ort der Seelenerkundung. Einer metaphorischen Fremde in uns.


Theater Basel

Das Glück ist wie Atommüll

von Beat Mazenauer

Basel, 12. März 2010. Jugendliche quälen einen Gleichaltrigen aus Spaß zu Tode. Eigentlich war es ja nicht so gemeint, doch passiert ist passiert. Jetzt geht es nur noch darum, heil aus der Sache herauszukommen. In seinem zurzeit fleißig gespielten Stück "DNA" (2007 in London uraufgeführt) versucht der Engländer Dennis Kelly zu zeigen, welche Prozesse bei einem solchen Geschehen ablaufen.


Theater Basel

Shakespeare mit Frauenbonus

von Charles Linsmayer

Basel, 12. Februar 2010. 2008 verbot das Wiener Jugendamt Jugendlichen unter 15 Jahren den Besuch von Shakespeares "Richard III." am Burgtheater. Die Aufführung im Rahmen der "Rosenkriege"-Reihe von Stefan Kimmig galt als zu "verstörend" in ihrer nackten Brutalität. Vor Michael Simons Inszenierung auf der großen Bühne des Basler Theaters braucht die Jugendlichen niemand in Schutz zu nehmen. Bei ihm ist die Brutalität ganz in den Charakter der Titelfigur zurückgenommen und wirkt abgemildert.


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Wenn junge Leute räubern gehn

von Irene Grüter

Basel, 14. Januar 2010. "Sprechen wir über ihr Engagement in den Schwellenländern, Herr Moor." Die Moderatorin schlichtet lächelnd, doch es hilft nichts, das Familienunternehmen ist in der Krise. Die Moors, in der Chemiestadt Basel als Pharmazeuten-Dynastie gezeichnet, zerstreiten sich vor laufender Kamera. "Wir müssen handeln", ruft Karl Moor und fordert eine neue, ethische Ausrichtung der Firmenstrategie. "Richtig", setzt der Vater säuerlich nach, "wir müssen handeln. Mit China, Indien, Pakistan."


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Vom Himmel hoch, da kommt mein Heer

von Andreas Klaeui

Basel, 20. Dezember 2009. "Kurz und gut lebt der Soldat" – denn auf die munteren Marschrhythmen und feschen Federbüsche folgt unweigerlich das Gemetzel. "La Grande-Duchesse de Gérolstein" ist wohl Offenbachs bösartigste, bissigste Opéra-bouffe (im Deutschen etwas undifferenziert in den Operetteneintopf geworfen), der große Franzose nimmt da in einem Winzfürstentum säbelrasselnde Chefgeneräle und aus lauter Langeweile Schlachten befehlende Koloraturkriegsgurgeln ins Visier, und das Stück bezieht seine Kraft und seinen Witz natürlich genau aus dem ambivalenten Faszinosum militärischer Attribute. "Ah, que j'aime les militaires ...", singt die Großherzogin lasziv: ihre Schnauzer! ihre Federbüsche!


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Skandinavisches Kettensägenmassaker

von Beat Mazenauer

Basel, 12. Dezember 2009. Tiptop rasiert sich auf dem Sofa seinen Schwanz, Simpel drückt sich auf dem Klo einen ab – und Speedo hat soeben gekotzt. Wow! Nicht irgendwie gekotzt, sondern authentisch, echt (wirkend), was in der vordersten Reihe im Theater Basel von den Zuschauern gleich mit Entrüstung erwidert wird. Doch genau so und nicht anders muss eine Theaterfassung von Matias Faldbakkens abgefuckter, comicartiger Romantrilogie "Skandinavische Misanthropie" wohl aussehen. Nur: lässt sich derlei einen Abend lang durch- und aushalten?


Theater Basel

Fast ein Untergang Amerikas

von Charles Linsmayer

Basel, 1. November 2009. Es gehöre zu den wenigen neuen Stücken, in die er sich verliebt habe, sagt Basels Schauspielchef Elias Perrig von "August: Osage Country", dem Pulitzer-Preis-gekrönten Stück des Amerikaners Tracy Letts, das er unter dem Titel "Eine Familie" gleichzeitig mit Wien und Bochum auf die Bühne des Basler Schauspielhauses bringt. Und man spürt diese Sympathie zum Stück und zu seinen Figuren durchaus aus der Inszenierung heraus, die nach fast vier Stunden Dauer den verdienten begeisterten Applaus des Premierenpublikums bekam.


Theater Basel

Wer stirbt, lügt nicht

von Charles Linsmayer

Basel, 23. Oktober 2009. "Die Lügen haben dieselben Wörter wie die Wahrheit, und trotzdem sind es Lügen." Utterson, der Freund und Rechtsanwalt von Dr. Jekyll sagt das zu seinem Klienten, nachdem dieser ihn immer mehr in Verwirrung gestürzt hat und er nicht mehr bereit ist, ihm auch nur noch das Geringste zu glauben. Wie ist das seltsame Gebaren dieses Fliegenforschers Dr. Jekyll bloß zu erklären? Und was hat er mit dem dubiosen Edward Hyde zu tun, der ihm so verdächtig ähnlich sieht und immer dann auftaucht, wenn Jekyll selbst nicht in der Nähe ist?


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Sprachakrobatik gesucht

von Charles Linsmayer

Basel, 24. September 2009. Den Namen verdankt das Stück, dessen Dialoge Ionesco einem Englisch-Sprachkurs entnommen hat, einem Versprecher bei den Proben zur Uraufführung 1950 im Pariser Théâtre des Noctambules. Statt "institutrice blonde" sagte eine Akteurin "cantatrice chauve", und schon hatte das Stück seinen endgültigen Titel. Obwohl " Die kahle Sängerin" im Pariser Théâtre de la Hachette von 1957 bis heute 17.000 Mal gespielt wurde, ist das Paradestück des absurden Theaters hierzulande längst zum Laien- und Schülertheater abgewandert. Mit Ausnahme der Inszenierung von Jan Bosse, der es 2006 in Bochum zu einem atemlos überdrehten Gleichnis für die heutige Klatsch- und TV-Small-Talk-Gesellschaft machte.

Theater Basel

Alles wird gut, denn der Kapitalismus ist vorbei

von Irene Grüter

Basel, 18. September 2009. Es war alles gut. Der Anfang stimmte. Das Publikum war erwartungsfroh, und der Abend begann wunderbar. Die Leute lachten. Nicht gerade unglaublich viel, aber doch. Hin und wieder lächelten sie. Die erste halbe Stunde war unterhaltsam. So mittel unterhaltsam. Oder dann vielleicht eher an der unteren Grenze zu mittel. Okay, sagen wir, es war anfangs ganz unterhaltsam mit einem leichten Tick ins Bemühte. Sprich: Der Abend war bemüht, unterhaltsam zu sein.


Theater Basel

Wer glücklich ist, braucht keine Gesetze

von Charles Linsmayer

Basel, 11. September 2009. Seit 1997 hat der 1972 in Zürich geborene, heute in Berlin ansässige Marcel Luxinger an Vorlagen von Schnitzler, Poe, Maupassant, Thomas Mann und zuletzt Franz Kafka ("Das Schloss", 2008 in Frankfurt) realisiert, was ein Pressetext "innovative Bearbeitung moderner Klassiker" nennt, und zwar nicht ohne gleichzeitig mit seiner "Compagnie für präemptive und nachhaltige Auseinandersetzung" auch eigene, gesellschaftskritisch engagierte Texte zu präsentieren.


Theater Basel

Clubleben und ein Cremeschnitten verzehrender Polizist

von Charles Linsmayer

Basel, 6. Mai 2009. 2007 hat Sebastian Nübling mit Laiendarstellern des Jungen Theaters Basel Tim Staffels "Next Level Parzival" inszeniert: als eine Lan-Party, die allmählich in die Wirklichkeit überging und der mittelalterlichen Gralssuche etwas brennend Aktuelles abzugewinnen vermochte. Nun hat Nübling mit sechs Jugendlichen der gleichen Institution Lars Triers Drehbuch zum Dogma-Film "Dear Wendy", der unter der Regie von Thomas Vinterberg 2005 in die Kinos kam, auf die Bühne des Basler Schauspielhauses gebracht. Im nackten Betonbau des Bühnenraums und in einer Bearbeitung in Basler Dialekt, die aus Lars von Triers amerikanischer Stossrichtung zum etwas in seiner Logik nicht ganz durchschaubares Schweizerisches macht.

 


Theater Basel

Erlöst zu werden, ist nicht immer angenehm

von Charles Linsmayer

Basel, 3. April 2009. Zu Inszenierungen von Jossi Wieler und vor allem von Christoph Marthaler hat die 1951 in Köln geborene Anna Viebrock auf ihre eigenwillige, neorealistische Weise immer wieder Bühnenbilder oder besser: Bühneninnenräume geschaffen, die die jeweiligen Aufführungen auch optisch-atmosphärisch zum Ereignis machten.


Theater Basel

Das große Spiel mit dem Nichts

von Irene Grüter

Basel, 25. Februar 2009. Die Todeszone beginnt auf der Höhe des Schnürbodens. Die Zuschauer steigen in Gruppen die Treppen hoch, dem Bergführer hinterher, ins erste Basislager, vorbei an der Maske, am Aufenthaltsraum der Technik.


Theater Basel

Im Zwielicht der Taschenlampen

von Jürgen Reuß

Basel, 20. Februar 2009. Die Bühne ist dunkel. Taschenlampen funkeln, Mädchen kichern und keuchen, tanzen und wälzen sich, ziehen sich aus. Plötzlich geht das Licht an. Sie erschrecken, klauben ihre Sachen zusammen und rennen davon. Am Theater Basel beginnt Arthur Millers "Hexenjagd" als hitziges Spiel übermütiger Mädchen. Am Ende sind hundert Menschen verhaftet, neunzehn erhängt und einer von Steinen erdrückt.

 


Theater Basel

Land der Rückschau

von Andreas Klaeui

Basel, 23. Mai 2008. Es ist ja nun einmal nicht davon auszugehen, wenn wir, sagen wir, einen Deutschen darum bäten, typische Schweizer Eigenschaften aufzuzählen, dass ihm dann zum Beispiel die Unbeschwertheit, die Leidenschaftlichkeit und die Eleganz des Ballspiels einfielen. Insofern hat es in Zeiten einer in der Schweiz stattfindenden Europameisterschaft und eidgenössisch diesbezüglich verordneter Fußballfestesfreude in der Tat einen gewissen Reiz, einmal nachzufragen, was es denn wirklich ausmache, das besonders Schweizerische.

 


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Seelenlöcher und andere Leerstellen

von Brigitta Niederhauser

Basel, 6. März 2008. Das war einmal, als die Liebe eine Himmelsmacht war. Wie das Geld das höchste aller Gefühle in der Hitparade der Sehnsüchte von Platz 1 verdrängt hat, davon singt der Londoner Autor Dennis Kelly mit "Liebe und Geld" ein gar schaurig nüchternes Lied. Sein kläglicher Held David ist ein kleiner britischer Lehrer, der in die Telekommunikationsbranche aufgestiegen ist und sich in einem Promotionsseminar in eine Sandrine verliebt hat.


Theater Basel

Aus dem Schrank gesprungen

von Irene Grüter

Basel, 25. Januar 2008. Ihre Räume haben Theatergeschichte geschrieben, ihre Kostüme werden bis heute kopiert. Mit heruntergekommenen Hotelhallen, abgeschraddelten Wartezimmern und trostlosen Durchgangsstationen hat Anna Viebrock Epoche gemacht. Niemand hat schönere Unräume geschaffen – Bühnen, auf denen alles ein wenig fehl am Platz wirkt, das Mobiliar ebenso wie die liebenswert lächerlichen Menschen.


Theater Basel
Wenn die Stärke zur Schwere wird

von Alexandra von Arx

Basel, 23. November 2007. Antonius und Cleopatra – das skandalöse Liebespaar ist beim breiten Publikum vor allem dank Liz Taylor und Richard Burton bekannt. In ihrem monumentalen Hollywoodfilm aus dem Jahr 1963 ist Cleopatra eine betörende, dunkelhaarige Schönheit, mit tief ausgeschnittenen Gewändern und schwarz umrandeten Augen. Eine Mischung aus Traum, Märchen und Historie.


Theater Basel

Warten auf die Stilllegung

von Alexandra von Arx

Basel, 17. November 2007. Jeder erhält beim Betreten des Zuschauerraums eine Wartenummer in die Hand gedrückt. Man nimmt Platz und wartet. Über Lautsprecher ist die Stimme einer älteren Frau zu hören. Sie liest Briefe an die Wunschkonzertredaktion vor und stimmt gleich selber die Lieder an. "Der Mond ist aufgegangen ... und aus den Wiesen steiget/ der weiße Nebel wunderbar". Nebel breitet sich daraufhin im Zuschauerraum aus wie steigende Unruhe beim Warten. Sonst passiert nichts.


Theater Basel

Haarcolorationen gegen den Grauschleier der Existenz

von Ariane von Graffenried 

Basel, 15. April 2007. "Ich muss pupsen", sagt der alte Pantoffelheld und lehnt sich in den Sessel. "Dann pups doch", antwortet seinen Frau und versinkt im Fauteuil, dicht neben ihm. Seit Jahren sitzen sie so beieinander und haben sich nichts mehr zu sagen. Sieht so die Ehe unserer Eltern aus? Müssen wir uns davor fürchten?


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