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archiv » Schauspiel Essen (52)
Schauspiel Essen

Kind im Bestatteranzug

von Ulrike Gondorf

Essen, 3. März 2017. Es klingelt. Der Tod steht vor der Tür. Und will den namenlosen Helden der Geschichte abholen. So beginnt der Roman "Sophia, der Tod und ich", mit dem der Musiker und Songwriter Thees Uhlmann es im vorletzten Bücherherbst auf die Spiegel-Bestseller-Liste geschafft hat. Mit seinem Debüt als Schriftsteller.


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Das Krokodil schnappt zu

von Gerhard Preußer

Essen, 1. Oktober 2016. Jago ist in Shakespeares "Othello" nur ein kleiner, zu kurz gekommener Bösewicht. Bei ihm gibt es keine Selbsterkenntnis als Mörder ("I am I") wie bei Richard III., nur die Verstellungskunst des Spielers: "I am not what I seem". Sein Motiv ist nur eigene Eifersucht oder Rache, wenn er Othellos unbegründete Eifersucht anstachelt und ihn mit raffinierten Intrigen dazu bringt, seine junge Frau, die schöne Desdemona, umzubringen. Jago hat nur die "Philosophie eines Krokodils" (Richard Flatter): alles zu sich herunterziehen. Dieses heimtückische Reptil hat sich das Essener Projekt Prinzip Jago zur Leitfigur seiner Kritik des heutigen Journalismus erkoren.


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Gedanken sind Nebensache

von Gerhard Preußer

Essen, 25. Juni 2016. Maria gibt dem Stück den Namen, doch Elisabeth ist die bessere Rolle, immer schon. Die Böse ist interessanter als die Geopferte. Also stellt Anna Bergmanns Inszenierung von Schillers "Maria Stuart" die englische Königin an den Anfang, nicht die schottische. Rücklings liegt sie (Stephanie Schönfeld) da und lässt ihr rotes Haar frei baumeln, ihr Alter Ego geht als Kind vorbei, und mit höhnischem Gelächter plant sie den Tod ihrer Rivalin.


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Von anfänglichster Verlassenheit

von Gerhard Preußer

Essen, 4. Dezember 2015. Was ist ein erwachsener Mensch? Ein Mensch, der sich seiner Unabhängigkeit bewusst ist, der sich sicher ist, durch seine Vernunft sich selbst lenken zu können. Caspar Hauser – der Junge, der 1828 plötzlich in Nürnberg auf dem Unschlittplatz stand, nur einen Satz sprechen konnte und offensichtlich jahrelang in bewegungsloser Dunkelhaft gelebt hatte – ist der Testfall für dieses Selbstverständnis. Alle bestimmen über ihn, reden auf ihn ein, erziehen an ihm herum mit dem Ziel, ihn zu einem autonomen Ich zu machen.


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Geteilte Erinnerungen

von Sascha Westphal

Essen, 14. Juni 2015. Dunkel, fünf Stimmen, über den Raum verteilt, eher leise, so als ob sie von den gemeinsamen Erinnerungen nur vorsichtig, quasi verschwörerisch sprechen könnten. Auf der dreigeteilten hinteren Wand Videoprojektionen in Schwarzweiß. Wörter, Textfetzen und Gräser, die sich nicht bewegen. Kein Lüftchen geht in diesen Bildern. Eine hermetische Welt, fest verschlossen in der Zeit, die war und nicht mehr ist. Noch ist das Gras unberührt, das über das Vergangene gewachsen ist. Doch schon bald wird es niedergetrampelt werden.


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Hauptkriegsschauplatz Magen

von Sarah Heppekausen

Essen, 26. April 2015. Und dann tickt er aus. Er schimpft auf die vielbeschworene Multikulturalität, tritt die Lego-Moschee seines Sohnes kaputt und fordert den Kölner Karneval für alle. "Ich bin nicht rechtsradikal, ich bin normal", sagt er. Und: "Ich kann doch nicht dauernd durch die Realität laufen und nach Dingen suchen, die mich beleidigen." Er trägt einen Turban, fuchtelt mit seinem Säbel herum und schiebt einen Ansager beiseite, der erklärt, dass dies eine Szene sei, die vernünftigerweise nicht gespielt werde, denn sie könnte dieses Theater zu einem Anschlagsziel machen.


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Wir-o-wir, wir waschen unsere Hände in Bier

von Friederike Felbeck

Essen, 1. März 2015. Das einzige Missverständnis der Aufführung ist ihr Anstrich. Oder wie konnte es dazu kommen, dass Lodenmantel, Gamsbart und giftgrünes Hemd zum Äquivalent für Nationalismus, Fremdenhass und Faschismus wurden? So tritt auch an diesem Abend in der Casa vom Schauspiel Essen ein zwölfstimmiger Chor aus sechs Frauen und sechs Männern mit brennenden hohen Altarkerzen in den Händen und in Trachtenlook aus den zwölf Türen eines Arkadengangs, intoniert Elfriede Jelineks idealistischen Schlachtruf "Wir-o-wir" und schaut dabei aus, als handele es sich um einen skurrilen Verein von Gartenzwergen.


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Apokalypse Two

von Sascha Westphal

Essen, 18. Dezember 2014. Bevor es den Hindukusch hinaufgeht und sich wieder einmal eine westliche Erzählung die Welt nach ihrer Vorstellung zurechtbiegt, herrscht erst einmal Dunkelheit. Ein Vorhang, der auch ein militärisches Tarnnetz sein könnte, verbirgt große Teile von Maximilian Lindners Bühne. Die Vier, die vor ihn treten und sich gemeinsam als somalischer Pirat Ultimo Michael Pussi an das Publikum wenden, sind nur vage zu erkennen. Am deutlichsten zeichnen sich ihre phantastisch anmutenden roten Hüte und ihre Kalaschnikows ab. Das Sichtbare, das sind die Klischees, das Unsichtbare: eine Antwort auf sie.


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Faria, faria – ho?

von Martin Krumbholz

Essen, 19. September 2014.So befremdend die Idee auf den ersten Blick wirkt, so bestechend wird sie von Volker Lösch und seinem Team am Essener Grillo-Theater entwickelt. Odysseus und seine Gefährten auf ihrer zehnjährigen Grand Tour durch die von bizarren mythologischen Gestalten, von Monstern besetzten Schauplätze der antiken Welt, den Hades eingeschlossen: Das sind wir, die Theaterbesucher, die zivilisierte Menschheit. Jene fremden, rätselhaften Wesen jedoch, mit ihrer dunklen Haut, ihren schwarzen krausen Haaren und ihrer rauen Stimme, denen man nachsagt, dass sie Menschen in Schweine verwandeln beziehungsweise Wäsche von der Leine und Kinder aus den Häusern ihrer Eltern stehlen: Das sind sie, die Sinti und Roma, die jahrhundertelang ausgegrenzt, verfolgt und im Holocaust vernichtet wurden.


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"Ich bin nicht eifersüchtig!"

von Martin Krumbholz

Essen, 20. Juni 2014. Von den großen Ehebruchromanen des 19. Jahrhunderts ist Lew Tolstois "Anna Karenina", erschienen 1878, der diskreteste – sieht man einmal kurz von dem doch etwas verklemmten Herrn Fontane und seiner "Effi Briest" ab. Aber verglichen mit dem skandalösen Abräumer Flaubert und seinem Hass auf die Bourgeoisie – wie subtil geht der russische Romancier zu Werk! Man denke nur an die vielsagenden Auslassungspünktchen, die den endlich vollzogenen Akt andeuten. Anders als Flaubert schreibt Tolstoi keinen "subversiven Roman"; Wolfgang Matz hat das erst jüngst in seiner Abhandlung über die "Kunst des Ehebruchs" nachdrücklich beschrieben. Die sensible Anna Karenina geht, ganz anders als ihre Vorgängerin Emma Bovary, an ihren Schuldgefühlen zugrunde.


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Tanz der Wörter

von Sascha Westphal

Essen, 25. April 2014. Sechs Personen suchen einen Ausweg und verrennen sich dabei mehr und mehr. Das lässt schon die beglückende und berührende Stummfilm-Slapstick-Choreographie erahnen, die Tilman Gersch seiner Uraufführungsinszenierung von Katja Wachters erstem Theaterstück voranstellt, mit dem sie 2013 den Autorenpreis des Essener "Stück auf"-Wettbewerbs gewann.


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Lady Medea

von Martin Krumbholz

Essen, 28. Februar 2014. Die knisternde silberne Folie, die die Bühne nach hinten begrenzt, wird gegen Ende herabfallen, die blutbefleckte Medea, Mörderin ihrer eigenen Kinder, wird sich in das riesige, im Scheinwerferlicht nun gülden glitzernde Ding verspinnen wie in eine königliche Brautkleidschleppe: Der Palast von Korinth ist zum Einsturz gebracht, nicht zuletzt durch sie, die "Ausländerin", Medea aber behauptet eine große, geradezu ikonographische Geste – Madonna im goldenen Schutzmantel sozusagen. Es ist ein starkes, sich einprägendes Bild, das den Euripides-Abend in Essen eindrucksvoll beschließt.


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Viehische Völlerei

von Stefan Schmidt

Essen, 29. Dezember 2013. Geiz ist geil, Geld ist geil, Armut ist geil, Geilheit ist geil. Auf irgendwas oder irgendwen sind sie fast alle tierisch scharf in Jasper Brandis' Inszenierung von Molières Finanzfetischkomödie am Essener Grillo-Theater. Von den Zeitgenossen des Autors ist überliefert, dass sie die zur Schau gestellte Verkommenheit in "Der Geizige" alles andere als witzig fanden: In einer legendär gewordenen Aufführung im Paris des 17. Jahrhunderts soll gar nur ein einziger Zuschauer überhaupt mal gelacht haben. Knapp 350 Jahre später im Ruhrgebiet ist das völlig anders – und das, obwohl der Regisseur die Figuren in ihrer dümmlich-verzweifelten Egomanie noch stärker bloßstellt, als es die Vorlage nahelegt.


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Schläge nach neuestem Forschungsstand

von Sarah Heppekausen

Essen, 7. April 2013. Und dann stehen die Zuschauer auf und nehmen sich in den Arm. Tatsächlich. Ein experimentierfreudiges Publikum ist das im Essener Grillo Theater. Die Stimmung ist gut, verantwortlich dafür ist "Dr. Love". Der Neuroökonom Paul Zak versprüht gern Oxytocin, das Schwangerschaftshormon, das er auch Moralmolekül nennt. Denn das sei zuständig für die Empathiefähigkeit. Und acht Umarmungen pro Tag machen aus Forschersicht glücklich.


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Es geht um die Wurst

von Dorothea Marcus

Essen, 6. April 2013. Im kleinen Bratwurst-Wagen auf Kunstrasen stehen zwar nur kleine Spirituosenfläschchen herum, aber hier geht's trotzdem um Gammelfleisch. Innen drin rackert sich der Godehard ab, mit Fleischerschürze, bleichen Armen und grünen Gummihandschuhen – alles muss sauber sein. Wenn man schon mal einen Job hat. Mit derbem Charme strömt dem ehemaligen Arbeitslosen ein atemloser innerer Monolog über die Grundlagen seines "kleinen Glücks" aus dem Mund: Arbeiten und Ficken. Alles läuft gerade gut für ihn – frisch verheiratet mit Ilse, neuer Job. Aber was ist, wenn die Würste, die man verkauft, für 5 Cent aus dem Fleisch-Abfall kommen, mit Arsen frisch gemacht werden und dadurch Menschenleben gefährden?


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Männerwahn

von Michael Laages

Essen, 2. März 2013. Eine der allzeit gültigen Deutungen des verhängnisvollen Verhältnisses zwischen ewigem Streben und dauernder Vernichtung, erzählt in der Geschichte von Aufstieg und Untergang des Heinrich Faust, entstand ja im Ruhrgebiet. Ein gewisser Adolf Tegtmeyer aus Herne charakterisierte den deutschen Gelehrten und den in teuflischem Lebens- und Todes-Pakt mit ihm verbundenen Partner nach einem Besuch im Theater wie folgt: Faust und dieser "Mister Phisto" gehörten zusammen "wie Castrop und Rauxel". Alles klar? Alles klar.


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Erinnern, durchspielen, wiederholen

von Martin Krumbholz

Essen, 1. Februar 2013. "Ein Priester, ein Rabbiner und eine Prostituierte kommen in eine Bar. Sagt der Barkeeper: 'Soll das ein Witz sein?'" – Niemand im Publikum lacht – leider. Der Witz ist nämlich gar nicht schlecht. Das Schöne daran ist, dass er auf eine ähnliche Art und Weise mit der Metaebene spielt, wie Noah Haidle dies in seinem Stück "Skin Deep Song" tut. Es werden an diesem Abend auch sehr viel lausigere Witze erzählt. Es hat damit folgende Bewandtnis: Die Witze gehören Stacey, dem Vater der Mädchen Woden und Mimi. Und Stacey ist, ebenso wie die Mutter der Mädchen, tot. Massakriert in einem namenlosen Krieg, von einem wahnsinnigen Killer. Einfach so. Die Mädchen sind schwer traumatisierte Überlebende in einem ausweglosen Endzeit-Szenario. Sie führen die Leichen ihrer Eltern quasi im Handgepäck mit sich. Irgendwann werden sie sie beerdigen. Vorerst aber spielen sie in verzweifelten Ritualen immer wieder Szenen durch, die sich mit den Eltern verbinden. Das klassische Sujet dafür ist: Mimi hat ein Date. Und eben: Vater erzählt einen Witz.


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Leidgeprüft in einer Welt aus Zeichen

von Sarah Heppekausen

Essen, 21. Oktober 2012. Das erste Lebenszeichen ist ein Schnaufen, ein Gegen-die-Wand-Stoßen. Dann robbt Menuchim rücklings aus dem Off auf die Bühne, nackt, verkrampft und unkontrolliert. Erst danach lösen sich die anderen der Singer-Sippe aus ihrer Starre, die Leere ihres Blicks aber nehmen sie mit. Bei aller Bewegung, trotz großer Gesten und wütender Ausbrüche bleiben sie emotional Gedämpfte. Distanziertheit klebt an ihnen wie eine familiäre Charaktereigenschaft.


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Nur Rauch und Dreck und Schrott

von Sarah Heppekausen

Essen, 26. September 2012. "Ruhri.2010" – so hieß eine Kampagne, die im Kulturhauptstadtjahr das Wir-Gefühl in dieser sogenannten Metropole Ruhr stärken wollte. Bloß pathetisches Marketing-Gerede? Ja! Auf der Essener Grillo-Bühne wird endlich mal Tacheles gesprochen: "'Ruhri' – sag das mal zu einem aus dem Ruhrgebiet. Der gibt dir eins auf die Fresse." So (oder so ähnlich, die Textfassung wurde nicht veröffentlicht) formuliert das einer aus dem Chor der arbeitslosen Ruhrgebietler. "Der Metropolengedanke ist künstlich. In Wahrheit ham wir hier 53 Städte mit 53 Bürgermeistern."


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Netz über Deutschland

von Michael Laages

Essen, 24. Mai 2012. Ob jenseits aller Dramen, größerer und kleinerer, auch wirklich ein dramatischer Text steckt im Roman? Ob sich "Die Ästhetik des Widerstands", das dreiteilige Mammut-Lesebuch, das den Schriftsteller Peter Weiss im letzten Jahrzehnt vor dem Tod vor dreißig Jahren beschäftigt hatte, auch auf der Bühne erzählen ließe? So unendlich viele Sprachen, Stil- und Spiel-Vorschläge prägen ja diesen Text jenseits jeder Form und Norm: als Geschichtspanorama des politisch linken Widerstands im Deutschland des Hitlerismus, als kollektive Biographie einer zunehmend verzweifelten, in unendliche Kämpfe auch mit sich selber verstrickten Generation, als politischer Essay über die Existenz des "anderen Deutschlands".


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Die Geister, die wir riefen

von Martin Krumbholz

Essen, 3. Februar 2012. Ein Stück – ein Mythos. Die Figur "Graf Öderland" taucht im Werk Max Frischs mit den Tagebüchern 1946-49 auf, das Stück wird 1951 in Zürich uraufgeführt und floppt; ein weiterer Anlauf von Fritz Kortner, es herauszubringen, wird unterbunden; die endgültige Fassung stammt von 1961. Der Autor, weiß man, hat an diesem frühen Werk besonders gehangen – einem Werk, das vom jüngeren (naturgemäß forschen) Kollegen Dürrenmatt gnadenlos verrissen wurde, privat und öffentlich: es sei "sehr groß gedacht und sehr wenig realisiert", ein "Unding".


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Jenseits des Aufstands

von Sarah Heppekausen

Essen, 21. Oktober 2011. Rot – das ist die Farbe der Könige, Kardinäle und Kommunisten. Rot protzt auch die Bühne im Essener Grillo-Theater. Ein Revolutionsrot, das kompromisslos linke Signale sendet. Ein RAF-Rot, gesättigt durch den Muff von mindestens 40 Jahren, und deshalb nicht mehr zeitgemäß. Also weg damit.


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Arschloch, Wichser, Hurensohn!

von Klaus M. Schmidt

Essen, 18. Juni 2011. Es wird gedribbelt, gegrölt, gesungen, Bier getrunken, erzählt. Marc-Oliver Krampe schickt im Schauspiel Essen sieben Experten ins Rennen, um die schönste Nebensache der Welt zu erklären: Vier Fans, ein Schiedsrichter, ein Stadionsprecher, ein Fanbeauftragter erzählen von ihrer Beziehung zum Fußball, zu ihrem Verein, zu anderen Fans. Die Schauspielerinnen Lisa Jopt und Floriane Kleinpaß bringen die Außensicht ins Spiel. Das gut Gemeinte bremst das Authentische zwar oft aus. Am Ende heißt es aber doch klar 4:1 für die Schauspiel-Laien – und den Fußball.


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Gleich bei Schilda, auf dem Weg zur Hölle

von Ulrich Fischer

Essen, 21. Mai 2011. Essen ist der ideale Ort für diese deutschsprachige Erstaufführung. Denn Michal Walczak, ein bei uns noch kaum bekannter Dramatiker (Jahrgang 1979) aus Polen, lässt sein "Bergwerk" in einer Stadt spielen, in der es längst zugemacht hat – nicht zufällig hat Walczak das Stück für das Theater der Bergbaustadt Wałbrzych mit deren stillgelegter Zeche entwickelt. Zappenduster – die Ähnlichkeiten zwischen einer polnischen und einer deutschen Stadt, die den zentralen Arbeitgeber verloren haben, sind unübersehbar.


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Tanz Dich aus dem Kapuzenpulli 

von Sarah Heppekausen

Essen, 26. März 2011. "Headspin" steht auf dem eisernen Vorhang. Bis es von drei Sprayern auf der Bühne schwarz übermalt und von drei Sprayern per Videoeinsatz mit "Critical Mess" überschrieben wird. "Crossen" heißt das in der Graffiti-Szene. Durchkreuzt wird also "das erste, was einem bei Breakdance in den Sinn kommt", sagt Tänzer Youngung "Jeakwon" Sebastian Kim. Er werde jetzt keinen Headspin machen, weil er sich seine Frisur nicht ruinieren wolle.


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In the Year Twenty five Twenty five

von Sarah Heppekausen

Essen, 29. Januar 2011. Im Foyer des Grillo Theaters sind so unspektakuläre Dinge ausgestellt wie eine Zwiebel, eine Kondomverpackung oder eine kaputte grüne Plastikkanne. Selbst der Spiegel, die Toilette, die Heizung sind mit kleinen Schildern versehen. Es sind Erinnerungsstücke an eine ferne Vergangenheit. An das Jahr 2011. Und das ist mittlerweile 514 Jahre her.


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Da will die Säge sägen

von Stefan Keim

Essen, 2. Oktober 2010. Im Film erscheint Katlewski wie ein Geist aus der Dunkelheit. Die Augen flackern im geschwärzten Gesicht unter dem Grubenhelm. Zwei Wochen ist er unter Tage gewandert, von Recklinghausen bis Dortmund. Nun taucht er in einer Kneipe auf, und alle schauen ihn an. Kinofans denken an Clint Eastwood als "Fremder ohne Namen". Eine melancholische Westernstimmung durchzieht Adolf Winkelmanns wunderbaren Film "Jede Menge Kohle", das Mittelstück seiner Ruhrgebietstrilogie. Hinter den derben Sprüchen und dem lakonischen Witz liegt viel Schwermut. Sie haben ihre Packen zu tragen, die Bergmänner und Brummifahrer.


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Wie die Gewalt langsam herankriecht

von Klaus M. Schmidt

Essen, 1. Oktober 2010. Vor seiner ersten Spielzeit wurde Essens neuer Schauspielintendant Christian Tombeil mit viel Häme überzogen. Man lese es an anderer Stelle nach. Bei der Bekanntgabe seines Spielplans hätte man allerdings auch einmal feststellen können, dass dieser mit vielen Erst- und Uraufführungen zumindest mutig aussieht. Als deutschsprachige Erstaufführung wird in Essen jetzt am kleinen Haus ein Stück des Briten Dennis Kelly gezeigt. Kelly war beim diesjährigen Berliner Theatertreffen mit Liebe und Geld vertreten und im Jahr zuvor zum "ausländischen Dramatiker des Jahres" gekürt worden.


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Als wärs ein Karnevalsscherz

von Dorothea Marcus

Essen, 30. September 2010. Viele Stuhlreihen blieben leer beim Einstand des neuen Essener Intendanten Christian Trombeil. Mag er beim Sektempfang danach die Kraft der Kultur in Essen beschwören – es eilt dem ehemaligen Tänzer der Ruf voraus, zum Intendant gekürt worden zu sein, weil er sich nicht gegen die Essener Theaterkürzungspläne sperren will.


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Von Sascha lernen, heißt siegen lernen

von Kerstin Edinger

Essen, 17. April 2010. Sind sie sich nicht alle ähnlich in ihrem Übermut, ihren offenliegenden Emotionen, ihrem in Unordnung geratenen Hormonzustand? Ob Shakespeares Puck, Büchners Woyzeck, die Antigone des Sophokles oder eben Jakob Heins Sascha? Es ist kein Zufall, dass der Essener Publikumsliebling David Bösch gerade diese witzige, kleine Geschichte ausgewählt hat, um sich (mit dem Ende der Intendanz Anselm Webers) von seinem Essener Publikum zu verabschieden.


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Vernichtung im Paragraphendschungel

von Sarah Heppekausen

Essen, 16. April 2010. Konstantinopel 1915, Berlin 1938, Nagasaki 1945, Beirut 1983, Grosny 2000, Manhattan Island 2001, Gaza 2009 – die Liste der Daten von Völkermorden, Kriegsverbrechen und Terrorakten ist lang. Ubu zählt sie auf, mit heruntergelassener Hose hängt er auf seinem Stuhl, entblößt und erledigt. Seit 436 Tagen sitzt er im Gefängnis, er muss sich vor dem internationalen Gerichtshof verantworten, dieser ausgetickte Kleinbürger, der Tyrann auf dem Thron.


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Pscht, das ist jetzt schön!

von Sarah Heppekausen

Essen, 20. März 2010. Beim Einlass in die Casa des Grillo Theaters warten die Schauspieler am Bühnenrand, checken Scheinwerferkabel, quatschen, nehmen Bekannte in den Arm. Gleich von Beginn an stellen sie klar, dass an diesem Abend mit offenen Karten Theater gespielt wird, und dass Einfühlung nicht zwingend etwas mit stringenter Figurenentwicklung zu tun haben muss. Im Folgenden rutschen die Darsteller so lässig in ihre Rollen und aus ihnen heraus wie die von Bühnenbildnerin Julia Plickat aufgestellte Rampe hinunter. Der junge Regisseur Antú Romero Nunes will den Zuschauer nicht belügen, hat er mal gesagt.


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Aus dem Totenreich

von Sarah Heppekausen

Essen, 21. Januar 2010. Das Wort "Transit" hat fürs Schauspiel Essen spielzeitübergreifende Bedeutung. "Menschen sind in Bewegung… Auch diese Region ist in Bewegung", heißt es in der aktuellen Spielzeit-Zeitung. Autoren von Lutz Hübner bis Nuran David Calis haben darin Kurztexte zum Thema Unterwegssein verfasst. Anna Seghers hat 1944 einen Roman unter dem Titel"Transit" veröffentlicht, kein Wunder also, dass Anselm Weber den auf seinen Spielplan setzt, ist dessen Name doch offensichtlich Programm.


Schauspiel Essen

Immerhin im Tod ein Star

von Kerstin Edinger

Essen, 24. Oktober 2009. Werther hört laute Musik, steht auf einer abgedunkelten Bühne und schreibt mit Kreide Sätze an die Wand – zum Beispiel "Death can really make you look like a star" von Andy Warhol. Es ist ein Spiel zwischen den Zeiten, denn wir begegnen hier nicht Werther, sondern einem jungen Mann aus der Gegenwart, ganz in Schwarz gekleidet, der seine eigene Totenmesse zelebriert. Die Figur des Werther dient ihm dazu, sein Ableben so extravagant wie möglich zu begehen.

Schauspiel Essen

Sommerweihnachten

von Sarah Heppekausen

Essen, 26. September 2009. "Es sind nur zwei Tage", sagt Rike. Beschwichtigend, entschuldigend, gute Stimmung fordernd. Wenn ein Familientreffen schon so eingeleitet wird, weiß jeder: Es kann nicht gut enden. Lutz Hübner bleibt sich treu. Auch mit "Nachtgeschichte" schreibt er erneut ein transparentes Stück, mit durchschaubaren Charakteren und einer eindeutigen Handlungsführung.

Schauspiel Essen

Im Angstraum der Mobilität

von Sarah Heppekausen

Essen, 24. Juni 2009. In knallroten Buchstaben prangt der Titel weit sichtbar auf dem Dach der U-Bahn-Station: Eichbaumoper. Die Buchstaben "o" und "p" wurden in den vergangenen Monaten gerne mal entwendet. Die echten "Eichbaumer", die Anwohner der U18-Haltestelle zwischen Mülheim und Essen, haben wohl nicht daran geglaubt, dass hier tatsächlich irgendwann eine Oper aufgeführt würde. Vielleicht nicht einmal die Macher selbst. Aber das "o" und das "p" haben sie immer wieder neu montiert.

Schauspiel Essen

Kein Herz, nirgends

von Sarah Heppekausen

Essen, 17. April 2009. Wahrscheinlich ist es bloß Zufall, dass der Scheinwerfer sein Licht vor Beginn herzförmig auf den roten Vorhang wirft. Vielleicht aber auch ironische Absicht. Denn was in Lulus Leben wohl die geringste Rolle spielt, ist die Liebe als eine Angelegenheit des Herzens. Die Männer verfallen ihr zwar reihenweise, doch deren Trieb ist pure Obsession: Sex.


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In der Vier ist Gott

von Sarah Heppekausen

Essen, 20. Februar 2009. "Ein Haus, eine Sitzbank und einen Friedhof. Was braucht man mehr im Leben?" – Die Ansage aus dem Lautsprecher zur Einleitung des Abends klingt etwas zynisch. Dabei scheinen Leben und Tod für Biljana Srbljanoviç tatsächlich auf unspektakuläre Weise zusammenzugehören, sich nicht nur zu bedingen, sondern regelrecht miteinander verzahnt zu sein. So eng, dass Lebenswelt und Himmel oder Hölle nicht mehr deutlich voneinander zu unterscheiden sind.


Schauspiel Essen

Unter Bürgerkindern

von Sarah Heppekausen

Essen, 7. Februar 2009. Marie will immer geliebt werden, Desiree will ein Leben, in dem ihr alle Sonnenbrillen stehen, Alt will immer helfen können und samstags Fußball gucken mit seinen Kumpels, Freder will Familie und Kinder und außerdem, dass alles "jetzt" ist. Träume einer heutigen Studentengeneration, die ehrgeizig ihre Ziele verfolgt und trotzdem an Perspektivlosigkeit zerbrechen wird.


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Big Philipp is watching you

von Sarah Heppekausen

Essen, 6. Dezember 2008. Um das Ende ausnahmsweise gleich vorwegzunehmen: Der Großinquisitor überwacht den Staat per Kamera, und "Santa Casas heilige Register" sind eine Ansammlung von Videoaufzeichnungen. Das Geschehen am spanischen Hofe spielt sich zum Teil also auf der Bühne, zum Teil als Videoeinspielung auf dem raumhohen Gaze-Vorhang ab.

Anselm Webers Ansatz für seine "Don Carlos"-Inszenierung am Essener Grillo Theater ist keineswegs neu. Allerdings bietet Schillers Drama auch ausreichend Anlass, den absolutistischen Staat des 16. Jahrhunderts in einen modernen Überwachungsstaat mit Kameraeinsatz zu übertragen. Schließlich wird das Sehen im Text immer wieder zum Thema gemacht. Nur wer mit seinem Herzen und mit seinem Verstand sein Gegenüber anschaut, kann das Wesen des Menschen erkennen. Insofern hat der Dramaturg Thomas Oberender Schillers "Don Carlos" auch als Drama der Weltanschauung im wörtlichsten Sinne bezeichnet. Das Videobild verschärft die Frage nach Schein und Authentizität.

Wüten im Schlabbershirt

Zu sehen ist im ersten Bild Don Carlos. Der wütet in seinem Zimmer, reißt Bücher aus dem Regal und wirft den Stuhl um, bevor er live auf die Bühne tritt. Der Kronprinz leidet, ist aus heimlicher Liebe zu seiner Stiefmutter dem Wahnsinn nahe. Nicola Mastroberardinos Don Carlos im Schlabbershirt spricht vor allem durch seinen Körper: Er rauft sich die Haare, schlägt die Arme um sich, windet sich. Seine Hand ist mit einem blutbeschmierten Verband umwickelt, seinen rasenden Gefühlen hat er wohl auch physisch gewaltvoll Nachdruck verliehen.

Ganz anders sein Freund Posa. Der eifrige Freiheitskämpfer ist bei Roland Riebeling von Anfang ein kühler Stratege im schicken Anzug, ein kalkulierender Kopfmensch. Erst am Ende, als er, der besessen ist von seinem Plan, die Niederlande zu befreien und allen Menschen das Recht auf Autonomie zu ermöglichen, sein eigenes Scheitern anerkennt, zieht er sich die Schuhe aus und krümmt sich auf dem Boden. Ein einfaches, schönes Bild für die Fallhöhe dieses schwärmerischen Idealisten, der auf seinem Weg zum Ziel Menschen als Mittel missbraucht hat. Als bekomme der Vernunft-Getriebene in Socken mehr Bodenhaftung.

Erkenntnisstop per Knopfdruck

Beide wollen sie sich behaupten gegen Herzog von Alba (Siegfried Gressl als alternder, hinkender General) und vor allem gegen Philipp II. Andreas Grothgar pendelt zwischen herrschaftlicher Staatsmacht und eifersüchtigem Ehemann. Er hat die Kraft, Videobilder und somit unerwünschte Szenen per Fernbedienung zu stoppen. So hält der König einmal das Bild seiner fröhlich strahlenden Tochter auf einem Schaukelpferd an. Als könnte das Standbild die Erkenntnis verhindern, dass die vermeintliche Tochter sein Enkelkind sein könnte.

Das Spielzimmer sieht im Grundriss genauso aus wie die Zimmer aller anderen am spanischen Hof. Don Carlos, König, Königin oder Prinzessin von Eboli – sie alle hausen in kleinen, kargen Räumen. Hier engt nicht die Hofetikette die Menschen ein, sondern die äußere Umgebung. Die Zimmer, die nur auf der Leinwand sichtbar werden, gleichen eher Gefängniszellen als Palastsälen. Hauptsache, ein Kreuz hängt an der Wand. Gedankenfreiheit ist hier nur schwer vorstellbar.

Der bohrende Blick des Inquisitors

Aber genau die fordert Posa vom König. Er kämpft gegen ein totalitäres System der Unfreiheit und Unmenschlichkeit, dass sich in Webers Inszenierung also in räumlicher Begrenztheit und permanenter Beobachtung äußert. Textlich vertraut der Regisseur Schillers immer noch kraftvollen Worten. Auch wenn er einige Szenen erheblich strafft oder auf Bilder reduziert. Dank der Drehbühne von Raimund Bauer, die ein Überschneiden und Ineinanderlaufen der Handlungen auf der Leinwand und vorne auf der Bühne ermöglichen, geschieht das ohne größere Verluste. Dass Videokünstlerin Bibi Abel allerdings als einzige Fremdeinspielung die Köpfe verbrennender Inquisitions-Opfer im Schnelldurchlauf zeigt, verwirrt in ihrer Besonderheit bloß.

Es ist kein grandioser Wurf, der "Don Carlos" von Bochums zukünftigem Intendanten. Aber Webers Schiller-Vergegenwärtigung ist eine durchaus sehenswerte Vision des Menschseins. Ein permanentes Spiel unter Beobachtung, wie sich am Ende herausstellt. Denn wenn der König und der Großinquisitor dem Versöhnungskuss von Carlos und der Königin auf der Großleinwand zuschauen, bekommt das plötzlich eine "big brother is watching you"-Atmosphäre. Den Blicken des Inquisitors entgeht niemand. Bezeichnenderweise ist der in Webers Fassung auch nicht blind.

 

Don Carlos
von Friedrich Schiller
Regie: Anselm Weber, Bühne: Raimund Bauer, Kostüme: Irina Bartels, Video: Bibi Abel, Musik: Henning Beckmann.
Mit: Andreas Grothgar, Barbara Hirt, Nicola Mastroberardino, Kristina Peters, Therese Dörr, Roland Riebeling, Siegfried Gressl, Fritz Fenne, Holger Kunkel, Matthias Eberle, Werner Strenger.

www.schauspiel-essen.de


Einen anderen Don Carlos im Überwachungszeitalter inszenierte Anfang 2007 Nicolas Stemann in Berlin. Mehr zu Anselm Weber finden Sie im nachtkritik-Lexikon.

 


Kritikenrundschau

Schillers "Don Carlos" als Politthriller in einem Überwachungsstaat zu inszenieren, sei keine neue Idee, schreibt Stefan Keim in der Frankfurter Rundschau (8.12.) über Anselm Webers Essener Neuinszenierung: "Aber sie funktioniert hervorragend, zwischen Text und Aufführung entstehen keine logischen Brüche." Alles sei "geschickt gemacht, drei Stunden vergehen schnell, auch für ein Publikum ohne Vorkenntnisse bleibt der Abend klar und verständlich". Und es sei "eine typische Arbeit für Weber, ehrlich, geradlinig, ohne Irritationen und Überraschungen", aber eben auch keine "überregional bedeutsame Inszenierung". Und so stellt Keim hinsichtlich des bevorstehenden Intendantenwechsels von Weber nach Bochum die Gretchenfrage: "Reicht gutes Handwerk auch für Bochum? Dieser Frage müssen sich Anselm Weber und sein Team in den nächsten anderthalb Jahren stellen. Denn noch eine mittelmäßige Intendanz kann sich das unter Elmar Goerden weitgehend in die Bedeutungslosigkeit gerutschte Schauspielhaus nicht leisten."

Anselm Weber mache in seiner Inszenierung gleich zu Beginn zweierlei klar, meint Christof Wolf in der Neuen Ruhr Zeitung (8.12.): "Wir schauen in und auf eine überwachte Welt. Und Carlos ist ein Mensch, der am Rande des Wahnsinns entlangtaumelt – und er wird auch so behandelt." Ansonsten ziehe Anselm Weber den "Don Carlos" "sanft ins Heute, ohne zu verkrampfen, ohne zu überraschen." Auf Experimente, Spektakel, selbst auf Blut werde verzichtet; die Schichten, die Schillers Text biete, biete auch die Inszenierung. Nicola Mastroberardino spiele als Carlos "seine ganze Wandelbarkeit aus", Andreas Grothgar gebe "einen beeindruckenden Philipp, dessen Ausbrüche sein Korsett am Ende nicht mehr zu halten vermag". Und Roland Riebelings bringe "seinen Marquis von Posa sicher vom selbstgewissen Eifer zur einsichtigen Verzweiflung".

"Es scheint fast so, als habe den Essener Intendanten seine Berufung an das Schauspielhaus Bochum ab 2010 beflügelt", meint Arnold Hohmann in der Westfälischen Rundschau (8.12.): "Eine derart tragende Grundidee" – die Gleichsetzung des Spaniens Philipps II. mit einem modernen Überwachungsstaat – "gepaart mit einer sorgfältigen Personenführung und einem fein austarierten Nebeneinander von Videoeinspielung und Bühnengeschehen hat man bei Weber lange nicht gesehen." Der spanische Hof werde "als gläsernes Big-Brother-Schloss kenntlich" gemacht. "Noch jeder hier steht unter Beobachtung, vegetiert in kahlen Kleinst-Kemenaten, in denen das Kreuz an der Wand der dominierende Gegenstand ist. Hoffnungsloser kann man sich einen Hort der alten Ordnung unter Aufsicht der katholischen Kirche wahrlich nicht vorstellen."

"Seine Wahl zum neuen Bochumer Intendanten fiel mitten in die Endproben und steigert unweigerlich das Interesse" an Anselm Weber als Regisseur, schreibt Vasco Boenisch in der Süddeutschen Zeitung (10.12.), "auch wenn er dabei weniger Esprit verströmt denn als Intendant." Für Weber sei "Don Carlos" ein Stück, in dem erst Ideale, dann Menschen geopfert werden, "darum sieht er darin eine Antwort auf aktuelle Debatten: Die Gedanken sind frei." "Doch die beklemmende Stimmung eines Überwachungsstaats kommt kaum auf, weil die Videos zu lange eine Illustration bleiben." Und wer beobachte eigentlich? "Erst nach zweidreiviertel Stunden zeigt sich der Großinquisitor als Herr an den roten Schaltknöpfen: ein alter Computer-Nerd mit weißen Zotteln und Strickweste." Fazit: "Das Problem ist, dass Webers Botschaft - passt auf, wem ihr die Kontrolle gebt! - zu mutwillig wirkt. Denn seine Schauspieler verhandeln die ganze Zeit etwas ganz anderes, dem guten alten Schiller texttreu ergeben."


Schauspiel Essen

Die grausame Logik der Shakespeare-Maschine

von Regine Müller

Essen, 10. Oktober 2008. Kleiner Unfall mit großer Wirkung: Viola wollte nur ein Glas Wasser trinken und verschluckt sich am Sturm, der unbemerkt im Gefäß tobte. Der Sturm schwillt zum Orkan mit Schiffbruch, und der verirrte Schluck wird zum drohenden Tod durch Ertrinken. Nur verzweifeltes Rudern – auf dem Trockenen – und Prusten retten Viola an den Strand des fernen Illyriens.


Schauspiel Essen

Cowboys im Wirtschaftswunder-Ruhrgebiet

von Sarah Heppekausen

Essen, 20. September 2008. Als sich der eiserne Vorhang hebt, ist sofort klar: Hier weht nicht bloß der Geist eines Heldenmythos, hier ist vor allem der Geist des Naturalismus auf die Bühne zurückgekehrt. Braune Holzvertäfelung, braune Holzstühle an einfachen Tischen, eine Theke inklusive funktionierender Zapfanlage, Plastikblumen und im hinteren Teil eine Kegelbahn.


Schauspiel Essen

Schöner wär's, wenn's anders wär'

von Christian Rakow

Essen, 14. September 2008. "angekommen in einer landschaft die eigentlich nur leute ausspuckt." Sätze wie diesen schreibt derzeit nur Dirk Laucke. Schnodderig hingerotzt wirken sie und bohren sich doch tief in die Hirnrinde hinein. Mit kunstvollem Straßensound werden hier Polaroids aus den schrumpfenden Plattenbaugegenden Ost präsentiert. Laucke – das ist Sozialrealismus aus dem Geist des Punk, definitiv keine "kopfdiarrhöe", sondern eine der eindrucksvollsten und eigenständigsten Poetiken gegenwärtig.


Schauspiel Essen

Handliche Tragödie für Scheidungskinder

von Christian Rakow

Essen, 13. September 2008. Auf dem Umschlag des Programmhefts prangt ein Screenshot aus dem 1980er Jahre Videospielklassiker "Pac Man": Ein gelber Smiley rast durch ein digitales Labyrinth, sammelt Schlüssel und Äpfelchen und weicht Pixelmonstern aus. Stimmt ja, erinnert man sich, dieser Roger Vontobel hat doch letzte Saison im Hamburger Schauspielhaus Ibsens Nordmänner-Saga "Helden auf Helgeland" in einer beachtlichen Annäherung mit dem Online-Spiel "Second Life" zusammengeschaltet. Darf es dieses Mal also ein bisschen old school Atari Action sein für die Helden der attischen Tragödie?


Schauspiel Essen

Wie kommt der Bourgeois in die Fänge des Gurus?

von Ulrike Gondorf

Essen, 27. Mai 2008. So viel Barock ist selten, wenn sich der Theatervorhang öffnet. In schummeriger Beleuchtung, die auch die Kerzen auf der Bühne des Monsieur Molière hergegeben hätten, zeichnet sich ein herrschaftlicher Saal ab: Säulen, Balkons, Balustraden, Wandspiegel, alles auf Vorhänge gemalt. Und die Figuren, vorerst nur als Umrisse auszumachen, könnten direkt vom Hofe des Sonnenkönigs kommen. Damen in aufgebauschten Röcken mit hohen Frisuren, Herren in Kniehosen. Irritierend wird es, wenn  man allmählich in hellerem Licht die Einzelheiten erkennt: die Dame des Hauses trägt zur pinkfarbenen Robe eine ebensolche übergroße Sonnenbrille, die Tochter ist bauch-, das Dienstmädchen kniefrei. Und Herr Tartuffe, der Titelheld, das Zentrum aller Intrigen, dessen Auftritt der Autor kunstvoll bis zum zweiten Akt verzögert? Er ist eine Art mondäner Guru im blütenweißen Anzug, mit kahlgeschorenem Kopf und schwarzer Hornbrille, ein pompöses Kreuz an silberner Kette vor der Brust.


Schauspiel Essen

Sizilien liegt in Hattingen

von Christian Rakow

Essen, 20. April 2008. Im Foyer warten sportliche Sweatshirt-Jungs mit poppig gegelten Irokesen-Haarschnitten, wie man sie ansonsten eher im Starbucks um die Ecke antrifft. Eine italienische Familie trommelt ihren Nachwuchs zusammen, der sich im Gedränge zu verirren droht. Die Stimmung ist gelöst. Mit einem Wort: Die Nebenspielstätte "Casa" des Essener Schauspiels legt eine neue Folge ihrer stark beachteten Stadterkundungsprojekte auf – und wiederum sind viele Theaterneulinge gekommen.


Schauspiel Essen

Wie hast du's mit der Rebellion?

von Christian Rakow

Essen, 28. März 2008. 28, sagt man, mit 28 Jahren muss einer tot sein, sonst taugt er nicht zum Pop-Mythos. James Dean hat es geschafft, Sid Vicious auch. Pete Doherty ist jüngst an der Qualifikationsnorm vorbei geschrammt. Trotzdem erscheint auch sein Gesicht auf der riesigen Videowand, die die Bühne nach hinten abschließt. Wer rasend schnell lebt, dem trägt man den Kalender nicht nach. Und diese Ruhmeshalle der glamourösen Selbstzerstörer hat noch einen weiteren Platz frei: für Antigone.


Schauspiel Essen

Von Fluchten 

von Dorothea Marcus

Essen, 7. März 2008. Asylpolitik? Schon beim Wort schaltet man gerne auf inneren Durchzug. Dabei könnte jedes Flüchtlingsleben ein Roman sein und hat alles, was ein Drama braucht: existentielle Entscheidungen, die Suche nach Weiterentwicklung und Wiederkehr, schwere Lebensbrüche und manchmal erfüllte Träume. Eigentlich erstaunlich, dass Migrantenleben bisher so selten auf dem Theater behandelt wurden.


Schauspiel Essen

Vorhölle mit Versehrten

von Christian Rakow

Essen, 6. Oktober 2007. In die Stille vor dem Vorhang tritt heraus der Marktschreier (Martin Vischer), bandagiert wie ein Unfallopfer oder eine Mumie aus ägyptischer Zeit, mit einer Lichterkette um den Leib geschnürt: "Seh'n Sie die Kreatur, wie sie Gott gemacht, nix, gar nix." Er neigt seinen aschgrauen Struwwelpeter-Kopf zu Seite, grinst kurz: "Willst Du mehr sein als Staub, Sand und Dreck?" Das sind die ersten Worte an diesem Abend und später die letzten.


Schauspiel Essen

Im Herzen des Chauvinismus

von Christian Rakow

Essen, 7. September 2007. Was war eigentlich letzthin aus Amerika zu hören? George Bush kommen die Gefolgsleute abhanden. Senator Larry Craig ist bei "homosexuellen Handlungen" auf einem Flughafenklo in Minneapolis erwischt worden. Der Abgeordnete Mark Foley verschickte anzügliche E-Mails an minderjährige Kongresspraktikanten. Der Senator von Louisiana steht bei Washingtoner Prostituierten auf der Kundenliste.


Schauspiel Essen

Die Halbwertzeit der Utopie

Von Hans-Christoph Zimmermann

Essen, 18. Mai 2007. "Es ist gar nicht laut hier", sagt die achtjährige Ranja. Sie steht in der Küche einer leeren Wohnung in Essen-Holsterhausen und gibt Heringssalat mit Kartoffeln an die Besucher aus. Ranja wohnt mit ihren Eltern ein Stockwerk darüber und wenn sie aus dem Fenster sieht, fällt ihr Blick direkt auf die Fahrbahnen der A 40, die zentrale Verkehrsader des Ruhrgebiets.


Schauspiel Essen

Ich bin Mutter Erde, und ihr seid alle Versager!

von Christian Rakow

Essen, 20. April 2007. Eine alte Einsicht von Bob Dylan lautet: Don’t look back. Und sie bestätigt sich auch in Edward Albees Ehehölle: Gute zwei Stunden sind in dem 1962 uraufgeführten Klassiker der Zimmerschlachten vergangen; die alternden Protagonisten George und Martha haben sich und ihre jungen Partygäste Nick und Putzi unter reichlich Einsatz von Marlborough und Jack Daniel’s schonungslos traktiert, als Martha zu Beginn des finalen Aktes ein angestaubtes Familienvideo einlegt. Was waren die Zeiten einmal schön:


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