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Münchner Kammerspiele

Der blaue Blick der Manga-Mädchen

von Shirin Sojitrawalla

München, 30. März 2017. Dieser Abend ist so kitschig wie ein Heiligenbildchen, so durchgeknallt wie ein LSD-Trip und so wahrhaftig wie ein Kleinmädchentraum. Dabei fußt das Ganze sehr lässig auf Jeffrey Eugenides' 1993 erschienenem Romandebüt "Die Selbstmord-Schwestern", wobei sich Susanne Kennedy mehr für seine Motive und den Blick des Voyeurs interessiert als für seine eh spärliche Handlung.


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Entschleunigung im U-Bahn-Netz

von Petra Hallmayer

München, 18. Februar 2017. Die Geister geben keine Ruhe. Auf einem nächtlichen U-Bahnhof begegnen die Lebenden den Toten, die von Schuldgefühlen oder einer unvollendeten Aufgabe gepeinigt nach Erlösung suchen.


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... und Vorhang

von Christian Rakow

München, 27. Januar 2017. Die Bühne also zuerst: Alles leergeräumt bis hin zur kahlen Brandmauer, ein paar Stühle stehen rum, Mikrophone, Tische für die Soundfrickler, blinkende Leuchtdioden in einem Elektrokasten ... Lass gut sein, sagen Sie. Es ist ein Stemann, da weiß man, wie es aussieht.


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Exihibitionismus und (Daten)schutz

von Martin Jost

München, 20. Januar 2017. Gut die Hälfte des Publikums geht bei der Premiere von "Situation mit Zuschauern" in München kurz vor dem Höhepunkt aus dem Saal. Banafshe Hourmazdi, die eben noch auf der Bühne stand, sagt: "Ich werde mir das Video nicht ansehen", und geht mit hinaus. Denn ein Video ist alles, was jetzt noch kommen soll. Es ist gut vier Minuten lang und wir wissen schon, was es zeigen wird. Oliver Zahn hat es uns zuvor Bild für Bild beschrieben. Es ist schwer, hier von einem bewegten Moment zu sprechen. Denn alle Gefühle haben die Akteure längst aus dem Raum vertrieben. Doch gerade die Abwesenheit aller Affekte macht diesen Moment jetzt so wichtig: Er ist ein Sieg der Aufklärung über den Wahnsinn.


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There will be blood

von Cornelia Fiedler und Michael Stadler

München, 19. Januar 2017. Münchner Kammerspiele, William Shakespeares "Hamlet", Regie: Christopher Rüping. Der Kritiker-Chat, powered by Skype:

MS: Also, blutleer war diese Inszenierung von "Hamlet" sicherlich nicht.

CF: Ne, 240 Liter laut SZ-Vorbericht. Da stellt sich die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Quantität und Qualität ...

MS: Es wird in "Hamlet" eben ein Blutbad angerichtet.

CF: Naja, die drei Schauspieler*innen übergießen am Anfang vor allem den Bühnenboden aus Metallgittern mit Blut, was nicht besonders effektiv ist. Das Blut versickert ja. Gespielt wird also über einem See aus Blut, den man nicht sieht, von dem man aber weiß. Ist das die Metapher?


Münchner Kammerspiele

Woanders ist es auch nicht anders

von Willibald Spatz

München, 17. Dezember 2016. Dies ist kein gemütlicher Theaterabend. Schon beim Betreten der Kammer 3 wird man angetanzt, zum Mitmachen animiert. Die Musik wird immer lauter, man soll wenigstens klatschen, auch wenn man sich nur hinsetzen will. Die szenische Lesung "She He Me" ist Teil des "Open Border Ensemble Festivals", ein Versuch, der von der syrischen Theatermacherin Rania Mleihi sowie Malte Jelden und Björn Bicker ins Leben gerufen wurde. Das Ensemble bietet Theatermenschen, die auf ihrer Flucht in München gelandet sind, die Möglichkeit in Deutschland in ihrem Beruf zu arbeiten.


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Spy Game

von Petra Hallmayer

München, 10. Dezember 2016. Sie können Gesetze brechen, ohne belangt zu werden und in das Leben selbst des bravsten Bürgers eindringen. Spätestens seit den Enthüllungen des Whistleblowers Snowden und dem NSA-Skandal kann keiner mehr leugnen, über welch gespenstische Macht sie verfügen. Einblicke in die undurchschaubaren und kaum zu kontrollierenden Netze der Geheimdienste versprechen Rimini Protokoll in ihrem neuen Projekt "Top Secret International (Staat 1)", das den Auftakt einer Tetralogie bildet. Für die aufwendige Kammerspiel-Produktion hat die Gruppe einen ungewöhnlichen Spielort gewählt: die Münchner Glyptothek.


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Grobe Themaverfehlung

von Sabine Leucht

München, 4. November 2016. Dieser Abend tut weh. Und das nicht, weil er die Finger in eine Wunde legte. Das tut in der Kammer 2 nicht einmal der Protagonist von Tom McCarthys "8 ½ Millionen". Auch dass Franz Rogowski lispelt und die Parts, die ihm die verknappte und auf bis zu sechs Stimmen verteilte Nacherzählung noch zugesteht, nicht auf Anhieb verständlich sind, ist nicht die Ursache für den Schmerz.


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Amoklauf mein Einfühlspiel

von Shirin Sojitrawalla

München, 27. Oktober 2016. Dieser Abend funktioniert wie das sprichwörtliche Pfeifen im Walde: Wird die Angst zu groß, sucht sie sich ihre Kanäle, um zu entweichen. Dabei war ursprünglich alles verhältnismäßig harmlos angedacht. Yael Ronens erster Ausflug an die Münchener Kammerspiele war als eine Art Fortsetzung ihrer Erotic Crisis geplant. Unter dem Titel "Point Of No Return" wollten sie und ihr Ensemble unserem Liebesleben in Zeiten des Internets (Dating-Apps und Cyber-Sex) nachspüren.


Münchner Kammerspiele

Denkt an den Toten

von Petra Hallmayer

München, 29. September 2016. Die dreistufige Bühne ist mit persischen Teppichen bedeckt. Ganz in Schwarz gehüllt tritt eine Frau vor die Zuschauer, die ein Foto in den Händen hält und auf Farsi einen schmerzvollen, zornigen Klagemonolog anstimmt über das Verschwinden ihres Sohnes, der in einem Buch ermordet wurde. In Camus' modernem Klassiker "Der Fremde" erschießt Meursault von der gleißenden Sonne Algeriens geblendet einen jungen Mann. Für den Franzosen ist er "ein Araber", ein namenloser Niemand, ohne Gesicht, ohne Identität. In seinem Roman "Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung" hat Kamel Daoud ihm einen Namen gegeben, eine Mutter und einen Bruder, der sich gegen die Entwertung und Anonymisierung des Opfers wehrt, sich Camus' Buch aneignet, es um- und fortschreibt.


Münchner Kammerspiele

Garantiert ohne Sex

von Sabine Leucht

München, 11. Juni 2016. Gerade haben sich alle zum Eingangs-Gruppenbild postiert und im Chor die Zahlen gesungen, die Figaro jenem Raum abliest, in dem er nach der Hochzeit mit Susanna zu leben gedenkt, da befindet man sich schon auf posthochzeitlichem Gebiet. Michael Wilhelmis hämmerndes Klavier verschluckt die Worte über Susannas entzückenden Hut. Man lobt das Fest, und eine in Papageienfarben gewandete Dame preist Rieslingsekt von der Mosel an. Das ganze bei Mozart und da Ponte drei von vier Akten dauernde Hin und Her davor, die Gier des Grafen nach der Zofe Susanna, die ganzen Listen und Schliche dagegen und die Enthüllung von Figaros Herkunft: All das spart sich David Marton in seinem "Opernhaus", das er für diese Spielzeit an den Münchner Kammerspielen eingerichtet hat.


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Die Trump-Schneise

von Tobias Krone

München, 12. Mai 2016. Plötzlich wird eine Schneise geschlagen, mitten durchs Publikum. Wer T. C. Boyles Roman "América" gelesen hat, weiß, dass hier grade eine Mauer gebaut wird. Und so treiben Bühnentechniker zuerst ein gutes Viertel der Parkettzuschauer auseinander – und anschließend eine Bühnenkonstruktion aus Terrakotta-Platten weit in den Zuschauerraum hinein. Während die Vorstellung in vollem Gange ist und Donald Trump auf Video grade von seiner Grenzmauer zu Mexiko faselt. Viel Raum geht durch den Bau verloren – die vertriebenen Premierengäste werden "umgesiedelt" auf die (ursprüngliche) Bühne. Und die neue Schneise steht dann auch erst einmal länger ungenutzt da – ein schönes Sinnbild für den Irrsinn dieser von Boyle karikierten Gated Community, in die sich ein Vorort von Los Angeles binnen eines Sommers verwandelt. Man könnte darin aber auch eine unfreiwillige Analogie zu der raumgreifender Romanadaption von Stefan Pucher an den Münchner Kammerspielen sehen: viel Fläche, selten Dichte.


Münchner Kammerspiele

Party bei Jesus

von Sabine Leucht

München, 16. April 2016. Jesus hat den Querbalken seines Kreuzes zum Selfiestick umfunktioniert und zur Party geladen: Buddha ist da, ein greisenhafter Zeus, Ganesha mit seinen vier Armen, sogar der Weihnachtsmann und das fliegende Spaghettimonster. Bloß mit "Mo" rechnet keiner. Doch dann kommt Franz Rogowski im Goldröckchen auf die Bühne der Kammer 1. Und weil das die Stimmung killt, versichert er emsig, dass er natürlich nicht ER ist: Nicht der Prophet, von dem man sich kein Bildnis machen darf.


Münchner Kammerspiele

Krieg den Katzen

Von Cornelia Fiedler

München, 23. März 2016. Könnte lustig sein, so ein Clash zwischen Tolstoi, dem Weltliteraten fürs Weltgeschehen, und den rotzig-klugen Performance-Meister*innen der Mikroebene, Gob Squad. Also wird in den Kammerspielen bei "War and Peace" anfangs gut gelaunt mitgespielt: Leute aus dem Publikum lassen sich an die festlich gedeckte Tafel mit Livecam ganz vorne im Zuschauerraum geleiten und plaudern dort höflich mit: übers Kochen, übers Lesen und über die fatale Gleichzeitigkeit von brutalstem Weltgeschehen einerseits und dem eigenen privilegierten Dasein andererseits. Auch die restlichen Zuschauer*innen folgen den Anweisungen der Performer*innen, messen den eigenen Puls, zählen dabei laut mit – aha, wir leben noch – und warten darauf, Neues vom Sterben im Krieg zu erfahren. Und warten und warten und warten.


Münchner Kammerspiele

Gib mir deinen Unterleib!

von Tim Slagman

München, 3. März 2016. Vielleicht werden sich die Menschen eines Tages fragen, so heißt es am Ende aus dem Munde einer 16-Jährigen, warum wir Heutigen versucht haben, die Sexualität dem Dunkel zu entreißen und keine Worte für sie finden konnten. Tatsächlich ist die erste Inszenierung der Performance-Truppe She She Pop an den Münchner Kammerspielen, wie ihr Untertitel sagt, vor allem ein "Bilderbogen nach Wedekinds 'Frühlings Erwachen'" geworden, angereichert mit Motiven aus E.L. James' Sadomaso-Roman "50 Shades of Grey" und mit – im Vergleich zu früheren Arbeiten wie Testament oder Frühlingsopfer allerdings deutlich reduzierten – biographischen Bruchstücken zur Aneignung und Umwandlung dieser literarischen Texte.


Münchner Kammerspiele

Quo vadis, Europa?

von Sabine Leucht

München, 17. Februar 2016. To leak or not to leak, das ist hier die Frage: Hält man es mit der Wahrheit, wenn diese sehr wahrscheinlich das eigene Land scharf nach rechts reißen wird – oder schließt man opportunistisch vor ihr die Augen? Bringt man sich selbst als Bauernopfer dar oder mutiert man lieber wider Willen zum Pferd, das vor dem grottenfalschen Karren läuft? Streng genommen kennt man die Alternativen nicht, die der PR-Agentin Clara und ihrem Freund David blühten, wenn das Team, mit dem man sich durch diesen Theaterabend "Lessons of Leaking" von machina eX knobelt und kombiniert, in sensiblen Momenten andere Entscheidungen getroffen hätte. Doch man bekommt große Lust, sich erneut auf das Abenteuer einzulassen, bei dem Clara dann vielleicht beim Einbruch in ihre Sicherheitsfirma aufflöge oder die Frauke-Petry-hafte deutsche Kanzlerin am Ende abdanken müsste, weil sich ihr Volk vermeintlich für den Verbleib in Europa entschieden hat. Doch zu viel soll hier nicht verraten werden.


Münchner Kammerspiele

Otto Falckenberg war kein Nazi?

von Sophie Diesselhorst

München, 12. Februar 2016. Achtung, Spoiler! Die Otto Falckenberg Schule wird NICHT umbenannt. Zumindest, wenn es nach den 13 Schauspiel-Student*innen ihres aktuellen 3. Jahrgangs geht, die in den Münchner Kammerspielen das Verhältnis der Schule während der Intendanz Falckenberg (1917-1944!) zur "Reichstheaterkammer" der Nazis beleuchten. Tatsächlich beleuchten sie, immer ist mindestens einer der zwei Scheinwerfer besetzt, die auf der runden Bühne im kleinen Werkraum der "Kammer 3" die Akzente setzen.


Münchner Kammerspiele

Wir nennen es Oper

von Sabine Leucht

München, 29. Januar 2016. Das temporäre "Opernhaus" der Münchner Kammerspiele hat seine erste Premiere in die kleinste von drei möglichen Spielstätten gepresst. Das Orchester und die riesigen Chöre, ja der ganze Bombast von Vincenzo Bellinis 1831 uraufgeführter Oper "La Sonnambula", werden in der Kammer 3 von mehreren Tasteninstrumenten respektive Zuspielungen vertrieben.


Münchner Kammerspiele

Natur aus Kunststoff

von Tim Slagman

München, 28. Januar 2016. Mindestens zwei Geschichten lässt man sich erzählen an diesem Abend in Philippe Quesnes Uraufführung – und es sind nicht zwangsläufig die Geschichten der romantischen Kunst und des Westerns, wie es der Titel von Quesnes erstem Projekt an den Münchner Kammerspielen nahelegen würde. Die erste ist vielmehr eine Geschichte von der Leere: der lächerlichen Leere etwa, die bleibt, wo die Zeichenmaschine der Popkultur sich doppelt und dreifach in Mythologien eingeschrieben hat wie in die vom halben Gelingen der Zivilisierung eines Kontinents. Um ein elektrisches Lagerfeuer sitzen die Cowboys Peter Brombacher, Johan Leysen, Stefan Merki und Franz Rogowski mit dem Cowgirl Julia Riedler, sie singen vor der schwarzen Bühnenwand von "pony, rifle and me" und bitten: "Whiskey, leave me alone". Franz Rogowski bekommt außerdem einen Kapuzenpulli geschenkt, das Motiv ist Caspar David Friedrichs "Wanderer über dem Nebelmeer".


Münchner Kammerspiele

Neues aus der Spielekammer

von Michael Stadler

München, 17. Dezember 2015. Die Kinder sind klasse. Sie machen den Anfang auf der Bühne der Kammer 1, toben herum, werfen einen Plüschtier-Löwen über eine Mauer von Umzugskartons und halten inne, als dramatische Streichermusik erklingt. Ihr "Hallo?" klingt verloren in diesem Raum, der in seiner Umzugskarton-Kargheit nicht gerade nach jenem edlen Roulettenburg bei Wiesbaden aussieht, in dem Fjodor Dostojewski seinen Roman "Der Spieler" ansiedelte. Bühnenbildner Jonathan Mertz hat das Geländer der Balkonreihe in den Bühnenhimmel weiter hineingebaut, so dass sich ein vollständiges Oval ergibt, das den Zuschauerraum miteinbegreift. Das Spiel umfasst hier alle, und wie schön wäre es, wenn es noch so was wie kindliche Unschuld im Als-ob gäbe. Die Kinder – Kaspar Huber, Jasper Kohrs, Zoë von Weitershausen, Marlene Witzigmann und später Nikolai Huber – übernehmen wunderbar die Rollen, lesen Romanpassagen vor, nachdem dem auf der Bühne sitzenden Souffleur Joachim Wörmsdorf schön ruppig ein Textbuch aus der Hand gerissen wurde.


Münchner Kammerspiele

!Ran=jezz

von Petra Hallmayer

München, 16. Dezember 2015. Ein flaches Wasserbecken bedeckt die Bühne, in dem der in drei Gestalten aufgespaltene Ich-Erzähler ruht. Wechselweise beschreiben Christian Löber, Maja Beckmann und Marie Rosa Tietjen von artifiziellen Gesten begleitet die irdischen Verhältnisse im 25. Jahrhundert. "Leben ist heute so leicht geworden", versichert uns der dreifache Bo.


Münchner Kammerspiele

Der endlose Fluch der Geschichte

von Tim Slagman

München, 22. November 2015. Zu sechst sitzen sie nebeneinander auf einfachen Holzstühlen und heben mit entschlossenen aber brüchigen Stimmen an zum ersten Satz von Brahms‘ "Deutschem Requiem" – bis die Familie des Seewirts Unterstützung findet vom Chor des Jungen Vokalensembles München, der sich an den Türen oben am Rang postiert hat: "Selig sind, die da Leid tragen", donnert es bald von allen Seiten durchs große Haus der Kammerspiele.


Münchner Kammerspiele

Wer sich zeigt, verbirgt sich

von Sabine Leucht

München, 3. November 2015. Dieser Abend stellt den Kritiker vor ein Problem: Lässt er sich über die Qualitäten einzelner Schauspieler aus oder auch nur darüber, wer von ihnen mit welchem Kniff und welcher Haltung welche Szene wie gestaltet, dann ist zumindest nicht ausgeschlossen, dass er ihre Aussichten auf ein Engagement beeinflusst. Und er nähme zugleich auch den sechs vermutlichen Notengebern, die bei der Premiere in der Kammer 2 vorne am Bühnenrand saßen, einen Teil ihrer Arbeit ab. Denn der Regisseur Boris Nikitin zeichnet zwar für "Das Vorsprechen" verantwortlich, aber letztlich versteckt sich hinter diesem Etikett genau das: Das Intendantenvorsprechen von Schauspielschülern gegen Ende ihrer Ausbildungszeit. Nur dass die Münchner Kammerspiele in diesem Fall neben den potentiellen Entscheidern über die Zukunft der Bühnen-Youngster auch ganz normales Publikum eingelassen haben. Schön wird das eingangs schriftlich auf den Punkt gebracht: "Heute ist das Publikum gemischt, die Kriterien auch", kann man auf der rückwärtigen Leinwand lesen. Und etwas von den "harten Kriterien" der Profi-Zuschauer, als da sind Haarfarbe und Körpergröße... Okay, das wird vermutlich frech!


Münchner Kammerspiele

Brutale Zärtlichkeit

von Sabine Leucht

München, 14. Oktober 2015. Roccos Tränen fließen hier erst am Schluss. Bei Visconti weinte der junge Alain Delon ganze drei Male: Nachdem sein Bruder Simone vor seinen Augen beider große Liebe Nadia vergewaltigte, nach seinem ersten Sieg im Boxring und – ganz am Ende dieser Passionsgeschichte einer Familie – als Simones Messer in Nadias Körper geblieben war. Bis zum Tode.


Münchner Kammerspiele

Bombe unterm Bett

von Cornelia Fiedler

München, 10. Oktober 2015. Achtung, am Ende explodiert ein Bett. Aber keine Sorge, auf dieses visuell-akustische Großereignis wird das Publikum im Lauf der Performance "Ode to Joy" mehrfach fürsorglich vorbereitet: Regisseur Rabih Mroué (zuletzt bei den Wiener Festwochen mit "Riding on a cloud" zu sehen) demonstriert mit einem Blitzlicht, wie hell es bei der Sprengung wohl so werden könnte. Später führt Lina Majdalanie vor, auf welche Lärmentwicklung man sich dabei gefasst machen muss.


Münchner Kammerspiele

Tanz der Vampire

von Tim Slagman

München, 9. Oktober 2015. Dieses Stück, das Shakespeare eine Komödie nannte, hat keine Geheimnisse mehr. Es kann mit keiner Intrige mehr foltern, mit keiner Enthüllung mehr verblüffen. Klassikerschicksal. Aber der Antisemitismus und der krude Antikapitalismus, die Mechanismen von Ausgrenzung, Rache, Schuld und Schulden liegen hier so offen zutage, dass die Relevanz dieses Stoffes auf paradoxe Weise ganz offenkundig plausibel ist.


Münchner Kammerspiele

Tolle Abwechslung, klasse Hotelidee, jederzeit wieder

von Steffen Becker

München, 12. September 2015. Shabby Chic bezeichnet Dinge, die bewusst abgeranzt dargeboten werden. Die zusammengestöpselten Möbel, die zerrissenen Jeans sind jedoch so kunstvoll angegriffen, dass dem Betrachter klar ist: Das ist ein hippes, kostbares Produkt. Nach dem gleichen Prinzip verfahren das Büro raumlabor und die Münchner Kammerspiele bei ihrem urbanen Experiment "ShabbyShabby Apartments". Für maximal 250 Euro Materialeinsatz sollten im öffentlichen Raum temporäre Schlafplätze entstehen, über die man redet, weil sie cool und außergewöhnlich sind.


Münchner Kammerspiele

Irre Krieger

von Cornelia Fiedler

München, 20. Mai 2015. Steht der Typ unter Drogen? Wäre ja nicht untypisch für einen Soldaten. Der ganze Körper bebt vor Spannung, die metallen hohe Stimme springt, findet keinen Halt, Heldengeschichten brechen gepresst, dann wieder völlig unkontrolliert aus diesem Rest Mensch hervor, verzerrt, gewaltsam, vollkommen irre. Bauern hat er massakriert, Vieh gestohlen, kräht Eilif, der ältere Sohn der Mutter Courage, den sie an die Armee verloren hat. Die ganze Perversion des Krieges blitzt auf einmal auf, wenn Leonard Klenners Eilif sich mit seinen Taten brüstet, ein Kind, das den Frieden nie erlebt hat und ihn auch nie verstehen wird. Er ist ein Zerrbild und zugleich die Krönung davon, wie alle hier Versammelten den Krieg als einzig wahre, weil profitable Lebensform abfeiern.


Münchner Kammerspiele

Das letzte Feuer

von Sabine Leucht

München, 29. April 2015. Dieser Abend zerreißt einem fast das Herz. Aber nicht, weil er so nah heranrücken würde an das Leid der Menschen, und auch nicht, weil die sieben riesigen, Kunstfunken sprühenden Flammen aus loderndem Stoff im Zentrum von Katrin Bracks Bühne so eine nostalgische Stimmung verbreiteten.


Münchner Kammerspiele

An Utopien totgesoffen

von Cornelia Fiedler

München, 10. April 2015. Aus fünf Zutaten besteht das Leben, sagt Fritz Kater und Regisseur Armin Petras stimmt seinem bewährten Dramatiker-Alter-Ego vollumfänglich zu. Die Zutaten heißen Utopie, Phantasie, Liebe und Tod im praktischen Doppelpack, dazu noch Instinkt und Sorge. So steht es in den Zwischentiteln des Koch- beziehungsweise Textbuches mit dem sinnfälligen Titel "Buch" und seinem klärenden Zusatz "5 Ingredientes de la Vida". Es könnten aber genauso gut drei oder sieben Zutaten sein, gibt Petras im Programmheft zu bedenken.


Münchner Kammerspiele

Die Vorhölle am Ende der Sackgasse

von Cornelia Fiedler

München, 29. März 2015. "Forever", zart und unschuldig schwebt dieses Wort in roter, geschwungener Neon-Leuchtschrift über der Bühne der Kammerspiele. Was nach einem sweeten, elektronischen Liebesschwur aussieht, entpuppt sich als das nackte Grauen: Für immer gefangen, für immer unter hoffnungslos kaputten Gestalten, für immer einsam. Hier, in diesem unwirtlichen Wüstenkaff, bricht der Camino Real, der Königsweg zu was auch immer, einfach ab. Endstation Hoffnungslosigkeit. Die Verlorenen, die hier stranden, glauben nicht mehr an Trost.


Münchner Kammerspiele

Gemeinsam sind wir schwach

von Michael Stadler

München, 26. Februar 2015. Wenn schon die Welt vor dem Untergang steht, sollte man die Chance zum geselligen Beisammensein im Vorfeld der Apokalypse wenigstens noch nutzen, um ausgiebig zu dinieren, ja, ein saftiges Stück Rindfleisch zu essen, und sich gegen jede Wahrscheinlichkeit über die Zukunft zu unterhalten. Viel zu sagen hatten sie jedenfalls, die Zukunftsexperten, die in einem Joint Venture des niederländisch-flämischen Kollektivs Wunderbaum und der Münchner Kammerspiele zum Schwof eingeladen wurden. Wunderbaum hat ein ähnliches Gespräch und einen ähnlichen Abend schon in Rotterdam veranstaltet. Hier in München trafen sich die Futuristen am Abend des 30. Januar 2015 im Glasspitz der Kammerspiele, wie man dank Übertiteln auf einem hoch hängenden Holzbalken erfährt.


Münchner Kammerspiele

Geboren aus Blut und Hass

von Tim Slagman

München, 21. Februar 2015. Hier geht es sofort um Leben und Tod – nun, um ehrlich zu sein, vor allem um den Tod. Katja Bürkle hetzt an einer riesigen Wand entlang auf die Bühne, ein gleißender Lichtkegel erfasst sie, es knallt, sie stürzt. Abram ist tot.


Münchner Kammerspiele

Der Sound der Kerkereinsamkeit

von Cornelia Fiedler

München, 31. Januar 2015. Das sieht schwer nach Hospitalismus aus: die Schritte schleppend, die Gesten seltsam eng, immer wieder fahren die Hände wie suchend über den kurzgeschorenen Kopf. Wenn Brigitte Hobmeier die ersten Sätze ihrer Maria Stuart spricht, monoton und leicht gehetzt, ist es Sprache gewordene Kerkereinsamkeit, was da auf der schummrigen Bühne der Kammerspiele erklingt. Logisch, denkt man, nach 19 Jahren Haft ist das wenig verwunderlich.


Münchner Kammerspiele

Gruppenbild mit Hund

von Sabine Leucht

München, 19. Dezember 2014. Archie ist Richards und Berthas Sohn. In München heißt er Dine Doneff und lässt mit linkischen Bewegungen seinen Kontrabass fauchen und jaulen. Er reagiert nicht auf Ansprache und sinkt in Spielpausen schlaff in sich zusammen. Dass ihn die anderen seltsam finden, leuchtet ein. Wie sehr dieses Seltsamfinden sie entlastet, spürt man erst am Ende des Abends, wo Archie noch einmal kurz im Zentrum steht und sich die vier Erwachsenen endlich von ihrer eigenen Seltsamkeit erholen können. Die ist gewachsen, je harmonischer Archies Musik geworden ist. Doch der Reihe nach:


Münchner Kammerspiele

Spiel mir das Lied vom Biedermann

von Michael Stadler

München, 27. November 2014. Welche Geschwindigkeit das Leben (und das Theater) auch hat, irgendwie ist es nie ganz recht. Absoluter Stillstand ist nicht erwünscht, weil dann Langeweile droht. Zu viel Speed verträgt man auch nicht, sondern wünscht sich – schöner Modebegriff – Entschleunigung, ein Herunterfahren des Tempos, ein besseres Haushalten mit der Energie. Das Theater von Susanne Kennedy, so, wie man es besonders seit Fegefeuer in Ingolstadt kennt, geht physisch hinein in den Stillstand, handelt von ihm, übt sich in Entschleunigung, lässt Zeit vergehen. Was für manche Zuschauer schwer zu ertragen ist. Dann wird man unruhig, dann ruft man "Aufhören!" und "Buh". Vielleicht auch, weil einem die hochgradige Artifizialität, der Formwille Kennedys auf die Nerven geht.


Münchner Kammerspiele

Wenn ja, wie viele?

von Isabel Winklbauer

München, 20. November 2014. Der Mensch besteht aus Erinnerung, und diese Erinnerungen stecken thematisch gebündelt in blauen Müllsäcken, die am Bühnenhimmel fest verknotet alle nebeneinander hängen. Sandra Hüller, Tom Schneider und Alice Gartenschläger inszenieren den Menschen als komplexes Puzzle aus Erlebnisfetzen, Klängen, Bildern und Einfällen. Schon die Anordnung des Experiments nimmt gefangen: An einer durchbrochenen weißen Wand klettern die Darstellerinnen herum oder hängen sich mit Knien wie an ein Reck. Ein Stuhl spielt mit, und eine kleine Bühne für Cellistin Philine Lembeck. "À corps perdu" ist eine surrealistische Momentaufnahme des Daseins, voller Humor und auf nette Art unheimlich.


Münchner Kammerspiele

Sekündlich grüßt die Wachau

von Michael Stadler

München, 18. Oktober 2014. Ein Lied kann ein Gefängnis sein, kann den Menschen einschließen mit seiner Melodie und seinem Rhythmus, kann ihn verfolgen und bis ins Mark durchdringen, bis nichts weiter bleibt als mitzusingen. Oder mitzutanzen. Ach, klingt es nicht sirupsüß und wienerisch schön, das Lied "Da draußen in der Wachau"?  "Wo blühen die Bäume so rot und so weiß, und wo sind die Nächte so duftig und heiß…", singt Peter Brombacher im Dunkeln. Ein älteres Paar hat zum Auftakt elegant ein paar Walzerrunden auf die Bühne der Kammerspiele hineingezwirbelt, und diesem singenden Peter Brombacher nun, der mit Kopftuch die Großmutter, mit Messer den Metzgersgehilfen Havlitschek und rot behütet den Nachtclub-Conférencier geben wird, ihm kann man einfach nicht widerstehen.


Münchner Kammerspiele

Du bist nicht allein!

von Sabine Leucht

München, 2. Oktober 2014. Am Anfang hüpft ein weiß Vermummter, den man dennoch als Kristof Van Boven erkennt, wie ein Teletubby herum, ruft die Namen verschiedener Orte und demonstriert an der eigentlich schon gestorbenen Katja Bürkle symbolisch diverse Hinrichtungsarten. Am Ende ist es ein bisschen so wie in "The Lego Movie", weil die ganze Gruppe aus Münchner und Pekinger Akteuren im Marschrhythmus auf der Stelle stampft,  und auf der Klimax des dazu skandierten Begriffssammelsuriums aus Gemeinschaftsstiftendem ("Durchschnitt", "teilhaben", "Demonstration", "Gesetz") und Zwietracht-Säendem ("Fremdenhass", "seltsam", "anstarren") ruft man plötzlich ebenso lautstark "totally happy!"


Münchner Kammerspiele

Das Wort ist Wort geblieben

von Tim Slagman

München, 27. September 2014. Im Anfang, wir wissen es längst, war das Wort. Insofern gehört auch das Theater zu den Schriftreligionen, und gerade in den Stücken von Elfriede Jelinek hebt sich die Sprache stets noch hinaus über ihre menschlichen Träger. Sie kreiert Textflächen, die diesen Namen tatsächlich verdienen, weil sie Ernst machen mit der Auflösung von Figurensubjekten in Sprechautomaten: Es wird nicht nur durcheinander, sondern zumeist auch einfach unheimlich viel gequasselt bei Jelinek.


Münchner Kammerspiele

Postkriegs-Femme-Fatale

von Michael Stadler

München, 18. Juni 2014. Schock! Die Geburt des Kinos rüttelte die Zuschauer wach, zu Beginn eines Jahrhunderts, das nicht nur den Siegeszug des bewegten Bilds, sondern auch zwei Weltkriege und noch einige Katastrophen mehr erleben sollte. Im Jahr 1947 vegetiert Helen Lawrence, Postkriegs-Lady, bewusstlos in dem Krankenbett einer psychiatrischen Klinik vor sich hin. In der Spielhalle der Kammerspiele keine Kulissen, dafür die Wände in Blau: eine Blue Box für digitale Projektionen. Vor der Bühne ist eine halbdurchsichtige Leinwand gespannt und wartet auf das erste Bild. Das dann auch kommt: Helen bekommt elektrische Ströme verpasst. Schock! Es bzzzt auf der Soundspur. Auf der Bühne klein, auf der Leinwand groß schlägt sie die Augen auf. So wird mit ihr das Kino geweckt: für "Helen Lawrence", die "Cinematic Stage Production" von Stan Douglas.


Münchner Kammerspiele

Der Blick zurück

von Tim Slagman

München, 6. Juni 2014. Soheila hat mir eine Clementine geschenkt. Das heißt, richtig geschenkt hat sie sie mir nicht: Sie hat sie vor mir auf den Boden gelegt, ohne sich umzudrehen, auf ein asphaltiges Stück Theresienwiese, und ist noch ein paar Schritte weiter gegangen, während die Sprecherin Susanne Wolff mir über Kopfhörer in der Ich-Form erzählt hat, wie gerne sie, also Soheila, Obst mag.


Münchner Kammerspiele

Kein Leben jenseits der Bilder

von Willibald Spatz

München, 16. Mai 2014. Jean Genet sperrt seine Helden ein, die Zofen können den Raum nicht verlassen, nicht etwa weil er abgesperrt wäre oder weil jemand es ihnen ausdrücklich verboten hätte, nein, die Sperren sind in ihrem Kopf und nur dort. Gegen Ende verlässt eine von ihnen, Solange, sogar das Haus, um im Auftrag der gnädigen Frau ein Taxi zu suchen. Es begegnet ihr ein "Schwarm Taxis". Doch sie läuft nicht fort, sie kehrt zurück zu der Schwester, in den geschlossenen Raum.


Münchner Kammerspiele

Der ist gar nicht so

von Nikolaus Stenitzer

München, 8. März 2014. Die Stille ist deutlich. Als Steven Scharf auf der leeren, von oben aber von einer riesigen Discokugel bedrängten Bühne (von Eva-Maria Bauer) tanzend seinen Liliom vorstellt – im silbernen Sakko, alleine, ohne Musik – ist gleich klar, was hier für eine Geschichte erzählt wird.


Münchner Kammerspiele

Konkurrenz für die Wirklichkeit

von Cornelia Fiedler

München, 28. Februar 2014. Der leichte Schwindel beim Anfangsblick in den trichterartigen, nebligen Abgrund, in den Bettina Pommer die Spielhalle verwandelt hat, ist nur die erste Verunsicherung des Abends – weitere sind Programm. Alles ist grau hier: das quadratische Becken in der Mitte, das Wasser darin, die steil ansteigenden, meterhohen Stufen und die Klappsitze auf drei Seiten des Bühnenraums, die an die dichten Ränge eines Anatomie-Hörsaals erinnern. Auf den Stufen der leeren vierten Seite ist nur ein einziger Stuhl. Dr. Kofler, Sylvana Krappatsch im blauen Hosenanzug, sitzt darauf, wenn sie sich nicht gerade in verständnisvoller Annäherung an ihre Patienten übt. Sie und wir alle würden eigentlich ganz wörtlich herabblicken auf diese zwei Anderen, Abweichenden, Aussortierten da unten. Würden, wenn die beiden Schizophrenie-Patienten Alexander März und Hanna Grätz sich auch nur eine Minute an diese künstliche Abgrenzung hielten.


Münchner Kammerspiele

Wald aus Füßen

von Isabel Winklbauer

München, 17. Januar 2014. Einerseits eine schizophrene Frau, die mit fünf animalischen Menschenwesen auf einer Müllkippe lebt, andererseits ein Chor von Gehörlosen, der Werke von Bach singt. Die Zutaten, aus denen der belgische Regisseur und Choreograf Alain Platel sein neues Werk "Tauberbach" konstruiert, vereinen wild die unterschiedlichsten Motive. Das Werk birst vor fantasievollen Einfällen, schlägt dabei auch über die Stränge. Zum Glück kriegt der Erfinder gerade noch die Kurve und eine Botschaft kristallisiert sich heraus: Zurechtkommen mit dem, was man hat, ist eine Kunst. Und Genügsamkeit ist cool.


Münchner Kammerspiele

Zwischen farbigen Schaufensterpuppen

von Sabine Leucht 

München, 20. Dezember 2013. Da haben wir es wieder: das Schauobjekt. Gerade hat man in München das Problem diskutiert, das Schauspieler mit anderer Hautfarbe oder vermeintlich sichtbarer fremder Herkunft mit dem Theater haben (oder das Theater mit ihrem klischeebefreiten Einsatz), da kommt Luk Perceval in die Stadt und castet derer drei, damit sie in seiner kaum dramatisierten Version von J. M. Coetzees Roman "Schande" die Schwarzen spielen: Die Nutte, die sich der liebeskomplikationsüberdrüssige Kommunikationswissenschaftler David Lurie einmal wöchentlich zur Triebabfuhr leistet, den Vergewaltiger, der Luries Tochter Lucy auf ihrer Farm überfällt – und den Nachbarn Petrus, der Lucy den Schutzraum der Ehe anbietet für das Land, das die weiße Frau mit einer Hundepension, ein wenig Landwirtschaft und großer Bereitschaft zur Demut zu ihrer Zuflucht machen wollte.


Münchner Kammerspiele

Szenisches Fleisch aus der Slapstick-Konserve

von Matthias Weigel

München, 16. November 2013. Es gibt diesen Widerspruch zwischen Theorie und Alltag, mit dem man leben muss. Man weiß, dass Lidl doof ist, aber er ist halt gleich um die Ecke und hat als einziges noch offen. Man weiß, dass Google eine Datenkrake ist, nur spuckt sie bessere Suchergebnisse aus als Ixquick. Man weiß auch, dass Geschlecht eine gesellschaftlich konstruierte Kategorie ist, aber im Schwimmbad gehen wir alle in die "richtige" Umkleide. Man kann es sich in diesem Widerspruch also höchstens bequemer oder weniger bequem einrichten.


Münchner Kammerspiele

Vor den Frauen tänzeln die Männer

von Michael Stadler

München, 18. Oktober 2013. Es ist schon schwer, diese drei Filme, diese drei Frauen, diese drei Schauspielerinnen aus dem Kopf zu bekommen. Mit welcher Entschlossenheit sich Émilie Dequenne als 17-jährige Rosetta im gleichnamigen Film der Dardenne-Brüder gegen die Arbeitslosigkeit wehrt. Wie ruhig, fahl und dennoch leuchtend Kati Outinen als Oberkellnerin Ilona mit ihrem Mann in Aki Kaurismäkis "Wolken ziehen vorüber" um die gemeinsame Existenz kämpft. Und wie offen und doch unnahbar Anna Levine die Titelheldin von Amos Kolleks "Sue" anlegt: eine in New York gestrandete Ex-Psychologiestudentin, die Arbeit und Kontakt sucht, mit Fremden schläft und, wenn sie einen guten Mann findet, ihn doch nicht an sich heranlässt. Die Einsamkeit geht auch aufs Konto der Einsamen.


Münchner Kammerspiele

Revolution neuer Mensch

von Sabine Leucht

München, 26. September 2013. Es ist der Tag, an dem Matthias Lilienthal als künftiger Intendant der Münchner Kammerspiele bestätigt wurde. Und zugleich serviert der Noch-Chef den Auftakt der neuen Bewährungsrunde nach der Inthronisierung des Hauses als Theater des Jahres.


Münchner Kammerspiele

Airport und Spitzendeckchen

von Christiane Wechselberger

München, 7. Juni 2013. Gestern Abend eröffnete Kammerspiele-Intendant Johan Simons sein Theaterfestival "Relations" in München. Vorgestellt werden dort dreizehn Produktionen aus zehn Städten und drei Kontinenten. Simons hat nicht nur Regisseure und Gruppen eingeladen, die bereits zur Kammerspiele-Familie gehören – wie den Letten Alvis Hermanis oder die Argentinierin Lola Arias – oder die gar als sein Nachfolger für die Intendanz der Kammerspiele gehandelt werden wie Luk Perceval. Spartenübegreifende Kollektive wie Wunderbaum aus Rotterdam oder die interdisziplinäre Gruppe um Alain Platel aus Brüssel sowie der chinesische Avantgardist Tian Gebing und sein hoch gelobtes Paper Tiger Studio aus Peking, die nach neuen Ausdrucksformen zeitgenössischen Theaters suchen, ergänzen das Spektrum.


Münchner Kammerspiele

Soap AmericaNina

von Petra Hallmayer

München, 25. Mai 2013. Mit dem König Fußball wagte das Theater nicht zu konkurrieren. Um leere Zuschauerreihen zu vermeiden, hatten die Kammerspiele ihre Premiere auf den Spätnachmittag vorverlegt. Während draußen die Stadt dem Champions-League-Finale entgegenfieberte, ließ der belgische Regisseur Ivo van Hove im Schauspielhaus ein Vierteljahrhundert vorüberziehen.


Münchner Kammerspiele

Dichliebe ich ahmeinetote maschine!

von Sabine Leucht

München, 16. Mai 2013. Nein, das wird er vermutlich auch nicht gewesen sein: Jan Decortes internationaler Durchbruch. Beim ersten Mal, 1981, war der Brandschutz das Problem: In Avignon, wo sie seine "Hamletmaschine" zeigen wollten, aber der eiserne Vorhang fehlte. Darüber stritt sich Decorte mit dem technischen Direktor, aus der Einladung wurde nichts und darum ist er heute – anders als seine Namensvettern und Landsmänner Jan Lauwers und Fabre – nicht überall auf der Welt bekannt. Sagt Decorte, der – man ahnt es – kein allzu kleines Selbstbewusstsein hat.


Münchner Kammerspiele

Bauer sucht Leben

von Cornelia Fiedler

München, 4. Mai 2013. Gewollte Authentizität bei gleichzeitiger Inhaltsarmut, das sind die Markenzeichen dessen, was Protagonisten aller Doku-Soaps von "Schwiegertochter gesucht" bis "Die Geissens" in jeder Lebenslage nachdrücklich in die Kamera sprechen. In diesen Duktus verfällt Thomas Schmauser an den Münchner Kammerspielen, wenn er als landflüchtiger Bauernsohn sein neues Leben in der Großstadt kommentiert: "Ich setze jetzt diese Arbeitsbrille auf, damit ich meine Arbeit gut sehen kann", erläutert er mit einer verunsicherten, umständlichen Wichtigkeit, die an Karl Valentin und Helge Schneider erinnert. Endlich habe er einen Job gefunden und sei nun "etwas angespannt", fährt er fort, will sichtlich an sich glauben – zumindest bis er sich beim Steineklopfen erst einen Finger abschlägt, dann zwei, dann die ganze Hand. In einem blutigen Slapstik versucht er verzweifelt, den Job trotz alledem zu halten, doch die eilig übergezogenen "I-love-München"-T-Shirts können weder Kunstblut noch Arbeitsunfähigkeit verbergen.


Münchner Kammerspiele

Im Kopfkino der Obsessionen

von Sabine Leucht

München, 30. April 2013. Zum Schlussapplaus nimmt Stephan Kimmig Steven Scharf in die Arme – und da schaudert es einen ein wenig, denn gerade noch war dieser Schauspieler so tief in die Selbstverachtung hinabgestiegen, in den Ekel vor seinem nicht marktkompatiblen Fleisch; und hoffentlich auch ein wenig vor seiner Fixiertheit auf die "willigen, geschmeidigen und muskulösen Mösen" der Thailänderinnen. Berührbar schien dieser Michel mit der Nerdbrille und der an der Grenze zum Überschnappen kratzenden Stimme nur für seine Geliebte Valérie. Aber die ist schon in Michel Houellebecqs Roman eine absonderliche Kreatur. Und das will was heißen.


Münchner Kammerspiele

Monotonie und Witz

von Petra Hallmayer

München, 4. April 2013. Dass diese Premiere nicht ausfiel, ist Johan Simons zu verdanken. Nachdem Karin Henkel erkrankte, übernahm der Kammerspiel-Intendant die Regie und vollendete ihre Inszenierung von Anton Tschechows "Onkel Wanja". Das verdient großen Respekt, erschwert allerdings die kritische Auseinandersetzung mit diesem Abend. Wie stark Simons ihn geprägt hat, lässt sich nur mutmaßen.


Münchner Kammerspiele

Mit echten Schweinen

von Michael Stadler

München, 9. März 2013. Look there, look there: Was der Regisseur in seiner Inszenierung uns mitteilen will, das brauchen der Kritiker und der normal gebaute Zuschauer nicht unbedingt herausdeuten; man muss nur dort hinschauen, wo alles bereits steht. Über Themen, die größer als der Mensch sind, gehe es in Shakespeares "König Lear", meint Johan Simons im Spielplanfaltblatt. "Über Leben und Tod. Dass der Mensch mehr leiden muss, als er verdient. Es ist meine Aufgabe, diese großen Themen zu menschlichen Proportionen zurück zu bringen. Das Stück handelt vom Ganzen, vom Universum. Ich möchte das Gegenteil zeigen: das kindlich Einfache."


Münchner Kammerspiele

Der "Schafft-sie-weg!"-Reflex

von Steffen Becker

München, 8. Februar 2013. Denken Sie an die seltsame Type in der U-Bahn, neben die Sie sich nicht setzen wollen. Denken Sie an das schwarze Schaf der Familie, das Sie nicht zu Ihren Feiern einladen. Denken Sie an Ihre Nachbarn oder Ihre Kollegen, die irgendwie komisch sind und über die Sie sich lustig machen – weil es die Zeit vertreibt oder weil es Sie selbst aus der Schusslinie nimmt. Anschließend gehen Sie in "Fegefeuer in Ingolstadt" in den Kammerspielen München.


Münchner Kammerspiele

Wer glaubt, möchte nichts ändern

von Martin Krumbholz

München, 19. Dezember 2012. Sehr hell wird es an diesem Abend in den Münchner Kammerspielen nicht. Erst nach und nach wird man das szenische Arrangement (Bühne: Bettina Pommer) erkennen. Vor dem Eisernen Vorhang eine hingekauerte Gestalt hoch oben auf einem kurzen Steg an der Spitze einer Leiter; neben ihr eine brennende Kerze, die später erlischt. Der Schauspieler Steven Scharf, der Judas spielt, wendet dem Publikum den Rücken zu; dieses sitzt ausschließlich auf dem Balkon, das Parkett bleibt leer, sodass Protagonist und Zuschauer eine Blickachse bilden könnten, wenn sie vis-à-vis säßen. Aber der Mann dort oben – er ist nackt, wie sich herausstellt – wendet nur ab und zu seinen Kopf, um in den Saal zu schauen. Seine Stimme ist laut und kräftig. Problemlos versteht man jedes Wort.


Münchner Kammerspiele

Fette Welt

von Michael Stadler

München, 7. Dezember 2012. Manche Stücke verdünnisieren sich ziemlich schnell nach ihrer Uraufführung, verschwinden im Bauch der Theatergeschichte, weil sie dem Autoren nicht recht gelungen, gar unförmig gestaltet sind. Eine pralle Anzahl der Inszenierungen kann Frank Wedekinds "Franziska" nicht aufweisen. Die Premiere im November 1912 in den gerade eröffneten Kammerspielen konnte aber durchaus Aufsehen erregen, da Wedekind selbst die Rolle des mephistophelischen Verführer Veit Kunz übernahm und seine Frau Tilly die (auf ihren Leib geschneiderte?!) Titelrolle spielte.


Münchner Kammerspiele

Mehr geht da nicht rein

von Sophie Diesselhorst

München, 27. Oktober 2012. "Wir haben ein Gesetz, und das heißt Orgie." So tun es die ersten zwei Figuren, die sich durch den Treppenaufgang mitten auf der Bühne den Weg nach oben gebahnt haben, einander und dem Publikum kund. Sie sind merkwürdige Gestalten, und an dieser Tatsache arbeiten sie sich zunächst eine Weile in gegenseitiger Beobachtung ab: "Was ist denn das für eine Tasche", bricht der eine, selbst lediglich in einen ungefähr hüftkurzen, dafür in die Breite umso überbordenderen Pelzmantel gewandet, in einen Lachanfall aus, in den das Publikum dankbar einstimmt. Ist ja auch lustig, dieser andere Typ mit nichts als einer windelartigen Unterhose an, deren Spärlichkeit er durch die von seinem Handgelenk baumelnde Louis-Vuitton-Scheußlichkeit zu kompensieren sucht.


Münchner Kammerspiele

Spiele und Brot

von Michael Stadler

München, 6. Oktober 2012. Raskolnikow! Von diesem verarmten Jura-Studenten, diesem größenwahnsinnigen Geist, der sich berechtigt fühlt, in Sankt Petersburg einen Mord zu begehen, was er dann auch tut, im Doppelpack, woraufhin ihn ein Fieber erfasst, er sich mit einem Ermittler im philosophisch-juristischen Streit misst, um dann doch, motiviert von einer geliebten Prostituierten, seine Schuld zu gestehen, ja, zu sühnen! – von diesem Helden findet sich in der Spielhalle der Kammerspiele erst mal keine Spur.


Münchner Kammerspiele

Grauzonen der Empfindsamkeit

von Sabine Leucht

München, 30. September 2012. Kristof Van Bovens Woyzeck ist ein kleiner Mann mit großer Würde. Den vielen Übeln, die ihm begegnen, zeigt er ein feines Lächeln. Wenn die Personnage um ihn herum achtlos Klappstühle im Wasserbecken liegen lässt, sorgt er allein für Ordnung. Das vermaledeite Leben, das gierig an ihm zerrt, hält er mit seltsamen Armbewegungen auf Abstand, die aussehen wie maßgeschneidert. Und ähnlich verfährt der Schauspieler auch mit den Worten und Gedanken seiner Figur, die er stets ein wenig verwundert, aber mit echtem Interesse zu betrachten scheint.


Münchner Kammerspiele

Provinz ohne Erbarmen

von Petra Hallmayer

München, 29. September 2012. Zwei aufgetakelte Blondinen stöckeln hüftschwingend herein, blasen rosarote Luftballonschlangen auf und spucken kläffend und keifend einen Schwall von Gemeinheiten aus. Wer an diesem Ort geboren wurde, kann nur seine Mutter verfluchen. Es ist eine Gruselhölle aus Häme, Neid und Niedertracht, ein Nest weiblicher Giftnattern, eine Brutstätte xenophober gewaltlüsterner Machos, die uns Sebastian Nübling in den Kammerspielen vorführt.


Münchner Kammerspiele

altDas letzte Bad einer Trockenwisch-Pedantin

von Michael Stadler

München, 23. Juni 2012. Einer hat einen Wunsch, der andere erfüllt ihn. Wenn es sich dabei nur um ein Lied handelt, dann kann das sogar klappen. Moderator Fred Rauch spendete das kleine Melodienglück über Jahrzehnte hinweg. Vom Dezember 1947 bis in die späten Siebziger lud er zum Radio-Wunschkonzert ein und spielte die Songs, die sein Publikum an den Geräten hören wollte. Oft war der Wunsch verbunden mit einem Gruß, an einen Kollegen, einen Familienangehörigen, einen Geliebten, eine Geliebte. Doch was kann diese Sendung für einen Single bedeuten?


Münchner Kammerspiele

altDer Dichter als Wicht

von Steffen Becker

München, 14. März 2012. Pfui, pfui, pfui – die Wortkombination kommt häufig vor in Rainer Werner Fassbinders Film "Satansbraten". In der Theaterinszenierung der Münchner Kammerspiele ist das Ausspucken vollauf gerechtfertigt. Sie präsentiert mit Wolfgang Pregler als Hauptfigur Walter Kranz ein Ekelpaket, das den Stück-Titel wahrlich verdient hat. Ein Salon-Linker, ein Dichter der Revolution, der seit zwei Jahren nicht mehr geschrieben hat und sich im Verlegervorzimmer auf dem Boden wälzt, um einen Vorschuss abzugreifen. Erst Sex mit einer Prostituierten und Prügel für seinen schwachsinnigen Bruder wirken als Initialzündung für ein neues Werk. Ein Albatros-Gedicht – leider schon von Stefan George geschrieben. Kranz fühlt sich daraufhin als George und verhält sich auch so.


Münchner Kammerspiele

altDie alte, geile Macht

von Willibald Spatz

München, 17. Februar 2012. Das Unangenehme ist ja, dass es noch einen kleinen Rest Hoffnung gibt, dass eine geringe Chance besteht, dass dieser John Gabriel Borkman Recht hat. Es könnte sein, dass jeder in seiner Situation so gehandelt hätte. Und was noch schlimmer ist: Es könnte sein, dass es allen nun gut oder zumindest besser ginge, wäre nicht im entscheidenden Moment alles schief gelaufen, was schief laufen konnte. Henrik Ibsens "John Gabriel Borkman" von 1896 ist das Stück der Stunde. Die Person im Titel ist ein gescheiterter Banker, der Geld seiner Kunden verzockt hat. Er hat eine Menge Leute um ihre Ersparnisse gebracht und ruiniert, er ist dafür jahrelang im Gefängnis gesessen und noch länger in seiner Stube und hat gegrübelt, bis zu dem Augenblick, in dem die Handlung einsetzt.


Münchner Kammerspiele

altWie war das noch mal mit dem Schürhaken, Moni?

von Steffen Becker

München, 5. Februar 2012. Das Publikum unterhält sich noch, als die Protagonisten schon auf der Bühne agieren. Erst ein aufleuchtendes Alpenpanorama bringt es zum Schweigen. Später wird es schunkeln, Alphörner halten, rhythmisch klatschen – und am Ende jubeln. "Fein sein, beinander bleibn", der Liederabend von Franz Wittenbrink und sechs der 15 Well-Geschwister ("Biermösl Blosn", "Wellküren"), fühlt sich phasenweise weniger an wie ein Theaterabend in den Münchner Kammerspielen denn wie das Treffen einer Großfamilie in Bierzeltatmosphäre.


Münchner Kammerspiele

altPanoptikum menschlicher Animalität

von Sabine Leucht

München, 3. Februar 2012. Ein Wohn-Ess-Schlaf-Arbeitszimmer mit alten Dielen und historisch korrekten Möbeln, Topfpflanzen, Samowar und gemächlich tickender Wanduhr: Ist es der falsche Film oder nur eine dieser Bühnen, die ein Setting zwar akribisch ausmalen, auf denen dann aber doch das Stück in einen anderen Kontext gesetzt, mit staunenden Augen ins Licht gehalten oder zumindest neu montiert wird? Schließlich ist der Abend von Alvis Hermanis, der an den Münchner Kammerspielen zuletzt Jack Londons Ruf der Wildnis zum Anlass nahm, das Verhältnis einsamer Menschen zu ihren Hunden zu sezieren.


Münchner Kammerspiele

altDunkelstein der Seele

von Petra Hallmayer

München, den 21. Januar 2012. "Wahrscheinlich", erklärte Sarah Kane in einem immer wieder zitierten Interview, "sind alle meine Figuren auf die eine oder andere Art hemmungslos romantisch." Auf den ersten Blick erschließt sich dies nicht so leicht in ihren an Gewaltexzessen reichen Texte, die uns nichts ersparen, was Menschen einander antun können. Das hat zu Skandalen und Missverständnissen im kurzen Leben der britischen Dramatikerin geführt, die sich mit nur 28 Jahren umbrachte. Ihre letzten Stücke "Gesäubert/ Gier/ 4.48 Psychose" hat Johan Simons nun als Trilogie an einem Abend auf die Bühne gebracht.


Münchner Kammerspiele
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Rache ist rot

von Sabine Leucht

München, 17. Dezember 2011. "Wir? Wir! Wir..." ist Agamemnons letztes Wort. Doch es gibt keinen, auf den dieses "Wir" sich noch beziehen könnte. Das Mädchen Kassandra in seinen Armen ist tot, seine Frau Klytämnestra hat ihm die Mühen der Schlacht schlecht vergolten, die er doch um der abendländischen Werte und des westlichen "Lebensstils" willen geführt hat. Und: um ein Volk zu "befreien" aus "Verknechtung, Willkür, Terror, Tyrannei". Ein Missverstandener bleibt alleine zurück, wenn Klytämnestra am Ende in Abwandlung des Mythos' nicht etwa den Vater tötet, der die Tochter für guten Wind hinschlachten ließ, sondern die von ihm eroberten Frauen - auf deren eigenen Wunsch! Und weil es kein "Wir" mehr gibt, ist der Sinn all dessen, was bis dahin in dessen Namen unternommen wurde, unwiderruflich dahin.


Münchner Kammerspiele

Lost in Translation

von Steffen Becker

München, 15. Oktober 2011. Die erste halbe Stunde fühlt sich nach einem sicherem Erfolgsrezept an. Ein Kommissar mit sichtbar ungesundem Lebensstil und sein kultivierter Assistent begutachten eine Mordtat (abgetrennter Kopf – mit Handsäge!) und schlagen sich dabei mit zynischen Gerichtsmedizinern und Eheproblemen herum. In Sebastian Nüblings Uraufführung von Simon Stephens' neuem Stück "Three Kingdoms" jagt allerdings keine Mischung aus Inspektor Lynley und Kurt Wallander über die Bühne der Münchner Kammerspiele. Bei der Suche nach dem Mörder der Prostituierten Vera ist der Weg das Ziel.


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Die Dynamik des menschlichen Miteinanders

von Sabine Leucht

München, 1. Oktober 2011. Ein Dramatikertag ist ein Fest für die Zuseh-Gemeinde, die ihr Haus in einem außergewöhnlichen Erregungszustand vorfindet. Aber alles ist zugleich auch sehr entspannt: Jeder ist da, werkelt und zeigt - und kaum etwas steht auf dem Spiel. Für das Theater. Denn heute sind es allein die Stücke, die sich beweisen müssen. Bei der "Langen Nacht der Neuen Dramatik" an den Münchner Kammerspielen stammen sie 2011 ausschließlich von Autorinnen, die zwischen 1980 und 1986 geboren sind. Zu gewinnen gibt es zum zweiten Mal den Münchner Förderpreis für deutschsprachige Dramatik, auf den die Edith- und Werner-Rieder-Stiftung insgesamt 15 000 Euro ausgesetzt hat.


Münchner Kammerspiele
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Licht aus, Kopfkino an

von Michael Stadler

München, 30. September 2011. München, das ist doch die Stadt des Sehens und Gesehen-Werdens per se, nicht wahr? Und die Maximilianstraße ist die Flaniermeile für den eifrigen Hingucker, dessen Blick vom Glanz und Prunk der dortigen Edel-Geschäfte, von Gucci bis Ralph Lauren, nicht satt werden kann. Genausowenig von den dort laufenden, durchaus blickbewussten Menschen, zu denen der Schaulustige womöglich selbst gehört. Schöner Schein darf sein und wird nicht ungern gesehen. Ja mei, wieso auch nicht.


Münchner Kammerspiele
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Seepartie mit Sarottimohren

von Sabine Leucht

München, 29. September 2011. Yank will es dem Ding mit der schönen Fratze zeigen, das ihn angestarrt hat wie ein Tier. Er will es der Welt zeigen, dem nutzlosen Gesocks auf dem Oberdeck, dass er, der Heizer und Macher, etwas Besseres ist und kein "haariger Affe".


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Angstgespenster im Nacken

von Petra Hallmayer

München, 18. Juni 2011. Die Flecken werden sie lange nicht los. Drei in scheußlichen Cocktailtütüs steckende Hexen besudeln die beiden Feldherren und Freunde in den Kammerspielen zu Beginn mit Blut. In einem Flashback feuert Macbeth imaginäre Gewehrsalven auf den spastisch zuckenden Banquo. Der Kriegsheimkehrer trägt die psychischen Verstörungen und Entgrenzungen vom Schlachtfeld hinein in den Frieden. Allein: Dort begangen werden die Gewalttaten, die Soldaten im Krieg zu Helden machen, zu Verbrechen.


Münchner Kammerspiele
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Potenzialvergeudung

von Sabine Leucht

München, 5. Mai 2011. Dieser Abend hat eine gute Idee und zweieinhalb schöne Bilder. Die Idee ging ihm schon früh verloren, und von den Bildern ist eines etwas peinlich: Da steht Sylvana Krappatsch als Königsmutter Atossa schon länger vor einem rechteckigen Wasserloch, Stefan Hunsteins Boten lauschend, der verbal Schrecken auf Grauen auf Tode häuft. Und als er an die Stelle kommt, wo es in Durs Grünbeins Aischylos-Übersetzung heißt: "Das ganze Heer ist vernichtet", springt Atossa ins Loch - um im abgerissenen Lara-Croft-Look wieder herauszuklettern: Tata! Das papierne Gewand der Barbaren-Majestät war offenbar wasserlöslich.


Münchner Kammerspiele
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You've Got The Mjusic In You

von Willibald Spatz

München, 16. April 2011. Es geht immer noch um die Standortbestimmung in den Kammerspielen. Das Theater ist bemüht, den maximalen Bezug zu dem Ort herzustellen, an dem es spielt: München. Einen Tag zuvor gab es die Uraufführung des München-Texts Alpsegen von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel, die ganze erste Spielzeit von Johan Simons hindurch zieht sich eine szenische Lesung von Lion Feuchtwangers München-Roman "Erfolg", und nun gibt es "Mjunik Disco".


Münchner Kammerspiele
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Ihr Geisterlein kommet

von Petra Hallmayer

München, 15. April 2011. "Jesus! Jesus!", stößt eine Frau hyperventilierend hervor. Mit gefalteten Händen rutschen unheimliche Gestalten auf den Knien herein, robben sich voran und stürzen sich den Bühnenrand hinunter, eine Horde katholischer Lemminge. Dunkel bläst die Tuba und hell klingeln die Kuhglocken zur Einstimmung in Sebastian Nüblings Uraufführung des jüngsten Stückes von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel.


Münchner Kammerspiele
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Verfluchte Liebe

von Petra Hallmayer

München, 12. März 2011. In leer gähnenden Türstöcken türmt sich der Sand, in dem ein gelber Kindereimer und eine Schaufel stecken. Neben einer auf dem Boden liegenden neuen Treppe ragt ein schräges Gerüst auf. Die Bühne ist eine Baustelle. Einen Übergangsraum zwischen Ab- und Aufbruch hat André Joosten in der Spielhalle der Kammerspiele eingerichtet, wo Marguerite Duras' "Agatha" Premiere feierte, die Geschichte der Liebe zwischen einem Bruder und seiner jüngeren Schwester, die sich in der verfallenen Villa ihrer Kindheit treffen und für immer voneinander Abschied nehmen.


Münchner Kammerspiele
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Der Märchenkönig malt Kreideschlösser

von Steffen Becker

München, 3. März 2011. Nein, sie sind nicht aufgetaucht, die Vertreter der Ludwig-Vereinigungen, die mit Schnauzbart und Gamshut für die Ehre des Kinis kämpfen. Die Premiere von "Ludwig II." an den Münchener Kammerspielen sorgte nicht für die Auseinandersetzung mit den Königstreuen, die Regisseur Ivo van Hove in Interviews befürchtete (und vielleicht genossen hätte). Was zeigt: Selbst in der Hochburg der Ludwig-Verehrung kann man diesen in einer Bühnenversion der wenig schmeichelhaften Verfilmung von Luchino Visconti zeigen, sogar als Belgier. Musste Visconti anno 1972 sein Werk fürs Kino noch umschneiden, kann van Hove das Drehbuch ungekürzt inszenieren. Und den Märchenkönig als maßlosen Exzentriker präsentieren, der sich von den Fesseln der Gesellschaft befreien will und dabei nicht nur an der Welt, sondern auch an seiner Homosexualität leidet.


Münchner Kammerspiele

Menschen, nicht bei sich

von Steffen Becker

München, 3. Februar 2011. Der Beginn der "Winterreise" von Elfriede Jelinek ist an den Münchener Kammerspielen ein Kampf gegen die Naturgewalten. Schneeumtost wirft sich Stefan Hunstein gegen die Tür in der schwarzen Wand, die die Bühne abschließt. Dahinter müssen pervers große Windmaschinen wüten. Der Sturm, den sie entfachen, zerzaust selbst die Jelinek-Frisur der Dame in Reihe 17. Nach einiger Mühe ist das Wetter ausgesperrt und nur noch als Hintergrund-Heulen übrig. Die Jelinek-Frisur drückt gespannt ihren Rücken durch.


Münchner Kammerspiele
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In Satzgewittern

von Steffen Becker

München, 23. Januar 2011. Das wird schwierig mit der bewährten Form einer Theaterrezension. Vom kritischen Dreisprung – Gestaltung der Bühne, Rolleninterpretation der Schauspieler, Reize von Stück und Inszenierung – ist bei dieser Umsetzung von Rainald Goetz' "Jeff Koons" nur der Absprung leicht zu bewältigen. Bert Neumann und Alexandra Süßmilch lassen im ganz in blau gehaltenen Werkraum der Münchener Kammerspiele das Feeling eines Großstadtclubs aufkommen. Das Publikum rückt in die Rolle der verzagten Cola-Nippler, die am Rand sitzen. Die Schauspieler werfen sich auf der Tanzfläche/Bühne zu Elektroklängen ekstatisch in den Kampf um Aufmerksamkeit.


Münchner Kammerspiele

Der himmlische Rausch, der sich nicht einstellt

von Petra Hallmayer

München, 4. Dezember 2010. Im Hohelied Salomos glaubte Herder einst zu erkennen, "wie Liebe gesungen werden muss, einfältig, süß, zart, natürlich". Diesem Credo würde sich heute bloß noch die Schlagerindustrie anschließen. Jedes nicht völlig bildungsferne Kind weiß, dass die Liebe nicht nackt und unschuldig dem Herzen entspringt, sondern kulturellen und gesellschaftlichen Mustern folgt. Wirklich klüger hat uns das nicht gemacht. Die Seufzer sind nicht weniger tief und die Träume nicht kleiner geworden.


Münchner Kammerspiele

Kimonos auf dem Rummelplatz

von Sabine Leucht

München, 27. November 2010. Diesmal ist es die Meinung, die zuhause bleiben soll. Nicht unbedingt naheliegend, nimmt man den Titel - "XY Beat" - und die Location der neuen Pollesch-Uraufführung, die aussieht wie ein Disco-Ballroom aus den siebziger oder achtziger Jahren, als Setzung ernst. Oder vielleicht gerade doch? Ihn fasziniere "die Mischung aus Glamour und Schäbigkeit", gab Bert Neumann vor der Premiere an den Münchner Kammerspielen zu Protokoll, "diese grellen Netzhautreize durch Licht und Flitter und die unverhohlene Täuschung, die man auch auf dem Rummelplatz findet." Und Meinungen, heißt es in Polleschs Textkonvolut, "sind nur etwas für die Anhänger dummer Wahrheiten" - Während Klatsch und Tratsch etwas für kluge Lügner seien.


Münchner Kammerspiele

Die Gefahr unter der Oberfläche

von Willibald Spatz

München, 15. Oktober 2010. Es sind kurze Momente, in denen Entscheidungen fallen, die das Leben in eine andere Richtung laufen lassen - Richtung Untergang oder Richtung Erfolg und Sieg. Bei Hermann in Kleists "Hermannsschlacht" darf man als Leser nie sicher wissen, ob man Zeuge dieser Momente wird oder nur noch Zeuge ihrer Folgen. Bei Peter Kurths Verkörperung von Hermann in Armin Petras' Inszenierung wird die Angelegenheit noch dunkler: Da hockt der Hermann über weite Strecken mit sich beschäftigt am Rand der Bühne und des Geschehens. Er überlässt es sogar einem anderen Fürsten, die Schlachtzüge fürs Finale zu erklären. Überlegt er? Sieht er seinem großen Plan bei der Vollendung zu? Oder hat er keine Ahnung, was da um ihn herum passiert? Ist er überfordert? Man soll es nicht erfahren.


Münchner Kammerspiele

Das Tier in dir

von Petra Hallmayer

München, 8. Oktober 2010. Die Bühne ist mit bunten Teppichen bedeckt. In von Unterschichtsuniformen inspirierten Kostümen sitzen sechs Menschen mit ihren Hunden auf Sofas, dem Lieblingsrequisit für die Imitation von gutbürgerlicher Behaglichkeit in Sozialwohnungskasernen – und überall dort, wo die Einsamkeit daheim ist.


Münchner Kammerspiele

Trügerische Hoffnungen oder: Alles ist möglich!

Von Sabine Leucht

München, 7. Oktober 2010. Da poltert sie wieder los, die Musik: Ein urplötzlicher Einbruch von Hiphop oder Rap, zu dem das ganze Ensemble tanzt. Jeder für sich, jeder ein bisschen auch aus sich heraus – bis auf Steven Scharf, der als Gabriel Dan hier von Anfang an nicht bei sich ist. Tanzen tut er dennoch, tapsig und wie auf Probe. Also zucken Schatten über die Tür des großen Aufzugs, vor dem alle warten und tanzen zugleich. Doch Henry Bloomfield kommt schlicht hinter ihren Rücken die Kellertreppe herauf. "Boa, ist der klein!", sagt einer. Und das steht so ähnlich auch im Buch.


Münchner Kammerspiele

Münchner Urschlamm

von Matthias Weigel

München, 14. Juni 2010. Wenn die Münchner Kammerspiele ankündigen, "das Theatergebäude zu verlassen", dann machen sie es auch. Und zwar richtig. Da muss schon mal Ensemblemitglied Steven Scharf nachts in Unterhose durch den Schwabinger Bach im Englischen Garten waten oder der Zuschauer sich mit Koffer und Arbeitsvertrag im Bunker unterm Hauptbahnhof hin und her schicken lassen.


Münchner Kammerspiele

Scheinidyllisches Ölschinkenpanorama

von Sabine Leucht

München, 5. Mai 2010. Dies ist ein klarer Fall von vergeblicher Liebesmühe, bei dem das Theater seine Federn spreizt, um ein kaum ganz gelegtes Ei wie ein ausgewachsenes Huhn aussehen zu lassen. Das Ei ist das Thema "Ausverkauf von Rumäniendeutschen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts", das die Autorin Gianina Carbunariu kurz mit "Sold Out" überschreibt.


Münchner Kammerspiele

Abwärts für alle

von Petra Hallmayer

München, 30. April 2010. "Wir reden, reden und reden...", erklärt Warwara irgendwann. Ein pausenlos fortplätschernder Strom aus Worten ergießt sich in den Kammerspielen, wo sich Gorkis "Sommergäste" versammeln. Sie klatschen und lästern, klagen und lamentieren, winden sich weich gebettet in ihrem Unglück. Später werden wir ihnen wiederbegegnen in der Notunterkunft für gescheiterte Existenzen.


Münchner Kammerspiele

Schachernde, Suchende und das Vaterland

von Sabine Leucht

München, 13. März 2010. Die Kluft ist riesig. Zwischen dem Erkennen der "Macht der Liebe", womit der erste Teil endet, und den zuckenden Gliederhaufen, mit denen der zweite Teil beginnt, findet statt, wonach der Abend im Schauspielhaus der Münchner Kammerspiele benannt ist: "Der Krieg". Man mag ihn sich blutig und grausam, schnell und gewaltig oder hinterfotzig und leise vorstellen. Als Heldensterben fürs Vaterland, "Stabilisierungseinsatz" in Afghanistan oder Hindernislauf im Bombenhagel. Auf der Bühne gibt es von ihm nichts zu sehen. Der Krieg ist die Leerstelle, um die der Abend kreist, sein Platz ist im Dazwischen.


Münchner Kammerspiele

Die Geister, die wir rufen

von Sabine Leucht

München, 3. März 2010. Da ist man glatt der llusion aufgesessen, das Mensch-Maschine-Thema wäre der Aufreger der Achtziger gewesen, der über die historische Anthropologie in die Theaterwissenschaft gesickert und dort diskursiv befriedet worden war. Und eigentlich dachte man auch, die Angst vor der Überrumpelung der humanen durch die Künstliche Intelligenz sei mit der Einsicht vom Tisch gefegt worden, dass Rechenleistung und Bewusstsein zwei verschiedene Paar Stiefel sind.


Münchner Kammerspiele

Politpop der Sechziger neu besichtigt

von Petra Hallmayer

München, 11. Februar 2010. Bonnie (Sylvana Krappatsch) räkelt sich gelangweilt in einem weißen Minikleid und schwarzen Glitzerstiefletten und zündet sich mit einer Pistole eine Zigarette an, während Clyde (Oliver Mallison) in Faschingsräuberposen um ihre Aufmerksamkeit buhlt. Die Beiden, die sich da auf der Bühne so pseudocool aufspielen, wissen von Anbeginn, dass sie Filmgeschichte schreiben werden. "Das ist ein totales Gangsteroadmovie", erklärt er später, nachdem sie ihm gefolgt ist auf den großen Abenteuerspielplatz jenseits des Gesetzes.


Münchner Kammerspiele

Willkommen in der Tchibo-Welt

von Petra Hallmayer

München, 16. Januar 2010. Die goldenen Tage sind vorüber. Das Familienvermögen ist futsch und nachdem sie auch noch ihren Job als Lehrerin verloren hat, sucht Blanche Zuflucht bei ihrer Schwester Stella, die in New Orleans den polnischen Einwanderer Stanley Kowalski geheiratet hat. Wie wenig willkommen sie hier ist, wird in den Kammerspielen gleich zu Beginn überdeutlich. Während Stella (Katja Bürkle) in einem langen Intro mit ihren Freunden die von kahlen Sperrholzwänden umrahmten Zimmer einrichtet, findet sie in einer Tüte ein Tüllkleid von Blanche, brüllt "Raus!" und schleudert es weit von sich.


Münchner Kammerspiele

Flucht ins esoterische Tischerücken

von Petra Hallmayer

München, 30. November 2009. "Es gab für mich keine Zukunft mehr", erklärte der Immigrant Isaac B. Singer in seinem autobiographisch gefärbten Roman "Verloren in Amerika". "Alles, woran ich denken konnte, lag in der Vergangenheit." Fremde in der Gegenwart sind auch die alten Männer in seinen fernab vom polnischen Shtetl angesiedelten Geschichten. Zwei von ihnen – "Späte Liebe" und "Die Séance" – hat der lettische Regisseur und Singer-Liebhaber Alvis Hermanis nun im Werkraum der Kammerspiele mit demselben Schauspielerpaar auf die Bühne gebracht, wo sie unter dem Titel "Späte Nachbarn" Premiere feierten.


Münchner Kammerspiele

Bei Patchworks auf dem Sofa

von Petra Hallmayer

München, 25. September 2009. "Aus nächster Nähe betrachtet", meint Katja, "ist keine Familie normal." Die Familie, die die Autorin und Regisseurin Lola Arias bei der Uraufführung ihres jüngsten Stückes im Werkraum der Kammerspiele vorstellt, ist bereits auf den ersten Blick etwas Besonderes: Nachdem sich die Eltern der kleinen Lena getrennt hatten, verliebte sich ihre Mutter Katja in Silja. Weil die beiden sich noch ein Kind wünschten, sprang Lenas Vater als Samenspender ein, und so schenkte Silja ihr ein Brüderchen namens Moses.

Münchner Kammerspiele

Baden, plätschern, verplempern

von Sabine Leucht

München, 24. September 2009. Es ist schon so, dass man sich freut, wenn ein ums andere Ensemblemitglied auf die Bühne stöckelt, schlurft und schlenzt. Sie sind ja eigentlich allesamt großartig und die neue Saison an den Münchner Kammerspielen wird zwar ohne Intendanten, aber doch nicht ohne Führung auskommen müssen.


Münchner Kammerspiele

Internationaler Brückenbau

von Sabine Leucht

München, 7. Mai 2009. Frank Baumbauer ist bald weg, Johan Simons kommt erst im Herbst 2010 und nun präsentiert das Interims-Triumvirat der Münchner Kammerspiele die nächste Spielzeit unter dem Motto "Sicher ist sicher". Auf dem Programm stehen 13 Premieren und das Forschungsprojekt "Weltrisikogemeinschaft". Das Format des Programmes ist diesmal quer, die Schrift leuchtet in Signalorange. Darüber freut sich Julia Lochte und versichert: Radikal zeitgenössisch und risikofreudig werde man bleiben. Bei den Panoramablicken auf die Welt, die es diesmal reichlich gebe, aber auch bei den theatralen Nahaufnahmen. Denn: "Die Währung, die momentan am stabilsten ist, das sind die konkreten Geschichten der Menschen."


Münchner Kammerspiele

Es weint die Würde

von Georg Kasch

München, 25. April 2009. Ja, was denn nun, kleiner Mann? Ein merkwürdiges, verhaltenes Etappen-Happy-End, diese familiäre Idylle inmitten des sozialen Abstiegs, die Hans Fallada in seinem Erfolgsroman zur Weltwirtschaftskrise 1929 Johannes Pinneberg und dessem "Lämmchen" Emma Mörschel angedeihen lässt. Und das nach einer Achterbahnfahrt zwischen Anstellung und Arbeitslosigkeit, Hoffnungsschimmer und trostloser Realität, Geld-Fetischismus und Angst. Fallada traf den Nerv seiner Zeit – und trifft ihn wieder, 80 Jahre nach dem Schwarzen Freitag. Seine Romane haben Konjunktur, auch auf der Bühne – eben erlebte Wer einmal aus dem Blechnapf frisst in Hamburg Premiere.


Münchner Kammerspiele

Herzenswund, unbändig und trauerdunkel

von Petra Hallmayer

München, 24. April 2009. Am Ende rutscht sie mit halb heruntergelassener Wollstrumpfhose besoffen von der Kloschüssel, liegt zusammengekauert auf dem Boden. Tiefer kann sie kaum mehr sinken. Die Geschichte einer Vernichtung erzählt Herbert Achternbuschs frühes Stück "Susn", das unter Regie von Thomas Ostermeier Premiere feierte.


Münchner Kammerspiele

Sackgasse mit Gestrandeten

von Sabine Leucht

München, 28. März 2009. Es sind die Farben der Trikolore: Blau, Weiß und Rot. Drei Farben, in die Krzysztof Kieslowski zu Beginn der neunziger Jahre drei Filme getaucht hat – oder drei Menschen: Blau für Julie, die als einzige einen Autounfall überlebt, um ohne Mann und Tochter mit der ungewollten Freiheit zu kämpfen. Weiß für den Polen Karol, den seine französische Frau zum Teufel schickt, weil er in Paris tagsüber so viele Köpfe frisieren muss, dass sich nachts nichts mehr bei ihm regt. Und die Farbe Rot umhüllt zuletzt die junge Schweizerin Valentine, die einen alten, am Recht verzweifelten, selbst kriminell gewordenen Richter durch ihr Interesse wieder in einen Menschen verwandelt.


Münchner Kammerspiele

Von Scream-Queens und Oberslashern

von Sabine Leucht

München, 20. März 2009. Nur gut, dass Jörg Albrecht keine andere Berufung hat. Wäre er beispielsweise Putzmann – man bekäme es mit der Angst zu tun angesichts der Schmutzberge, die er aus den saubersten und entlegensten Ecken zu einem von unterschiedlichsten Bakterien und Mikroben nur so wimmelnden Berg zusammen kehren würde. Oder Amokläufer – seine Opfer würde er sich aus philosophischen Seminaren, coolen Clubs und vor allem dem Internet direkt vor die jederzeit wild entschlossene Knarre laden. Mindestens. Doch Jörg Albrecht ist Dramatiker und hat in seiner Auftragsarbeit für die Münchner Kammerspiele alle Ahnungen davon, was Menschen heute vor und hinter, trotz und wegen versteckter und offener Kameras so treiben, seinem reißenden Wortstrom einverleibt (siehe auch auf szenen.nachtkritik.de).


Münchner Kammerspiele

Plan B der Schöpfungsgeschichte

von Willibald Spatz

München, 14. Februar 2009. Das Publikum war amüsiert, es hat gelacht und sogar geklatscht mitten im Stück, als es Bernd Moss gelungen ist, ein Bild über dem Kamin wieder aufzuhängen. Davor gab es Slapstick und verzweifelte Versuche an der Wand. Hinter dem Kamin befindet sich ein Bett, das fährt plötzlich heraus. Man muss drüber klettern, um an die Wand zu kommen, dabei bekommt die Leinwand des Bildes einen Riss, es löst sich vom Rahmen. Schließlich war nur der Haken nicht an der richtigen Position, und das Ding ließ sich problemlos mit einem einzigen Handgriff an seine Stelle bringen.


Münchner Kammerspiele

Von der Rettbarkeit der Welt

von Sabine Leucht

München, 31. Januar 2009. Der Raum ist leer. Von der Decke hängen massenhaft Lichter wie große, schillernde Seifenblasen, die auf eine glatte Wasserfläche treffen. Und man selbst staunt von unten zu ihnen hinauf – als sei man nur kurz untergetaucht, ganz abgesoffen oder sehr weit weg unter Glas. Vom "Ende jeder Hoffnung" von dem später die Rede sein wird, ist noch nichts zu ahnen. Und die Rede von diesem Ende ist ja auch nur dazu da, um all den hellen, freundlichen Morgen mit Rooibostee-Frühstücken ihren süßlich riechenden Heile-Welt-Lack abzukratzen.


Münchner Kammerspiele

Wärme kann der Mensch nicht sehen

von Petra Hallmayer

München, 23. Januar 2009. Es ist klirrend kalt in Bulbus. Die Menschen können einander nicht berühren. Wie in Eisblöcke sind sie in weiß beschlagene Telefonzellen gesperrt, die von Holzscheiten bedeckt sind. Anja Hillings "Bulbus" entführt in ein der Zeit entrücktes Dorf, in dem Badeöfen und Kaffeemühlen darauf warten, repariert zu werden.


Münchner Kammerspiele

Vom Eros der Tugendhaftigkeit

von Sabine Leucht

München, 17. Januar 2009. Hinter und auf den bunten Schiebewänden, die wie die Seiten schiefer Portale meist rechts und links der Bühne stehen bleiben, tobt sich die Verruchtheit aus: Bewegte Bilder von behaarten Bäuchen, lüsterne Bewegungen, Darkroom-Menschen und SM-Utensilien – alles miteinander verschnitten, alles wieder schnell vorbei. Stefan Puchers Inszenierung von Shakespeares "Maß für Maß" beginnt mit einem von vielen Videos.


Münchner Kammerspiele

Jenseits der Nasenspitze

von Petra Hallmayer

München, 30. November 2008. Eigentlich ist es ja schön, wenn junge Autoren nicht nur um den Bauchnabel ihrer Generation kreisen. Der 1981 geborene Dramatiker John Birke, der mit Party- und Beziehungsdramen wie "Open End" und "pas de deux" bekannt wurde, wagt sich in seinem neuen Stück, das nun im Werkraum der Kammerspiele uraufgeführt wurde, an ein riesiges Themenfeld. Auf einer Spielfläche aus Kleiderspendenballen zeigt sich gleich zu Beginn eine Frau zu einer radikalen Tat entschlossen: Zur Verteidigung christlicher Werte will sie sich in einer Moschee in die Luft sprengen.


Münchner Kammerspiele

Beredte Maske des Schweigens

von Georg Kasch

München, 28. November 2008. Es rauschte ordentlich im deutschsprachigen Blätterwald, als der britische Boulevard-Journalist David R.L. Litchfield vor einem guten Jahr mit seinem FAZ-Artikel "Die Gastgeberin der Hölle" in deutsch-österreichischen Untiefen rührte. Er behauptete, dass das Massaker auf Schloss Rechnitz im Burgenland, bei dem im März 1945 fast 200 jüdische Zwangsarbeiter ermordet wurden, Teil eines "Gefolgschaftsfestes" gewesen sei, das Gräfin Margit Batthyány, Enkelin des Stahlmagnaten August Thyssen, und ihr Mann gegeben hatten. Massenmord 'nur so zum Spaß' also. Neu war der Verdacht nicht, und Litchfield, der das Thema zur promi-fixierten Sex and Crime-Geschichte zuspitzte, konnte seine Behauptung nicht beweisen. Was damals wirklich geschah, weiß auch er nicht.


Münchner Kammerspiele

Die Schicksale der anderen

von Willibald Spatz

München, 3. Oktober 2008. Zuerst geht es ums Lachen, das einem im besten Fall im Hals stecken bleibt. Felicia Zeller hat für ihr Stück "Kaspar Häuser Meer" den Leuten gut aufs Maul geschaut. Die Leute, das sind in diesem Fall die vom Jugendamt, die am Schreibtisch sitzend die Schicksale der anderen lenken und dabei Kaffee schlürfen. "Kaspar Häuser Meer" ist eine ziemlich lustige Satire, die manchmal darunter leidet, dass keine richtige Geschichte erzählt wird, sondern nur der Büroalltag vor sich hinplätschern darf.


Münchner Kammerspiele

Doppelgänger in der Endlosschleife

von Mounia Meiborg

München, 25. September 2008. Die Welt ist eine seltsam schiefe Scheibe, und wer nicht aufpasst, fällt runter. Schon vom bloßen Anblick der verschiedenen Neigungswinkel kann einem schwindelig werden. Denn Andreas Kriegenburgs Bühne ist eine Mischung aus Hamsterrad und Halfpipe. Im Vordergrund liegt eine riesige Ellipse, die nach unverputztem Beton aussieht und sich in der Tiefe des Raumes verengt. Der hintere Hohlraum wird von einer Holzscheibe abgeschlossen, die als steile Rampe darin liegt, nach hinten geklappt wird und sich zugleich dreht. Fast senkrecht klebt das Mobiliar – ein Schreibtisch, ein Esstisch, Stühle, ein Bett – auf dem Untergrund. Anders die Menschen auf diesem ungastlichen Eiland: Sie kraxeln und straucheln, klettern und strampeln.


Münchner Kammerspiele

Haus der Fragen

von Willibald Spatz

München, 20. Juni 2008. Das Thema heiligt die Mittel. Das Thema ist ernst zu nehmen, es betrifft viele. Das Thema heißt "Migration" und beschäftigt die Kammerspiele schon die gesamte Spielzeit. Als Höhe- und Endpunkt wendet man sich nun den Menschen zu, die ohne Genehmigung hier leben. In München allein könnten es bis zu 50.000 sein. Diese Zahl ist geschätzt und fast schon unglaublich. Dahinter verbergen sich genauso viele Schicksale, von denen man an der Oberfläche der Stadt nichts mitbekommt.

Münchner Kammerspiele

Am Berg der großen Fragen

von Willibald Spatz

München, 19. April 2008. Wenn man Johan Simons' Theaterbearbeitung von Michel Houellebecqs Roman "Elementarteilchen" gesehen hat, weiß man, dass der Regisseur einen Hang zu den großen Themen und Fragen hat, zum Beispiel: Was soll das Ganze? Was bedeutet Glück? Wo ist Gott? Ein Roman wie "Hiob" von Joseph Roth schreit also fast danach, auch von ihm umgesetzt zu werden. Er handelt von dem frommen Juden Mendel Singer, der Anfang des vergangenen Jahrhunderts in einem ostgalizischen Schtetl lebt. Er wandert mit seiner Familie nach Amerika aus. Dort wird ihm praktisch alles genommen, sterben Frau und Kinder.


Münchner Kammerspiele

Leben vor der Abfahrt in den goldenen Westen 

von Georg Kasch

München, 15. April 2008. Schon beim Einzug des Publikums steht sie da und blickt zu den Sitzreihen hinauf mit ihren großen, dunklen Augen, lächelt, umfasst sich mit den Armen, schaut neugierig, freudig, gluckst, grinst verschmitzt, steckt die Hände in die Hosen, wartet. Während Murena, der schmalbrüstige Glamrock-Gitarrist, in seiner Glitzerkulisse "Where are you now, perfect lover" singt, wird das Gesicht des Mädchens hinten groß an die Wand projiziert: Der Lippenstift ist verschmiert, ein Auge geschwollen, der Blick gebrochen.


Münchner Kammerspiele

Schöne, alte Macho-Welt

von Georg Kasch

München, 5. April 2008. Ziemlich angefressen, dieses Hotel "Zur schönen Aussicht": Die linke Wand hat Schräglage und endet in rohen Trägern, als wäre die Abrisskeule schon bei der Arbeit. Sonst aber wirkt die Bar ganz solide, vor allem gut gefüllt. Geheimnisvoll glänzen die Campari-Flaschen auf ihrem Bord, und vorne spritzt der Sekt, als müsste Feuer gelöscht werden. Dementsprechend besoffen sind die Menschen im Hotel. Aber keine Sorge: Der Kater folgt bestimmt. Die Männer stehen alle vor dem Ruin und sind finanziell von der durchgeknallten Ada von Stetten abhängig, die das weidlich ausnutzt.


Münchner Kammerspiele

Ein Grinsen genügt 

von Georg Kasch

München, 6. März 2008. Wer ist Abulkasem? Die Frage stand schon Ende September im Raum. Beim 5. Wochenende der jungen Dramatiker wurde Jonas Hassen Khemiris Bühnenerstling "INVASION!" neben vier anderen neuen Stücken gekürzt in den Münchner Kammerspielen präsentiert. Nun erstand seine offizielle deutschsprachige Erstaufführung als letzte Premiere des hauseigenen Festivals "Doing Identity – Bastard München" im Werkraum. Auslöser für die paranoide Jagd auf Abulkasem ist ein Stück des schwedischen Schriftstellers Carl Jonas Love Almqvist.


Münchner Kammerspiele

Von Kopftüchern und Katastrophen

von Willibald Spatz

München, 1. März 2008. Es sieht so aus, als sei das Mädchen Ipek leicht zu haben: Lebt mit Vater und kleiner Schwester in der faden, türkischen Provinzstadt Kars, hat sich vor drei Jahren von ihrem Mann scheiden lassen und sollte eigentlich darauf warten, dass einer kommt und sie fortführt aus dieser Öde. Der Journalist und Schriftsteller Ka, der seit langem in Frankfurt lebt, kehrt kurz heim in die Türkei, um seine Mutter in Istanbul zu beerdigen, eine Reportage über Vorfälle in Kars zu schreiben – wo mehrere Mädchen sich umgebracht haben, weil ihnen verboten wurde, ein Kopftuch zu tragen – und um eben jene Ipek zu heiraten und mitzunehmen nach Deutschland.  


Münchner Kammerspiele

Bedenklich blubbernder Assimilations-Appell

von Bernd Noack

München, 26. Januar 2008. Das bislang letzte, was man von Murat Kurnaz sah, war ein Foto, auf dem er in einem kleinen roten Sportflitzer sitzt. Die langen Haare abgeschnitten, der "Prophe­tenbart" rasiert bis auf einen lässigen Schnauzer, und den Reportern diktierte er in den Block, dass sein Mazda RX-8 einen doppelstöckigen Spoiler hat und es der neue Schlitten, den er sich wünscht, "von Null auf Hundert in 4,5 Sekunden" schafft. Das war interessant.


Münchner Kammerspiele

Ein Mensch ist kein Problem

von Willibald Spatz

München, 18. Januar 2008. Eigentlich müsste man raus gehen. Denn diese Probleme kann man nicht einfach auf eine Theaterbühne werfen, ein bisschen verhandeln und dann sein Publikum mit irgendeiner Erkenntnis auf den Heimweg schicken. Es geht um Gewalt, die immer kurz vor dem Ausbruch steht, es geht um nicht vollzogene Integration, es geht um Leere und Langeweile.


Münchner Kammerspiele

Wie das Rauschen des Meeres

von Georg Kasch

München, 8. Dezember 2007. Warum berührt es einen so, wenn Sandra Hüller aufschreit? Wie das durch Mark und Bein geht! Vielleicht hat es etwas mit ihrem schmalen Körper zu tun, ihrem kindlichen Gesicht, den kleinen Gesten, vor denen sich der existenzielle Gewaltlaut so monumental abhebt. Sicher auch mit den zahllosen Verletzungen, die Steven Scharfs Jason ihrer Medea zufügt. Und mit Stephan Kimmig, der die Ressourcen seiner Schauspieler in Tom Lanoyes "Mamma Medea" an den Münchner Kammerspielen gute drei Stunden lang äußerst ökonomisch dosiert, so dass jeder Ausbruch wie eine vulkanische Eruption wirkt.


Münchner Kammerspiele

Drahtzieher, Puppenspieler

von Georg Kasch

München, 8. November 2007. Was für ein Theater! Da inszeniert Prospero einen Sturm, um auf seiner öden Insel nicht nur Geister, sondern auch Neapolitaner auftreten zu lassen. Für seinen Diener Ariel erfindet er fantastische Kostüme, ordnet an, an welchen Handlungsorten die Geretteten ausgesetzt werden sollen, schreibt den Geistern detailliert ihren Text vor, arrangiert Zusammenkünfte und Romanzen. Prospero ist Autor, Regisseur und Akteur wie weiland William Shakespeare. Und wozu das Ganze?


Münchner Kammerspiele

Und das Glück?

von Georg Kasch

München, 30. September 2007. Welche Farbe hat die Angst? Weiß, wie die Protagonistin in Dea Lohers Monolog "Land ohne Worte" vermutet? Oder Schwarz? Beide vielleicht. Weiß und Schwarz sind die beherrschenden Farben eines beklemmenden Doppelabends, den Andreas Kriegenburg zum Abschluss des Eröffnungswochenendes an den Münchner Kammerspielen inszenierte. In Schattierungen.


Münchner Kammerspiele

Viel flüchtig Gutes

von Willibald Spatz 

München, 29. September 2007. Es gibt viel zu viele Theaterstücke. Und es gibt kaum schlechte Theaterstücke, weil in jedem einzelnen ein Mensch mit seinen Gedanken, mit dem, was ihn beschäftigt, steckt. Deshalb ist es schwer für die Theater, den richtig guten halbwegs gerecht zu werden und dem Publikum zu zeigen, was aufregend ist an der aktuellen Dramatik. Die Kammerspiele pflegen zu diesem Zweck das jährliche "Wochenende der jungen Dramatiker", dessen Hauptabend zweigeteilt ist.


Münchner Kammerspiele

Sonst kommen wir euch besuchen ...

von Georg Kasch

München, 28. September 2007. Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Niemand von jenem Personal, das Barbara Weber in ihrem Projekt "Tanger unplugged" im Neuen Haus der Münchner Kammerspiele versammelt. Da treten auf: Paul und Jane Bowles, amerikanische Schriftsteller, die Tanger sehen und bleiben.


Münchner Kammerspiele

Ein ungemütlicher Platz

von Willibald Spatz

München, 27. September 2007. Das Elend hat Platz genommen und bewegt sich nicht mehr fort; es trägt den Namen Ödipus und hat die Gestalt des Schauspielers Stephan Bissmeier. Unverrückbar sitzt er unter spastischen Zuckungen am rechten Bühnenrand, zupft an sich herum, würgt verzweifelte Worte aus sich heraus und wartet auf ein Ende.


Münchner Kammerspiele

Eine deutsche Frau

von Georg Kasch

München, 6. Juni 2007. Maria Braun steigt auf. "Eine Reise ins Glück" tönt es aus den Boxen der Münchner Kammerspiele. Der Schlager beschwört das Wunschkonzert, das die junge Frau längst selbst in die Hand genommen hat. Als "Mata Hari des Wirtschaftswunders" versteht sie zwar wenig von Buchhaltung, aber viel von den Bedürfnissen der deutschen Frau.


Münchner Kammerspiele

Erlösung war gestern

von Georg Kasch

München, 2. Juni 2007. Die Erlösung findet nicht statt. Nicht an diesem und wahrscheinlich auch an keinem der folgenden Abende von Christiane Pohles "Parzival"-Projekt. Aber die Entdeckungsreise, zu der die junge Regisseurin, ihr Dramaturg Matthias Günther und das Ensemble einladen, ist auch ohne Showdown spannend, unterhaltsam und anregend.


Münchner Kammerspiele

Happy End geht nicht 

von Georg Kasch

München, 28. April 2007. Schmal und kindlich stehen Ottokar und Agnes beieinander. Hinter ihnen hat sich endlich die Wand geteilt und zeigt einen lichten Himmel. Konfetti fällt. Während sie wechselseitig Verwandte verdächtigen und sich Vorhaltungen machen, sprechen ihre Hände eine ganz andere Sprache: Eben noch ineinanderliegend, wandern sie zu des anderen Gesicht, streicheln es sanft, ertasten, erspüren es. Zwischen diese beiden geht trotz eines blutigen Familienstreits kein Blatt Papier. Wenn ein Stück vor der Pause derart ein Happy End beschwört, ist der tragische Ausgang meist nicht weit.


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