Bilder vom zerschnittenen Himmel

von Elisabeth Maier

Heidelberg, 3. Oktober 2014. Das US-Hospitalgelände in Heidelberg war für Deutsche jahrzehntelang tabu. "Da gab es sogar einen Schießbefehl", erinnert sich eine Besucherin des Theaterspektakels "Born with the USA", das noch bis 5. Oktober auf dem leer stehenden Areal zu erleben ist. Mit Theaterstücken, Tanz, Performances, einer Kammeroper, Zeitzeugenberichten und einer Parade made in USA nähert sich das Theater Heidelberg der durchaus schwierigen deutsch-amerikanischen Geschichte an.

Die Ortsbegehung "Underground" von Lothar Kittstein

Bis vor kurzem lebten und arbeiteten auf dem Heidelberger Gelände amerikanische Soldaten. Für eine Tour durch Keller und Flure des ehemaligen Militärkrankenhauses hat der Autor und Dramaturg Lothar Kittstein Geschichten kaputter Veteranen, die sich bei Auslandseinsätzen trafen, verfasst: "Underground" ist inspiriert von den verwaisten Räumen.

born with the usa underground 560 annemone taake uIm kalten Metallwaschbecken: Florian Mania © Annemone Taake

Das Publikum folgt den Schauspielern in der Produktion des Theaters Heidelberg, die Regisseur Frederik Tidén in Szene gesetzt hat, in den Heizkeller und in einen Operationssaal. Nicht nur der Marsch durch die unterirdischen Gänge verwirrt. Mit einem Wust poetischer Assoziationen kocht Kittstein Gefühle hoch, die vage ahnen lassen, wie der Krieg Menschen zerstört.

Die Ausstatter Alana van den Berg und Lisa Jonkers tauchen die ausgestorbenen Räume in starke Bühnenbilder. Im ehemaligen OP Platz liegt ein Schauspieler im blauen Krankenhaus-Hemd im Waschbecken und denkt über sein Leben nach. Der Körper krümmt sich im kalten Metall. Ein beklemmendes Bild, das zeigt, wie der Krieg aus Menschen Müll macht.

Blutspur des Vergessens

Hektisch stürmt Stefan Reck den grünweiß getünchten Flur entlang. Vergeblich hechelt er amerikanischen Träumen hinterher. Mit angstverzerrtem Gesicht liegt er dann im grell erleuchteten Aufzug, verprügelt und gebrochen. Hans Fleischmann spricht von gescheiterten Ehen. Gefühle lässt er dabei ersticken. Das Vergessen hinterlässt eine Blutspur.

Statt den Diskurs über die militärische Vergangenheit des Orts zu öffnen und nach den Folgen des Krieges für die Veteranen zu fragen, verheddert sich Kittstein in poetischen Bildern vom "zerschnittenen Himmel". Erinnerungen an die Kämpfe bleiben platte Streiflichter, die mit Zeilen aus Don Henleys Hitsong "Hotel California" krampfhaft verknüpft sind. Die Tanzszenen "60 Seconds" von Mitgliedern der Dance-Company Nanine Linning gehen unter die Haut. Angstvoll klammern sich die Körper aneinander. Das berührt mehr als Kittsteins konstruiertes Auftragswerk.

"Die Radikalisierung des Bradley Manning" von Tim Price

Tiefgang hat die deutschsprachige Erstaufführung von Tim Prices "Die Radikalisierung des Bradley Manning". Caro Thum zeigt das Stück des Engländers als dramatischen Ringkampf. Der Nachrichtenanalyst und US-Soldat Bradley Manning (heute Chelsea Manning) sitzt wegen des Verdachts in Haft, Militärdokumente an Wikileaks weitergegeben zu haben. In der ehemaligen Kantine fliegen Tische, wenn der schmächtige Manning gegen seinen Lehrer aufbegehrt. Martin Wißner zeigt (als einer von mehreren Mannings-Darstellern) die psychischen Zerreißproben des homosexuellen Soldaten, der interne Informationen über Verbrechen des Militärs öffentlich machte, mit hoher Intensität. Er lässt Mannings inneren Kampf und seinen Weg in die Geschlechtsumwandlung nachvollziebar werden. Unablässig kämpft er mit dem Lehrer, den Andreas Seifert (der verschiedene Autoritäten verkörpert, auch Vater und Militärs) eindringlich kalt und böse interpretiert.

bornusa manning 560a annemonetaake uNach den amerikanischen Regeln spielen oder nicht: Fabian Oehl und Andreas Seifert
© Annemone Taake

Militärische Machtstrukturen und den Hass auf Homosexuelle, den die Soldaten schüren, übersetzen Thum und ihr Ensemble in ein dynamisches Szenario. Daina Kasperowitschs schlichte Bühne verwandelt sich vom Klassenzimmer in ein Schlachtfeld. Da leben die Akteure ihren Hass aus. Kostümbildnerin Lena Peifer-Weiß spielt mit Geschlechterrollen. Regisseurin Thum gelingt es, aus Prices dokumentarisch ausgerichtetem Stück in der schnörkellosen Übersetzung von Michael Raab den tragischen Konflikt herauszumeißeln. Dazu spaltet sie die Figur Mannings in viele Facetten, welche die überzeugenden Schauspieler im Wechsel verkörpern. Der Seiltanz zwischen wahrer Geschichte und Fiktion hinterfragt die falsche Moral der Militärs.

Damit schlägt die Regisseurin Brücken von der Vergangenheit in eine Gegenwart, in der die USA mit ihren Weltherrschaftsfantasien bis heute die öffentliche Meinung diktieren. Ihre überzeugende Arbeit weist weit über den Charakter des Happenings hinaus, in das "Born with the USA" nicht zuletzt wegen der Fülle des insgesamt sechsstündigen Programms stellenweise abdriftet.


Underground
von Lothar Kittstein
Uraufführung
Regie: Frederik Tidén, Choreographie: Nanine Linning, Bühne und Kostüme: Alana van den Berg, Lisa Jonkers, Dramaturgie: Stephanie Michels, Jürgen Popig.
Mit: Hans Fleischmann, Bertram Maxim Gärtner, Josepha Grünberg, Peter Lindhorst, Florian Mania, Sarah Sophia Meyer, Benjamin Nowitzki, Fabian Oehl, Stefan Reck, Martin Wißner, Friedrich Witte und die Dance Company Nanine Linning/Theater Heidelberg
Dauer: 1 Stunde 5 Minuten, keine Pause 

Die Radikalisierung Bradley Mannings
von Tim Price
Aus dem Englischen von Michael Raab
Deutschsprachige Erstaufführung
Regie: Caro Thum, Bühne: Daina Kasperowitsch, Kostüme: Lena Peifer-Weiß, Dramaturgie: Sonja Winkel.
Mit: Florian Mania, Elena Nyffeler, Fabian Oehl, Andreas Seifert, Nanette Waidmann, Martin Wißner.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.theaterheidelberg.de

 


Kritikenrundschau

"Eine Gänsehaut der beklemmenden Art" stellte sich in der Uraufführung von Lothar Kittsteins "Underground" bei Heribert Voigt von der Rhein-Neckar-Zeitung (6.10.2014) ein. In der "finster anmutenden Unterwelt des einstigen US-Hospitals" begegne "man einer sehr dunklen Seite der militärischen Supermacht USA begegnet. Und der Tod lebt in Frederik Tidéns düsterer, weitgehend monologischer Inszenierung machtvoll weiter."

In seinem Festivalbericht für die Badische Zeitung (6.10.2014) streift Christian Jung "Underground" und "Die Radikalisierung Bradley Mannings" nur kurz als Arbeiten, die bis zum vergangenen Jahr "auf dem US-Gelände undenkbar gewesen" wären. Die Atmosphäre auf dem Festival insgesamt sei "mal lustig-heiter, mal beklemmend" gewesen; das frühere Militärgelände erinnere "mittlerweile an eine Geisterstadt".

Über ein "fast schon ausuferndes Spektakel" berichtet Dan Eckert für die Onlinepräsenz des Mannheimer Morgens (6.10.2014). Über "Die Radikalisierung Bradley Mannings" schreibt er: "Eindrucksvoll versucht das Werk in kaleidoskopisch wechselnden Szenen, einen Einblick in die Ereignisse" rund um Mannigs WikiLeaks-Affäre zu geben. Unter der Regie von Caro Thum entstehe "ein dichtes Geflecht aus biografischen Details, die den sich unverstanden fühlenden Außenseiter Manning fast unaufhaltsam auf seinen Geheimnisverrat hinzutreiben scheinen – eine mehr als gelungene Aufführung". Mit "Underground" gehe es ins Hospitalgebäude, "wo die Schicksale der Verwundeten und Verletzten, die früher hier behandelt wurden, zu einer fieberartig-sprunghaften Erzählung mutierten."

 

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