Zürcher Verteilungskampf

17. November 2014. In der Schweiz ist eine Diskussion um die Subventionen für das Theater Neumarkt entbrannt. Am vergangenen Donnerstag erschien im Tagesanzeiger ein Text von Guido Kalberer, Ressortleiter Kultur & Gesellschaft, der sich für eine Umverteilung der Subventionen ausspricht: weniger für das Theater am Neumarkt, mehr für die freie Szene.

Der Text resümiert, dass das hoch subventionierte Theater künstlerisch längst keine Alternative mehr zum Schauspielhaus Zürich sei und die Eigenfinanzierungsquote von nur noch zehn Prozent nicht mehr zu verantworten wäre. "Eine sinnvollere Zukunft" sei es, sich nur noch mit zwei "Dampfern" zu begnügt: mit einem von der Stadt subventionierten Schauspielhaus und einer vom Kanton subventionierten Oper. Die anderen Subventionen sollten via Ideen-Wettbewerb vergeben werden. "Diese Neuausrichtung würde einerseits die freien Theatergruppen aufwerten und deren Bedeutung anerkennen, andererseits dafür sorgen, dass die Gelder wirklich dahin fliessen, wo sich der kreative Pol gerade befindet", so Kalberer.

Mittlerweile haben Theaterschaffende darauf reagiert, dass das Theater in der Schusslinie steht, und den Vorstoß teils scharf kritisiert. Ihre Replik wurde am Samstag im Tagesanzeiger veröffentlicht. Darin wehrt sich das Schauspielhaus Zürich gegen das Ausspielen der "freien" gegen die "hoch subventionierten" Theater und fordert stattdessen, den Status der Theaterstadt Zürich zu stärken. Auch Michel Schröder von der Roten Fabrik Zürich kritisiert, dass die aufgemachte Rechnung vieles übersieht, spricht sich aber dafür aus, dass die freie Szene mehr Geld erhält. Samuel Schwarz von der Gruppe 400 Asa schreibt, dass sich die Analyse von Guido Kalberer zu 90 Prozent mit "unserer Einschätzung decke", dass man sich als Konsequenz jedoch ein neues Kurationskonzept wünscht, das sich von bisherigen unterscheidet. 

In einem Text vom 12. November hatten Alexandra Kedves und Linus Schöpfer im Tagesanzeiger bereits von den bedenklich schlechten Zahlen des Neumarkt berichtet und dass es kein Geheimnis sei, "dass hinter den Kulissen des Neumarkts derzeit viele Sitzungen mit dem Verwaltungsrat der Neumarkt AG und der Stadt stattfinden".

Zuvor hatte bereits Rico Brandle in der Weltwoche (7.11.2014) schwere Geschütze gegen die Schweizer Subventionstheater aufgefahren, im Besonderen gegen das Theater am Neumarkt, und behauptet, dass es mit 464 Franken Zuschuss pro Karte eine "der höchstsubventionierten Bühnen der Welt" sei (Zusammenfassung hier). Auf SR2 analysiert Andreas Klaeui den Einbruch der Zuschauerzahlen, den das Neumarkt in der ersten Spielzeit unter der neuen Intendanz verzeichnet.

Und unlängst hat der Schweizerische Bühnenverband (SBV) die Theaterstatistik für die Spielzeit 2012/13 veröffentlicht, nach der im Zeitraum von 2006 bis 2013 die durchschnittlichen Besucherzahlen pro Vorstellung schweizweit um mehr als 10 Prozent gesunken sind, darüber berichtete die NZZ (31.10.2014).

(www.tagesanzeiger.ch / sik)

Update 25. November 2014

Der Schweizerische Bühnenverband hat sich in die Debatte um das Theater Neumarkt eingemischt: "Zürich braucht ein Haus, das bewusst zwischen freier Szene und etabliertem Stadttheater agiert – das Theater am Neumarkt." Die aktuelle Subventionsdebatte konzentriere sich bloß auf die Form, nicht auf "die Funktion, aus der sich die Form des subventionierten Theaters erst ergibt", heißt es in der Medienmitteilung. Diese Funktion resultiere nicht aus wirtschaftlichen Größen, sondern allein aus dem Kulturauftrag, d.h. aus der "Verpflichtung, Theater als Spiegel der Gesellschaft zu betreiben und die Tradition des Theaters von Aischylos über Schiller und Marivaux, Schnitzler und Brecht bis Frisch, Bärfuss oder Heckmanns mit zeitgenössischr Sensibilität und Ästhetik weiterzuentwickeln. Ein Stadttheater wie das Theater am Neumarkt tut dies in jener Kontinuität, die dem Repertoiretheater eigen und der es verschrieben ist. Mit einem eigenen Ensemble ist es bewusst zwischen dem Theaterhaus Gessnerallee, Koproduktionsort der freien Szene, und dem grossen Zürcher Schauspielhaus positioniert – das ist schweizweit einzigartig und so nur in Zürich denkbar."

(theaterschweiz.ch / chr)

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