Diagnose in der Hose

von Stefan Schmidt

Saarbrücken, 16. Januar 2015. Das Theater kann ein schwerfälliger Brutkasten sein. So kommt es, dass die globalisierte Realität Felicia Zellers neuestes Textflächenprodukt "Wunsch und Wunder" schon überholt hat, bevor es in Saarbrücken in der Regie von Marcus Lobbes zur Uraufführung kommen konnte. Während auf der Bühne noch die Spätfolgen der frühen Phasen deutscher Reproduktionsmedizin verhandelt werden, zahlen US-amerikanische IT-Unternehmen schon längst für das so genannte "Social Freezing": Mitarbeiterinnen lassen ihre Eizellen in Kühlkammern sperren, um erst einmal Karriere zu machen und die Familie für spätere Zeiten zu planen. Die Folge: eine Zuspitzung der gesellschaftlichen Debatte, die dem aktuellen Auftragswerk Zellers für das Saarländische Staatstheater mutmaßlich nicht gelingen wird.

Das "Social Freezing" wird in der nun uraufgeführten Fassung von "Wunsch und Wunder" nur mal kurz gestreift und geradezu stichwortartig abgehakt. Wie so vieles andere auch. Komplexe reproduktionsmedizinische Details und Diskurse greift der Text genauso hektisch auf und lässt sie wieder fallen wie die Uraufführungsdarsteller die Kleenextücher auf der Bühne der Alten Feuerwache.

Sandra Schlaich schleicht sich ein

Dabei ist "Wunsch und Wunder" durchaus sorgfältig recherchiert: Es hat sie gegeben, diese Kinderwunschärzte, die in den 1980er Jahren auch mal selbst Hand angelegt haben, wenn gerade kein besserer Samenspender in Sicht zu sein schien. Gerade aus dieser Ära sind Akten über künstliche Befruchtungen oft Mangelware, auch weil die Rechtslage in Deutschland der gesellschaftlichen Realität zeitweise noch weiter hinterherhinkte als der zur Diskussion stehende Theatertext. Muss aber dieser Arzt auf der Bühne ausgerechnet Dr. Flause heißen? Und muss sich das im Jahr 1984 (besten Dank an George Orwell, der den Weg nach Dystopia kannte) produzierte Wunschkind Katja von Teich den falschen Namen Sandra Schlaich zulegen, bevor es sich undercover in die Praxis seines Erzeugers als Assistentin in Mutterschutzvertretung (!) einschleicht?

wunsch wunder1 560 bettina stoess hVerloren im Kleenex-Märchenwald: Gabriele Krestan © Bettina Stöß

Komische Verrenkungen dieser Art sind wohl noch nicht einmal nötig, um "Frau Linde ein Kinde" zu machen. Letztlich liegt doch "die Diagnose in der Hose". Wenn Elfriede Jelinek (deren Sportstück Lobbes vor einem dreiviertel Jahr am Saarländischen Staatstheater konzentriert wie sehenswert inszenierte) derart kalauert, dann lauert (Pardon!) irgendwo ein Abgrund. In "Wunsch und Wunder" wuchern eher die Stereotype, um die herum aber dann doch wieder Geschichten erzählt werden sollen. Da dräut mehr eine Persiflage auf die um gesellschaftliche Relevanz bemühten Mittwochsfilme im Ersten als eine Ungeheuerlichkeit (trotz der geradezu biblischen Anzahl von Nachkommen, die Dr. Flause zu haben einräumt).

Im Märchenwald der Assoziationen

Der Uraufführungsregisseur macht mit dieser reichlich holzschnittartigen Vorlage einen erstaunlich lebendigen Ausflug in den künstlichen Märchenwald. Einzelne Motive dafür sind im Text angelegt, aber die Inszenierung findet spielfreudigen Spaß daran, das männliche Streben nach genetischer Welteroberung (auch Praxisbiologe Stefan wird letztlich fremdes, wenig fruchtbares Sperma durch sein eigenes ersetzen) und den weiblichen Wunsch nach heiliger Familie in die Welt der Gebrüder Grimm zu verbannen. Vor dem Hintergrund einer bebaumten Fototapete, wie sie bis in die 1980er Jahre hinein spießbürgerliche Wohnzimmer zierte, ziehen sich die Darsteller mal eine Froschmaske über, mal rote Zwergenmützen auf den Kopf oder Kronen auf die Schädel. Ein- und ausleitend lässt der Regisseur die Opernouvertüre aus "Hänsel und Gretel" spielen, dann wieder zitiert er den Teufel und erweckt mit Videoprojektionen die Geister des expressionistischen (Grusel-)Films der 1920er Jahre.

Marcus Lobbes und sein Ensemble können Komödie, und sie haben spürbar Lust, die grotesken Elemente ihrer Vorlage auszuspielen, zu steigern, immer weiter zu überdrehen. Gegen die mehrheitlich monologischen, sich teils selbst unterbrechenden Redeschwalle des Textes setzt die Inszenierung geballte Körper- und Bildlichkeit: Da turnt Praxisärztin Betty Bauer ungelenk an Laborleiter Stefan Schimmerle herum (ein wunderbar lakonisch lächerliches Duo: Gertrud Kohl und Roman Konieczny), da folgt Hebefigur auf Reibung. Dazu dreht sich hin und wieder rasant das Raumkarussell der Praxis, eine Abfolge nahezu identischer Zimmer mit fotografischer Waldwand und funktionaler Kleenexspenderbox von Ausstatter Wolf Gutjahr. Um das Rondell in Gang zu bringen, müssen die Schauspieler wiederum selbst Hand anlegen (das übt sich in so einer Praxis).

Das verlorene Paradies

Wo die Inszenierung dagegen den Text in den Mittelpunkt rückt, wirkt sie stellenweise "subfertil". Am Schluss lässt der Regisseur den "Fast Rewind"-Knopf drücken und der Abend läuft als Best-of-Projektion noch einmal rückwärts vor den Augen der Zuschauer ab, bis plötzlich Adam und Eva im Wohnzimmerwald stehen, zwei nackte Statisten. Da wird erstens noch einmal deutlich, wie sehr die Produktion von ihren Bildern lebt, und zweitens offenbart sich eine naive Sehnsucht, die der textlichen Stoffbearbeitung implizit innezuwohnen scheint: nach einer Welt ohne reproduktionstechnische Wunschärzte und künstliche Elternwünsche. Nur haben wir das Paradies seit Ewigkeiten verloren und die Realität ist komplex. Trotzdem: schon unterhaltsam, was Marcus Lobbes da aus diesem formal nicht unavancierten, aber inhaltlich harmlosen Wunschtext gemacht hat. Letztlich ist der theatrale Brutkasten zum Glück die Bühne.

 

Wunsch und Wunder (UA)
von Felicia Zeller
Regie: Marcus Lobbes, Bühne und Kostüme: Wolf Gutjahr, Video: Michael Deeg, Dramaturgie: Ursula Thinnes.
Mit: Andreas Anke, Gertrud Kohl, Roman Konieczny, Gabriela Krestan, Nina Schopka.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theater-saarbruecken.de

Mehr zu Felicia Zeller? Ihre Stücke X-Freunde und Kaspar Häuser Meer werden eifrig (nach)gespielt, das eine zuletzt in Stuttgart, Bern und Frankfurt, das andere in Hannover, Weimar und Saarbrücken.

 

Kritikenrundschau

"Ein Theater der Flüchtigkeit", schreibt Cathrin Elss-Seringhaus in der Saarbrücker Zeitung (19.1.2015), denn für die Frage etwa nach der medizinischen Moral sei "in diesem Amüsierbetrieb" keine Zeit. Denn wo bereits Zellers Text schon "auf 180" sei, gebe Regisseur Marcus Lobbes noch einmal Gas. "Mit Ausstatter Wolf Gutjahr hat er ein Bühnen-Karussell in die Alte Feuerwache gehängt. Samt Klapptüren wie im Boulevardtheater. Tür auf, Tür zu: Schon eilt der nächste Gag. Manchmal bleiben die Schauspieler einfach stehen – und das Kulissenkarussell dreht sich über sie hinweg. Ein toller Tempoeffekt. Dazu wird alles noch per Kamera und Projektion gespiegelt, potenziert. Ein Irrsinntrubel, der allerdings auch vorführt, dass Zellers Figuren zwar Oberflächenreiz aber kaum Tiefe haben: Karikaturen, keine Charaktere."szmtagnstag

Felicia Zeller verwebe ihre Geschichten mal grobmaschig komisch, dann wieder ganz fein, so Jürgen Berger in der Süddeutschen Zeitung (21.1.2015). Und Regisseur Marcus Lobbes "widmet sich dem Text, als habe er dem Saarbrücker Ensemble die Grenzen der körperlichen Belastbarkeit aufzeigen wollen", "inszeniert ein Grand Guignol des reproduktiven Slapsticks". Die rotierende Drehbühne präsentiere immer gleiche Untersuchungskabuffs mit einer abgeschabten Waldtapete. "Man könnte in einer verrückten Doku-Soap oder in einem Arztroman gelandet sein." Vor allem aber spielen die da vorne, als ginge es um ihr Leben und als sei schon morgen jegliche Hoffnung auf Nachkommenschaft verloren. Fazit: "Perfektes Handwerk – mit einem Schuss Wahnsinn – liefern an diesem Abend auch Felicia Zeller und das Saarbrücker Staatstheater."

 

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